Achtundvierzigstes Kapitel.
»Wir wollen noch alles wieder in Ordnung bringen,« sagte mein Vater,
als er den Fuß auf den ersten Tritt vom Treppenabsatz setzte. »Dieser
Trismegistus,« fuhr mein Vater fort, indem er das Bein wieder zurückzog
und sich zu meinem Onkel Toby wandte, »war das größte, Toby, von allen
irdischen Wesen. Er war der größte König, der größte Gesetzgeber, der
größte Philosoph, und der größte Priester.« »Und Ingenieur!« sagte mein
Onkel Toby.
»Versteht sich,« sagte mein Vater.
[Illustration]
Neunundvierzigstes Kapitel.
»Was macht Ihre Wochenbetterin?« Schrie mein Vater, der abermal den
Schritt vom Treppenabsatz heruntertat und Susanna anrief, die er eben
unten an der Stiege mit einem großen Nadelkissen vorbeigehen sah. »Was
macht Ihre Wochenbetterin?« -- »Recht gut, nach den Umständen,« sagte
Susanna im Vorbeigehen, ohne heraufzusehen. -- »Was für ein Tor ich
bin!« sagte mein Vater, der sein Bein abermals zurückzog. »Laß das
Befinden sein, wie es will, Bruder Toby, so ist das die ewige Antwort.
Und wie ist's mit dem Kinde? Keine Antwort. Und wo ist Herr Doktor
Slop?« fuhr mein Vater fort, mit lauterer Stimme, und sah dabei übers
Geländer. Fort war Susanna.
»Unter allen Rätseln des ehelichen Lebens,« sagte mein Vater und ging
über den Treppenabsatz, um sich mit dem Rücken an die Wand zu lehnen,
derweile er meinem Onkel Toby die Sache vortrug. »Unter allen den
verworrenen Rätseln des ehelichen Lebens,« sagte er, »davon man, du
kannst dich auf meine Erfahrung verlassen, Bruder Toby, davon man
mehr Esel bepacken könnte, als Hiobs ganze Herde Esel ausmachte, ist
keins so schwer zu lösen als dieses, daß, Sobald die Frau des Hauses
in die Wochen gekommen, jedes Weibsbild im Hause, von Madame ihrem
Kammermädchen an bis auf das geringste Scheuermädchen, einen Zoll höher
wächst, und sich dieses einzigen Zolls wegen mehr in die Brust wirft
als aller ihrer übrigen Zölle wegen zusammengenommen.«
»Ich denke vielmehr,« antwortete mein Onkel Toby, »daß wir es sind,
die einen Zoll einschrumpfen. Wenn ich nur einer schwangeren Frau
ansichtig werde! -- Es ist eine schwere Last, die dieser Hälfte unserer
Mitgeschöpfe aufgelegt ist, Bruder Walther,« sagte mein Onkel Toby.
»'s ist wohl eine klägliche Bürde,« fuhr er fort, und schüttelte den
Kopf. -- »Ja, ja, 's ist eine mühselige Sache,« sagte mein Vater, und
schüttelte seinen Kopf gleichfalls. Aber seitdem das Kopfschütteln Mode
gewesen ist, schüttelten nie zugleich zwei Köpfe konzertmäßig zusammen
aus so verschiedenen Ursachen.
»Gott bewahre }
»Der Henker hole } sie alle,«
sagten mein Onkel Toby und mein Vater zugleich bei sich.
[Illustration]
Fünfzigstes Kapitel.
Holla! -- guter Freund, Lastträger! Da hat Er drei Groschen, geh' Er
doch nach jenem Buchladen und hole Er mir einen handfesten Kritiker
her. Ich will gerne einem jeden von ihnen einen Gulden geben, wenn er
mir mit seinen kritischen Seiten und Winden helfen will, meinen Vater
und meinen Onkel Toby die Treppe herunter und zu Bette zu bringen.
Es ist die höchste Zeit; denn außer dem kleinen Nicker, den sie taten,
derweile Trim die Steifstiefel bohrte, und wovon, nebenher gesagt,
mein Vater keinen Nutzen hatte, wegen der bösen Türangel, haben sie
seit neun Stunden vor der Zeit, da Doktor Slop von Obadiah in die
Hinterstube geführt ward, kein Auge zugetan.
Sollte noch jemals ein Tag in meinem Leben ein so geschäftsvoller Tag
sein und soviel Zeit wegnehmen, wahrhaftig: so --
Ich will die Periode nicht ausschreiben, bis ich eine Bemerkung über
den sonderbaren Zustand der Sache, zwischen dem Leser und mir selbst,
so wie gerade jetzt die Sachen stehen, gemacht habe. Eine Bemerkung,
die noch niemals auf einen biographischen Schriftsteller, solange die
Welt steht, gepaßt hat, und, wie ich glaube, auf niemand anderes wird
anwendbar werden, bis zu ihrem letzten Untergange, außer auf mich.
Und deshalb, schon der Neuheit wegen, wird solche Euer Wohlgeboren
Aufmerksamkeit wert sein.
Ich bin diesen Monat ein ganzes Jahr älter als heute vor zwölf Monaten,
und da ich, wie Sie sehen, schon fast bis auf die Hälfte meines Buches
gelangt bin -- und noch nicht weiter als bis auf den ersten Tag meines
Lebens gekommen bin, so ist es demonstrativ klar, daß ich schon jetzt
dreihundertvierundsechzig Tage mehr zu schreiben habe als ich zuerst
begann, daß ich, anstatt, wie ein gewöhnlicher Schriftsteller getan,
mit dem, was ich daran getan, weiterzukommen vielmehr gerade soviel
Bände zurückgekommen bin. Sollte noch jemals ein Tag in meinem Leben
ein so geschäftiger Tag sein, wie dieser? -- Und warum nicht? -- Warum
sollten sie kürzer abgefertigt werden? Da ich auf diese Weise gerade
dreihundertvierundsechzig Tage geschwinder lebte, als ich schreibe, so
muß, mit Euer Wohlgeboren Erlaubnis, daraus folgen, daß ich, je mehr
ich zu schreiben haben werde, und folglich, je mehr Euer Wohlgeboren
lesen, je mehr werden Euer Wohlgeboren zu lesen haben.
Wird dies zuträglich sein für Euer Wohlgeboren Augen?
Für meine wenigstens, und, sollten mir meine Meinungen nicht den Hals
kosten, so seh' ich schon, werde ich von diesem meinem Leben ein
hübsches Leben führen, oder, mit andern Worten, ich werde ein paar
hübsche Leben zugleich führen.
Der Vorschlag, jedes Jahr zwölf Bände, oder jeden Monat einen zu
geben, verändert meine Aussicht gar nicht. -- Laß mich schreiben, wie
ich mag und wie ich will, nach Horazens Rat, mitten in meine Materie
hineinfallen, ich werde mich niemals einholen. Trotz alles Treibens und
Peitschens, wenn auch das Ärgste zum Argen kommen sollte, habe ich doch
immer einen Tag vor meiner Feder voraus. -- Ein Tag ist genug für zwei
Bände, und zwei Bände werden genug sein für ein Jahr.
Der Himmel gebe nur seinen Segen zur Papiermacherei unter dieser
glückverkündenden Regierung, die für uns angefangen hat. Wie ich das
Vertrauen habe, er werde alles übrige segnen, was darunter vorgenommen
wird.
Die Vernehmung der Gänse -- o, die macht mir keinen Kummer -- die Natur
ist immer gütig. An Werkzeug zum Schreiben wird mir's nie gebrechen.
So, also, guter Freund, haben Sie meinen Vater und meinen Onkel
Toby die Treppen herunter und zu Bette gebracht? Und wie haben Sie
das zustande gebracht? Sie ließen unten vor der Treppe einen Vorhang
fallen. -- Ich dachte gleich, daß es nicht anders gehen würde. Da haben
Sie einen Gulden für Ihre Mühe.
[Illustration]
Einundfünfzigstes Kapitel.
»So gebe Sie mir meine Beinkleider vom Stuhle her,« sagte mein Vater zu
Susanna. »Sie haben keinen Augenblick Zeit, sich anzukleiden, Herr,«
sagte Susanna. »Das Kind ist so schwarz im Gesichte, wie mein --« »Wie
Ihr, was?« sagte mein Vater. Denn wie alle Rhetoriker, war er ein
sorgfältiger Untersucher der Gleichnisse. »O, Himmel, Herr, das Kind
hat die Bangigkeit.« -- »Und wo ist Herr Yorick?« »Ist nirgends zu
finden,« sagte Susanna, »aber sein Kaplan ist im Besuchzimmer und hat's
Kind schon auf dem Arme, und wartet auf den Namen. Und Madame sagte
mir, ich sollte geschwind laufen und fragen, weil doch Herr Kapitän
Shandy Gevatter ist, ob's nicht nach ihm heißen sollte.«
»Wenn man gewiß wüßte,« sagte mein Vater zu sich selbst und strich die
Augenbrauen, »daß das Kind nicht aufkäme, täte man gut, dem Bruder Toby
das Kompliment zu machen. 's wäre in dem Fall schade, einen so großen
Namen wie Trismegistus daran zu verschwenden. Aber es kann besser
werden.« --
»Nein, nein,« sagte mein Vater zu Susanna, »ich will aufstehen.« --
»'s ist keine Zeit,« schrie Susanna, »das Kind ist so schwarz wie mein
Schuh.« -- »Trismegistus,« sagte mein Vater. »Aber warte Sie, Sie ist
ein durchlöchertes Sieb, Susanna,« setzte mein Vater hinzu. »Kann Sie
wohl Tris-me-gi-stus in Ihrem Kopfe über die Galerie tragen, ohne
etwas davon zu verlieren.« -- »Das dächt' ich!« rief Susanna, und
schlug mit aufgeworfener Nase die Tür zu. »Ich will mich hängen lassen,
wenn ich's denke,« sagte mein Vater, und sprang im Finstern aus dem
Bette und suchte nach seinen Beinkleidern.
Susanna rannte eilig über die Galerie.
Mein Vater tat, was er konnte, seine Beinkleider zu finden.
Susanna gewann den Vorsprung und behielt ihn. »'s ist Tris -- oder
so was,« rief Susanna. »Es ist kein anderer christlicher Name in der
Welt,« sagte der Kaplan, »der mit Tris anfängt, als Tristram.« »Ja, ja.
Tristram-gi-stus,« sagte Susanna.
»'s ist nichts zu gistussen dabei,« sagte der Kaplan, »'s ist mein
eigener Name,« und fuhr dabei mit der Hand ins Taufbecken. »Tristram!«
sagte er, »ich -- usw.« So ward ich Tristram getauft, und Tristram
werde ich wohl heißen bis an mein seliges Ende.
Mein Vater folgte der Susanna, mit dem Schlafrocke über dem Arme und
mit nichts weiter am Leibe als seinen Beinkleidern, die, der Eile
wegen, nur mit einem Knopf zugeknöpft waren. Und dieser Knopf saß, der
Eile wegen, nur halb in seinem Knopfloche.
»Sie hat doch den Namen nicht vergessen?« schrie mein Vater, als er die
Tür nur erst halb geöffnet hatte. -- »Nein, nein,« sagte der Kaplan,
mit einem schlauen Tone. -- »Und das Kind ist besser,« rief Susanna.
-- »Und was macht Ihre Wöchnerin?« -- »Recht gut, nach den Umständen,«
sagte Susanna. -- »Pitsch!« sagte mein Vater, und der Hosenknopf sprang
aus dem Knopfloche. So daß, ob das Pitsch auf die Susanna oder auf das
Knopfloch ging, ob es eine Interjektion der Verachtung oder der Scham
war, im Zweifel ist und so lange im Zweifel bleiben wird, bis ich Zeit
gewinne.
Alles Licht, was ich für jetzt dem Leser geben kann, besteht darin, daß
mein Vater in dem Augenblick, da er pitsch! sagte, sich herumdrehte,
mit der einen Hand seine Beinkleider in die Höhe hielt und mit dem
Schlafrock auf dem anderen Arme wieder über die Galerie hin nach seinem
Bette ging, etwas langsamer, als er gekommen war.
[Illustration]
Zweiundfünfzigstes Kapitel.
»Wenn's meine Frau nur wagen will, Bruder Toby, so sollen sie
Trismegistus anziehen und zu uns herunterbringen, derweile du und ich
unseren Tee trinken. -- Geh Er, Obadiah, und sage Er Susanna, sie soll
hierherkommen.«
»Sie ist eben hinaufgerannt,« antwortete Obadiah, »und seufzt und heult
und ringt die Hände, als ob ihr das Herz in Stücke springen wollte.« --
»Das werden hübsche sechs Wochen werden,« sagte mein Vater, wendete
sich von Obadiah weg und sah meinem Onkel Toby einige Zeit steif ins
Gesicht. »Hübsche sechs Wochen werden wir erleben, Bruder Tob,« sagte
mein Vater und stemmte seine Arme in die Seiten. »Feuer, Wasser,
Weiber, Wind -- Bruder Toby!« -- »'s ist wieder ein Unglück,« sagte
mein Onkel Toby. »Das ist's,« sagte mein Vater. »So viele widersinnige
Elemente, die losbrechen und in jedem Winkel dieses Hauses im Triumph
herumfahren. Es fruchtet der Ruhe einer Familie sehr wenig, Bruder
Toby, daß du und ich über uns selbst Meister sind und hier still und
ruhig sitzen, derweile solch ein Sturm über unseren Häuptern pfeift.«
»Und was hat Sie denn zu winseln, Susanna?« -- »Sie haben das
Kind Tristram getauft -- und meine Madame hat darüber eben einen
hysterischen Anfall gehabt. -- Nein, ich kann nichts dafür,« sagte
Susanna, »ich hab's ihm recht gesagt, Tristramgistus.«
»Mache nur Tee für dich alleine, Bruder Toby,« sagte mein Vater und
nahm seinen Hut von der Wand. Wie verschieden aber von Aufwallungen und
Bewegungen, die sich ein gewöhnlicher Leser dabei vorstellen möchte!
Er sprach in der sanftesten Modulation und nahm den Hut mit der
gelindesten Bewegung seines Armes herab, die nur jemals die Betrübnis
mit der Harmonie zusammenbrachte.
»Geh Er nach dem Spielplatze und rufe Er Trim,« sagte mein Onkel Toby
zu Obadiah, sobald mein Vater das Zimmer verließ.
[Illustration]
Dreiundfünfzigstes Kapitel.
Als das Unglück mit meiner Nase so schwer auf meines Vaters Haupt fiel,
wie sich der Leser erinnert, ging er flugs treppauf und warf sich
über sein Bette. Hieraus, oder er müßte eine tiefe Einsicht in die
menschliche Natur haben, wird er geneigt sein, eine Reihe ebensolcher
steigender und fallender Bewegungen über das Unglück mit meinem Namen
von ihm zu erwarten. Nichts!
Das verschiedene Gewicht, mein teurer Herr. Ja was, Gewicht? Das
verschiedene Gepäck zweier Widerwärtigkeiten, von einer -- macht schon
eine himmelweite Verschiedenheit in unserer Art und Weise, wie wir
solche aufnehmen und tragen. Noch keine halbe Stunde ist es her, daß
ich -- in der großen Eile und Hast eines armen Teufels, der ums liebe
tägliche Brot schreibt -- einen druckfertigen Bogen, den ich eben
sorgfältig rein abgeschrieben hatte, anstatt der Kladde patsch ins
Feuer warf.
Stracks riß ich mir die Perücke ab und warf sie mit aller möglichen
Gewalt gerade auf den Balken. Ich fing sie zwar im Herunterfallen
wieder auf. Aber damit war's auch vorbei, und denke ich auch nicht,
daß sonst etwas in der Natur mir eine so unmittelbare Erleichterung
verschafft hätte. Sie, die teure Göttin, treibt uns durch eine
plötzliche Anwandlung, in allen aufreizenden Fällen, zu einem Ausfalle
mit diesem oder jenem Gliede. Oder sie wirft uns an diesen oder jenen
Platz oder an diese oder jene Stellung des Körpers. Wir wissen nicht,
wie? Merken Sie aber, Madame, wir sind von Geheimnissen und Rätseln
umringt. Die einfachsten Dinge, die uns umgeben, haben ihre dunklen
Seiten, die der Scharfsichtigste nicht durchschauen kann. Selbst der
hellste und größte Kopf unter uns befindet sich fast bei jedem Riß im
Werke der Natur in Verlegenheit und weiß nicht, was er daraus machen
soll. Dieses so gut wie tausend andere Dinge fallen auf eine solche Art
für uns aus, von der wir zwar die Ursache nicht ergründen, von der wir
aber, mit Euer Hochwürden und Euer Wohlgeboren Genehmigung den Nutzen
ziehen können. Und das ist genug für uns.
Nun konnte mein Vater sich ums Leben mit dieser Betrübnis nicht
niederlegen, konnte sie auch nicht, wie die andere, die Treppen
hinauftragen. Er ging ganz gesetzt damit spazieren zum Fischteiche.
Hätte mein Vater den Kopf in die Hand gelegt, und eine Stunde darüber
nachgedacht, welchen Weg er nehmen müßte, die Vernunft mit aller ihrer
Stärke hätte ihm nichts Besseres anweisen können. Herr, es steckt so
etwas in den Fischteichen! Was es aber ist, das überlasse ich den
Systemschmieden und Fischteichgräbern untereinander ausfindig zu
machen. Für die erste aufwallende Leidenschaft ist ein Spaziergang
zum Fischteich etwas unbegreiflich Besänftigendes, daß ich mich oft
gewundert habe, wie weder Pythagoras, noch Plato, noch Solon, noch
Lykurg, noch Mohammed oder sonst einer der berühmten Gesetzgeber jemals
das geringste davon erwähnt haben.
[Illustration]
Vierundfünfzigstes Kapitel.
»Euer Gnaden,« sagte Trim und machte die Tür zu, ehe er zu reden
begann, »haben, glaube ich, von dem Unglück gehört, das vorgefallen
ist.« -- »O ja, Trim,« sagte mein Onkel Toby, »es geht mir sehr nahe.«
-- »Mir geht's auch recht nahe, ich hoffe aber, Euer Gnaden,« erwiderte
Trim, »kennen mich und wollen also nur nicht glauben, daß ich die
geringste Schuld daran habe.« -- »Er, Trim?« rief mein Onkel Toby,
und sah ihm gütig ins Gesicht. »Susannens und des Kaplans Unverstand
ist's.« -- »Aber, Euer Gnaden, was konnten die miteinander im Garten zu
schaffen haben?« -- »Auf der Galerie, meint Er, Trim,« erwiderte mein
Onkel Toby.
Trim merkte, daß er auf einer falschen Fährte sei und brach mit
einem tiefen Bückling kurz ab. Zwei Unglücke, sagte der Korporal bei
sich selbst, sind mindestens zweimal soviel, als für eine Nachricht
erforderlich ist. Das Unheil, das die Kuh in unseren Fortifikationen
angerichtet hat, kann ich dem gnädigen Herrn schon hernach erzählen.
Trims listige Kasuisterei unter dem Deckmantel seines tiefen Bücklings
kam allem Argwohn meines Onkels Toby zuvor, der also mit dem, was er
Trim zu sagen hatte, fortfuhr:
»Ich für mein Teil, Trim, sehe wenig oder gar keinen Unterschied
dabei, ob mein Neffe Tristram oder Trismegistus heißt. Da aber die
Sache meinem Bruder so sehr zu Herzen geht, Trim, so wollte ich noch
gerne hundert Louisdor aus meiner Tasche drum geben, daß es nicht
geschehen wäre.« -- »Hundert Louisdor, Euer Gnaden!« erwiderte Trim.
-- »Ich würde nicht einen Heller für diese Taufe geben.« -- »Ich gäbe
auch nichts drum, Trim, wenn's nur auf mich ankäme,« sagte mein Onkel
Toby. »Aber mein Bruder, der sich darüber nichts singen noch Sagen
läßt, behauptet, daß an dem Taufnamen viel mehr gelegen ist, als
Ungelehrte wohl meinen! Denn er sagt, solange die Welt steht, hätte
noch kein Mann, der Tristram geheißen, eine große oder heldenmäßige Tat
ausgerichtet. Ja, wenn's nach ihm geht, Trim, so kann ein Mensch weder
gelehrt sein, noch weise, noch tapfer, der nicht --« »'s ist nichts
dran, mit Euer Gnaden Wohlnehmen. -- Ich focht ebensogut,« versetzte
der Korporal, »als ich im Regimente Trim hieß, als da sie mich Jakob
Butler hießen.« -- »Was mich anbelangt, ob ich mich gleich vor Eigenlob
schämen würde, Trim, aber hätte ich auch Alexander geheißen, ich hätte
doch bei Namur nicht mehr tun können als meine Pflicht.« -- »Gott ehre
mir Euer Gnaden,« schrie Trim, und avancierte bei den Worten drei
Schritte. »Denkt ein Mann wohl an seinen Taufnamen, wenn er ins Treffen
geht?« -- »Oder, Trim, wenn er in den Laufgräben steht?« schrie mein
Onkel Toby mit standhaftem Blick. -- »Oder wenn er auf eine Bresche
losmarschiert?« sagte Trim und drang zwischen zwei Stühle. -- »Oder
die Linien verstärkt?« schrie mein Onkel Toby, wobei er aufstand und
seine Krücke fällte, wie eine Picke. »Oder dem feindlichen Pluto in das
Weiße im Auge sieht,« rief Trim, indem er mit seinem Stocke einen Hieb
ausführte. »Oder wenn er einen Wall hinaufmarschiert,« rief mein Onkel
Toby, wobei er erhitzt aussah und seinen Fuß auf den Stuhl setzte.
[Illustration]
Fünfundfünfzigstes Kapitel.
Mein Vater war von seinem Spaziergange nach dem Fischteiche
zurückgekommen und öffnete die Türe des Zimmers, gerade in der größten
Hitze des Angriffs, als eben mein Onkel Toby den Wall hinanmarschierte
und Trim wieder laden wollte. In seinem Leben war mein Onkel Toby noch
auf keinem so verzweifelten Galopp überrascht worden. O, lieber Onkel
Toby! hätte nicht eine wichtigere Sache alle bare Beredsamkeit meines
Vaters erheischt -- wie lahm und jämmerlich würdest du mit deinem armen
Steckenpferde davongekommen sein.
Mein Vater hing seinen Hut mit ebender Miene wieder auf, mit der er
ihn vom Nagel genommen hatte. Und als er einen flüchtigen Blick auf
die Unordnung im Zimmer getan hatte, nahm er einen von den Stühlen,
aus denen der Korporal eine Bresche gemacht hatte, setzte ihn meinem
Onkel Toby gegenüber, ließ sich darauf nieder, und sobald das Teezeug
weggenommen und die Türe zugemacht war, brach er in ein Klagelied aus,
wie folgt:
~Klagelied meines Vaters~.
»Es ist hinfort umsonst,« sagte mein Vater und wendete sich ebensogut
an des Ernulphus Fluchbuch, das auf einer Ecke des Kamingesimses lag,
als an meinen Onkel Toby, der darunter saß, mit der mürrischsten
Eintönigkeit, die sich erdenken läßt, »gegen diese bitterste von allen
menschlichen Überzeugungen zu kämpfen, wie ich bisher getan. -- Ich
seh' es klar, mag sein wegen einer meiner Sünden, Bruder Toby, oder
wegen der Sünden und Torheiten des Geschlechts der Shandys, daß der
Himmel für gut gefunden hat, mit seiner schwersten Artillerie gegen
mich auszurücken, und daß die Wohlfahrt meines Kindes das Zentrum ist,
auf welches sie mit aller ihrer Macht hinzielt.« -- »So was kann einem
die ganze Weit um die Ohren herumschleudern, Bruder Walther!« sagte
mein Onkel Toby. -- »Wär' es. -- Unglücklicher Tristram! Kind des
Zorns! Kind welker Lenden! der Unterbrechung! des Mißverständnisses!
des Mißvergnügens! Was ist für ein einziges Unheil oder Unglück in dem
Buche embryonischer Übel, das deinen Bau aus seinen Fugen bringen oder
deine Fibern verwirren konnte, das nicht auf deinen Kopf gefallen
wäre, noch ehe du einmal in die Welt gekommen. Was für Übel auf deinen
Weg -- was für Übel nachher! -- Gezeugt in den abnehmenden Tagen
deines Vaters, da schon das Siegel seiner Geister und seines Körpers
anfing stumpf zu werden, da Lebenswärme und Lebenssäfte, Elemente,
welche die deinigen hätten stählen sollen, schon im Verfliegen waren,
und nichts übrigblieb, wodurch dein Keim zu stärken, als Negationen
-- 's ist nicht sonderlich erklecklich, Bruder Toby. Wie ist uns der
Paß verhauen! Du weißt, wie's zugegangen ist, Bruder Toby. 's ist zu
melancholisch, es hier zu wiederholen, wie die wenigen Lebensgeister,
die ich noch in der Welt besaß, und mit welchen Gedächtnis, Phantasie,
Genie und Fähigkeiten hätten hinbegleitet werden sollen: wie sie auf
einmal auseinandergestöbert, verblüfft, verjagt, verschlagen und zu
allem Henker gehetzt wurden. --
»Aber was war das alles, mein lieber Toby, gegen den Schaden und
Nachteil, der uns dadurch zugefügt ist, daß das Kind mit dem Kopfe
zuerst auf die Welt gekommen ist. Alles, was ich bei der allgemeinen
Verwüstung seiner Bildung wünschte, war, diesen kleinen Verstandskasten
unversehrt und ganz zu erhalten. --
»Was für einen Purzelbaum hat, bei aller meiner Vorsicht, mein
System mit dem Kinde schon im Mutterleibe machen müssen. Sein Kopf
mußte der Hand der Gewalttätigkeit herhalten und einem Drucke von
vierhundertsiebzig schweren Pfund, so ganz senkrecht auf seinen
Scheitel -- daß es noch neunzig Prozent Assekuranz steht, ob das feine
Netzwerk des Verstandgewebes nicht in tausend Fetzen zerrissen und
zerschlissen ist.
»Noch wäre ihm zu helfen gewesen! Narr, Geck, Laffe, man gebe ihm nur
eine Nase; Krüppel, Zwerg, Greiferbart, Tölpel -- laß ihn gebildet
sein, wie er will --, das Glückspförtchen steht offen.
»Aber noch, Bruder Toby, war nach alle diesem ein Wurf mit dem Würfel
für unser Kind übrig. -- O Tristram! Tristram! Tristram!«
»Wir wollen zum Herrn Yorick schicken,« sagte mein Onkel Toby.
»Schicke zu wem du willst!« erwiderte mein Vater.
[Illustration]
Sechsundfünfzigstes Kapitel.
»Sagen Sie, kann dem Dinge noch Wandel geschaffen werden, Yorick?«
sagte mein Vater, »denn nach meiner Meinung,« fuhr er fort, »geht's
nicht.« -- »Ich verstehe mich wenig aufs geistliche Recht,« erwiderte
Yorick. »Weil ich aber unter allen Übeln die Ungewißheit für das
quälendste halte, so müssen wir doch wenigstens zu wissen bekommen,
ob es auch das ärgste ist.« -- »Ich hasse die großen Mahlzeiten,«
sagte mein Vater. -- »Auf die Größe der Mahlzeit kommt's hier nicht
an,« antwortete Yorick. »Wir wollen ja nur, Herr Shandy, auf den Grund
der Sache kommen, ob sich der Name umtauschen läßt. Und da die Bärte
so mancher Kommissarien, Konsistorialen, Advokaten, Deputierten,
Registratoren und der geschicktesten unserer Schultheologen nebst
anderen morgen sich an einem Tische versammeln werden, und Didius Sie
so dringend eingeladen hat, wer wollte wohl in Ihrer Verlegenheit eine
so schöne Gelegenheit versäumen? Es wird nichts weiter nötig sein, als
daß wir Didius benachrichtigen, und daß er nach Tische das Gespräch auf
die Materie bringe.« -- »So soll,« sagte mein Vater und schlug beide
Hände zusammen, »mein Bruder Toby mit uns gehen.«
»Laß Er meine alte Knotenperücke,« sagte mein Onkel Toby, »und
meine gestickte Montierung die ganze Nacht am Feuer hangen, Trim.«
[Illustration]
Achtundfünfzigstes Kapitel.
Sie haben ganz recht, Herr, hier fehlt ein ganzes Kapitel, und daraus
entsteht in dem Buche eine Lücke von zehn Seiten. Und doch ist der
Buchbinder weder ein Dummkopf, noch ein Schelm, noch ein Tölpel. Auch
ist das Buch um keinen Tüttel unvollkommener -- dadurch wenigstens
nicht! Vielmehr ist das Buch dadurch, daß das Kapitel fehlt, besser und
vollkommener, als wenn's da wäre, wie ich solches Euer Hochwürden auf
folgende Weise demonstriere. -- Nebenbei möchte es eine Frage sein, ob
nicht der Versuch eben so glücklich mit verschiedenen anderen Kapiteln
angestellt werden könnte. Aber wie Euer Hochwürden zugeben werden, das
Versuchanstellen über Kapitel geht ins Unendliche. Wir haben schon
genug davon, und so mag's hierbei beruhen.