Mein Vater hatte eine kleine Stute, die er sehr liebte; dieser hatte

er einen sehr schönen arabischen Hengst zugegeben, um ein Füllen für

seinen eigenen Sattel von ihr zu erzielen. Er war lebhaft in allen

seinen Projekten; also sprach er täglich von dem Füllen wie von einem

wirklich vorhandenen Dinge, das schon geworfen, gezähmt, gezäumt und

zum Reiten gesattelt vor seiner Türe stände, das er nur besteigen

dürfte. Durch ein oder zwei Versehen des Obadiah kam es, daß aus meines

Vaters Erwartung nichts anderes wurde als ein Maulesel, und zwar in

seiner Art so häßlich, wie nur einer, der einen Esel zum Vater hat,

sein kann.

Meine Mutter und mein Onkel Toby meinten nicht anders, als mein Vater

würde Obadiah den bittersten Dampf antun und das bittere Leben würde

kein Ende nehmen. -- »Nun seh Er einmal, Schäker,« rief mein Vater und

wies auf den Maulesel, »was er gemacht hat!« -- »Das habe ich nicht

getan,« sagte Obadiah. -- »Woher kann ich das wissen?« versetzte mein

Vater.

Triumph über diese witzige Antwort schwamm in meines Vaters Auge. Das

attische Salz brachte Wasser hinein. Und somit hörte Obadiah kein Wort

weiter darüber.

Nun laßt uns zurückkehren zu meines Bruders Tode.

Die Philosophie hat auf jede Sache einen hübschen Spruch. Auf den Tod

hat sie eine ganze Schnur voll; das Unglück war nur, daß sie alle auf

einmal auf meines Vaters Kopf losstürzten und es schwer war, sie so

aneinanderzureihen, daß ein hübsches beschauliches Ganzes daraus wurde.

Er nahm sie also, wie sie kamen.

»Es ist ein unvermeidliches Geschick. Das erste Gesetz im allgemeinen

Gesetzbuche. Es ist eine unwiderrufliche Parlamentsakte, mein lieber

Bruder: alles muß sterben. «

»Wenn mein Sohn nicht hätte sterben können, das wäre Ursache zum

Verwundern gewesen, nicht, daß er gestorben ist. Monarchen und Prinzen

tanzen mit uns in einem Reigen.

Sterben ist der große, der Nation schuldige Zoll und Tribut. Gräber

und Monumente, die unser Gedächtnis verewigen sollten, bezahlen solche

selbst, und die stolzeste Pyramide unter allen, die Reichtum und Kunst

errichtet, hat ihre Spitze verloren und liegt dort in großen Trümmern

in entferntem Anblicke des Wanderers.« Mein Vater fand, daß es ihm

sehr gut tat, und fuhr fort: »Ganze Reiche und Länder, und Flecken

und Städte, haben sie nicht ihre Perioden? Denn wenn die Prinzipia

und Kräfte, welche sie zuerst gründeten und zusammenfügten, ihre

verschiedenen Evolutionen bewirkt haben, so fallen sie zusammen.« --

»Bruder Walther,« sagte mein Onkel Toby bei dem Worte Evolutionen

und legte seine Pfeife nieder. -- »Revolutionen wollte ich sagen,«

unterbrach ihn mein Vater, »wahrhaftig, Revolutionen wollte ich sagen,

Bruder Toby; Evolutionen ist Unsinn.« -- »Unsinn ist's doch auch

nicht,« sagte mein Onkel Toby. -- »Aber ist's nicht Unsinn, den Faden

eines solchen Gesprächs über eine solche Veranlassung zu zerreißen?«

rief mein Vater. »Höre, lieber Toby,« fuhr mein Vater fort und faßte

ihn bei der Hand, »höre, höre, ich bitte dich, unterbrich mich nicht in

dieser Krisis!« -- Mein Onkel Toby nahm seine Pfeife in seinen Mund.

»Wo ist Troja und Mykenä, und Theben und Delos, und Persopolis und

Agrigent?« fuhr mein Vater fort, wobei er sein Buch von den Postrassen

wieder aufnahm, das er niedergelegt hatte. »Wo, mein Bruder Toby,

wo sind Ninive und Babylon, und Cizicum und Mitileno geblieben? Die

schönsten Städte, über welche jemals die Sonne aufgegangen, sind jetzt

nicht mehr da. Die Namen sind nur noch übrig, und diese -- denn viele

davon werden falsch buchstabiert - zerstäuben auch schon wie Wurmmehl

und werden mit der Zeit vergessen und mit allen anderen Dingen in eine

ewige Nacht gehüllt werden. Die Welt selbst, Bruder Toby, muß, muß ein

Ende nehmen.

Auf der Rückkehr aus Asien, da ich von Ägina nach Megara segelte« --

wann mag das wohl gewesen sein, dachte mein Onkel Toby --, »begann

ich das Land umher zu beschauen. Ägina lag hinter mir, Megara vor

mir, Pyräus zu meiner Rechten, Korinth zur Linken. Was für blühende

Städte, nun liegen sie auf der Erde im Staube! Ach, ach! sagte ich zu

mir selbst, daß einen Mann die Ruhe seiner Seele stören kann über den

Verlust eines Kindes, wenn so gewaltige Trümmer so fürchterlich vor

seinem Anblicke liegen. Bedenke, sagte ich abermals zu mir selbst,

bedenke, du bist ein Mensch!«

Nun sehen Sie, mein Onkel Toby wußte nicht, daß dieser letzte Paragraph

ein Auszug aus Servius Sulpicius' Trostschreiben an den Cicero war.

Der ehrliche Mann war ebensowenig in den Fragmenten wie in den ganzen

Stücken der Altertümer bewandert. Und da mein Vater, als er noch Anteil

am Handel hatte, drei bis vier Reisen nach der Levante gemacht und

einmal ganze anderthalb Jahre sich zu Zanthen aufgehalten hatte, so kam

mein Onkel Toby natürlich auf den Gedanken, mein Vater müsse einstmals

einen Abstecher durch den Archipelagus nach Asien gemacht haben, und

daß dieser ganze Segeleikram, mit Ägina hinten, Megara vorne und Pyräus

zur Rechten usw. nichts anderes sei, als der wahre Weg und Lauf der

Reise und der Betrachtungen meines Vaters.

Es war ganz in seiner Manier; mancher Kritikus würde wohl zwei

Stockwerke höher auf noch schlechterem Grund gebaut haben. -- »Sage mir

doch, Bruder,« sagte mein Onkel Toby und legte das Ende seiner Pfeife

auf meines Vaters Hand, als eine freundschaftliche behende Art des

Indieredefallens, wobei er jedoch wartete, bis sein Bruder einen Punkt

machte, »in welchem Jahre unseres Herrn war das?« -- »In keinem Jahre

unseres Herrn,« versetzte mein Vater. -- »Das ist unmöglich!« rief mein

Onkel Toby. -- »Du Taubenkopf,« sagte mein Vater, »es war vierzig Jahre

vor Christi Geburt.«

Meinem Onkel Toby blieb nur unter zwei Dingen die Wahl: entweder zu

glauben, sein Bruder sei der ewige Jude oder der Verlust seines Sohnes

habe ihm das Gehirn verrückt. »Gott im Himmel und auf Erden möge ihn

beschützen und genesen lassen!« sagte mein Onkel Toby, indem er mit

Tränen in den Augen still in seinem Herzen für meinen Vater betete.

Mein Vater brachte die Tränen gehörig in Rechnung und fuhr frisch mit

seiner Rede fort.

»Es gibt keine so große Ungleichheit, Bruder Toby, zwischen Gutem und

Bösem, wie sich die Welt einbildet« -- diese Art zu beginnen, war,

beiläufig gesagt, eben nicht sehr tüchtig, meinem Onkel Toby seinen

Argwohn zu benehmen --; »Arbeit, Sorgen, Betrübnis, Krankheit, Not und

Mangel sind Brühen über das Leben.« -- »Wünsche wohl zu bekommen!«

sagte mein Onkel Toby bei sich selbst.

»Mein Sohn ist tot! -- Desto besser. Eine Schande wär's, in einem

solchen Sturme nur einen Anker zu haben.

Allein er hat uns verlassen und kehrt nicht wieder! Mag's! Er ist nur

den Händen seines Barbiers entronnen, ehe ihm sein Haar ausfiel. Er ist

nur von einer Mahlzeit aufgestanden, ehe er den Magen überladen hat,

von einem Gelage, ehe er trunken worden.

Die Thrazier weinten, wenn ein Kind geboren wurde« -- »und wir waren

auch nicht weit davon,« sagte mein Onkel Toby --, »und schmausten und

lebten fröhlich, wenn ein Mensch aus der Welt ging; und das mit Recht.

Der Tod öffnet die Pforte des Nachruhms und schließt die Pforte des

Neides hinter sich zu. Er entledigt den Gefangenen von seinen Ketten

und gibt das Werk des Tagelöhners den Händen eines anderen.

Zeige mir den Mann, der weiß, was das Leben ist, der es fürchtet, und

ich zeige dir einen Gefangenen, der seine Freiheit scheut.

Ist es nicht besser, mein lieber Bruder Toby -- denn merke dir, unsere

Lüste sind eigentliche Gebrechen --, ist es nicht besser, gar keinen

Hunger zu haben, als zu essen? Keinen Durst, als eine Mixtur zu nehmen,

um ihn zu stillen?

Der Tod ist nichts Grauenvolles, Bruder Toby, in seinen Blicken, als

was er vom Ächzen und den Zuckungen borgt, und von dem Nasenschneuzen

und Augenwischen mit den Gardinenzipfeln in dem Krankenzimmer eines

Sterbenden. Nimm ihm das, was bleibt er?« -- »Er ist besser in der

Schlacht als auf dem Bette,« sagte mein Onkel Toby. -- »Nimm ihm

seine Bahre, seine feierliche Stille, seinen schwarzen Flor, seine

Federbüsche, Sargschilde und andere solche mechanische Hilfsmittel,

was bleibt er? Besser in der Schlacht?« fuhr mein Vater lächelnd

fort, denn meinen Bruder Bobby hatte er rein vergessen. »Nirgends

ist er furchtbar. Denn sieh nur, Bruder Toby: wenn wir sind, so ist

der Tod nicht; und ist der Tod, so sind wir nicht.« -- Mein Onkel

Toby legte seine Pfeife nieder, um den Satz nachzudenken. Meines

Vaters Beredsamkeit war zu reißend, um auf einen Menschen zu warten,

fortströmte sie, und zog meines Onkel Tobys Ideen mit sich dahin.

»Deswegen ist es,« fuhr mein Vater fort, »der Mühe wert zu bemerken,

wie wenig Schrecken die Annäherung des Todes großen Männern

verursacht hat. Vespasianus starb scherzend auf seinem Nachtstuhle,

Galba mit einem Sittenspruche, Septimus Severus machte eben eine

Depesche, Tiberius machte jemandem etwas weis, und Cäsar Augustus ein

Kompliment.« -- »Ich hoffe, es war ein aufrichtiges,« sagte mein Onkel

Toby.

»Es war an seine Gemahlin,« sagte mein Vater.

[Illustration]

Sechsundsechzigstes Kapitel.

»Und endlich und zuletzt -- denn unter allen den ausgewählten

Anekdoten, welche die Geschichte über diese Materie aufweisen kann,«

fuhr mein Vater fort -- »ziert diese wie ein vergoldetes Kuppeldach das

ganze Gebäude.

Es ist die von Kornelius Gallus, dem Prätor, die du gewiß gelesen

hast, Bruder Toby.« -- »Ich habe sie gewiß nicht gelesen,« erwiderte

mein Onkel. -- »Er starb,« sagte mein Vater, »als er -- -- -- -- -- --

--« -- »Nun, wenn's seine Ehefrau war,« sagte mein Onkel Toby, »so

konnte nichts Anstößiges dabei sein.« -- »Das ist mehr, als ich weiß,«

versetzte mein Vater.

[Illustration]

Siebenundsechzigstes Kapitel.

Meine Mutter ging eben ganz leise im Finstern den Gang entlang, der auf

die Stube stieß, als mein Onkel Toby das Wort Ehefrau aussprach. Das

Wort ist an sich schon sehr tönend, und Obadiah war ihm noch dadurch

zu Hilfe gekommen, daß er die Türe nur ans Schloß gelehnt hatte, so,

daß meine Mutter genug davon hörte, um zu glauben, man spräche eben

von ihr. Sie legte deswegen einen Finger über ihre beiden Lippen,

hielt den Atem an, beugte den Kopf ein wenig seitwärts nieder, nicht

nach der Türe hin, sondern davon ab, daß ihr Ohr an die Spalte kam,

und horchte aus allen Kräften. Der römische Horcher mit der Göttin des

Stillschweigens hinter sich, könnte keinen schöneren Gedanken zu einem

Gemmenschnitt gegeben haben.

In dieser Stellung bin ich willens, sie fünf Minuten stehen zu lassen,

bis ich die Sachen in der Küche zu ebender Periode geführt habe.

[Illustration]

Achtundsechzigstes Kapitel.

»Unser Junker in London ist tot!« sagte Obadiah.

Ein grüner Atlasmorgenrock meiner Mutter, der schon zweimal aufgeputzt

worden, war die erste Idee, welche Obadiahs Ausrufung in Susannas Kopf

brachte. Locke hatte wohl recht, ein Kapitel über die Unvollkommenheit

der Worte zu schreiben. »Nun,« sagte Susanna, »so müssen wir alle

trauern.« -- Aber merken Sie's noch einmal: das Wort trauern,

ungeachtet Susanna es selbst brauchte, verfehlte dennoch seine Wirkung.

Es erweckte keine einzige in Schwarz oder Grau gefärbte Idee, alles war

grün, der grüne Atlasmorgenrock hing noch da.

»O! meine arme Madame wird den Tod davon bekommen,« rief Susanna. Nun

folgte meiner Mutter ganzer Kleidervorrat. Was für eine Prozession!

Ihr rotdamastnes, ihr orangefarbenes, ihr weiß und gelb gestreiftes,

ihr braun taffetnes Kleid, ihre Spitzenkopfzeuge, ihre Morgenröcke

und ausgenähten Unterröcke. Alles, bis auf den geringsten Lappen,

ging durch die Musterung. »Nein, das überlebt sie gewiß nicht,« sagte

Susanna.

Wir hatten ein dickes, närrisches Küchenmensch, mein Vater, glaube ich,

behielt sie wegen ihrer Einfalt. Sie hatte sich den ganzen Herbst mit

der Wassersucht geschleppt. »Er ist tot!« sagte Obadiah. »Er ist ganz

gewiß tot!« -- »Ich nicht,« sagte das närrische Küchenmensch.

»Das gibt hier betrübte Zeiten, Trim!« rief Susanna und wischte sich

die Augen, als Trim in die Küche trat. »Junker Bobby ist tot und

begraben.« Das Begräbnis war eine Interpolation von Susannas Erfindung.

»Nun müssen wir alle trauern,« sagte Susanna.

»Das hoffe ich nicht,« sagte Trim. -- »Er hofft nicht!« sagte Susanna

ganz ernsthaft. Die Trauer mochte noch so sehr in Susannens Kopfe

herumlaufen, in Trims kam sie nicht. -- »Ich hoffe,« sagte Trim, sich

deutlicher zu erklären, »ich hoffe zu Gott, die Nachricht soll falsch

sein.« -- »Den Brief habe ich mit meinen eigenen Ohren lesen hören,«

antwortete Obadiah. »Und nun werden wir 'n hübsch Stück Arbeit kriegen,

mit dem alten Ochsenmoore, das werden wir nun wohl roden und reuten

müssen.« -- »O! er ist tot,« sagte Susanna. -- »So tot,« sagte das

Küchenmensch, »als ich lebe.«

»Ich beklage ihn von ganzem Herzen,« sagte Trim mit einem Seufzer. --

»Der arme Mensch! Der arme Junker! Der arme Herr!«

»Vorige Pfingsten tat er noch leben,« sagte der Kutscher. --

»Pfingsten! Ach was hat Pfingsten, Jonathan,« -- so hieß der Kutscher

-- rief Trim und streckte seinen rechten Arm aus, »oder Fasten oder

alles, was vorbei ist, damit zu tun? Sind wir nicht jetzund hier,« fuhr

der Korporal fort -- er stieß dabei mit seinem Stecken perpendikulär

auf den Boden, um gleichsam eine Idee von Gesundheit und Festigkeit zu

geben --. »Und sind wir nicht« -- dabei warf er seinen Hut auf den Flur

-- »dahin in einem Hui!« -- Es war ordentlich rührend! Susanna brach in

eine Tränenflut aus. »Wir sind weder Stein noch Stöcke.« -- Jonathan,

Obadiah, die Köchin, alle wurden weichherzig. Das dicke Küchenmensch

selbst, das eben einen Fischkessel auf den Knien hatte und scheuerte,

ward davon angegriffen. Die ganze Küche drängte sich um den Korporal

herum.

Da ich nun ganz deutlich gewahr werde, daß die Erhaltung unserer

Konstitution im kirchlichen und weltlichen Staate, und wohl gar die

Erhaltung der ganzen Welt, oder was einerlei ist, die Verteilung

und das Gleichgewicht des Vermögens und der Gewalt in derselben in

der Beredsamkeit des Korporals vorkommen kann, so bitte ich um dero

Aufmerksamkeit. Euer Hochwürden, Wohlgeboren können allemal wieder zehn

Seiten hindurch, an welcher andern Stelle des Buches Sie wollen, ganz

ruhig schlafen.

Ich sagte: wir wären weder Steine noch Stöcke, ganz gut. Ich hätte

hinzufügen sollen, auch keine Engel -- ich wollte, wir wären's!

--, sondern Mensch in Fleisch gekleidet und von unserer Einbildung

beherrscht. Und was es zwischen der und unseren sieben Sinnen,

besonders einigen darunter, für ein herrliches Stück Arbeit setzt, für

meinen eigenen Teil muß ich's gestehen, schäme ich mich zu bekennen.

Laß es genug sein, zu behaupten, daß von allen diesen Sinnen das

Gesicht -- denn dem Gefühle spreche ich's ohne weiteres ab -- den

schnellsten Verkehr mit der Seele hat, einen härteren Anstoß gibt

und etwas Unaussprechlicheres in der Phantasie läßt, als Worte weder

annehmen oder auch zuweilen los werden können.

Ich bin ein wenig umhergeschlendert -- tut nichts! 's ist der

Gesundheit halber! -- Laß uns nur wieder in Gedanken zur Sterblichkeit

und zu Trims Hut zurückkehren. »Sind wir nicht jetzund hier, und in

einem Hui dahin?« Was steckte denn wohl in den Worten? -- Es war eine

von den unbescholtenen Wahrheiten, die wir das Glück haben können, alle

Tage zu hören; und hätte sich Trim nicht auf seinen Hut mehr verlassen

können, als auf seinen Kopf, nichts hätte er damit ausgerichtet.

»Sind wir nicht jetzund hier,« fuhr der Korporal fort, »und sind wir

nicht« -- wobei er seinen Hut plump auf die Fliesen fallen ließ und

pausierte, ehe er das Wort sagte -- »dahin in einem Hui?« Der Fall des

Hutes war so, als ob ein schwerer Klumpen Ton in den Kopf geknetet

gewesen wäre. Nichts hätte das Gefühl der Sterblichkeit, von dem er

der Vorläufer und das Vorbild war, so gut auszudrücken vermocht. Seine

Hand schien darunter zu verschwinden. Er fiel wie tot. Des Korporals

Auge war darauf geheftet wie auf eine Leiche. Susanna brach in eine

Tränenflut aus.

Nun gibt es zehntausend und zehntausendmal zehntausend -- denn Materie

und Bewegung sind unendlich -- Art und Weisen, wie man einen Hut

auf die Erde fallen lassen kann, ohne daß es wirke. Hätte er ihn

geschleudert, geschlenkert, geworfen, hingeschmissen, hingegossen, oder

ihn in irgendeiner möglichen Richtung unter der Sonne sinken oder

fallen lassen, oder in der besten Richtung, die man ihm geben könnte,

hätte er ihn fallen lassen wie einen Gänsekopf, wie ein Tölpel, wie

ein Esel, oder hätte er dabei, oder auch nur nachher ausgesehen wie

ein Dummbart, wie ein Tropf, wie ein Gimpel -- vorbei war's, und die

Wirkung aufs Herz wäre verloren gegangen.

Ihr, die ihr diese mächtige Welt und ihre mächtigen Angelegenheiten

mit der Esse der Beredsamkeit regieret. -- Die ihr sie erhitzt und

kältet und schmelzt und zerlaßt und dann wieder härtet, ihr, die ihr

die Leidenschaften mit diesem Hebezeuge kehrt und wendet, und wenn

es geschehen, die Besitzer derselben dahinbringt, wohin ihr wollt.

Ihr endlich, die ihr Menschen wie Truthähne mit einer Gerte und rotem

Haderlumpen zu Markte treibt, und, warum auch nicht ihr, die ihr euch

so treiben laßt -- zieht eure Anmerkungen -- zieht eure Anmerkungen,

ich bitte euch, aus Trims Hute.

[Illustration]

Neunundsechzigstes Kapitel.

Halt! -- Ich habe eine kleine Rechnung mit dem Leser abzutun, ehe Trim

mit seiner Rede fortfahren kann. -- In zwei Minuten soll's geschehen

sein.

Unter verschiedenen anderen Buchschulden, welche ich zu gehöriger

Zeit alle entrichten werde, bekenne ich mich als ein Schuldner der

Welt wegen zwei Items. Ein Kapitel von Kammerzofen und Knopflöchern,

welche ich in den vorhergehenden Kapiteln meines Werkes versprach und

willens war, noch dies Jahr abzubezahlen. Da mir aber einige von dero

Hochwürden und Wohlgeboren sagten, daß diese Subjekte, so miteinander

verbunden, besonders die Moral der Welt in Gefahr bringen möchten, so

ersuche ich, daß man mir die Kapitel von Kammerzofen und Knopflöchern

schenken möge, und daß man an deren Stelle das letzte für Lieb und

Willen nehmen wolle, welches, mit Euer Hochwürden Wohlnehmen, weiter

nichts ist, als ein Kapitel von Kammerzofen, grünen Schlafröcken und

alten Hüten.

Trim nahm den seinigen von der Erde auf, setzte ihn auf seinen Kopf und

fuhr darauf in seiner Rede vom Tode fort, auf die Art und Weise, wie

folgt.

[Illustration]

Siebzigstes Kapitel.

»Für uns, Jonathan, die wir keine Sorgen und keinen Mangel kennen, die

hier im Dienste sind, bei zwei der besten Herren (ausgenommen, was mich

anbelangt, Seine königliche Majestät, König Wilhelm +III.+, dem

ich die Ehre gehabt habe zu dienen, sowohl in Irland wie in Flandern),

ja, das gestehe ich, da ist von Pfingsten bis Advent nicht lange. Es

ist fast nichts; aber für diejenigen, die den Tod recht kennen und

wissen, was er für eine Zerstörung Jerusalems anrichten kann, ehe sich

ein Mensch einmal auf seinem Absatze herumdrehen kann, ja, für die

ist's eine lange Zeit. -- O, Jonathan, einem gutherzigen Menschen muß

das Herz im Leibe bluten,« fuhr der Korporal Trim fort und richtete

sich stramm auf, »wenn man bedenkt, wie mancher ehrliche, brave Kerl

seit der Zeit tief unter die Erde gesteckt worden! -- Und glaube mir

nur, Suschen,« fügte der Korporal hinzu und wendete sich an Susanna,

deren Augen im Wasser schwammen, »ehe diese Zeit wieder herumkommt,

wird auch manch helles Auge dunkel sein.« -- Susanna ließ das Wort

nicht auf die Erde fallen, sie weinte, aber sie knickselte auch. --

»Sind wir nicht,« fuhr Trim fort und sah dabei immer die Susanna an,

»sind wir nicht wie eine Blume auf dem Felde?« -- Ein Hochmutstränchen

schlich sich zwischen jedes Paar Tränen der Demut, sonst hätte keine

Zunge Susannas Betrübnis aussprechen können. »Ist nicht alles Fleisch

wie Heu? Es ist Leim, es ist Kot.« Alle sahen den Augenblick auf das

Küchenmädchen, das eben einen Fischkessel scheuerte. Es war nicht

recht.

»Was ist das niedlichste Geschöpf, das jemals ein Mann angesehen hat!«

-- »Ich könnte es gar nicht müde werden, Trim so sprechen zu hören,«

sagte Susanna. -- »Was ist es?« -- Susanna legte ihre Hand auf Trims

Schulter -- »als Koder und Moder!« Susanna zog ihre Hand zurück.

»Dafür eben mag ich euch leiden. Diese herzlabende Mixtur in euch,

teure Geschöpfe, macht euch zu dem, was ihr seid. Wer euch deswegen

hasset, der -- alles, was ich dazu sagen kann, ist --, der hat entweder

einen Kürbis statt des Kopfes auf dem Rumpfe, oder einen Holzapfel

statt des Herzens im Leibe. Wenn er anatomiert wird, wird sich's

zeigen, daß ich recht habe.«

[Illustration]

Einundsiebzigstes Kapitel.

Ob Susanna dadurch, daß sie die Hand zu plötzlich von Trims Schulter

zog (da sich ihre Leidenschaft so schnell herumwarf) die Kette seiner

Betrachtungen ein wenig unterbrach, oder ob der Korporal zu argwöhnen

begann, daß er dem Magister ins Gehege geraten, und mehr wie ein

Prediger als in seiner eigenen Person redete, oder ob -- -- -- -- --

-- Oder ob --, denn in allen solchen Fällen kann ein erfindungsreiches

Genie mit Freuden ein paar Seiten mit Voraussetzungen anfüllen. -- Was

von all diesem die Ursache war, das mag der scharfsinnige Sonstjemand

ausmachen. -- Soviel ist wenigstens gewiß, der Korporal fuhr mit seiner

Standrede also fort:

»Für mein Teil kann ich sagen, daß ich, außen vor der Türe, mir nichts

aus dem Leben mache, nicht das!« -- setzte der Korporal hinzu und

machte ein Schnippchen mit den Fingern. Aber mit einem Anstande, den

kein anderer als der Korporal der Empfindung hätte geben können. »In

einer Schlacht achte ich den Tod nicht das ... Laß ihn mich nur nicht

wie eine feige Memme überrumpeln, wie den armen Paul Gibbins, da er

seine Flinte auswusch. -- Was ist er denn? Ein Klapp des Hahns an den

Pfannendeckel, ein Puff mit dem Bajonett ein Zoll tief hier oder da,

das ist alles. Sieh das Glied hinab, rechts. Sieh! da liegt Jakob! Gut!

's ist so gut, als ob er Rittmeister geworden wäre. -- Nein, 's ist

Dirk. Nun, so ist's für Jakob ebensogut. Laß fallen, was fällt, wir

avancieren. In der Hitze des Treffens fühlt man sogar die Wunde nicht,

wenn er kommt. Das beste ist, man sieht ihm in die Augen. Der Mann,

welcher flieht, ist in zehnmal größerer Gefahr als der, der ihm in den

Rachen marschiert. Ich habe ihm wohl hundertmal,« setzte der Korporal

hinzu, »in die Fresse gesehen und ich weiß, was er ist. Nichts, gar

nichts ist er, Obadiah, im Felde!« -- »Ja, aber im Hause ist er sehr

graulich,« sagte Obadiah. -- »Ich scher' mich nicht darum, ich,« sagte

Jonathan, »wenn ich auf dem Kutschbock sitze.« -- »Im Bette, meine ich,

muß es wohl am natürlichsten sein,« sagte Susanna. -- »Und könnte ich

ihm aus dem Wege, wenn ich in das elendeste Kalbsfell kröche, daraus

jemals ein Schnappsack gemacht ist, so tät' ich's da,« sagte Trim.

»Natürlich ist natürlich,« sagte Jonathan. -- »Und deswegen,« rief

Susanna, »bedaure ich meine Madame so herzlich. Sie wird es in ihrem

Leben nicht überwinden.« -- »Und ich, ich bedaure den Kapitän am

meisten in der ganzen Familie,« antwortete Trim. »Madame wird sich

das Herz erleichtern durch Weinen, und der alte Herr durch sein

Sprechen darüber, aber mein armer Herr wird alles stillschweigend bei

sich behalten. Ich werde ihn einen ganzen Monat lang im Bette seufzen

hören, wie er um den Leutnant Le Fever tat. --›O, Euer Gnaden müssen

nicht kläglich seufzen,‹ sagte ich dann zu ihm, wenn ich neben ihm lag.

-- ›Ich kann nicht dafür, Trim,‹ sagte dann der Kapitän. ›'s ist ein

so melancholischer Zufall, ich kann's nicht aus dem Kopfe kriegen.‹

--›Euer Gnaden fürchten sich ja selbst vor dem Tode nicht.‹ -- ›Ich

hoffe,‹ pflegte er dann zu sagen, ›ich fürchte mich vor nichts, als was

Böses zu tun. -- Gut so!‹ pflegte er hinzuzusetzen, ›es gehe, wie es

gehe, für Le Fevers Knaben will ich sorgen.‹ Und damit, wie mit einem

schmerzlindernden Tranke, fiel Seine Gnaden in Schlaf.«

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy · 第 11 / 20 段