noch immer zwei Schritte von mir, und ich, ohne Schatten, konnte die
Kluft nicht überspringen, nicht wieder vor dem Engel auf die Knie
fallen. O, was hätt' ich nicht da für einen Schatten gegeben! Ich mußte
meine Scham, meine Angst, meine Verzweiflung tief in den Grund meines
Wagens verbergen. _Bendel_ besann sich endlich für mich, er sprang von der
andern Seite aus dem Wagen heraus, ich rief ihn noch zurück und reichte
ihm aus meinem Kästchen, das mir eben zur Hand lag, eine reiche
diamantene Krone, die die schöne _Fanny_ hatte zieren sollen. Er trat vor
und sprach im Namen seines Herrn, der solche Ehrenbezeigungen nicht
annehmen könne noch wolle; es müsse hier ein Irrtum vorwalten; jedoch
seien die guten Einwohner der Stadt für ihren guten Willen bedankt. Er
nahm indes den dargehaltenen Kranz von seinem Ort und legte den
brillantenen Reif an dessen Stelle; dann reichte er ehrerbietig der
schönen Jungfrau die Hand zum Aufstehen, entfernte mit einem Wink
Geistlichkeit, #Magistratus# und alle Deputationen. Niemand ward weiter
vorgelassen. Er hieß den Haufen sich teilen und den Pferden Raum geben,
schwang sich wieder in den Wagen und fort ging's weiter in gestrecktem
Galopp, unter einer aus Laubwerk und Blumen erbauten Pforte hinweg, dem
Städtchen zu. -- Die Kanonen wurden immer frischweg abgefeuert. -- Der
Wagen hielt vor meinem Hause; ich sprang behend in die Tür, die Menge
teilend, die die Begierde, mich zu sehen, herbeigerufen hatte. Der Pöbel
schrie Vivat unter meinem Fenster und ich ließ doppelte Dukaten daraus
regnen. Am Abend war die Stadt freiwillig erleuchtet. --
Und ich wußte immer noch nicht, was das alles bedeuten sollte und für
wen ich angesehen wurde. Ich schickte _Raskaln_ auf Kundschaft aus. Er
ließ sich denn erzählen, wasmaßen man bereits sichere Nachrichten
gehabt, der gute König von Preußen reise unter dem Namen eines Grafen
durch das Land; wie mein Adjutant erkannt worden sei und wie er sich und
mich verraten habe; wie groß endlich die Freude gewesen, da man die
Gewißheit gehabt mich im Orte selbst zu besitzen. Nun sah man freilich
ein, da ich offenbar das strengste Inkognito beobachten wolle, wie sehr
man unrecht gehabt, den Schleier so zudringlich zu lüften. Ich hätte
aber so huldreich, so gnadenvoll gezürnt -- ich würde gewiß dem guten
Herzen verzeihen müssen.
Meinem Schlingel kam die Sache so spaßhaft vor, daß er mit strafenden
Reden sein möglichstes tat, die guten Leute einstweilen in ihrem Glauben
zu bestärken. Er stattete mir einen sehr komischen Bericht ab, und da er
mich dadurch erheitert sah, gab er mir selbst seine verübte Bosheit zum
besten. -- Muß ich's bekennen? Es schmeichelte mir doch, sei es auch nur
so, für das verehrte Haupt angesehen worden zu sein.
Ich hieß zu dem morgenden Abend unter den Bäumen, die den Raum vor
meinem Hause beschatteten, ein Fest bereiten und die ganze Stadt dazu
einladen. Der geheimnisreichen Kraft meines Säckels, _Bendels_ Bemühungen
und der behenden Erfindsamkeit _Raskals_ gelang es, selbst die Zeit zu
besiegen. Es ist wirklich erstaunlich, wie reich und schön sich alles in
den wenigen Stunden anordnete. Die Pracht und der Überfluß, die da sich
erzeugten, auch die sinnreiche Erleuchtung war so weise verteilt, daß
ich mich ganz sicher fühlte. Es blieb mir nichts zu erinnern, ich mußte
meine Diener loben.
Es dunkelte der Abend. Die Gäste erschienen und wurden mir vorgestellt.
Es ward die Majestät nicht mehr berührt; aber ich hieß in tiefer
Ehrfurcht und Demut: Herr Graf. Was sollt' ich tun? Ich ließ mir den
Grafen gefallen und blieb von Stund' an der Graf Peter. Mitten im
festlichen Gewühle begehrte meine Seele nur nach der _einen_. Spät
erschien sie, sie, die die Krone war und trug. Sie folgte sittsam ihren
Eltern und schien nicht zu wissen, daß sie die Schönste sei. Es wurden
mir der Herr Forstmeister, seine Frau und seine Tochter vorgestellt. Ich
wußte den Alten viel Angenehmes und Verbindliches zu sagen; vor der
Tochter stand ich wie ein ausgescholtener Knabe da und vermochte kein
Wort hervor zu lallen. Ich bat sie endlich stammelnd, dies Fest zu
würdigen, das Amt, dessen Zeichen sie schmückte, darin zu verwalten. Sie
bat verschämt mit einem rührenden Blick um Schonung; aber verschämter
vor ihr, als sie selbst, brachte ich ihr als erster Untertan meine
Huldigung in tiefer Ehrfurcht, und der Wink des Grafen ward allen Gästen
ein Gebot, dem nachzuleben sich jeder freudig beeiferte. Majestät,
Unschuld und Grazie beherrschten, mit der Schönheit im Bunde, ein frohes
Fest. Die glücklichen Eltern Minas glaubten ihnen nur zu Ehren ihr Kind
erhöht; ich selber war in einem unbeschreiblichen Rausch. Ich ließ
alles, was ich noch von den Juwelen hatte, die ich damals, um
beschwerliches Gold los zu werden, gekauft, alle Perlen, alles
Edelgestein in zwei verdeckte Schüsseln legen und bei Tische, unter dem
Namen der Königin, ihren Gespielinnen und allen Damen herumreichen; Gold
ward indessen ununterbrochen über die gezogenen Schranken unter das
jubelnde Volk geworfen.
_Bendel_ am andern Morgen eröffnete mir im Vertrauen, der Verdacht, den er
längst gegen _Raskals_ Redlichkeit gehegt, sei nunmehr zur Gewißheit
geworden. Er habe gestern ganze Säcke Goldes unterschlagen. »Laß uns,«
erwidert' ich, »dem armen Schelmen die kleine Beute gönnen; ich spende
gern allen, warum nicht auch ihm? Gestern hat er mir, haben mir alle
neuen Leute, die du mir gegeben, redlich gedient, sie haben mir froh ein
frohes Fest begehen helfen.«
Es war nicht weiter die Rede davon. _Raskal_ blieb der erste meiner
Dienerschaft, _Bendel_ war aber mein Freund und mein Vertrauter. Dieser
war gewohnt worden, meinen Reichtum als unerschöpflich zu denken, und er
spähte nicht nach dessen Quellen; er half mir vielmehr, in meinen Sinn
eingehend, Gelegenheiten ersinnen, ihn darzutun und Gold zu vergeuden.
Von jenem Unbekannten, dem blassen Schleicher, wußt' er nur soviel: Ich
dürfe allein durch ihn von dem Fluche erlöst werden, der auf mir laste
und fürchte ihn, auf dem meine einzige Hoffnung ruhe. Übrigens sei ich
davon überzeugt, er könne mich überall auffinden, ich ihn nirgends,
darum ich, den versprochenen Tag erwartend, jede vergebliche Nachsuchung
eingestellt.
Die Pracht meines Festes und mein Benehmen dabei erhielten anfangs die
starkgläubigen Einwohner der Stadt bei ihrer vorgefaßten Meinung. Es
ergab sich freilich sehr bald aus den Zeitungen, daß die ganze
fabelhafte Reise des Königs von Preußen ein bloßes ungegründetes Gerücht
gewesen. Ein König war ich aber nun einmal und mußte schlechterdings ein
König bleiben, und zwar einer der reichsten und königlichsten, die es
immer geben mag. Nur wußte man nicht recht, welcher. Die Welt hat nie
Grund gehabt, über Mangel an Monarchen zu klagen, am wenigsten in unsern
Tagen; die guten Leute, die noch keinen mit Augen gesehen, rieten mit
gleichem Glück bald auf diesen, bald auf jenen -- _Graf Peter_ blieb
immer, der er war.
Einst erschien unter den Badegästen ein Handelsmann, der Bankrott
gemacht hatte, um sich zu bereichern, der allgemeiner Achtung genoß und
einen breiten, obgleich etwas blassen Schatten von sich warf. Er wollte
hier das Vermögen, das er gesammelt, zum Prunk ausstellen, und es fiel
sogar ihm ein, mit mir wetteifern zu wollen. Ich sprach meinem Säckel zu
und hatte sehr bald den armen Teufel so weit, daß er, um sein Ansehen zu
retten, abermals Bankrott machen mußte und über das Gebirge ziehen. So
ward ich ihn los. -- Ich habe in dieser Gegend viele Taugenichtse und
Müßiggänger gemacht!
Bei der königlichen Pracht und Verschwendung, womit ich mir alles
unterwarf, lebt' ich in meinem Haus sehr einfach und eingezogen. Ich
hatte mir die größte Vorsicht zur Regel gemacht, es durfte, unter keinem
Vorwand kein andrer als _Bendel_ die Zimmer, die ich bewohnte, betreten.
Solange die Sonne schien, hielt ich mich mit ihm darin verschlossen, und
es hieß: der Graf arbeite in seinem Kabinett. Mit diesen Arbeiten
standen die häufigen Kuriere in Verbindung, die ich um jede Kleinigkeit
abschickte und erhielt. -- Ich nahm nur am Abend unter meinen Bäumen,
oder in meinem nach _Bendels_ Angabe geschickt und reich erleuchteten
Saale, Gesellschaft an. Wenn ich ausging, wobei mich stets _Bendel_ mit
Argusaugen bewachen mußte, so war es nur nach dem Förstergarten und um
der einen willen; denn meines Lebens innerlichstes Herz war meine Liebe.
O mein guter _Chamisso_, ich will hoffen, du habest noch nicht vergessen,
was Liebe sei! Ich lasse dir hier vieles zu ergänzen. _Mina_ war wirklich
ein liebewertes, gutes, frommes Kind. Ich hatte ihre ganze Phantasie an
mich gefesselt, sie wußte in ihrer Demut nicht, womit sie wert gewesen,
daß ich nur nach ihr geblickt; und sie vergalt Liebe um Liebe, mit der
vollen jugendlichen Kraft eines unschuldigen Herzens. Sie liebte wie ein
Weib, ganz hin sich opfernd; selbstvergessen, hingegeben den nur
meinend, der ihr Leben war, unbekümmert, solle sie selbst zugrunde
gehen, das heißt, sie liebte wirklich.
Ich aber -- o welche schreckliche Stunden -- schrecklich! und würdig
dennoch, daß ich sie zurückwünsche -- hab' ich oft an _Bendels_ Brust
verweint, als nach dem ersten bewußtlosen Rausch ich mich besonnen, mich
selbst scharf angeschaut, der ich, ohne Schatten, mit tückischer
Selbstsucht diesen Engel verderbend, die reine Seele an mich gelogen und
gestohlen! Dann beschloß ich, mich ihr selber zu verraten; dann gelobt'
ich mit teuren Eidschwüren, mich von ihr zu reißen und zu entfliehen;
dann brach ich wieder in Tränen aus und verabredete mit _Bendeln_, wie ich
sie auf den Abend im Förstergarten besuchen wolle.
Zu andern Zeiten log ich mir selber vom nahe bevorstehenden Besuch des
grauen Unbekannten große Hoffnungen vor, und weinte wieder, wenn ich
daran zu glauben vergebens versucht hatte. Ich hatte den Tag
ausgerechnet, wo ich den Furchtbaren wieder zu sehen erwartete; denn er
hatte gesagt, in Jahr und Tag, und ich glaubte an sein Wort.
Die Eltern waren gute, ehrbare, alte Leute, die ihr einziges Kind sehr
liebten, das ganze Verhältnis überraschte sie, als es schon bestand, und
sie wußten nicht, was sie dabei tun sollten. Sie hatten früher nicht
geträumt, der _Graf Peter_ könne nur an ihr Kind denken, nun liebte er sie
gar und ward wieder geliebt. -- Die Mutter war wohl eitel genug, an die
Möglichkeit einer Verbindung zu denken und darauf hinzuarbeiten; der
gesunde Menschenverstand des Alten gab solchen überspannten
Vorstellungen nicht Raum. Beide waren überzeugt von der Reinheit meiner
Liebe -- sie konnten nichts tun, als für ihr Kind beten.
Es fällt mir ein Brief in die Hand, den ich noch aus dieser Zeit von
_Mina_ habe. -- Ja, das sind ihre Züge! Ich will dir ihn abschreiben.
»Bin ein schwaches, törichtes Mädchen, könnte mir einbilden, daß mein
Geliebter, weil ich ihn innig, innig liebe, dem armen Mädchen nicht weh
tun möchte. -- Ach, Du bist so gut, so unaussprechlich gut; aber
mißdeute mich nicht. Du sollst mir nichts opfern, mir nichts opfern
wollen; o Gott! ich könnte mich hassen, wenn Du das tätest. Nein -- Du
hast mich unendlich glücklich gemacht, Du hast mich Dich lieben gelehrt.
Zeuch hin! -- Weiß doch mein Schicksal, _Graf Peter_ gehört nicht mir,
gehört der Welt an. Will stolz sein, wenn ich höre: das ist er gewesen,
und das war er wieder, und das hat er vollbracht; da haben sie ihn
angebetet, und da haben sie ihn vergöttert. Siehe, wenn ich das denke,
zürne ich Dir, daß Du bei einem einfältigen Kinde deiner hohen
Schicksale vergessen kannst. -- Zeuch hin, sonst macht der Gedanke mich
noch unglücklich, die ich, ach! durch Dich so glücklich, so selig bin.
-- Hab' ich nicht auch einen Ölzweig und eine Rosenknospe in Dein Leben
geflochten, wie in den Kranz, den ich Dir überreichen durfte. Habe Dich
im Herzen, mein Geliebter, fürchte nicht von mir zu gehen -- werde
sterben, ach! so selig, so unaussprechlich selig durch Dich.« --
Du kannst dir denken, wie mir die Worte durchs Herz schneiden mußten.
Ich erklärte ihr, ich sei nicht das, wofür man mich anzusehen schien;
ich sei nur ein reicher, aber unendlich elender Mann. Auf mir ruhe ein
Fluch, der das einzige Geheimnis zwischen ihr und mir sein solle, weil
ich noch nicht ohne Hoffnung sei, daß er gelöst werde. Dies sei das Gift
meiner Tage: daß ich sie mit in den Abgrund hinreißen könne, sie, die
das einzige Licht, das einzige Glück, das einzige Herz meines Lebens
sei. Dann weinte sie wieder, daß ich unglücklich war. Ach, sie war so
liebevoll, so gut! Um eine Träne nur mir zu erkaufen, hätte sie, mit
welcher Seligkeit, sich selbst ganz hingeopfert.
Sie war indes weit entfernt, meine Worte richtig zu deuten, sie ahnte
nun in mir irgendeinen Fürsten, den ein schwerer Bann getroffen,
irgendein hohes, geächtetes Haupt und ihre Einbildungskraft malte sich
geschäftig unter heroischen Bildern den Geliebten herrlich aus.
Einst sagte ich ihr: »_Mina_, der letzte Tag im künftigen Monat kann mein
Schicksal ändern und entscheiden -- geschieht es nicht, so muß ich
sterben, weil ich dich nicht unglücklich machen will.« -- Sie verbarg
weinend ihr Haupt an meiner Brust. -- »Ändert sich dein Schicksal, laß
mich nur dich glücklich wissen, ich habe keinen Anspruch an dich. --
Bist du elend, binde mich an dein Elend, daß ich es dir tragen helfe.«
»Mädchen, Mädchen, nimm es zurück, das rasche Wort, das törichte, das
deinen Lippen entflohen -- und kennst du es, dieses Elend, kennst du
ihn, diesen Fluch? Weißt du, wer dein Geliebter -- -- was er --? Siehst
du mich nicht krampfhaft zusammenschaudern, und vor dir ein Geheimnis
haben?« Sie fiel schluchzend mir zu Füßen und wiederholte mit Eidschwur
ihre Bitte.
Ich erklärte mich gegen den hereintretenden Forstmeister, meine Absicht
sei, am ersten des nächstkünftigen Monats um die Hand seiner Tochter
anzuhalten -- ich setze diese Zeit fest, weil sich bis dahin manches
ereignen dürfte, was Einfluß auf mein Schicksal haben könnte.
Unwandelbar sei nur meine Liebe zu seiner Tochter. --
Der gute Mann erschrak ordentlich, als er solche Worte aus dem Munde des
_Grafen Peter_ vernahm. Er fiel mir um den Hals und ward wieder ganz
verschämt, sich vergessen zu haben. Nun fiel es ihm ein, zu zweifeln, zu
erwägen und zu forschen; er sprach von Mitgift, von Sicherheit, von
Zukunft für sein liebes Kind. Ich dankte ihm, mich daran zu mahnen. Ich
sagte ihm, ich wünsche in dieser Gegend, wo ich geliebt zu sein schien,
mich anzusiedeln und ein sorgenfreies Leben zu führen. Ich bat ihn, die
schönsten Güter, die im Lande ausgeboten würden, unter dem Namen seiner
Tochter zu kaufen und die Bezahlung auf mich anzuweisen. Es könne darin
ein Vater dem Liebenden am besten dienen. -- Es gab ihm viel zu tun,
denn überall war ihm ein Fremder zuvorgekommen; er kaufte auch nur für
ungefähr eine Million.
Daß ich ihn damit beschäftigte, war im Grunde eine unschuldige List, um
ihn zu entfernen, und ich hatte schon ähnliche mit ihm gebraucht, denn
ich muß gestehen, daß er etwas lästig war. Die gute Mutter war dagegen
etwas taub, und nicht wie er, auf die Ehre eifersüchtig, den Herrn
Grafen zu unterhalten.
Die Mutter kam hinzu, die glücklichen Leute drangen in mich, den Abend
länger unter ihnen zu bleiben; ich durfte keine Minute weilen: ich sah
schon den aufgehenden Mond am Horizonte dämmern. -- Meine Zeit war
um. --
Am nächsten Abend ging ich wieder nach dem Förstergarten. Ich hatte den
Mantel weit über die Schultern geworfen, den Hut tief in die Augen
gedrückt, ich ging auf _Mina_ zu; wie sie aufsah und mich anblickte,
machte sie eine unwillkürliche Bewegung; da stand mir wieder klar vor
der Seele die Erscheinung jener schaurigen Nacht, wo ich mich im
Mondschein ohne Schatten gezeigt. Sie war es wirklich. Hatte sie mich
aber auch jetzt erkannt? Sie war still und gedankenvoll -- mir lag es
zentnerschwer auf der Brust -- ich stand von meinem Sitz auf. Sie warf
sich still weinend an meine Brust. Ich ging.
Nun fand ich sie öfters in Tränen, mir ward's finster und finsterer um
die Seele -- nur die Eltern schwammen in überschwenglicher
Glückseligkeit; der verhängnisvolle Tag rückte heran, bang und dumpf wie
eine Gewitterwolke. Der Vorabend war da -- ich konnte kaum mehr atmen.
Ich hatte vorsorglich einige Kisten mit Gold angefüllt, ich wachte die
zwölfte Stunde heran. -- Sie schlug. --
Nun saß ich da, das Auge auf die Zeiger der Uhr gerichtet, die Sekunden,
die Minuten zählend, wie Dolchstiche. Bei jedem Lärm, der sich regte,
fuhr ich auf, der Tag brach an. Die bleiernen Stunden verdrängten
einander, es ward Mittag, Abend, Nacht; es rückten die Zeiger, welkte
die Hoffnung; es schlug elf und nichts erschien, die letzten Minuten der
letzten Stunde fielen, und nichts erschien, es schlug der erste Schlag,
der letzte Schlag der zwölften Stunde, und ich sank hoffnungslos in
unendlichen Tränen auf mein Lager zurück. Morgen sollt' ich -- auf immer
schattenlos, um die Hand der Geliebten anhalten; ein banger Schlaf
drückte mir gegen den Morgen die Augen zu.
5.
Es war noch früh, als mich Stimmen weckten, die sich in meinem
Vorzimmer, in heftigem Wortwechsel, erhoben. Ich horchte auf. -- _Bendel_
verbot meine Tür; _Raskal_ schwor hoch und teuer, keine Befehle von
seinesgleichen anzunehmen, und bestand darauf, in meine Zimmer
einzudringen. Der gütige _Bendel_ verwies ihm, daß solche Worte, falls sie
zu meinen Ohren kämen, ihn um einen vorteilhaften Dienst bringen würden.
Raskal drohte Hand an ihn zu legen, wenn er ihm den Eingang noch länger
vertreten wollte.
Ich hatte mich halb angezogen, ich riß zornig die Tür auf und fuhr auf
_Raskaln_ zu -- »Was willst du, Schurke -- --?« Er trat zwei Schritte
zurück und antwortete ganz kalt: »Sie untertänigst bitten, Herr Graf,
mir doch einmal Ihren Schatten sehen zu lassen -- die Sonne scheint eben
so schön auf dem Hofe.« --
Ich war wie vom Donner gerührt. Es dauerte lange, bis ich die Sprache
wieder fand. -- »Wie kann ein Knecht gegen seinen Herrn --?« Er fiel mir
ganz ruhig in die Rede: »Ein Knecht kann ein sehr ehrlicher Mann sein
und einem Schattenlosen nicht dienen wollen, ich fordere meine
Entlassung.« Ich mußte andre Saiten aufziehen. »Aber _Raskal_, lieber
_Raskal_, wer hat dich auf die unglückliche Idee gebracht, wie kannst du
denken -- --?« Er fuhr im selben Tone fort: »Es wollen Leute behaupten,
Sie hätten keinen Schatten -- und kurz, Sie zeigen mir Ihren Schatten,
oder geben mir meine Entlassung.«
_Bendel_, bleich und zitternd, aber besonnener als ich, machte mir ein
Zeichen, ich nahm zu dem alles beschwichtigenden Golde meine Zuflucht --
auch das hatte seine Macht verloren -- er warf's mir vor die Füße: »Von
einem Schattenlosen nehme ich nichts an.« Er kehrte mir den Rücken und
ging, den Hut auf dem Kopf, ein Liedchen pfeifend, langsam aus dem
Zimmer. Ich stand mit _Bendel_ da wie versteint, gedanken- und regungslos
ihm nachsehend.
Schwer aufseufzend und den Tod im Herzen, schickt' ich mich endlich an,
mein Wort zu lösen, und, wie ein Verbrecher vor seinen Richtern, in dem
Förstergarten zu erscheinen. Ich stieg in der dunklen Laube ab, welche
nach mir benannt war, und wo sie mich auch diesmal erwarten mußten. Die
Mutter kam mir sorgenfrei und freudig entgegen. _Mina_ saß da, bleich und
schön, wie der erste Schnee, der manchmal im Herbste die letzten Blumen
küßt, und gleich in bittres Wasser zerfließen wird. Der Forstmeister,
ein geschriebenes Blatt in der Hand, ging heftig auf und ab, und schien
vieles in sich zu unterdrücken, was, mit fliegender Röte und Blässe
wechselnd, sich auf seinem sonst unbeweglichen Gesichte malte. Er kam
auf mich zu, als ich hereintrat, und verlangte mit oft unterbrochenen
Worten, mich allein zu sprechen. Der Gang, auf den er mich, ihm zu
folgen, einlud, führte nach einem freien besonnten Teile des Gartens --
ich ließ mich stumm auf einen Sitz nieder, und es erfolgte ein langes
Schweigen, das selbst die gute Mutter nicht zu unterbrechen wagte.
Der Forstmeister stürmte immer noch ungleichen Schrittes die Laube auf
und ab, er stand mit einem Male vor mir still, blickte ins Papier, das
er hielt, und fragte mich mit prüfendem Blick: »Sollte Ihnen, Herr Graf,
ein gewisser _Peter Schlemihl_ wirklich nicht unbekannt sein?« Ich schwieg
-- »ein Mann von vorzüglichem Charakter und von besonderen Gaben --« Er
erwartete eine Antwort. -- »Und wenn ich selber der Mann wäre?« --
»Dem,« fügte er heftig hinzu, »sein Schatten abhanden gekommen ist!!« --
»O meine Ahnung, meine Ahnung!« rief _Mina_ aus, »ja ich weiß es längst,
er hat keinen Schatten!« und sie warf sich in die Arme der Mutter,
welche erschreckt, sie krampfhaft an sich schließend, ihr Vorwürfe
machte, daß sie zum Unheil solch ein Geheimnis in sich verschlossen. Sie
aber war, wie Arethusa, in einen Tränenquell gewandelt, der beim Klang
meiner Stimme häufiger floß, und bei meinem Nahen stürmisch aufbrauste.
»Und Sie haben,« hub der Forstmeister grimmig wieder an, »und Sie haben
mit unerhörter Frechheit diese und mich zu betrügen keinen Anstand
genommen; und Sie geben vor, sie zu lieben, die Sie so weit
heruntergebracht haben? Sehen Sie, wie sie da weint und ringt. O
schrecklich! schrecklich!«
Ich hatte dergestalt alle Besinnung verloren, daß ich, wie irre redend,
anfing: es wäre doch am Ende ein Schatten, nichts als ein Schatten, man
könne auch ohne das fertig werden, und es wäre nicht der Mühe wert,
solchen Lärm davon zu erheben. Aber ich fühlte so sehr den Ungrund von
dem, was ich sprach, daß ich von selbst aufhörte, ohne daß er mich einer
Antwort gewürdigt. Ich fügte noch hinzu: was man einmal verloren, könne
man ein andermal wieder finden.
Er fuhr mich zornig an. -- »Gestehen Sie mir's, mein Herr, gestehen Sie
mir's, wie sind Sie um Ihren Schatten gekommen?« Ich mußte wieder lügen:
»Es trat mir dereinst ein ungeschlachter Mann so flämisch in meinen
Schatten, daß er ein großes Loch darein riß -- ich habe ihn nur zum
Ausbessern gegeben, denn Gold vermag viel, ich habe ihn schon gestern
wieder bekommen sollen.«
»Wohl, mein Herr, ganz wohl!« erwiderte der Forstmeister, »Sie werben um
meine Tochter, das tun auch andre, ich habe als ein Vater für sie zu
sorgen, ich gebe Ihnen drei Tage Frist, binnen welcher Sie sich nach
einem Schatten umtun mögen; erscheinen Sie binnen drei Tagen vor mir mit
einem wohlangepaßten Schatten, so sollen Sie mir willkommen sein: am
vierten Tage aber -- das sag' ich Ihnen -- ist meine Tochter die Frau
eines andern.« -- Ich wollte noch versuchen, ein Wort an _Mina_ zu
richten, aber sie schloß sich, heftiger schluchzend, fester an ihre
Mutter, und diese winkte mir stillschweigend, mich zu entfernen. Ich
schwankte hinweg, und mir war's, als schlösse sich hinter mir die Welt
zu.
Der liebevollen Aufsicht _Bendels_ entsprungen, durchschweifte ich in
irrem Lauf Wälder und Fluren. Angstschweiß troff von meiner Stirne, ein
dumpfes Stöhnen entrang sich meiner Brust, in mir tobte Wahnsinn.
Ich weiß nicht, wie lange es so gedauert haben mochte, als ich mich auf
einer sonnigen Heide beim Ärmel anhalten fühlte. -- Ich stand still und
sah mich um -- -- es war der Mann im grauen Rock, der sich nach mir
außer Atem gelaufen zu haben schien. Er nahm sogleich das Wort: »Ich
hatte mich auf den heutigen Tag angemeldet, Sie haben die Zeit nicht
erwarten können. Es steht aber alles noch gut, Sie nehmen Rat an,
tauschen Ihren Schatten wieder ein, der Ihnen zu Gebote steht, und
kehren sogleich wieder um. Sie sollen in dem Förstergarten willkommen
sein, und alles ist nur ein Scherz gewesen; den _Raskal_, der Sie verraten
hat und um Ihre Braut wirbt, nehm' ich auf mich, der Kerl ist reif.«
Ich stand noch wie im Schlafe da. -- »Auf den heutigen Tag angemeldet
--?« ich überdachte noch einmal die Zeit -- er hatte recht, ich hatte
mich stets um einen Tag verrechnet. Ich suchte mit der rechten Hand nach
dem Säckel auf meiner Brust -- er erriet meine Meinung und trat zwei
Schritte zurück.
»Nein, Herr Graf, der ist in zu guten Händen, den behalten Sie.« -- Ich
sah ihn mit stieren Augen, verwundert fragend an, er fuhr fort: »Ich
erbitte mir bloß eine Kleinigkeit zum Andenken, Sie sind nur so gut und
unterschreiben mir den Zettel da.« -- Auf dem Pergamente standen die
Worte:
»Kraft dieser meiner Unterschrift vermache ich dem Inhaber dieses
meine Seele nach ihrer natürlichen Trennung von meinem Leibe.«
Ich sah mit stummem Staunen die Schrift und den grauen Unbekannten
abwechselnd an. -- Er hatte unterdessen mit einer neu geschnittenen
Feder einen Tropfen Bluts aufgefangen, der mir aus einem frischen
Dornriß auf die Hand floß, und hielt sie mir hin.