Ich gehe an diesen Teil meiner Geschichte mit einem so schweren und

melancholischen Gemüte, das nur je eine sympathische Seele empfunden

hat. Meine Nerven werden schlaff, indem ich's erzähle. Bei jeder Zeile,

die ich schreibe, fühle ich, daß die Lebhaftigkeit meines Pulses sinkt,

und die sorglose Munterkeit, die mich sonst jeden Tag meines Lebens

antreibt, tausend Dinge zu sagen und zu schreiben, die ich nicht sagen

und schreiben sollte. Und in diesem Augenblick, wie ich gerade meine

Feder in die Tinte tauchte, fiel mir's recht aufs Herz, mit was für

einer behutsamen Art von kummervoller Bedächtigkeit und Feierlichkeit

das geschah. Himmel! wie verschieden von dem schnellen Zufahren und

dem hitzigen Ausspritzen, das du sonst gewohnt bist, Tristram! -- in

anderer Laune. Wenn du die Feder niederwirfst und deine Tinte auf

deinem Tische und deinen Büchern herumkleckst, als ob deine Feder und

deine Tinte, deine Bücher und deine Möbel dich kein Geld kosteten.

[Illustration]

Fünfunddreißigstes Kapitel.

Ich will mich bei langen Beweisen nicht aufhalten. Es ist erwiesen,

und ich bin davon überzeugt, Madame, so lebhaft als möglich, daß

beides, Mann und Weib Schmerzen oder Kummer, und, soviel ich weiß, auch

Vergnügen, in einer horizontalen Lage am besten ertragen.

Sobald mein Vater auf seine Kammer kam, warf er sich der Quere

nach über das Bett, mit dem heftigsten Unmut, der sich nur denken

läßt. Dabei aber in der kläglichsten Stellung eines von Kummer

niedergeschlagenen Mannes, über den jemals das Mitleid eine Träne

geweint hat. Seine rechte flache Hand empfing, wie er aufs Bett fiel,

seinen Vorderkopf, bedeckte größtenteils seine beiden Augen. Dann sank

er sachte nieder mit dem Kopfe (sein Ellenbogen wich hinterwärts), bis

er mit der Nase das Kopfkissen berührte. Seine linke Hand hing schlaff

über den Bettrand, die Faust kam auf den Henkel eines Kammertopfes zu

liegen, der unter dem Bettschurze hervorguckte. Sein rechtes Bein,

das linke hatte er an den Leib gezogen, hing halb über den Bettrand,

mit dem Schienbeine auf der Kante des Bretts. Er fühlte es nicht. Ein

tiefer eingewurzelter Kummer nahm seinen Sitz auf jedem Zuge seines

Gesichts. Einmal seufzte er, seine Brust hob sich oft, sprach aber kein

Wort.

Ein alter, auf Tapetenart gestickter Stuhl, mit abgebleichten,

verwitterten Fransen besetzt, stand am Kopfe des Bettes der Seite

gegenüber, wo meines Vaters Haupt hing. Mein Onkel Toby setzte sich

hinein.

Ehe eine Betrübnis ganz verdaut ist, kommt das Trösten immer zu früh,

und ist sie verdaut, kommt's zu spät. Sie sehen also, Madame, daß

zwischen beiden Grenzen eine fast haarfeine Linie liegt, die ein

Tröster zu fassen wissen muß. Mein Onkel Toby griff beständig entweder

diesseits oder jenseits fehl und pflegte oft zu sagen, er glaubte, daß

er ebensoleicht die Meereslänge erwischen könnte. Deshalb zog er, als

er sich in den Stuhl setzte, den Vorhang ein wenig weiter zu, und,

wie er immer für jedermann eine Träne bereit hatte, zog er ein weißes

Taschentuch hervor, holte einen tiefen Seufzer und -- sagte kein Wort.

[Illustration]

Sechsunddreißigstes Kapitel.

»Es ist nicht alles Gewinn, was in die Kasse fällt.« Und ob also mein

Vater gleich das Glück hatte, die ältesten Bücher von der Welt zu

lesen, und dazu an und für sich selbst die eigenartigste Denkungsart

besaß, womit nur ein Sterblicher beseligt sein mochte, so war er doch

bei dem allen auch wieder solchen Launen unterworfen, die ihn in die

sonderbarsten und oft widersinnigsten Verlegenheiten setzten, von denen

diese eine, die ihm hier über den Hals kam, ein so starkes Beispiel

ist, wie sich nur irgend anführen läßt.

Freilich, das Eindrücken des Knorpels an der Nase eines Kindes

durch ein Instrument, wäre es auch nach den besten Regeln der Kunst

geschehen, sollte wohl jeden Mann in der Welt ärgerlich machen, wenn

ihm auch schon die Erziehung eines Kindes nicht soviel Mühe und Sorgen

kostete wie meinem Vater. Dennoch kann es das Übermaß seiner Betrübnis

nicht entschuldigen, noch die unchristliche Art rechtfertigen, mit

welcher er sich derselben überließ.

Um dies zu erklären, muß ich ihn auf eine halbe Stunde auf seinem Bette

liegen und meinen Onkel Toby auf seinem alten Tapetenstuhle bei ihm

sitzen lassen.

[Illustration]

Siebenunddreißigstes Kapitel.

»Ich halte es für eine sehr ungewissenhafte Forderung,« rief mein

Urgroßvater, rollte das Papier zusammen und warf's auf den Tisch. »Aus

dieser Rechnung erhellt, Madame, daß Sie nur zweitausend Pistolen

Brautschatz und nicht einen Heller mehr haben. Und doch bestehen Sie

auf einem Leibgedinge von dreihundert Pistolen jährlich!« --

»Das kommt,« versetzte meine Urgroßmutter, »weil Sie eine kleine oder

fast gar keine Nase haben, Herr.«

»Verflucht!« schrie mein Urgroßvater, und fuhr mit der Hand nach seiner

Nase, »so klein ist sie doch auch noch nicht, sie ist einen ganzen Zoll

länger als meines Vaters Nase.« Nun war aber meines Urgroßvaters Nase

allen Nasen der Männer, Weiber und Kinder, die Pantagruel auf der Insel

Ennasin fand, so ähnlich, wie ein Ei dem anderen. Nebenbei gesagt, wenn

Sie die sonderbare Art und Weise kennen lernen wollen, wie man sich mit

einem so plattnasigen Volk verschwägern kann, so müssen Sie das Buch

lesen. -- Es von selbst auszufinden, das sollen Sie wohl bleiben

lassen.

Herr, sie sah aus wie ein Treffaß.

»'s ist ein ganzer Zoll,« fuhr mein Urgroßvater fort und drückte mit

Finger und Daumen sein Endchen Nase und wiederholte seine Behauptung:

»'s ist ein ganzer Zoll, Madame, daß sie länger ist als meines Vaters

Nase.« -- »Sie mögen die Ihres Onkels meinen,« erwiderte meine

Urgroßmutter.

Mein Urgroßvater ward überführt. Er rollte das Papier wieder auf und

unterschrieb den Ehevertrag.

[Illustration]

Achtunddreißigstes Kapitel.

»Welch ein unbilliges Leibgedinge, mein Schatz, das wir aus unserem

kleinen Gute zahlen müssen!« sagte meine Großmutter zu meinem

Großvater.

»Mein Vater,« erwiderte mein Großvater, »mein Kind, hatte ebensowenig

Nase, den Tüpfel ausgenommen, wie mir hier auf der Hand sitzt.«

Nun müssen Sie wissen, daß meine Urgroßmutter meinen Urgroßvater zwölf

Jahre überlebte, und ihr also mein Großvater die ganze Zeit über immer

halbjährlich -- alle Ostern und Michaelis -- ihre hundertundfünfzig

Pistolen Witwengehalt auszahlen mußte.

Niemand war williger und bereiter, seine Schulden abzutragen, als

mein Vater. Bis an volle Hundert pflegte er die Pistolen wurfweise

mit der Miene hinzuschießen, die großmütige Seelen, und auch nur die

großmütigen Seelen, beim Geben und Bezahlen zu machen pflegen und die

gleichsam sagt: ich geb's gern. Sobald er aber an die folgenden Fünfzig

kam, stieß er gewöhnlich ein lautes Hm! aus, rieb sich dabei ganz

gemächlich mit dem flachen Zeigefinger an der Nase, schob die Hand ganz

bedächtig unter die Perücke, besah jedes Goldstück, ehe er's weggab,

auf beiden Seiten, und zählte selten die Fünfzig zu Ende, ohne sein

Schnupftuch zur Hand zu nehmen und den Angstschweiß von der Stirne zu

wischen.

Behüte mich, gütiger Himmel, vor solchen Verfolgungsgeistern, welche

keine Nachsicht mit dergleichen Bewegungen, die in uns vorgehen, haben

können. Nie, o nie, laß mich in einem Gezelte mit denen liegen, die

den Bogen immer so hoch spannen und kein Mitleiden mit der Macht der

Erziehung und mit dem überwiegenden Einflusse der von unseren Voreltern

geerbten Meinungen haben wollen.

Schon bis ins dritte Glied wenigstens hatte der Glaube an das Glück

der langen Nasen nach und nach Wurzel in unserer Familie geschlagen.

Das Hörensagen war ganz auf seiner Seite, und alle halbe Jahre kam

das Geldausgeben dazu, um ihn zu bestärken, dergestalt, daß meines

Vaters grillenhafter Kopf weit entfernt war, sich von diesem wie von

fast allen seinen übrigen sonderbaren Sätzen die Ehre allein anmaßen

zu können. Denn man konnte sagen, daß er ihn zum großen Teil mit der

Muttermilch eingesogen hatte. Indessen tat er das seinige dazu. Wenn

seine Erziehung den Irrtum -- falls es einer war -- pflanzte, so begoß

ihn mein Vater und wartete und pflegte ihn bis zur völligen Reife.

Er beteuerte oft, wenn er seine Gedanken über diesen Punkt äußerte,

daß er nicht begreife, wie die größte Familie in der Welt eine

ununterbrochene Folge von sechs oder sieben kurzen Nasen gutmachen

könnte. Und aus dem entgegenstehenden Grunde, pflegte er hinzuzusetzen,

müßte es eine der unerklärbarsten Erscheinungen im bürgerlichen Leben

sein, daß dieselbe Anzahl tüchtiger langer Nasen, in gerader Linie

vererbt, einen Menschen nicht zu den höchsten Ehrenstaffeln erhebe und

emporschwinge. Mit Selbstgefälligkeit rühmte er's oft, daß die Shandys

unter Heinrichs +VIII.+ Regierung sehr hoch im Range gewesen und

ihre Erhebung keinen Staatskniffen zu danken gehabt, sondern nur, sagte

er, diesem Glücksumstande. Allein, pflegte er hinzuzufügen, das Rad

habe sich gleich wie bei anderen Familien bis zu dem Schlag von meines

Urgroßvaters Nase gedreht. Und sie wären niemals wieder in die Höhe

gekommen. Jawohl, es war ein Treffaß! rief er dann und schüttelte dabei

den Kopf. Und ein so häßliches, als nur jemals Trumpf geworden ist.

[Illustration]

Neununddreißigstes Kapitel.

Mein Vater lag ausgestreckt auf dem Bette volle anderthalb Stunden so

still, als hatte die Hand des Todes ihn niedergeschleudert, ehe er

mit den Zehen des Fußes, der über der Bettkante hieg, auf der Erde

zu spielen anfing. Meines Onkels Toby Herz fühlte sich dadurch ein

Pfund leichter. Wenige Augenblicke später bekam auch seine linke Hand,

mit der er beständig auf den Henkel des Kammertopfes gelegen hatte,

wieder ihr Gefühl. Er schob ihn ein wenig weiter hinunter. Nachdem das

geschehen, zog er die Hand herauf an seinen Busen und stieß ein Hm!

aus. Mein guter Onkel Toby beantwortete es mit unendlichem Vergnügen

und hätte herzlich gerne einen Trostspruch in die Spalte geimpft, die

es machte. Da er aber, wie schon gesagt, hierin keine vorzügliche Gabe

hatte und überdem noch besorgte, es möchte ihm etwas entfahren, das das

Übel nur ärger machte, so begnügte er sich damit, daß er mit seinem

Kinn ganz gelassen auf seinem Krückhaken liegen blieb.

Ob nun der Druck von unten meines Onkels Toby Gesicht zu einem

angenehmeren Oval verkürzte, oder ob die Menschenliebe seines Herzens,

als er seinen Bruder sich aus dem See seiner Leiden hervorarbeiten sah,

seine Muskeln angeschwellt hatten, so daß der Druck auf sein Kinn bloß

die Leutseligkeit verdoppelte, die man vorher darin sah, ist nicht

schwer zu entscheiden. Mein Vater, als er die Augen auf ihn richtete,

ward von einem solchen Sonnenscheine aus seinem Gesicht bestrahlt, daß

dadurch augenblicklich die Starrheit seiner Traurigkeit auftaute.

Er brach folgendermaßen das Stillschweigen.

[Illustration]

Vierzigstes Kapitel.

»Hat wohl jemals, Bruder Toby,« sagte mein Vater, indem er sich auf

seinen Ellenbogen stemmte und sich nach der anderen Seite des Bettes

kehrte, während mein Onkel Toby auf dem alten befransten Stuhle saß und

das Kinn auf seine Krücke gestützt hielt, »ein armer, unglücklicher

Mann so vielen Hieben standhalten müssen?« -- »Die meisten, die ich

habe austeilen sehen,« sagte mein Onkel Toby, »bekam ein Grenadier.

Ich glaube« -- hier klingelte er mit der Glocke, Trim zu rufen --

»in Mackays Regiment.« -- Hätte mein Onkel Toby meinem Vater eine

Musketenkugel durchs Herz gejagt, er hätte nicht plötzlicher Knall und

Fall mit der Nase aufs Kissen fallen können.

»Gott bewahre!« sagte mein Onkel Toby.

[Illustration]

Einundvierzigstes Kapitel.

»War's nicht in Makays Regiment,« fragte mein Onkel Toby, »als zu

Brügge der Grenadier der Dukaten wegen so erschrecklich viele Hiebe

bekam?« -- »Ach lieber Gott, er hatte keine Schuld!« schrie Trim mit

einem tiefen Seufzer. »Und er ward, mit Euer Gnaden Erlaubnis zu

melden, fast zu Tode gepeitscht. Sie hätten ihn lieber totschießen

sollen, wie er sie bat, so wäre er gerade in den Himmel gefahren, denn

er war so unschuldig wie Euer Gnaden.« -- »Dank Ihm, Trim,« sagte mein

Onkel Toby. -- »Ich kann niemals an sein,« fuhr Trim fort, »oder

meines armen Bruders Tom Unglück denken, denn wir waren alle drei

Schulkameraden, ohne daß ich weinen muß wie 'ne alte Vettel.« -- »Man

ist nicht gleich eine alte Vettel, wenn man weint, Trim; mir kommen

selbst zuweilen Tränen in die Augen.« -- »Ich hab's Euer Gnaden wohl

angemerkt,« versetzte Trim, »und darum schäme ich mich auch nicht

davor. Wenn man aber, mit Euer Gnaden Respekt,« fuhr Trim fort, wobei

sich eine Träne in seinen Augenwinkel drängte, als er sprach, »wenn

man aber an zwei so brave Jungen denkt, die ein so warmes und schönes

Herz hatten, wie sie nur je aus Gottes Backofen kommen können, so ganz

ehrlicher Leute Kinder, die so ganz in Gottes Namen in die weite Welt

gehen, sich in etwas zu versuchen, und müssen dann so in die Patsche

fallen! Armer Tom, so behandelt zu werden! Und in der Welt nichts getan

haben, als eine Judenwitwe gefreit, die Bratwürste verkaufte! Und des

armen Dick Johnsens Seele aus dem Leibe zu karbatschen, und das wegen

der Dukaten, die ein anderer Mann in seinen Rucksack gesteckt hatte! --

O, so was nenne ich Unglück,« rief Trim, und langte sein Taschentuch

hervor. »Unglück, Euer Gnaden, daß man seine blutigen Tränen darüber

weinen sollte.«

Meinem Vater trat die Schamröte ins Gesicht.

»Es wäre schade, Trim,« sagte mein Onkel Toby, »wenn Er jemals selbst

Not und Sorgen erleben sollte! Er beklagt andere Leute so gutherzig!«

-- »Ach lieber Gott!« versetzte der Korporal, und sein Gesicht heiterte

sich auf. »Euer Gnaden wissen ja, ich habe weder Weib noch Kind, ich

kann keine Not und Sorgen in dieser Welt haben.« -- Mein Vater mußte

lächeln. -- »So wenig, als ein Mensch haben kann, Trim,« erwiderte mein

Onkel Toby; »ich kann auch nicht absehen, was ein Mann von einem so

zufriedenen Herzen wie Er für Kummer leiden könnte; es sei denn Furcht

vor Armut in seinen alten Tagen. Wenn Er nicht mehr dienen kann, Trim,

wenn Ihm alle seine Freunde abgestorben sind --« -- »So arg wird's, mit

Euer Gnaden Wohlnehmen, nicht werden,« versetzte Trim. -- »Ich wollte

aber auch nicht, Trim, daß es so arg werden sollte,« erwiderte mein

Onkel Toby, »und eben deswegen,« fuhr er fort, wobei er die Krücke

niederwarf und sich auf seine Füße stellte, als er das Wort ~eben

deswegen~ aussprach, »soll Er, Trim, für seine vieljährige Treue

gegen mich und für sein gutes Herz, davon ich soviele Proben habe,

solange sein Herr noch einen Gulden im Vermögen hat, keinen anderen

Menschen um das geringste ansprechen.« Trim bestrebte sich, meinem

Onkel Toby zu danken, konnte aber nicht. Die Tränen liefen ihm häufiger

die Wangen hinunter, als er sie abwischen konnte. Er legte seine Hände

auf seine Brust, bückte sich bis auf die Erde und machte die Türe zu.

»Ich habe Trim meinen grünen Spielplatz vermacht,« rief mein Onkel

Toby. -- Mein Vater lächelte. -- »Ich habe ihm dazu jährlich ein

Gewisses verschrieben,« fuhr mein Onkel Toby fort. -- Mein Vater ward

ernsthaft.

[Illustration]

Zweiundvierzigstes Kapitel.

Ist dies wohl eine schickliche Zeit, sagte mein Vater zu sich selbst,

von Vermächtnissen und von Grenadieren zu sprechen?

[Illustration]

Dreiundvierzigstes Kapitel.

Als mein Onkel Toby zuerst des Grenadiers erwähnte, fiel mein Vater,

sagte ich, mit der Nase platt aufs Kissen, und das so schnell, als

ob ihn mein Onkel Toby erschossen hätte. Es wurde aber nicht dabei

gesagt, daß jedes andere Glied und Gelenk meines Vaters im selben

Augenblick mit seiner Nase wieder in die vorhin beschriebene Stellung

verfiel, so daß, als Trim hinausging und mein Vater Lust bekam, das

Bett zu verlassen, er alle die vorhergehenden kleinen Bewegungen

noch einmal durchlaufen mußte, ehe er's bewerkstelligen konnte. --

Stellungen sind nichts, Madame. In dem Übergange von einer Stellung

zur anderen, gleichwie man die Dissonanzen präpariert und hernach in

Konsonanzen auflöst, darin steckt alles.

Aus dieser Ursache pedalierte mein Vater von neuem sein Stückchen,

stieß den Kammertopf noch ein wenig weiter unter das Bett, tat sein

Hm! -- richtete sich auf seinen Ellenbogen in die Höhe und wollte eben

meinen Onkel Toby anreden, als er sich besann, wie schlecht es ihm

vorher in dieser Stellung gelungen sei. Er machte sich also auf die

Füße, und nachdem er dreimal auf und nieder gegangen war, blieb er vor

meinem Onkel Toby stehen. Und indem er den Vorderfinger seiner rechten

Hand in die flache Linke legte und sich ein wenig niederbeugte, redete

er meinen Onkel Toby folgendermaßen an:

[Illustration]

Vierundvierzigstes Kapitel.

»Wenn ich so meine Gedanken habe, Bruder Toby, über den Menschen, und

so diese Seite an ihm beschaue, die sein Leben so manchen Ursachen der

Mühseligkeit bloßstellt, -- wenn ich so bedenke, Bruder Toby, wie oft

wir das Jammerbrot essen, und daß wir dazu geboren sind, wie zu unserem

Erbschaftsteile.« -- »Ich ward zu nichts geboren,« sagte mein Onkel

Toby und fiel meinem Vater in die Rede, »als zu meiner Monatsgage.«

-- »Seht doch,« sagte mein Vater, »hat dir mein Onkel nicht jährlich

hundertundzwanzig Pistolen vermacht?« -- »Ja, wie hätte ich's sonst

machen sollen?« erwiderte mein Onkel Toby. -- »Das ist eine andere

Frage,« sagte mein Vater ein wenig mürrisch. »Aber ich sage, Toby, wenn

man so die Liste von Klitterschulden und täglichen Items durchläuft,

womit das Herz des Menschen belastet und beschwert ist, so muß man sich

wundern, durch was für heimliche Zuflüsse das Gemüt instand gesetzt

wird, es auszuhalten und noch die Auflagen so abzutragen, die unserer

Natur aufgebürdet sind.« -- »Durch Hilfe des allmächtigen Gottes,« rief

mein Onkel Toby mit gen Himmel gerichteten Augen und festgefalteten

Händen, »geschieht das. Nicht durch unsere eigene Kraft, Bruder

Walter. Eine Schildwache in einem hölzernen Schilderhäuschen könnte

ebensoleicht gegen ein Detachement von fünfzig Mann standhalten wollen.

Die Gnade und der Beistand des allerliebreichsten Wesens hält uns

aufrecht.« -- »Das heißt den Knoten zerhauen,« sagte mein Vater, »und

nicht auflösen. Aber erlaube mir, Bruder, daß ich dich ein wenig tiefer

ins Geheimnis einführe.«

»Gern, gern,« erwiderte mein Onkel Toby.

Mein Vater änderte alsobald die Stellung, in der er war, in die

Stellung, in der Raffael in seiner Athenienser Schule den Sokrates

so vortrefflich dargestellt hat. In welcher Stellung, wie Euer

Kennerschaft wissen, sogar die eigentümliche Lehrart des Sokrates

ausgedrückt liegt. Denn er hält den Zeigefinger seiner linken Hand

zwischen dem Zeigefinger und Daumen seiner Rechten, und scheint zu dem

Gauche, den er zurechtweisen will, zu sagen: »Das räumst du mir ein und

dies und dies, und das frage ich nicht einmal, weil's natürlich von

selbst folgt.«

So stand mein Vater, hielt den einen Zeigefinger zwischen dem anderen

Zeigefinger und Daumen, und philosophierte mit meinem Onkel Toby, der

auf dem alten Tapetenstuhle saß, der mit abgebleichten, verwitterten

Fransen besetzt war. -- O Garrick, was würdest du mit deiner Kunst

hieraus für einen reichhaltigen Auftritt machen! Und wie gerne schrieb

ich noch so einen, um mich an deine Unsterblichkeit zu schmiegen und

mich dahinter der meinigen zu versichern.

[Illustration]

Fünfundvierzigstes Kapitel.

»Obgleich der Mensch das herrlichste Fuhrwerk von allen ist,« sagte

mein Vater, »so ist's gleichwohl dabei so leicht gebaut und so wackelnd

gefügt, daß die harten Püffe und Stöße, die es in dieser höckerigen

Fahrt des Lebens ausstehen muß, jeden Tag es wohl zwölfmal umwerfen und

in Stücke bröckeln würden, hätten wir nicht, mein lieber Toby, eine

geheime Stahlfeder in uns.« -- »Das muß wohl, meine ich,« sagte mein

Onkel Toby, »nichts anderes sein als die Religion.« -- »Will die meines

Kindes Nase ansetzen?« rief mein Vater, indem er den Finger losließ

und eine Hand gegen die andere schlug. -- »Sie macht alles eben und

schlicht,« antwortete mein Onkel Toby. -- »Das mag figürlich recht wohl

sein, mein guter Toby,« sagte mein Vater. »Die Stahlfeder aber, von der

ich spreche, ist diejenige große und elastische Kraft in unserem Wesen,

den Übeln entgegenzuwirken, die wie eine verborgen angebrachte Feder in

einem gutgemachten Wagen zwar nicht den Stoß abwendet, aber doch macht,

daß wir ihn weniger fühlen.«

»Und siehe nun, mein lieber Bruder,« sagte mein Vater, und faßte

seinen Zeigefinger wieder, als er näher zur Hauptsache kam. »Wäre mein

Kind ganz und gut zur Welt gekommen, dann wäre es nicht an seinem

köstlichsten Gliede ein Märtyrer geworden. Siehe, so ein Grillenfänger

und Sonderling ich der Welt in meiner Meinung über die Taufnamen auch

immer scheinen mag, so ist doch der Himmel mein Zeuge, daß ich in der

Ergießung der heißesten Wünsche für die Wohlfahrt meines Kindes nie

gewünscht habe, sein Haupt mit mehr Ruhm und Ehre zu krönen, als womit

Georg und Eduard es bekränzen könnten.

Aber nun, leider,« fuhr mein Vater fort, »da ihm das größte Unglück

überkommen ist, muß ich dem entgegenwirken und es durch das größte

Glück aufheben.

Er soll ~Trismegistus~ getauft werden, Bruder.«

»Daß es gut anschlage, wünsche ich!« versetzte mein Onkel Toby und

stand dabei auf.

[Illustration]

Sechsundvierzigstes Kapitel.

»Was für ein Kapitel von Glückschancen,« sagte mein Vater, wobei er auf

dem ersten Treppenabsatze sich umkehrte, als er mit meinem Onkel Toby

hinuntergehen wollte. »Was für ein Kapitel von Chancen zeigen uns nicht

die Begebnisse dieser Welt. Nimm Feder und Tinte, Bruder Toby, und

kalkuliere einmal richtig.« -- »Ich weiß soviel von der Kalkulation als

das Geländer da!« Er schlug dabei mit der Krücke darauf, die glitt aber

ab und versetzte meinem Vater einen derben Schlag vors Schienbein. »Es

war hundert gegen eins!« rief mein Onkel Toby. -- »Ich meinte,« sagte

mein Vater und rieb sich das Schienbein, »ich meinte, du wüßtest nichts

von Kalkulationen, Bruder Toby.« -- »Ich kann nichts dafür, es ist ein

Zufall.« -- »So ist das Kapitel um eins vermehrt,« versetzte mein

Vater.

Die zweifache Gelegenheit, da mein Vater eine witzige Antwort anbringen

konnte, vertrieb ihm auf einmal die Schmerzen aus dem Schienbein. Es

war ein Glück. -- Schon wieder eine Chance. -- Sonst wüßte die Welt

bis auf den heutigen Tag noch nicht, was mein Vater kalkuliert haben

wollte. Es zu erraten, dafür war keine einzige Chance. -- Was für ein

glückliches Kapitel von Chancen dieses geworden ist! Dadurch habe ich

die Mühe, ausdrücklich eins darüber zu schreiben, und wahrhaftig, ich

habe ohnedies schon alle Hände voll zu tun.

»Nimm Feder und Tinte zur Hand, und kalkuliere genau, Bruder Toby,«

sagte mein Vater. »Und es wird herauskommen wie eine Million zu eins,

daß der Rand des Forceps so unglücklicherweise unter allen Gliedern

des Körpers gerade auf das eine fallen und es niederdrücken mußte, das

zugleich das Glück unserer Familie mit unterdrückt.«

»Es hätte ärger werden können,« versetzte mein Onkel Toby. -- »Das sehe

ich nicht ein,« sagte mein Vater. -- »Wenn das Kind verkehrt gelegen

hätte, was meinst du,« sagte mein Onkel Toby, »wie sich's Doktor Slop

entfallen ließ!«

Mein Vater dachte eine halbe Minute nach, sah auf die Erde, legte

seinen Finger locker an seine Stirn:

»Wahr!« sagte er.

[Illustration]

Siebenundvierzigstes Kapitel.

Ist's nicht eine Schande, zwei Kapitel aus dem zu machen, was vorging,

unterdessen man die Treppe hinunterstieg? Denn weiter als bis zum

ersten Treppenstuhle sind wir noch nicht gekommen und haben noch

fünfzehn Stufen bis ganz hinunter. Und nach meines Vaters und meines

Onkels Toby Gesprächigkeit zu urteilen, kann's noch ebensoviel Kapitel

geben wie Stufen. Lassen Sie's gehen, mein Herr, ich kann ebensowenig

dafür als für meinen Tod. Da kommt mir's auf einmal vor, als gäbe mir's

einer ein: Laß den Vorhang fallen, Shandy. Ich ließ ihn fallen. Zieh

eine Querlinie über dein Papier, Tristram! Ratsch! da steht sie -- und

heida! zu einem neuen Kapitel.

Kein Lineal habe ich, nach dem ich mich in diesem Geschäfte richte. Und

hätte ich eins, da ich lieber alles aus freier Faust tue, ich bräche es

lieber vor den Knien in Stücke und würfe es ins Feuer. Werde ich warm?

Ja, ich werde es, und die Ursache läßt es nicht anders zu. Seht doch!

Soll sich der Mann nach Regeln und Linealen richten, oder sie nach ihm?

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy · 第 7 / 20 段