gebliebenen Gemach; er holte Speise und Trank herbei, wir setzten uns,
er fing wieder an zu weinen. Er erzählte mir, daß er letzthin den grau
gekleideten dürren Mann, den er mit meinem Schatten angetroffen hatte,
so lange und so weit geschlagen habe, bis er selbst meine Spur verloren
und vor Müdigkeit hingesunken sei; daß nachher, wie er mich nicht wieder
finden gekonnt, er nach Hause zurückgekehrt, wo bald darauf der Pöbel,
auf _Raskals_ Anstiften, herangestürmt, die Fenster eingeschlagen und
seine Zerstörungslust gebüßt. So hatten sie an ihrem Wohltäter
gehandelt. Meine Dienerschaft war auseinander geflohen. Die örtliche
Polizei hatte mich als verdächtig aus der Stadt verwiesen, und mir eine
Frist von vierundzwanzig Stunden festgesetzt, um deren Gebiet zu
verlassen. Zu dem, was mir von _Raskals_ Reichtum und Vermählung bekannt
war, wußte er noch vieles hinzuzufügen. Dieser Bösewicht, von dem alles
ausgegangen, was hier gegen mich geschehen war, mußte von Anbeginn mein
Geheimnis besessen haben, es schien, er habe, vom Golde angezogen, sich
an mich zu drängen gewußt, und schon in der ersten Zeit einen Schlüssel
zu jenem Goldschrank sich verschafft, wo er den Grund zu dem Vermögen
gelegt, das noch zu vermehren er jetzt verschmähen konnte.
Das alles erzählte mir _Bendel_ unter häufigen Tränen, und weinte dann
wieder vor Freuden, daß er mich wieder sah, mich wieder hatte, und daß,
nachdem er lang gezweifelt, wohin das Unglück mich gebracht haben
möchte, er mich es ruhig und gefaßt ertragen sah. Denn solche Gestaltung
hatte nun die Verzweiflung in mir genommen. Ich sah mein Elend
riesengroß, unwandelbar vor mir, ich hatte ihm meine Tränen ausgeweint,
es konnte kein Geschrei mehr aus meiner Brust pressen, ich trug ihm kalt
und gleichgültig mein entblößtes Haupt entgegen.
»_Bendel_,« hub ich an, »du weißt mein Los. Nicht ohne früheres
Verschulden trifft mich schwere Strafe. Du sollst länger nicht,
unschuldiger Mann, dein Schicksal an das meine binden, ich will es
nicht. Ich reite die Nacht noch fort, sattle mir ein Pferd, ich reite
allein; du bleibst, ich will's. Es müssen hier noch einige Kisten Goldes
liegen, das behalte du. Ich werde allein unstet in der Welt wandern;
wann mir aber je eine heitere Stunde wieder lacht und das Glück mich
versöhnt anblickt, dann will ich deiner getreu gedenken, denn ich habe
an deiner getreuen Brust in schweren, schmerzlichen Stunden geweint.«
Mit gebrochenem Herzen mußte der Redliche diesem letzten Befehle seines
Herrn, worüber er in der Seele erschrak, gehorchen; ich war seinen
Bitten, seinen Vorstellungen taub, blind seinen Tränen; er führte mir
das Pferd vor. Ich drückte noch einmal den Weinenden an meine Brust,
schwang mich in den Sattel und entfernte mich unter dem Mantel der Nacht
von dem Grabe meines Lebens, unbekümmert, welchen Weg mein Pferd mich
führen werde; denn ich hatte weiter auf Erden kein Ziel, keinen Wunsch,
keine Hoffnung.
8.
Es gesellte sich bald ein Fußgänger zu mir, welcher mich bat, nachdem er
eine Weile neben meinem Pferde geschritten war, da wir doch denselben
Weg hielten, einen Mantel, den er trug, hinten auf mein Pferd legen zu
dürfen, ich ließ es stillschweigend geschehen. Er dankte mir mit
leichtem Anstand für den leichten Dienst, lobte mein Pferd, nahm daraus
Gelegenheit, das Glück und die Macht der Reichen hoch zu preisen, und
ließ sich, ich weiß nicht wie, in eine Art von Selbstgespräch ein, bei
dem er mich bloß zum Zuhörer hatte.
Er entfaltete seine Ansichten von dem Leben und der Welt, und kam sehr
bald auf die Metaphysik, an die die Forderung erging, das Wort
aufzufinden, das aller Rätsel Lösung sei. Er setzte die Aufgabe mit
vieler Klarheit auseinander und schritt fürder zu deren Beantwortung.
Du weißt, mein Freund, daß ich deutlich erkannt habe, seitdem ich den
Philosophen durch die Schule gelaufen, daß ich zur philosophischen
Spekulation keineswegs berufen bin, und daß ich mir dieses Feld völlig
abgesprochen habe; ich habe seither vieles auf sich beruhen lassen,
vieles zu wissen und zu begreifen Verzicht geleistet und bin, wie du es
mir selber geraten, meinem geraden Sinn vertrauend, der Stimme in mir,
soviel es in meiner Macht gewesen, auf dem eignen Wege gefolgt. Nun
schien mir dieser Redekünstler mit großem Talent ein fest gefügtes
Gebäude aufzuführen, das in sich selbst begründet sich emportrug und wie
durch eine innere Notwendigkeit bestand. Nur vermißt' ich ganz in ihm,
was ich eben darin hätte suchen wollen, und so ward es mir zu einem
bloßen Kunstwerk, dessen zierliche Geschlossenheit und Vollendung dem
Auge allein zur Ergötzung diente; aber ich hörte dem wohlberedeten Manne
gerne zu, der meine Aufmerksamkeit von meinen Leiden auf sich selbst
abgelenkt, und ich hätte mich willig ihm ergeben, wenn er meine Seele
wie meinen Verstand in Anspruch genommen hätte.
Mittlerweile war die Zeit hingegangen und unbemerkt hatte schon die
Morgendämmerung den Himmel erhellt; ich erschrak, als ich mit einem Male
aufblickte und im Osten die Pracht der Farben sich entfalten sah, die
die nahe Sonne verkünden, und gegen sie war in dieser Stunde, wo die
Schlagschatten mit ihrer ganzen Ausdehnung prunken, kein Schutz, kein
Bollwerk in der offenen Gegend zu ersehen! und ich war nicht allein! Ich
warf einen Blick auf meinen Begleiter und erschrak wieder. -- Es war
kein andrer als der Mann im grauen Rock.
Er lächelte über meine Bestürzung und fuhr fort, ohne mich zum Wort
kommen zu lassen: »Laßt doch, wie es einmal in der Welt Sitte ist,
unsern wechselseitigen Vorteil uns auf eine Weile verbinden, zu scheiden
haben wir immer noch Zeit. Die Straße hier längs dem Gebirge, ob Sie
gleich noch nicht daran gedacht haben, ist doch die einzige, die Sie
vernünftigerweise einschlagen können; hinab in das Tal dürfen Sie nicht
und über das Gebirg' werden Sie noch weniger zurückkehren wollen, von wo
Sie hergekommen sind -- diese ist auch gerade meine Straße. -- Ich sehe
Sie schon vor der aufgehenden Sonne erblassen. Ich will Ihnen Ihren
Schatten auf die Zeit unsrer Gesellschaft leihen, und Sie dulden mich
dafür in Ihrer Nähe; Sie haben so Ihren _Bendel_ nicht mehr bei sich; ich
will Ihnen gute Dienste leisten. Sie lieben mich nicht, das ist mir
leid. Sie können mich darum doch benutzen. Der Teufel ist nicht so
schwarz, als man ihn malt. Gestern haben Sie mich geärgert, das ist
wahr, heute will ich's Ihnen nicht nachtragen und ich habe Ihnen schon
den Weg bis hierher verkürzt, das müssen Sie selbst gestehen. -- Nehmen
Sie doch nur einmal Ihren Schatten auf Probe wieder an.«
Die Sonne war aufgegangen, auf der Straße kamen uns Menschen entgegen;
ich nahm, obgleich mit innerlichem Widerwillen, den Antrag an. Er ließ
lächelnd meinen Schatten zur Erde gleiten, der alsbald seine Stelle auf
des Pferdes Schatten einnahm und lustig neben mir her trabte. Mir war
sehr seltsam zumute. Ich ritt an einem Trupp Landleute vorbei, die vor
einem wohlhabenden Mann ehrerbietig mit entblößtem Haupte Platz machten.
Ich ritt weiter und blickte gierigen Auges und klopfenden Herzens
seitwärts vom Pferde herab auf diesen sonst meinen Schatten, den ich
jetzt von einem Fremden, ja von einem Feinde, erborgt hatte.
Dieser ging unbekümmert nebenher und pfiff eben ein Liedchen. Er zu Fuß,
ich zu Pferd', ein Schwindel ergriff mich, die Versuchung war zu groß,
ich wandte plötzlich die Zügel, drückte beide Sporen an, und so in
voller Karriere einen Seitenweg eingeschlagen; aber ich entführte den
Schatten nicht, der bei der Wendung vom Pferde glitt und seinen
gesetzmäßigen Eigentümer auf der Landstraße erwartete. Ich mußte
beschämt umlenken; der Mann im grauen Rocke, als er ungestört sein
Liedchen zu Ende gebracht, lachte mich aus, setzte mir den Schatten
wieder zurecht und belehrte mich, er würde erst an mir festhangen und
bei mir bleiben wollen, wann ich ihn wiederum als rechtmäßiges Eigentum
besitzen würde. »Ich halte Sie,« fuhr er fort, »am Schatten fest und Sie
kommen mir nicht los. Ein reicher Mann, wie Sie, braucht einmal einen
Schatten, das ist nicht anders, Sie sind nur darin zu tadeln, daß Sie es
nicht früher eingesehen haben.«
Ich setzte meine Reise auf derselben Straße fort; es fanden sich bei mir
alle Bequemlichkeiten des Lebens und selbst ihre Pracht wieder ein; ich
konnte mich frei und leicht bewegen, da ich einen, obgleich nur
erborgten, Schatten besaß, und ich flößte überall die Ehrfurcht ein, die
der Reichtum gebietet; aber ich hatte den Tod im Herzen. Mein
wundersamer Begleiter, der sich selbst für den unwürdigen Diener des
reichsten Mannes in der Welt ausgab, war von einer außerordentlichen
Dienstfertigkeit, über die Maßen gewandt und geschickt, der wahre
Inbegriff eines Kammerdieners für einen reichen Mann, aber er wich nicht
von meiner Seite und führte unaufhörlich das Wort gegen mich, stets die
größte Zuversicht an den Tag legend, daß ich endlich, sei es auch nur,
um ihn los zu werden, den Handel mit dem Schatten abschließen würde. --
Er war mir ebenso lästig als verhaßt. Ich konnte mich ordentlich vor ihm
fürchten. Ich hatte mich von ihm abhängig gemacht. Er hielt mich,
nachdem er mich in die Herrlichkeit der Welt, die ich floh,
zurückgeführt hatte. Ich mußte seine Beredsamkeit über mich ergehen
lassen und fühlte schier, er habe recht. Ein Reicher muß in der Welt
einen Schatten haben, und sobald ich den Stand behaupten wollte, den er
mich wieder geltend zu machen verleitet hatte, war nur ein Ausgang zu
ersehen. Dieses aber stand bei mir fest, nachdem ich meine Liebe
hingeopfert, nachdem mir das Leben verblaßt war, wollt' ich meine Seele
nicht, sei es um alle Schatten der Welt, dieser Kreatur verschreiben.
Ich wußte nicht, wie es enden sollte.
Wir saßen einst vor einer Höhle, welche die Fremden, die das Gebirge
bereisen, zu besuchen pflegen. Man hört dort das Gebrause unterirdischer
Ströme aus ungemessener Tiefe heraufschallen, und kein Grund scheint den
Stein, den man hineinwirft, in seinem hallenden Fall aufzuhalten. Er
malte mir, wie er öfters tat, mit verschwenderischer Einbildungskraft
und im schimmernden Reize der glänzendsten Farben, sorgfältig
ausgeführte Bilder von dem, was ich in der Welt, kraft meines Säckels,
ausführen würde, wenn ich erst meinen Schatten wieder in meiner Gewalt
hätte. Die Ellbogen auf die Knie gestützt, hielt ich mein Gesicht in
meinen Händen verborgen und hörte dem Falschen zu, das Herz zwiefach
geteilt zwischen der Verführung und dem strengen Willen in mir. Ich
konnte bei solchem innerlichen Zwiespalt länger nicht ausdauern und
begann den entscheidenden Kampf.
»Sie scheinen, mein Herr, zu vergessen, daß ich Ihnen zwar erlaubt habe,
unter gewissen Bedingungen in meiner Begleitung zu bleiben, daß ich mir
aber meine völlige Freiheit vorbehalten habe.« -- »Wenn Sie befehlen, so
pack' ich ein.« Die Drohung war ihm geläufig. Ich schwieg; er setzte
sich gleich daran, meinen Schatten wieder zusammenzurollen. Ich
erblaßte, aber ich ließ es stumm geschehen. Es erfolgte ein langes
Stillschweigen. Er nahm zuerst das Wort: »Sie können mich nicht leiden,
mein Herr, Sie hassen mich, ich weiß es; doch warum hassen Sie mich? Ist
es etwa, weil Sie mich auf öffentlicher Straße angefallen und mir mein
Vogelnest mit Gewalt zu rauben gemeint? oder ist es darum, daß Sie mein
Gut, den Schatten, den Sie Ihrer bloßen Ehrlichkeit anvertraut glaubten,
mir diebischerweise zu entwenden gesucht haben? Ich meinerseits hasse
Sie darum nicht; ich finde ganz natürlich, daß Sie alle Ihre Vorteile,
List und Gewalt geltend zu machen suchen; daß Sie übrigens die
allerstrengsten Grundsätze haben und wie die Ehrlichkeit selbst denken,
ist eine Liebhaberei, wogegen ich auch nichts habe. -- Ich denke in der
Tat nicht so streng als Sie; ich handle bloß, wie Sie denken. Oder hab'
ich Ihnen etwa irgendwann den Daumen auf die Gurgel gedrückt, um Ihre
werteste Seele, zu der ich einmal Lust habe, an mich zu bringen? Hab'
ich von wegen meines ausgetauschten Säckels einen Diener auf Sie
losgelassen? hab' ich Ihnen damit durchzugehen versucht?« Ich hatte
dagegen nichts zu erwidern; er fuhr fort: »Schon recht, mein Herr, schon
recht! Sie können mich nicht leiden; auch das begreife ich wohl und
verarge es Ihnen weiter nicht. Wir müssen scheiden, das ist klar, und
auch Sie fangen an, mir sehr langweilig vorzukommen. Um sich also meiner
ferneren beschämenden Gegenwart völlig zu entziehen, rate ich es Ihnen
noch einmal: Kaufen Sie mir das Ding ab.« -- Ich hielt ihm den Säckel
hin: »Um den Preis.« -- »Nein!« -- Ich seufzte schwer auf und nahm
wieder das Wort: »Auch also. Ich dringe darauf, mein Herr, laßt uns
scheiden, vertreten Sie mir länger nicht den Weg auf einer Welt, die
hoffentlich geräumig genug ist für uns beide.« Er lächelte und
erwiderte: »Ich gehe, mein Herr, zuvor aber will ich Sie unterrichten,
wie Sie mir klingeln können, wenn Sie je Verlangen nach Ihrem
untertänigsten Knecht tragen sollten: Sie brauchen nur Ihren Säckel zu
schütteln, daß die ewigen Goldstücke darinnen rasseln, der Ton zieht
mich augenblicklich an. Ein jeder denkt auf seinen Vorteil in dieser
Welt: Sie sehen, daß ich auf Ihren zugleich bedacht bin, denn ich
eröffne Ihnen offenbar eine neue Kraft! -- O dieser Säckel! -- Und
hätten gleich die Motten Ihren Schatten schon aufgefressen, der würde
noch ein starkes Band zwischen uns sein. Genug, Sie haben mich an meinem
Gold, befehlen Sie auch in der Ferne über Ihren Knecht, Sie wissen, daß
ich mich meinen Freunden dienstfertig genug erweisen kann, und daß die
Reichen besonders gut mit mir stehen; Sie haben es selbst gesehen. --
Nur Ihren Schatten, mein Herr -- das lassen Sie sich gesagt sein -- nie
wieder, als unter einer einzigen Bedingung.«
Gestalten der alten Zeit traten vor meine Seele. Ich frug ihn schnell:
»Hatten Sie eine Unterschrift vom Herrn _John_?« -- Er lächelte. -- »Mit
einem so guten Freund hab' ich es keineswegs nötig gehabt.« -- »Wo ist
er? bei Gott, ich will es wissen!« Er steckte zögernd die Hand in die
Tasche, und daraus bei den Haaren hervorgezogen erschien _Thomas Johns_
bleiche, entstellte Gestalt, und die blauen Leichenlippen bewegten sich
zu schweren Worten: #»Justo judicio Dei judicatus sum; justo judicio Dei
condemnatus sum.«# Ich entsetzte mich, und schnell den klingenden Säckel
in den Abgrund werfend, sprach ich zu ihm die letzten Worte: »So
beschwör' ich dich im Namen Gottes, Entsetzlicher! hebe dich von dannen
und lasse dich nie wieder vor meinen Augen blicken!« Er erhub sich
finster und verschwand sogleich hinter den Felsenmassen, die den wild
bewachsenen Ort begrenzten.
9.
Ich saß da ohne Schatten und ohne Geld; aber ein schweres Gewicht war
von meiner Brust genommen, ich war heiter. Hätte ich nicht auch meine
Liebe verloren, oder hätt' ich mich nur bei deren Verlust vorwurfsfrei
gefühlt, ich glaube, ich hätte glücklich sein können -- ich wußte aber
nicht, was ich anfangen sollte. Ich durchsuchte meine Taschen und fand
noch einige Goldstücke darin; ich zählte sie und lachte. -- Ich hatte
meine Pferde unten im Wirtshause, ich schämte mich, dahin
zurückzukehren, ich mußte wenigstens den Untergang der Sonne erwarten;
sie stand noch hoch am Himmel. Ich legte mich in den Schatten der
nächsten Bäume und schlief ruhig ein.
Anmutige Bilder verwoben sich mir im luftigen Tanze zu einem gefälligen
Traum. _Mina_, einen Blumenkranz in den Haaren, schwebte an mir vorüber
und lächelte mich freundlich an. Auch der ehrliche _Bendel_ war mit Blumen
bekränzt und eilte mit freundlichem Gruße vorüber. Viele sah ich noch,
und wie mich dünkt, auch dich, _Chamisso_, im fernen Gewühl; ein helles
Licht schien, es hatte aber keiner einen Schatten, und was seltsamer
ist, es sah nicht übel aus -- Blumen und Lieder, Liebe und Freude, unter
Palmenhainen. -- -- Ich konnte die beweglichen, leicht verwehten,
lieblichen Gestalten weder festhalten noch deuten; aber ich weiß, daß
ich gerne solchen Traum träumte und mich vor dem Erwachen in acht nahm;
ich wachte wirklich schon und hielt noch die Augen zu, um die weichenden
Erscheinungen länger vor meiner Seele zu behalten.
Ich öffnete endlich die Augen, die Sonne stand noch am Himmel, aber im
Osten; ich hatte die Nacht verschlafen. Ich nahm es für ein Zeichen, daß
ich nicht nach dem Wirtshause zurückkehren sollte. Ich gab leicht, was
ich dort noch besaß, verloren und beschloß, eine Nebenstraße, die durch
den waldbewachsenen Fuß des Gebirges führte, zu Fuß einzuschlagen, dem
Schicksal es anheimstellend, was es mit mir vor hatte, zu erfüllen. Ich
schaute nicht hinter mich zurück und dachte auch nicht daran, an _Bendel_,
den ich reich zurückgelassen hatte, mich zu wenden, welches ich
allerdings gekonnt hätte. Ich sah mich an auf den neuen Charakter, den
ich in der Welt bekleiden sollte: mein Anzug war sehr bescheiden. Ich
hatte eine alte schwarze Kurtka an, die ich schon in Berlin getragen,
und die mir, ich weiß nicht wie, zu dieser Reise erst wieder in die Hand
gekommen war. Ich hatte sonst eine Reisemütze auf dem Kopf und ein Paar
alte Stiefel an den Füßen. Ich erhob mich, schnitt mir an selbiger
Stelle einen Knotenstock zum Andenken und trat sogleich meine Wanderung
an.
Ich begegnete im Wald einem alten Bauer, der mich freundlich begrüßte,
und mit dem ich mich in ein Gespräch einließ. Ich erkundigte mich, wie
ein wißbegieriger Reisender, erst nach dem Wege, dann nach der Gegend
und deren Bewohner, den Erzeugnissen des Gebirges und derlei mehr. Er
antwortete verständig und redselig auf meine Fragen. Wir kamen an das
Bette eines Bergstromes, der über einen weiten Strich des Waldes seine
Verwüstung verbreitet hatte. Mich schauderte innerlich vor dem
sonnenhellen Raum; ich ließ den Landmann vorangehen. Er hielt aber
mitten im gefährlichen Orte still und wandte sich zu mir, um mir die
Geschichte dieser Verwüstung zu erzählen. Er bemerkte bald, was mir
fehlte und hielt mitten in seiner Rede ein: »Aber wie geht denn das zu,
der Herr hat ja keinen Schatten!« -- »Leider! leider!« erwiderte ich
seufzend. »Es sind mir während einer bösen langen Krankheit Haare, Nägel
und Schatten ausgegangen. Seht, Vater, in meinem Alter die Haare, die
ich wieder gekriegt habe, ganz weiß, die Nägel sehr kurz und der
Schatten, der will noch nicht wieder wachsen.« -- »Ei! ei!« versetzte
der alte Mann kopfschüttelnd, »keinen Schatten, das ist bös! das war
eine böse Krankheit, die der Herr gehabt hat.« Aber er hub seine
Erzählung nicht wieder an, und bei dem nächsten Querweg, der sich
darbot, ging er, ohne ein Wort zu sagen, von mir ab. -- Bittere Tränen
zitterten aufs neue auf meinen Wangen und meine Heiterkeit war hin.
Ich setzte traurigen Herzens meinen Weg fort und suchte ferner keines
Menschen Gesellschaft. Ich hielt mich im dunkelsten Walde und mußte
manchmal, um über einen Strich, wo die Sonne schien, zu kommen,
stundenlang darauf warten, daß mir keines Menschen Auge den Durchgang
verbot. Am Abend suchte ich Herberge in den Dörfern zu nehmen. Ich ging
eigentlich nach einem Bergwerk im Gebirge, wo ich Arbeit unter der Erde
zu finden gedachte; denn davon abgesehen, daß meine jetzige Lage mir
gebot, für meinen Lebensunterhalt selbst zu sorgen, hatte ich dieses
wohl erkannt, daß mich allein angestrengte Arbeit gegen meine
zerstörenden Gedanken schützen könnte.
Ein paar regnichte Tage förderten mich leicht auf den Weg, aber auf
Kosten meiner Stiefel, deren Sohlen für den _Grafen Peter_ und nicht für
den Fußknecht berechnet worden. Ich ging schon auf den bloßen Füßen. Ich
mußte ein Paar neue Stiefel anschaffen. Am nächsten Morgen besorgte ich
dieses Geschäft mit vielem Ernst in einem Flecken, wo Kirmes war, und wo
in einer Bude alte und neue Stiefel zu Kauf standen. Ich wählte und
handelte lange. Ich mußte auf ein Paar neue, die ich gern gehabt hätte,
Verzicht leisten; mich schreckte die unbillige Forderung. Ich begnügte
mich also mit alten, die noch gut und stark waren, und die mir der
schöne blondlockige Knabe, der die Bude hielt, gegen gleich bare
Bezahlung freundlich lächelnd einhändigte, indem er mir Glück auf den
Weg wünschte. Ich zog sie gleich an und ging zum nördlich gelegenen Tor
aus dem Ort.
Ich war in meinen Gedanken sehr vertieft und sah kaum, wo ich den Fuß
hinsetzte, denn ich dachte an das Bergwerk, wo ich auf den Abend noch
anzulangen hoffte, und wo ich nicht recht wußte, wie ich mich
ankündigen sollte. Ich war noch keine zweihundert Schritte gegangen, als
ich bemerkte, daß ich aus dem Wege gekommen war; ich sah mich danach um,
ich befand mich in einem wüsten, uralten Tannenwalde, woran die Axt nie
gelegt worden zu sein schien. Ich drang noch einige Schritte vor, ich
sah mich mitten unter öden Felsen, die nur mit Moos und Steinbrecharten
bewachsen waren, und zwischen welchen Schnee- und Eisfelder lagen. Die
Luft war sehr kalt, ich sah mich um, der Wald war hinter mir
verschwunden. Ich machte noch einige Schritte -- um mich herrschte die
Stille des Todes, unabsehbar dehnte sich das Eis, worauf ich stand und
worauf ein dichter Nebel schwer ruhte; die Sonne stand blutig am Rande
des Horizontes. Die Kälte war unerträglich. Ich wußte nicht, wie mir
geschehen war, der erstarrende Frost zwang mich, meine Schritte zu
beschleunigen, ich vernahm nur das Gebrause ferner Gewässer, ein
Schritt, und ich war am Eisufer eines Ozeans. Unzählbare Herden von
Seehunden stürzten sich vor mir rauschend in die Flut. Ich folgte diesem
Ufer, ich sah wieder nackte Felsen, Land, Birken- und Tannenwälder, ich
lief noch ein paar Minuten gerade vor mir hin. Es war erstickend heiß,
ich sah mich um, ich stand zwischen schön gebauten Reisfeldern unter
Maulbeerbäumen. Ich setzte mich in deren Schatten, ich sah nach meiner
Uhr, ich hatte vor nicht einer Viertelstunde den Marktflecken verlassen
-- ich glaubte zu träumen, ich biß mich in die Zunge, um mich zu
erwecken; aber ich wachte wirklich. -- Ich schloß die Augen zu, um meine
Gedanken zusammenzufassen. -- Ich hörte vor mir seltsame Silben durch
die Nase zählen; ich blickte auf: zwei Chinesen an der asiatischen
Gesichtsbildung unverkennbar, wenn ich auch ihrer Kleidung keinen
Glauben beimessen wollte, redeten mich mit landesüblichen Begrüßungen in
ihrer Sprache an; ich stand auf und trat zwei Schritte zurück. Ich sah
sie nicht mehr, die Landschaft war ganz verändert: Bäume, Wälder statt
der Reisfelder. Ich betrachtete diese Bäume und die Kräuter, die um
mich blühten; die ich kannte, waren südöstlich asiatische Gewächse; ich
wollte auf den einen Baum zugehen, ein Schritt -- und wiederum alles
verändert. Ich trat nun an, wie ein Rekrut, der geübt wird, und schritt
langsam, gesetzt einher. Wunderbare veränderliche Länder, Fluren, Auen,
Gebirge, Steppen, Sandwüsten entrollen sich vor meinem staunenden Blick;
es war kein Zweifel, ich hatte Siebenmeilenstiefel an den Füßen.
10.
Ich fiel in stummer Andacht auf meine Knie und vergoß Tränen des Dankes
-- denn klar stand plötzlich meine Zukunft vor meiner Seele. Durch frühe
Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum
Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu
einem reichen Garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines
Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft. Es war nicht ein Entschluß, den
ich faßte. Ich habe nur seitdem, was da hell und vollendet im Urbild vor
mein inneres Auge trat, getreu mit stillem, strengem, unausgesetztem
Fleiß darzustellen gesucht, und meine Selbstzufriedenheit hat von dem
Zusammenfallen des Dargestellten mit dem Urbild abgehangen.
Ich raffte mich auf, um ohne Zögern mit flüchtigem Überblick Besitz von
dem Felde zu nehmen, wo ich künftig ernten wollte. -- Ich stand auf den
Höhen des Tibet, und die Sonne, die mir vor wenigen Stunden aufgegangen
war, neigte sich hier schon am Abendhimmel, ich durchwanderte Asien von
Osten gegen Westen, sie in ihrem Lauf einholend, und trat in Afrika ein.
Ich sah mich neugierig darin um, indem ich es wiederholt in allen
Richtungen durchmaß. Wie ich durch Ägypten die alten Pyramiden und
Tempel angaffte, erblickte ich in der Wüste, unfern des hunderttorigen
Theben, die Höhlen, wo christliche Einsiedler sonst wohnten. Es stand
plötzlich fest und klar in mir, hier ist dein Haus. -- Ich erkor eine
der verborgensten, die zugleich geräumig, bequem und den Schakalen
unzugänglich war, zu meinem künftigen Aufenthalte und setzte meinen Stab
weiter.
Ich trat bei den Herkulessäulen nach Europa über, und nachdem ich seine
südlichen und nördlichen Provinzen in Augenschein genommen, trat ich von
Nordasien über den Polargletscher nach Grönland und Amerika über,
durchschweifte die beiden Teile dieses Kontinents, und der Winter, der
schon im Süden herrschte, trieb mich schnell vom Kap Horn nordwärts
zurück.