[Illustration]

Hunderterstes Kapitel.

Unter den manchen üblen Folgen des Utrechter Traktates war auch

diese, daß nicht viel fehlte, so hätte mein Onkel Toby einen Ekel an

den Belagerungen bekommen. Und ob er gleich seine Belagerungslust

nachher wieder bekam, so ließ doch selbst Calais keine tiefere Narbe

in dem Herzen der Königin Marie, als Utrecht im Herzen meines Onkels

Toby. Bis an sein seliges Ende konnte er Utrecht niemals gelassen

nennen hören, nicht einmal einen Artikel lesen, der aus der Utrechter

Zeitung genommen war, ohne einen Seufzer zu holen, als ob ihm das Herz

zerspringen wollte.

Mein Vater, der ein großer Ursachenkrämer war und folglich eine

gefährliche Person für einen Mann, der in seiner Gegenwart lachte oder

weinte -- denn gemeiniglich wußte er die Ursache, warum Sie beides

täten, weit besser wie Sie selbst --, suchte beständig meinen Onkel

Toby bei solchen Gelegenheiten zu trösten -- auf eine Art zwar, welche

deutlich verriet, er bilde sich ein, meinem Onkel Toby ginge bei der

ganzen Sache nichts so sehr zu Herzen als sein liebes Steckenpferd.

»Laß nur gut sein, Bruder Toby,« pflegte er zu sagen, »wenn es Gottes

Wille ist, werden wir bald wieder neuen Krieg haben. Und wenn der

losgeht, wenn sich die kriegführenden Mächte auch aufhingen, können sie

uns doch nicht aus dem Spiele lassen. Ich will doch einmal sehen, mein

lieber Toby,« pflegte er hinzuzusetzen, »ob sie Länder nehmen können

ohne Städte, oder Städte ohne Belagerungen.«

Mein Onkel Toby konnte diesen Rückenhieb nach seinem Steckenpferde

niemals freundlich hinnehmen. -- Er hielt den Hieb für ungroßmütig. Und

zwar um so mehr, da er nicht auf das Pferd treffen konnte, ohne den

Reiter mit zu treffen, und zwar auf den schimpflichsten Fleck an seinem

Leichname, wohin ein Hieb fallen kann. Sonach legte er bei diesen

Gelegenheiten allemal die Pfeife mit mehr Feuer als gewöhnlich auf den

Tisch, um sich zu verteidigen.

Heute vor zwei Jahren sagte ich dem Leser, daß mein Onkel Toby nicht

beredt gewesen -- und gab auf dieser Seite hier ein Beispiel vom

Gegenteil. -- Ich wiederhole die Bemerkung und bringe ein Faktum bei,

welches ihr abermals widerspricht. Er war nicht beredt. Es fiel meinem

Onkel Toby schwer, lange Reden zu halten, und die geblümelten haßte

er. Es gab aber Gelegenheiten, da der Strom den Mann mit fortriß und

dergestalt gegen seinen gewöhnlichen Lauf anstürzte, daß mein Onkel

Toby auf eine Zeitlang in einigen Stücken dem Tertullus gleichkam, ihn

in anderen aber, nach meiner Meinung, unendlich weit übertraf.

Mein Vater fand an einer von diesen Schutzreden meines Onkels

Toby, die er eines Abends vor ihm und Yorick gehalten hatte, ein so

außerordentliches Gefallen, daß er sie aufschrieb, ehe er zu Bette

ging.

[Illustration]

Hundertzweites Kapitel.

Ich erzählte dem christlichen Leser. -- Ich sage christlichen, weil ich

hoffe, daß er das ist. Wenn er's nicht ist, so tut mir's seinetwegen

leid -- und ich bitte ihn nur, der Sache reiflich nachzudenken und

nicht die Schuld so ganz auf dieses Buch zu schieben.

Ich erzählte ihm, mein Herr, denn bei meiner Treue, wenn ein Mensch

seine Historie auf eine so seltsame Art erzählt wie ich die meinige,

so muß er wohl alle Augenblicke zurück- oder vorwärtsgehen, um in

des Lesers Gedächtnis hübsch alles beieinander zu behalten. Ich

meinerseits, wenn ich's jetzt nicht noch mehr und fleißiger täte als

vorher, so tut sich so vielerlei schwankende zweideutige Materie mit

so vielen Lücken und Brüchen hervor. Und die Sterne, welche ich in

einigen der dunkelsten Gänge aufhänge, leisten so wenig Dienste, weil

ich weiß, daß sich die Welt bei allem Lichte, das ihr die Sonne Selbst

am hellsten Mittage gibt, so leicht verirren kann, daß -- und nun, da,

sehen Sie, habe ich mich selbst verirrt!

Aber es ist meines Vaters Schuld. Und wenn einst mein Gehirn anatomiert

wird, so werden Sie ohne Brille sehen können, daß er einen groben,

unebenen Faden hat mit durchschleichen lassen, wie man zuweilen in

einem ausgeschossenen Stück Leinwand die ganze Webe hindurchlaufen

sieht und fühlt, wenn man auch nur einen -- da hängen schon wieder ein

paar Lichtlein! -- oder eine Aderlaßbinde oder einen Däumling daraus

schneiden will. --

+Quanto id diligentias in liberis Procreandis cavendum+, sagt

Cardan, welcher alles wohl überlegt; da Sie sehen, daß es mir

moralischerweise unmöglich ist, dieses wieder herum- und dahin zu

winden, wo ich anfing, es herauszuziehen, so will ich das Kapitel

lieber noch einmal anfangen.

[Illustration]

Hundertdrittes Kapitel.

Ich erzählte dem christlichen Leser im Anfange des Kapitels, welches

vor meines Onkels Toby Schutzrede vorhergeht -- obgleich in einem

anderen Gleichnisse, als das ist, dessen ich mich jetzt bedienen

werde --, daß der Utrechter Frieden auf ein Haar breit eine ebenso

große Entfremdung zwischen meinem Onkel Toby und seinem Steckenpferde

hervorgebracht hätte, wie er unter der Königin und den übrigen

verbundenen Mächten veranlaßte.

Es gibt eine verächtliche Art, mit der ein Mann zuweilen von seinem

Pferde absitzt, die etwa sagt: »Lieber wollte ich all mein Lebelang zu

Fuße gehen, Bestie, als mein Bein wieder über deinen Rücken bringen!«

-- Nun konnte man von meinem Onkel Toby nicht sagen, daß er auf diese

Art abgesessen sei. Gewissermaßen und nach dem strengen Sprachgebrauche

konnte man gar nicht einmal sagen, er sei abgesessen, sondern hätte

richtiger sagen müssen, er sei vom Pferde abgesetzt, und ein wenig

tückischerweise; das machte, daß mein Onkel Toby es noch zehnmal übler

nahm. Aber laß die Staatsroßkämme das unter sich abtun, wie sie wollen.

Es brachte, sage ich, eine Art von Entfremdung zwischen meinem Onkel

Toby und seinem Steckenpferde hervor. -- Vom Monat März bis November,

den Sommer, nachdem der Friede geschlossen worden, brauchte er's fast

gar nicht, außer wenn er etwa einmal einen ganz kurzen Ritt tat, um

eben nur zuzusehen, ob der Hafen und die Werke von Dünkirchen versenkt

und geschleift wären, wie die Zeitungen berichtet hatten.

Die Franzosen ließen es den ganzen Sommer bei dieser Sache so langsam

angehen. Monsieur Tugghe, der Deputierte des Dünkirchener Magistrats,

übergab der Königin so manche rührende Bittschrift, worin er Ihre

Majestät anflehte, doch ihre Donnerkeile auf die anderen Werke fallen

zu lassen, die sich ihre Ungnade könnten zugezogen haben, -- und um

Schonung -- um Schonung des Befestigungswerkes, das in seiner nackten

Lage nichts weiter sein könnte als ein Gegenstand des Mitleidens. Und

die Königin, welche -- als ein Frauenzimmer -- erbittlichen Herzens

war -- und ihre Minister gleichfalls --, konnte es nicht übers Herz

bringen, daß die Stadt so entblößt würde, aus der besonderen Ursache --

* * * * *

-- -- so daß es also im ganzen meinem Onkel Toby sehr sauer gemacht

wurde. Um so mehr, da drei volle Monate noch darüber hingingen,

in denen er und der Korporal die Stadt aufgebaut und in gehörigen

Stand gesetzt hatten, um sie schleifen zu können, ehe es ihm die

verschiedenen Kommandanten, Kommissarien, Deputierte, Negotiateurs und

Intendanten erlaubten, sich daran zu machen. -- Schlimmer, schlimmer

Zwischenraum der Untätigkeit.

Der Korporal war dafür, die Schleifung damit anzufangen, daß sie eine

Bresche in den Wall oder die Hauptfestung der Stadt machten. -- »Nein,

Korporal, das geht nicht,« sagte mein Onkel Toby, »denn wenn wir so

mit der Stadt zu Werke gehen, so wird die englische Garnison keinen

Augenblick darin sicher sein. Denn wenn die Franzosen falsch sind --«

-- »Sie sind so falsch, mit Euer Gnaden Erlaubnis, so falsch wie

der Satan,« sagte der Korporal. -- »Das tut mir allemal leid, wenn

ich's höre, Trim,« sagte mein Onkel Toby; »denn es fehlt ihnen nicht

an persönlicher Herzhaftigkeit. Und wenn eine Bresche in dem Walle

ist, können sie dadurch hineindringen und sich zum Herrn des Ortes

machen, wenn sie nur wollen.« -- »Laß sie einmal hineindringen,«

sagte der Korporal, und hob seinen Pionierspaten mit beiden Händen

in die Höhe, als ob er um sich hauen wollte. »Laß sie hineindringen,

Euer Gnaden, sage ich, wenn sie's sich unterstehen.« -- »In Fällen

wie dieser, Korporal,« sagte mein Onkel Toby, wobei er die Hand bis

auf die Mitte seines Stockes hinunterrutschen ließ und ihn darauf als

einen Kommandostab mit ausgestrecktem Zeigefinger faßte, »muß sich

der Kommandant nicht darum bekümmern, was sich der Feind unterstehen

oder nicht unterstehen möchte: er muß auf seiner Hut sein. Wir wollen

mit den Außenwerken anfangen, sowohl nach der See- als Landseite.

Fort Louis soll das erste sein, das ist am weitesten entlegen und

soll zuerst demoliert werden. Dann die übrigen, alle eins nach dem

anderen, wie sie liegen, links und rechts, wie wir uns nach der Stadt

zurückziehen. Dann wollen wir die Dudane abtragen, hernach den Hafen

versenken, uns in die Zitadelle ziehen, sie in die Luft sprengen, und

wenn wir das getan haben, Korporal, dann zu Schiffe und nach England.«

-- »Da sind wir,« sagte der Korporal, der zur Besinnung kam. -- »Es ist

ja wahr,« sagte mein Onkel Toby und sah nach der Kirche.

[Illustration]

Hundertviertes Kapitel.

Ein Kriegsrat oder ein paar von dieser entzückenden täuschenden

Gattung, gepflogen zwischen meinem Onkel Toby und Trim, über die

Schleifung von Dünkirchen, brachten auf einen Augenblick die Ideen von

den Vergnügungen wieder in Reih und Glieder, welche gar davonwischen

wollten. -- Aber es ging damit nur schlaff her. Der Zauber schwächte

das Gemüt nur mehr. Die Göttin des Schlafes kam mit ihrem stummen

Gefolge ins einsame Wohnzimmer geschlichen und hüllte meines Onkels

Toby Kopf in ihren flornen Mantel. Und die Verdrossenheit mit ihren

schlaffen Fiebern und unbestimmtem Auge setzte sich ruhig bei ihm in

seinen Lehnstuhl hin. Amberg und Rheinburg, und Limburg und Huy, und

Bonn jagten nicht mehr dies Jahr -- und die Prospekte von Landen und

Trarbach, und Drusen und Dendermonde nicht im anderen Jahre das Blut

herum. Die Sappen, Minen, Schirme, Schanzkörbe und Palisaden wehrten

diesen schönen Feind der Ruhe des Menschen nicht länger ab. Nicht

mehr konnte mein Onkel Toby, wenn er bei seinem gekochten Ei zum

Abendessen die französischen Linien passierte, tiefer hinein ins Herz

von Frankreich dringen, über die Oyes setzen, die ganze Pikardie offen

hinter sich liegen lassen, bis vor die Tore von Paris marschieren und

mit lauter Bildern von Ehre und Ruhm einschlafen. Nicht mehr sollte es

ihm träumen, er habe das britische Panier auf den Turm der Bastille

gepflanzt, und erwachen, da es ihm noch im Kopfe flatterte.

Liebreichere Erscheinungen, sanftere Regungen stahlen sich unvermerkt

in seinen Schlummer, -- die Drommete des Krieges entfiel seiner Hand.

Er ergriff dafür die Laute, das liebliche Instrument! Unter allen

anderen das delikateste, das schwerste! -- Wie wirst du sie spielen,

liebster Onkel Toby!

[Illustration]

Hundertfünftes Kapitel.

Freilich habe ich's ein- oder ein paarmal nach meiner unbedachtsamen

Weise ausgeplaudert; ich verließ mich darauf, daß die folgenden

Nachrichten von den Liebesbegebenheiten meines Onkels Toby und der

Witwe Wadmann, sobald ich nur Zeit gewinne sie zu schreiben, eins

der vollständigsten Systeme -- sowohl nach den elementarischen als

praktischen Teilen der Liebe -- enthalten würden, die nur jemals

der Welt vorgelegt worden; aber müssen Sie sich deswegen nun gleich

einbilden, ich werde mit einer Beschreibung des Amor anfangen? -- Ob er

halb Gott ist und halb Teufel, wie Plotinus behauptet.

Oder nach einer kritischeren Gleichung, die das Ganze der Liebe durch

zehn Einheiten ausdrückt, mit dem Ficinus zu bestimmen, wie viele von

diesen Einheiten zum ersten und wie viele zum zweiten gehören. -- Oder

ob Amor über und über, vom Kopfe bis zum Schwanze, ein großer Teufel

ist, wie Plato sich unterstanden hat zu entscheiden. Über welchen

platonischen Einfall ich meine Meinung nicht sagen mag. Aber meine

Meinung vom Plato ist diese, daß er in diesem Beispiel sich als ein

Mann zeigt, der sehr viel Ähnliches in seiner Gemütsart und Philosophie

mit dem Doktor Baynyard hatte. Welcher Baynyard ein großer Feind von

spanischen Fliegen war und sich einbildete, ein halbes Dutzend, auf

einmal gelegt, würde einen Menschen ebensosicher dem Grabe zuführen,

wie ein mit sechsen bespannter Leichenwagen, und daher den übereilten

Schluß machte: der Teufel selbst sei in der Welt nichts anderes als

eine große spanische Brummfliege.

Das sind solche Untersuchungen, womit mein Vater, der sich einen

großen Vorrat von dergleichen Wissenschaft aufgestapelt hatte, in dem

Fortgange des Liebeshandels meines Onkels Toby sehr geschäftig sein

wird. Soviel muß ich voraussagen, daß er von seiner Theorie der Liebe

-- womit er, beiläufig gesagt, es so zu machen wußte, daß er meines

Onkels Toby Gemüt ebensosehr damit kreuzigte als Amors selbst -- nur

einen Ausfall in die Praxis tat, und vermittels eines in Kampfer

getränkten Wachstuches, das er Mittel fand, dem Schneider für Zwillich

aufzuhängen, als er eben meinem Onkel Toby ein Paar neue Beinkleider

machte, brachte er bei meinem Onkel Toby ebendie Wirkung wie Gordonius,

und ohne den bösen Geruch, hervor.

Was dies für Veränderungen hervorbrachte, wird man gehörigen Ortes

lesen. Alles, was nötig ist, der Anekdote hinzugesetzt zu werden, ist

dieses: Was es auch für Wirkung auf meinen Onkel Toby haben mochte, es

hatte eine häßliche Wirkung auf das Haus. -- Und hätte es mein Onkel

nicht, so wie er tat, ganz gelassen niedergeschmaucht, es hätte auch

auf meinen Vater eine häßliche Wirkung tun können.

[Illustration]

Hundertsechstes Kapitel.

Es wird sich bei Gelegenheit schon von selbst finden. -- Alles, was

ich hier verfechte, ist, daß ich nicht notwendig mit einer Definition

der Liebe anfangen muß. Und solange ich meine Historie wegerzählen und

sie mit dem Worte selbst verständlich sein kann, ohne einen anderen

Begriff damit zu verknüpfen, als den ich mit allen Leuten gemein habe,

warum sollte ich einen Augenblick vor der Zeit davon abgehen? -- Kann

ich erst nicht mehr weiter und sehe ich mich von allen Seiten in diesem

mystischen Labyrinth verwickelt, so wird meine Meinung von selbst dazu

kommen und mich herausführen.

Für jetzt, hoffe ich, wird man mich hinlänglich verstehen, wenn ich

dem Leser sage: mein Onkel Toby ward verliebt.

Ich kann nicht sagen, daß mir die Redensart gefiele; gar nicht! Denn

wenn man sagt, ein Mann ist verliebt, oder er ist heftig verliebt,

oder gar er ist rasend verliebt, oder noch ärger, er ist mit Haut

und Haar verliebt --, so wollen diese unter den Leuten gang und

gäben Redensarten allemal soviel mit andeuten, daß der Zustand eines

Menschen, welcher liebt, unnatürlich und gefährlich sei. -- Das heißt

der Meinung des Plato Anhänger machen, welche ich bei aller seiner

Göttlichkeit für verdammlich und ketzerisch halte. Doch genug davon.

Lieben und Verliebtsein mag also sein, was es will: mein Onkel ward

verliebt.

Und vermutlich, gütiger Leser, bei einer solchen Untersuchung würdest

du es selbst. Denn nie sahen deine Augen oder begehrten deine Begierden

auf dieser weiten Welt ein Ding, das begehrenswürdiger gewesen wäre als

die Witwe Wadmann.

[Illustration]

Hundertsiebentes Kapitel.

Um es recht zu fassen, fordern Sie Tinte und Feder. Hier ist reines

Papier für Sie. -- Setzen Sie sich, Herr, malen Sie sich eine Witwe

Wadmann, wie's Ihnen gelüstet. Ihrer Geliebten so ähnlich, wie Sie

können. Ihrer Frau so unähnlich, wie Ihnen Ihr Gewissen erlauben will.

Mir ist's gleich; machen Sie sich's nur selbst zu Danke.

Ist in der ganzen Schöpfung noch etwas so Liebreizendes -- etwas so

Vollkommenes anzutreffen!

Nun, lieber Herr, war es wohl ein Wunder, daß mein Onkel Toby nicht

widerstehen konnte?

O dreimal glückseliges Buch! Du hast doch wenigstens eine Seite in

deinem Bande, welche die Bosheit nicht anschwärzen und die Dummheit

nicht mißdeuten kann.

[Illustration]

Hundertachtes Kapitel.

Da Susanna durch einen Expressen von Jungfer Brigitte Nachricht

erhielt, daß mein Onkel Toby in ihre Herrschaft verliebt sei, schon

fünfzehn Tage vorher, ehe sich's zutrug, und Susanna das Wesentliche

dieser expressen Nachricht den folgenden Tag gleich meiner Mutter

mitteilte, so hat mir das Gelegenheit gegeben, gerade vierzehn Tage

früher von meines Onkels Toby Liebesangelegenheiten zu schreiben, als

er sie wirklich hatte.

»Ich habe dir was Neues zu sagen, lieber Walther,« sagte meine Mutter,

»das dich sehr erstaunen wird.«

Bitte zu merken, daß mein Vater eben die Beschwerlichkeiten des

Ehestandes überdachte, als meine Mutter das Stillschweigen brach.

»Bruder Toby,« sagte sie, »ist mit Frau Wadmann versprochen.«

»Nun, so soll er in seinem Leben nicht wieder diagonal im Bette liegen,

da stehe ich ihm für,« sagte mein Vater.

Meinem Vater war es ein herznagender Verdruß, daß meine Mutter ihn

niemals fragte, wenn er etwas sagte, das sie nicht verstand.

Daß sie kein gelehrtes Frauenzimmer ist, pflegte mein Vater zu sagen,

das ist ihr Unglück und nicht ihre Schuld. Aber fragen könnte sie doch.

Meine Mutter tat das niemals. Kurz, sie ging am Ende aus der Welt, ohne

zu wissen, ob sie sich rund drehte, ob sie stillstände. Mein Vater

hatte es ihr ganz dienstfertigerweise wohl tausendmal gesagt, wie es

damit wäre. Aber sie konnte es gar nicht behalten.

Aus dieser Ursache ging ein Gespräch unter ihnen selten weiter, als

Proposition, Replik und Duplik. Wenn die vorbei, holte er gewöhnlich

auf ein paar Minuten Atem und schlenderte dann weiter.

»Wenn er sich verheiratet,« sagte meine Mutter, »so verlieren wir doch

immer dabei.«

»Nicht einen Kirschkern,« sagte mein Vater. »Er mag das seinige

ebensolieb auf diese Art als auf eine andere verschießen.«

»Es ist wohl wahr,« sagte meine Mutter. Und hiermit endigten sich

Proposition, Replik und Duplik, wovon ich Ihnen sprach.

»So hat er doch noch wohl einigen Zeitvertreib,« sagte mein Vater.

»Sehr angenehmen,« antwortete meine Mutter, »wenn er Kinder bekommen

sollte.«

»Gott verzeihe mir meine Sünden!« sagte mein Vater bei sich selbst.

[Illustration]

Hundertneuntes Kapitel.

Mein Onkel Toby und der Korporal waren mit solcher Hitze und Übereilung

aufgebrochen, um von dem Stücke Landes Besitz zu nehmen, von dem

wir so oft gesprochen haben, damit sie ihren Feldzug ebenso früh

eröffnen könnten als die übrigen Alliierten, daß sie darüber einen der

allerunentbehrlichsten Artikel bei der ganzen Sache vergessen hatten.

Es war weder ein Pionierspaten, noch eine Pickelhacke, noch eine

Schaufel.

Es war ein Schlafbett. Da Shandy-Hall noch nicht mit Hausgerät

versehen, und das kleine Wirtshaus, in welchem der arme Le Fevers

starb, noch nicht gebaut war, war mein Onkel Toby genötigt, in

Madame Wadmanns Hause auf eine Nacht oder ein paar mit einem

Bette vorliebzunehmen, so lange, bis Korporal Trim -- der zu den

Eigenschaften eines vortrefflichen Bedienten, Stallknechts, Kochs,

Schneiders, Baders und Ingenieurs auch noch die Eigenschaften

eines vortrefflichen Tapezierers hinzufügte -- mit der Hilfe eines

Zimmermanns und eines Schneiders in meines Onkels Toby Hause selbst

eines zustande brachte.

Eine Tochter Evens, denn das war unsere Witwe Wadmann, und der ganze

Charakter, den ich von ihr zu geben willens bin, ist:

»~Sie war ein vollkommenes Frauenzimmer.~«

Sie wäre zehn Meilen weit davon besser daran gewesen -- oder auch in

ihrem warmen Bette -- oder wenn sie mit ihrem Taschenmesser gespielt

hätte -- oder womit sie sonst wollte, anstatt einen Mann zum Gegenstand

ihrer Aufmerksamkeit zu machen, wenn das Haus mit allem ihrem Geräte

ihr eigen ist.

Wenn ein Frauenzimmer außer dem Hause und bei hellem Tageslichte es in

ihrer Gewalt hat, physikalisch von der Sache zu reden, einen Mann in

mancherlei Lichte zu betrachten, so hat es nichts zu bedeuten. Aber

hier, fange sie es an, wie sie will, kann sie ihn in keinerlei Lichte

sehen, oder es klebt ihm beständig etwas an, das zu ihrer eigenen

Fahr und Habe gehört, bis sie ihn endlich so lange und oft in dieser

Verbindung erblickt, daß er selbst ein Artikel in diesem Inventario

wird.

Und dann, gute Nacht!

Doch das gehört nicht zum System; denn das habe ich schon oben

vorgelegt. Auch nicht zum Katechismus. Denn ich lege für niemand ein

Glaubensbekenntnis ab als für mich selbst. Es ist auch keine Tatsache,

wenigstens nicht, soviel ich wüßte, sondern die Sache ist kopulativisch

und soll die folgende einleiten.

[Illustration]

Hundertzehntes Kapitel.

Ich sage es nicht in Ansehung ihrer verschiedenen Feinheit oder

Weise, noch in Ansehung der Stärke ihrer Windlaschen. Aber sagen Sie

selbst, sind nicht die Nachthemden von den Taghemden in diesem Stücke

ebensosehr verschieden wie in jedem andern in der Welt, daß sie diese

so weit in der Länge übertreffen, daß, wenn Sie sich darin niedergelegt

haben, solche ebensoweit über die Füße reichen, als die Füße aus den

Taghemden hervorstehen?

Der Witwe Wadmanns Nachthemden -- ich glaube es war unter der Regierung

des Königs Wilhelm und der Königin Anna so die Mode -- waren wenigstens

solchergestalt zugeschnitten. Und wenn die Mode abgekommen ist -- denn

in Italien sind sie ganz verschwunden --, desto schlimmer für das

Publikum. Sie waren zweieinhalb Brabanter Ellen lang; wenn man also auf

ein mäßiges Frauenzimmer zwei Ellen rechnet, so hatte sie eine halbe

Elle übrig, womit sie machen konnte, was sie wollte.

Nun war es von einer kleinen Pflege zur andern, woran sie sich in den

schaurigen Winternächten während ihres siebenjährigen Witwenstandes

gewöhnt hatte, unvermerkt dahin gediehen und zu einer von den Regeln

der Schlafkammer geworden, daß, sobald Madame Wadmann zu Bette gebracht

worden und ihre Füße völlig ausgestreckt hatte, wovon sie der Brigitte

allemal ein Zeichen gab, Brigitte mit allem gehörigen Dekorum, nachdem

sie erst die Bettlaken zu den Füßen auseinandergeschlagen, die halbe

Elle Leinwand, von der wir hier sprechen, faßte, solche behende und

mit beiden Händen stramm herunterzog, nach der Länge in vier oder fünf

ebene Falten legte, eine große Stecknadel von ihrem Ärmel nahm und

damit, die Spitze nach sich gekehrt, diese Falten ein wenig über dem

Saume alle fest zusammensteckte. Wenn das geschehen, deckte sie zu den

Füßen alles wieder hübsch warm zu und wünschte ihrer Madame eine gute

Nacht.

Dies war ein beständiger Gebrauch und litt keine Abänderung als diese:

daß bei frostigen und stürmischen Nächten, wenn Brigitte das Bette zu

den Füßen öffnete usw., um diese ihre Pflicht zu verrichten, sie kein

anderes Thermometer als ihr eigenes Gefühl zu Rate zog. So verrichtete

sie es stehend, kniend oder kauernd, je nach den verschiedenen Graden

ihres Glaubens, ihrer Liebe oder Hoffnung, in denen sie sich ebenden

Abend gegen ihre Herrschaft befand. In jedem anderen Betracht war die

Etikette unverbrüchlich und konnte mit der allermechanischsten von

jeder Kammer im ganzen Christentume um den Vorzug streiten.

Den ersten Abend, sobald der Korporal meinen Onkel Toby nach seiner

Schlafkammer hinaufgebracht hatte, was um zehn Uhr war, warf sich

Madame Wadmann in ihren Lehnstuhl, schlug ihr rechtes Bein über das

linke, wodurch sie einen Ruheplatz für ihren Ellenbogen machte, legte

ihren Kopf in ihre Hand, und so gestützt saß sie bis Mitternacht und

dachte der Sache, für und gegen dieselbe, nach.

Den zweiten Abend ging sie vor ihr Schreibpult, und nachdem sie

Brigitten befohlen, ein paar frische Lichter zu bringen und auf den

Tisch zu legen, suchte sie ihren Ehekontrakt hervor und las ihn sehr

andächtig durch. Und den dritten Abend -- der der letzte von meines

Onkels Toby Bleiben war --, als Brigitte das Nachthemde niedergezogen

hatte und dabei war, die Nadel einzustecken, stieß sie mit einem Stoße

mit beiden Fersen zugleich ihr die Stecknadel aus der Hand. Nieder

fiel auch die Etikette und zertrümmerte in tausend Sonnenstäubchen.

Aus welchem allen es dann ganz deutlich erhellte, daß die Witwe Wadmann

in meinen Onkel Toby verliebt war.

[Illustration]

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy · 第 15 / 20 段