»In fünf oder sechs Minuten fühlte ich schon ein bißchen von der Spitze

ihres Fingers -- und bald darauf streckte sie ihn auch aus und rieb mit

zwei Fingern eine lange Weile so rund herum; da fiel mir's ein, daß

ich verliebt werden würde. Ich wurde ganz rot im Gesicht, als ich sah

was sie für eine weiße Hand hatte. Ja, Euer Gnaden, ich werde eine so

schneeweiße Hand nicht wieder zu sehen kriegen, solange ich lebe.«

»An der Stelle nicht,« sagte mein Onkel Toby.

Es war zwar für den Korporal die ernsthafteste Verzweiflung von der

Welt, er konnte aber doch nicht unterlassen zu schmunzeln.

»Als die junge Begyne sah,« fuhr der Korporal fort, »daß es gewaltig

half, nachdem sie ein Weilchen mit zwei Fingern gerieben hatte, fing

sie endlich an, mit dreien zu reiben, bis sie endlich nach und nach

auch den vierten dazunahm und nun mit der ganzen Hand rieb. Ich will,

mit Euer Gnaden Wohlnehmen, kein Wort wieder von schneeweißen Händen

sagen -- aber sie war so weich, so weich, weicher als Atlas.«

»Höre Er, Trim, lobe Er sie, soviel als Er will,« sagte mein Onkel

Toby, »ich werde seine Erzählung mit desto größerem Vergnügen hören.«

-- Der Korporal dankte seinem Herrn ohne alle Verstellung. Da er aber

nichts weiter von der Hand der Begyne zu sagen hatte als ebendasselbe

noch einmal, so ging er weiter, zu ihrer Wirkung.

»Die schöne Begyne,« sagte der Korporal, »rieb immer, immer weg mit

ihrer ganzen Hand unter meinem Knie, bis ich besorgte, ihr Eifer würde

sie müde machen. Ich wollte noch wohl tausendmal mehr tun, sagte

sie, aus Liebe zum Heilande. Und wie sie das sagte, fuhr sie über

den Flanell herüber nach der Stelle über dem Knie, worüber ich auch

geklagt hatte, und rieb sie ebenfalls.

»Nun merkte ich, daß ich anfing verliebt zu werden.

»Als sie das Reiben, Reiben, Reiben so forttrieb, so fühlte ich, mit

Euer Gnaden Erlaubnis, daß es unter ihrer Hand anfing und sich durch

alle meine Glieder ausstreckte.

»Je mehr sie rieb und je längere Züge sie tat, je mehr zündete sich

das Feuer in meinen Adern an, bis endlich meine Verliebtheit auf den

höchsten Gipfel stieg -- ich ergriff ihre Hand --«

»Und Er drückte sie an seine Lippen, Trim,« sagte mein Onkel Toby.

Ob es mit des Korporals Verliebtheit genau so ablief, wie mein Onkel

Toby es beschrieb, das ist keine wesentliche Sache. Genug, daß sie

alles das Wesentliche aller verliebten Romane in sich enthielt, welche

von Anbeginn der Welt her geschrieben sind.

[Illustration]

Hundertzwanzigstes Kapitel.

Sobald der Korporal seiner Liebesgeschichte, oder vielmehr mein Onkel

Toby an seiner Statt, ein Ende gemacht hatte, -- marschierte Madame

Wadmann ohne Sang und Klang aus ihrer Laube, steckte ihre Haube wieder

unterm Kinn zu, passierte das kleine Heckenpförtchen und avancierte

langsam auf meines Onkels Toby Schilderhaus los. Die Disposition,

welche Trim in seinem Gemüte gemacht hatte, war ein zu vorteilhafter

Umstand, ihn nicht zu nützen.

Die Attacke ward beschlossen; sie war dadurch noch mehr begünstigt,

daß mein Onkel Toby dem Korporal befohlen hatte, den Spaten, die

Pionierschaufel, die Steckpflöcke und das übrige Kriegsgerät, welches

auf dem Platze, wo Dünkirchen gestanden, zerstreut herumlag, aus dem

Felde zu fahren. Der Korporal war abmarschiert -- das Feld war offen.

Nun überlegen Sie, mein Herr, wie unvernünftig es sei, sowohl beim

Fechten und Schreiben als sonst bei irgend etwas, das man vorhat --

es sei gereimt oder nicht --, nach einem Plane zu handeln. Denn wenn

jemals ein Plan, von allen Umständen unabhängig betrachtet, verdiente

mit goldenen Buchstaben registriert zu werden -- ich meine in den

utopischen Archiven --, so war es gewiß der Plan von Madame Wadmanns

planmäßiger Attacke auf meinen Onkel Toby in seinem Schilderhause. --

Nun aber war der Plan, der eben bei dieser Gelegenheit daran hing,

der Plan von Dünkirchen -- und die Geschichte von Dünkirchen eine

niederschlagende Geschichte, welche sich jedem Eindrucke widersetzte,

den sie machen konnte. Und überdem, hätte sie ihm auch folgen können,

war das Manöver mit den Fingern und der Hand bei der Attacke im

Schilderhause durch das Manöver der Begyne in Trims Geschichte so sehr

weit übertroffen, daß gerade dadurch diese besondere Attacke, so sehr

sie auch vorher gelang, die allerherzloseste Attacke war, die nur

gemacht werden konnte.

O, man lasse für so etwas das Frauenzimmer nur sorgen! Madame Wadmann

hatte kaum das Heckenpförtchen geöffnet, als ihr Genie sich schon ein

bloßem Spiel aus den veränderten Umständen machte.

Sie entwarf augenblicklich eine neue Attacke.

[Illustration]

Hunderteinundzwanzigstes Kapitel.

»Ich bin halb von Sinnen, Herr Kapitän,« sagte Madame Wadmann und hielt

ihr weiß holländisch-leinen Schnupftuch vor ihr linkes Auge, wie sie

sich der Türe von meines Onkels Toby Schilderhause näherte. »Eine Mücke

oder ein Sandkorn oder so etwas, ich weiß nicht was, ist mir da in mein

Auge gekommen. -- O sehen Sie mir doch einmal hinein -- es ist nicht im

Weißen.«

Sowie sie das sagte, drängte sie sich zu meinem Onkel Toby hinein auf

die Ecke von seiner Bank und gab ihm Gelegenheit, es zu tun, ohne daß

er aufzustehen brauchte. »Ich bitte, sehen Sie doch hinein!« sagte sie.

Gute ehrliche Seele! Du sahest hinein mit ebensoviel Unschuld des

Herzens, als jemals ein Kind in einen Kasten voll schöner Raritäten

geguckt hat, und es wäre eine ebenso große Sünde, dir etwas zuleide zu

tun.

Will ein Mensch aus freien Stücken in dergleichen Dinger hineingucken,

so habe ich nichts dazu zu sagen.

Das tat mein Onkel Toby niemals; und ich will für ihn Bürge sein, daß

er vom Julimonat bis zum Januar -- welches, wie Sie wissen, die heißen

und kalten Monate in sich faßt -- ruhig auf einem Sofa gesessen hätte

bei einem eben so schönen Auge als das Auge der thrazischen Rhodope,

ohne daß er imstande gewesen wäre zu sagen, ob es ein blaues oder ein

schwarzes gewesen.

Die Schwierigkeit war, meinen Onkel Toby dahin zu bringen, daß er nur

überall in eins sähe.

Die ist überstiegen. Und:

Ich sehe ihn dort mit seiner Pfeife in seiner Hand, die Asche

herausfallend, wie er guckt und guckt, dann sich die Augen reibt und

wiederum guckt, mit zweimal soviel Treuherzigkeit, als Galilei nach

einem Flecken in der Sonne guckte.

Vergebens! Denn bei allen Mächten, welche die Sehwerkzeuge beseelen,

der Witwe Wadmann linkes Auge scheint diesen Augenblick ebenso helle

wie ihr rechtes. Es schwimmt darin weder Mücke, weder Sand, weder

Staub, weder Kaff, weder Fleck, noch Teilchen von undurchsichtiger

Materie. -- Du findest nichts darin, mein liebster Onkel von

väterlicher Seite, als ein liebliches loderndes Feuer, welches

verstohlenerweise aus jedem seiner Punkte in allen Richtungen heraus in

deines schießt. Guckst du, mein Onkel Toby, nach diesem Stäubchen noch

einen Augenblick länger -- so bist du verloren.

[Illustration]

Hundertzweiundzwanzigstes Kapitel.

Ein Auge ist darin ganz vollkommen einer Kanone gleich, daß es nicht

sowohl das Auge oder die Kanone an und für sich selbst tut, als die

Richtung des Auges und die Richtung der Kanone, wodurch das eine und

die andere so viele Verwüstung anrichten. Ich halte das Gleichnis nicht

für schlecht. Indessen, da ich's ebensowohl des Nutzens als der Zierde

wegen gemacht und an die Spitze des Kapitels gestellt habe, so ist

alles, was ich dafür zur Vergeltung verlange, dieses, daß Sie solches,

sooft ich von Madame Wadmanns Augen spreche -- einmal in den nächsten

Perioden ausgenommen -- im Sinne behalten mögen.

»Ich versichere Sie, Madame,« sagte mein Onkel Toby, »ich kann ganz und

gar nichts in Ihrem Auge gewahr werden.«

»Es ist nicht im Weißen,« sagte Madame Wadmann. Mein Onkel Toby guckte

aus allen Kräften und Vermögen in den Stern.

Nun war von allen Augen, die jemals geschaffen sind -- von Ihren

eigenen, gnädige Frau, bis auf die Augen der Venus zurück, welches

doch wahrhaftig ein so buhlend Paar Augen waren, wie jemals in einem

Kopfe gestanden --, kein einziges Auge so geschickt, meinen Onkel

Toby um seine Ruhe zu bringen, wie gerade dasselbige Auge, in welches

er da hineinsah. Es war kein rollendes Auge, Madame, kein tobendes

oder mutwilliges, auch war's kein funkelndes, kein drohendes oder

befehlendes Auge, das stracks viel fordern und ertrotzen wollte.

Das hätte auf einmal jene Milch der menschlichen Natur gerinnen

gemacht, aus der mein Onkel Toby gemolken war. Sondern es war ein

Auge voll sanften Grußes und lieblicher Antworten. Es sprach nicht

wie ein Trompetenregister in einer schlechtgebauten Orgel, in welchem

Tone manches Auge, dem man etwas sagt, eine kreischende Unterredung

führt, -- sondern es lispelte leise, gleich dem leisen Röcheln einer

sterbenden Heiligen:

»Wie können Sie ohne alle Pflege leben, Herr Kapitän Shandy, und so

einsam, ohne einen Busen, an den Sie Ihr Haupt lehnen oder dem Sie Ihre

Sorgen vertrauen könnten?«

Es war ein Auge --

Aber ich werde mich noch selbst darin verlieben, wenn ich nur noch ein

Wort weiter davon sage.

Meinem Onkel Toby machte es den Garaus.

[Illustration]

Hundertdreiundzwanzigstes Kapitel.

Nichts setzt die Charaktere meines Vaters und meines Onkels Toby in

ein unterhaltenderes Licht als ihre verschiedene Art des Betragens bei

einerlei Zufalle. -- Denn ich nenne die Liebe keinen Unfall, aus der

Überzeugung, in der ich bin, daß das Herz eines Menschen beständig

dadurch besser wird. -- Gütiger Gott! Was müßte aus dem Herzen meines

Onkels Toby geworden sein, das ohnedem schon lauter Güte war.

Mein Vater, wie aus vielen seiner Papiere erhellt, war dieser

Leidenschaft sehr unterworfen, ehe er heiratete. Wegen einer etwas

säuerlichen Art von schnurriger Ungeduld in seinem Wesen aber wollte

er sich, sooft es ihn überkam, niemals als ein Christ darin finden,

sondern tobte und schnaubte und stampfte und schlug hinten aus und

stellte sich ungebärdig und schrieb so bittere Stachelschriften gegen

das Auge, wie jemals ein Mann geschrieben hat. Eine findet sich noch,

die er gegen irgendeines oder das andere Auge geschrieben hat, das ihn

drei Nächte hintereinander am Schlaf gehindert hatte. Er hebt in der

ersten Aufwallung seines Zorns also an:

»Ein Satan ist's -- und tut solch Unheil wirken,

Als niemals noch geschah von Heiden, Juden, Türken.«[2]

Kurz zu sagen, während des ganzen Anfalls tat mein Vater nichts als

schimpfen und schmähen. Es ging sogar bis zum vermaledeien. Nur tat er

das nicht so methodisch wie Ernulphus. Da war er zu hitzig zu. Denn

obgleich mein Vater mit der unbiegsamsten Gemütsart von der Welt dieses

und jenes und alles unter der Sonne zu vermaledeien pflegte, was seine

Liebe entzündete oder begünstigte, so schloß er doch niemals sein

Vermaledeiungskapitel dagegen, ohne sich im Kauf mit zu verwünschen:

als einen der größten Gimpel und Faselhänse, wie er zu sagen pflegte,

die nur jemals in Gottes weiter Welt herumgelaufen wären.

Mein Onkel Toby dagegen fand sich darin, wie ein Lamm -- saß still

und ließ das Gift in seinen Adern wirken, ohne Widerstand zu tun. --

In der schärfsten Eiterung seiner Wunde (wie bei der Wunde an seinem

Latzbein) ließ er sich niemals ein störrisches oder mißvergnügtes

Wort entfallen. Er tadelte weder Himmel noch Erde, dachte oder sagte

niemals Schmähungen gegen jemanden oder jemandes Glied. Er saß einsam

und ernst mit seiner Pfeife, sah auf sein lahmes Bein, hauchte ein

empfindsames Ach! aus der Brust, das sich mit dem Schmauche vermischte

und keinem Sterblichen lästig fiel.

Er fand sich darin wie ein Lamm, sage ich.

[Illustration]

Hundertvierundzwanzigstes Kapitel.

Die Welt schämt sich, tugendhaft zu sein. Mein Onkel Toby wußte wenig

von der Welt; und deswegen, als er fühlte, daß er in die Witwe Wadmann

verliebt wäre, fiel es ihm ebensowenig ein, daß die Sache ein Geheimnis

sein müßte, als wenn Madame Wadmann ihn mit einem Bugmesser in die

Finger geschnitten hätte. Und hätte er es auch anders verstanden: Da er

einmal seinen Trim beständig als einen ärmeren Freund betrachtete, und

von Tag zu Tag neue Ursache fand, ihm als einem solchen zu begegnen, so

würde das keine Änderung in der Art gemacht haben, womit er ihm von der

Sache Nachricht gab.

»Ich bin verliebt, ehrlicher Trim!« sagte mein Onkel Toby.

[Illustration]

Hundertfünfundzwanzigstes Kapitel.

»Verliebt!« sagte der Korporal, »Euer Gnaden befanden sich doch

vorgestern noch ganz wohl, als ich Euer Gnaden die Historie vom Könige

von Böhmen erzählte.« -- »Böhmen!« sagte mein Onkel Toby und dachte

lange nach. »Was ist aus der Historie geworden, Trim?«

»Wir müssen, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, ungefähr davon abgekommen

sein. Aber Euer Gnaden waren ebensoweit vom Verliebtsein weg, als ich

es bin.«

»Es war eben, als Er mit dem Schiebkarren abmarschierte -- mit der

Witwe Wadmann,« sagte mein Onkel Toby. »Hier hat sie eine Kugel sitzen

lassen,« setzte mein Onkel Toby hinzu und zeigte auf seine Brust.

»Sie kann mit Euer Gnaden Erlaubnis ebensowenig eine Belagerung

aushalten, wie sie fliegen kann,« schrie der Korporal.

»Da wir aber Nachbarn sind, Trim, so ist es doch wohl der beste Weg,

denke ich, ihr es erst in aller Güte anzuzeigen,« sagte mein Onkel

Toby.

»Wenn ich so frei sein dürfte,« sagte der Korporal, »Euer Gnaden einen

anderen guten Rat zu geben --«

»Warum spräche ich sonst mit Ihm davon, Trim?« sagte mein Onkel Toby.

»So würde ich damit anfangen, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, daß ich

wieder eine derbe donnernde Attacke auf sie machte und es ihr hernach

in aller Güte mitteilte. Denn wenn sie vorher den geringsten Wind davon

bekommt, daß Euer Gnaden verliebt sind --« »Ach, lieber Himmel! Sie

weiß noch ebensowenig davon, Trim,« sagte mein Onkel Toby, »wie ein

Kind, das noch geboren werden soll.«

Die guten Seelen!

Madame Wadmann hatte es schon, mit allen Umständen, ihrer Brigitte

vierundzwanzig Stunden vorher erzählt und saß in ebendem Augenblicke

und hielt Kriegsrat mit ihr über einige kleine Zweifel, wie die Sache

ablaufen möchte, die ihr der Meister Hämmerling, der bei solchen

Vorfällen niemals zu schlafen pflegt, in den Kopf gesetzt hatte, ehe er

ihr erlauben wollte, daß sie ihr +Te deum+ mit Ruhe halb aussänge

--

»Mir ist erschrecklich bange,« sagte Madame Wadmann, »im Fall ich ihn

heiraten sollte, Brigitte, daß der gute Kapitän mit seiner ungeheuren

Wunde in der Hüfte niemals recht gesund sein möchte.« -- »Sie mag wohl

nicht so schlimm sein,« versetzte Brigitte, »als Sie denken, und ich

glaube auch überdem,« fügte sie hinzu, »daß sie zugeheilt ist.« --

»Das möchte ich doch wohl wissen, bloß seinetwegen,« sagte Madame

Wadmann.

»Wir wollen erfahren, wie lang und breit sie ist,« antwortete Jungfer

Brigitte, »ehe noch zehn Tage vorbei sind. Denn derweile der Herr

Kapitän Ihnen seine Aufwartung macht, wird sein Korporal Trim, das

weiß ich, seine Liebe bei mir anbringen wollen. Und ich will ihn ruhig

machen lassen, was er will,« setzte Brigitte hinzu, »um alles von ihm

herauszukriegen.«

Die Maßregeln wurden den Augenblick genommen. Und mein Onkel Toby und

der Korporal gingen weiter mit den ihrigen.

»Nun,« sagte der Korporal, wobei er seine linke Hand in die Seite

stemmte und mit der rechten einen solchen Schwung durch die Luft tat,

der einen glücklichen Ausgang -- und mehr nichts -- versprach. »Wenn

Euer Gnaden mir die Erlaubnis geben wollen, den Plan zu dieser Attacke

zu machen.« --

»Er wird mir damit einen großen Gefallen erweisen, Trim,« sagte mein

Onkel Toby. »Und da ich schon vorher sehe, daß er ihn als mein Adjutant

wird mit helfen ausführen müssen, so hat er hier ein paar Gulden, daß

er sein Patent in ein Glas Wein tauchen kann.«

»Nun, so wollen wir denn, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,« sagte der

Korporal -- und machte dabei einen Bückling für sein Avancement --

»damit anfangen, daß wir Euer Gnaden besetzte Kleider aus dem großen

Feldkasten hervorholen und brav auslüften lassen, und wollen die

Aufschläge mit Gold auf die Ärmel heften. Und ich will die weiße

Knotenperücke frisch aufwickeln und zum Schneider gehen, daß er Euer

Gnaden scharlachene Hosen kehrt.«

»Ich tue wohl besser, Trim, daß ich die rotplüschenen anziehe,« sagte

mein Onkel Toby. »Die werden zu schlecht sitzen,« sagte der Korporal.

[Illustration]

Hundertsechsundzwanzigstes Kapitel.

»Putz' Er meinen Degen mit einer Bürste und ein wenig Kreide.« -- »Es

soll geschehen, wie Euer Gnaden befehlen,« versetzte Trim.

[Illustration]

Hundertsiebenundzwanzigstes Kapitel.

Unterdessen mein Vater seine schriftliche Instruktion abfaßte, waren

mein Onkel Toby und der Korporal beschäftigt, alles auf die Attacke

vorzubereiten. Da der Gedanke, die feinen scharlachenen Beinkleider

kehren zu lassen, aufgegeben war -- fürs erste zum wenigsten --, blieb

nichts mehr im Wege, warum sie weiter hinausgesetzt werden müßte, als

auf den nächsten Morgen. Also ward sie auf elf Uhr festgesetzt.

»Komm, mein Kind,« sagte mein Vater zu meiner Mutter. »Es wird für

einen Bruder und eine Schwester ganz wohlgetan sein, wenn wir beide ein

wenig nach meines Bruders Hause hinübergehen und ihm bei seiner Attacke

ein wenig mit Rat und Tat beistehen.«

Mein Onkel Toby und der Korporal Trim waren schon seit einiger Zeit in

vollem Putze, und als mein Vater und meine Mutter hereintraten, standen

sie, da es eben elf Uhr schlug, schon auf dem Sprunge, den Marsch mit

dem linken Fuße anzutreten. Die Beschreibung hiervon aber ist mehr

wert, als in das Ende eines Kapitels, wie dieses, hineingewebt zu

werden.

Mein Vater hatte nur gerade soviel Zeit, seine Instruktion meinem Onkel

Toby in die Rocktasche zu stecken und ihm, mit meiner Mutter zugleich,

viel Glück zu seiner Attacke zu wünschen.

»Ich hätte wohl Lust,« sagte meine Mutter, »durchs Schlüsselloch zu

gucken, aus Neugierde.« -- »Nenne nur das Kind beim rechten Namen, mein

Schatz,« sagte mein Vater --

»Und gucke durchs Schlüsselloch, solange wie du willst.«

[Illustration]

Hundertachtundzwanzigstes Kapitel.

Obgleich der Korporal sein Wort ehrlich gehalten und meines Onkels Toby

große Dreiknotenperücke auf Pfeifenstiele gewickelt hatte, so war doch

die Zeit zu kurz, daß es sonderlich große Wirkung hätte tun können.

Sie war manches liebe Jahr in einer Ecke seines alten Feldkastens

zusammengequetscht worden. Und da sich schlimme Falten nicht so leicht

herausmachen lassen und ihm der Handgriff mit den Enden von Talgkerzen

nicht so geläufig war, so war es keine so lenksame Arbeit, wie man wohl

denken möchte. Der Korporal trat wohl ein Schock Male mit funkelnden

Augen und beiden Armen ausgestreckt in gerader Linie von ihr zurück, um

ihr, wo möglich, eine bessere Miene einzuflößen. Hätte die Grämlichkeit

einen Blick darauf geworfen, es würde Ihro grämlichen Gnaden ein

Schmunzeln abgelockt haben. -- Sie fiel allenthalben in Locken, nur

nicht da, wo es der Korporal haben wollte und wo eine oder ein paar

Wellen ihr nach seiner Meinung würden Ehre gemacht haben. Da hätte er

ebensoleicht einen Toten erwecken können.

So sah sie aus -- oder vielmehr, so würde sie auf jedem anderen

Gesichte ausgesehen haben. Der sanfte Blick der Güte aber, der auf

dem Gesichte meines Onkels Toby saß, machte jedes Ding in seiner Nähe

mit so unwiderstehlicher Macht sich selbst ähnlich. Und dabei hatte

die Natur mit so leserlichen Buchstaben in jeden Zug seiner Miene

geschrieben: ~ein feiner Mann~, daß ihn selbst sein abgebleichter

goldener Tressenhut und die große Hutschleife von schlaffem Taffetband

gut kleidete. Obgleich an sich selbst kein Scherflein wert, wurden

sie doch den Augenblick, da mein Onkel Toby sie aufsetzte, Dinge von

Bedeutung und schienen ausdrücklich von der Hand der Wissenschaft

ausgesucht zu sein, ihm ein Ansehen zu geben.

Nichts in dieser Welt hätte so kräftig zu diesem Endzwecke beitragen

können, wie meines Onkels Toby blaues Kleid mit Gold, wäre nicht

gewissermaßen Fülle mit zur Grazie erforderlich gewesen. In einem

Zeitraume von fünfzehn oder sechzehn Jahren, seitdem es gemacht worden,

war das blaue Kleid mit Gold meinem Onkel Toby durch ein völlig

untätiges Leben -- denn er kam selten weiter als nach seinem grünen

Spielplatze -- so kläglich eng geworden, daß es den Korporal große Mühe

und Künste kostete, ehe er ihn hineinbringen konnte. Das Aufheften der

Aufschläge hatte nicht viel geholfen. Es war indessen vorne und hinten

und auf den Taschen und Schößen usw. mit Tressen besetzt, nach der Mode

unter des Königs Wilhelm Regierung. Um die Beschreibung abzukürzen,

schienen sie diesen Morgen in der Sonne so glänzend und machten ein so

metallisches und tapferes Ansehen, daß mein Onkel Toby, wenn er auf

eine kriegerische Attacke mit Schild und Speer ausgegangen wäre, nichts

Besseres nach seinem Sinne hätte ausfinden können.

Was die feinen scharlachenen Beinkleider anbetrifft: die waren von dem

Schneider in der inwendigen Naht aufgetrennt, und weiter hatte er sich

nicht darum bekümmert.

Ja, Madame! -- Aber laß uns unserer Einbildung nicht die Zügel

schießen. Genug, sie wurden den Abend vorher für unbrauchbar erklärt,

und da in meines Onkels Toby Garderobe keine Wahl war, so blieb es bei

seinen rotplüschenen.

Der Korporal hatte sich mit der Regimentsuniform herausstaffiert. Das

Haar unter seiner Reitmütze zusammengeknotet, die er des Endes neu

aufgebürstet hatte, marschierte er in einer Distanz von drei Schritten

hinter seinem Herrn. Ein Hauch von militärischem Stolze hatte seine

Vorärmel über den Händen hervorgezupft. Auf eine derselben hatte der

Korporal an einem ledernen Bande, das unter dem Knoten in eine Quaste

geschnitzelt war, seinen Stock hängen.

Mein Onkel Toby trug seinen Stock wie einen Speer.

Es sieht doch wenigstens nicht übel aus, sagte mein Vater bei sich

selbst.

[Illustration]

Hundertneunundzwanzigstes Kapitel.

Mein Onkel Toby wendete sich mit dem Gesichte mehr als einmal herum, um

zu sehen, wie ihn das Hintertreffen, der Korporal, unterstützte. Und

sooft er das tat, machte der Korporal mit seinem Stock einen Schwung in

die Luft -- doch nicht prahlerischerweise. Mit dem leisesten Tone des

ehrerbietigsten Zuredens hieß das soviel wie: »Nichts gefürchtet!«

Mein Onkel Toby aber fürchtete, und zwar gar herzlich. Er hatte

noch nicht einmal -- wie ihm mein Vater vorgeworfen hatte -- das

rechte Ende eines Frauenzimmers vom unrechten unterscheiden gelernt.

Deswegen war er niemals an seiner rechten Stelle, wenn er nahe bei

einem sein mußte. Ausgenommen, wenn es in Kummer und Betrübnis war.

Alsdann war sein Mitleiden unendlich; auch hätte der liebreichste

Ritter aus dem vorigen Jahrhunderte nicht weiter reisen können -- auf

einem Beine wenigstens nicht --, um eine Träne von einem weiblichen

Auge zu wischen. Und dennoch, das eine Mal nicht gerechnet, da ihn

Madame Wadmann dazu überlistete, hatte er niemals steif in eines

hineingesehen, und pflegte oft in der Einfalt seines Herzens zu meinem

Vater zu sagen, das wäre fast ebenso arg -- wo nicht ebenso laut -- wie

unzüchtig reden.

»Und nun, wenn's das wäre?« pflegte mein Vater zu antworten.

[Illustration]

Hundertdreißigstes Kapitel.

»Sie kann's doch nicht,« sagte mein Onkel Toby und machte Halt, als sie

bis auf zehn Schritte von Madame Wadmanns Haustüre aufmarschiert waren

-- »sie kann's doch nicht übelnehmen, Korporal?«

»Sie wird's nehmen, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,« sagte der Korporal,

»eben wie es die Witwe zu Lisbon von meinem Bruder Thomas nahm.«

»Und wie war das?« sagte mein Onkel Toby und machte fast völlig Front

herum gegen den Korporal.

»Euer Gnaden,« versetzte der Korporal, »wissen meines Bruders Tom

Unglück. Aber diese Sache hat nichts weiter damit zu tun als nur:

hätte Tom die jüdische Witwe nicht gefreiet, oder wäre es des lieben

Herrgotts Wille gewesen, daß sie Schweinefleisch in ihre Würstchen

getan hätten, so hätten sie die ehrliche Haut meines Bruders nicht

aus seinem warmen Bette geholt und zur Inquisition geschleppt. -- --

Es ist ein verdammtes Loch,« fügte der Korporal hinzu und schüttelte

den Kopf. »Wenn einmal erst ein armer Kerl, mit Euer Gnaden Erlaubnis,

darin ist, so ist kein Herauskommen wieder.«

»Sehr wahr!« versetzte mein Onkel Toby und sah nach Madame Wadmanns

Hause, als er das sagte.

»Nichts,« fuhr der Korporal fort, »kann wohl so elend sein wie eine

ewige Gefangenschaft, und nichts süßer, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, als

die Freiheit.«

»Nichts, Trim,« sagte mein Onkel Toby, in tiefen Gedanken --

»Solange ein Mensch frei ist,« rief der Korporal und Schwang dabei

seinen Stock, wie hier

[Illustration]

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy · 第 18 / 20 段