Mein Onkel Toby hatte eben dem Herrn Yorick eine Beschreibung von der

Schlacht bei Steenkirchen gemacht und von der sonderbaren Abordnung des

Grafen Solms, welcher der Infanterie befohlen Halt zu machen und der

Kavallerie zu marschieren, wo sie nicht agieren konnte. Das war gerade

gegen die Order des Königs und zog den Verlust der Bataille nach sich.

In einigen Haushaltungen gibt es Vorfälle, die sich so genau an das,

was folgen soll, anschmiegen, daß es kaum durch die Erfindung der

dramatischen Schriftsteller besser ausgedacht werden konnte, die aus

alten Zeiten meine ich.

Trim bestrebte sich, seine Historie dadurch, daß er seinen Zeigefinger

flach auf den Tisch legte und mit der Handkante in einem scharfen

Winkel daraufschlug, so zu erzählen, daß sie Priester und Jungfrauen

hätten anhören können. Und nachdem die Historie erzählt, ging der

Dialog fort, wie folgt.

[Illustration]

Zweiundachtzigstes Kapitel.

»Ich wollte mich lieber in der Türkenallee totpeitschen lassen,« rief

der Korporal, »als leiden, daß dem Frauenzimmerchen deswegen Leides

geschehe. -- Es war meine Schuld, Euer Gnaden, nicht ihre.«

»Korporal Trim,« erwiderte mein Onkel Toby, wobei er seinen Hut

aufsetzte, der auf dem Tische lag, »wenn man das eine Schuld nennen

kann, was der Dienst unumgänglich notwendig macht, so bin ich's

unstreitig, auf den sie fällt. Er gehorchte dem Kommando.«

»Hätte der Graf Solms, mein guter Trim, es bei der Steenkircher

Schlacht ebenso gemacht,« sagte Yorick ein wenig spaßhaft zu dem

Korporal, der im Rückzug von einem Dragoner übergeritten worden, »so

hätte er Ihn gerettet.« -- »Gerettet!« schrie Trim und fiel ihm in die

Rede. »Fünf ganze Regimenter, Hochehrwürden, hätte er gerettet. Da war

Cutts, Mackays, Angus, Grahams und Levens Regiment, die wurden alle in

die Pfanne gehauen. Unserer Leibgarde wäre es nicht besser gegangen,

hätten's nicht etliche Regimenter vom rechten Flügel verhindert, welche

ihnen beherzt zu Hilfe kamen und den Feind erst auf sich abfeuern

ließen, ehe eine Seele von ihnen einen Hahn abdrückte. Sie haben

dabei den Himmel mit verdient,« setzte Trim hinzu. »Trim hat recht,«

sagte mein Onkel Toby und nickte Yorick zu. »Er hat ganz recht.« --

»Was wollte er damit, daß er die Reiter aufmarschieren ließ,« fuhr

der Korporal fort. »Wo das Terrain so knapp war und die Franzosen

solch eine Nation von Hecken, von Koppeln, von Graben und in die

Kreuz und Quer umgehackten Bäumen hatten, daß man ihnen nicht an den

Leib kommen konnte -- wie sie's immer machen --. Graf Solms sollte

uns hinkommandiert haben. Wir hätten ihnen Schuß um Schuß ganz anders

einheizen wollen. Die Kavallerie konnte nicht ankommen. Aber wie ging's

ihm auch dafür? Wurde ihm nicht gleich die nächste Kampagne darauf bei

Landen der Fuß abgeschossen?« -- »Der arme Trim bekam da seine Wunde,«

sagte mein Onkel Toby. -- »Ich hatte es keinem Menschen sonst, mit Euer

Gnaden Wohlnehmen, zu danken als dem Grafen Solms. Hätten wir sie zu

Steenkirchen brav zusammengeschossen, so hätten sie bei Landen nicht

stehen können.« -- »Vielleicht, und vielleicht auch nicht, Trim,«

sagte mein Onkel Toby. »Denn wenn sie nur ein Holz vor sich kriegen

oder einen Augenblick Zeit gewinnen können, sich einzugraben, so

ist's eine Nation, die einen immer bald hinten, bald vorne neckt und

zwickt. Man kommt nicht anders mit ihnen aus, als man muß ihnen nur

kaltblütig auf die Haut rücken, ihr Feuer aushalten und dann frisch

über sie herfallen.« -- »Piff, paff,« setzte Trim hinzu. »Zu Fuß und zu

Pferde,« sagte mein Onkel Toby. -- »Was hast du, was kannst du,« sagte

Trim. -- »Links und rechts,« rief mein Onkel Toby. -- »Feuer auf die

Hunde!« schrie der Korporal. Das Treffen war hitzig, Yorick rückte der

Sicherheit wegen seinen Stuhl ein wenig auf die Seite und nach einer

Minute Pause ließ mein Onkel Toby seine Stimme um eine Sekunde sinken

und faßte das Gespräch wieder auf, wie folgt:

[Illustration]

Dreiundachtzigstes Kapitel.

»Der König Wilhelm,« sagte mein Onkel Toby, wobei er sich an Yorick

wendete, »verhängte eine solche Ungnade über den Grafen Solms, daß

er ihn einige Monate lang nicht vor sich kommen lassen wollte.« --

»Ich besorge,« antwortete Yorick, »unser Herr Shandy wird ebenso

ungnädig auf den Korporal sein wie der König auf den Grafen.« -- »Es

würde aber hier ganz sonderbar hart sein, wenn Korporal Trim, dessen

Aufführung bei dieser Sache der Aufführung des Grafen so schnurstracks

entgegengesetzt ist, das Schicksal haben sollte, mit einerlei Ungnade

belohnt zu werden. Zu oft geht's leider so in dieser Welt! -- Ich

wollte eine Mine anzünden,« rief mein Onkel Toby und stand dabei auf,

»und meine Fortifikationen samt meinem Hause in die Luft sprengen,

und wir wollten uns lieber unter dem Schutt begraben lassen, ehe ich

dabeistehen und das ansehen wollte.« -- Trim machte einen kleinen, aber

dankbaren Bückling gegen seinen Herrn. Und so endigt das Kapitel.

[Illustration]

Vierundachtzigstes Kapitel.

»Wohlan, Herr Yorick,« erwiderte mein Onkel Toby, »Sie und ich wollen

in Front voraufgehen. Er, Korporal, Er kann ein paar Schritte hinter

uns nachfolgen.« -- »Und Susanna, wenn es Euer Gnaden erlauben, soll

in der Arrieregarde folgen,« sagte Trim. Es war eine vortreffliche

Disposition.

In dieser Ordnung, ohne klingendes Spiel und fliegende Fahnen,

marschierten sie langsam vor meines Onkels Toby Hause nach Shandy-Hall.

»Ich wollte,« sagte Trim, als sie durch den Torweg zogen, »ich hatte

statt des Bleis an den Fallfenstern die Enden von den Dachröhren an der

Kirche abgeschlagen, wie ich schon einmal zu tun willens war.« -- »Laß

er des Endenabschlagens genug sein,« versetzte Yorick.

[Illustration]

Fünfundachtzigstes Kapitel.

So manche Zeichnung auch von meinem Vater gegeben worden und so ähnlich

sie ihm auch in seinen verschiedenen Mienen und Stellungen sein mögen,

so kann doch weder eine noch alle zusammengenommen dem Leser eine Art

von Vorhersehen verschaffen, wie mein Vater bei neuen Vorfällen und

Begebenheiten des Lebens denken, sprechen oder handeln würde. Die

Endlosigkeit des Sonderbaren in seinem Charakter und der zufälligen

Bestimmungen, bei welchem Ende er eine Sache angreifen würde, ging so

weit, mein Herr, daß solche einen Strich durch alle ihre Berechnungen

machte. -- Die Sache war, sein Pfad lag von dem, worauf die meisten

Menschen wandeln, so weit seitwärts, daß jedes Ding, was ihm vorkam,

seinem Auge in einer eigenen Gestalt und Richtung erschien. Ganz

verschieden von der Höhe und Breite, in der es andere Menschenkinder

erblickten. Mit anderen Worten: es war ein ganz anderes Ding und ward

denn auch ganz anders betrachtet.

Dies ist die wahre Ursache, warum meine liebe Jenny und ich sowohl als

alle Welt um uns her soviel Hader um nichts haben. Sie sieht auf ihr

Äußeres und ich auf ihr Inneres. Wie ist es möglich, daß wir über ihren

Wert einig werden sollten.

[Illustration]

Sechsundachtzigstes Kapitel.

Es ist eine ausgemachte Sache -- und ich führe es hier zu Konfuzius'

Troste an, der die Gabe hat, sich beim Erzählen einer schlechten

Geschichte gar weidlich zu verwickeln, daß es, wofern er nur die

Geschichte nicht ganz von der Leine läßt, er mag rückwärts oder

vorwärts gehen, so wird es ihm nicht als Entgleisung angerechnet.

Dieses vorausgesetzt, will ich von diesem Privileg des freien

Zurückgehens selbst Gebrauch machen.

[Illustration]

Siebenundachtzigstes Kapitel.

Fünfzigtausend Körbe mit Teufeln geladen -- ich meine nicht des

Erzbischofs von Beneventos, sondern Rabelais' Teufel -- denen die

Schwänze dicht am Rumpfe abgehackt worden, könnten den Hals nicht so

höllisch darüber aufgerissen haben, wie ich bei meinem Unfall tat.

Mein Geschrei lockte meine Mutter den Augenblick nach der Kinderstube,

so daß Susanna nur ebensoviel Zeit hatte, durch die Hintertreppe zu

entwischen, als meine Mutter die große Stiege heraufkam.

Nun wäre ich freilich alt genug gewesen, diese Historie selbst zu

erzählen, und jung genug, hoffe ich, es zu tun, ohne Arges daraus zu

haben; aber Susanna hatte es in ihrer Furcht, als sie an der Küche

vorbeiging, der Köchin in Eile überliefert. Die Köchin hatte es

mit einem Kommentar dem Jonathan und Jonathan dem Obadiah erzählt.

Dergestalt, daß, nachdem mein Vater ein halbes Dutzend Male geklingelt

hatte, zu erfahren, was da oben vorginge, Obadiah bereits imstande war,

ihm genaue Nachricht zugeben, was und wie es sich zugetragen hätte. --

»Dacht' ich's nicht!« sagte mein Vater, warf seinen Schlafrock über und

stürmte so die Treppe hinauf.

Aus diesem sollte man fast schließen -- obgleich ich für meinen Teil es

ein wenig in Zweifel ziehe --, daß mein Vater schon vor dieser Zeit das

merkwürdige Kapitel in der +Tristra pædia+ wirklich geschrieben

haben müßte, welches für mich das Originellste und Unterhaltendste im

ganzen Buche ist -- ich meine das Kapitel von den Fallfenstern, mit

einer derben Strafpredigt am Ende desselben, über die Vergessenheit der

Stubenmädchen. Ich habe nur zwei Ursachen, anders zu denken.

Erstlich, wäre die Sache in seine Gedanken gekommen, bevor der Unfall

geschah, so würde mein Vater ein für allemal das Fallfenster zugenagelt

haben. Was er, wenn man bedenkt, wie sauer ihm das Bücherschreiben

wurde, mit zehnmal leichterer Mühe hätte tun können, als das Kapitel

schreiben. Dieser Grund, sehe ich schon, könnte auch dazu angewendet

werden, daß er das Kapitel auch nach dem Vorfall nicht geschrieben

habe. Ist aber nicht nötig, ihn dazu zu verwenden, wegen der zweiten

Ursache nicht, welche ich die Ehre habe, der Welt zur Unterstützung

meiner Meinung vorzulegen: warum mein Vater das Kapitel von den

Fallfenstern und Kammergefässen zu der besagten Zeit nicht geschrieben

haben könne. Und das ist diese: Daß, um die +Tristra pædia+

vollständig zu machen, ich selbst das Kapitel geschrieben habe.

[Illustration]

Achtundachtzigstes Kapitel.

Mein Vater setzte seine Brille auf -- beguckte -- nahm sie wieder ab

-- legte sie ins Futteral -- alles in weniger als einer vollen Minute.

Ohne die Lippen zu öffnen, kehrte er sich um und ging plötzlich die

Treppe hinunter. Meine Mutter dachte, er wäre hinuntergegangen, um

gezupftes Leinen und Wundbalsam zu holen. Als sie ihn aber mit ein

paar Foliobänden unter dem Arme und Obadiah mit einem großen Lesepuite

hinter ihm hereintreten sah, meinte sie nichts anderes, als es sei ein

Kräuterbuch, und zog ihm also einen Stuhl an die Seite des Bettes,

damit er mit Bequemlichkeit ein Heilkraut suchen könnte.

»Wenn es nur recht geraten ist,« sagte mein Vater und schlug die

Sektion auf: +de sede vel subjecto circumcisionis+. Denn er

hatte Spender +de legibus Hebræorum ritualibus+ heraufgebracht

und den Maimonides, um uns alle miteinander zu konfrontieren und zu

examinieren. --

»Wenn es nur recht geraten ist,« sagte er. -- »Wenn ich nur erst weiß,

was für ein Kraut.« -- »Wenn du das wissen willst, mußt du nach dem

Doktor Slop schicken.«

Meine Mutter ging hinunter, und mein Vater las die Sektion weiter, wie

folgt:

* * * * *

-- -- »recht gut,« sagte mein Vater, -- -- -- -- -- -- -- -- »Ja, wenn

die Unbequemlichkeit dabei ist.« Und nun, ohne sich einen Augenblick

dabei aufzuhalten, ob die Juden es von den Ägyptern oder die Ägypter

von den Juden hatten, stand er auf. Nachdem er mit der flachen Hand

zwei- oder dreimal über die Stirn gefahren war -- so wie wir wohl die

Fußtapfen der Sorge wegzuwischen pflegen, wenn ein Unglück uns nicht

so hart getreten, wie wir fürchteten -- schlug er das Buch zu und ging

hinunter. »Nun denn,« sagte er, und sowie er den Fuß auf einen andern

Tritt Setzte, nannte er dabei den Namen je einer großen Nation: »Wenn

die Ägypter, die Syrer, die Phönizier, die Araber, die Kappadozier, die

Kolchier und die Troglodyten es taten, wenn Solon und Pythagoras es

auch unterließen, wer ist Tristram, wer bin ich, daß ich mich über die

Sache einen Augenblick übel gebärden sollte?«

[Illustration]

Neunundachtzigstes Kapitel.

»Lieber Yorick,« sagte mein Vater lächelnd -- denn Yorick war aus dem

Gliede getreten, da er mit meinem Onkel Toby durch den engen Gang

gekommen war, und trat also zuerst in das Wohnzimmer --, »finden Sie

nicht auch, daß unser Tristram da sich es um alle Sakramente recht

sauer werden lassen muß? Wohl niemals ist das Kind eines Juden,

Christen, Türken oder Heiden auf eine so krumme und schiefe Art zu

seinen Religionsgebräuchen gekommen.« -- »Ich hoffe doch, daß es nichts

auf sich haben wird,« sagte Yorick. »Es muß ganz gewiß,« fuhr mein

Vater fort, »eben der Henker in irgendeiner Gegend der Ekliptik los

gewesen sein, als dieses Zweiglein aus meinem Stamme gebildet worden.«

-- »Das können Sie besser beurteilen als ich,« erwiderte Yorick. --

»Die Astrologen wissen's besser, wie wir alle beide,« sagte mein Vater.

»Die gedritte oder gesechste Scheine müssen übereinandergesprungen

sein, oder die Gegenscheine ihrer Aszendenten haben es nicht getroffen,

wie sie sollten, oder die Zeugevorsteher -- wie sie sie nennen -- haben

eben Verstecken gespielt, oder es ist sonst etwas, entweder unten oder

oben mit uns nicht recht gewesen.«

»Wohl möglich,« antwortete Yorick. »Aber,« schrie mein Onkel Toby,

»hat das Kind auch großen Schaden genommen?« -- »Die Troglodyten sagen

nein,« versetzte mein Vater. -- »Und Ihre Theologen, Yorick, sagen uns

--« -- »Theologisch gesprochen?« sagte Yorick.

»Ich weiß nicht gewiß,« erwiderte mein Vater. »Aber sie sagen uns,

Bruder Toby, daß es ihm Vorteil tue.« -- »Vorausgesetzt,« sagte Yorick,

»daß Sie ihn nach Ägypten reisen lassen.« -- »Was das anbelangt,«

antwortete mein Vater, »so wird er den Vorteil haben, wenn er die

Pyramiden sieht.«

»Nun, so ist doch jedes Wort hiervon,« sagte mein Onkel Toby, »für mich

so gut wie Arabisch.« -- »Ich wünschte,« sagte Yorick, »es wäre so für

die halbe Welt.«

»Ilus,« fuhr mein Vater fort, »beschnitt eines Morgens sein ganzes

Kriegsheer.« -- »Doch nicht ohne Kriegsrecht?« rief mein Onkel Toby.

»Obgleich die Gelehrten,« fuhr er fort, ohne auf meines Onkels Toby

Frage zu achten, sondern an Yorick sich wendend, »sehr geteilter

Ansicht darüber sind, wer dieser Ilus war. Einige sagen Saturnus,

andere das höchste Wesen. Andere nichts weiter als Generalbrigadier

unter Pharao-neco.« -- »Es sei, wer es sei,« sagte mein Onkel Toby,

»ich sehe nicht, nach was für einem Punkt aus den Kriegsartikeln er es

rechtfertigen kann.«

[Illustration]

Neunzigstes Kapitel.

»Sie sehen, es ist hohe Zeit,« sagte mein Vater, indem er sich zugleich

an meinen Onkel Toby und Herrn Yorick wendete, »daß man den Knaben den

Weiberhänden wegnimmt und ihn einem eigenen Hofmeister in die Hände

gibt. Marcus Antonius nahm auf einmal vierzehn Hofmeister, seinen Sohn

Commodus zu erziehen. In sechs Wochen gab er fünf davon den Abschied.

-- Ich weiß recht gut,« fuhr mein Vater fort, »daß Commodus' Mutter zu

der Zeit, als sie mit ihm schwanger ward, in einen Fechter verliebt

war, woraus sich eine Menge von den Grausamkeiten erklären lassen, die

er beging, als er Kaiser wurde. -- Aber ich bin doch immer der Meinung,

daß diese fünf, welche Antonius verabschiedete, dem Gemüt des Commodus

in der kurzen Zeit mehr Schaden taten, als die übrigen neun in ihrem

ganzen Leben gutzumachen vermochten.

Da ich nun die Person, die um meinen Sohn sein soll, als einen Spiegel

betrachte, in weichem er sich von morgens bis abends erblicken und nach

dem er seine Blicke, Mienen und Gebärden und vielleicht die innigsten

Empfindungen seines Herzens einrichten muß, so möchte ich gerne, mein

lieber Yorick, einen haben, der, wenn es möglich, über und über poliert

und dazu tüchtig wäre, daß sich mein Kind darin spiegelte.« -- »Das ist

recht vernünftig,« sagte mein Onkel Toby bei sich selbst.

»Es gibt,« fuhr mein Vater fort, »einen gewissen Anstand und eine

gewisse Bewegung des Körpers und aller seiner Glieder sowohl im Handeln

als im Reden, welche von der inneren Güte eines Menschen zeugen.

Es wundert mich keineswegs, daß Gregorius von Nazianzum, als er am

Julian die schnellen und unsteten Gebärden wahrnahm, voraussagte, daß

er eines Tages abtrünnig werden würde. Oder daß St. Ambrosius seinen

Amanuensem wegen einer unanständigen Bewegung mit dem Kopfe, der wie

ein Dreschflegel hin und her ging, wegjagte. Oder daß Demokritus gleich

merkte, daß Protagoras ein Gelehrter wäre, weil er ihn ein Bündel

Reisholz binden und die dünnsten Reiser in die Mitte legen sah. Es gibt

tausend unbemerkte Öffnungen,« fuhr mein Vater fort, »durch die ein

scharfes Auge auf einmal die Seele entdecken kann. Ich behaupte, daß

ein vernünftiger Mann nicht seinen Hut niederlegen kann, wenn er in ein

Zimmer kommt, oder aufnehmen, wenn er hinausgeht, ohne daß ihm etwas

entwischt, das ihn verrät.

Dieser Gründe wegen,« fuhr mein Vater fort, »darf der Hofmeister, den

ich erwählen werde, weder lispeln noch schielen oder blinzeln, weder

laut reden noch störrisch oder närrisch aussehen, weder die Lippen

beißen noch mit den Zähnen knirschen, weder durch die Nase sprechen

noch darin wühlen oder sie mit den Fingern putzen.

Er soll weder geschwind gehen noch langsam, nicht sich einhängen,

denn das ist Faulheit, noch seine Arme bummeln lassen, denn das ist

tölpelhaft, noch seine Hände in den Taschen verstecken, denn das ist

abgeschmackt.

Er soll auch nicht schlagen, nicht kratzen, nicht kneifen, nicht

kitzeln, nicht beißen, keine Nägel abschneiden, keinen Schleim

hinunterwürgen, nicht ausspucken, nicht ausrotzen, nicht trommeln mit

Füßen oder Fingern, wenn er in Gesellschaft ist, noch -- nach Erasmus

-- mit jemand sprechen, wenn er Wasser läßt. Er soll auch auf kein

totes Aas oder einen Auswurf mit dem Finger weisen.« -- »Nun, da haben

wir wieder ganz unvernünftiges Zeug!« sagte mein Onkel Toby bei sich

selbst.

»Ich will haben, er soll,« fuhr mein Vater fort, »freundlich sein,

munter, aufgeweckt, und dabei klug, aufmerksam auf sein Geschäft,

wachsam, verschlagen, erfindsam, schnell in Auflösung der Zweifel und

spekulativer Fragen; soll bedächtig, vernünftig und gelehrt sein.« --

»Und warum nicht auch bescheiden und mäßig, und sanftmütig und gut?«

sagte Yorick. -- »Und warum nicht auch,« schrie mein Onkel Toby,

»freimütig und großmütig, und guttätig und herzhaft?« -- »Das soll er,

mein lieber Toby,« versetzte mein Vater, wobei er aufstand und ihm

die Hand schüttelte. -- »Gut, Bruder Walther,« antwortete mein Onkel

Toby, der gleichfalls aus seinem Stuhle aufstand und seine Pfeife

niederlegte, um meines Vaters andere Hand zu erfassen. »Ich bitte dich

ergebenst, daß ich dir den Sohn des armen Le Fevers empfehlen dürfte.«

Eine Freudenträne blitzte wie der schönste Brillant in meines Onkels

Toby Auge, und eine andere, die das Paar vollmachte, im Auge des

Korporals, als der Vorschlag getan ward.

Le Fevers schwebte meinem Onkel Toby die ganze Zeit über in den

Gedanken, da mein Vater ihm und Herrn Yorick beschrieb, was für eine

Art von Person er zum Hofmeister für mich haben wollte. Da aber

anfangs mein Vater meinem Onkel Toby in Ansehung der Vollkommenheiten

ein wenig zu begehrlich schien, enthielt er sich, Le Fevers' Namen zu

nennen, bis endlich der Charakter durch die Dazwischenkunft des Herrn

Yorick unvermutet auf jemand hinauslief, der Mut hätte, großmütig und

gutherzig wäre. So rückte ihm solches Le Fevers' Bild wieder näher vor

die Seele und legte sein Bestes meinem Onkel Toby so innig ans Herz,

daß er augenblicklich vom Stuhle aufstand und seine Pfeife niederlegte,

um meines Vaters beide Hände zu fassen. »Ich bitte, Bruder Walther,«

sagte mein Onkel Toby, »laß dir Le Fevers' Sohn dazu empfohlen sein.«

-- »Ich bitte gleichfalls darum,« fügte Yorick hinzu. -- »Er hat ein

gutes Herz,« sagte mein Onkel Toby. -- »Und ein braves dazu, mit Euer

Gnaden Erlaubnis,« sagte der Korporal. -- »Die besten Herzen, Trim,

sind immer die bravsten,« versetzte mein Onkel Toby. -- »Und die

größten alten Memmen, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, bei unserem Regiment,

waren allzeit die ärgsten Leutequäler. Da war der Sergeant Kumbart und

der Fähnrich --«

»Da wollen wir,« sagte mein Vater, »ein andermal von sprechen.«

[Illustration]

Einundneunzigstes Kapitel.

Wenn der Leser keinen deutlichen Begriff von den anderthalb Ruten

Landes hat, welches am Ende von meines Onkels Toby Küchengarten liegt

und welches die Szene so mancher seiner süßen Stunden war, so liegt die

Schuld nicht an mir, sondern an seiner Imagination. Denn ich hab's ihm

doch wahrhaftig so kindisch deutlich beschrieben, daß ich mich fast

selbst davor schäme.

Als die Göttin des Schicksals eines Nachmittags einen Blick in die

großen Begebenheiten der künftigen Zeiten tat und übersann, zu welchem

Zwecke diese kleine Verwicklung durch ein in diamantene Tafeln

gegrabenes Dekret bestimmt sei, gab sie der Natur einen Wink. Mehr

brauchte sie nicht.

Die Natur warf eine halbe Schaufel voll ihrer bestartigsten Erdmischung

darauf, die gerade so viel von zähem Ton enthielt, als nötig war, um

die Winkel und Einschnitte der Festung haltbar zu machen, und doch so

wenig, daß es nicht an Hacke und Spaten klebte, und daß bei schlechtem

Wetter die Werke von so großer Herrlichkeit nicht das Ansehen eines

Sudels bekämen.

Mein Onkel kam herunter, wie der Leser belehrt ist, und hatte die

Grundrisse von fast allen festen Städten in Italien und Flandern bei

sich. -- Der Herzog von Marlborough oder die Alliierten mochten also

eine Stadt belagern, welche sie wollten, mein Onkel Toby war allemal

fertig und bereit.

Seine Weise, eine der natürlichsten von der Welt, war diese: Sobald nur

eine Festung eingeschlossen war -- und noch früher, wenn der Vorsatz

bekannt war --, nahm er den Grundriß derselben zur Hand -- die Stadt

mochte sein, welche es wollte -- und vergrößerte den Maßstab nach dem

genauen Umfange seines grünen Spielplatzes. Dann trug er vermittels

einer Rolle Bindfaden und einer Anzahl kleiner Pflöcke, die er an den

verschiedenen Ecken und Winkeln in die Erde schlagen ließ, alle Linien

von seinem Papier auf die Fläche dieses Platzes. Wenn er darauf das

Profil des Platzes mit seinen Werken hatte, um die Breite und Tiefe

der Gräben, die Abschüssigkeit der Wälle und die genaue Höhe der

verschiedenen Brustwehren zu bestimmen, so stellte er den Korporal ans

Werk. Und es ging hübsch vonstatten. Die Gutartigkeit des Bodens, die

Gutartigkeit des Werkes selbst, und vornehmlich die Gutartigkeit des

Gemüts meines Onkels Toby, der vom Morgen bis Abend dabeisaß und mit

dem Korporal freundlich von ihren Taten plauderte, ließen der Arbeit

weiter nichts als die Zeremonie des Namens.

Wenn auf diese Weise die Festung vollendet und in gehörigen

Verteidigungsstand gesetzt worden war, wurde sie eingeschlossen. Mein

Onkel Toby und der Korporal fingen an, die erste Parallele zu ziehen.

Ich bitte, mich in meiner Geschichte dadurch nicht zu stören, daß man

etwa sagen möchte, die erste Parallele sollte wenigstens dreihundert

Ruten weit von der Festung entfernt sein, und ich habe nicht einen

einzigen Zoll breit dazu freigelassen. Denn mein Onkel Toby nahm

sich die Freiheit, in seinem Küchengarten um sich zu greifen, um die

Werke auf dem Spielplatze desto größer machen zu können. Aus dieser

Ursache ging er gewöhnlich mit seiner ersten und zweiten Parallele

zwischen zwei Reihen von Kraut- und Blumenkohl hindurch. Das Bequeme

und Unbequeme hierbei soll weitläufig erwogen werden in der Geschichte

von meines Onkels Toby und des Korporals Feldzügen, wovon dieses, was

ich jetzt schreibe, nur eine Skizze ist, und wenn ich recht mutmaße --

aber wie's mit allem Mutmaßen geht! --, mit drei Seiten abgetan sein

wird. Die Feldzüge selbst werden ebensoviel Bücher ausmachen. Deswegen

besorge ich, es möchte ein zu großes Gewicht von einer Art Materie für

ein so lockeres Werk sein wie dieses, wenn ich solche, wie ich einst

willens war, fragmentweise hier einschaltete. Nein, es ist besser, ich

lasse sie besonders drucken. -- Wir wollen's überlegen! -- Nehmen Sie

unterdessen mit folgender Skizze davon fürlieb.

[Illustration]

Zweiundneunzigstes Kapitel.

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy · 第 13 / 20 段