Mund, unter dem Scheine, als ob er ihm etwas ins Ohr flüsterte. In der
Tat aber, weil er sein Maultier fürchtete. Und da er herzlich Lust
hatte, über einen so hübschen Vorwurf noch mehr zu hören, so bat er
meinen Onkel Toby, er möchte sie ihm doch um's Himmels willen nicht
verderben. Mein Onkel Toby nickte mit dem Kopfe und begnügte sich
damit, daß er seinen Regimentsmarsch in Gedanken pfiff. Kysarcius,
Didius und Triptolemius fuhren mit dem Gespräch fort.
»Diese Entscheidung,« sprach Kysarcius weiter, »so sehr sie auch gegen
den Strom der allgemeinen Meinung anzuschwimmen scheinen mag, hat
dennoch die Vernunft sehr auf ihrer Seite und ist durch den berühmten
Rechtsfall, der nach dem Herzog von Suffolk genannt wird, außer allen
Zweifel gesetzt werden.« -- »Brook führte ihn an,« sagte Triptolemius.
-- »Und Lord Coke erwähnt seiner gleichfalls,« fügte Didius hinzu. --
»Sie können ihn auch im Swimburn, von den Testamenten, finden,« sagte
Kysarcius.
»Der Rechtshandel, Herr Shandy, war dieser:
Unter der Regierung Eduards +VI.+ machte Karl, Herzog von Suffolk,
der aus dem zweiten Bette einen Sohn und aus dem ersten eine Tochter
hatte, sein Testament, darin er seine Güter dem Sohn vermachte, und
starb darauf. Nach ihm starb der Sohn gleichfalls, aber ohne Testament,
ohne Weib und ohne Kind. -- Seine Mutter und seine Schwester von
Vatersseite -- denn sie war aus der ersten Ehe --, überlebten ihn. Die
Mutter übernahm die Administration von ihres Sohnes Gütern, zufolge des
einundzwanzigsten Artikels der Statuten Heinrichs +VIII.+, in dem
es heißt: ›Wenn jemand stirbt, ohne ein Testament zu hinterlassen, so
soll die Administration seiner Güter der Person anheimfallen, die mit
ihm im nächsten Grade der Blutsverwandtschaft steht‹.
Da also die Administration der Mutter zugestanden worden, machte die
Schwester von väterlicher Seite vor dem geistlichen Gerichte eine
Klage anhängig, worin sie anführte: 1. daß sie selbst die nächste
Blutsverwandte sei, und 2. daß die Mutter mit dem Erblasser in gar
keiner Blutsverwandtschaft stände. Daher bat sie das Gericht, daß
solches die der Mutter zugesprochene Administration widerrufen und ihr,
vigore des besagten Artikels, als nächster Blutsverwandten zugeurteilt
werden möge.
Hierüber wurden, weil es ein wichtiger Prozeß war, an dessen Ausgang
viel gelegen, und in der Folge mancher wichtiger Rechtshandel danach
entschieden werden möchte, die gelehrtesten Männer, sowohl in den
Rechten des engländischen Reichs als im Römischen Rechte konsultiert:
ob die Mutter eine Blutsverwandte ihres Kindes sei oder nicht.
Worüber dann nicht nur die weltlichen, sondern auch die geistlichen
Rechtslehrer, die +Juris consulti+, die +Juris prudentes+,
die Zivilsten, die Advokaten, die Kommissarien, die Richter der
Konsistorial- und Prärogativgerichte zu York und Canterbury nebst den
Doktoren und Lizentiaten alle einstimmig der Meinung waren: die Mutter
sei keine Blutsverwandte ihres Kindes.«
»Und was sagte die Herzogin von Suffolk dazu?« sagte mein Onkel Toby.
Das Unerwartete bei meines Onkels Toby Frage machte den Kysarcius
verwirrter, als der geschickteste Advokat hätte tun können. -- Er
schwieg eine völlige Minute und sah meinem Onkel Toby starr ins
Gesicht, ohne zu antworten. Und in der einzigen Minute warf ihn
Triptolemius hinter sich und führte den Reihen wie folgt:
[Illustration]
»In den Rechten ist es ein Grundsatz,« sagte Triptolemius, »daß die
Dinge darin nicht aufsteigen, sondern absteigen; und ich zweifle nicht,
daher muß es geleitet werden, daß, so wahr es ist, daß das Kind vom
Blute der Eltern sein mag, dennoch die Eltern nicht von seinem
Blute sind. Da die Eltern nicht von dem Kinde gezeuget werden, sondern
das Kind von den Eltern. Denn so steht geschrieben: +Liberi sunt de
sanguine Patris et Matris, sed Pater et Mater non sunt de sanguine
librorum.+«
»Das beweiset aber zuviel,« rief Didius, »denn nach dieser angeführten
Autorität würde nicht bloß das folgen, was in der Tat von allen Seiten
zugestanden wird, daß die Mutter keine Blutsverwandte ihres Kindes
ist, sondern der Vater ebensowenig.« -- »Es wird auch für die beste
Meinung gehalten,« sagte Triptolemius, »weil der Vater, die Mutter und
das Kind, ob es gleich drei Personen sind, nur -- +una caro+ --
ein Fleisch und folglich keinen Grad von Verwandtschaft ausmachen oder
~in der Natur~ erlangen können.« -- »Da treiben Sie Ihren Beweis
abermals zu weit,« rief Didius. »Denn in der Natur ist kein Verbot
wie im levitischen Gesetze, daß jemand mit seiner Großmutter ein Kind
haben könne.« -- »Das ist das +Argumentum commune+,« setzte Yorick
hinzu. -- »'s ist so gut,« sagte Eugenius, und nahm Seinen Hut in die
Hand, »wie Sie's verdienen.«
Die Gesellschaft brach auf.
[Illustration]
Zweiundsechzigstes Kapitel.
»Nun,« sagte mein Onkel Toby, der sich auf Herrn Yorick stützte,
welcher ihm mit meinem Vater gemächlich die Treppen hinunterhalf.
Erschrecken Sie nur nicht, Madame, dieses Treppengespräch ist nicht so
lang wie das vorige. -- »Nun, lieber Herr Yorick,« sagte mein Onkel
Toby, »auf welche Art ist denn endlich die Sache mit Tristram von
diesen gelehrten Männern entschieden?« -- »Sehr hinlänglich,« versetzte
Yorick. »Kein Sterblicher hat was damit zu schaffen, mein lieber Herr
Kapitän, denn Madame Shandy, die Mutter, ist nichts weniger als seine
Blutsverwandte. Und da doch die mütterliche Seite die sicherste ist,
so ist folglich Herr Shandy ihm noch weniger, als nicht. Kurz, er ist
nicht so nahe mit ihm verwandt, Herr, wie ich --«
»Das kann wohl sein,« sagte mein Vater mit Kopfschütteln.
»Laß die Gelehrten sagen, was sie wollen, es muß doch gewiß eine Art,«
sagte mein Onkel Toby, »von Blutsfreundschaft zwischen der Herzogin von
Suffolk und ihrem Sohne gewesen sein.« --
»Die Ungelehrten sind,« sagte Yorick, »noch bis auf diese Stunde
ebender Meinung.«
[Illustration]
Dreiundsechzigstes Kapitel.
Ob mein Vater gleich von den Subtilitäten dieser Unterredung mächtig
gekitzelt ward, so ging's doch damit wie mit der Salbe auf einem
gebrochenen Knochen. Sobald er zu Hause angekommen, fiel die Last
seiner Betrübnis desto schwerer auf ihn zurück. Wie's immer zu gehen
pflegt, wenn der Stab, worauf wir uns lehnten, ausweicht. Er geriet
ins Nachdenken, ging häufig nach dem Fischteiche, ließ eine Krempe
von seinem Hute nieder, seufzte öfters, fuhr niemand mehr hitzig an.
Und da die schnellen Anwandlungen des Zorns, die einen Menschen so
auffahren lassen, so sehr die Ausdünstung und Verdauung befördern, wie
Hippokrates sagt, so wäre er gewiß aus Mangel daran krank geworden,
wenn nicht noch eben zu rechter Zeit seine Gedanken davon abgekehrt und
seine Gesundheit durch einen frischen Troß von Unruhen erlöst worden
wäre, die ihm meine Tante Dinah mit einem Vermächtnis von fünf- bis
sechstausend Talern hinterließ.
Mein Vater hatte kaum den Brief gelesen, als er die Sache gleich beim
rechten Zipfel faßte und seinen Kopf ängstete und plagte, wie er's am
besten zur Ehre der Familie anlegen sollte. Wohl hundertundfünfzig
wundersame Projekte nisteten sich, eins nach dem andern, in sein
Gehirn. Er wollte dies tun und das -- und das andere. -- Er wollte nach
Rom, es dem Papste abprozessieren, wollte Aktien kaufen, John Hobson
sein Landgut abfeilschen, er wollte einen neuen Giebel vor seinem Hause
heraufziehen und einen neuen Flügel dranbauen. An dieser Seite des
Baches stand eine hübsche Wassermühle, und er wollte jenseits, gerade
gegenüber, eine Windmühle bauen, der hübschen Symmetrie wegen. Vor
allen Dingen aber in der Welt wollte er das große Ochsenmoor bestellen
und meinen Bruder Bobby auf Reisen schicken.
Da aber die Summe endlich war, und folglich nicht alles ausrichten
konnte und in der Tat sehr wenig von all diesem gehörig und gut, so
schienen von allen Projekten, die sich bei dieser Gelegenheit darboten,
die beiden letzten den tiefsten Eindruck zu machen. Er würde sich auch
gewiß zu beiden zugleich entschlossen haben, wenn's nicht der kleine,
eben erwähnte Umstand gehindert hätte, der ihn allerdings in die
Notwendigkeit versetzte, sich entweder für das eine oder das andere zu
erklären.
Dies war nicht so leicht geschehen; denn so gewiß es ist, daß mein
Vater schon längst sein Herz auf diesen wesentlichen Teil der Erziehung
meines Bruders eingestellt und wie ein kluger Mann beschlossen
hatte, ihn von dem ersten Gelde, das ihm von der zweiten Dividende
der Mississippiaktien einliefe, seine Reise antreten zu lassen, so
hatte doch das Ochsenmoor, ein hübscher, großer, brachliegender,
dem Shandyschen Gute zugehöriger Anger, fast ebenso alte Rechte und
Ansprüche. Er hatte schon lange und ernstlich darauf gesonnen, es unter
Pflug und Egge zu bringen.
Da ihn aber bisher noch kein solcher Zusammenfluß von Dingen gedrängt,
auszumachen, welches von beiden das älteste oder beste Recht hätte, so
hatte er sich wie ein weiser Mann enthalten, sich in eine kritische
Untersuchung darüber einzulassen. Dergestalt also, daß, nachdem alle
übrigen Projekte bei dieser Krise den Laufpaß erhalten, die beiden
alten, das Ochsenmoor und mein Bruder darüber wieder unter sich
stritten -- sie waren einander dergestalt gewachsen, daß sie manchen
nicht geringen Kampf im Kopfe des alten Herrn veranlaßten --, welches
zuerst in Gang gebracht werden sollte.
Die Leute haben gut lachen, die Sache war so:
Es war beständig in der Familie Brauch gewesen und war durch die
Verjährung gleichsam ein Recht geworden, daß der älteste Sohn, bevor er
heiratete, in fremde Gebiete freien Ein-, Aus- und Zugang haben mußte.
Nicht nur um durch die Leibesübung und häufige Veränderung der Luft
ein eigenes persönliches Gebiet zu verbessern, sondern auch zum reinen
Vergnügen seiner Phantasie. Daß man ihm, weil er sagen konnte, ich bin
gereist, eine bunte Feder mehr in den Schwanz setzte. -- +Tantum
valet+, pflegte mein Vater zu sagen, +quantum sonat+.
Da dieses nun ein vernünftiger und also ein allerchristlicher Brauch
war -- wenn man ihn ohne Warum und Weswegen aufsetzte -- und dadurch
das erste Exempel gegeben würde, daß ein Shandyscher Erbe nicht
in einer Postchaise durch Europa kutschiert worden, und zwar bloß
deswegen, weil er noch ein Knabe war, so hieß das ärger mit ihm
umspringen, als mit einem Heiden und Türken.
Auf der anderen Seite war der Fall des Ochsenmoores ebenso dringend.
Den ersten Kaufschilling nicht mitgerechnet, der achthundert Louisdor
betrug, hatte es der Familie schon vor fünfzehn Jahren noch andere
achthundert an Prozeßkosten gefressen. Der Himmel weiß, wie manchen
Ärger und Verdruß man dadurch hatte.
Überdem war es seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein beständiges
Eigentumsstück der Shandyschen Familie, und ob es gleich groß und
breit vor dem Hause lag und man an einer Seite die Wassermühle sah und
an der anderen die projektierte Windmühle sehen sollte, von der oben
gesprochen worden -- und aus allen diesen Gründen das begründetste
Recht vor allen ändern Grundstücken auf die Pflege und Fürsorge der
Familie zu haben schien: -- so war es dennoch durch ein unbegreifliches
Schicksal, dem sowohl die Menschen, wie der Grund, den sie betreten,
unterworfen sind, -- die ganze Zeit her schändlich übersehen worden.
Es hatte, die Wahrheit zu gestehen, dadurch so sehr gelitten, daß dem
Manne, sagte Obadiah, der wüßte, was Land wäre, und darüber ritte
und sähe, in welchen kläglichen Umständen es läge, das Herz im Leibe
darüber bluten müßte.
Indessen, da weder der Ankauf dieses Grundstücks, noch seine Lage,
so gut sie auch war, meines Vaters Werk waren, so hatte er gemeint,
daß es ihn eigentlich nichts anginge. Bis vor fünfzehn Jahren der
oben erwähnte verdammte Grenzprozeß losbrach, der als meines Vaters
eigentümliche Tat und Handlung zugleich alle anderen Gründe zu seinem
Besten aufweckte. Nachdem er sie alle aufgezählt hatte, fand er, daß er
nicht nur des Nutzens, sondern auch der Ehre wegen verpflichtet sei,
etwas dafür zu tun, und daß es jetzt Zeit sei oder niemals.
Es muß ein Unglück dazu geschlagen sein, daß die Gründe auf beiden
Seiten so völlig gleichwiegend waren. Denn ob mein Vater sie
unter allen Umständen und in allerlei Gemütsverfassungen abwog --
manche kummervolle Stunde in sehr tiefen und abstrakten Gedanken
darüber hinbrachte, heute Bücher von der Landwirtschaft, morgen
Reisebeschreibungen las, alle Leidenschaften beiseitesetzte, die
Gründe auf beiden Seiten mit allen ihren Umständen beleuchtete,
täglich mit meinem Onkel Toby darüber Rat pflog, mit Yorick darüber
philosophierte und über die ganze Sache, das Ochsenmoor betreffend, mit
Obadiah sich besprach, so ergab sich doch in all der Zeit nichts, was
so stark für das eine sprach, das sich nicht auch ganz genau auf das
andere anwenden ließ, oder doch wenigstens durch eine oder die andere
Rücksicht, von gleichem Gewicht, die Schalen gleichschwebend hielt.
Soviel war unstreitig gewiß, wenn das Ochsenmoor in gute Hände geriet
und gehörig bearbeitet würde, so müßte es ein ganz anderes Ansehen in
der Welt haben, als es der Fall war oder in seiner jetzigen Verfassung
jemals tun konnte. Das war aber auch, Obadiah mochte sagen, was er
wollte, alles haarklein von meinem Bruder Bobby wahr.
In Ansehung des Einträglichen, gestehe ich, schien der Streit dem
ersten Augenblicke nach nicht so unentschieden unter den beiden; denn
so oft mein Vater Feder und Tinte zur Hand nahm und sich darüber her
machte, zu berechnen, was die Ausgaben für Aufbrechen, Ausbrennen,
Einhägen usw. des Ochsenmoors betrügen, und dagegen den sicheren
Profit, den es ihm wieder bringen müßte, so war der letzte, auf die
Art, wie er das Exempel ansetzte, so unglaublich überwiegend, daß man
hätte schwören sollen, das Ochsenmoor müßte die Oberhand behalten.
Denn es war klar, er müßte gleich das erste Jahr über hundert Last
Rapssamen ziehen, die Last zu hundert Taler gerechnet. Hierauf das
zweite Jahr eine vortreffliche Weizenernte. Das Jahr darauf, um es
nur gering anzuschlagen, hundert, nach aller Wahrscheinlichkeit aber
hundertfünfzig, wo nicht zweihundert Wispel Bohnen und Erbsen, nicht
zu gedenken der unendlichen Menge Kartoffeln. -- Aber dann klopfte der
Gedanke, daß er derweile meinen Bruder auferzöge wie ein Schwein, das
sie fressen sollte, wieder in seinem Kopfe an und ließ den lieben
alten Herrn in solcher Unentschlossenheit, daß er, wie er oft meinem
Onkel Toby erklärte, ebensowenig wußte, was er tun sollte wie sein
Absatz.
Kein Mensch als er, der es gefühlt hat, kann sich vorstellen, was für
eine Not es ist, wenn ein Mann von zwei Projekten von gleicher Stärke
gezerrt wird, die ihn beide gleich hartnäckig in entgegenstehender
Richtung ziehen und reißen. Denn, nicht zu gedenken der Verwüstung,
die solches natürlicherweise in dem ganzen feineren Systeme der Nerven
anrichten muß, welche, wie Sie wissen, die Lebensgeister und subtileren
Säfte vom Herzen nach dem Haupte und so weiter führen: -- so ist es
nicht zu sagen, in was für einem hohen Grade ein so widersinniges
Reiben schon auf die gröberen und solideren Teile wirkt, indem es,
sooft es vorwärts geht oder rückwärts, allemal das Fett eines Mannes
schmilzt und seine Kräfte schwächt.
Mein Vater wäre diesem Übel erlegen, so gewiß als er dem mit meinem
Taufnamen erlag, wäre er nicht aus diesem eben so erlöset, wie aus
jenem: durch ein frisches Übel, das Unglück von meines Bruders Bobby
Tod.
Was ist des Menschen Leben! Ist's nicht bald hier, bald dort? Aus einer
Sorge in die andere? Eine Ursache des Verdrusses zugeknöpft, eine
andere wieder auf!
[Illustration]
Vierundsechzigstes Kapitel.
Als mein Vater den Brief empfing, der ihm die traurige Nachricht von
meines Bruders Bobby Tode gab, saß er eben über der Berechnung der
Kosten der Extrapost für ihn von Calais nach Paris und so weiter nach
Lyon.
Es war eine unglückliche Reise. Mein Vater mußte jeden Schritt noch
einmal durchreisen und seine Berechnung von vorne wieder anfangen, als
er bereits fast bis ans Ende gelangt war. Denn Obadiah machte die Türe
auf, ihm zu sagen, es sei keine Hefe mehr im Hause, und ihn zu fragen,
ob er nicht morgen früh das große Kutschpferd nehmen und hinreiten
sollte, welche zu holen. »Meinethalben, Obadiah,« sagte mein Vater und
ließ sich in seiner Reise nicht irremachen, »nehme Er das Kutschpferd
und damit gut!« -- »Aber es hat ein Eisen verloren, das arme Tier!«
sagte Obadiah. -- »Das arme Tier,« sagte mein Onkel Toby und
wiederholte die Schwingungen der Note wie eine rein gestimmte Saite. --
»So nehme Er den Schottländer,« sagte mein Vater hastig. -- »Der ist
so gedrückt, daß er um alles in der Welt keinen Sattel leiden kann,«
sagte Obadiah. -- »Mit dem Pferde ist auch immer was; so nehme Er den
Patrioten,« rief mein Vater, »und mache Er die Türe zu.« -- »Patriot
ist verkauft,« sagte Obadiah. -- »Da seh' mir einer!« schrie mein Vater
und machte eine Pause und sah meinem Onkel Toby ins Gesicht, als ob die
Sache sich nicht wirklich so verhalten könnte. -- »Euer Gnaden befahlen
mir ja im letzten April, daß ich ihn verkaufen sollte,« sagte Obadiah.
-- »Nun, so mag Er zu Fuß gehen,« rief mein Vater. -- »Ich gehe auch
lieber, als ich reite,« sagte Obadiah und machte die Türe zu.
»Was für ein Geplage!« schrie mein Vater und fuhr mit seiner Berechnung
fort. -- »Aber die Wege stehen unter Wasser,« sagte Obadiah und machte
die Türe wieder auf.
Bis auf diesen Augenblick hatte mein Vater mit einer Karte von Sanson
und einem Buche von den Postrassen vor sich seine Hand auf den Knauf
des Zirkels gehalten, mit einer Spitze auf Nevers, als die letzte
Station, welche er bezahlt hatte, -- in der Absicht, von da mit seiner
Reise und Berechnung weiterzugehen, sobald Obadiah aus der Türe wäre.
-- Dieser zweite Überfall von Obadiah aber, indem er die Türe öffnete
und das ganze Land unter Wasser setzte, war zu arg. -- Er ließ den
Zirkel fahren -- oder vielmehr er warf ihn mit einer vermischten
Bewegung von Zufall und Zorn auf den Tisch. Nunmehr blieb ihm nichts
weiter übrig, als -- wie manche andere -- eben so klug wieder nach
Calais zurückzugehen, wie er von dort abgereist war.
Als der Brief ins Zimmer gebracht wurde, welcher die Nachricht von
meines Bruders Tode enthielt, war mein Vater mit seiner Reise schon
abermals so weit gekommen, daß der Zirkel nur noch einen Schritt tun
durfte, so war er wieder auf der nämlichen Station zu Nevers. -- »Mit
Ihrer Erlaubnis, Herr Sanson,« drückte die Zirkelspitze durch Nevers
in den Tisch und nickte meinem Onkel Toby zu, um zu sehen, was der
Brief sagte. »Zweimal an einem Abend vor einem so lumpigen Städtchen
als Nevers wieder umzukehren, ist für einen englischen Herrn und seinen
Sohn zu viel, Herr Sanson. Ist's nicht wahr, Toby?« fügte mein Vater
mit einem scherzhaften Tone hinzu. -- »Es müßte denn eine Garnison
darin liegen,« sagte mein Onkel Toby. -- »Alsdann bin ich ein Geck,«
sagte mein Vater lächelnd und bei sich selbst, »solange ich lebe.«
-- Damit nickte er zum zweiten Male, und indem er seinen Zirkel auf
Nevers mit der einen und sein Buch von den Postrassen mit der anderen
Hand hielt, halb rechnend und halb zuhörend, lehnte er sich mit seinen
beiden Ellenbogen auf den Tisch. Mein Onkel Toby überlas leise den
Brief. -- -- -- -- -- --
* * * * *
»Er ist abgereist,« sagte mein Onkel Toby. -- »Wohin, wer?« rief mein
Vater. -- »Mein Neffe,« sagte mein Onkel Toby. -- »Was, ohne Urlaub,
ohne Geld und ohne Wechsel? Ohne Hofmeister?« rief mein Vater mit
Erstaunen. -- »Nein, er ist gestorben, mein lieber Bruder,« sagte mein
Onkel Toby. -- »Und nicht krank gewesen?« schrie mein Vater wieder. --
»Das kann ich nicht sagen,« sagte mein Onkel Toby mit leiser Stimme und
holte dabei einen tiefen Seufzer aus dem Grunde seines Herzens. »Er
ist krank genug gewesen, armer Knabe, dafür bin ich Bürge, denn er ist
gestorben!«
Als der Agrippina der Tod ihres Sohnes bekannt gemacht wurde, erzählt
Tacitus, konnte sie die Heftigkeit ihres Schmerzes nicht mäßigen und
habe ihre Beschäftigung abgebrochen. -- Mein Vater steckte seinen
Zirkel noch fester in Nevers hinein. -- Was für Verschiedenheiten!
Seins war freilich ein Rechnungsgeschäft. Agrippinas muß ein ganz
anderes Geschäft gewesen sein, wie könnte man sonst Schlüsse aus der
Historie ziehen wollen?
Was mein Vater weiter tat, das verdient nach meiner Meinung ein eigenes
Kapitel.
[Illustration]
Fünfundsechzigstes Kapitel.
Und ein Kapitel soll es haben, und zwar ein Kapitel, das sich gewaschen
hat. -- Also nehmen Sie sich in acht!
Es ist entweder Plato oder Plutarch, oder Seneka oder Xenophon, oder
Epiktet oder Theophrast, oder Lucian -- oder jemand anders vielleicht
aus neueren Zeiten -- Cordan oder Buddeus, oder Petrach oder Stella --,
es kann auch wohl ein Gottesgelehrter oder Kirchenvater sein, welcher
behauptet, daß es ein unwiderstehlicher und natürlicher Hang ist, den
Verlust unserer Freunde oder Kinder zu beweinen. Seneka -- dies weiß
ich zuverlässig -- sagt uns irgendwo, daß dergleichen Betrübnisse sich
am besten durch diesen besonderen Kanal ausleeren. Demzufolge finden
wir, daß David um seinen Sohn Absalom weinte, Adrian um seinen Sohn
Antinous, Niobe um ihre Kinder, und daß Apollodorus und Krito beide um
Sokrates Tränen vergossen, bevor er starb.
Mein Vater behandelte seine Betrübnis auf eine andere Manier, und
zwar ganz verschieden von den meisten Menschen unter den Alten oder
Neueren; denn er weinte sie nicht etwa weg, wie die Hebräer und
Lateiner, verschlief sie nicht wie die Lappländer, erhing sie nicht wie
die Engländer und ersäufte sie nicht wie die Deutschen, noch fluchte,
verdammte, bannte, reimte oder pfiff er sie weg.
Er ward ihrer indessen doch los.
Wollen Euer Hochwohlgeboren mir erlauben, daß ich hier eine Historie
einschalte?
Als Tullius seiner Tochter Tullia beraubt wurde, nahm er sich's anfangs
sehr zu Herzen. Er hörte auf die Stimme der Natur, und nach dieser
modulierte er seine eigene. -- O meine Tullia! Meine Tochter! Mein
Kind! Noch, noch, noch bist du's! warst es, o meine Tullia! Meine
Tullia! Mich dünkt, ich sehe meine Tullia, ich höre meine Tullia, ich
spreche mit meiner Tullia. -- Allein sobald er sich im Zeughause der
Philosophie umsah und bedachte, was sich über die Veranlassung für
vortreffliche Sachen sagen ließen -- kein Mensch auf der Welt vermag
sich's vorzustellen --, sagte der große Redner, wie glücklich, wie
fröhlich es ihn machte.
Mein Vater dachte ebenso hoch von seiner Beredsamkeit wie Marcus
Tullius Cicero nur immer von seiner. Und wenn ich nicht ganz und gar
falsch berichtet bin, mit ebensoviel Grund. Es war wirklich seine
Stärke -- und seine Schwäche dazu. Seine Stärke, denn er war beredt
von Natur. Seine Schwäche, denn sie spielte ihm stündlich Streiche.
Wenn ein Vorfall in seinem Leben ihm nur Anlaß gab, seine Gaben zu
zeigen oder etwas Kluges, Witziges oder Satirisches zu sagen -- ein
systematisches Unglück ausgenommen --, so hatte er, was er wollte. Ein
Glück, welches meines Vaters Zunge fesselte, und ein Unglück, welches
solche auf eine gute Art in freien Gang setzte, waren ihm ziemlich
gleich willkommen. Zuweilen gar das Unglück am angenehmsten; denn wenn
zum Beispiel das Vergnügen des Redehaltens sich wie zehn, und der
Verdruß des Unglücks nur wie fünf verhielt, gewann mein Vater Hundert
auf Hundert, und befand sich folglich so wohl dabei, als wenn ihn gar
nichts überkommen wäre.
Aus diesem Knäuel entwickelt sich alles, was sonst in meines Vaters
häuslichem Charakter zusammenhängend scheinen möchte. Nämlich,
daß bei den Gelegenheiten zum Ärger, die die Nachlässigkeit oder
Tölpelei des Gesindes oder andere in einer Haushaltung unvermeidliche
Verdrießlichkeiten hervorbrachten, sein Zorn oder vielmehr die Dauer
desselben niemals das war, was man vermutete.