alles, was ihm vorkam, zu philosophieren und das Warum zu beweisen.
Er versprach sich also ein unendliches Vergnügen von seiner
Dissertation über die Sukzession der Ideen, und dachte meilenweit
nicht daran, daß mein Onkel Toby ihm Solche vorm Maule wegnehmen
würde, der gewöhnlich -- die ehrliche Seele! -- jedes Ding so nahm,
wie es vorkam, und unter allen Menschen in der Welt sein Gehirn am
wenigsten mit abstraktem Denken marterte. Die Ideen von Zeit und
Raum, oder wie wir zu diesen Ideen kommen, oder aus was für Stoff
solche geschnitten sind, oder ob sie uns angeboren sind, oder ob wir
solche hernach erst aufsammeln, oder ob wir das tun, wenn wir noch im
Kinderröckchen gehen, oder erst, wenn wir Beinkleider bekommen haben,
nebst tausend anderen Untersuchungen und gelehrten Fragen über das
~Unendliche~, die ~vorherbestimmte Harmonie~, den ~freien Willen~, die
~unbedingte Notwendigkeit~ und dergleichen, über deren verzweifelte und
unauflösbare Theorien so mancher feine Kopf vor die Hunde gegangen ist,
taten meines Onkels Toby Kopfe nicht den geringsten Schaden. Mein Vater
wußte das und erstaunte daher nicht weniger über seine Antwort, als er
darüber betroffen war.
»Weißt du denn die Theorie von den Ideen?« versetzte mein Vater.
»Gar nicht,« sagte mein Onkel.
»Du hast aber doch einige Ideen,« sagte mein Vater, »von dem, worüber
du sprichst.«
»Ebensowenig wie mein Pferd,« versetzte mein Onkel Toby.
»O lieber Himmel,« rief mein Vater, wobei er die Augen gen Himmel
richtete und seine beiden Hände zusammenschlug, »in deiner
unschuldigen Unwissenheit, Bruder Toby, liegt eine solche Würde, daß
es fast schade ist, dich herauszureißen. Ich will dir aber sagen: um
richtig zu verstehen, was die Zeit ist, ohne welches wir niemals das
begreifen können, was man unendlich nennt, weil die eine ein Teil des
anderen ist, müssen wir sorgfältig untersuchen, was das für eine Idee
sei, die wir von der Dauer haben, bis wir genaue Rechenschaft geben
können, wie wir dazu gelangt sind.« -- »Wem in der Welt geht das was
an?« sagte mein Onkel Toby. -- »~Denn wenn du deine Augen auf das
Innere deiner Gedanken richtest~,« fuhr mein Vater fort, »~und
solche aufmerksam beobachtest, so wirst du gewahr werden, Bruder,
daß, derweile du und ich hier sprechen und denken und unsere Pfeife
rauchen, oder wir auf eine andere Art nach und nach Ideen in unsere
Seelen bekommen, wir uns bewußt sind, daß wir da sind. Und wenn wir
die Dauer oder die Währung unseres eigenen Daseins oder eines jeden
anderen Dinges nach dem Maßstabe der Ideen in unserer Seele schätzen
und messen, so folgt aus diesem Vorsatze~ --« -- »Du machst, daß mir
der Kopf schwindelt,« rief mein Onkel Toby.
»Nun ist, wir mögen es bemerken oder nicht,« fuhr mein Vater fort, »in
dem Kopfe eines jeden gesunden Menschen eine regelmäßige Folge der
Ideen einer oder der anderen Art, welche aufeinander folgen wie --« --
»ein Artilleriezug?« sagte mein Onkel. -- »Warum nicht gar Leichenzug!«
sagte mein Vater leise. »Welche in unserer Seele in gewissen Abständen
aufeinander folgen wie die Bilder in der inwendigen Seite einer
Laterne, die von der Wärme eines Lichts gedreht werden.« -- »Ich
versichere dich,« sagte mein Onkel Toby, »meine drehen sich wie eine
Rauchfahne.« -- »Wenn das ist, Bruder Toby, so habe ich dir über diese
Materie weiter nichts zu sagen,« versetzte mein Vater.
[Illustration]
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Obgleich mein Vater darauf beharrte, das Gespräch nicht fortzusetzen,
so konnte er doch meines Onkels Toby Rauchfahne nicht aus dem Kopfe
bringen. So sehr er sich auch anfangs darüber ärgerte, im Grunde
steckte etwas in der Vergleichung, die seine Einbildungskraft in
Gang brachte. Deswegen stützte er seinen Ellenbogen auf den Tisch
und die rechte Seite seines Kopfes mit der flachen Hand und -- erst
aber sah er starr ins Feuer --, begann für sich selbst zu denken
und darüber zu philosophieren. Da aber seine Lebensgeister von der
Arbeit, neue Gedanken auszuspähen, und der beständigen Anstrengung
seines Nachdenkens über die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, die im
Gespräch vorgefallen waren, erschöpft worden, so drehte die Idee von
der Rauchfahne alle seine Ideen sehr bald über und über und er fiel in
Schlaf, ehe er's noch merkte.
Meines Onkels Toby Rauchfahne hatte sich noch kein dutzendmal
herumgedreht, als auch er einschlief. Ich wünsche beiden wohl zu ruhen!
Doktor Slop hat oben mit der Hebamme und meiner Mutter zu schaffen.
Trim hat beide Hände voll damit zu tun, daß er aus einem Paar alter
steifer Reitstiefel ein Paar Mörser macht, die nächsten Sommer bei der
Belagerung von Messina gebraucht werden sollen, und bohrt ebendiesen
Augenblick mit einem glühenden Feuerstocher die Zündlöcher hinein.
[Illustration]
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Jeden Tag, seit wenigstens zehn ganzen Jahren, beschloß mein Vater,
es ändern zu lassen. Noch ist's nicht geändert. In keinem anderen
Haushalt als dem unsrigen hätte man es eine Stunde geduldet. Und was
Sie noch mehr wundern wird, in keiner Sache von der Welt war mein Vater
eigener als in Tür und Angel. Und nichtsdestoweniger war er sicherlich,
nach meiner Meinung, einer von denen, die am meisten dadurch gelitten
haben. Seine Theorie und seine Praxis lagen sich hierüber beständig
in den Haaren. Die Stubentüre konnte nicht aufgehen, ohne daß seine
Philosophie oder seine Grundsätze eine Ohrfeige bekamen. Drei Tropfen
Öl auf einer Feder und ein guter Schlag mit einem Hammer hätten seine
Ehre auf einmal gerettet.
Was ist der Mensch für ein widersinniges Ding! Er kränkelt an Wunden,
die es nur bei ihm steht zu heilen! Sein ganzes Leben ein Widerspruch
seines besseren Wissens! Seine Vernunft, diese ihm von Gott geschenkte
teure Gabe -- anstatt Öl zur Linderung aufzugießen -- dient ihm bloß,
ihre Reizbarkeit zu erhöhen, ihre Schmerzen zu vervielfältigen und ihn
dabei ungeduldiger und trauriger zu machen. -- Warum, unglückliches
Geschöpf, bist du so! Ist's nicht genug an den unvermeidlichen Übeln
dieses Lebens, mußt du denn den Haufen deiner Bekümmernisse noch
freiwilligerweise vermehren! Da kämpft er gegen Übel an, die nicht zu
vermeiden sind, und unterwirft sich anderen, welche ein Zehntel von
der Mühe, die sie ihm machen, ein für allemal von seinem Herzen wälzen
könnte.
Bei allem, was gut und tugendhaft ist, wenn innerhalb zwanzig Meilen in
der Runde um Shandy-Hall noch drei Tropfen Öl und ein Hammer zu finden
sind, so soll die Haspe an der Tür geändert werden. Noch unter dieser
Regierung!
[Illustration]
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Als Korporal Trim seine beiden Mörser beschickt hatte, freute er sich
über die Maßen über das Werk seiner Hände. Und wohl wissend, was es
seinem Herrn für Vergnügen machen würde, sie zu sehen, konnte er dem
Verlangen unmöglich widerstehen, solche stehenden Fußes nach seinem
Zimmer zu bringen.
Außer dem moralischen Satze, auf welchen ich bei Erwähnung der Tür und
Angel anspielte, hatte ich auch eine spekulative Betrachtung auf dem
Korn, die daraus entspringt, und das ist diese:
Wäre die Türe aufgegangen und die Haspe in der Angel gelaufen, wie
Türen eigentlich tun sollten.
Oder zum Beispiel ebenso willig wie unsere Regierung -- das ist, wenn
Euer Hochwohlgeboren von ihr haben, was Sie wünschen, sonst will ich
mein Gleichnis lassen. -- In dem Falle, sage ich, wäre bei Korporal
Trims Eintreten keine Gefahr weder für den Herrn noch den Bedienten
gewesen. Im Augenblick, da er gesehen hätte, daß mein Vater und mein
Onkel Toby fest schliefen -- so ehrerbietig war er in seinem Betragen
--, wäre er mäuschenstill fortgegangen und hätte sie beide in ihren
Lehnstühlen so süß fortträumen lassen, wie er sie gefunden. Das war
aber, menschlicherweise davon zu sprechen, so unmöglich, daß während
der vielen Jahre, da man diese Tür so hatte weiterknarren lassen, und
unter den vielen Verdrießlichkeiten, die sich mein Vater dadurch zuzog,
unter andern war auch diese, daß er niemals seine Arme übereinander
schlug, um sein bißchen Mittagsruhe zu halten, ohne daß der Gedanke,
daß ihn der erste beste, der die Tür aufmachte, unvermeidlich wecken
müßte, ihm immer im Kopfe herumlief, und sich so stracks zwischen ihn
und den ersten balsamischen Vorgeschmack des Schlafes drängte, daß er
ihm, wie er oft bezeugte, alle seine Annehmlichkeiten raubte.
Wie kann's, mit Euer Exzellenz Erlaubnis, anders sein, wenn die Sachen
auf schlechten Angeln laufen?
»Nun, was gibt's? Wer ist da?« rief mein Vater, der den Augenblick
aufwachte, als die Türe zu knarren begann. »Ich wollte doch wohl
einmal, daß der Schmied nach der vertrackten Türe sähe!« -- »'s
ist nichts, gnädiger Herr,« sagte Trim, »als zwei Mörser, die ich
hereinbringe.« -- »Ich will hier keinen Lärm haben,« sagte mein Vater
hastig. »Wenn Doktor Slop Spezereien zu stampfen hat, so mag er's in
der Küche tun.« -- »Mit Euer Gnaden Wohlnehmen,« sagte Trim, »es sind
zwei Bombenmörser, zu einer Belagerung auf nächsten Sommer, die ich aus
einem Paar steifer Reitstiefel gemacht habe. Obadiah hat mir gesagt,
Euer Gnaden brauchten sie nicht mehr.« -- »Hol's der Teufel,« schrie
mein Vater und sprang fluchend vom Stuhle auf. »Unter aller meiner Fahr
und Habe ist mir nichts lieber und teurer, als diese Steifstiefel,
sie kommen noch von unserem Großvater her, Bruder Toby. Es waren
Erbstücke.« -- »Ja, so tut mir's leid,« sagte mein Onkel Toby, »daß
Trim sie vom Hauptgute getrennt hat.« -- »Ich habe nichts aufgetrennt,
gnädiger Herr,« sagte Trim, »ich habe nur die Stulpen abgeschnitten.«
-- »Ich kann alte Dinge ebensowenig leiden, wie ein anderer,« sagte
mein Vater; »aber diese Steifstiefel,« fuhr er fort, wobei er bitter
lächelte, »Bruder, sind seit dem letzten Rebellenkriege beständig bei
der Familie gewesen. Sir Roger Shandy trug sie in der Schlacht bei
Marstonmoor. Ich versichere dich, ich hätte sie nicht für zehn Louisdor
gegeben.« -- »Ich will dir das Geld geben, Bruder Shandy,« sagte
mein Onkel Toby, betrachtete dabei die beiden Mörser mit unendlichem
Vergnügen und fuhr mit der Hand nach der Geldtasche, wie er sie ansah.
»Von Herzen gerne will ich dir den Augenblick das Geld dafür bezahlen.«
--
»Bruder Toby,« versetzte mein Vater mit veränderter Stimme, »du
bekümmerst dich nicht, was du für Geld verschleuderst und wegwirfst,
wenn's nur für eine Belagerung ist.« -- »Habe ich nicht jährlich
hundertundvierzig Louisdor Renten und meine Pension dazu?« rief mein
Onkel Toby. -- »Was verschlägt das,« versetzte mein Vater hastig,
»wenn du zehn Pistolen für ein Paar alte Stiefel gibst, zwölfe für
deine Pontons und halb soviel für deine holländische Zugbrücke,
geschweige des kleinen Artillerietrains von messingenen Kanonen, die
du vorige Woche bestellt hast, nebst zwanzig anderen Zurüstungen für
die Belagerung von Messina, mehr. -- Glaube mir, liebster Bruder
Toby,« fuhr mein Vater fort, und nahm ihn dabei ganz freundlich bei
der Hand, »diese deine Kriegsoperationen übersteigen deine Kräfte. Du
meinst es gut, Bruder, aber sie verleiten dich zu stärkeren Ausgaben
als du anfangs gedacht hast. Und verlaß dich auf das, was ich sage,
lieber Toby, sie werden dich endlich noch um all das Deinige und an den
Bettelstab bringen.« -- »Je nun, Bruder, was wär's denn nun auch mehr,«
versetzte mein Onkel Toby, »solange wir wissen, daß es zum Besten
unseres Vaterlandes geschieht.«
Mein Vater mußte lächeln, wenn er auch nicht gewollt hätte. Sein Zorn
war allemal höchstens nur Knallpulver, und Trims Dienstfertigkeit und
Einfalt und die großmütige, obgleich steckenreiterische Gesinnung
meines Onkels Toby söhnte sie augenblicklich beide wieder mit ihm aus.
»Großmütige Seelen! -- Gott erhalte euch und eure Bombenmörser dazu,«
sagte mein Vater bei sich selbst.
[Illustration]
Dreißigstes Kapitel.
»Nun ist alles ruhig und still,« rief mein Vater, »da oben wenigstens.
Ich höre keinen Menschen mehr gehen. Sage Er mir doch, Trim, wer
ist in der Küche?« -- »In der Küche ist niemand,« antwortete Trim
und machte dabei seinen tiefen Bückling, »außer Doktor Slop.« --
»Verdammt!« schrie mein Vater und hob sich abermals auf die Füße.
»Diesen Tag geht doch nicht das geringste seinen ordentlichen Gang.
Wenn ich an die Sterndeuterei glaubte, Bruder -- welches mein Vater,
unter uns gesagt, tat --, so möchte ich schwören, daß irgendein Planet
im Zeichen des Krebses über meinem unglücklichen Hause hinge, und jedes
Ding darin verkehrt gehen ließe. Wie? ich dachte, Doktor Slop wäre oben
bei meiner Frau, und da sagt Er -- -- Was hat der Patron in der Küche
zu suchen?« -- »Ja, wenn's Euer Gnaden nicht übelnehmen wollen, er ist
dabei und macht eine Brücke.« -- »Das ist doch sehr gütig von ihm,«
sagte mein Onkel Toby. »Sage Er ihm meine schönste Empfehlung, Trim,
und sage Er dem Herrn Doktor, daß ich ihm von Herzen danke.«
Sie müssen wissen, daß mein Onkel Toby ebensoweit an der richtigen
Brücke vorbeischoß, als mein Vater an den Mörsern. Um aber zu
verstehen, wie mein Onkel Toby die Brücke verfehlen konnte, fürchte
ich, muß ich Ihnen wohl eine genaue Nachricht von dem Wege geben,
der dahin führte. Oder ich will den Vergleich fahren lassen -- denn
einem Geschichtschreiber ist nichts unanständiger, als wenn er welche
gebraucht --. Um die Möglichkeit richtig zu begreifen, wie mein Onkel
Toby sich darin irren konnte, muß ich Ihnen etwas Nachricht von einem
von Trims Abenteuern erteilen, so ungern ich auch wollte. Ich sage, so
ungern ich auch wollte, weil die Geschichte hier gar nicht an ihrem
rechten Orte steht. Denn eigentlich sollte sie erst da vorkommen, wo
ich die Anekdoten von meines Onkels Toby Liebesangelegenheiten mit der
Witwe Wadmann erzähle, wobei Trim keine unbeträchtliche Rolle spielt.
Oder auch in der Mitte der Feldzüge, die er mit meinem Onkel Toby auf
dem grünen Spielplatze tat. Allein, wenn ich sie bis zu einem von
diesen Teilen meiner Historie aufspare, so entsteht eine Lücke in der
Historie, die ich eben vor mir habe. Und erzähle ich's hier, so mähe
ich mein Korn grün und tu meiner Geschichte dort Schaden.
Was raten mir Euer Hochweisheiten, was soll ich hier tun? --
Erzählen Sie ja gleich, Herr Shandy. -- Tristram, du bist nicht klug,
wenn du's tust!
O, ihr Mächte! -- denn Mächte seid ihr, und hohe dazu -- welche den
unsterblichen Menschen das Vermögen verleihen, eine Historie zu
erzählen, die des Hörens wert sei, die ihr ihm freundlich weiset, wo
er anfangen muß und wo aufhören, was er hineinbringen muß und was
herauslassen, wieviel er davon in Schatten zu bringen hat, und wohin
er seine Lichter verteilen soll! Ihr, die ihr dem weiten Reiche der
biographischen Freibeuter vorsteht, und die mancherlei Not und Kummer
seht, in welche eure Untertanen täglich und stündlich geraten, wollt
ihr mir eins zu Gefallen tun?
Ich ersuche und bitte euch -- falls ihr nichts Besseres für uns tun
wollt -- wenn es sich so gebührt und zuträgt, daß in eurem Gebiete drei
Wege sich kreuzen, wie hier eben geschehen ist, so laßt doch wenigstens
einen Wegweiser auf den Scheideweg setzen, aus bloßer Barmherzigkeit,
einem armen Tropf zu raten, welchen von den dreien er nehmen soll.
[Illustration]
Einunddreißigstes Kapitel.
Obgleich der Stoß, den mein Onkel Toby das Jahr nach der Scheidung von
Dünkirchen in seiner Affäre mit der Witwe Wadmann erlitt, ihn in dem
Vorsatze bestärkt hatte, niemals wieder an das schöne Geschlecht, noch
an irgend etwas, das dazu gehörte, zu denken, so hatte doch Korporal
Trim kein solches Bündnis mit sich selbst gemacht. In der Tat war bei
meines Onkels Toby Begebenheit ein sonderbarer und unbegreiflicher
Zusammenfluß von Umständen, die ihn unvermerkt leiteten, die schöne und
starke Zitadelle von einem Weib zu belagern. Trims Begebenheit war kein
Zusammenfluß von irgend etwas in der Welt, als von ihm und Brigitten in
der Küche. Doch war, die Wahrheit zu sagen, die Liebe und Ehrerbietung,
die er gegen seinen Herrn hegte, so groß, und so gern ahmte er ihn
in allem, was er tat, nach, daß hätte mein Onkel Toby sein Genie und
seine Zeit darauf verwendet, Spitzen zu klöppeln, ich bin versichert,
der ehrliche Korporal hätte seine Waffen niedergelegt und wäre seinem
Beispiel mit Vergnügen gefolgt. Jedesmal, wenn also mein Onkel Toby
sich bei der Herrschaft setzte, nahm Trim flugs seinen Posten bei der
Kammerjungfer.
Nach einer ganzen Kette von Angriffen und Verteidigungen während neun
ganzer Monate, die meines Onkels Toby Belagerung dauerte, wovon alle
Umstände am gehörigen Ort aufs treulichste erzählt werden sollen, hielt
es mein ehrlicher Onkel Toby für ratsam, seine Truppen zurückzuziehen
und die Belagerung mit einigem Verdrusse aufzuheben.
Korporal Trim, wie gesagt, hatte kein solches Bündnis, weder mit sich
selbst noch mit andern, gemacht. Da ihm die Treue seines Herzens
indessen nicht erlaubte, in einem Hause aus und ein zu gehen, das sein
Herr mit Widerwillen verlassen hatte, so begnügte er sich damit, daß er
seinen Teil der Belagerung in eine Blockade verwandelte. Das heißt, er
hielt andere entfernt. Denn ob er gleich hernach niemals in ihr Haus
ging, ward er doch auch seiner Brigitte niemals im Dorfe ansichtig,
ohne daß er ihr zunickte, zulächelte, winkte oder sie freundlich ansah.
Und wenn's die Gelegenheit gab, faßte er sie bei der Hand oder fragte
sie ganz verliebt, wie's ihr ginge. Oder er schenkte ihr ein Band, oder
zuweilen, doch niemals, als wenn's mit Dekorum geschehen konnte, gab
er ihr -- --
Genau in dieser Lage befanden sich die Sachen fünf Jahre hindurch, vom
Jahre 1713 an, da Dünkirchen geschleift wurde, bis gegen das Ende des
Feldzugs meines Onkels Toby, 1718, ungefähr sechs oder sieben Wochen
vor der Zeit, von der ich spreche. Als Trim, nach seiner Gewohnheit,
nachdem er meinen Onkel Toby zu Bett gebracht hatte, an einem
mondhellen Abend hinunterging, um zuzusehen, ob in seiner Fortifikation
noch alles richtig stünde, spionierte er auf der Wiese, die von dem
Spielplatze mit grünen Hecken abgesondert war, seine Brigitta aus.
Da der Korporal glaubte, es sei in der ganzen Welt nichts so
sehenswürdig wie die herrlichen Werke, die er und mein Onkel Toby
miteinander gemacht hatten, so nahm er sie höflich und mutig bei
der Hand und führte sie hinein. Dies geschah nicht so heimlich, daß
es nicht die plapperhafte Trompete der Fama so lange von Ohr zu Ohr
herumgetragen hätte, bis es endlich wohl an meinen Vater gelangen
mußte, zugleich mit dem ungünstigen Umstande, daß meines Onkels Toby
hübsche Zugbrücke, die nach holländischer Manier gebaut und bemalt war
und ganz über den Graben reichte, in ebender Nacht zerbrochen und,
der Himmel weiß wie, in tausend Stücke zersplittert worden war. Mein
Vater, wie Sie bemerkt haben, hatte eben nicht viel Hochachtung für
meines Onkels Toby Steckenpferd. Er hielt es für das lächerlichste
Hotthott, das nur jemals ein Kavalier geritten, und konnte niemals
daran denken, mein Onkel mußte ihm denn eben damit in die Quere reiten,
ohne zu lächeln. Es konnte also niemals lahm werden oder ihm sonst
ein Zufall zustoßen, oder es kitzelte meines Vaters Gedanken über die
Maßen. Allein dies hier war ein Zufall, der seinem Herzen sanfter tat
als alle, die ihm noch begegnet waren, und er wußte sich eine Freude
damit zu machen, so oft er wollte. -- »Gut, und nicht allzugut, lieber
Toby,« pflegte er zu sagen, »erzähle uns doch, wie ging's denn mit der
Brücke eigentlich zu?« -- »Wie kannst du mich nur so damit zerren,«
pflegte wohl mein Onkel Toby zu antworten. -- »Ich habe es ja wohl
zwanzigmal schon erzählt, Wort für Wort, wie ich's von Trim weiß!« --
»Nun, wie war's denn, Korporal?« rief dann mein Vater und wendete sich
an Trim. -- »Es war ein reines Unglück, wenn's Euer Gnaden verzeihen,
ich zeigte Brigitte unsere Befestigungen. Und als ich so zu nahe an
den Rand des Grabens kam, rutschte ich unglücklicherweise hinein.« --
»Ei, hübsch, Trim!« rief dann mein Vater, wobei er schalkhaft lächelte
und mit dem Kopfe nickte, ohne ihn zu unterbrechen. »Und da ich mit
Euer Gnaden Wohlnehmen die Brigitte fest in meinen Armen hielt, zog
ich sie so mit mir, und da fiel sie rücklings über, gegen die Brücke.«
-- »Und da Trim mit seinem Fuße,« rief mein Onkel Toby und nahm ihm
die Historie vorm Maule weg, »in die Verschanzung geriet, taumelte er
auch gegen die Brücke. -- Es war ein großes Glück,« pflegte mein Onkel
hinzuzusetzen, »daß der arme Mensch kein Bein brach.« -- »Ja wohl, ja
wohl!« pflegte mein Vater zu sagen. »Ein Bein ist leicht gebrochen,
Bruder! besonders in solchen Fällen!« -- »Und also brach die Brücke,
die, mit Euer Gnaden Erlaubnis, nur dünn gemacht war, zwischen uns
entzwei und ging in tausend Stücke.«
Mein Onkel Toby versuchte es niemals, sich gegen den Angriff dieses
Spotts mit etwas anderem zu wehren, als daß er noch einmal so geschwind
aus seiner Tabakspfeife dampfte, wodurch er eines Abends eine so
dicke Wolke machte, daß mein Vater, der ein wenig zur Schwindsucht
geneigt war, darüber einen erschrecklichen Anfall von Husten bekam.
Mein Onkel Toby sprang auf, ohne der Schmerzen an seinem Latzbeine zu
achten, und mit unendlichem Mitleid stand er bei seines Bruders Stuhl,
klopfte ihm mit einer Hand den Rücken und hielt ihm mit der andern den
Kopf. Und von Zeit zu Zeit wischte er ihm die Augen mit einem reinen
holländisch-leinenen Tuche, das er aus der Tasche zog. Die herzlich
liebevolle Art, womit mein Onkel Toby diese kleinen Dienste leistete,
durchdrang meinen Vater bis in sein innerstes Eingeweide über den
Verdruß, den er ihm eben gemacht hatte. Eher soll man mir das Gehirn
mit einem Mauerbrecher oder gleichviel womit ausstoßen, sagte mein
Vater zu sich selbst, ehe ich dieser ehrlichen Seele wieder spotte.
[Illustration]
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Als Trim hereinkam und meinem Vater sagte, daß sich Doktor Slop in
der Küche damit beschäftige, eine Brücke zu machen, war mein Onkel
Toby -- die Geschichte mit den Steifstiefeln hatte eben eine Reihe
von Kriegsideen in seinem Gehirn in Gang gebracht -- der Meinung, daß
Doktor Slop ein Modell von des Marquis d'Hopitals Brücke machte. »Das
ist doch sehr gütig von ihm,« sagte mein Onkel Toby. »Sage Er ihm meine
schönste Empfehlung, Trim, und sage Er dem Herrn Doktor, daß ich ihm
von Herzen danke.«
Wäre meines Onkels Toby Kopf ein Raritätenkasten gewesen, und hätte
mein Vater beständig durchs Glas hineingeschaut, so hätte es ihm
von dem, was in meines Onkels Toby Hirn herumarbeitete, keinen
deutlicheren Begriff machen können, als er schon ohnedies hatte. Trotz
des Mauerbrechers und der heftigen Verwünschungen, die ihm solche
Hirngespinste schon abgelockt hatten, wollte er eben triumphieren, als
Trims Antwort plötzlich den Lorbeer von seiner Schläfe und in Stücke
riß.
[Illustration]
Dreiunddreißigstes Kapitel.
»Mit eurer verwünschten Zugbrücke!« sagte mein Vater. »Mit Euer Gnaden
Wohlnehmen, 's ist eine Brücke in unseres jungen Junkers Nase. Als er
ihn mit seinem verdammten Klimperkrame auf die Welt geholt hat, so hat
er ihm die Nase zerdrückt, daß sie so platt in seinem Angesichte ist,
sagt Susanna, wie ein Pfannkuchen. Nun macht er von einem Lappen Kattun
und einem Stückchen Fischbein aus Susannens Schnürleibe eine falsche
Brücke, die sie wieder aufrichten soll.«
»O, Bruder Toby, komm, führe mich sogleich nach meiner Kammer!«
[Illustration]
Vierunddreißigstes Kapitel.
Von dem ersten Augenblicke an, da ich mich hinsetzte, mein Leben
zum Vergnügen der Welt und meine Meinungen zu ihrer Belehrung
aufzuschreiben, hat sich unvermerkt eine Wolke über meinem Vater
zusammengezogen. Eine Flut von Übeln und Widerwärtigkeiten hat sich
gegen ihn gehäuft. Nicht das allergeringste, wie er selbst bemerkt, ist
richtig gegangen, und nun ist das Gewitter reif und wird mit aller Wut
über seinem Haupte ausbrechen.