sehr natürlich, ehe er ausreiset, zu fragen, wieviel Meilen es bis York
ist. Welches ungefähr die Hälfte des Weges ausmacht. Auch wundert sich
niemand darüber, wenn er in seinen Fragen fortfährt und sich nach der
Stadt, Einrichtung, den Zünften usw. erkundigt.
Ebenso natürlich war es für Madame Wadmann, deren erster Ehemann
beständig das Hüftweh gehabt hatte, daß sie zu erfahren wünschte, wie
weit es von der Hüfte bis zum Latzbeine sei. Und wieviel sie ungefähr
mehr oder weniger, als Frau, in ihrem Gemüte, von dem einen oder dem
anderen Falle zu leiden haben möchte.
Sie hatte also Drakes Anatomie von einem Ende zum andern durchgelesen.
Sie hatte gleichfalls mit ihrem eigenen Verstande darüber
philosophiert, Theorema festgesetzt, Folgerungen daraus gezogen, und --
war zu keinem Schlusse gekommen.
Um die Sache deutlich zu erfahren, hatte sie den Doktor Slop zweimal
gefragt, ob wohl der gute Kapitän Shandy jemals von seiner Wunde
hergestellt werden könnte.
»Er ist hergestellt,« sagte Doktor Slop beidemal.
»Wie, völlig?«
»Völlig, Madame.«
»Aber was verstehen Sie unter der Herstellung eigentlich?« sagte Madame
Wadmann.
Doktor Slop war der ärgste Stümper unter der Sonne im Definieren. Also
konnte Madame Wadmann nicht erfahren, was sie wissen wollte. Kurz, es
gab keinen Weg, es herauszubringen, sie würde denn meinen Onkel Toby
selbst fragen.
Es gibt bei Erkundigungen dieser Art einen so menschenfreundlichen
Ton, der den Verdacht in Schlaf singt. -- Und halb bin ich überzeugt,
die Schlange in ihrem Gespräche mit Mutter Eva mußte ihm ziemlich
nahekommen. Denn die weibliche Neigung, sich betrügen zu lassen, konnte
doch so stark nicht sein, daß sie sonst so verwegen gewesen sein würde,
mit dem Teufel selbst zu kosen. Aber es gibt einen menschenfreundlichen
Ton, wie soll ich ihn beschreiben? -- Es ist ein Ton, der die Wahrheit
mit einem Gewande bedeckt und dem Frager ein Recht gibt, ebenso
unanständig darüber zu sein wie Ihr Wundarzt.
»War es ohne alle Gnade?
»War es erträglicher im Bette?
»Konnte er dabei auf beiden Seiten gleich gut liegen?
»Konnte er dabei noch zu Pferde sitzen?
»War die Bewegung dabei schädlich? usf.« wurden so zärtlich
ausgesprochen und dergestalt auf meines Onkels Toby Herz gerichtet, daß
jedes Item davon zehnmal tiefer in dasselbe sank, als die Schmerzen
selbst. -- Als aber Madame rund um Namur herumging, um an meines Onkels
Toby Wunde am Latzbeine zu gelangen, und ihn dahin brachte, die Spitze
der äußersten Konterskarpe zu attackieren, pelemele mit den Holländern,
mit dem Degen in der Faust, die Kontergarde St. Roch einzunehmen --
und alsdann mit rührenden Tönen sein Ohr erfüllte, ihn blutend bei der
Hand nahm und aus der Schußlinie führte, sich ihre Augen wischte, als
er in sein Zelt getragen wurde -- Himmel! Erde! See! -- alles ward
emporgerichtet. -- Die Quellen der Natur stiegen über ihre natürliche
Höhe hinauf. -- Ein Engel des Mitleids saß ihm zur Seite auf dem Sofa.
Sein Herz glühte von Feuer. Und hätte er tausend Herzen gehabt, er
hätte sie alle an Madame Wadmann verloren.
»Und in welcher Gegend, lieber Herr Kapitän,« fragte Madame Wadmann
ein wenig aufdringlich, »empfingen Sie diese häßliche Wunde?« -- Als
sie diese Frage tat, warf Madame Wadmann einen Seitenblick auf den
Hüftengurt von meines Onkels Toby rotplüschenen Beinkleidern, indem sie
natürlicherweise als die kürzeste Antwort erwartete, mein Onkel Toby
würde seinen Zeigefinger auf die Stelle legen. -- Es fiel anders aus.
Denn, da mein Onkel Toby seine Wunde vor dem St. Nikolaustore bekommen
hatte, in einer von den Traversen der vorspringenden Spitze der halben
Bastion Sankt Roch gegenüber, so konnte er allemal eine Nadel auf
die eigentliche Stelle stecken, wo er stand, als ihn der Stein traf.
Dieses traf augenblicklich meines Onkels Toby Sensorium. Und zugleich
damit die große Karte von der Stadt und Zitadelle von Namur und ihren
Gegenden, welche er sich gekauft und mit Hilfe des Korporals während
seiner langwierigen Krankheit auf ein Brett geklebt hatte. Sie hatte
seitdem beständig mit anderem militärischen Poltergeräte in einer
Dachkammer gelegen, und also ward der Korporal dahin detachiert, sie
herzuholen.
Mein Onkel Toby maß mit Madame Wadmanns Scheren dreißig Ruten ab, von
der äußersten Spitze vor dem St. Nikolaustore, und legte mit einer
so jüngferlichen Bescheidenheit ihren Finger auf die Stelle, daß die
Göttin der Wohlanständigkeit, wenn sie damals vorhanden -- wo nicht,
so war's ihr Schatten --, ihren Kopf schüttelte und indem sie mit
einem Finger vor ihren Augen hin und her fuhr, ihr verbot, den Irrtum
aufzudecken.
Unglückliche Madame Wadmann! --
Denn durch nichts kann ich diesem Kapitel ein lebhaftes Ende geben,
wie durch eine Apostrophe an dich! -- Aber mein Herz sagt mir, daß in
einer so kritischen Lage eine Apostrophe nur ein verstecktes Höhnen
sei, und lieber, ehe ich ein in Nöten steckendes Frauenzimmer verhöhnen
wollte, laß das Kapitel dahinfahren zum Meister Hämmerling! Wenn sich
nur ein verdammter Kunstrichter in Lohn und Brot die Mühe geben will,
es mitzunehmen.
[Illustration]
Hundertvierzigstes Kapitel.
Meines Onkels Toby Karte wird hinunter in die Küche genommen.
[Illustration]
Hunderteinundvierzigstes Kapitel.
»Und hier ist die Maas -- und hier die Sambre,« sagte der Korporal und
wies mit seiner etwas ausgestreckten rechten Hand auf die Karte und
hatte die linke auf Brigittens Schulter. Aber nicht auf der Schulter,
die ihm zunächst. -- »Und dies,« sagte er, »ist die Stadt Namur.
-- Und dies die Zitadelle. Und hier liegen die Franzosen. Und hier
liegt mein Herr und ich. Und in diesem verdammten Graben,« sagte der
Korporal und faßte sie bei der Hand, »bekam er die Wunde, welche ihn
so jämmerlich zerquetschte: hier.« Und so wie er das sagte, drückte er
ihre auswendige Hand an die Stelle -- und ließ sie fallen.
»Wir dachten, Herr Trim, es wäre mehr nach der Mitte hin gewesen,«
sagte Jungfer Brigitte. --
»Das hätte uns unser Lebtage unglücklich gemacht,« sagte der Korporal.
»Und hätte meine Madame auch eine unglückliche Frau bleiben lassen,«
sagte Brigitte.
Der Korporal versetzte nichts anderes auf diese Antwort, als daß er
Brigitten einen Kuß gab.
»Komm, komm,« sagte Brigitte und hielt das Auswendige ihrer rechten
Hand in der Fläche des Horizonts und wischte mit den Fingern der
anderen Hand darüber hin. Was nicht hätte geschehen können, wäre nur
die geringste Warze oder Minderung im Wege gewesen. »Wort für Wort eine
Unwahrheit,« rief der Korporal, ehe sie noch halb ausgeredet hatte.
»Ich weiß aber,« sagte Brigitte, »von glaubwürdigen Leuten, daß es die
Wahrheit ist.«
»Auf meine Ehre,« sagte der Korporal und legte seine Hand aufs Herz und
ward, indem er sprach, vor edlem Zorne rot. »Es ist eine Erdichtung,
Jungfer Brigitte, so falsch wie die Hölle.« -- »Nicht,« sagte Brigitte
und fiel ihm in die Rede, »daß ich oder meine Madame uns das geringste
daraus machten, ob es so ist oder nicht. Nur soviel, wenn man sich
verheiratet, so gehört es denn doch ein bißchen mit dazu.«
Es war ein wenig unglücklich für Jungfer Brigitte, daß sie den Angriff
mit ihren Handgriffen begonnen hatte, denn der Korporal augenblicklich
-- -- -- -- -- -- --
[Illustration]
Hundertzweiundvierzigstes Kapitel.
Es war das kurz vorübergehende Streiten in den nassen Augenlidern eines
Aprilmorgens: »Ob Brigitte lachen oder weinen sollte.«
Sie ergriff ein Mangelholz. -- Es war zehn gegen eins, sie hätte
gelacht --
Sie legte solches nieder -- sie weinte; und hätte nur eine Zähre nach
Bitterkeit geschmeckt, das Herz des Korporals würde voll Bekümmernis
gewesen sein, daß er das Argument gebraucht hatte. Allein der Korporal
verstand sich wenigstens um eine Quarte besser als mein Onkel Toby aufs
Frauenzimmer. Demzufolge bestürmte er Jungfer Brigitte auf diese
Manier.
»Ich weiß, Jungfer Brigitte,« sagte der Korporal und gab ihr einen
sehr ehrerbietigen Kuß, »daß du von Natur gut und bescheiden und
obendrein ein so großmütiges Mädchen bist, daß du, wenn ich dich recht
kenne, keinem Wurm etwas zuleide tun und noch weniger einen so braven
und würdigen Mann an seiner Ehre kränken wolltest, wie mein Kapitän
ist, und wollte dich dafür zur Gräfin machen. Aber man hat dir was
weisgemacht und dich betrogen, liebste Brigitte, wie es einem Mädchen
oft geht, mehr um anderen einen Gefallen zu tun als sich selbst.«
Brigitten träufelten die Tränen aus den Augen über die Empfindungen,
die der Korporal in ihr erregte.
»Sage mir, -- sag' mir also, meine liebste Brigitte,« fuhr der
Korporal fort, wobei er sie an der Hand faßte, welche ihr an der Seite
niederhing und ihr einen zweiten Kuß gab, »wessen Argwohn hat dich
verführet?«
Brigitte schluchzte ein paarmal und tat darauf die Augen auf. Der
Korporal trocknete sie mit dem Zipfel ihrer Schürze. Sie tat alsdann
ihr Herz auf und erzählte ihm alles. [Illustration]
[Illustration]
Hundertdreiundvierzigstes Kapitel.
Mein Onkel Toby und der Korporal hatten den größten Teil der Kampagne
ihrer Operation getrennt fortgesetzt. Es war zwischen ihnen die
Kommunikation aller Nachrichten von dem, was der eine oder andere getan
hatte, so rein abgeschnitten, als ob sie durch die Maas und Sambre
voneinander getrennt gewesen wären.
Mein Onkel Toby seinerseits war jeden Nachmittag in seinem roten Kleide
mit Silber oder wechselweise mit seinem blauen mit Golde ausgerückt und
hatte darin eine unendliche Menge Attacken ausgehalten, ohne überhaupt
zu wissen, daß es Attacken gewesen, und hatte also nichts zu berichten.
Der Korporal seinerseits, indem er Brigitten genommen, hatte große
Vorteile dadurch gewonnen und hatte also viel zu berichten. Worin aber
die Vorteile bestanden, sowie die Art und Weise, wodurch er solche
gewonnen, erforderten einen so geschickten Historiker, daß der Korporal
es nicht wagen durfte, sich damit abzugeben. So empfindlich er auch
gegen die Ehre war, so hätte er doch lieber sein ganzes Leben hindurch
mit unbekränzter Glatze gehen als seines Herrn Züchtigkeit nur auf
einen Augenblick Gewalt antun mögen.
Bester unter allen redlichen und treuen Knechten! -- Doch, ich habe
dich, Trim! bereits einmal vorher apostrophiert. -- Und könnte ich dich
auch apotheosieren -- in guter Gesellschaft, meine ich -- ich täte es
ohne Zeremonien, gleich auf folgender Seite.
[Illustration]
Hundertvierundvierzigstes Kapitel.
Nun hatte mein Onkel Toby eines Abends seine Pfeife auf den Tisch
niedergelegt und zählte in Gedanken an seinen Fingern -- beim Daumen
anfangend -- Madame Wadmanns Vollkommenheiten her. Eine nach der
andern: und da es ihm zwei- oder dreimal begegnet war, entweder,
weil er eine oder die andere ausgelassen, oder die andere zweimal
gezählt, daß er sich jämmerlich verrechnete, ehe er noch bis zu seinem
Mittelfinger kam. -- »Hör' Er, Trim,« sagte er und nahm seine Pfeife
wieder auf, »bring' Er mir Tinte und Feder.« Trim brachte Papier dazu.
»Nehme Er einen Bogen, Trim,« sagte mein Onkel Toby und gab ihm
zugleich ein Zeichen mit seiner Pfeife, daß er einen Stuhl nehmen und
sich zu ihm an den Tisch niedersetzen sollte. Der Korporal gehorchte,
legte das Papier gerade vor sich nieder, nahm eine Feder und tunkte
solche in die Tinte.
»Sie besitzt tausend Tugenden, Trim!« sagte mein Onkel Toby.
»Soll ich die aufschreiben, mit Euer Gnaden Wohlnehmen?« fragte der
Korporal.
»Sie müssen aber nach ihrem Range gestellt werden,« erwiderte mein
Onkel Toby. »Denn, Trim, die, welche mich vor allen anderen am
meisten einnimmt und welche mir Bürge für alle übrigen wird, ist
ihr mitleidiges Gemüt und die ganz ausnehmende Menschlichkeit ihres
Charakters. -- Ich beteure es,« fügte mein Onkel Toby hinzu und
sah dabei, wie er es beteuerte, oben nach der Gipsdecke, »wäre ich
tausendmal ihr Bruder, Trim, sie könnte sich nicht mehr und zärtlicher
nach meinem Leiden erkundigen, ob solche gleich vorüber sind.«
Der Korporal tat keine andere Widerrede gegen meines Onkels Toby
Beteuerung als einen kurzen Husten. Er tunkte die Feder zum zweitenmal
ein. Und mein Onkel Toby zeigte mit dem Ende seiner Pfeife so dicht an
den obersten Rand des Bogens auf der linken Ecke, als er nur konnte. --
Und der Korporal schrieb dahin das Wort:
»Menschlichkeit« -- -- -- -- -- -- -- -- wie hier.
»Sag' Er mir doch, Korporal,« sagte mein Onkel Toby, sobald als Trim es
getan hatte -- »wie oft erkundigt sich wohl Seine Brigitte nach Seiner
Wunde an Seiner Kniescheibe, die Er in der Schlacht bei Landen
empfing?«
»Sie erkundigt sich, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, gar niemals danach.«
»Das, Korporal,« sagte mein Onkel Toby mit allem Triumphe, den ihm die
Güte seines Herzens erlaubte, »das zeigt den Unterschied im Charakter
der Herrschaft und des Kammermädchens. Hätte das Kriegsglück mich
ebenden Unfall betreffen lassen, so würde Madame Wadmann sich nach
allen Umständen dabei wohl hundertmal erkundigt haben.« -- »Sie würde
sich zehnmal so oft nach Euer Gnaden Wunde am Latzbein erkundigt
haben.« -- »Der Schmerz ist gleich unausstehlich, Trim. Und das
Mitleiden nimmt ebensoviel Anteil an der einen Wunde wie an der
andern.«
»Der liebe Gott vergelt's Euer Gnaden!« rief der Korporal. -- »Was hat
denn das Mitleid eines Frauenzimmers mit der Wunde eines Mannes an
seiner Kniescheibe zu schaffen? Wäre Euer Gnaden Kniescheibe in der
Schlacht bei Landen in hunderttausend Splitter zerschossen, Madame
Wadmann würde sich den Kopf ebensowenig darüber zerbrochen haben wie
Brigitte. Und zwar weil,« setzte der Korporal hinzu, indem er leiser,
obgleich ganz vernehmlich sprach, als er seinen Grund anführte. --
»Weil das Knie soweit von dem Hauptwerke abliegt, dahingegen, wie Euer
Gnaden wissen, das Latzbein dicht an der Kurtine des Ortes liegt.«
Mein Onkel Toby pfiff eine lange Note, aber so leise, daß man es kaum
über den Tisch hinüber hören konnte.
Der Korporal war zu weit gegangen, um zurückzuziehen. Er sagte das
Übrige in drei Worten.
Mein Onkel Toby legte seine Pfeife so leise auf den Kaminrost, als ob
sie aus den ausgefaserten Fäden eines Spinnengewebes gesponnen gewesen.
»Laß uns nach meines Bruders Shandy Hause gehen,« sagte er.
[Illustration]
Hundertfünfundvierzigstes Kapitel.
Wir werden gerade soviel Zeit haben unterdessen, daß mein Onkel Toby
und Trim nach meines Vaters Hause gehen, Ihnen zu berichten, daß Madame
Wadmann einige Monate vorher, ehe dieses vorging, meine Mutter zur
Vertrauten gemacht hatte, und daß Jungfer Brigitte, die sowohl ihre
eigene Bürde zu tragen hatte als die Bürde des Geheimnisses ihrer
Herrschaft, sich von beiden gegen die Susanna hinter der Gartenmauer
glücklich entladen hatte.
Was meine Mutter anbetrifft, so sah die gar nichts in der ganzen Sache,
worüber Aufhebens zu machen gewesen.
Allein Susanna war alleine genug, ein Familiengeheimnis auszubringen.
Denn sie teilte es augenblicklich dem Jonathan durch Zeichen mit. Und
Jonathan sagte es der Köchin, als sie eine Hammelkeule am Feuer begoß.
Die Köchin verkaufte es mit etwas Bratenfett für einen Dreier an den
Postillon, der es mit dem Milchmädchen um etwas von ebendem Werte
umstutzte. Und obgleich es auf dem Heuschober geflüstert wurde, hatte
doch die Fama die Noten mit ihrer ehernen Trompete aufgefaßt und vom
Giebel des Hauses umhergeblasen. -- Mit einem Worte, es war im ganzen
Dorfe oder fünf Meilen in der Runde kein altes Weib, die nicht gewußt,
warum es mit meines Onkels Toby Belagerung so langsam zuginge, und
welches die geheimen Artikel wären, die die Übergabe verzögerten.
Mein Vater, dessen Gewohnheit es war, jede Begebenheit in der Welt zu
einer Hypothese zu zwängen, wodurch kein Mensch der Wahrheit einen
solchen Drang antat wie er, hatte eben das Gerücht vernommen, als
mein Onkel Toby ausging. Und da er über die Beleidigung, die seinem
Bruder dadurch widerfuhr, plötzlich Feuer fing, war er dabei, dem Herrn
Yorick, ungeachtet meine Mutter dabeisaß, zu demonstrieren, nicht nur,
daß der Satan in den Weibern stecke, sondern daß jedes Übel und jede
Unordnung in der Welt, sie habe Namen, wie sie wolle, vom ersten Falle
Adams bis hinab zu meines Onkels Toby seinem -- inklusive -- auf eine
oder die andere Art diesem zügellosen Wesen zuzuschreiben sei.
Yorick stand eben im Begriff, meines Vaters Hypothese ein wenig zu
mäßigen, als mein Onkel Toby mit Zeichen unendlicher Gutherzigkeit
und Verzeihung in seinen Blicken ins Zimmer trat und meines Vaters
Beredsamkeit gegen die Leidenschaft von neuem anfachte. Und da er eben
nicht sehr sanft in der Wahl seiner Worte war, wenn er im Eifer redete,
so brach er, sobald mein Onkel Toby sich ans Feuer gesetzt und seine
Pfeife gefüllt hatte, folgendergestalt los:
[Illustration]
Hundertsechsundvierzigstes Kapitel.
»Daß für die Erhaltung eines so großen, erhabenen und göttlichen
Wesens, wie der Mensch ist, Anstalten und Vorkehrungen gemacht werden
müssen, das bin ich sehr entfernt zu leugnen. Die Philosophie aber
sagt von jeder Sache ihre Meinung frei heraus. Und deswegen denke
und behaupte ich, es sei ein Jammer, daß es durch eine Leidenschaft
geschehen sollte, welche die Seelenkräfte nieder- und alle Weisheit,
Betrachtungen und Wirkungen der Seele zurückhält. -- Eine Leidenschaft,
mein Schatz,« fuhr mein Vater fort und wendete sich an meine Mutter,
»welche den Weisen mit den Törichten zusammen paaret und sie gleich
macht, und uns aus unseren Höhlen und Schlupfwinkeln mehr als Satire
und vierfüßige Tiere hervorgehen läßt, denn als Menschen.
»Ich weiß es, daß man sagen wird,« fuhr mein Vater fort, »daß sie, an
sich selbst und ohne Nebenabsicht betrachtet, so gut wie Hunger, Durst
oder Schlaf eine Sache sei, die weder gut noch böse, noch schändlich
oder dergleichen sei. -- Warum denn aber sträubte sich die Delikatesse
des Diogenes und Platos so heftig dagegen? Und warum löschen wir, wenn
wir darauf denken, einen Menschen zu pflanzen, das Licht aus? Und aus
was für Ursache ist es, daß alles Dahingehörige -- die Zurüstungen --
die Werkzeuge und was nur dabei erforderlich ist, als Sachen angesehen
werden, die man keinem reinen Gemüte durch Sprache, Übersetzung oder
Umschreibung von irgendeiner Art verständlich machen dürfe? --
»Die Handlung, einen Menschen zu töten oder zu vernichten,« fuhr mein
Vater fort und erhub seine Stimme, wobei er sich an meinen Onkel Toby
wendete, »ist, wie du siehst, rühmlich. Und die Waffen, womit wir
sie verrichten, sind ehrenvoll. Wir marschieren damit auf unseren
Schultern, wir prunken damit an unseren Hüften, wir vergolden sie, wir
schnitzeln sie, wir legen sie aus, wir besetzen sie mit Edelsteinen.
Ja, wenn's auch nur eine lumpige Kanone ist, so gießen wir einen Zierat
auf ihre Traube.«
Mein Onkel Toby legte seine Pfeife nieder, um für ein besseres Beiwort
zu bitten. Und Yorick machte sich fertig, die ganze Hypothese über den
Haufen zu kanonieren. --
Als Obadiah mitten ins Zimmer mit einer Klage hereinbrach, die um ein
unmittelbares Gehör schrie.
Die Sache war diese:
Mein Vater war, entweder nach einer lang hergebrachten Gewohnheit oder
als Inhaber des großen Zehntens verpflichtet, einen Bullen für die
Gemeinde zu halten, und Obadiah hatte den vorigen Sommer eines Tages
seine Kuh zu einem kurzen Morgenbesuche zu ihm geführt. Ich sage, eines
Tages, weil es der Zufall so mit sich brachte, daß es an ebendem Tage
war, an welchem er mit meines Vaters Hausmagd verheiratet wurde. So
daß die Rechnungen von einer Zeit an liefen. Deshalb also, da Obadiahs
Ehefrau niederkam, dankte Obadiah Gott.
»Nun,« sagte Obadiah, »krieg' ich auch ein Kalb.« Und Obadiah ging
täglich hin, nach seiner Kuh zu sehen.
»Sie wird den Montag kalben, oder Dienstag, oder Mittwoch spätestens.«
Die Kuh kalbte nicht. »Nein, vor künftiger Woche wird sie nicht
kalben.« -- Die Kuh schob es entsetzlich lang auf. Bis am Ende der
sechs Wochen Obadiahs Verdacht -- wie der Verdacht eines guten Mannes
-- auf den Bullen fiel.
Nun war die Gemeinde sehr stark, und meines Vaters Bulle, die Wahrheit
von ihm zu sagen, seinem Geschäft gar nicht gewachsen, er hatte sich
aber, auf eine oder die andere Art in die Bedienung geschlichen. --
Und weil er seine Sache mit einem steifen Amtsgesichte verrichtete, so
hatte mein Vater eine hohe Meinung von seinen Fähigkeiten gefaßt.
»Die meisten Hauswirte glauben, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,« sagte
Obadiah, »daß die Schuld an dem Bullen liegt.« --
»Aber kann nicht auch eine Kuh unfruchtbar sein?« erwiderte mein Vater
und wendete sich an den Doktor Slop.
»Das kommt nicht vor,« sagte Doktor Slop. »Aber Obadiah seine Frau kann
sehr leicht zu früh gekommen sein. Sage Er doch, hat das Kind Haare auf
seinem Kopfe?« setzte Doktor Slop hinzu. --
»Es ist ebenso haarig, wie ich selbst,« sagte Obadiah.
Obadiah war in drei Wochen nicht barbiert worden. -- »Hu--u--u!« rief
mein Vater, und begann seine Rede mit einer pfeifenden Ausrufung: »da
haben wir's, Bruder Toby! Da könnte mein armer Bulle, der so gut ist,
wie ein Bulle bei Kühen sein kann und in züchtigeren Zeiten für die
Europa selbst gut genug gewesen wäre, ginge er nur auf zwei Beinen,
vors Ehegericht geschleppt werden und seinen guten Namen einbüßen.
Welcher für einen Dorfbullen, Bruder Toby, ebensoviel wert ist wie das
Leben.«
»Du liebe Zeit,« sagte meine Mutter, »worüber macht ihr denn solchen
Lärm?«
»Sie geißeln den toten Hahn, weil die Henne ein Windei gelegt hat,«
sagte Yorick. Es war ein hübsches Geschichtchen!
[Illustration]
[Illustration:
Typographmaschinensatz der
Deutschen Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H.,
Zossen--Berlin +SW. 11+]
Die Bücher des Deutschen Hauses
Herausgegeben von ~Rudolf Presber~.
In gleicher Ausstattung gelangen zur Ausgabe:
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3. ~E. T. A. Hoffmann~: Die Elixiere des Teufels.
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31. ~Friedrich von Oppeln-Bronikowski~: Der Rebell.
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33. ~Charles Dickens~: Klein Dorrit +II.+
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36. ~Ed. A. Poe~: Die denkwürdigen Erlebnisse des A. G. Pym.
37. ~Margarete Wolff-Meder~: In den Sielen.
38. ~Arthur Achleitner~: Geschichten aus den deutschen Alpen.
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41. ~Cervantes~: Don Quixote +I.+
42. ~Cervantes~: Don Quixote +II.+
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44. ~Joseph von Eichendorff~: Aus dem Leben eines Taugenichts.
45. ~Léon de Tinseau~: Der Mitgiftjäger.
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49. ~Emil Zola~: Ein Blättlein Liebe.
50. ~Fritz Reuter~: Ut mine Stromtid.
Jeder Band 75 Pfg. -- 1 Krone -- 1 Frc.
Fußnoten:
[1] Mein Vater wollte niemals einwilligen, dies Buch drucken zu lassen;
es befindet sich nebst einigen andern von seinen Abhandlungen im
Manuskript bei der Familie, welche alle, oder doch größtenteils, zu
seiner Zeit gedruckt werden sollen.
[2] »Dieses soll meines Vaters Leben des Sokrates usw. mit beigedruckt
werden.«
[3] Er hatte in der Schlacht bei Lepanto eine Hand verloren.