Allein bevor ich meine Demonstration beginne, lassen Sie mich Ihnen

nur noch sagen: das Kapitel, welches ich ausgerissen habe und an

welchem Sie sonst, statt diesem, eben gelegen haben würden, war die

Beschreibung des Rittes meines Vaters, meines Onkel Tobys, Trims und

Obadiahs zu der Visitation zu ***.

»Wir wollen in der Kutsche hinfahren,« sagte mein Vater. »Hör' Er,

ist das Wappen geändert, Obadiah?« -- Es würde meiner Erzählung viel

Vorteil getan haben, wenn ich es damit angefangen hätte, Ihnen zu

sagen, daß damals, als meiner Mutter Wappen zu dem Shandyschen gefügt

und die Kutsche bei meines Vaters Verheiratung von neuem angemalt ward,

es sich so gefügt hatte, daß der Kutschenmaler, es sei nun, daß er

alles mit der linken Hand gemacht hatte wie Turpilius, der Römer, oder

Hans Holbein von Basel, oder daß der Fehler mehr an seinem Kopfe als

an seiner Hand lag, oder war's gar der unglückliche, schiefe Gang,

welchen alles, was unsere Familie betraf, zu nehmen geneigt war. Genug,

es fügte sich so zu unserer Kränkung, daß anstatt des Bandes, welches

wir seit Heinrichs +VIII.+ Zeiten mit Ehren führten, durch eine

von diesen Fatalitäten ein Riemen quer durch das ganze Schild des

Shandyschen Wappens gezogen wurde. Kaum sollte man es glauben, daß das

Gemüt eines so vernünftigen Mannes wie mein Vater war, sich soviel aus

einer solchen Kleinigkeit machen könne. Der Name Kutsche -- gleichviel

wessen -- oder Kutscher, oder Kutschpferd, oder Kutscherlohn konnte

niemals in seiner Gegenwart ausgesprochen werden, ohne daß er sich über

dieses schändliche Malzeichen der Seitenabkunft auf seinen Kutschtüren

beklagte. Er konnte niemals ein- oder aussteigen, er mußte erst die

Wappen begucken. Er tat dann allemal ein Gelübde, das sollte doch das

letztemal sein, daß er seinen Fuß hineinsetzte, bis aus dem Riemen ein

Band gemacht würde. Aber es ging eben wie mit dem Türknarren. Es war

eins von den vielen Dingen, von denen auf den Tafeln des Verhängnisses

geschrieben war: es sollte immer vom Ändern und Bessern gesprochen, und

-- wie in weiseren Familien als der unserigen -- nie was daraus werden.

»Hat der Maler das Wappen an der Kutsche übergebürstet? sage ich,«

sagte mein Vater. -- »Die Kutsche inwendig und die Sitzkissen habe

ich rein ausgebürstet,« antwortete Obadiah, »der Maler hat nichts

gebürstet.« -- »Wir wollen reiten,« sagte mein Vater zu Yorick. -- »Von

allen Dingen in der Welt, die Politik ausgenommen, ist die Heraldik den

Geistlichen am wenigsten bekannt,« sagte Yorick. -- »Das tut nichts,«

sagte mein Vater. »Ich möchte doch nicht gerne mit einer solchen Sau

in meinem Wappenschilde aufziehen.« -- »Was ist's denn, ob der breite

Strich rechts oder links durchs Schild geht,« sagte mein Onkel Toby. --

»Wenn dir Band oder Riemen gleich ist, so kannst du mit Tante Dinah

und dem Riemen im Wappen zu der Visitation fahren, wenn du Lust hast.«

--

Mein armer Onkel Toby wurde rot im Gesicht. Mein Vater ärgerte sich

über sich selbst. »Nein, mein lieber Bruder Toby,« sagte mein Vater

und änderte den Ton. »Sieh nur, wenn ich lange auf den dumpfigen

Kutschpolstern säße, da könnte ich wieder das Hüftweh an den Hals

bekommen wie vorigen Dezember, Januar und Februar. Tue mir's also zum

Gefallen und reite meiner Frau ihr Pferd. Und da Sie doch predigen

sollen, lieber Yorick, so tun Sie wohl am besten, daß Sie vorausreiten

und mich mit meinem Bruder Toby langsam nachfolgen lassen.«

Das Kapitel nun, das ich gezwungen war, auszureißen, war die

Beschreibung dieser Kavalkade, bei welcher Korporal Trim und Kutscher

Obadiah auf zwei Kutschpferden in einem Gliede langsam als Patrouille

voranritten, derweile mein Onkel Toby in seiner gestickten Montierung

und Knotenperücke mit meinem Vater Rang und Reihe hielt in tiefen Wegen

und Untersuchungen über den Vorzug der Lehr- und Wehrkunst, die die

Oberhand gewinnen könnte.

Das Gemälde dieser Reise, da ich sie wieder ansehe, hebt sich so weit

über den Stil und die Manier alles übrigen, was ich vermochte in

diesem Buche zu malen, daß es nicht darin bleiben konnte, ohne jeden

anderen Auftritt zu verdunkeln und das nötige Ebenmaß -- im Guten oder

Schlechten -- zwischen Kapitel und Kapitel zu stören, aus dem die

richtige und harmonische Proportion eines ganzen Werkes entsteht. Ich

selbst habe freilich das Handwerk noch nicht lange getrieben, um laut

mitzusprechen. Aber, so meine ich, ein Buch schreiben ist in der Welt

nichts weiter, als einen Gesang so vor sich hin in den Bart singen. --

Wenn Sie nur in der Melodie bleiben, Madame, Sie mögen hoch oder tief

anfangen.

Das ist, wenn Euer Hochwürden nicht ungütig vermerken wollen, die

Ursache, warum einige der flachsten und schlechtesten Werke (mein Onkel

Toby horchte bei dem Worte Werke schon hoch auf, ob nicht mehr von

Fortifikationen vorkommen würde, als ihm Yorick eines Abends dieses

sagte) so guten Abgang finden.

[Illustration]

Neunundfünfzigstes Kapitel.

»Seht nur, schneidet er's nicht in lauter Fidibusse und teilt's herum,

die Pfeifen damit anzuzünden!« -- »Es ist schändlich,« antwortete

Didius. -- »Das sollte ihm nicht so frei hingehen,« sagte Doktor

Kysarcius, einer von den Kysarciis aus den Niederlanden.

»Mich dünkt,« sagte Didius, wobei er halb vom Stuhle aufstand, um eine

große Kanne und eine kleine Weinflasche wegzurücken, die in gerader

Linie zwischen ihm und Yorick standen, »diesen satirischen Streich

hätten Sie hier wohl unterlassen, Herr Yorick, und an einem anderen

Orte, bei einer schicklicheren Gelegenheit wenigstens, ihre Verachtung

über unsere abgelegte Verrichtung anbringen mögen. Wenn die Predigt

nicht mehr wert ist, als die Pfeife damit anzuzünden, mein Herr, so war

sie gewiß nicht gut genug, vor einer so gelehrten Versammlung gehalten

zu werden. Und war sie gut genug, vor einer so gekehrten Versammlung

gehalten zu werden, mein Herr, so war sie gewiß zu gut, daß Sie hernach

Ihre Pfeifen damit anzünden.«

Ich habe ihn, sagte Didius bei sich selbst, in der Klemme. An einem der

Gründe muß er hängen bleiben. Laß ihn sehen, wie er sich loshilft.

»Die Geburt dieser Predigt,« sagte Yorick, »hat mir so unsägliche

Schmerzen gekostet, daß ich Ihnen beteuere, Herr Didius, lieber will

ich -- und womöglich mein Gaul mit mir -- tausendmal die Märtyrerkrone

verdienen, als mich noch einmal hinsetzen und eine ähnliche machen. Ich

bin am verkehrten Ende davon entbunden. Sie ging mir vom Kopfe ab und

sollte vom Herzen kommen. Und wegen der Wehen, die sie mir sowohl beim

Aufschreiben wie beim Predigen gemacht hat, räche ich mich auf diese

Weise an ihr. Eine Predigt, die den Umfang unserer Belesenheit oder die

Feinheit unseres Witzes zeigen will vor den Augen des großen Haufens

mit seinem bißchen Gelehrsamkeit, die mit einigen schimmernden Worten,

die aber wenig Licht und noch weniger Wärme enthalten, überfirnißt

ist, einen Schacher treiben, das ist eine unredliche Verwendung der

armseligen, einzigen halben Stunde, die man uns wöchentlich einräumt.

Das heißt nicht das Evangelium, das heißt sich selbst predigen. Ich

meinesteils,« fuhr Yorick fort, »ich möchte lieber fünf Worte so

schußgerade ans Herz --« Als Yorick das Wort schußgerade aussprach,

stand mein Onkel Toby auf, um etwas über die Brustwehren zu sagen, als

ein einziges Wort, das sich an der anderen Seite des Tisches hören

ließ, aller Ohren auf sich zog. Ein Wort, das man unter allen im besten

Wörterbuche, am wenigsten an diesem Orte erwarten sollte. Ein Wort,

das ich mich schäme zu schreiben, aber geschrieben, gelesen werden

muß; illegal, paradox. Spekulieren Sie auf zehntausend Spekulationen,

in sich selbst multipliziert, recken und strecken Sie Ihre Einbildung,

soviel Sie wollen, Sie treffen es nicht. Kurz, im nächsten Kapitel will

ich's sagen.

[Illustration]

Sechzigstes Kapitel.

»Blitz!« -- -- -- -- -- -- -- --

* * * * *

-- -- -- »B--tz!« rief Phutatorius halb leise, aber doch so laut, daß

es überall gehört wurde, und das Seltsame dabei war, daß es mit einer

Miene im Gesicht und mit einem Tone in der Stimme ausgesprochen wurde,

die etwas zwischen einem Erstaunen und einem körperlichen Schmerz

anzeigte.

Einer oder zwei, die sehr helle Ohren hatten, und das verschmolzene

Verhältnis der beiden Töne ebenso deutlich unterscheiden konnten wie

eine Terzie oder Quinte oder jeden anderen Klang in der Musik, wußten

am allerwenigsten, was sie daraus machen sollten. Der Akkord an sich

war gut, gehörte aber zu einer weitentlegenen Tonart. Kurz, mit aller

ihrer Gelehrsamkeit saßen sie da!

Andere, welche nichts von musikalischen Verhältnissen wußten und bloß

ihr Ohr auf den Sinn des Wortes wendeten, dachten, Phutatorius, der ein

wenig cholerischen Temperaments war, wollte Didius das Schwert aus der

Hand nehmen, um Yorick tüchtig eins auf die Krone zu geben. Und das

verzweifelte Wörtlein B--tz wäre die Einleitung zu einer Rede, die eine

unsanfte Behandlung ankündigte, so daß meines Onkels Toby gutes Herz

schon Angst für ihn hatte, was der arme Yorick nicht würde aushalten

müssen. Als man aber sah, daß Phutatorius schwieg, ohne Lust zu zeigen

oder einen Versuch zu machen fortzufahren, so fing eine dritte Partie

an zu glauben, daß es nichts weiter gewesen sei als ein unfreiwilliges

Atemschöpfen, so ganz von selbst und von ungefähr in einem Bettelfluch

zusammengefahren wäre, ohne die Eigenschaft oder Sünde desselben zu

haben.

Andere, und besonders einer oder zwei, welche dicht bei ihm saßen,

betrachteten es hingegen als einen wirklichen und wesentlichen Fluch,

der mit Fleiß und Bedacht gegen Yorick ausgestoßen worden, gegen den er

bekanntermaßen nicht gut gesinnt war. Welch besagter Fluch, nach meines

Vaters Schlüssen darüber, schon in dem Augenblicke ganz geprickelt

und prall in Herrn Phutatorius' Gallenblase obenauf geschwommen, und

also natürlicherweise und nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge bei

dem ersten Zurückfluß des Blutes hervorgerufen werden mußte, der in

Phutatorius' rechter Herzkammer durch den überraschenden Stoß, den eine

so sonderbare Predigertheorie ihm beibrachte, entstand.

Wie witzig wir doch über mißverstandene Begebnisse philosophieren

können!

Es war keine Seele, die sich nicht in ihren Gedanken über das

einsilbige Wort, das dem Phutatorius entfahren, beschäftigte, die es

nicht für bekannt annahm und daraus als aus einem Vordersatz folgerte:

daß nämlich Phutatorius in seinen Gedanken mit dem Zwist beschäftigt

sei, der zwischen Didius und Yorick entstanden. Und freilich, da er

erst den einen und dann den anderen mit der Miene eines Mannes ansah,

der darauf achtet, was in der Gesellschaft vorgeht, so hatte man nicht

anders denken können. In der Tat aber wußte Phutatorius kein Wort von

allem, was vorging. Seine Gedanken und seine Aufmerksamkeit waren

gänzlich auf das gerichtet, was eben in dem Augenblicke in der Gegend

seiner Pluderhosen, und zwar an einer Stelle in denselben vorging,

die er vor bösen Zufällen zu bewachen die höchste Ursache hatte.

Deswegen, obgleich er das aufmerksamste Gesicht von der Welt machte

und allmählich jeden Nerv und jeden Muskel in seinem Gericht so scharf

angezogen hatte, wie das Instrument es nur aushalten wollte, um, wie

man dafür hielt, dem Yorick, der ihm gegenübersaß, eine derbe Antwort

zu versetzen, so war doch, wie ich sage, kein Yorick in irgendeinem von

den Gemächern von Phutatorius' Gehirn anzutreffen. Die wahre Ursache

seiner Ausrufung lag wenigstens etliche Fuß tiefer.

Ich will mich bemühen, Ihnen dieses mit aller ersinnlichen Züchtigkeit

zu erklären.

Sie müssen sich also berichten lassen, daß Gastripheres, der kurz

vorher, ehe man sich zu Tische setzte, ein wenig in die Küche ging,

um zu sehen, wie es darin stände, auf der Anrichtebank einen Korb

mit schönen Kastanien erblickte und befohlen hatte, daß sie ein paar

hundert davon braten und solche gleich zum Nachtisch heiß aufsetzen

sollten. Gastripheres gab seinem Befehle dadurch noch einen größeren

Nachdruck, daß er sagte, Didius und besonders Phutatorius wären

Liebhaber davon.

Ungefähr zwei Minuten vorher, ehe mein Onkel Toby Yoricks Rede

unterbrach, wurden Gastripheres Kastanien hereingebracht. Und da es dem

Aufwärter noch im frischen Andenken war, daß Phutatorius sie so gerne

möchte, so setzte er solche dicht vor ihm hin, auf einem Teller in

einem sauberen, damastnen Tellertuch.

Lag es nun an der physischen Unmöglichkeit, daß nicht ein halbes

Dutzend Hände zugleich in das Tellertuch fahren konnten, ohne daß

die eine oder die andere Kastanie, von mehr Feuer und Rinde als die

übrigen, in Bewegung geriet, oder -- kurz, so war's: eine rollte über

den Tisch und herunter. Und da Phutatorius mit auseinandergesperrten

Knien daruntersaß, so fiel solche senkrecht in die ganz eigene Öffnung

in Phutatorius' Beinkleidern, für welche ich, zur Schande unserer

Sprache oder auch meines Gedächtnisses sei es gesagt, kein keusches

Wort finden kann. Sie müssen sich damit begnügen, wenn ich sage, es war

die ganz eigene Öffnung, welche, den strengen Wohlstandsgesetzen in

allen hübschen Gesellschaften zufolge, gleich dem Tempel des Janus --

in Friedenszeiten wenigstens -- völlig geschlossen sein sollen.

Die Verabsäumung dieser Vorsicht -- welches zugleich dem Phutatorius

und allen Menschenkindern eine Warnung sein mag -- hatte dem Zufall

eine Pforte geöffnet.

Alles, was mir als Geschichtschreiber obliegt, ist, das Begebnis

darzustellen und es dem Leser glaublich zu machen, daß der Hiatus in

Phutatorius' Beinkleidern geräumig genug war, die Kastanie aufzunehmen,

und daß die Kastanie auf eine oder die andere Weise senkrecht und

zischend heiß hineinfiel, ohne daß Phutatorius oder sonst jemand es

gewahr wurde.

Die natürliche Wärme, die die Kastanie verbreitete, war die ersten

zwanzig bis fünfundzwanzig Sekunden nicht unangenehm und tat weiter

nichts, als Phutatorius' Aufmerksamkeit auf die Stelle zu richten.

Wie aber die Hitze gradweise zunahm und in einigen Sekunden mehr über

den Punkt der angenehmen Empfindungen hinausging und darauf mit aller

Eile in das Gebiet der Schmerzen drang, tummelte sich Phutatorius'

Seele mit allen seinen Ideen, seinen Gedanken, einer Aufmerksamkeit,

seiner Imagination, seinem Verstande, seinen Entschließungen, seinen

Überlegungen, seinem Urteile, seinem Gedächtnisse, seiner Phantasie,

mit zehn Bataillonen Lebensgeistern über Hals und Kopf durch

verschiedene Wege und Steige hinunter nach dem Orte, dem die Gefahr

drohte, und ließen alle seine oberen Plätze, wie Sie sich vorstellen

können, so leer, wie mein Geldbeutel ist.

Nach den besten Berichten, die ihm alle diese Boten zurückzubringen

vermochten, war Phutatorius nicht imstande, das Geheimnis einzusehen,

das unten vorging. Er hatte keine Art von Vermutung, was zum Henker es

wohl sein möchte. Indessen, da er nicht wußte, wie die wahre Ursache

ausfallen möchte, hielt er es für das klügste, es womöglich wie ein

Stoiker zu ertragen, was er auch mit Hilfe einiger Zuckungen im Gesicht

und einigem Maulspitzen glücklich durchgesetzt hätte, wenn nur seine

Einbildung aus dem Spiele geblieben wäre. -- Aber bei Dingen von

dieser Art ist die Brunst der Einbildung unbezähmlich; es hob sich

plötzlich ein Gedanke in seinem Gemüt, daß, obgleich es einem Schmerz

von glühender Hitze ähnlich sei, es dennoch ebensogut ein Biß wie ein

Brand sein könnte, und wenn dem so, auch wohl eine Eidechse oder Otter

oder ein anderes häßliches Ungeziefer heraufgekrochen sein könnte, das

seine Zähne -- der gräßliche Gedanke daran und ein frischer Schmerz,

den ihm in diesem Augenblick die Kastanie verursachte, überfielen

Phutatorius mit einem plötzlichen Schrecken, und in der ersten

Überrumpelung und Bestürzung brachte es ihn -- wie es wohl den besten

Generälen auf der Welt ergangen ist -- gänzlich aus seiner Fassung.

Die Wirkung davon war, daß er gleich aufsprang, und im Aufspringen

stieß er die Silbe aus, über die schon soviel gesprochen ist, mit dem

Ausrufungszeichen dahinter, das, obgleich nicht so völlig geistig

anständig, doch immer noch so wenig war, wie nur ein Mensch bei

solcher Gelegenheit sagen konnte, und das auch, nebenbei bemerkt --

geistig wohlanständig oder nicht -- Phutatorius ebensowenig wie die

Veranlassung desselben in seiner Gewalt hatte.

Obgleich dies nun beim Erzählen einige Zeit weggenommen hat, so

dauerte doch der ganze Vorgang selbst wenig mehr Zeit, als Phutatorius

brauchte, die Kastanie hervorzulangen und solche mit Heftigkeit auf den

Fußboden zu werfen, -- und Yorick von seinem Stuhle aufzustehen und die

Kastanie aufzuheben.

Es ist der Mühe wert, zu bemerken, was für mächtigen Einfluß

geringfügige Umstände auf das Gemüt haben, von was für einem

unglaublichen Gewicht sie bei der Bildung und Richtung unserer

Meinungen sowohl von Menschen als Sachen sind, -- daß Kleinigkeiten, so

leicht wie die Luft, einen Glauben in die Seele führen und ihn darin so

tief einpflanzen können, daß keine Batterie von Demonstrationen stark

genug ist, ihn herauszukanonieren.

Yorick, sagte ich, nahm die Kastanie auf, die Phutatorius im Zorn

niedergeworfen hatte. Die Tat war unerheblich; ich schäme mich, Grund

und Ursache davon anzugeben. Er tat es aus keiner anderen Ursache, als

weil er dachte, die Kastanie sei trotz der Begebenheit noch ebenso

gut als vorher, und eine gute Kastanie sei immer des Aufnehmens wert.

Dieser Umstand aber, so geringfügig er war, wirkte in Phutatorius' Kopf

ganz anders. Er betrachtete Yoricks Handlung, da er vom Stuhle aufstand

und die Kastanie aufnahm, als ein deutliches Geständnis seinerseits,

daß die Kastanie eigentlich ihm gehöre, und folglich, daß es der Eigner

der Kastanie und sonst niemand gewesen sein müßte, der ihm damit einen

solchen Possen gespielt habe. Was ihn in dieser Meinung sehr bestärkte,

war dies: die Tafel war länglich und sehr schmal, und Yorick, der dem

Phutatorius gerade gegenübersaß, hatte die schönste Gelegenheit, die

Kastanie hineinzustecken --, folglich mußte er es getan haben. Ein mehr

als bloß argwöhnischer Blick, den Phutatorius jetzt auf Yorick warf,

zeigte diese Meinung zu klar an. Da man natürlicherweise voraussetzte,

daß Phutatorius mehr von der Sache wüßte als sonst jemand, so

wurde seine Meinung die allgemeine, und aus einer von allen bisher

angeführten sehr verschiedenen Ursache hielt man es in kurzer Zeit für

völlig ausgemacht.

Dieses, wie der Leser von Anfang bis Ende gesehen hat, war so grundlos

wie die Träume der Philosophie. Yorick war freilich, wie Shakespeare

von seinem Urahnen sagte, ein Mann, der Kurzweil trieb; aber seine

Kurzweil war mit etwas vermischt, das ihn sowohl von diesem als manchen

anderen beleidigenden Possen abhielt, die man ihm unverdienterweise

aufpackte. Aber all sein Leben lang hatte er das Unglück, daß man ihm

tausend Dinge zur Last legte, die er gesagt oder getan haben sollte,

deren seine Natur -- oder meine Hochachtung blendet mich -- unfähig

war. Alles, was ich an ihm tadle, oder vielmehr, weswegen ich ihn

bald tadle, bald liebe, war seine eigene Gemütsart, die ihm niemals

gestattete, sich Mühe zu geben, der Welt aus ihrem Traume zu helfen,

so sehr es auch in seiner Gewalt stand. Bei jeder üblen Nachrede von

der Art machte er's gerade eben so, wie bei der Geschichte mit seinem

mageren Klepper. Er hätte es zu seiner Ehre an den Tag legen können,

aber sein Sinn war darüber erhaben. Überdem sah er auf den Erfinder,

Verbreiter und gläubigen Hörer solcher boshaften und ehrenrührigen

Sagereien verächtlich herab. Er konnte sich nicht so tief herablassen,

ihnen seine Geschichte zu erzählen, und so erwartete er's von der Zeit

und Wahrheit, daß die es für ihn tun würden.

Diese heroische Gesinnung zog ihm mancherlei Unbequemlichkeiten zu.

Bei der gegenwärtigen Geschichte folgte darauf eine rachsüchtige

Feindschaft des Phutatorius, der, wie Yorick eben mit seiner Kastanie

fertig war, zum zweiten Male vom Stuhle aufstand, um es ihm zu

verstehen zu geben, welches er freilich nur mit einem Lächeln tat und

den Worten, er wolle darauf bedacht sein, ihm die Gefälligkeit nicht zu

vergessen. Allein, Sie müssen zwei Dinge sorgfältig unterscheiden und

in Ihrem Herzen bewahren.

Das Lächeln galt der Gesellschaft.

Die Drohung galt Yorick.

[Illustration]

Einundsechzigstes Kapitel.

»Ja,« sagte Didius, indem er aufstand und seine rechte Hand mit

ausgespreizten Fingern auf seine Brust legte, wäre ein solches Versehen

mit dem Taufnamen vor der Reformation gemacht -- es war vorgestern, da

es gemacht wurde, sagte mein Onkel Toby bei sich selbst --, da noch der

Taufaktus in Latein gehalten ward -- nein, 's war in der Muttersprache,

sagte mein Onkel --, so hatte vielerlei Irrtum dabei vorgehen können;

nach dem Beispiele verschiedener dekretierter Fälle hätte dann die

Taufe für null und nichtig erklärt und die Macht erteilt werden können,

dem Kinde einen neuen Namen zu geben. Hätte zum Beispiel ein Priester,

was wegen der Unwissenheit in der lateinischen Sprache so unerhört eben

nicht war, Hans Graubarts Kind getauft: +in nomino patriæ et filia et

spiritum sanctos+, so wäre die Taufe für ungültig gehalten worden.«

-- »Um Vergebung,« erwiderte Kysarcius, »in dem Falle wäre, da der

Fehler nur in den Endungen steckte, die Taufe gültig geblieben. Um sie

ungültig zu machen, hätte der Fehler des Priesters auf die erste Silbe

eines jeden Namens fallen müssen, und nicht wie in Ihrem Beispiele, auf

die letzte.«

Mein Vater fand seines Herzens Freude an dergleichen Subtilitäten und

hörte mit unendlicher Aufmerksamkeit zu.

»Gastripheres zum Beispiel,« fuhr Kysarcius fort, »tauft Hans

Strodlings Kind +in Gomine gatris etc. etc.+ anstatt +in

Nomine patris+ usw., heißt das eine Taufe? -- Nein, sagen die

geschicktesten Kanonisten, um so weniger, weil die Wurzeln eines jeden

Wortes aufgerissen und ihr Sinn auf einen entfernten und ganz andern

Gegenstand verpflanzt worden. Denn +Gomine+ heißt ebensowenig

im Namen, als +gatris+ eines Vaters.« -- »Was heißen sie denn?«

sagte mein Onkel Toby. -- »Gar nichts,« sagte Yorick. »Ergo,« sagte

Kysarcius, »ist eine solche Taufe ungültig.« -- »Was zu beweisen war,«

antwortete Yorick in einem Tone von zwei Teilen Scherz und einem Teile

Ernst.

»In dem angeführten Falle aber,« fuhr Kysarcius fort, »wo +patrim+

statt +patris+, +filia+ statt +filii+ usw. gesagt wird,

ist das nur ein Fehler in der Endung, und die Wurzeln der Worte sind

unangetastet, und ihre Äste, hierhin oder dorthin, können die Taufe

nicht ungültig machen. Um so weniger als in den Worten derselbe Sinn

bleibt wie vorher. -- Und davon, mein lieber Herr Amtsbruder Didius,

haben wir einen ähnlichen Fall in einem Dekrete der Dekretalien

des Papstes Leo +III.+« -- »Meines Bruders Kind,« rief mein

Onkel Toby, »hat aber nichts mit dem Papste zu schaffen. Es ist ja

erwiesenermaßen das Kind eines protestantischen Mannes, das man

Tristram getauft hat gegen Wunsch und Willen seines Vaters, seiner

Mutter und aller übrigen Blutsverwandten.«

»Wenn nur der Wunsch und Wille,« sagte Kysarcius und fiel meinem Onkel

Toby in die Rede, »derer ein Gewicht haben soll, die mit Herrn Shandys

Kind in Blutsverwandtschaft stehen, so kommt Madame Shandy unter allen

Menschen doch dabei am wenigsten in Betracht.« Mein Onkel Toby legte

seine Pfeife nieder, und mein Vater rückte mit seinem Stuhle noch näher

an den Tisch, um das Ende einer so seltsamen Einleitung zu hören.

»Es ist nicht nur, mein Herr Kapitän Shandy, unter den besten

Rechtslehrern und Advokaten des Landes,« fuhr Kysarcius fort,

»die Frage aufgeworfen worden, ~ob die Mutter mit ihrem Kinde

in Blutsverwandtschaft steht~, sondern sie ist wirklich nach

vielen unparteiischen Untersuchungen und Hin- und Widerreden darüber

verneinend entschieden, nämlich ~daß die Mutter keine Blutsverwandte

ihres Kindes sei~.«

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy · 第 9 / 20 段