mein Onkel Toby und der Korporal an, ihre erste Parallele zu ziehen,
nicht aufs Geratewohl oder so, sondern aus ebenden Punkten und in
ebenden Distanzen, wie die Alliierten die ihrigen begonnen hatten. Sie
richteten ihren Aufmarsch und ihre Attacken genau nach der Nachricht
ein, die mein Onkel Toby durch die Zeitungen empfing. Auf diese Weise
gingen sie die ganze Belagerung durch, Schritt für Schritt mit den
Alliierten. Machte der Herzog von Marlborough ein Lager, so machte
mein Onkel Toby sein Lager auch. Und wenn die Face einer Bastei
niedergeschossen oder ein Außenwerk ruiniert wurde, nahm der Korporal
seine Hacke und tat desgleichen. Und sofort gewannen sie Terrain und
bemeisterten sich eines Werkes nach dem anderen, bis die Stadt in ihre
Hände fiel.
Für jemanden, der an anderer Leute Glückseligkeit Vergnügen fand,
konnte in der Welt kein herrlicherer Anblick sein, als an einem Morgen
eines Posttages, wenn die Nachricht kam, daß der Herzog von Marlborough
eine brauchbare Bresche dem Hauptwalle der Stadt beigebracht hätte,
hinter der Taxushecke zu stehen und die Emsigkeit zu beobachten, mit
der mein Onkel Toby und der Korporal hinter ihm anrückten. Der eine mit
der Zeitung in der Hand, der andere mit einem Spaten auf der Schulter,
den Inhalt ins Werk zu setzen. Was für eine Herzensfreude leuchtete aus
meines Onkels Toby Blicken, wenn er den Wall hinanmarschierte! Welch
ein inniges Vergnügen schwamm in seinen Augen, wenn er vor dem Korporal
stand und ihm den Zeitungsartikel bei der Arbeit zehnmal vorlas, damit
er nicht aus Versehen die Bresche einen Zoll zu weit machte oder einen
Zoll zu eng ließ. Wurde aber erst die Einfallsbresche geschlagen und
der Korporal half ihm hinauf und folgte ihm mit der Fahne in der Hand.
um sie auf den Wall zu pflanzen -- Himmel! Erde! Meer! -- Aber was
sollen die Apostrophen? -- Aus allen Elementen, naß oder trocken, ist
noch niemals ein so berauschender Trank verfertigt worden.
Auf dieser Bahn des Vergnügens wandelten sie ununterbrochen,
ausgenommen wenn zuweilen starker Westwind war, so acht oder zehn
Tage das niederländische Postschiff aufhielt und sie so lange auf der
Folter ließ. Aber auch das war doch nur die Folter glücklicher Leute.
Auf dieser Bahn, sage ich, wandelten mein Onkel Toby und Trim manche
Jahre fort, und jedes Jahr und zuweilen jeder Monat brachte, nach der
Erfindung des einen oder des anderen von beiden, in ihren Operationen
eine oder die andere neue Erfindung oder listige und nützliche
Verbesserung hervor, welche ihnen bei der Ausführung allemal neue
Quellen des Vergnügens eröffnete.
Die Kampagne des ersten Jahres wurde von Anfang bis Ende in der einfach
ungekünstelten Art geführt, wie ich erzählt habe.
Im zweiten Jahre, in welchem mein Onkel Toby Lüttich und Roermond
einnahm, dachte er, er könnte wohl die Kosten für vier hübsche
Zugbrücken daran wagen. Von einem Paar derselben habe ich bereits in
den vorigen Teilen dieses Werkes eine genaue Beschreibung gegeben.
Gegen das Ende ebendieses Jahres tat er ein paar Tore mit Fallgattern
hinzu. Die letzteren aber wurden nachher als Orgelstücke besser
genutzt; und im Winter desselben Jahres spendierte sich mein Onkel Toby
statt eines neuen Kleides, das er sich sonst allemal zu Weihnachten
machen ließ, ein schönes Schilderhaus, das er an die Ecke des grünen
Spielplatzes stellte. Zwischen diesem und dem Fuße des Walles ließ
er eine kleine Art von Esplanade, auf welcher er und der Korporal
konferieren und Kriegsrat halten konnten.
Das Schilderhaus war dazu, wenn's regnen sollte.
Alles dieses wurde den folgenden Frühling dreimal weiß übermalt.
Dadurch setzte sich mein Onkel Toby in den Stand, mit vieler Pracht ins
Feld zu rücken.
Mein Vater pflegte oft zu Yorick zu sagen, wenn irgendein anderer
Sterblicher in der ganzen Welt, als sein Bruder Toby, so etwas getan
hätte, so würde jedermann es angesehen haben als die feinste und
bitterste Satire auf die paradierende und prachtsüchtige Weise, mit
welcher Ludwig +XIV.+ vom Anfange des Krieges an, besonders aber
ebendieses Jahr, ins Feld gerückt war. Aber meinem Bruder Toby, pflegte
mein Vater hinzuzusetzen, der gutherzigen Seele, kommt nie in den Sinn,
jemanden zu beleidigen.
Aber laßt uns fortfahren.
[Illustration]
Dreiundneunzigstes Kapitel.
Ich muß anmerken, daß, obgleich bei dem Feldzuge des ersten Jahres
das Wort Stadt oft vorkommt, dennoch damals noch keine Stadt in dem
Polygone war. Dieser Zusatz wurde erst in dem Sommer gemacht, der
auf den Frühling folgte, in welchem die Brücken und das Schilderhaus
angemalt wurden. Es war das dritte Jahr der Feldzüge meines Onkels
Toby. Da, nachdem Amberg, Bonn, Rheinburg und Huy und Limburg
nacheinander von ihnen eingenommen worden, dem Korporal der Gedanke
kam, daß man von der Einnahme so vieler Städte spräche, ohne eine
einzige Stadt davon aufweisen zu können, wäre eine dumme Art zu Werke
zu gehen. Also schlug er meinem Onkel Toby vor, daß sie sich ein
kleines Modell von einer Stadt bauen lassen müßten. Sie brauchte nur
von Tannenlatten zusammengeschlagen, dann angemalt, in das Polygon
hineingesetzt und für alle Städte benutzt werden.
Mein Onkel Toby fühlte augenblicklich das Gute an dem Projekt und
genehmigte es auf der Stelle; nur mit dem Zusatz von zwei ganz eigenen
Verbesserungen, auf welche er sich fast ebensoviel einbildete, als ob
er der erste Erfinder des Projekts selbst gewesen wäre.
Die eine war, die Stadt sollte ganz genau in dem Geschmacke derjenigen
gebaut werden, die sie sehr wahrscheinlicherweise würde vorstellen
müssen. -- Mit kleinen Fensterscheiben und den hohen Giebelenden der
Häuser nach der Gasse usw., wie in Gent und Brügge und den übrigen
brabantischen und flandrischen Städten.
Die andere war, die Häuser sollten nicht eins ins andere gebaut werden,
wie der Korporal vorschlug, sondern jedes Haus sollte für sich sein, so
daß man es an- oder abhacken könne, um sie in den Grundriß einer jeden
Stadt bringen zu können. Dies wurde den Augenblick vorgenommen, und
mancher glückwünschende Blick wurde zwischen meinem Onkel Toby und dem
Korporal Trim gewechselt, während der Zeit, daß der Zimmermann das Werk
machte.
Sie tat ihnen außerordentliche Dienste den nächsten Sommer. Die Stadt
war ein wahrer Proteus. Sie war Landen und Trarbach, und Santvliet und
Drusen, und Hagenau -- und dann wurde sie wieder Ostende und Menin, und
Aeth und Dendermonde.
Fürwahr, seit Sodom und Gomorrha hat noch keine Stadt so mancherlei
Rollen gespielt, als meines Onkels Toby Stadt spielte.
Im vierten Jahre dachte mein Onkel Toby, eine Stadt ohne eine Kirche
habe ein so kahles Ansehen, und tat eine recht hübsche Kirche mit einem
Glockenturme hinzu. Trim hätte auch gerne Glocken hinein gehabt, mein
Onkel Toby aber sagte, das Metall könnte besser zu Kanonen vergossen
werden.
Dies führte in der nächsten Kampagne zu einem halben Dutzend
messingener Feldstücke. Drei und drei an jeder Seite von meines
Onkels Toby Schilderhaus. In kurzer Zeit führten diese zu einem
etwas größeren Artillerietrain. Und so immer weiter, wie es allemal
bei steckenpferdischen Geschichten hergehen muß. Von Kanonen von
halbzölligem Kaliber, bis es endlich bis zu meines Vaters weiten
Steifstiefeln hinanstieg.
Das Jahr darauf, in welchem Lisle belagert wurde, und am Ende dessen
Gent und Brügge in unsere Hände fielen, ging's meinem Onkel Toby sehr
hart um die gehörige Munition. Ich sage, gehörige Munition, weil sein
Geschütz kein Pulver vertragen konnte; und ein Glück für die Shandysche
Familie war das! Denn so voll standen die Zeitungen vom Anfang
bis zu Ende der Belagerung, von dem unaufhörlichen Feuer, das die
Belagerer unterhalten hätten, -- und so erhitzt war meines Onkels Toby
Imagination von den Nachrichten davon, daß er sonst ganz gewiß sein Hab
und Gut verschossen hätte.
Etwas war also nötig, statt dessen unterzuschieben, zumal in einem
oder zwei der heftigsten Paroxismen der Belagerung, um etwas in der
Einbildung einem beständigen Feuer Ähnliches zu unterhalten. Und dieses
Etwas schaffte der Korporal, dessen vorzügliche Stärke im Erfinden
bestand, durch ein von ihm ganz neu erdachtes Batteriefeuer. Ohne
welches die militärischen Kritiker an meines Onkels Toby Apparates
daran auszusetzen gefunden hätten, daß eins der notwendigsten
Erfordernisse dabei fehlte.
Dies wird nicht schlechter erklärt werden, wenn ich, wie ich gewöhnlich
pflege, ein wenig von der Sache abgehe.
[Illustration]
Vierundneunzigstes Kapitel.
Unter zwei oder drei anderen Lappalien, die an sich selbst nichts
bedeuteten, aber dadurch einen großen Wert bekamen, daß sie der arme
Thomas, des Korporals unglücklicher Bruder, mit der Nachricht von
seiner Verheiratung mit der Judenwitwe überschickt hatte, waren: Eine
Reitmütze und zwei türkische Tabakspfeifen.
Die Reitmütze will ich gelegentlich beschreiben. Die türkischen
Tabakspfeifen hatten nichts Besonderes; sie waren gemacht und gezieret
wie alle übrigen, mit biegsamen Röhren von Saffian mit Golddraht, und
auf den Enden mit kleinen Mundstücken, das an der einen von Elfenbein
und das an der ändern von schwarz Ebenholz mit Silber eingefaßt.
Mein Vater, der alle Dinge von einem ändern Gesichtspunkte aus ansah
wie die übrigen Menschen, wollte dem Korporal sagen, er hatte diese
beiden Geschenke mehr als ein Zeichen der Ekelheit als der Gewogenheit
seines Bruders zu betrachten. -- »Seinem Bruder Thomas ekelte davor,
Trim,« sagte er, »eine Mütze aufzusetzen, die ein Jude getragen,
oder aus einer Pfeife zu rauchen, die ein Jude im Mund gehabt.« --
»Gott Segne Euer Gnaden,« erwiderte der Korporal -- und führte einen
wichtigen Grund fürs Gegenteil an --, »wie reimte sich das?« --
Die Reitmütze war scharlachfarben, von dem feinsten spanischen Tuche,
in der Wolle gefärbt, rundum mit Rauchwerk besetzt, ausgenommen eine
vier Finger breite Kappe vorne, von hellblauem, ein wenig gesticktem
Tuche. Sie schien einem portugiesischen Quartiermeister, nicht zu Fuße,
sondern zu Pferde, wie der Name schon andeutet, gehört zu haben.
Der Korporal tat nicht wenig groß damit, sowohl wegen ihres eigenen
Wertes als wegen des Gebers, und setzte sie deswegen selten oder
niemals auf, außer an Galatagen. Dennoch ward wohl niemals eine
Reitmütze zu so mancherlei gebraucht. Denn bei allen streitigen
Punkten, im Kriegs- oder Küchenwesen, wenn nur der Korporal gewiß
wußte, daß er recht hätte, brauchte er sie, als Wette, als Beteurung
oder als Geschenk.
Die Reihe war jetzt an ihr als Geschenk.
»Ich will gehalten sein,« sagte der Korporal, der mit sich selber
sprach, »dem ersten besten Bettler, der vor die Türe kommt, meine
Reitmütze zu schenken, wenn ich die Sache nicht so mache, daß der
gnädige Herr seine Lust und Freude daran haben soll.«
Die Ausführung ward nicht weiter hinausgeschoben als bis auf den
folgenden Morgen, welches eben der Morgen war, da auf die Konterskarpe,
zwischen der niederen Dudane und dem Andreastore zur Rechten, und zur
Linken zwischen St. Magdalenen und dem Flusse, Sturm gelaufen wurde.
Da dieses die merkwürdigste Attacke im ganzen Kriege war, die tapferste
und hartnäckigste auf beiden Seiten, und ich muß hinzusetzen, die
blutigste dazu, denn sie kostete die Alliierten selbst diesen Morgen
über elfhundert Mann, so schickte sich mein Onkel Toby mit mehr als
gewöhnlicher Feierlichkeit dazu an.
Den Abend vorher, als mein Onkel Toby zu Bette ging, befahl er, seine
Dreiknotenperücke, welche manches Jahr, die Haarseite nach innen
gekehrt, im Winkel einer alten Feldkiste gelegen hatte, die beim Bette
stand, hervorzusuchen und für morgen früh auf den Deckel bereit zu
legen. Und das erste, was er des Morgens noch im bloßen Hemde tat, als
er aus dem Bette gestiegen, nachdem er die rauhe Seite auswärts gekehrt
hatte, war, daß er sie aufsetzte. Als das geschehen, tat er darauf auch
die Beinkleider an, und sobald er den Gürtel zugeknöpft, schnallte er
auch das Degengehänge um und hatte schon den Degen halb hineingesteckt,
als er merkte, daß er sich den Bart abnehmen lassen müßte, und daß
sich das mit dem Degen an der Seite nicht schicke. Er legte ihn also
ab. Als er Weste und Rock anlegen wollte, fand mein Onkel dasselbe
Hindernis an der Perücke. Also kam die auch herunter: so, daß durch ein
Hindernis hier und durch ein Hindernis dort, wie es immer geht, wenn
ein Mensch in der größten Eile ist, die Uhr zehn schlug. Das war eine
halbe Stunde später, als mein Onkel gewöhnlich ausrückte.
[Illustration]
Fünfundneunzigstes Kapitel.
Mein Onkel Toby war kaum um die Ecke seiner Taxushecke gekommen, die
seinen Küchengarten von dem grünen Spielplatz trennte, als er gewahr
ward, daß der Korporal die Attacke bereits ohne ihn angefangen hatte.
Laßt mich hier ein wenig verweilen und Ihnen ein Gemälde von den
Anstalten des Korporals machen und von dem Korporal selbst, in der
heftigsten Hitze dieser Attacke, wie sie meinem Onkel Toby in die Augen
fiel, als er auf das Schilderhaus losging, wo der Korporal in der
Arbeit war. Denn in der ganzen Natur gibt's nicht dergleichen -- und
aus allem, was in ihren Werken Groteskes und Seltsames zu finden ist,
läßt sich kein Ähnliches zusammenbringen.
Der Korporal. --
Tretet leise auf seinen Staub, ihr Männer von Genie, denn euch war er
nahe verwandt.
Haltet sein Grab vom Unkraut rein, ihr Männer von gutem Herzen, denn
er war euer Bruder. -- O, Korporal! hätte ich dich doch jetzt, jetzt,
da ich imstande bin, dir eine Mahlzeit zu geben und dir Schutz zu
verleihen. -- Wie wollte ich dein warten und pflegen! Deine liebe
Reitmütze solltest du tragen, jede Stunde des Tages und jeden Tag
der Woche. Und wäre sie abgetragen, ich wollte dir ein paar andere
ebenso gute kaufen. Aber, leider! leider! leider, ach! Jetzt, da ich
das kann, trotz Ihro Hochwürden, ist die Gelegenheit dahin! -- Denn du
bist dahin. Dein Genius flog auf zu den Sternen, von wannen er kam.
Und dieses, dein warmes Herz, mit allen seinen großmütigen offenen
Gefäßen, ist zu einem Erdenkloß des Jammertals zerdrückt. Doch was --
was ist das gegen jenes künftige trauervolle Blatt, wo ich das sammetne
Leichentuch betrachte, verziert mit dem kriegerischen Ehrenzeichen
deines Herrn -- des ersten -- des besten der geschaffenen Wesen, wo
ich dich erblicken werde, du getreuer Knecht, wie du seinen Degen und
Scheide mit zitternder Hand kreuzweise über seinen Sarg legst und
dann aschbleich zur Türe hinaustrittst, sein Trauerpferd beim Zaume
zu fassen und hinter seiner Barre zu führen, wie er von dir begehrte.
Wo alle Systeme meines Vaters vor seinem Kummer dahinsinken, und ich
ihn sehen werde, wie er trotz seiner Philosophie den goldgefirnißten
Wappenschild betrachtet, zweimal die Brille von der Nase nimmt, den Tau
wegzuwischen, den die Natur daraufgoß. Wenn ich ihn sehe, wie er den
Rosmarinzweig mit stummem Jammer ins Grab wirft, der durch mein Ohr
schallet: O, Toby, in welchem Winkel der Erde soll ich den suchen, der
dir gliche? --
Gütige Mächte! die ihr vor grauen Zeiten die Lippen des Stummen
geöffnet und die Zunge des Stammlers recht sprechen gelehrt. Komme ich
einst bis zu diesem trauervollen Blatte, dann, o dann rührt mich an,
mit allgewaltiger Hand!
[Illustration]
Sechsundneunzigstes Kapitel.
Der Korporal, der den Abend vorher in seinem Sinne beschlossen hatte,
dem Mangel des erwünschten Etwas, das ein ununterbrochenes Feuer auf
den Feind während der Hitze der Attacke vorstellen könnte, abzuhelfen,
hatte damals keine andere Idee in seinem Kopfe gefaßt, als ein
Kunststück zu erfinden, wie er aus einem der sechs Feldstücke meines
Onkels Toby, die zu beiden Seiten seines Schilderhauses gepflanzt
waren, Tabaksrauch nach der Stadt hin dampfen möchte. Da ihm nun
zugleich die Mittel einfielen, wie er's bewerkstelligen könnte, so
hatte er zwar seine Reitmütze verpfändet, hielt sie aber, wegen der
Zuversicht zu seinem Projekte, in gar keiner Gefahr.
Nachdem er hin und her überlegt hatte, machte er es bald ausfindig,
daß vermittels seiner zwei türkischen Tabakspfeifen, mit Hilfe von
drei kleinen Röhren von Schafsleder, an jedem von ihren unteren
Enden, an welchen ebenso viele dünne Sauger befestigt waren, die
auf die Zündlöcher paßten, mit Ton an die Kanone geklebt und dann
an den Stellen, wo sie in die Saffianröhre gingen, mit gewächster
Seide hermetisch verschlossen würden --, er imstande sein müßte, alle
sechs Feldstücke auf einmal abzubrennen, und zwar mit ebensovieler
Leichtigkeit, als ob's nur eine wäre.
Sage doch niemand mehr, daß es Zähne und Zacken gebe, woraus man nicht
Winke zur Verbesserung der menschlichen Wissenschaften entlehnen
könne! -- Sage kein Mensch ferner, aus was für Art Körpern eine Fackel
zur vollkommenen Aufklärung der Künste und Wissenschaften gemacht,
oder nicht gemacht werden kann. -- Himmel! du weißt, wie sehr ich sie
liebhabe. Du kennst die Geheimnisse meines Herzens, und daß ich diesen
Augenblick mein Hemd hingäbe. -- Du bist nicht klug, Shandy, sagte
Eugenius, denn du hast nur ein Dutzend in deinem Vermögen, und da
bliebe es ja nicht mehr voll. --
Wenn auch, Eugenius, das Hemde vom Leibe gäbe ich hin und ließe Zunder
für ein Feuerzeug daraus brennen, wäre es nur nütze, einen hitzigen
Forscher bei der Untersuchung zu unterstützen, der untersuchen will,
wie viele Funken auf einen guten Schlag ein guter Stahl und Stein in
die Zunderpfanne schlagen könne. -- Glauben Sie nicht, daß er, indem er
diese hineinschlüge -- er gar wohl etwas herausbringen könnte?
Doch dies Projekt bei Gelegenheit.
Der Korporal saß den größten Teil der Nacht darüber, dieses zustande zu
bringen. Und nachdem er eine hinlängliche Probe mit seinem Geschütze
angestellt, da er's mit Tabak bis an die Mündung voll geladen hatte,
ging er vergnügt zu Bette.
[Illustration]
Siebenundneunzigstes Kapitel.
Der Korporal hatte sich ungefähr zehn Minuten vor meinem Onkel Toby
hinausgeschlichen, um seine Anstalten in Ordnung zu bringen und dem
Feinde nur eine oder zwei Salven zu geben, ehe mein Onkel Toby käme.
Zu diesem Ende hatte er die sechs Feldstücke zusammen, dicht
beieinander, bei meines Onkels Toby Schilderhause in Fronte gestellt,
und nur etliche Fuß Platz zwischen den dreien rechter Hand und den
dreien linker Hand gelassen, um Raum zum Laden usw. zu behalten und
vielleicht auch, wer weiß, um zwei Batterien zu haben, die ihm nach
seinen Gedanken doppelt soviel Ehre brachten als eine.
Hinter der Linie, dieser Öffnung gegenüber, den Rücken nach der Türe
des Schilderhauses gekehrt, aus Furcht, überflügelt zu werden, hatte
der Korporal sehr weislich seinen Posten genommen. -- Er hielt die
Röhre mit Elfenbein, zur Batterie rechter Hand gehörend, zwischen
Finger und Daumen seiner Rechten und die Röhre aus mit Silber
belegtem Ebenholze, zur Batterie linker Hand gehörend, zwischen
Daumen und Finger der anderen. Mit seinem rechten Knie fest auf den
Boden gestemmt, als ob er im ersten Gliede im Anschlage läge, schoß
der Korporal mit seiner Reitmütze auf dem Kopfe mit seinen beiden
Kreuzbatterien zugleich gar gewaltig auf die Kontergarde, welche die
Konterskarpe deckte, wo diesen Morgen die Attacke geschehen sollte.
Sein erster Vorsatz war, wie gesagt, nichts weiter, als einen Puff oder
ein paar zu geben. Aber das Vergnügen, sowohl über die Püffe als am
Puffen hatte sich unbemerkt des Korporals bemächtigt und ihn von Puff
zu Puff bis zur vollen Attacke geführt, gegen die Zeit, als mein Onkel
Toby zu ihm stieß.
Ein Glück war es für meinen Vater, daß mein Onkel Toby nicht ebenden
Tag sein Testament machte.
[Illustration]
Achtundneunzigstes Kapitel.
Mein Onkel Toby nahm das Pfeifenröhrchen mit Elfenbein aus der Hand des
Korporals, besah es eine halbe Minute und gab's ihm wieder.
In weniger als zwei Minuten nahm mein Onkel Toby das Rohr wieder vom
Korporal und führte es den halben Weg zum Munde. Dann gab er's zum
zweiten Male hastig zurück.
Der Korporal verdoppelte den Angriff. Mein Onkel Toby lächelte, sah
wieder ernsthaft aus, lächelte wieder einen Augenblick. Dann sah er
wieder lange Zeit ernsthaft zu. -- »Geb' Er mir das Röhrchen mit
Elfenbein, Trim,« sagte mein Onkel Toby. Mein Onkel Toby brachte es
bis an die Lippen, zog es gleich wieder zurück, sah ein wenig umher
über die Buschhecken. In seinem Leben hatte meinem Onkel Toby nicht so
der Mund nach einer Pfeife gewässert. -- Mein Onkel Toby begab sich mit
der Pfeife in der Hand in sein Schilderhaus. --
Liebster Onkel Toby! O gehen Sie doch nicht mit der Pfeife ins
Schilderhaus, ich bitte! Wie ist einem Menschen mit solch einem Dinge
in einem solchen Winkel zu trauen!
[Illustration]
Neunundneunzigstes Kapitel.
Ich bitte, der Leser wolle mir beistehen, meines Onkels Toby grobes
Geschütz hinter die Szene abzufahren, sein Schilderhaus abzubrechen und
das Theater womöglich von den Hornwerken und Halbmonden zu räumen und
das übrige Kriegsgeräte aus dem Wege zu schaffen. Wenn das geschehen
ist, mein lieber Freund Garrick, wollen wir die Lichter sauber putzen,
das Theater mit einem neuen Besen fegen, den Vorhang aufziehen und
meinen Onkel Toby in einem neuen Charakter auftreten lassen, in welchem
die Welt keine Idee haben kann, wie er agieren wird. Und dennoch, wenn
Mitleiden mit der Liebe verschwistert ist und Tapferkeit mit ihr in
keiner Feindschaft lebt, so haben Sie in diesen Stücken schon genug
von meinem Onkel Toby gesehen, um diese Familienähnlichkeit unter
den beiden Leidenschaften -- wo nur eine da ist -- nach Herzenslust
auszuspähen.
Eitle Wissenschaft! Du kommst uns in keinem Falle dieser Art zustatten.
Und in jedem anderen läßt du uns stecken.
Bei meinem Onkel Toby, Madame, befand sich eine so edle Einfalt des
Herzens, welche ihn so weit von den krummen Wegen, auf welchen die
Dinge dieser Art gemeiniglich zu wandern pflegen, ableitete, daß Sie
-- daß Sie es sich nicht vorstellen können. Dabei fand sich ferner
eine solche arglose treuherzige Art zu denken und eine solche von
allem Mißtrauen entfernte Unwissenheit in der Kenntnis der mancherlei
Falten des weiblichen Herzens. Und so nackend und wehrlos stand er da
vor Ihnen, wenn er nicht eben mit einer Belagerung beschäftigt war,
daß Sie hinter dem ersten besten von Ihren krummen Wegen hätten stehen
und meinen Onkel Toby zehnmal an einem Tage durch und durch schießen
können, wenn Sie mit neunmal an einem Tage noch nicht genug gehabt
hätten, Madame.
Neben alle diesem, Madame, und was auf der anderen Seite wieder
ebensoviel verdarb, hatte mein Onkel Toby diese unvergleichbare
Züchtigkeit der Natur, von der ich Ihnen schon erzählt habe, und
welche, beiläufig gesagt, beständig bei seinen Empfindungen Schildwache
stand, daß Sie ebensoleicht hätten -- aber wo gerate ich hin? Diese
Betrachtungen strömen mir wenigstens zehn Seiten zu früh zu und nehmen
die Zeit weg, die ich auf Fakta verwenden sollte.
[Illustration]
Hundertstes Kapitel.
Unter den wenigen echten Söhnen Adams, deren Brust niemals den
Pfeil der Liebe empfunden haben -- als ausgemacht angenommen, daß
alle Weiberhasser unechte Kinder sind --, haben die größten Helden
der älteren und neueren Geschichte schon neun Zehntel von der Ehre
dahin. Um dieser Helden wollte ich, daß ich den Schlüssel zu meiner
Schreibstube wieder aus dem Ziehbrunnen herauf hatte. Nur auf fünf
Minuten, um ihre Namen anführen zu können. Aus dem Kopfe weiß ich sie
nicht. Je nun! begnügen Sie sich für jetzt statt ihrer, mit diesen:
Da war der große König Aldrovandus, und Bosphorus, und Capadocius, und
Dardanus, und Pontus und Asius -- nicht zu gedenken des stahlherzigen
Karls +XII.+, mit dem selbst die Gräfin K... nichts anfangen
kannte. -- Da waren Babilonicus, und Mediterraneus, und Polixenes, und
Persicus, und Prusicus, wovon nicht einer -- ausgenommen Capadocius
und Pontus, weiche beide ein wenig verdächtig waren -- seine Brust
der Göttin zuneigte. -- Denn, die Wahrheit zu sagen, sie hatten alle
miteinander wohl sonst etwas zu tun. Und so war's mit meinem Onkel
Toby, bis das Schicksal, bis die Göttin des Schicksals, sage ich,
welche ihm den Ruhm beneidete, daß sein Name mit Aldrovandus und den
übrigen auf die Nachkommenschaft kommen sollte, hämischerweise den
Utrechter Frieden ausheckte.
Glauben Sie mir, mein Herr, das war in dem Jahre ihre heimtückischste
Tat.