Fortsetzung.
»Es war im Jahre unseres Herrn eintausendsiebenhundertundzwölf, mit
Euer Gnaden Wohlnehmen --«
»Die Wahrheit zu sagen, Trim,« sagte mein Onkel Toby, »würde mir
jedes andere Jahr lieber gewesen sein, nicht nur des üblen Kleckses
wegen, den dieses Jahr in unserer Geschichte von England macht. Weil
unsere Völker aus dem Felde geführt wurden und man sich weigerte,
die Belagerung von Ovesnoy zu decken, ungeachtet Fagel die Werke mit
solcher unglaublicher Herzhaftigkeit fortführte, -- sondern auch seiner
eigenen Historie wegen, Trim. Weil, wenn darin -- wie ich aus einigen
Worten, die Ihm entfallen sind, schließen muß -- wenn Riesen, oder, wie
Er es nennt, Hünen darin vorkommen.«
»Nur ein einziger, mit Euer Gnaden Wohlnehmen.«
»Das ist so gut wie zwanzig,« sagte mein Onkel Toby. »Er hätte ihn
einige sieben- oder achthundert Jahre zurück aus dem Schusse bringen
sollen, sowohl wegen der Kunstrichter als anderer Leute. Deswegen
möchte ich Ihm wohl raten, wenn Er es jemals wieder erzählt --«
»Wenn ich nur so lange lebe, daß ich einmal damit zu Ende komme, so
will ich's,« sagte Trim, »in meinem Leben nicht wieder erzählen, weder
einem Manne, noch einer Frau, noch einem Kinde.« -- »Nun, nun!« sagte
mein Onkel Toby. Aber mit einer so zuredenden Stimme sagte er's, daß
der Korporal mit mehr Freudigkeit fortfuhr als zuvor.
~Die Historie des Königs von Böhmen und seinen sieben Schlössern~.
Fortsetzung.
»Es war einmal, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,« sagte der Korporal, erhob
dabei seine Stimme und rieb sich freudig die Hände, wie er begann, »ein
König von Böhmen --«
»Laß Er das Jahr nur aus, Trim,« sagte mein Onkel Toby, indem er sich
vorne überbückte und seine Hand vertraulich auf des Korporals Schulter
legte, um seiner Unterbrechung das Unangenehme zu benehmen. -- »Laß
Er's nur ganz aus, Trim. Eine Historie kann recht gut sein, ohne solche
Genauigkeit, man müßte es denn ganz sicher wissen.«
»Sicher wissen!« sagte der Korporal und schüttelte den Kopf.
»Richtig,« antwortete mein Onkel Toby. »Es ist so leicht nicht, für
jemand, der nicht tiefer studiert hat, wie Er und ich, der selten
weiter vor sich hin sieht als aufs Ende seiner Muskete oder weiter
hinter sich als nach seinem Schnappsacke, und also von solchen Dingen
nicht viel versteht.«
»Jawohl, jawohl, Euer Gnaden,« sagte der Korporal, der sowohl durch die
Art wie durch das, was mein Onkel sagte, hingerissen ward, »er hat wohl
sonst was zu tun. Ist er nicht in einer Schlacht oder auf dem Marsche
oder in Garnison auf der Wache, so hat er, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,
sein Gewehr zu putzen, sein Lederzeug zu kollern und zu wichsen, seine
großen und kleinen Montierungsstücke unter der Nadel zu halten, sein
Haar zu kräuseln und zu pudern, daß er immer so schmuck ist wie auf der
Parade. Was hat ein Soldat nötig,« setzte der Korporal hinzu, »daß er
sich um die Geographie bekümmert, Euer Gnaden.«
»Chronologie will Er sagen, Trim,« sagte mein Onkel Toby. »Denn die
Geographie, sieht Er, die kann er nicht entbehren. Er muß mit jedem
Lande und mit seinen Grenzen genau bekannt sein, wohin ihn sein Beruf
führt. Er sollte jede Stadt, jeden Flecken, jedes Dorf und jede Meierei
kennen, mit den Heerstraßen, Fußsteigen und Hohlwegen, die dahin gehen.
Er sollte über keinen Fluß oder Bach kommen oder er sollte gleich beim
ersten Anblick zu sagen wissen, wie er heißt, in was für einem Gebirge
er entspringt, was er für einen Lauf nimmt, wo er schiffbar ist, wo
man durchwaten kann und wo er zu tief ist. Er sollte die Fruchtbarkeit
eines jeden Tales ebenso gut wissen, wie der Bauer, der es bepflügt,
und sollte es beschreiben, oder, wenn's begehrt wird, imstande sein,
eine richtige Karte aufnehmen zu können, von allen Planen, Defileen,
Werken, Anhöhen, Waldungen, Morästen, wo seine Armee durch- oder
vorbeimarschieren muß. Er sollte ihre Produkte, ihre Pflanzen, ihre
Mineralien, ihre Wasser, ihre Art Vieh, ihre Witterung, ihre Winde,
ihre Hitze und Kälte, ihre Einwohner, ihre Gebräuche, ihre Sprache,
Sitten und sogar ihre Religion kennen.«
»Wäre es sonst wohl begreiflich, Korporal,« fuhr mein Onkel Toby fort
und richtete sich in seinem Schilderhause in die Höhe, wie er bei
diesem Teile seiner Rede warm wurde, »daß Marlborough seine Armee
von den Ufern der Maas bis Belburg führen konnte? Von Belburg nach
Kerpenord -- konnte der Korporal nicht länger sitzen --. Von Kerpenord,
Trim, nach Kalsacken, von Kalsacken nach Neudorf, von Neudorf nach
Landenburg, von Landenburg nach Mildenheim, von Mildenheim nach
Elchingen, von Elchingen nach Gingen, von Gingen nach Balmerchofen, von
Balmerchofen nach Schellenberg. Wo er die feindlichen Werke überfiel,
sich eine Passage über die Donau erzwang, über den Lechfluß setzte,
mit seinem Heere bis ins Herz des Deutschen Reiches drang, an der
Spitze desselben durch Freiburg, Hohenwert und Schönefeld marschierte,
bis zu dem Schlachtfelde bei Blenheim und Höchstädt? -- So groß er war,
Korporal, er hätte keinen Fußbreit avancieren oder den Marsch von einem
einzigen Tage anordnen können, ohne Hilfe der Geographie.
»Die Chronologie aber, das gesteh' ich, Trim,« fuhr mein Onkel Toby
fort und setzte sich wieder ganz kalt in seinem Schilderhause nieder,
»die scheint unter allen anderen eine Wissenschaft zu sein, deren ein
Soldat am ersten entraten könnte. Wenn's nicht wegen der Einsichten
wäre, die sie ihm eines Tages erteilen muß, wenn er ausmachen will, um
welche Zeit das Pulver erfunden worden, dessen greuliche Verwüstung, da
es wie der Donner alles vor sich niederreißet, eine neue Zeitrechnung
für unsere Kriegskunst beginnt. Es hat die Natur des Angreifens und
des Verteidigens sowohl zur See als zu Lande so durchgängig verändert
und hat dabei soviel Kunst und Geschicklichkeit erweckt, daß die Welt
darüber, den eigentlichen Zeitpunkt der Entdeckung auszumachen, nicht
zu genau, noch zu forschbegierig sein kann: Zu wissen, welch großer
Mann der Erfinder war und was für Veranlassung ihn darauf führte.«
»Ich bin weit entfernt,« fuhr mein Onkel Toby fort, »das zu bestreiten,
worin die Geschichtschreiber übereinstimmen, daß im Jahre 1380, unter
der Regierung Wenzeslaus', ein Sohn Karls +IV.+, ein gewisser
Mönch namens Schwarz den Venetianern in ihrem Kriege mit den Genuesern
den Gebrauch des Pulvers angab. Aber das ist gewiß, der erste war
er nicht. Weil, wenn wir dem Don Pedro, Bischof von Leon, Glauben
beimessen dürfen.« --
»Wie kamen denn, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, Mönche und Bischöfe dazu,
daß sie ihre Nase so oft ins Pulver steckten?« -- »Gott weiß es,«
sagte mein Onkel Toby. -- »Seine Vorsehung weiß alles zum besten zu
lenken, und er behauptet in seiner Chronik vom König Alphonsus, welcher
Toledo eroberte, daß im Jahre 1343, volle dreißig Jahre früher, das
Geheimnis des Pulvers ganz bekannt gewesen und mit Nutzen gebraucht
sei, von Mauren und Christen, nicht nur in ihren Seetreffen um diese
Zeit und bei vielen anderen von ihren merkwürdigen Belagerungen
in Spanien und in der Barbarei. Der ganzen Welt ist es bekannt,
daß der Mönch Bacon ausdrücklich darüber geschrieben und der Welt
großmütigerweise das Rezept gegeben hat, wie man es machen kann, schon
länger als hundertundfünfzig Jahre vorher, ehe Schwarz geboren war. Und
jeder weiß auch, daß die Chinesen,« fügte mein Onkel Toby hinzu, »uns
mit unserer Rechnung noch mehr in Verlegenheit setzen, indem sie sich
der Erfindung sogar noch einige hundert Jahre vor ihm rühmen.«
»Das Chinesenvolk ist wohl ein ganzes Lügenpack, glaub' ich,« schrie
Trim.
»Sie mögen wohl in dieser Sache,« sagte mein Onkel Toby, »ein wenig
irre sein, wie es für mich ganz deutlich erhellet aus dem elenden
Zustande, worin sich gegenwärtig ihre Kriegsbaukunst befindet, welche
in der Welt in weiter nichts begeht als in einem Graben mit einem Walle
von Ziegelsteinen ohne Flanken. Und, was sie uns für eine Bastion,
an jeder Ecke desselben, geben wollen, ist ein Ding, das lebhaftig
aussieht, wie -- --« »Wie eins von meinen sieben Schlössern, mit Euer
Gnaden Wohlnehmen,« sagte Trim.
Obgleich mein Onkel Toby um ein Gleichnis in der äußersten Verlegenheit
war, so lehnte er doch Trims Anerbieten in ganz höflicher Weise ab,
bis Trim sagte, er habe doch noch ein ganzes halbes Dutzend in Böhmen,
damit er nichts anzufangen wüßte, und mein Onkel Toby über den lustigen
Spaß des Korporals so vergnügt wurde, daß er seine Dissertation über
das Schießpulver abbrach -- und den Korporal bat, er möchte nur stracks
mit seiner Historie vom Könige von Böhmen und seinen sieben Schlössern
fortfahren.
[Illustration]
~Die Historie des Königs von Böhmen und seinen sieben Schlössern~.
Fortsetzung.
»Dieser unglückliche König von Böhmen,« sagte Trim -- »War er also
unglücklich?« rief mein Onkel Toby. Denn er war in seine Dissertation
über das Schießpulver und andere Kriegshändel so verwickelt gewesen,
daß, obgleich er von dem Korporal verlangt hatte, er sollte fortfahren,
dennoch seine häufigen Unterbrechungen ihm nicht mehr stark genug
im Andenken waren, um das Beiwort nicht zu erklären. »War er also
unglücklich, Trim?« sagte mein Onkel Toby mit gerührter Stimme.
Der Korporal, nachdem er erst das Wort mit allen gleichbedeutenden
zu allen Henkern gewünscht hatte, begann den Augenblick, die
hauptsächlichsten Begebenheiten seines Königs von Böhmen in Gedanken
durchzulaufen. Aus einer jeden derselben aber erhellte, daß er
einer der glücklichsten Menschen war, die jemals in der Welt gelebt
haben. Das brachte den Korporal zum Stocken; denn er wollte nicht
gerne das Beiwort zurücknehmen -- und noch weniger es erklären --
am allerwenigsten aber seine Historie drehen und winden -- wie
systematische Historiker -- um sie seinem System anzupassen. Er blickte
also meinem Onkel Toby ins Angesicht um Beistand. Da er aber sah, daß
das gerade die Sache wäre, die mein Onkel Toby von ihm erwartete, fuhr
er nach einigen Hms! und Jas fort:
»Der König von Böhmen,« versetzte der Korporal, »war mit Euer Gnaden
Wohlnehmen, als wenn ich so sagen wollte, unglücklich darin, daß er
große Lust und Vergnügen an der Schiffahrt fand und an allen Arten von
Seesachen --, und da es sich nun begab, daß in dem ganzen böhmischen
Königreiche keine Stadt mit einem Seehafen war --«
»Ich glaub's wohl! wie hätte das auch zugehen sollen, Trim?« rief mein
Onkel Toby. »Da Böhmen allenthalben festes Land ist, so konnte es sich
nicht anders begeben.« -- »Es hätte doch wohl,« sagte Trim, »wenn's
Gottes Wille gewesen wäre.« --
Mein Onkel Toby sprach niemals von dem Wesen und den Eigenschaften
Gottes außer mit der ehrfurchtsvollsten und zurückhaltendsten
Behutsamkeit.
»Ich glaube nicht,« erwiderte mein Onkel Toby nach einigem Nachdenken.
»Denn da es festes Land ist, wie ich gesagt habe, und Schlesien und
Mähren gegen Osten, die Lausitz und Obersachsen gegen Norden, das
Fränkische gegen Westen und Bayern gegen Süden gelegen hat, so hätte
Böhmen nicht an die See gerückt werden können, oder es wäre nicht mehr
Böhmen geblieben. Ebensowenig konnte auf der andern Seite die See nach
Böhmen kommen, ohne einen großen Teil von Deutschland zu überschwemmen
und Millionen von armen Einwohnern zu verschlingen, die sich dagegen
nicht schützen können.« -- »Sünd' und Schande!« schrie Trim. »Welches,«
setzte mein Onkel Toby mit Sanftmut hinzu, »einen solchen Mangel an
Barmherzigkeit in Ihm anzeigen würde, der der Menschen Vater ist, daß
ich glaube, Trim, die Sache konnte sich auf keinerlei Art und Weise
begeben.«
Der Korporal machte die Verbeugung der unverstellten Überzeugung und
fuhr fort:
»Da es sich nun an einem schönen Sommerabend begab, daß der König von
Böhmen mit seiner Königin und Hofleuten ausging« -- »Ha! ja! da ist
das Wort begab recht, Trim,« sagte mein Onkel Toby, »denn der König von
Böhmen konnte mit seiner Königin ausgehen oder es unterlassen. Das war
eine zufällige Sache und konnte sich begeben, je nachdem es der Zufall
mit sich brachte.«
»Der König William hatte den Glauben, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, daß
alles schon so für uns in der Welt vorher bestimmt wäre. Das ging so
weit, daß er oft zu seinen Soldaten zu sagen pflegte, daß eine jedwede
Kugel ein Billett hätte.« -- »Es war ein großer Mann,« sagte mein Onkel
Toby. -- »Und ich glaube noch bis auf diese Stunde,« fuhr der Korporal
fort, »daß der Schuß, der mich in der Schlacht bei Landen zum Invaliden
machte, ganz allein darum auf mein Knie gezielt wurde, damit ich aus
seinem Dienste heraus und in Euer Gnaden Dienste kommen mußte, worin
ich es soviel besser auf meine alten Tage haben sollte.« »Ehrlicher
Trim,« sagte mein Onkel Toby, »es soll niemals anders ausgelegt werden
können.«
Die Herzen, sowohl des Herrn als des Dieners, waren zu schneller
Ergießung gleich stark geneigt. -- Es erfolgte ein kurzes
Stillschweigen.
»Und noch dazu,« sagte der Korporal und nahm das Wort wieder, aber
mit heitererem Gesichte und Tone, »wäre es nicht dieser einzige Schuß
gewesen, ich wäre Ihnen, Euer Gnaden, in meinem Leben nicht verliebt
worden.« --
»So? ist Er einmal verliebt gewesen, Trim?« sagte mein Onkel Toby
lächelnd.
»Ja, was wollte ich nicht!« versetzte der Korporal. »Bis über Kopf und
Ohren! mit Euer Gnaden Wohlnehmen.«
»Ei, sag' Er mir doch, wann, wo und wie das zuging? Ich habe ja noch
kein Wort davon gehört,« sagte mein Onkel Toby. »Ich wollte doch wohl
sagen, daß es das ganze Regiment bis auf den Steckenknecht gewußt
hätte.« -- »So ist's hohe Zeit, daß ich's auch erfahre,« sagte mein
Onkel Toby. -- »Euer Gnaden,« sagte der Korporal, »werden sich noch
wohl mit Unlust an die greuliche Verwüstung und Konfusion unseres
Lagers und unserer Armee nach der Affäre bei Landen erinnern. Da war
an kein Kommando mehr zu denken. Ein jeder mochte zusehen, wie er sich
rettete. Und hätten's nicht die Regimenter von Windham, Lumley und
Galway getan, welche noch die Retirade über die Brücke zu Neerspeeken
deckten, so hätte der König selbst kaum darüber kommen können. -- Sie
setzten ihm, wie Euer Gnaden wissen, an allen Seiten hart zu.«
»Der tapfere Herr!« schrie mein Onkel Toby, von seinem Enthusiasmus
ergriffen. »Diesen Augenblick, da alles vorbei ist, sehe ich ihn noch
an mir vorbeireiten, Korporal, nach dem linken Flügel, um den Rest der
engländischen Kavallerie herbeizuführen, um den rechten zu unterstützen
und den Lorbeer von Luxemburgs Stirne zu reißen, wenn's noch möglich
wäre. Ich sehe ihn, wie eben der Knoten von seiner Schärpe abgeschossen
ist und wie er dem Galwayischen Regimente neuen Mut einspricht. Er
reitet vor der Linie hinauf. Nun wendet er sich um und greift an ihrer
Spitze den Conti an. Brav! brav wahrhaftig,« rief mein Onkel Toby. »Er
verdient eine Krone! -- so gewiß wie ein Dieb den Strick,« jauchzte
Trim.
Mein Onkel Toby kannte des Korporals Treue als Untertan. -- Sonst war
die Vergleichung gar nicht nach seinem Sinne. Sie gefiel dem Korporal
selbst auch nicht so ganz, sobald er sie gemacht hatte. -- Aber sie war
heraus. Er konnte also nichts weiter dabei tun, als nur fortfahren.
»Da der Haufen der Verwundeten erstaunlich groß war und niemand Zeit
hatte, an was anderes zu denken als seine eigene Sicherheit --« --
»Aber Talmash,« sagte mein Onkel Toby, »führte doch die Infanterie mit
großer Klugheit ab.« -- »Ich aber ward auf dem Felde liegen gelassen,«
sagte der Korporal. »Das ward Er; armer Mensch!« versetzte mein Onkel
Toby. -- »So, daß es den andern Tag Mittag wurde,« fuhr der Korporal
fort, »ehe ich ausgewechselt und mit dreizehn oder vierzehn andern auf
den Karren geladen wurde, der uns nach unserem Hospital bringen sollte.
»Es ist, mit Euer Gnaden Erlaubnis, kein Glied am ganzen Leibe, wo eine
Wunde mehr unausstehliche Schmerzen macht als am Knie.« --
»Das Latzbein ausgenommen,« sagte mein Onkel Toby. -- »Wenn's Euer
Gnaden nicht übelnehmen wollen, so glaub' ich, daß, nach meiner
Meinung, das Knie das schmerzlichste sein muß. Denn da sind soviel
Sehnen und soviel andere, wie heißt es? herum her.«
»Ebendeswegen,« sagte mein Onkel Toby, »kommt's, daß das Latzbein
unendlich empfindlicher ist. Da liegen nicht nur ebensoviel Sehnen und
andere, wie es heißt? -- denn ich kenne ihre Namen ebensowenig wie Er
-- umher, sondern auch -- --«
Madame Wadmann, die die ganze Zeit über in ihrer Laube gewesen, hielt
geschwind den Atem an, zog die Nadel aus ihrer Kappe unterm Kinn,
schlug sie in die Höhe und stellte sich auf die Zehen eines Fußes.
Der Streit ward freundschaftlich und mit gleichem Nachdruck zwischen
meinem Onkel Toby und Korporal Trim eine Zeitlang fortgesetzt. Bis
sich endlich Trim besann, daß er öfters über meines Onkels Toby
Leiden geweint, über sein eigenes aber nie eine Träne vergossen habe,
und deswegen nachzugeben dachte, was ihm aber mein Onkel Toby nicht
gestatten wollte. »Das beweist nichts, Trim,« sagte er, »als die Güte
seines Herzens.«
Daher also, ob die Pein einer Wunde am Latzbein (+Caeteris
paribus+) größer ist als die Pein einer Wunde am Knie, oder --
Ob die Pein einer Wunde am Knie nicht größer ist als die Pein einer
Wunde am Latzbein? -- eine Sache ist, die bis auf den heutigen Tag
unentschieden bleibt.
[Illustration]
Hundertneunzehntes Kapitel.
»Die Schmerzen an meinem Knie,« fuhr der Korporal fort, »waren an
und für sich schon erschrecklich groß; und beim Rumpeln des Karrens,
bei dem entsetzlich ausgefahrenen Wege, welche das Übel immer ärger
machten, wollte mir die Seele aus dem Leibe fahren. Und so war das
viele verlorene Blut und der Mangel an Pflege und ein Fieber, das ich
noch dazu ankommen fühlte --« der arme Mensch, sagte mein Onkel Toby
--; »alles das zusammen war, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, zuviel für
mich.«
»Ich klagte mein Elend einem jungen Frauenzimmerchen in einem
Bauernhause, vor dem unser Karren, der der letzte in dem Zuge
war, stillgehalten hatte. Sie hatten mir hereingeholfen, und
das Frauenzimmerchen hatte ein Glas Herzstärkung aus der Tasche
hervorgelangt und tröpfelte es auf ein Stückchen Zucker. Und als sie
sah, daß es mir guttat, hatte sie mir's zum zweiten- und drittenmal
eingegeben. Und so sagte ich ihr, mit Euer Gnaden Erlaubnis, was ich
für einen Jammer hatte. Und sagte ihr, daß es mir so unausstehlich
wäre, daß ich lieber auf dem Bette liegen -- und wendete meinen Kopf
nach einem, das in der Ecke der Stube stand -- und sterben wollte als
weiterfahren. Und als sie sich die Mühe gab, mich dahin zu führen,
kriegte ich 'ne Ohnmacht in ihren Armen. -- Es war so 'ne gute Seele,
wie Euer Gnaden,« sagte der Korporal und wischte sich die Augen, »hören
werden.«
»Ich hätte gedacht, die Liebe wäre was Lustiges,« sagte mein Onkel
Toby.
»Es ist so was Ernsthaftes zuweilen, mit Euer Gnaden Erlaubnis, als nur
was von der Welt.
»Auf das Zureden des Frauenzimmerchens,« fuhr der Korporal fort, »fuhr
der Karren mit der blessierten Mannschaft ohne mich weiter. Sie hatte
ihnen versichert, ich würde daran sterben, wenn ich wieder auf den
Karren käme. Und als ich wieder zu mir selbst kam, fand ich mich in
einem stillen, ruhigen Bauernhause, und war sonst kein Mensch mit mir
drinnen als das Frauenzimmerchen und der Bauer und seine Frau. Ich
lag quer überm Bett in der Ecke der Stube, mit meinem Bein auf dem
Stuhle, und das Frauenzimmerchen saß bei mir und hielt ihren Zipfel
vom Schnupftuche, den sie in Essig getaucht hatte, mit einer Hand vor
meiner Nase und rieb mir mit der andern die Schläfe.
»Ich hielt sie erst für die Tochter des Bauern (denn es war kein
Krug) und hatte ihr deswegen einen kleinen Beutel mit achtzehn Gulden
hingegeben, welche mir mein armer Bruder Thomas (hier wischte Trim
seine Augen) mit einem Rekruten zum Andenken geschickt hatte, als er
eben nach Lissabon gehen wollte.
»Ich habe Euer Gnaden die klägliche Historie noch kein Mal erzählt.«
Hier wischte sich Trim zum dritten Male die Augen.
»Das Frauenzimmerchen rief den alten Mann und seine Frau her in die
Stube und wies ihnen das Geld, daß sie mir ein Bett geben sollten und
die kleine Pflege, die ich nötig hätte, bis ich erst ins Hospital
gebracht werden könnte. Gut so, mein guter Freund, sagte sie und
knüpfte den Beutel zu, -- ich will seine Ausgeberin sein. Aber da ich
damit allein wohl nicht genug zu tun habe, so will ich auch seine
Wärterin sein.
»Nach der Manier, womit sie das sagte, und nach ihrer Tracht, die
ich nun ein bißchen genauer examinierte, dachte ich wohl, daß das
Frauenzimmerchen wohl nicht des Bauern Tochter sein könnte.
»Sie ging schwarz vom Kopfe bis zu den Füßen und hatte ihre Haare
unter einer weißleinenen Haube, die ihr ganz dicht am Kopfe lag. Es
war, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, eine von der Art Nonnen, die es in
Brabant soviel gibt und die sie frei herumgehen lassen.« -- »Aus
seiner Beschreibung, Trim, sollte ich schließen, daß es eine junge
Begyne gewesen, von denen man sonst nirgends welche findet, als in
den Niederlanden, und in Amsterdam auch. Sie sind darin von Nonnen
unterschieden, daß sie ihr Kloster verlassen können, wenn sie heiraten
wollen. Sie besuchen die Kranken und pflegen sie nach ihrem Gelübde.
Ich wollte aber lieber, sie täten's aus gutem Herzen.«
»Sie hat mir oft gesagt, sie tät's aus Liebe zum Heilande. Das wollte
mir nicht recht gefallen.« -- »Ich glaube, Trim, wir haben beide
unrecht,« sagte mein Onkel Toby. »Wir wollen den Pfarrer Yorick darum
fragen, wenn er heute abend nach meines Bruders Hause kommt. Erinnere
Er mich nur daran.«
»Die junge Begyne,« fuhr der Korporal fort, »hatte kaum das Wort
ausgesagt, daß sie meine Krankenwärterin sein wollte, als sie wie der
Wind hinging, ihren Dienst anzutreten und was für mich zurechtzumachen.
Es währte nicht lange -- ob schon es mich lange dünkte --, so kam sie
wieder und hatte Flanell und dergleichen geholt. Und als sie mir mein
Knie ein paar gute Stunden lang gekühlt und dergleichen und mir einen
kleinen Napf Hafersuppe zu essen gegeben hatte, wünschte sie mir wohl
zu schlafen und versprach des Morgens früh wiederzukommen. -- Aber,
Euer Gnaden, sie wünschte mir was, das ich nicht haben konnte. Mein
Fieber wurde die Nacht sehr stark. Ihre Gestalt richtete großes Unheil
in meinem Kopfe an. Ich tat die ganze Nacht nichts, als daß ich immer
die Welt in zwei Stücken schnitt, um ihr eine Hälfte abzugeben. Und
alle Augenblicke weinte ich wieder, daß ich nichts hatte, als einen
Tornister und achtzehn Gulden, mit ihr zu teilen.
»Die ganze Nacht stand die hübsche Begyne wie ein Engel vor meinem
Bette, zog den Vorhang weg und gab mir was ein. -- Und ich wachte erst
aus meinen Träumen dadurch auf, daß sie kam, wie sie versprochen hatte
und mir wirklich eingab. Es ist gewißlich wahr, sie kam fast gar nicht
von mir weg, und ich war so daran gewöhnt, von ihren Händen mein Leben
zu nehmen, daß mir ganz bange ums Herz wurde und bleich im Gesicht,
wenn sie nur aus der Türe ging. Und dabei doch,« fuhr der Korporal fort
und machte eine der sonderbarsten Anmerkungen darüber,
»war's keine Liebe.
Es war an einem Sonntagnachmittag.
Der alte Mann und seine Frau waren ausgegangen.
Es war im ganzen Hause alles mausestill.
Auf dem Hofe krähte weder Huhn noch Hahn,
Als die hübsche Begyne kam und mich besuchte.
»Meine Wunde war nun auf gutem Wege der Besserung. Die Geschwulst hatte
sich schon seit einiger Zeit gelegt, aber es folgte darauf sowohl über
als unter dem Knie ein so unerträgliches Jucken, daß ich die ganze
Nacht hatte kein Auge davor zutun können.
»Laß Er mich sehen, sagte sie, und kniete gerade vor meinem Knie auf
die Erde nieder und begriff die Stelle unten daran.
»Es muß nur ein bißchen gerieben werden, sagte die Begyne. Damit legte
sie das Bettlaken darüber und fing
[Illustration]
an, mit ihrem vordersten Finger hin und her zu reiben unter dem Flanell
herum, das über dem Verband gebunden war.