»'s ist ein so gutherziger Herr,« sagte Obadiah, »als jemals Atem
holte.« -- »Das sollt' ich meinen,« sagte der Korporal, »und so brav
obendrein, als jemals vor einer Division aufmarschiert ist. -- 's war
niemals ein besserer Offizier in des Königs Armee oder ein besserer
Mann in Gottes weiter Welt. Er ging auf die Mündung einer Kanone los,
und wenn er auch die glühende Lunte schon am Zündloch sähe. Und doch
hat er dabei ein so weiches Herz wie ein Kind, gegen andere Leute. Er
könnte keinem jungen Hühnchen was zuleide tun.« -- »Ja, lieber wollt'
ich so einen Herrn,« sagte Jonathan, »das Jahr für fünfunddreißig Taler
Lohn fahren als viele andere für vierzig.« -- »Dank, Jonathan, für die
fünf Taler. Ebensogut, Jonathan,« sagte der Korporal, und schüttelte
ihm die Hand, »als ob du mir das bare Geld in die Hand gezählt hättest.
-- Ich, bis an mein letztes Ende wollte ich ihm aus Liebe dienen. --
Er handelt an mir wie ein Freund und Bruder. Und wenn ich's gewiß
wüßte, daß mein armer Bruder Thomas tot wäre,« fuhr der Korporal fort
und zog sein Schnupftuch aus der Tasche »und hätte ich fünftausend
Taler im Vermögen, ich vermachte es dem Kapitän bis auf den letzten
Groschen.« -- Trim konnte sich bei diesem testatorischen Beweise von
seiner Zuneigung gegen den Kapitän der Tränen nicht erwehren. -- Die
ganze Küche ward gerührt. -- »Komm' Er, hört Er, und erzähle uns die
Geschichte von dem armen Leutnant,« sagte Susanna. »Von Herzen gern,«
antwortete der Korporal.
Susanna, die Köchin, Jonathan, Obadiah und der Korporal Trim machten
einen Kreis um das Feuer, und so bald das Küchenmädchen die Küchentüre
zugemacht hatte, fing der Korporal an.
[Illustration]
Zweiundsiebzigstes Kapitel.
Ich will ein Türke sein, wenn ich nicht meine Mutter ebenso rein
vergessen hatte, als ob mich die Natur aufgepflastert und am Ufer
des Nils nackt niedergesetzt hätte, ohne mir eine zu geben. Ihr ganz
gehorsamster Diener, Madame! Ich habe Ihnen sehr viel Mühe gemacht.
Ich wünsche, es möchte anschlagen! Sie haben mir aber noch eine große
Öffnung im Rücken gelassen. Und da, hier vorne, ist ein großes Stück
abgefallen. Was soll ich mit diesem Fuße anfangen? Damit werde ich
England niemals erreichen.
Ich meinesteils wundere mich über nichts, und mein Urteil hat mich
in meinem Leben so oft mißgeleitet, daß ich ihm niemals recht traue,
es mag richtig sein oder falsch, wenigstens bin ich selten heiß bei
kalten Gegenständen. Dem allen ungeachtet, verehre ich die Wahrheit so
aufrichtig, wie nur jemand tun kann. Und wenn sie uns aus den Augen
entkommen, und ein Mensch nimmt mich gelassen bei der Hand, um sie
miteinander zu suchen, wie eine Sache, die wir beide verloren haben
und ohne die wir doch nicht raten können, so gehe ich mit ihm bis an
der Welt Ende. Das Disputieren aber hasse ich, und deswegen -- wenn's
nicht auf Glaubens- oder solche Sachen ankommt, die die menschliche
Gesellschaft betreffen -- werde ich fast immer lieber alles zugeben,
was mir nicht im ersten engen Wege den Hals zuschnürt, als mich dazu
bringen lassen. Nur das Ersticken ist mir zuwider, und stinkender
Qualm am ärgsten. Aus dieser Ursache faßte ich gleich von Anbeginn den
Entschluß, daß, wenn ja die Armee der Märtyrer verstärkt oder eine neue
errichtet werden sollte, ich auf keine Weise was damit zu schaffen
haben wollte.
[Illustration]
Dreiundsiebzigstes Kapitel.
Aber wieder zu meiner Mutter zu kommen. --
Meines Onkels Toby Meinung, Madame, daß nichts Böses dabei sein könnte,
oder vielmehr das Wort Ehefrau -- denn das war alles, was meine Mutter
davon hörte --, faßte sie bei der schwachen Seite des ganzen weiblichen
Geschlechts. Sie müssen mich nicht falsch verstehen; ich meine ihre
Neugierde. Sie schloß flugs, man spräche von ihr; und wenn Sie den
Glauben bei ihr annehmen, so werden Sie leicht begreifen, wie sie
jedes Wort, das mein Vater sagte, auf sich oder auf ihre häuslichen
Angelegenheiten deutete.
Sagen Sie mir doch, Madame, ich bitte, in welcher Gasse wohnt die Dame,
die es nicht ebenso getan hätte.
Mein Vater hatte einen Sprung auf Sokrates' Tod getan und gab meinem
Onkel Toby einen Auszug aus seiner Schutzrede vor seinen Richtern.
Sie war unwiderstehlich; nicht die Rede des Sokrates, sondern die
Versuchung, die meinen Vater dazu trieb. Er selbst hatte das Jahr
vorher, ehe er den Handel niederlegte, das Leben des Sokrates[1] zu
schreiben angefangen. Ich fürchte, das eben förderte seinen Entschluß,
aus dem Handel zu scheiden. Also war niemand fähiger, mit so vollen
Segeln und mit solcher hohen Flut von heroischer Beredsamkeit über die
Gelegenheit daherzufahren als mein Vater. Es gibt keine Periode in
Sokrates' Rede, die mit einem kürzeren Worte schließt als: sterbliche
Hülle verlassend, oder: ewiger Vernichtung geweiht --, oder einen
geringeren Gedanken in der Mitte derselben hatte als: sein oder nicht
sein. -- Der Übergang zu einem neuen unversuchten Zustande der Dinge
oder zu einem langen, einem tiefen, einem ruhigen Schlafe ohne Träume,
ohne Auffahren: daß wir und unsere Kinder geboren sind, zu sterben,
aber keiner von uns geboren zu Sklaven. -- Nein, da irre ich; das war
eine Stelle aus Eleazars Rede, wie uns solche Josephus aufbewahrt
hat. Eleazar gesteht, er habe es von den Philosophen aus Indien. Nach
aller Wahrscheinlichkeit hat Alexander der Große bei seinem Einfall in
Indien, nachdem er Persien mit Krieg überzogen, unter den mancherlei
Dingen, die er gestohlen, auch dieses Sortiment Beute gemacht, von dem
es dann, wo nicht den ganzen Weg durch ihn allein -- denn wir wissen
alle, daß er zu Babylon starb --, wenigstens durch einige von seinen
Marodeurs nach Griechenland gebracht ist. Von Griechenland kam es nach
Rom, von Rom nach Frankreich und von Frankreich nach England. So kommen
die Sachen herum.
Zu Lande kann ich mir keinen anderen Weg denken.
Zu Wasser konnte das Sortiment ganz gemächlich den Ganges herunter- in
den Sinus Gangeticus oder die Bai von Bengalen und so in das Indische
Meer kommen, und indem es den Weg des Handels nahm -- der Weg über Cap
de bonne espérance war damals noch nicht entdeckt --, konnte es mit
anderen Gewürz- und Spezereiwaren übers Rote Meer nach Joddah, dem
Hafen von Mekka, oder nach Tor oder Suez, zwei Städtchen im Innersten
des Golfo, gebracht werden. Von da mit den Karawanen nach Coptos, das
nur drei Tagereisen davon liegt. Dann den Nil herunter geraden Weges
nach Alexandria, woselbst das Sortiment gerade unten an der Treppe der
Alexandrinischen Bibliothek ausgeschifft werden konnte. Und aus diesem
Packhause konnte es geholt werden. Gott segne uns, was in den Zeiten
die Gelehrten für einen Handel betrieben!
[Illustration]
Vierundsiebzigstes Kapitel.
Sehen Sie, mein Vater hatte eine Art an sich, so ein wenig wie Hiob,
falls jemals ein solcher Mann gelebt hat. Wo nicht, so ist nichts
weiter dabei.
Obgleich, im Vorbeigehen gesagt, unsere Herren Gelehrten einige
Schwierigkeiten finden, die Zeit zu bestimmen, in welcher ein so großer
Mann lebte -- ob z. B. vor oder nach den Patriarchen usw. --, so war
es doch ein wenig hart, nun sogleich deswegen zu behaupten, daß er
nie gelebt habe. Mein Vater, sage ich, hatte eine Art an sich, wenn
ihm etwas sehr in die Quere ging, besonders im ersten Anfalle seiner
Ungeduld, sich zu wundern, warum er geboren worden, zu wünschen, daß
er unter der Erde läge -- zuweilen noch ärger. Und wenn die Reizung
sehr weit ging und Betrübnis seine Lippen mit mehr als gewöhnlichen
Kräften berührte: -- Herr, Sie hätten ihn kaum von Sokrates selbst
unterscheiden können. Jedes Wort schmeckte nach der Empfindung einer
Seele, die das Leben gering achtet und sich um alle seine Ereignisse
wenig kümmert. Weswegen denn auch meiner Mutter, obgleich sie nicht
viel Belesenheit hatte, der Auszug aus Sokrates' Schutzrede, den eben
mein Vater meinem Onkel Toby gab, nicht ganz neu war. Sie hörte solchem
mit kaltem Verstande zu und hätte so bis zum Ende zugehört, hatte nicht
mein Vater -- so ohne alle Ursache und Gelegenheit -- einen Sprung
zu der Stelle in der Schutzrede getan, wo der große Philosoph seine
Freunde, seine Verwandten und Kinder herzählt und dabei den Vorteil
verachtet, den er dadurch gewinnen könnte, wenn er solchergestalt die
Leidenschaften seiner Richter auf seine Seite zöge. »Ich habe Freunde,
ich habe Anverwandte, ich habe drei verlassene Kinder,« sagte Sokrates.
»So?« sagte meine Mutter und machte die Türe auf. »Das ist eins mehr,
Herr Shandy, als ich weiß.«
»Wahrhaftig, und ich habe eins weniger!« sagte mein Vater, stand auf
und ging zur Türe hinaus.
[Illustration]
Fünfundsiebzigstes Kapitel.
»Es sind Sokrates seine Kinder,« sagte mein Onkel Toby. -- »Der ist
schon wohl hundert Jahre tot,« sagte meine Mutter.
Mein Onkel Toby verstand sich nicht auf die Chronologie. Und da er sich
also nicht ohne Schiff aufs Meer wagen wollte, legte er ganz gelassen
seine Pfeife auf den Tisch nieder, stand auf, faßte meine Mutter sehr
freundschaftlich bei der Hand, und ohne ihr noch ein anderes Wort,
weder im Guten noch im Bösen zu sagen, führte er sie hinaus zu meinem
Vater, daß der die Erklärung selbst zustande bringen möchte.
Pling -- twing -- twang -- prut -- trut. Es ist ein altes Brett von
einer Geige. Wissen Sie, ob meine Geige stimmt oder nicht? Trut ...
prut ... Es sollen reine Quinten sein. Die Saiten sind grundfalsch. --
Tr ... +G+, +D+, +A+, +E+, twang, -- der Steg ist eine Meile zu hoch
und der Stimmstock liegt gar überm Haufen. Sonst -- trut, prut -- höre,
ist der Ton so übel nicht. Didl, didl, didl, didl, didl, didl, dum. Vor
wahren Kennern ist gut spielen, aber dort steht ein Mann, dort -- nein,
den mit dem Bündel unter dem Arme meine ich nicht -- den feierlichen
Mann im schwarzen Rocke? -- Nicht doch! Auch den Herrn da mit dem Degen
nicht! -- Herr, der Kalliope selbst möchte ich lieber ein Kaprizzio
vorspielen, als vor dem Manne meinen Bogen über die Saiten hin und
her ziehen. Und doch setze ich meine Cremoneser Geige gegen eine
Maultrommel -- und das ist wohl die ungleichste musikalische Wette, die
jemals gewettet ist --, daß ich diesen Augenblick dreihundertundfünfzig
Meilen weit aus meiner Geige neben den Ton greifen will, ohne daß es
einem einzigen Nerven in seinen beiden Ohren wehetun soll. Twadl didl,
twedl didl, twidl didl, twodl didl, twudl didl, -- prut -- trut --
krisch -- krasch -- krasch. Sie können's nicht mehr aushalten, Herr?
Das sehe ich. Sie sehen aber, ihm tut's nicht weh. Und nähme auch
Apollo selbst nach mir seine Leier, er bringt es nicht zustande, daß es
ihm sanft tut.
Didl didl, didl didl, didl didl -- hum -- dum -- drum.
Euer Gnaden und Hochwürden lieben die Musik -- und Gott hat ihnen
allen gesunde Ohren gegeben -- und einige unter ihnen spielen selbst
vortrefflich -- trut -- prut -- prut -- trut.
O, ich kenne jemand, bei dem ich ganze Tage sitzen und zuhören möchte,
dessen ganze Kunst darin besteht, daß er für die Empfindsamen spielt,
der mich mit Freuden und Hoffnungen beseelt und die geheimsten
Triebfedern meines Herzens in Bewegung setzt. Wenn Sie mich um zwanzig
Taler ansprechen wollen, welches gewöhnlich vierzig mehr sind, als ich
missen kann, oder Sie, mein Herr Apotheker oder Schneider, gerne Ihre
Rechnungen bezahlt haben wollten, dann müßten Sie kommen.
[Illustration]
Siebenundsiebzigstes Kapitel.
Das erste, was meinem Vater einfiel, nachdem die Sachen in der
Haushaltung ein wenig in Ordnung gebracht waren und Susanna von meiner
Mutter grünem Atlasmorgenrock Besitz genommen hatte, war, sich nach
dem Beispiele Xenophons ganz gelassen hinzusetzen und eine +Tristra
pædia+ oder Erziehungssystem für mich zu schreiben.
Zu dem Ende sammelte er erst seine einzelnen Gedanken, Einfälle und
hingeworfenen Ideen und verband sie hernach dergestalt, daß solche ein
Erziehungsinstitut für meine Kinder- und Jünglingsjahre ausmachten.
Ich war meines Vaters letzter Satz; meinen Bruder Bobby hatte er rein
verloren; von mir, nach seiner eigenen Berechnung, schon dreiviertel.
Das ist, er war in seinen ersten großen Chancen für mich unglücklich
gewesen: meiner Zeugung, meiner Nase und meinem Namen. Es blieb ihm nur
noch diese eine. Demzufolge war mein Vater ebenso andächtig darüber
her, als es mein Onkel Toby über die Lehre von den Gesetzen der
Bewegung gewesen war. Der Unterschied unter beiden war, daß mein Onkel
Toby seine ganze Wissenschaft von den Gesetzen der Bewegung aus dem
Nikolaus Tartaglia hernahm. Mein Vater spann die seinige bis auf den
letzten Faden aus seinem eigenen Gehirn oder haspelte und zwirnte, was
alle übrigen Spinner und Spinnerinnen vor ihm gesponnen hatten, daß er
beinahe ebendieselbe Arbeit damit hatte.
In ungefähr drei Jahren und etwas darüber war mein Vater mit
seinem Werke schon bis auf die Hälfte fertig. Gleich allen anderen
Schriftstellern stieß er auf Schwierigkeiten. Er dachte, er würde
alles, was er zu sagen hätte, so in die Kürze ziehen können, daß, wenn
alles fertig und eingebunden wäre, meine Mutter es aufgerollt in ihrem
Besteck tragen könnte. Die Materien wachsen uns unter den Händen. Nun
sage ein Mann einmal: komm, ich will einen Duodezband schreiben.
Mein Vater indessen arbeitete daran mit dem mühsamsten Fleiße, ging in
jeder Zeile Schritt vor Schritt mit ebender Vorsicht und Behutsamkeit
-- obgleich ich nicht sagen kann, aus einer ebenso frommen Ursache
--, welche Johann de la Casse, der Erzbischof von Benevent, bei der
Ausfeilung seiner Galatea anwendete. Wobei Seine Hochwürden Eminenz
von Benevent fast vierzig Jahre von dero Leben zubrachten, und als das
Ding endlich ans Licht kam, war es nicht über die Hälfte der Dicke
eines Taschenkalenders. Wie es der heilige Mann anfing, wenn er nicht
den größten Teil seiner Zeit damit hinbrachte, seinen Bart zu kämmen
oder mit seinem Kaplan Brett zu spielen, -- das könnte einem jeden
Sterblichen, dem man das Geheimnis nicht sagte, den Kopf verrücken.
Es ist deshalb wohl wert, daß man's der Welt erklärt, wär's auch nur,
um die wenigen in derselben aufzumuntern, die nicht sowohl um Brot
schreiben wie um Ruhm.
Ich gestehe, wäre Johann de la Casse, der Erzbischof von Benevent,
für dessen Andenken -- ungeachtet seiner Galatea -- ich die höchste
Ehrerbietung hege, wäre er, mein Herr, ein magerer Skribent gewesen,
von stumpfem Witz, langsamen Begriffen, von verstopftem Kopfe und so
mehr, er und seine Galatea möchten meinetwegen bis zu Methusalems
Alter miteinander fortgeholpert sein, die Erscheinung wäre keiner
Parenthese wert gewesen.
Aber das Gegenteil gerade war die Wahrheit. Johann de la Casse war ein
Genie von großen Fähigkeiten und fruchtbarer Phantasie. Und doch, bei
allen diesen großen Naturgaben lag er zugleich an einer Kraftlosigkeit
danieder, daß er an einem langen Sommertage nicht über anderthalb
Zeilen zustande bringen konnte. Dieses Unvermögen Seiner Eminenz kam
von einer Meinung, womit Seine Eminenz behaftet waren. Besagte Meinung
war nämlich diese: Sooft ein Christ sich hinsetzte, ein Buch zu
schreiben, nicht bloß zu seinem eigenen Zeitvertreibe, sondern seine
Absicht und sein Zweck mögen sogar +bona fide+ sein, so wären
seine ersten Einfälle allemal Versuchungen des Bösen. Dies wäre der
Fall mit gewöhnlichen Schriftstellern; wenn aber gar eine Person von
ehrwürdigem Charakter und hohem Stande entweder in der Kirche oder
im Staate einmal Autor würde, so behauptete er, daß von demselben
Augenblicke an, da ein solcher die Feder in die Hand nähme, alle Teufel
in der Hölle aus ihren Löchern hervorkämen, um ihn zu verlocken. Das
wäre ihre Walpurgisnacht. Jeder Gedanke, der erste und letzte, sei
verfänglich, ob scheinbar oder wirklich gut, gleichviel, in was für
Gestalt oder Farben er sich der Imagination darstellen möchte: es
wäre dennoch ein Streich eines oder des anderen von den Teufeln, der
auf ihn gerichtet sei und welcher abpariert werden müßte. -- So daß
der Stand eines Schriftstellers, er möchte es nun glauben wollen oder
nicht, nicht sowohl ein Stand der Feder als des Schwertes sei. Seine
Probejahre wären wie die eines jeden Kriegsmannes auf diesem Erdboden.
In beiden, bei dem einen wie bei dem anderen, käme es nicht halb soviel
auf den Grad des Verstandes als des Widerstandes an.
Meinem Vater behagte diese Theorie des Johann de la Casse, Erzbischofs
von Benevent, außerordentlich. Wäre sein Glaube nicht ein wenig dabei
in die Enge gekommen, ich glaube, er hätte die besten zehn Äcker von
den Shandyschen Gütern darum gegeben, daß er sie selbst erfunden haben
möchte. Wie viel oder wenig mein Vater an einen Teufel glaubte, das
wird sich erweisen, wenn ich in der Folge dieses Werkes von meines
Vaters Meinungen in der Religion sprechen werde. Hier ist's genug, zu
sagen, da er von dem buchstäblichen Sinne dieser Lehre nicht die Ehre
haben konnte, so begnügte er sich mit dem Allegorischen. Er pflegte oft
zu sagen, besonders wenn seine Feder ein wenig stätisch war, es wäre
unter dem Schleier des Johann de la Casse parabolischer Vorstellung
ebensoviel Sinn, Wahrheit und Wissenschaft verborgen, wie man nur in
irgendeiner poetischen Fiktion oder mystischen Erzählung des Altertums
fände. -- »Vorurteil der Erziehung,« pflegte er zu sagen, »das ist
der Satan, und die Menge derselben, welche wir mit der Muttermilch
einsaugen, sind alle Teufel. Wir werden von ihnen verfolgt, Bruder
Toby, bei unseren Untersuchungen und Ausarbeitungen. Wäre ein Mann dumm
genug, ihren Zudringlichkeiten so zahmerweise nachzugeben, was würde
aus seinem Buche werden? Nichts!« pflegte er hinzuzusetzen, und warf
seine Feder an die Erde, daß es krachte. »Nichts als ein Gemengsel
von dem Ammengeklatsche und dem Unsinn der alten Weiber -- von beiden
Geschlechtern -- aus dem ganzen Reiche.«
Dies ist die beste Ursache, die ich von dem langsamen Fortgange,
den mein Vater bei seiner +Tristra pædia+ machte, anzugeben
entschlossen bin, an welcher er, wie gesagt, drei Jahre und etwas
darüber unermüdlich arbeitete und zuletzt kaum -- nach seiner eigenen
Berechnung -- die Hälfte seines Planes ausgeführt hatte. Das Unglück
dabei war, daß ich die ganze Zeit über völlig versäumt und meiner
Mutter überlassen wurde. Und was fast ebenso schlimm war, durch die
Verzögerung wurde der erste Teil des Werkes, an den mein Vater den
meisten Fleiß verwendet hatte, völlig unbrauchbar. Jeden Tag wurden
eine oder ein paar Seiten unnütz.
Gewiß muß es eine Rute für den Stolz der menschlichen Weisheit geben;
da auch die Weisesten unter uns allen sich so übereilen und ewig ihren
Zweck, durch die unmäßige Hitze ihn zu erhaschen, verfehlen müssen.
Kurz, mein Vater hielt sich so lange bei seinem Widerstand auf -- oder
mit anderen Worten --, er förderte sein Werk so ungemein langsam,
und ich begann so flink zu leben und zu wachsen, daß, wenn nicht ein
Zufall dazwischengekommen wäre -- der, wenn wir so weit gelangt sind
und es mit Wohlanständigkeit geschehen kann, keinen Augenblick länger
vor meinem Leser verheimlicht werden soll --, ich wahrhaftig glaube,
ich hätte an meinem Vater vorbei gelebt, und hätte ihm eine Sonnenuhr
zeichnen lassen, um solche unter die Erde zu vergraben.
[Illustration]
Achtundsiebzigstes Kapitel.
Es war nichts, ich verlor keine zwei Tropfen Bluts dabei. Es war nicht
der Mühe wert, einen Wundarzt zu rufen, und hätte er Türe an Türe bei
uns gewohnt -- Tausende leiden aus Wahl, was ich aus Zufall litt. --
Doktor Slop machte zehnmal mehr Aufhebens davon, als nötig war. --
Einige Leute bringen sich dadurch empor, daß sie die Kunst verstehen,
großes Gewicht an dünnen Draht zu hängen. Und ich muß noch bis auf den
heutigen Tag (den 10. August 1761) den Ruhm dieses Mannes mit bezahlen.
O, es sollte wohl einen Stein ärgern, zu sehen, wie es in dieser
Welt hergeht! Das Stubenmädchen hatte keinen -- -- -- unter dem Bette
gelassen. »Kann das Kind sich nicht behelfen,« sagte Susanna, indem
sie bei den Worten mit einer Hand das Fallfenster aufschob und mit
der andern mich ins Fenster stellte, »kann das Kind es nur einmal so
machen, daß es -- --?«
Ich war fünf Jahre alt. Susanna bedachte nicht, daß in unserer Familie
nichts am rechten Haken hing. Und klapps! schoß das Fallfenster wie der
Blitz auf uns herab. »Nichts übrig,« schrie Susanna, »nichts übrig für
mich, als aus dem Lande zu laufen.«
Meines Onkels Toby Haus war eine viel bessere Freistatt. Also floh
Susanna dahin.
[Illustration]
Neunundsiebzigstes Kapitel.
Als Susanna dem Korporal den Unfall mit dem Fallfenster erzählte, nebst
allen Umständen, die meinen Mord -- wie sie es nannte -- begleitet
hatten, trat ihm das Blut aus den Wangen zurück. Da alle, die zum
Morden beitragen, Totschläger sind, sagte Trimm sein Gewissen, daß
er ebenso schuldig sei wie Susanna. Und wenn der Satz wahr wäre, so
hätte mein Onkel Toby das Blutbad ebensogut vor Gott zu verantworten
gehabt wie einer von ihnen beiden. Auf diese Weise hätten weder
Vernunft noch Instinkt, einzeln oder zusammen, Susanna unmöglich nach
einer besseren Freistatt führen können. Dieses der Einbildung des
Lesers anheimzugeben, wäre vergebens. Nur zu irgendeiner Hypothese zu
gelangen, die einigen Stich hielte, müßte er sein Gehirn wundpeitschen
-- und es ohne das zu tun --, müßte er ein Gehirn haben, wie noch kein
Leser vor ihm gehabt hat. -- Warum sollte ich ihn einer solchen Prüfung
oder Tortur aussetzen? Es ist meine eigene Sache, ich will es selbst
erklären.
[Illustration]
Achtzigstes Kapitel.
»Schade, Trim!« sagte mein Onkel Toby, mit seiner Hand auf Trims
Schulter gelehnt, als sie beide standen und ihre Werke besahen, »daß
wir nicht ein paar Feldstücke haben, die wir in die Schießscharten
dieser neuen Redoute pflanzen könnten. Das würde alle jene Linien
decken und die Attacke an der Seite vollkommen machen. Laß Er mir ein
paar gießen, Trim.«
»Euer Gnaden sollen sie haben,« versetzte Trim, »ehe es morgen Tag
wird.«
Es war Trim eine Herzensfreude, und seinem anschlägigen Kopfe fehlte
es niemals an Einfällen, meinem Onkel Toby in seinen Feldzügen
mit allem an die Hand zu gehen, was nur immer seine Phantasie für
nötig erachtete. Wäre es auch sein letzter harter Taler gewesen,
er hätte sich hingesetzt und einen Ringkragen daraus gehämmert, um
dem geringsten Wunsche seines Herrn zuvorzukommen. Der Korporal
hatte schon, vermittels der Enden von meines Onkels Toby Dachröhren,
des Bleis aus seinen Dachrinnen, seines eingeschmolzenen zinnernen
Barbierbeckens, und da er zuletzt, wie Ludwig +XIV.+, bis zu den
Kirchspitzen gegangen, um das überflüssige Blei usw. zu holen, in
ebendem Feldzuge nicht weniger als acht neue Batteriestücke nebst drei
halben Feldschlangen ins Lager geliefert. Meines Onkels Begehren nach
noch zwei Kanonen für die Redoute hatte den Korporal von neuem Hand ans
Werk legen lassen. Da sich aber nichts Besseres darbot, hatte er die
beiden bleiernen Gegengewichte von den Fallfenstern in der Ammenstube
genommen. Und da die Rollen, worauf diese Gegengewichte liefen, nachdem
diese fort, unnütz waren, so hatte er sie gleichfalls mitgehen heißen,
um ein Paar Räder zu einer von ihren Lafetten daraus zu machen.
Er hatte jedes Fenster in meines Onkels Toby Hause, lange vorher schon,
auf ebendie Art beraubt, obgleich nicht eben auf diese Weise. Denn
zuweilen fehlte es ihm an Rollen und nicht am Blei. Alsdann begann
er mit den Rollen. Wenn dann die Rollen fort waren, so ward das Blei
unnütz und mußte dann auch zum Schmelzlöffel.
Man könnte hieraus ganz behende eine wichtige Moral ziehen, aber ich
habe nicht Zeit. Genug, wenn ich sage, die Plünderung mochte anfangen,
wo sie wollte, es war für die Fallfenster gleich schlimm.
[Illustration]
Einundachtzigstes Kapitel.
Der Korporal hatte bei diesem Ingenieurstreiche seine Maßregeln nicht
so schlecht genommen, daß er nicht das ganze Geheimnis hätte für sich
behalten und Susanna dem ganzen Gewichte der Attacke aussetzen können.
Allein wahrer Tapferkeit ist's nicht genug, sich so durchzuhelfen.
Der Korporal, ob als General oder als Trainkommissarius -- das tut
nichts --, hatte die Fenster in einen Zustand versetzt, ohne den, wie
er glaubte, das Unglück nicht hätte geschehen können, wenigstens nicht
unter Susannas Händen. Wie hätten sich Eure Gnaden dabei benommen? Er
beschloß auf der Stelle, sich nicht hinter Susanna zu verkriechen,
sondern sie zu decken. Und mit dieser Entschließung marschierte er
geradeswegs ins Wohnzimmer, um meinem Onkel das Manöver vorzulegen.