Mein Onkel Toby hatte damals seinen Kopf mit anderen Dingen angefüllt,
so daß er erst nach der Schleifung von Dünkirchen, als alle anderen
Höflichkeiten von Europa abgemacht worden, Muße fand, diese zu
erwidern.
Dieses machte einen Waffenstillstand -- das heißt in Ansehung meines
Onkels Toby, auf seiten der Witwe Wadmann aber eine Vakanz -- von fast
elf Jahren. Da aber in allen Fällen dieser Art es der zweite Schlag
ist, er geschehe, so spät er wolle, der die Kriegshändel befestigt, so
ist es dieser Ursache wegen, daß ich es lieber die Liebeshändel meines
Onkels Toby mit Madame Wadmann, als die Liebeshändel der Madame Wadmann
mit meinem Onkel Toby nenne.
Dies ist keine Distinktion, weil kein Unterschied vorhanden ist.
Es ist nicht wie die Geschichte des alten aufgekrempten Hutes und des
aufgekrempten alten Hutes, worüber Euer Hochwürden sich so oft einander
in den Haaren gelegen, sondern hier ist ein Unterschied in der Natur
der Dinge. --
Und zwar erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, meine hochzuverehrenden
Herren, ein sehr großer.
[Illustration]
Hundertzwölftes Kapitel.
Da nun die Witwe Wadmann meinen Onkel Toby liebte, und mein Onkel Toby
die Witwe Wadmann nicht liebte, so war für die Witwe Wadmann nichts
anderes zu tun als fortzufahren, meinen Onkel Toby zu lieben, oder es
bleiben zu lassen.
Die Witwe Wadmann wollte so wenig das eine wie das andere tun.
Gütiger Himmel! Aber ich vergesse, daß ich so ein bißchen von ihrer
Gemütsart an mir habe. Denn sooft es sich begibt, wie es wohl zuweilen
geschieht, wenn eben Tag und Nacht gleich sind, daß eine irdische
Göttin bald dies ist, bald das und bald jenes, daß ich ihretwegen mein
Frühstück nicht verzehren kann und sie sich keinen schweren Schilling
darum bekümmert, ob ich mein Frühstück verzehre oder nicht. Verdammt
mit ihr! Und damit schicke ich sie nach der Tartarei, und von der
Tartarei nach Terra del Fuogo und so weiter zu Meister Hämmerling.
Kurz, es gibt keine höllische Nische, da ich nicht Ihro Gottheiten
fasse und hineinpacke.
Allein, weil das Herz zärtlich ist und es auf diesem Strome der
Leidenschaften zehnmal in einer Minute Ebbe und Flut wird, so bringe
ich sie wieder zurück. Und da ich in allen Dingen bis aufs Äußerste
gehe, versetze ich sie in den Himmel, mitten in die Milchstraße.
Glänzendstes unter den Gestirnen! O, schütte deinen Einfluß auf ihn,
der -- hole sie der Henker, mitsamt ihrem Einflusse. Denn bei dem Worte
reißt mir alle Geduld aus! Wohl bekomm's ihm! --
Bei allem, was rauh und geschlitzt ist, rufe ich, und nehme meine
Pelzmütze ab und lasse meinen Finger rund laufen, keinen Groschen gäbe
ich für ein Dutzend solcher!
Es ist gleichwohl eine vortreffliche Mütze, sage ich dann wieder --
indem ich sie auf den Kopf setze und auf die Ohren festdrücke --, und
ist warm und weich, besonders wenn Sie sie mit dem Haare streicheln,
aber leider! So gut wird mir's niemals gehen -- und damit hat denn
meine Philosophie abermals Schiffbruch gelitten --.
Nein, an die Pastete werde ich wohl keinen Finger bringen -- hier
zerbreche ich meine Metapher --.
Rinde und Krumen,
Gefüllsel und Rand,
Deckel und Boden -- ich verabscheue es, hasse es, verwerfe es -- mir
ekelt schon vom Ansehen.
Es ist nichts als Pfeffer
Knoblauch
Kaviar
Salz und
Teufelsdreck --
beim großen Erzkoch aller Köche, welcher, denke ich, vom Morgen bis
Abend nichts anderes tut, als daß er beim Feuer sitzt und hitzige
Gerichte für uns aussinnt, ich rühre es nicht an, um die Welt --
O, Tristram! Tristram! rief Jenny.
O, Jenny! Jenny! versetzte ich und fuhr fort mit dem hundertdreizehnten
Kapitel.
[Illustration]
Hundertdreizehntes Kapitel.
Die Göttinnen des Schicksals, welchen ganz gewiß alles von dieser
Liebesgeschichte der Witwe Wadmann mit meinem Onkel Toby vorher bekannt
war, hatten von der ersten Schöpfung der Materie und Bewegung an --
und zwar mit mehr Gütigkeit, als sie bei Dingen von dieser Art pflegen
-- einen Strang von Ursachen und Wirkungen gesponnen, die so fest
aneinanderhingen, daß es meinem Onkel Toby kaum möglich gewesen, in
irgendeinem anderen Hause zu wohnen oder einen anderen Garten in der
Christenheit zu besitzen als gerade das Haus und den Garten, die dicht
an der Witwe Wadmanns Haus und Garten lagen. Dieses nebst dem Vorteile
einer dichten Laube in Madame Wadmanns Garten, die in meines Onkels
Toby grüne Hecke hineingepflanzt war, gab ihr alle die Gelegenheiten an
die Hand, deren die Kriegskunst der Liebe bedurfte. Sie konnte meines
Onkels Toby Bewegungen wahrnehmen, und seine Entschlüsse im Kriegsrate
wußte sie gleichfalls alle. Und da sein verdachtloses Herz dem Korporal
durch die Vermittlung der Brigitte Erlaubnis erteilt hatte, ihr ein
kleines Heckenpförtchen zu machen, um desto mehr Raum zum Spazieren
zu gewinnen, sah sie sich dadurch imstande, ihre Approchen bis dicht
an die Türe des Schilderhauses zu führen und zuweilen zur schuldigen
Danksagung eine Attacke zu machen und ihr Bestes zu versuchen, meinen
Onkel mit diesem seinem eigenen Schilderhause in die Luft zu sprengen.
[Illustration]
Hundertvierzehntes Kapitel.
Es ist Jammer und schade -- aber mir nicht weniger aus meiner täglichen
Beobachtung des Menschen gewiß, daß er wie eine Kerze an beiden Enden
angezündet werden kann. Woferne nur der Docht weit genug hervorsteht.
Ist keiner da und er wird unten angezündet, so, weil in dem Falle die
Flamme gewöhnlich das Unglück hat, sich selbst auszulöschen, geht's
wieder nicht.
Was mich anbelangt, könnte ich's immer selbst einrichten, von welchem
Ende an ich brennen wollte -- denn ich kann den Gedanken nicht
ausstehen, so viehdumm zu brennen --, so sollte mich eine ehrliche
Hausfrau allemal bei der Spitze anzünden. Denn alsdann könnte ich
hübsch mit Ehren herunterbrennen. Das heißt von meinem Kopfe bis zu
meinem Herzen, von meiner Leber bis zu meinen Eingeweiden, und so den
Weg der mesenterischen Venen und Arterien herunter, durch alle die
Windungen und Seitenschnitte der Intestinen und ihrer Häute, bis zum
blinden Darm.
»Ich bitte Sie, Herr Doktor Slop,« sagte mein Onkel Toby und fiel ihm
in die Rede, als er in einem Gespräch an dem Abende, da meine Mutter
von mir entbunden ward, des blinden Darms erwähnte. »Ich bitte Sie,«
sagte mein Onkel Toby, »sagen Sie mir doch, welches ist der blinde
Darm? Denn ich versichere Sie, so alt ich bin, weiß ich doch bis diesen
Tag noch nicht, wo er liegt.«
»Der blinde Darm,« antwortete Doktor Slop, »liegt zwischen dem Illion
und Kolon.«
»Bei einem Manne?« sagte mein Vater.
»Es ist genau ebenso bei den Weibern,« versetzte Doktor Slop.
»Das ist mehr, als ich weiß,« sagte mein Vater.
[Illustration]
Hundertfünfzehntes Kapitel.
Und so, um mit beiden Systemen gewiß zu gehen, beschloß die Witwe
Wadmann, meinen Onkel Toby weder an dem einen noch anderem Ende
anzuzünden, sondern, wie das Licht eines Verschwenders, womöglich an
beiden Enden zugleich.
Nun hätte sie sieben ausgeschlagene Jahre hindurch alle militärischen
Polterkammern, beides, der Infanterie und Kavallerie mit
eingeschlossen, vom großen Arsenal in Venedig an bis auf den Tower
in London (exklusive) durchkramen und ihre Brigitte zur Hilfe nehmen
mögen, -- Madame Wadmann hätte doch keine zu ihrem Zweck so dienliche
Blende finden können, als was ihr der Behelf meines Onkels Toby in
seinen Belagerungen ganz bereit in die Hände gab.
Mich dünkt, ich habe Ihnen noch nicht gesagt -- ich weiß es jedoch
nicht, es kann wohl sein; wie ihm aber sei, es ist eins von den vielen
Dingen, die ein Mann lieber noch einmal tun, als darüber streiten
sollte --, was für eine Stadt oder Festung der Korporal eben während
ihres Feldzuges unter der Arbeit haben mochte, mein Onkel Toby
war allemal besorgt, einen Grundriß des Platzes an der inwendigen
Seite seines Schilderhauses gegen seine linke Hand oben am Rande
mit zwei oder drei Nadeln festzustecken. Unten hing er lose, um ihn
mit Bequemlichkeit näher vors Gesicht zu bringen usw., wie es die
Gelegenheit so mit sich brachte. Dergestalt, daß, wenn Madame Wadmann
eine Attacke beschlossen, sie nichts weiter zu tun nötig hatte,
nachdem sie bis an die Türe des Schilderhauses avanciert war, als
ihre rechte Hand auszustrecken. Und indem sie mit derselben Bewegung
ihren linken Fuß hineinrücken ließ, brauchte sie nur die Karte, den
Grundriß, die Zeichnung oder was es sonst war, zu ergreifen, solchem
mit ausgestrecktem Halse auf halbem Wege zu begegnen und es nach sich
zu ziehen. Wodurch meines Onkels Toby Leidenschaften unfehlbar Feuer
fangen mußten. Denn er faßte beständig den anderen Zipfel der Karte mit
seiner linken Hand und begann, mit dem Ende seiner Tabakspfeife in der
anderen, eine Erklärung.
Wenn die Attacke bis zu diesem Punkte gediehen war --. Die Welt wird
natürlicherweise die Gründe der folgenden Kriegslist der Madame Wadmann
billigen, welche darin bestand, daß sie, sobald sie nur dazu kommen
konnte, meinem Onkel Toby die Tabakspfeife aus der Hand nahm, was sie
unter diesem oder jenem Vorwande, gewöhnlich aber unter dem, daß sie
eine Redoute oder Brustwehr auf dem Risse deutlicher gezeigt haben
möchte, zu bewerkstelligen wußte, ehe noch mein Onkel Toby -- die gute
Seele! -- ein halbes Dutzend Ruten damit marschiert war.
Es nötigte meinen Onkel Toby, seinen Zeigefinger zu gebrauchen. Die
Veränderung, die es in der Attacke veranlaßte, war diese: Wenn in dem
ersten Falle Madame Wadmann mit der Spitze ihres Zeigefingers an dem
Ende der Tabakspfeife meines Onkels Toby herumfuhr, da hätte sie auf
den Linien herumreisen mögen von Dan gen Berseba -- hätten meines
Onkels Toby Linien sich so weit erstreckt --, ohne daß es die geringste
Wirkung getan hätte. Denn weil in dem Ende der Tabakspfeife kein Blut
und keine Lebensgeister waren, so konnte es keine Empfindungen erregen.
Es konnte weder durch Pulsation Feuer geben noch durch Sympathie
welches fangen. Es war bloß Schmauch.
Dahingegen, wenn sie meines Onkels Toby Zeigefinger mit dem ihrigen
folgte, Finger an Finger, durch alle Krümmungen und Spitzen seiner
Werke, ihn zuweilen an der Seite drückte, dann mit ihrem Finger auf
seinen Nagel trat, dann damit über seinen her stolperte, ihn bald hier
tippte, bald da und so fort, setzte das wenigstens etwas in Bewegung.
Dieses waren zwar nur leichte Scharmützel und fielen in einiger
Entfernung vom Hauptkorps ab, zettelten aber das übrige herbei.
Wenn dann, wie gewöhnlich, die Karte wieder an die Wand des
Schilderhauses herniederfiel, so pflegte mein Onkel Toby mit der
größten Treuherzigkeit seine flache Hand daraufzuhalten, um mit seiner
Erklärung fortzufahren. Madame Wadmann, durch ein Manöver so schnell
wie Gedanken, hielt eben so gewiß ihre Hand dicht bei der seinigen.
Dieses eröffnete auf einmal eine Kommunikation, die weit genug war,
jede Empfindung hin und her passieren zu lassen, wie sie eine Person,
die in dem elementarischen und praktischen Teile der Liebe bewandert
war, sich nicht schöner wünschen konnte.
Sobald sie ihren Zeigefinger (wie vorher) mit dem Zeigefinger
meines Onkels Toby in eine Parallele brachte, brachte solches ganz
unvermeidlich auch den Daumen ins Feuer -- und der Zeigefinger und
Daumen einmal im Treffen, zogen eben so natürlicherweise die ganze Hand
ins Gemenge. Deine, mein liebster Onkel Toby, war doch nun niemals
auf der rechten Stelle. -- Madame Wadmann mußte sie immer aufheben
oder sie hatte zu tun immer mit dem sanftesten Stoßen, Schieben oder
zweideutigen Drängen und Drücken, die eine den Platz zu verändernde
Hand nur immer leiden mag, ein Haar breit aus dem Wege zu rücken.
Derweil dieses vorging, wie hätte sie's vergessen können, ihn empfinden
zu lassen, daß es ihr eigenes Bein sei (und sonst keines Menschen), das
ihn unten am Schilderhause sanft an seiner Wade drückte.
Da also mein Onkel Toby auf diese Weise attackiert und ihm auf beiden
Flügeln hart zugesetzt wurde, war es ein Wunder, wenn solches zuweilen
sein Zentrum in Unordnung brachte? --
»Das hole der Henker!« sagte mein Onkel Toby.
[Illustration]
Hundertsechzehntes Kapitel.
Diese Attacken von Madame Wadmann, wie Sie leicht denken können, waren
von verschiedener Art. So voneinander unterschieden wie die Attacken,
von denen die Geschichte voll ist. Und das aus einerlei Ursachen. Ein
zuschauender General würde ihnen den Namen Attacken kaum geben. --
Oder täte er's, würde er sie doch alle über einen Kamm scheren. Aber
für solche Herren schreibe ich nicht. Es wird Zeit genug sein, mehr
Genauigkeit in meinen Beschreibungen anzuwenden, wenn ich erst zu ihnen
komme, welches in einigen Kapiteln noch nicht geschehen wird. Zu diesem
habe ich weiter nichts hinzuzusetzen, als daß in meinem Bündel von
Originalpapieren und Zeichnungen, welche mein Vater die Sorgfalt gehabt
hat besonders aufzurollen, sich ein Grundriß von Bouchain befindet, der
noch völlig gut konserviert ist -- und es bleiben soll, solange ich
imstande bin, etwas zu konservieren --, auf dessen unterem Rande an
der rechten Seite noch die Flecken von Finger und Daumen sind, womit
Schnupftabak genommen worden. Und es ist nach allen Gründen von der
Welt zu mutmaßen, daß es Madame Wadmanns Finger waren. Denn die Seite
des Randes gegenüber, welche nach meiner Vermutung die meines Onkels
Toby war, ist ganz und gar rein.
Dieses scheint ein authentisches Protokoll von einer von diesen
Attacken zu sein. Denn man sieht noch die Spuren von zwei Nadelstichen,
die zwar schon teils wieder zugegangen, aber dennoch an der oberen
Seite der Karte sichtbar und ohne allen Widerspruch die leibhaften
Löcher sind, durch welche sie im Schilderhause angesteckt gewesen ist.
Bei allem, was priesterlich heißt, ich schätze die kostbare Reliquie
mit ihren Mälern und Löchern höher, als alle übrigen Reliquien
zusammengenommen! -- Allemal ausgenommen, wenn ich über diese Materie
schreibe, sind die Löcher, welche Sankta Radagunda in der Wüste in ihr
Fleisch bekam, welche Ihnen auf Ihrer Reise von Fesse nach Clugny die
Nonnen dieses Namens aus christlicher Milde zeigen werden.
[Illustration]
Hundertsiebzehntes Kapitel.
»Ich glaube, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,« sagte Korporal Trim,
»die Fortifikationen sind genug abgetragen, und der Hafen ist nun
ausgefüllt, so hoch, wie auf dem Plan gesagt ist.« -- »Ich denke es
auch,« erwiderte mein Onkel Toby mit einem halb unterdrückten Seufzer.
»Aber gehe Er nach meinem Zimmer, Trim, und hole er die Traktaten, sie
liegen auf dem Tische.«
»Sie haben da sechs Wochen lang gelegen,« versetzte der Korporal, »bis
heute morgen, da hat die alte Frau Feuer damit angemacht.«
»Nun,« sagte mein Onkel Toby, »so haben unsere Dienste ein Ende.« --
»Um so mehr,« sagte Korporal Trim, »ist's, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,
Jammer und schade.« Mit diesen Worten warf er seinen Spaten in den
Schiebkarren, der bei ihm stand, mit einer Miene, welche die größte
Trostlosigkeit ausdrückte, die man sich nur denken kann, und wendete
sich schwermütig herum, seine Pickelhacke, seine Schaufel, Steckpflöcke
und das andere kleine Kriegsgerät zusammenzusuchen, um es aus dem Felde
zu führen, -- als ein tiefes Ach! aus dem Schilderhause, das aus dünnen
Schaldielen gemacht war und also den Schall um so trauriger nachhallen
ließ, ihn daran verhinderte.
»Nein,« sagte der Korporal bei sich selbst, »ich will's morgen früh
tun, ehe der Herr Kapitän aufsteht.«
Damit nahm er seinen Spaten wieder aus dem Schiebkarren hervor, mit ein
wenig Erde darauf, als ob er eine Stelle am Fuße des Walles damit ebnen
wollte. In der eigentlichen Absicht aber, sich seinem Herrn zu nähern,
um ihm die Grillen zu vertreiben. Er lockerte ein paar Rasen, stieß die
Ecken mit seinem Spaten ab, und nachdem er mit der Fläche ein- oder
ein paarmal leise darauf geklopft hatte, setzte er sich dicht zu den
Füßen meines Onkels Toby nieder und hob an wie folgt.
[Illustration]
Hundertachtzehntes Kapitel.
»Es wäre wohl ewig schade, ob ich schon glaube, mit Euer Gnaden
Wohlnehmen, daß ich wohl nur einfältiges Zeug vorbringen werde, für 'n
Soldaten.«
»Ein Soldat,« rief mein Onkel Toby und fiel dem Korporal in die Rede,
»hat darin nichts voraus, Trim; er kann ebensowohl einfältiges Zeug
hervorbringen wie ein Gelehrter.« -- »Aber nicht so oft, mit Euer
Gnaden Wohlnehmen,« versetzte der Korporal. -- Mein Onkel Toby nickte
Beifall.
»Es wäre denn also ewig schade,« sagte der Korporal und warf seine
Augen auf Dünkirchen und den Hafen, wie Servius Sulpicius, als er aus
Asien zurückkam und von Ägina gen Megara segelte, seine Augen auf
Korinth und Pyräus richtete.
»Es wäre ewig schade, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, diese Werke zu
demolieren -- und ewig schade, wenn man sie hätte stehen lassen.«
»Er hat recht, Trim, in beiden Stücken,« sagte mein Onkel Toby. --
»Das,« fuhr Korporal Trim fort, »ist die Ursache, warum ich von
Anbeginn ihrer Schleifung bis ans Ende nicht ein einziges Mal gepfiffen
oder gesungen, oder gelacht oder geweint, oder von unseren alten Taten
gesprochen oder Euer Gnaden ein einziges Histörchen erzählt habe, gut
oder schlecht.«
»Er hat viel Gutes an sich, Trim,« sagte mein Onkel Toby. »Und ich
lobe es an Ihm, da Er doch sein Histörchen erzählen mag, daß Er unter
allen, die Er mir erzählt, um mir meine Schmerzen vergessen zu machen
oder mir meine Grillen zu vertreiben, Er mir selten ein schlechtes
erzählt hat.«
»Das kommt davon, mit Euer Gnaden gütiger Erlaubnis, daß sie alle wahr
sind, wenn ich die Historie vom König von Böhmen und seinen sieben
Schlössern nicht mitrechne. Denn sie gehen alle zusammen mich selbst
was an.«
»Und ebendarum mag ich sie wohl leiden,« sagte mein Onkel Toby. »Aber
was für eine Historie ist denn das? Er hat mich ja recht neugierig
gemacht.«
»Euer Gnaden können's gleich hören, wenn ich's erzählen soll.«
»Nur,« sagte mein Onkel Toby und sah von neuem nach Dünkirchen und
dem Hafen hin, »nur muß es keine lustige sein. Wer sich eine lustige
Historie erzählen lassen will, Trim, der muß ohnedem schon aufgeräumt
sein, sonst geht's nicht. Und so wie mir jetzt zumute ist, würde Er
wohl nicht die Freude haben, daß ich über Seine Historie lachte.«
»Lustig ist sie ganz und gar nicht,« versetzte der Korporal.
»Gar zu ernsthaft möchte ich sie aber auch nicht haben,« setzte mein
Onkel Toby hinzu. -- »Es ist weder das eine noch das andere,« erwiderte
der Korporal, »und wird für Euer Gnaden recht passen.« -- »Nun, so
nehme ich sie zu herzlichem Danke an,« rief mein Onkel Toby. »Sei Er
nur so gut und fange Er an, Trim.«
Der Korporal machte seine Reverenz; und obgleich es nicht so leicht
ist, als man wohl glaubt, eine welke Reitmütze mit einem schicklichen
Anstande abzunehmen -- oder etwa um ein Haar leichter, nach meiner
Ansicht, wenn ein Mensch auf gut türkisch auf der Erde kauert, einen so
ehrfurchtsvollen, tiefen Bückling zu machen, wie der Korporal gewohnt
war, so tat es Trim doch dadurch, daß er seine rechte flache Hand, mit
der er nach seinem Herrn hin saß, ein wenig hinterwärts hinter seinem
Körper aufs Gras fallen ließ, damit er sich besser vornüberbeugen
könnte. Und er tat es durch eine ungezwungene Zusammenklemmung seiner
beiden Vorderfinger und des Daumens seiner linken Hand, wodurch der
Umfang der Mütze kleiner wurde, und man eher hätte sagen können,
er habe sie abgedrückt als abgerissen, und zwar auf eine bessere
Weise als die Lage, darin er war, es zu versprechen schien. Und
nachdem er ein paarmal hm! hm! gesagt hatte, um den Ton ausfindig zu
machen, in welchem die Historien am besten gehen und welche in seines
Herrn Gemütsart am besten eingreifen möchte, wechselte er nur einen
vertraulich freundlichen Blick mit ihm und begann also:
~Die Historie vom König von Böhmen und seinen sieben Schlössern~.
»Es war einmal ein König von Böhmen --«
Wie der Korporal die Grenzen von Böhmen beschritt, nötigte ihn mein
Onkel Toby, auf einen Augenblick innezuhalten. Er hatte barhaupt
begonnen, indem er seine Reitmütze, die er am Ende des vorigen Kapitels
abgezogen, neben sich auf der Erde hatte liegen lassen.
Das Auge der Güte späht auf alles. -- Der Korporal hatte also noch
nicht völlig die fünf ersten Worte seiner Historie hervorgebracht, als
mein Onkel Toby bereits mit seinem spanischen Rohre zweimal die Mütze
frageweise angerührt hatte -- gleichsam, um zu sagen: warum setzt Er
sie nicht auf, Trim? Trim hob sie mit der ehrerbietigsten Langsamkeit
auf, und indem er dabei, wie er's tat, einen demütigen Blick auf das
gestickte Vorderblatt warf, das jämmerlich abgebleicht und daneben in
den besten Blumen und kühnsten Zügen der Stickerei abgeschlissen war,
legte er sie von neuem zwischen seine beiden Beine, um über den Umstand
zu moralisieren.
»Leider ist jedes Wort von dem nur zu wahr,« rief mein Onkel Toby, »was
Er da anmerken will.«
»Nichts in dieser Welt, Trim, ist gemacht, daß es ewig halten soll.«
»Aber wenn die Andenken deiner Liebe und Treue, liebster Thomas, sich
verschleißen,« sagte Trim, »was sollen wir dann sagen?« --
»Er hat nicht nötig, das geringste weiter zu sagen,« rief mein
Onkel Toby. »Und wenn auch ein Mensch sein Gehirn bis an den lieben
Jüngsten Tag zermarterte, Trim, ich glaube, so könnte er es doch nicht
herausfinden.«
Da der Korporal merkte, daß mein Onkel Toby recht hatte, und daß es
für den Witz eines Menschen vergebens sein würde, darauf zu sinnen,
eine reinere Moral aus seiner Mütze zu ziehen, so ließ er's dabei
bewenden und setzte sie auf, fuhr mit seiner Hand über die Stirne, um
eine tiefsinnige Runzel wegzureiben, die der Text und die Nutzanwendung
miteinander gezeuget hatten, und wendete sich wieder, mit dem vorigen
Blicke und Tone in der Stimme, zu seiner Historie vom Könige von Böhmen
und seinen sieben Schlössern.
~Die Historie des Königs von Böhmen und seinen sieben Schlössern~.
Fortsetzung.
»Es war einmal ein König von Böhmen, aber unter was für einer
Regierung, wenn es nicht unter seiner eigenen war, das kann ich Euer
Gnaden nicht sagen --«
»Das verlange ich von Ihm auch nicht, Trim, gar nicht,« sagte mein
Onkel Toby.
»Es war ein Weilchen vorher, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, ehe die Hünen
anfingen keine Kinder mehr zu kriegen. Aber in was für einem Jahr
Christi es war --«
»Da gebe ich keinen roten Heller um, ob ich das weiß, oder nicht,«
sagte mein Onkel Toby.
»Ja, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, eine Historie kriegt doch so ein
besser Ausgehen danach.«
»Es ist Seine Historie, Trim, schmücke Er sie aus nach Seinem eigenen
Gutdünken und verlege Er sie, auf welches Jahr Er will,« sagte mein
Onkel Toby und sah ihn spaßhaft an. »Verleg' Er sie, auf welches Jahr
Er nur Lust hat. Ich bin's von Herzen zufrieden.«
Der Korporal verneigte sich; denn, von jedem Jahrhunderte und von
jedem einzelnen Jahr dieses Jahrhunderts, vom Anbeginn der Schöpfung
bis zur Sündflut, und von der Sündflut bis zu Abrahams Geburt, durch
alle Wallfahrten der Leben der Erzväter bis auf den Ausgang der Kinder
Israel aus Ägypten -- und alle Dynastien, Olympiaden, Urbiconditas und
andere merkwürdige Epochen der verschiedenen Völkerschaften auf dem
Erdboden, bis zu Christi Geburt, und von da an bis auf den eigentlichen
Augenblick, in welchem Trim seine Historie erzählte --, dieses weite
Meer der Zeit, mit allen seinen Abgründen, hatte mein Onkel Toby seiner
Wahl überlassen. Aber wie die Bescheidenheit das kaum mit einem Finger
zu berühren pflegt, was ihr die Freigebigkeit mit beiden offenen Händen
darbeut, so begnügte sich der Korporal mit dem schlechtesten Jahre aus
dem ganzen Bausch, welches, um die Herren Kameralisten, Projektisten
und Lottologisten abzuhalten, daß sie sich durchs Zanken darüber nicht
das Fleisch von den Knochen nagen -- ob das Jahr nicht allemal das
letzt zurückgelegte Jahr des zuletzt abgelegten Kalenders sei -- ich
Ihnen deutlich sagen muß: aus anderen, ganz anderen Ursachen aber, als
Sie denken.
Es war das Jahr, das ihm am nächsten war, zu sagen, das Jahr unseres
Herrn siebzehnhundertundzwölfe. Weil in diesem Jahr der Herzog von
Ormond in Flandern sein Wesen trieb, nahm es der Korporal und trat
damit von neuem seine Reise nach Böhmen an.