Antwort, »und sieht man es mir nicht an? Ein armer Teufel, gleichsam so
eine Art von Gelehrten und Physikus, der von seinen Freunden für
vortreffliche Künste schlechten Dank erntet, und für sich selber auf
Erden keinen andern Spaß hat, als sein bißchen Experimentieren -- aber
unterschreiben Sie doch. Rechts, da unten: _Peter Schlemihl_.«
Ich schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Verzeihen Sie, mein Herr, das
unterschreibe ich nicht.« -- »Nicht?« wiederholte er verwundert, »und
warum nicht?«
»Es scheint mir doch gewissermaßen bedenklich, meine Seele an meinen
Schatten zu setzen.« -- -- »So, so!« wiederholte er, »bedenklich,« und
er brach in ein lautes Gelächter gegen mich aus. »Und, wenn ich fragen
darf, was ist denn das für ein Ding, Ihre Seele? haben Sie es je
gesehen, und was denken Sie damit anzufangen, wenn Sie einst tot sind?
Seien Sie doch froh, einen Liebhaber zu finden, der Ihnen bei Lebenszeit
noch den Nachlaß dieses #X#, dieser galvanischen Kraft oder
polarisierenden Wirksamkeit, und was alles das närrische Ding sein soll,
mit etwas Wirklichem bezahlen will, nämlich mit Ihrem leibhaftigen
Schatten, durch den Sie zu der Hand Ihrer Geliebten und zu der Erfüllung
aller Ihrer Wünsche gelangen können. Wollen Sie lieber selbst das arme
junge Blut dem niederträchtigen Schurken, dem _Raskal_, zustoßen und
ausliefern? -- Nein, das müssen Sie doch mit eignen Augen ansehen;
kommen Sie, ich leihe Ihnen die Tarnkappe hier« (er zog etwas aus der
Tasche) »und wir wallfahren ungesehen nach dem Förstergarten.«
Ich muß gestehen, daß ich mich überaus schämte, von diesem Manne
ausgelacht zu werden. Er war mir von Herzensgrunde verhaßt, und ich
glaube, daß mich dieser persönliche Widerwille mehr als Grundsätze oder
Vorurteile abhielt, meinen Schatten, so notwendig er mir auch war, mit
der begehrten Unterschrift zu erkaufen. Auch war mir der Gedanke
unerträglich, den Gang, den er mir antrug, in seiner Gesellschaft zu
unternehmen. Diesen häßlichen Schleicher, diesen hohnlächelnden Kobold,
zwischen mich und meine Geliebte, zwei blutig zerrissene Herzen,
spöttisch hintreten zu sehen, empörte mein innigstes Gefühl. Ich nahm,
was geschehen war, als verhängt an, mein Elend als unabwendbar, und mich
zu dem Manne kehrend, sagte ich ihm: »Mein Herr, ich habe Ihnen meinen
Schatten für diesen an sich sehr vorzüglichen Säckel verkauft, und es
hat mich genug gereut. Kann der Handel zurückgehen, in Gottes Namen!« Er
schüttelte mit dem Kopf und zog ein sehr finsteres Gesicht. Ich fuhr
fort: »So will ich Ihnen auch weiter nichts von meiner Habe verkaufen,
sei es auch um den angebotenen Preis meines Schattens, und
unterschreibe also nichts. Daraus läßt sich auch abnehmen, daß die
Verkappung, zu der Sie mich einladen, ungleich belustigender für Sie als
für mich ausfallen müßte; halten Sie mich also für entschuldigt, und da
es einmal nicht anders ist -- laßt uns scheiden!« --
»Es ist mir leid, Monsieur _Schlemihl_, daß Sie eigensinnig das Geschäft
von der Hand weisen, das ich Ihnen freundschaftlich anbot. Indessen,
vielleicht bin ich ein andermal glücklicher. Auf baldiges Wiedersehen!
-- Apropos, erlauben Sie mir noch, Ihnen zu zeigen, daß ich die Sachen,
die ich kaufe, keineswegs verschimmeln lasse, sondern in Ehren halte,
und daß sie bei mir gut aufgehoben sind.« --
Er zog sogleich meinen Schatten aus seiner Tasche, und ihn mit einem
geschickten Wurf auf der Heide entfaltend, breitete er ihn auf der
Sonnenseite zu seinen Füßen aus, so, daß er zwischen den beiden ihm
aufwartenden Schatten, dem meinen und dem seinen, daher ging, denn
meiner mußte ihm gleichfalls gehorchen und nach allen seinen Bewegungen
sich richten und bequemen.
Als ich nach so langer Zeit einmal meinen armen Schatten wieder sah, und
ihn zu solchem schnöden Dienste herabgewürdigt fand, eben als ich um
seinetwillen in so namenloser Not war, da brach mir das Herz, und ich
fing bitterlich zu weinen an. Der Verhaßte stolzierte mit dem mir
abgejagten Raub, und erneuerte unverschämt seinen Antrag: »Noch ist er
für Sie zu haben, ein Federzug, und Sie retten damit die arme
unglückliche _Mina_ aus des Schuftes Klauen in des hochgeehrten Herrn
Grafen Arme -- wie gesagt, nur ein Federzug.« Meine Tränen brachen mir
erneuter Kraft hervor, aber ich wandte mich weg, und winkte ihm, sich zu
entfernen.
_Bendel_, der voller Sorgen meine Spuren bis hierher verfolgt hatte, traf
in diesem Augenblick ein. Als mich die treue, fromme Seele weinend
fand, und meinen Schatten, denn er war nicht zu verkennen, in der Gewalt
des wunderlichen grauen Unbekannten sah, beschloß er gleich, sei es auch
mit Gewalt, mich in den Besitz meines Eigentums wiederherzustellen, und
da er selbst mit dem zarten Dinge nicht umzugehen verstand, griff er
gleich den Mann mit Worten an, und ohne vieles Fragen gebot er ihm
stracks, mir das Meine unverzüglich verabfolgen zu lassen. Dieser, statt
aller Antwort, kehrte dem unschuldigen Burschen den Rücken und ging.
_Bendel_ aber erhob den Kreuzdornknüttel, den er trug, und, ihm auf den
Fersen folgend, ließ er ihn schonungslos unter wiederholtem Befehl, den
Schatten herzugeben, die volle Kraft seines nervichten Armes fühlen.
Jener, als sei er solcher Behandlung gewohnt, bückte den Kopf, wölbte
die Schultern, und zog stillschweigend ruhigen Schrittes seinen Weg über
die Heide weiter, mir meinen Schatten zugleich und meinen treuen Diener
entführend. Ich hörte lange noch den dumpfen Schall durch die Einöde
dröhnen, bis er sich endlich in der Entfernung verlor. Einsam war ich
wie vorher mit meinem Unglück.
6.
Allein zurückgeblieben auf der öden Heide, ließ ich unendlichen Tränen
freien Lauf, mein armes Herz von namenloser banger Last erleichternd.
Aber ich sah meinem überschwenglichen Elend keine Grenzen, keinen
Ausgang, kein Ziel, und ich sog besonders mit grimmigem Durst an dem
neuen Gifte, das der Unbekannte in meine Wunden gegossen. Als ich _Minas_
Bild vor meine Seele rief und die geliebte, süße Gestalt bleich und in
Tränen mir erschien, wie ich sie zuletzt in meiner Schmach gesehen, da
trat frech und höhnend _Raskals_ Schemen zwischen sie und mich, ich
verhüllte mein Gesicht und floh durch die Einöde, aber die scheußliche
Erscheinung gab mich nicht frei, sondern verfolgte mich im Laufe, bis
ich atemlos an den Boden sank und die Erde mit erneuertem Tränenquell
befeuchtete.
Und alles um einen Schatten! Und diesen Schatten hätte mir ein Federzug
wieder erworben. Ich überdachte den befremdenden Antrag und meine
Weigerung. Es war wüst in mir, ich hatte weder Urteil noch
Fassungsvermögen mehr.
Der Tag verging, ich stillte meinen Hunger mit wilden Früchten, meinen
Durst im nächsten Bergstrom; die Nacht brach ein, ich lagerte mich unter
einem Baum. Der feuchte Morgen weckte mich aus einem schweren Schlaf, in
dem ich mich selber wie im Tode röcheln hörte. _Bendel_ mußte meine Spur
verloren haben und es freute mich, es zu denken. Ich wollte nicht unter
die Menschen zurückkehren, vor welchen ich schreckhaft floh, wie das
scheue Wild des Gebirges. So verlebte ich drei bange Tage.
Ich befand mich am Morgen des vierten auf einer sandigen Ebene, welche
die Sonne beschien, und saß auf Felsentrümmern in ihrem Strahl, denn ich
liebte jetzt, ihren lang' entbehrten Anblick zu genießen. Ich nährte
still mein Herz mit seiner Verzweiflung. Da schreckte mich ein leises
Geräusch auf, ich warf, zur Flucht bereit, den Blick um mich her, ich
sah niemand: aber es kam auf dem sonnigen Sande an mir vorbeigeglitten
ein Menschenschatten, dem meinigen nicht unähnlich, welcher, allein
daherwandelnd, von seinem Herrn abgekommen zu sein schien.
Da erwachte in mir ein mächtiger Trieb: Schatten, dacht' ich, suchst du
deinen Herrn? der will ich sein. Und ich sprang hinzu, mich seiner zu
bemächtigen; ich dachte nämlich, daß, wenn es mir glückte, in seine Spur
zu treten, so, daß er mir an die Füße käme, er wohl daran hängen bleiben
würde und sich mit der Zeit an mich gewöhnen.
Der Schatten, auf meine Bewegung, nahm vor mir die Flucht, und ich mußte
auf den leichten Flüchtling eine angestrengte Jagd beginnen, zu der mich
allein der Gedanke, mich aus der furchtbaren Lage, in der ich war, zu
retten, mit hinreichenden Kräften ausrüsten konnte. Er floh einem
freilich noch entfernten Walde zu, in dessen Schatten ich ihn notwendig
hätte verlieren müssen, ich sah's, ein Schreck durchzuckte mir das Herz,
fachte meine Begierde an, beflügelte meinen Lauf -- ich gewann
sichtbarlich auf den Schatten, ich kam ihm nach und nach näher, ich
mußte ihn erreichen. Nun hielt er plötzlich an und kehrte sich nach mir
um. Wie der Löwe auf seine Beute, so schoß ich mit einem gewaltigen
Sprunge hinzu, um ihn in Besitz zu nehmen -- und traf unerwartet und
hart auf körperlichen Widerstand. Es wurden mir unsichtbar die
unerhörtesten Rippenstöße erteilt, die wohl je ein Mensch gefühlt hat.
Die Wirkung des Schreckens war in mir, die Arme krampfhaft zuzuschlagen
und fest zu drücken, was ungesehen vor mir stand. Ich stürzte in der
schnellen Handlung vorwärts gestreckt auf den Boden; rückwärts aber
unter mir ein Mensch, den ich umfaßt hielt und der jetzt erst sichtbar
erschien.
Nun ward mir auch das ganze Ereignis sehr natürlich erklärbar. Der Mann
mußte das unsichtbare Vogelnest, das den, der es hält, nicht aber seinen
Schatten unsichtbar macht, erst getragen und jetzt weggeworfen haben.
Ich spähte mit dem Blick umher, entdeckte gar bald den Schatten des
unsichtbaren Nestes selbst, sprang auf und hinzu und verfehlte nicht den
teuern Raub. Ich hielt unsichtbar, schattenlos das Nest in Händen.
Der schnell sich aufrichtende Mann, sich sogleich nach seinem beglückten
Bezwinger umsehend, erblickte auf der weiten sonnigen Ebene weder ihn
noch dessen Schatten, nach dem er besonders ängstlich umherlauschte.
Denn daß ich an und für mich schattenlos war, hatte er vorher nicht Muße
gehabt zu bemerken und konnte es nicht vermuten. Als er sich überzeugt,
daß jede Spur verschwunden, kehrte er in der höchsten Verzweiflung die
Hand gegen sich selber und raufte sich das Haar aus. Mir aber gab der
errungene Schatz die Möglichkeit und die Begierde zugleich, mich wieder
unter die Menschen zu mischen. Es fehlte mir nicht an Vorwand gegen mich
selber, meinen schnöden Raub zu beschönigen, oder vielmehr, ich bedurfte
solches nicht, und jedem Gedanken der Art zu entweichen, eilte ich
hinweg, nach dem Unglücklichen nicht zurückschauend, dessen ängstliche
Stimme ich mir noch lange nachschallen hörte. So wenigstens kamen mir
damals alle Umstände dieses Ereignisses vor.
Ich brannte, nach dem Förstergarten zu gehen und durch mich selbst die
Wahrheit dessen zu erkennen, was mir jener Verhaßte verkündigt hatte;
ich wußte aber nicht, wo ich war, ich bestieg, um mich in der Gegend
umzuschauen, den nächsten Hügel, ich sah von seinem Gipfel das nahe
Städtchen und den Förstergarten zu meinen Füßen liegen. -- Heftig
klopfte mir das Herz und Tränen einer andern Art, als die ich bis dahin
vergossen, traten mir in die Augen: ich sollte sie wiedersehen. -- Bange
Sehnsucht beschleunigte meine Schritte auf dem richtigsten Pfad hinab.
Ich kam ungesehen an einigen Bauern vorbei, die aus der Stadt kamen. Sie
sprachen von mir, _Raskal_ und dem Förster; ich wollte nichts anhören, ich
eilte vorüber.
Ich trat in den Garten, alle Schauer der Erwartung in der Brust -- mir
schallte es wie ein Lachen entgegen, mich schauderte, ich warf einen
schnellen Blick um mich her; ich konnte niemand entdecken. Ich schritt
weiter vor, mir war's, als vernähme ich neben mir ein Geräusch wie von
Menschentritten; es war aber nichts zu sehen: ich dachte mich von meinem
Ohr getäuscht. Es war noch früh, niemand in _Graf Peters_ Laube, noch leer
der Garten; ich durchschweifte die bekannten Gänge, ich drang bis nach
dem Wohnhause vor. Dasselbe Geräusch verfolgte mich vernehmlicher. Ich
setzte mich mit angstvollem Herzen auf eine Bank, die im sonnigen Raume
der Haustür gegenüberstand. Es ward mir, als hörte ich den ungesehenen
Kobold sich hohnlachend neben mich setzen. Der Schlüssel ward in der Tür
gedreht, sie ging auf, der Forstmeister trat heraus, mit Papieren in der
Hand. Ich fühlte mir wie Nebel über den Kopf ziehn, ich sah mich um und
-- Entsetzen -- der Mann im grauen Rock saß neben mir, mit satanischem
Lächeln auf mich blickend. -- Er hatte mir seine Tarnkappe mit über den
Kopf gezogen, zu seinen Füßen lagen sein und mein Schatten friedlich
nebeneinander; er spielte nachlässig mit dem bekannten Pergament, das er
in der Hand hielt, und indem der Forstmeister mit den Papieren
beschäftigt im Schatten der Laube auf und ab ging -- beugte er sich
vertraulich zu meinem Ohr und flüsterte mir die Worte: »So hätten Sie
denn doch meine Einladung angenommen und da säßen wir einmal zwei Köpfe
unter einer Kappe! -- Schon recht, schon recht! Nun geben Sie mir aber
auch mein Vogelnest zurück, Sie brauchen es nicht mehr und sind ein zu
ehrlicher Mann, um es mir vorenthalten zu wollen -- doch keinen Dank
dafür, ich versichere Sie, daß ich es Ihnen von Herzen gern geliehen
habe.« -- Er nahm es unweigerlich aus meiner Hand, steckte es in die
Tasche und lachte mich abermals aus, und zwar so laut, daß sich der
Forstmeister nach dem Geräusch umsah. -- Ich saß wie versteinert da.
»Sie müssen mir doch gestehen,« fuhr er fort, »daß so eine Kappe viel
bequemer ist. Sie deckt doch nicht nur ihren Mann, sondern auch seinen
Schatten mit, und noch so viele andre, als er mitzunehmen Lust hat.
Sehen Sie, heute führ' ich wieder ihrer zwei.« -- Er lachte wieder.
»Merken Sie sich's, _Schlemihl_, was man anfangs mit Gutem nicht will, das
muß man am Ende doch gezwungen. Ich dächte noch, Sie kauften mir das
Ding ab, nähmen die Braut zurück (denn noch ist es Zeit) und wir ließen
den _Raskal_ am Galgen baumeln, das wird uns ein leichtes, solange es am
Stricke nicht fehlt. -- Hören Sie, ich gebe Ihnen noch meine Mütze in
den Kauf.«
Die Mutter trat heraus und das Gespräch begann. -- »Was macht _Mina_?« --
»Sie weint.« -- »Einfältiges Kind! es ist doch nicht zu ändern!« --
»Freilich nicht; aber sie so früh einem andern zu geben -- -- O Mann, du
bist grausam gegen dein eignes Kind.« -- »Nein, Mutter, das siehst du
sehr falsch. Wenn sie, noch bevor sie ihre doch kindischen Tränen
ausgeweint hat, sich als die Frau eines sehr reichen und geehrten Mannes
findet, wird sie getröstet aus ihrem Schmerze wie aus einem Traum
erwachen und Gott und uns danken, das wirst du sehen!« -- »Gott gebe
es!« -- »Sie besitzt freilich jetzt sehr ansehnliche Güter; aber nach
dem Aufsehen, das die unglückliche Geschichte mit dem Abenteurer gemacht
hat, glaubst du, daß sich so bald eine andre für sie so passende Partie,
als der Herr _Raskal_, finden möchte? Weißt du, was für ein Vermögen er
besitzt, der Herr _Raskal_? Er hat für sechs Millionen Güter hier im
Lande, frei von allen Schulden, bar bezahlt. Ich habe die Dokumente in
den Händen gehabt! Er war's, der mir überall das Beste vorweg genommen
hat; und außerdem im Portefeuille Papiere auf _Thomas John_ für zirka
viertehalb Millionen.« -- »Er muß sehr viel gestohlen haben.« -- »Was
sind das wieder für Reden! Er hat weislich gespart, wo verschwendet
wurde.« -- »Ein Mann, der die Livree getragen hat.« -- »Dummes Zeug! er
hat doch einen untadligen Schatten.« -- »Du hast recht, aber -- --«
Der Mann im grauen Rock lachte und sah mich an. Die Türe ging auf und
_Mina_ trat heraus. Sie stützte sich auf den Arm einer Kammerfrau, stille
Tränen flossen auf ihre schönen blassen Wangen. Sie setzte sich in einen
Sessel, der für sie unter den Linden bereitet war, und ihr Vater nahm
einen Stuhl neben ihr. Er faßte zärtlich ihre Hand und redete sie, die
heftig zu weinen anfing, mit zarten Worten an: »Du bist mein gutes,
liebes Kind, du wirst auch vernünftig sein, wirst nicht deinen alten
Vater betrüben wollen, der nur dein Glück will; ich begreife es wohl,
liebes Herz, daß es dich sehr erschüttert hat, du bist wunderbar deinem
Unglück entkommen! Bevor wir den schändlichen Betrug entdeckt, hast du
diesen Unwürdigen sehr geliebt! Siehe, _Mina_, ich weiß es und mache dir
keine Vorwürfe darüber. Ich selber, liebes Kind, habe ihn auch geliebt,
solange ich ihn für einen großen Herrn angesehen habe. Nun siehst du
selber ein, wie anders alles geworden. Was! ein jeder Pudel hat ja
seinen Schatten, und mein liebes einziges Kind sollte einen Mann -- --
Nein, du denkst auch gar nicht mehr an ihn. -- Höre, _Mina_, nun wirbt ein
Mann um dich, der die Sonne nicht scheut, ein geehrter Mann, der
freilich kein Fürst ist, aber zehn Millionen, zehnmal mehr als du, im
Vermögen besitzt, ein Mann, der mein liebes Kind glücklich machen wird.
Erwidere mir nichts, widersetze dich nicht, sei meine gute, gehorsame
Tochter, laß deinen liebenden Vater für dich sorgen, deine Tränen
trocknen. Versprich mir, dem Herrn _Raskal_ deine Hand zu geben. -- Sage,
willst du mir dies versprechen?« --
Sie antwortete mit erstorbener Stimme: »Ich habe keinen Willen, keinen
Wunsch fürder auf Erden. Geschehe mit mir, was mein Vater will.«
Zugleich ward Herr _Raskal_ angemeldet und trat frech in den Kreis. _Mina_
lag in Ohnmacht. Mein verhaßter Gefährte blickte mich zornig an und
flüsterte mir die schnellen Worte: »Und das könnten Sie erdulden! Was
fließt Ihnen denn statt des Blutes in den Adern?« Er ritzte mir mit
einer raschen Bewegung eine leichte Wunde in die Hand, es floß Blut, er
fuhr fort: »Wahrhaftig! rotes Blut! -- So unterschreiben Sie!« Ich hatte
das Pergament und die Feder in Händen.
7.
Ich werde mich deinem Urteile bloßstellen, lieber _Chamisso_, und es nicht
zu bestechen suchen. Ich selbst habe lange strenges Gericht an mir
selber vollzogen, denn ich habe den quälenden Wurm in meinem Herzen
genährt. Es schwebte immerwährend dieser ernste Moment meines Lebens vor
meiner Seele, und ich vermocht' es nur zweifelnden Blickes, mit Demut
und Zerknirschung anzuschauen. -- Lieber Freund, wer leichtsinnig nur
den Fuß aus der geraden Straße setzt, der wird unversehens in andre
Pfade abgeführt, die abwärts und immer abwärts ihn ziehen; er sieht dann
umsonst die Leitsterne am Himmel schimmern, ihm bleibt keine Wahl, er
muß unaufhaltsam den Abhang hinab, und sich selbst der Nemesis opfern.
Nach dem übereilten Fehltritt, der den Fluch auf mich geladen, hatt' ich
durch Liebe frevelnd in eines andern Wesens Schicksal mich gedrängt; was
blieb mir übrig, als, wo ich Verderben gesät, wo schnelle Rettung von
mir geheischt ward, eben rettend blindlings hinzuzuspringen? denn die
letzte Stunde schlug. -- Denke nicht so niedrig von mir, mein _Adelbert_,
als zu meinen, es hätte mich irgendein geforderter Preis zu teuer
gedünkt, ich hätte mit irgend etwas, was nur mein war, mehr als eben mit
Gold gekargt. -- Nein, _Adelbert_; aber mit unüberwindlichem Hasse gegen
diesen rätselhaften Schleicher auf krummen Wegen war meine Seele
angefüllt. Ich mochte ihm unrecht tun, doch empörte mich jede
Gemeinschaft mit ihm. -- Auch hier trat, wie so oft schon in mein Leben,
und wie überhaupt so oft in die Weltgeschichte, ein Ereignis an die
Stelle einer Tat. Später habe ich mich mit mir selber versöhnt. Ich habe
erstlich die Notwendigkeit verehren lernen, und was ist mehr als die
getane Tat, das geschehene Ereignis, ihr Eigentum! Dann hab' ich auch
diese Notwendigkeit als eine weise Fügung verehren lernen, die durch das
gesamte große Getrieb' weht, darin wir bloß als mitwirkende, getriebene
treibende Räder eingreifen: was sein soll, muß geschehen, was sein
sollte, geschah, und nicht ohne jene Fügung, die ich endlich noch in
meinem Schicksale und dem Schicksale derer, die das meine mit angriff,
verehren lernte.
Ich weiß nicht, ob ich es der Spannung meiner Seele, unter dem Drange so
mächtiger Empfindungen, zuschreiben soll, ob der Erschöpfung meiner
physischen Kräfte, die während der letzten Tage ungewohntes Darben
geschwächt, ob endlich dem zerstörenden Aufruhr, den die Nähe dieses
grauen Unholdes in meiner ganzen Natur erregte; genug, es befiel mich,
als es an das Unterschreiben ging, eine tiefe Ohnmacht, und ich lag eine
lange Zeit wie in den Armen des Todes.
Fußstampfen und Fluchen waren die ersten Töne, die mein Ohr trafen, als
ich zum Bewußtsein zurückkehrte; ich öffnete die Augen, es war dunkel,
mein verhaßter Begleiter war scheltend um mich bemüht. »Heißt das nicht
wie ein altes Weib sich aufführen! -- Man raffe sich auf und vollziehe
frisch, was man beschlossen, oder hat man sich anders besonnen und will
lieber greinen?« -- Ich richtete mich mühsam auf von der Erde, wo ich
lag, und schaute schweigend um mich. Es war später Abend, aus dem
hellerleuchteten Försterhause erscholl festliche Musik, einzelne Gruppen
von Menschen wallten durch die Gänge des Gartens. Ein paar traten im
Gespräche näher und nahmen Platz auf der Bank, worauf ich früher
gesessen hatte. Sie unterhielten sich von der an diesem Morgen
vollzogenen Verbindung des reichen Herrn _Raskal_ mit der Tochter des
Hauses. -- Es war also geschehen. --
Ich streifte mit der Hand die Tarnkappe des sogleich mir verschwindenden
Unbekannten von meinem Haupte weg, und eilte stillschweigend, in die
tiefste Nacht des Gebüsches mich versenkend, den Weg über _Graf Peters_
Laube einschlagend, dem Ausgange des Gartens zu. Unsichtbar aber
geleitete mich mein Plagegeist, mich mit scharfen Worten verfolgend.
»Das ist also der Dank für die Mühe, die man genommen hat, Monsieur, der
schwache Nerven hat, den langen lieben Tag hindurch zu pflegen. Und man
soll den Narren im Spiele abgeben. Gut, Herr Trotzkopf, fliehn Sie nur
vor mir, wir sind doch unzertrennlich. Sie haben mein Gold und ich Ihren
Schatten; das läßt uns beiden keine Ruhe. -- Hat man je gehört, daß ein
Schatten von seinem Herrn gelassen hätte? Ihrer zieht mich Ihnen nach,
bis Sie ihn wieder zu Gnaden annehmen und ich ihn los bin. Was Sie
versäumt haben aus frischer Lust zu tun, werden Sie nur zu spät aus
Überdruß und Langweile nachholen müssen; man entgeht seinem Schicksale
nicht.« Er sprach aus demselben Tone fort und fort; ich floh umsonst, er
ließ nicht nach, und immer gegenwärtig, redete er höhnend von Gold und
Schatten. Ich konnte zu keinem eignen Gedanken kommen.
Ich hatte durch menschenleere Straßen einen Weg nach meinem Hause
eingeschlagen. Als ich davor stand und es ansah, konnte ich es kaum
erkennen; hinter den eingeschlagenen Fenstern brannte kein Licht. Die
Türen waren zu, kein Dienervolk regte sich mehr darin. Er lachte laut
auf neben mir: »Ja, ja, so geht's! Aber Ihren _Bendel_ finden Sie wohl
daheim, den hat man jüngst vorsorglich so müde nach Hause geschickt, daß
er es wohl seitdem gehütet haben wird.« Er lachte wieder. »Der wird
Geschichten zu erzählen haben! -- Wohlan denn! für heute gute Nacht, auf
baldiges Wiedersehen!«
Ich hatte wiederholt geklingelt, es erschien Licht; _Bendel_ frug von
innen, wer geklingelt habe. Als der gute Mann meine Stimme erkannte,
konnte er seine Freude kaum bändigen; die Tür flog auf, wir lagen
weinend einander in den Armen. Ich fand ihn sehr verändert, schwach und
krank; mir war aber das Haar ganz grau geworden.