Ein ganzes Tausend von meines Vaters subtilsten Syllogismen hätte

nichts Stärkeres für den Ehelosenstand sagen können.

Mein Onkel Toby sah ernsthaft nach seinem Landhäuschen und dem grünen

Spielplatze zurück.

[Illustration]

Hunderteinunddreißigstes Kapitel.

Als mein Onkel Toby und der Korporal bis ans Ende der Allee marschiert

waren, fiel es ihnen ein, daß ihr Geschäft eines anderen Weges läge.

Sie machten also linksum und marschierten geradeswegs auf Madame

Wadmanns Türe zu.

»Es soll gut gehen, Euer Gnaden,« sagte der Korporal und legte dabei

seine Hand an seine Reitmütze, als er an ihm vorbeiging, um an die

Türe zu klopfen. Mein Onkel Toby, gegen seine sonst unveränderliche

Gewohnheit, seinem treuen Diener zu begegnen, antwortete ihm weder

Gutes noch Böses. Das lag daran, daß er seine Ideen noch nicht völlig

in Ordnung gebracht hatte. Er wünschte noch erst einmal in Konferenz zu

treten. Und als der Korporal die drei Stufen vor der Türe hinaufging,

stieß er zweimal hm! aus. Ein Teil von meines Onkels Toby sehr

bescheidener Herzhaftigkeit flog mit jedem Hm! zu dem Korporal hin. Der

stand eine ganze Minute lang mit dem aufgehobenen Türklopfer in der

Hand und wußte kaum, warum. -- Brigitte stand inwendig auf Vorposten

mit ihrem Finger und Daumen an der Klinke, erstarrt vor Erwartung der

Dinge. Madame Wadmann, mit einem Auge voller Bereitwilligkeit, die

Blume noch einmal zu opfern, saß atemlos hinter dem Vorhange vor dem

Fenster in ihrer Schlafkammer und bemerkte die Annäherung.

»Trim!« sagte mein Onkel Toby -- --. Aber als er die Worte aussprach,

war die Minute verstrichen, und Trim ließ den Klopfer fallen.

Mein Onkel Toby, als er gewahr wurde, daß solches alle seine Hoffnung

zu einer Konferenz den Kopf eingeschlagen hätte, -- pfiff den

Lillabullero.

[Illustration]

Hundertzweiunddreißigstes Kapitel.

Da Jungfer Brigitte schon mit Finger und Daumen die Klinke gefaßt

hielt, so klopfte der Korporal nicht so oft, wie vielleicht Euer Gnaden

Schneider tun muß. Ich hätte mein Beispiel schon ein wenig mehr in

die Nähe nehmen können, denn ich bin dem meinigen wenigstens über die

hundert Taler schuldig und wundere mich über des Mannes Geduld.

Aber das geht keinem Menschen etwas an; nur soviel, es ist eine

verdammte Sache, in Schulden zu stecken, und es scheint ein für allemal

ein feindliches Schicksal über die Schatzkammern gewisser guter

Prinzen zu walten, besonders über die von unserem Hause, das keine

Kameralwissenschaft in Fesseln zu legen vermag. Ich meinesteils bin

überzeugt, es ist kein anderer Prinz, Prälat, Papst, Potentat, groß

oder klein in der Welt, der in seinem Herzen mehr und eifriger wünscht

als ich, mit der ganzen Welt Saldo zu sein, oder dazu dienlichere

Mittel brauchte. Ich gebe niemals über einen Dukaten, gehe nicht in

Stulpenstiefeln, kaufe keine Zahnstocher, lege das ganze Jahr nicht

ein Viergroschenstück für Bänder und Spitzen an. Die sechs Monate, die

ich auf dem Lande zubringe, lebe ich so kärglich, daß ich mit aller

Gutherzigkeit von der Welt Rousseau meilenweit zurücklasse, denn ich

halte mir weder Kerl noch Jungen, noch Pferd noch Kuh, noch Hund noch

Katze, noch irgendein lebendiges Ding, das ißt oder trinkt, ausgenommen

ein armes dünnes Stück von einer Vestale, mein Feuer zu unterhalten,

die gewöhnlich eben so schlechten Appetit hat wie ich selbst. -- Wenn

Sie aber denken, das mache mich zum Philosophen, so möchte ich, meine

guten Leutchen, keinen Strohhalm für ihr Urteil geben!

Wahre Philosophie --. Aber der Gedanke läßt sich unmöglich abhandeln,

derweil mein Onkel Toby den Lillabullero pfeift.

»Laßt uns ins Haus gehen.«

[Illustration]

Hundertdreiunddreißigstes Kapitel.

Hundertvierunddreißigstes Kapitel.

Hundertfünfunddreißigstes Kapitel.

»Sie sollen die eigentliche Stelle sehen, Madame,« sagte mein Onkel

Toby.

Dieses erheischt abermals eine Erklärung. Es zeigt, wie wenig man aus

bloßen Worten lernen kann. Wir müssen zu der ersten Quelle zurückgehen.

Um nun den Nebel aufzuhellen, welcher über diesen drei Seiten liegt,

muß ich mich bestreben, selbst so hell und deutlich zu sehen wie

möglich.

Reiben Sie Ihre Hände dreimal über Ihre Stirnen, -- schneuzen Sie sich,

-- reinigen Sie die Schleimdrüsen, -- niesen Sie, meine lieben Freunde!

-- So! Gott helf!

Nun kommen Sie mir aus aller Macht zu Hilfe.

Wir leben in unserer Welt, an allen Seiten mit Geheimnissen und Rätseln

umgeben. Also tut's nichts, sonst schiene es wunderbar, daß die Natur,

welche alle Dinge so zweckmäßig macht und selten oder niemals irrt (es

sei denn aus Spielerei), indem sie allem, was durch ihre Hand geht, sie

bestimme es für den Pflug, für die Karawane oder für den Karren -- oder

was für ein Geschöpf sie modelliert, wär's auch nur ein Eselsfüllen

--, solche Bildung und Fähigkeiten gibt und mitteilt, daß Sie sicher

sind, das Ding zu bekommen, was Sie verlangen; -- daß die Natur, sage

ich, doch zu gleicher Zeit beständig so fortpfuscht, wenn sie ein so

einfältiges Ding macht wie einen Ehemann.

Liegt das an der Wahl des Erdkloßes oder daß solcher häufig durchs

Kneten verdorben wird. Durch zu häufiges Kneten, wissen Sie, kann der

Leim und ein Ehemann einerseits zu krustig werden, anderseits durch

Mangel an Wärme nicht krustig genug. Oder ist diese große Künstlerin

nicht aufmerksam genug auf die kleinen platonischen Bedürfnisse

desjenigen Teils des menschlichen Geschlechts, zu dessen Gebrauch sie

diesen macht? -- Oder weiß die gnädige Frau zuweilen selbst nicht

recht, was für eine Art Ehemann es sein soll? -- Kurz, das alles weiß

ich nicht. Nach dem Abendessen wollen wir davon sprechen.

Es ist genug, daß weder die Bemerkung selbst noch die daraus gemachte

Folgerung im geringsten für die Sache sind, sondern vielmehr dagegen.

Weil in Ansehung der Fähigkeiten meines Onkels Toby zum heiligen

Ehestande nichts in der Welt besser sein konnte. Die Natur hatte ihn

aus dem besten und gutartigsten Leim gebildet, hatte solchen mit ihrer

eigenen Milch eingeweicht und den sanftesten Geist hineingeblasen. Sie

machte ihn durch und durch tapfer, großmütig und menschlich. Sie hatte

sein Herz mit Treue und gutem Glauben angefüllt, und hatte jede Leitung

zu demselben zur Mitteilung der zärtlichsten Dienste eingerichtet. Sie

hatte noch bei dem allen die anderen Ursachen mit in Betracht gezogen,

weswegen der Ehestand eingesetzt wurde.

Und hatte also -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

* * * * *

Der Segen war auch durch meines Onkels Toby Wunde nicht von ihm

genommen.

[Illustration]

Hundertsechsunddreißigstes Kapitel.

Jungfer Brigitte hatte den ganzen Vorrat von Ehre, den eine arme

Zofe aufbringen konnte, darauf verpfändet, daß sie, noch ehe zehn

Tage vergingen, die Sache von Grund aus wissen wollte. Und sie hatte

einen der unbestrittensten Vorsätze gefaßt; derweil mein Onkel Toby

seine Liebe bei ihrer Herrschaft antrüge, würde der Korporal nichts

Besseres zu tun finden, als ihr die seinige anzutragen. »Und ich will

ihm soviel Willen lassen, wie er will,« sagte Brigitte, »um es aus ihm

herauszubringen.«

Madame Wadmann aber war entschlossen, ihre Karten selbst zu spielen.

Es bedurfte bei ihr keines Zuredens. Ein Kind hätte ihm in die Karten

gucken können. Er spielte mit solcher Offenherzigkeit und Ehrlichkeit

alle seine Trümpfe aus der Hand und hatte sowenig Arg daraus, wie man

sich mit Aß und Dame hinter die Hand bringen müßte, -- und so nackt und

wehrlos saß er da mit Madame Wadmann auf einem Sofa beisammen, daß ein

großmütiges Herz geweint haben würde, ihm das Spiel abzugewinnen.

Laß uns die Metapher beiseitesetzen.

[Illustration]

Hundertsiebenunddreißigstes Kapitel.

Und die Geschichte dazu, wenn's Ihnen beliebt! Denn obgleich ich

beständig mit solchem herzlichen Verlangen auf diese Stelle zugeeilt

bin, wohl wissend, daß es von allem, was ich der Welt vorzusetzen

habe, der beste Leckerbissen ist, so will ich doch jetzt, da ich dabei

angelangt bin, gerne einem jeden meine Feder übergeben, die Historie

an meiner Statt fortzusetzen. Ich sehe die Schwierigkeit dieser

Beschreibungen ein, die ich vorhabe, und fühle meinen Mangel an

Kräften.

Ich habe wenigstens den einen Trost, daß ich diese Woche an die acht

Unzen Blut in einem sehr tückischen Fieber verloren habe, das mich

überfiel, als ich dieses Kapitel anfing. Daß ich also noch einige

Hoffnung habe, es könne eher an den seriösen und kugelförmigen Teilen

des Blutes liegen, als an der subtilen Aura des Gehirns. -- Es sei,

wie ihm wolle. Eine Anrufung kann nicht schaden! Und ich überlasse es

völlig dem Angerufenen, mir's einzublasen oder einzuspritzen, wie er's

für nützlich findet.

~Die Anrufung~.

Gütiger Spiritus der angenehmen Laune, der du vormals auf der leichten

Feder meines geliebten Cervantes saßest. Du, der du täglich durch seine

Fensterscheiben schlüpftest und die Dämmerung seines Gefängnisses durch

deine Gegenwart in hellen Mittagsschein verkehrtest, seinen kleinen

Wasserkrug mit himmlischem Nektar vermischtest und die ganze Zeit, da

er von Sancho und seinem Herrn schrieb, deinen mystischen Mantel über

seinen welken Stummel warfst[3] und ihn weit über alle Übel seines

Lebens breitetest.

Kehre bei mir ein, ich bitte dich! Siehe diese Beinkleider! Mehr habe

ich nicht in dieser Welt. Diesen häßlichen Riß bekamen sie zu Lyon. --

Meine Hemden! Siehe, was für ein schreckliches Schisma sich unter ihnen

hervorgetan hat. Denn die vorderen Zipfel sind in der Lombardei und das

übrige davon hier. Nie hatte ich mehr als sechs, und eine listige Hexe

von Wäscherin zu Mailand schnitt mir von fünf die Zipfel ab. Doch um

ihr nicht Unrecht zu tun, sie tat es mit Bescheidenheit.

Und dennoch, trotz alledem und einem Pistolenfeuerzeug, das mir noch

dazu in Sienna weggemaust ward, und daß ich zweimal fünf Paoli für zwei

harte Eier bezahlen mußte, einmal zu Radioffini und das andere Mal zu

Capua, -- halte ich eine Reise durch Frankreich und Italien -- nur muß

ein Mensch auf dem ganzen Wege nicht ärgerlich werden -- für keine so

schlimme Reise, wie einige Leute Ihnen gern weismachen möchten. Es muß

zuweilen auf und nieder gehen. Wie Henker wollten wir sonst zu den

Tälern gelangen, in denen die Natur so manche Tafel des Vergnügens für

uns gedeckt hat. Unklug ist's, sich einzubilden, sie werden uns ihr

Fuhrwerk leihen, daß wir es umsonst in Stücken zerbrechen können. Und

wenn Sie nicht zwölf Sous bezahlen, ihre Räder zu schmieren, woher

sollte der arme Bauer Butter zu seinem Brote nehmen? -- Wirklich,

wir erwarten zuviel -- und für das Paar Lire, das man Ihnen für Ihr

Abendessen und Bette zuviel abnimmt, was machen denn am Ende die aus?

Wer wollte darüber seine Philosophie verwirren? Um's Himmels und um

Ihrer selbst willen, zahlen Sie -- zahlen Sie mit zwei offenen Händen!

Lieber, als bei Ihrem Abfahren eine vereitelte Hoffnung auf dem Auge

der hübschen Wirtin und ihrer schönen Tochter sitzen zu lassen. Und

noch dazu, mein lieber Herr, nehmen Sie einen schwesterlichen Kuß von

beiden. Jeder ist seinen Louisdor wert. Ich wenigstens tat es! --

Denn da mir den ganzen Weg über meines Onkels Toby Liebesgeschichte im

Kopfe herumlief, tat solche die nämliche Wirkung auf mich, als wäre

es meine eigene gewesen. -- Ich befand mich in dem vollkommensten

Zustande der Güte und des Wohlwollens und fühle bei jeder Erschütterung

des Wagens die Schwingungen der sanftesten Harmonie, dergestalt, daß

mir's keinen Unterschied machte, ob die Wege höckerig waren oder eben.

Alles, was ich sah oder womit ich zu tun hatte, fiel auf eine geheime

Springfeder des Empfindens oder Entzückens.

Es waren die lieblichsten Töne, die je mein Ohr berührt hatten; und

den Augenblick ließ ich das Vorderglas nieder, um sie deutlicher zu

hören. -- »Es ist Maria,« sagte der Postillon, der es bemerkte, daß

ich horchte. -- »Die arme Maria,« fuhr er fort und bog sich dabei nach

einer Seite, um mich sie sehen zu lassen, denn er saß in gerader Linie

zwischen uns, »sitzt auf dem Rasen und spielt auf ihrer Flöte ihren

Vespergesang, mit ihrer kleinen Ziege neben ihr.«

Der junge Kerl brachte dies mit einem Tone und Blicke hervor,

die so völlig rein zu einem gefühlvollen Herzen gestimmt waren,

daß ich augenblicklich ein Gelübde tat, ich wollte ihm ein

Vierundzwanzigsousstück geben, wenn ich nach Moulins käme.

»Und wer ist die arme Maria?« sagte ich.

»Die Liebe und das allgemeine Bedauern aller Dorfschaften um uns

herum,« sagte der Postillon. »Es ist erst drei Jahre her, daß die Sonne

auf kein schöneres, witzigeres und liebenswürdigeres Mädchen schien.

Und Maria verdiente ein besseres Schicksal, als daß ihr ein Eheverbot

angelegt würde, und das durch die Kunstgriffe des Pfarrers, der sie

aufbieten sollte.«

Er wollte weiterreden, als Maria, die eine kurze Pause gemacht hatte,

die Flöte in den Mund nahm und den Gesang von neuem begann. Es waren

dieselben Noten, aber sie waren zehnmal lieblicher. »Es ist das

Abendlied an die heilige Jungfrau,« sagte der junge Mann. »Aber wer

es sie spielen gelehrt oder wie sie zu ihrer Flöte gekommen, das weiß

kein Mensch. Wir denken, der Himmel hat ihr zu beiden verholfen. Denn

solange es in ihrem Kopfe nicht richtig ist, scheint das ihr einziges

Labsal zu sein. -- Sie hat die Flöte noch niemals aus der Hand gelegt,

sondern darauf ihr Abendlied beständig fast Nacht und Tag gespielt.«

Der Postillon erzählte dieses mit so vieler Bescheidenheit und solcher

natürlichen Beredsamkeit, daß ich mich nicht enthalten konnte, etwas in

seinem Gesicht zu entziffern, das über seinen Stand wäre. Und ich würde

sein Gesicht ausgeforscht haben, hätte nicht Marias Gesicht so völligen

Besitz von mir genommen.

Wir waren um diese Zeit fast bis an den Rasen gekommen, auf welchem

Maria saß. Sie trug ein weißes feines Mieder, und ihre Haare, bis auf

zwei Locken, waren in ein seidenes Netz aufgebunden, in das an der

einen Seite ein wenig phantastisch ein paar Olivenblätter geflochten

waren. Sie war schön; und wenn ich jemals die ganze Stärke eines

redlichen Herzeleids empfunden habe, so war es in dem Augenblick, da

ich sie sah.

»Gott steh' ihr bei! Armes Mädchen! Sie haben mehr als hundert Messen

in den verschiedenen Dorf- und Klosterkirchen um uns herum für sie

lesen lassen. Aber es hat nichts geholfen. Wir haben doch noch

Hoffnung, denn sie ist zuweilen auf kurze Zeit ganz verständig, daß sie

die heilige Mutter Gottes wieder zurechtbringen wird. Ihre Eltern aber,

die sie am besten kennen, haben alle Hoffnung aufgegeben und meinen,

daß sie ihre Sinne auf immer verloren hat.«

Als der Postillon das sagte, machte Maria eine so melancholische

Kadenz, so zärtlich und wehklagend, daß ich aus dem Wagen sprang, ihr

zu helfen, und fand mich zwischen ihr und ihrer Ziege sitzend, ehe ich

aus meinem Enthusiasmus wieder zu mir selbst kam.

Maria sah einige Zeit ganz starr auf mich und dann auf ihre Ziege --

und dann wieder auf mich -- und dann wieder auf ihre Ziege, und so

fort, eins um das andere.

»Nun, Maria,« sagte ich sanft, »was für eine Ähnlichkeit findet Sie?«

Ich bitte den redlichen Leser, mir zu glauben, daß die Frage aus der

demütigsten Überzeugung geschah, daß der Mensch ein Tier sei. In der

ehrwürdigen Gegenwart des Elends hätte ich mir keinen unzeitigen Scherz

entfallen lassen mögen, hätte ich dadurch einen Anspruch auf den besten

Witz erlangen können, den Rabelais jemals ausgelassen hat. Und dennoch,

ich bekenne es, tat mir's im Herzen wehe. Ich wurde über den bloßen

Gedanken daran so unruhig, daß ich schwur, ich wollte mich mein ganzes

Leben auf Weisheit legen und nichts als ernsthafte Sittensprüche sagen

-- und niemals, niemals wieder versuchen, mit Mann, Weib oder Kind

Schnurren zu treiben, solange ich lebte.

Was das betrifft, Wischiwaschi für Sie zu schreiben, -- ich glaube, das

war ein Vorbehalt --; aber das überlasse ich der Welt.

Lebe wohl, Maria! Lebe wohl, armes unglückliches Mädchen!

Zu einer anderen Zeit, aber nicht jetzt, höre ich vielleicht deine

Leiden von deinen eigenen Lippen. -- Aber ich irrte mich. Denn ebenden

Augenblick nahm sie ihre Flöte und erzählte mir damit eine solche

Geschichte des Jammers, daß ich aufstand und mit schwankendem Schritt

langsam nach meinem Wagen ging.

Was für ein vortreffliches Wirtshaus zu Moulins!

[Illustration]

Hundertachtunddreißigstes Kapitel.

Wenn wir bis ans Ende dieses Kapitels gekommen sind, aber nicht eher,

müssen wir alle wieder zu den beiden in Blanko gelassenen Kapiteln

zurückkehren. Ihretwegen liegt meine Ehre schon eine halbe Stunde

und blutet. Ich stille es dadurch, daß ich einen von meinen gelben

Pantoffeln abziehe und ihn aus allen meinen Kräften an die Wand

gegenüber werfe, mit der Erklärung dahinter:

Was für eine Ähnlichkeit auch unter der Hälfte von allen Kapiteln

sein mag, die in der Welt geschrieben sind, oder, wenn ich mich nicht

gröblich irre, eben jetzt geschrieben werden: -- so war es doch ganz

so zufällig, wie der Schaum an Zeus' Pferden, daß in diesen beiden

Kapiteln, wie in der Hälfte von »allen«, auch nichts stand. Überdem

habe ich auch für ein Kapitel, in welchem nichts steht, allemal

Respekt. Und in Betracht, was für schlimmere Sachen es in der Welt

gibt, halte ich so etwas für keinen schicklichen Gegenstand der Satire.

Warum wurden sie denn in Blanko gelassen? Und hier, ohne meine Antwort

zu erwarten, werde ich Dummkopf, Pinsel, Gimpel, Gelbschnabel,

Firlefanz, Ölgötze, Langohr, Brausebart und mit anderen unverdaulichen

Namen mehr gescholten werden, wie sie jemals die Kuchenbäcker von

Lernee den Schäfern des Königs Garagantnas in die Zähne warfen; und

mögen sie's tun, wie Brigitte sagte, soviel als sie gelüstet; denn wie

war es möglich, daß sie die Notwendigkeit vorhersehen konnten, in die

ich gesetzt war, das hundertachtunddreißigste Kapitel meines Buches

früher zu schreiben als das hundertdreiunddreißigste usw.?

Ich nehme es ihnen also nicht übel. Alles, was ich wünsche, ist, daß es

der Welt eine Lehre sein möchte: »~Die Leute ihre Historien auf ihre

eigene Art erzählen zu lassen.~«

[Illustration]

Das 132. Kapitel.

Da Jungfer Brigitte die Türe öffnete, ehe der Korporal noch einmal

recht geklopft hatte, so war zwischen dem und der Einführung meines

Onkels Toby ins Besuchszimmer die Zeit so kurz, daß Madame Wadmann nur

ebensoviel Zeit hatte, hinter dem Vorhange wegzuwischen, eine Bibel auf

den Tisch zu legen und ein paar Schritte gegen die Türe zu gehen, um

ihn zu empfangen.

Mein Onkel Toby begrüßte Madame Wadmann nach der Weise, wie im Jahre

unseres Herrn eintausendsiebenhundertunddreizehn das Frauenzimmer von

Mannspersonen begrüßt ward. Darauf machte er rechtsum, ging in einem

Gliede mit ihr zum Kanapee und in drei kleinen Worten, doch nicht,

bevor er sich gesetzt hatte, auch nicht, nachdem er sich gesetzt hatte,

sondern indem er sich setzte, sagte er ihr, er liebte sie.

Madame Wadmann sah natürlicherweise nieder auf eine Naht, die sie

in ihrer Schürze aufgetrennt hatte, und erwartete alle Augenblicke,

daß mein Onkel weitergehen würde. Allein, da er keine Gabe zur

Amplifikation hatte, und Liebe dazu noch eine Sache war, mit der er

unter allen am wenigsten meisterlich umzugehen wußte, so ließ er's,

nachdem er Madame Wadmann einmal gesagt hatte, daß er sie liebte, damit

gut sein und ließ die Sache durch sich selbst wirken.

Mein Vater hatte beständig seine herzliche Freude über dies System

meines Onkels Toby, wie er's fälschlich nannte, und pflegte oft zu

sagen, hätte sein Bruder zu diesem Prozesse nur noch das Feuer von

einer Pfeife Tabak setzen können, er hätte damit flugs, wenn nur irgend

etwas Wahres an einem spanischen Sprichworte wäre, seinen Weg zu den

Herzen der Hälfte von allen Weibern auf der Erdkugel gefunden.

Mein Onkel Toby verstand niemals, was mein Vater damit sagen wollte.

Ebensowenig will ich voreilig sein und mehr daraus schließen als die

Verwerfung eines Irrtums, in welchem der große Haufen in der Welt

steckt. -- Aber die Franzosen, Mann für Mann, glauben fast eben so

himmelfest daran wie an die körperliche Gegenwart, daß von Liebe reden

Liebe sei.

Nach diesem Rezept möchte ich ebensogut eine Blutwurst machen wollen.

Laß uns weitergehen. Madame Wadmann saß in der Erwartung, daß er es

täte, bis fast auf den ersten Pulsschlag ~der~ Minute, in der das

Stillschweigen von einer Seite oder der anderen gewöhnlich unanständig

wird. Dann rückte sie ein wenig näher zu ihm. Und indem sie ihre Augen

aufhob, errötete sie ein wenig, nahm den Ausforderungshandschuh oder,

wenn Sie das lieber hören, das Gespräch auf und fing die Unterredung

mit meinem Onkel Toby folgendermaßen an:

»Die Sorgen und die Beschwerlichkeiten des Ehestandes,« sagte Madame

Wadmann, »sind sehr groß.« -- »Das sind sie, glaube ich,« sagte mein

Onkel Toby. -- »Wenn also eine Person,« fuhr Madame Wadmann fort,

»so ruhig leben kann wie Sie, so glücklich, Herr Kapitän, durch sich

selbst, durch Ihre Freunde und durch Ihren Zeitvertreib, so wundere ich

mich, was Sie für Ursachen haben können, sich in diesen neuen Stand zu

begeben.«

»Sie stehen,« sagte mein Onkel Toby, »alle in dem Buch geschrieben,

woraus der Prediger bei der Trauung vorliest.«

Bis dahin ging mein Onkel Toby mit Behutsamkeit, blieb auf seiner Tiefe

und ließ Madame Wadmann über dem Abgrunde segeln nach ihrem eigenen

Gefallen.

»Was die Kinder anbelangt,« sagte Madame Wadmann, »obgleich vielleicht

ein hauptsächlicher Zweck der Einsetzung der Ehe und ein natürlicher

Wunsch, wie ich glaube, aller Eheleute, so wissen wir gar wohl, daß

sie gewisse Sorgen und sehr ungewisse Freuden machen! Und, mein lieber

Herr Kapitän, was hat man für das Herzeleid, was für Vergeltung für die

manchen zärtlichen, unruhigen Bekümmernisse einer leidenden wehrlosen

Mutter, die sie auf die Welt bringen muß?« -- »Ich bekenne,« sagte mein

Onkel Toby, von mitleidigem Gefühl ergriffen, »ich kenne keine, es sei

denn das Vergnügen, womit es dem lieben Gott gefallen hat --.«

»Ein Wischiwaschi,« sagte sie.

Das 133. Kapitel.

Nun gibt es eine solche unendliche Menge von Tönen, Klängen, Weisen,

Melodien, Mienen, Blicken und Akzenten, womit das Wort Wischiwaschi in

allen solchen Fällen wie dieser ausgesprochen werden kann. Und jedes

darunter drückt ihm einen von den anderen so verschiedenen Sinn und

Verstand ein, wie Schmutz von Reinlichkeit sind. So daß die Kasuisten

-- denn in dieser Betrachtung ist es ein Gewissensfall -- nicht weniger

als vierzehntausend Fälle aufrechnen, in welchen man es richtig oder

falsch sagen kann.

Madame Wadmann sagte ihr Wischiwaschi so, daß es meinem Onkel Toby all

sein bescheidenes Blut in die Wangen trieb. Da er dergestalt fühlte,

daß er unversehenerweise über seine Tiefe hinausgeraten sein müßte,

brach er kurz ab. Und ohne sich weiter auf die Sorgen oder Freuden des

Ehestandes einzulassen, legte er seine Hand auf sein Herz und tat sein

Anerbieten, solche, wie sie vorkämen, auf sich zu nehmen und mit ihr zu

teilen.

Als mein Onkel Toby dieses gesagt hatte, mochte er's nicht gerne noch

einmal sagen. Da er dabei seine Augen auf die Bibel warf, welche Madame

Wadmann auf den Tisch gelegt hatte, nahm er sie in die Hand. Und da ihm

gleich -- der gute Mann! -- eine vor allen anderen sehr interessante

Stelle auffiel -- es war die Belagerung von Jericho --, so machte er

sich daran, sie zu überlesen. Indessen ließ er seinen Heiratsantrag,

wie er vorher mit seiner Liebeserklärung gemacht hatte, durch sich

selbst bei ihr wirken. Nun wirkte er weder als ein Adstringens noch als

ein Solvens, weder als Opium noch als Chinarinde, weder als Merkurius

noch als Stechdorn noch als irgendein Apothekermittel, welches die

Natur der Welt verliehen hat. Kurz, er wirkte ganz und gar nicht bei

ihr. Und das lag daran, daß vorher schon etwas bei ihr in Wirkung war.

-- Was ich für ein Plappermaul bin! Ein dutzendmal wohl habe ich schon

vorher gesagt, was es war. Aber es ist noch Feuer in der Materie. --

Nur zu!

[Illustration]

Hundertneununddreißigstes Kapitel.

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy · 第 19 / 20 段