Bruder Shandy spricht, sind nichts weniger als Bettgardinen; obzwar,
ich weiß wohl, du Cange sagt: ›daß nach aller Wahrscheinlichkeit solche
ihren Namen von jenen bekommen haben‹. Ebensowenig haben die Hornwerke,
wovon er spricht, das geringste mit dem Hörnerkrame zu tun, worüber sie
lachen. Sondern Kurtine, Herr Doktor, ist das Wort, welches wir in der
Fortifikation gebrauchen, den Teil des Walles damit zu benennen, der
zwischen zwei Bastionen liegt und solche zusammenfügt. Die Belagerer
wagen es selten, ihre Attacke gerade auf die Kurtinen zu richten, aus
dem Grunde, weil sie so gut flankiert sind.« -- »Ebenso ist's mit
den Gardinen,« sagte Doktor Slop lachend. -- »Indessen,« fuhr mein
Onkel Toby fort, »um sie völlig zu decken, pflegen wir gewöhnlich
Raveline davorzulegen, die wir an der anderen Seite des Grabens
anbringen. Der gemeine Mann, der wenig von der Fortifikation versteht,
verwechselt das Ravelin und den halben Mond miteinander, obgleich es
sehr verschiedene Dinge sind. Nicht in ihrer Bauart oder Figur, denn
wir machen solche in allen Stufen einander ähnlich. Sie bestehen aus
zwei Facen, die eine Vorspringespitze mit der Brust ausmachen, nicht
winkelrecht, sondern wie eine Sehne vom Zirkel.« -- »Worin steckt denn
der Unterschied?« fragte mein Vater ein wenig beißend. -- »In ihrer
Lage,« antwortete mein Onkel Toby. »Denn wenn ein Ravelin vor einer
Kurtine steht, Bruder, so ist's ein Ravelin, und wenn ein Ravelin vor
einer Bastion steht, so ist das Ravelin kein Ravelin, sondern ein
halber Mond. Ebenso ist ein halber Mond, solange er vor seiner Bastion
steht, ein halber Mond, aber nicht länger. Würde er von der Bastion
weggenommen und vor eine Kurtine gesetzt, so wäre es nicht mehr ein
halber Mond. Ein halber Mond ist in dem Falle kein halber Mond, es ist
weiter nichts als ein Ravelin.« »Ich merke,« sagte mein Vater, »die
edle Verteidigungskunst hat ihre schwachen Seiten so gut wie andere.«
-- »Die Hornwerke,« -- nun, Himmel, sei gnädig! seufzte mein Vater
-- fuhr mein Onkel Toby fort, »die mein Bruder nannte, machen einen
wichtigen Teil der Außenwerke. Die französischen Ingenieure nennen
solche +Ouvrages à Corne+, und wir legen sie gemeiniglich an, um
solche Stellen zu decken, die wir für Schwächer halten als die übrigen.
Sie bestehen aus einer Face und einer Flanke oder halben Bastion; sie
sehen recht hübsch aus, und wenn Sie einen Spaziergang machen wollen,
so versichere ich Sie, will ich Ihnen eins zeigen, das sich der Mühe
verlohnen soll. Es ist wahr, wenn wir sie krönen,« fuhr mein Onkel
Toby fort, »so werden sie viel stärker. Aber dann sind sie auch sehr
kostbar und nehmen viel Raum weg, so daß sie meiner Meinung nach die
besten Dienste tun, die Front eines Lagers zu decken. Das doppelte
Zangenwerk aber --« »Bei der Mutter, die uns gebar! Bruder Toby,«
sagte mein Vater, der sich nicht länger halten konnte, »du könntest
einem Heiligen einen Fluch ablocken. Da hast du uns, ich weiß nicht
wie, ganz unter der Hand wieder mitten in deine alte Brühe gepökelt. --
Aber dein Kopf ist so voll von diesen verdammten Werken, daß du meine
Frau in Nöten kreißen, sie schreien hörst, und doch willst du mir den
Operateur fortschleppen.« -- »Akkoucheur höre ich lieber, wenn's Ihnen
so gefällt,« sagte Doktor Slop. »Nun denn, Akkoucheur! in Gottes Namen!
Aber ich wünsche die ganze Kriegsbaukunst mit allen ihren Erfindern
über alle Berge; Tausenden hat sie schon das Leben gekostet, und mir
wird sie auch noch den Tod bringen. Ich möchte nicht, Bruder Toby, ich
möchte nicht mein Gehirn so voller Sappen, Minen, Blenden, Schanzkörbe,
Palisaden, Raveline, halben Monde und wie der Plunder alles heißt,
haben, und sollte ich Namur und alle Städte in Flandern dazu dafür
bekommen.«
Mein Onkel Toby, der die Beleidigungen geduldig ertragen konnte, nicht
weil's ihm an Herzhaftigkeit fehlte -- ich habe Ihnen gesagt: ›daß er
ein Mann war, der Mut hatte‹, und will hier hinzusetzen, daß, wenn sich
eine gerechte Gelegenheit darböte, die solchen aufforderte --, ich
keinen Mann wüßte, unter dessen Arme ich lieber Schutz suchen möchte.
Auch das kam nicht von irgendeiner Gefühllosigkeit oder Stumpfheit
seines Verstandes her, denn er fühlte diese Beleidigung meines
Vaters so empfindlich, wie ein Mann sie fühlen konnte. Er war von
friedfertiger, sanftmütiger Natur, kein zänkisches Sonnenstäubchen war
in ihm, alles war an ihm von so gutartiger Mischung, daß meines Onkels
Toby Herz kaum zuließ, an einer Fliege Rache zu nehmen. ›Geh‹, sagte
er eines Tages beim Essen zu einer häßlichen großen Brummfliege, die
ihm um die Nase summte, ihn die ganze Mahlzeit über jämmerlich gequält
hatte und die er endlich im Vorbeifliegen haschte, ›ich will dir kein
Leids tun,‹ stand vom Stuhle auf und ging mit der Fliege in der Hand
durchs Zimmer. ›Ich will dir kein Haar krümmen. Geh,‹ sagte er, indem
er das Fenster aufschob und die Hand öffnete, um sie fliegen zu lassen.
›Geh, armes Ding, mach' daß du wegkommst, warum sollt' ich dir Leides
tun? Diese Welt hat Raum genug für dich und für mich.‹
Ich war kaum zehn Jahre alt, als dies geschah. Aber, war es, daß die
Handlung selbst in diesem mitleidigen Alter mit meinen Nerven mehr im
Einklang stand, daß es augenblicklich meinen ganzen Bau in Schwingungen
des angenehmsten Gefühls versetzte, oder war es die Art und Weise des
Ausdrucks, die dazu beitrug, in welchem Grade oder durch welche geheime
Magie der Ton der Stimme und Harmonie der Bewegung einen Weg zu meinem
Herzen finden mochten, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, daß die Lehre
des unbegrenzten Wohlwollens, die mich damals mein Onkel Toby lehrte
und mir einprägte, seitdem nie aus meinem Gemüte verloschen ist. Und
ob ich gleich das, was das Studium der schönen Wissenschaften auf der
Universität in diesem Punkte an mir getan hat, nicht verachten oder
die Hilfe einer kostbaren Erziehung zu Hause und hernach in der Fremde
herabwürdigen will, so denke ich doch oft, daß ich die eine Hälfte
meiner Güte des Herzens diesem einen zufälligen Eindruck zu verdanken
habe.
~Dieses kann Eltern und Hofmeistern statt eines ganzen Bandes über
diese Materie dienen.~
Diesen Zug in meines Onkels Toby Porträt konnte ich dem Leser
nicht vermittels ebendes Instrumentes geben, mit welchem ich die
anderen zeichnete. Dem nämlich, das nichts mehr aufnimmt als die
bloße steckenpferdische Ähnlichkeit. Dies ist ein Teil seines
moralischen Charakters. Mein Vater war in dem Punkte der geduldigen
Verträglichkeit, deren ich erwähnt, viel anders beschaffen, wie
der Leser schon längst bemerkt haben wird. Er hatte von Natur ein
weit schärferes und schnelleres Gefühl, begleitet von ein wenig
mürrischer Gemütsart. Obgleich ihn solches nie zu etwas verleitete,
das einer Bosheit ähnlich sah, so zeigte sich's doch bei den kleinen
Verdrießlichkeiten des Lebens in einer drolligen und witzigen Art
von Unwillen. Dabei war er offenherzig und großmütig und ließ
sich jederzeit gerne bedeuten. In den kleinen Aufwallungen dieser
überflüssigen Säure in den Säften gegen andere, besonders aber gegen
seinen Bruder Toby, den er aufrichtig liebte, fühlte er selbst zehnmal
mehr Unlust -- ausgenommen mit der Geschichte von Tante Dinah oder
wenn's auf eine Hypothese ankam --, als er verursachte.
Die Charaktere der beiden Brüder, aus diesem Gesichtspunkte betrachtet,
warfen Licht übereinander und erschienen in ihren großen Vorzügen in
dieser Geschichte, die über den Stevinus entstand. Ich brauche dem
Leser nicht zu sagen, wenn er sich ein Steckenpferd auf der Streu hält,
daß eines Mannes Steckenpferd ein so empfindlicher Fleck ist, wie er
nur einen an sich hat, und daß diese unverschuldeten Hiebe, die man dem
seinigen gab, meinen Onkel nicht unempfindlich ließen. -- Nein, wie ich
oben sagte, mein Onkel Toby fühlte sie wirklich, und sehr schmerzhaft
dazu.
Nun, mein Herr, was sagte er? Wie betrug er sich? O, mein Herr, groß!
Denn sobald mein Vater sein Steckenpferd genug gepeitscht hatte,
wendete er ohne die geringste Hitze sein Gesicht von Doktor Slop
weg, mit dem er gesprochen hatte, und sah meinem Vater in die Augen,
mit einer Miene, in der sich soviel Gutherzigkeit, soviel Sanftmut,
brüderliche Liebe, so unaussprechliche Zärtlichkeit gegen ihn zeigte,
daß es meinem Vater durchs Herz ging. Er stand hastig von seinem
Stuhle auf und ergriff meines Onkels Toby beide Hände, als er sprach:
»Bruder Toby, ich bitte um Verzeihung! Vergib mir, ich bitte dich,
dieses auffahrende Wesen, das mir meine Mutter anerbte.« -- »Mein
liebster, teuerster Bruder,« antwortete mein Onkel Toby, und richtete
sich mit meines Vaters Hilfe vom Stuhle auf, »sprich nicht mehr davon.
Ich kann es gerne leiden und wäre es zehnmal mehr, Bruder.« -- »Aber
es ist ungroßmütig,« erwiderte mein Vater, »irgendeinen Menschen zu
beleidigen, einen Bruder noch ärger. Aber einen Bruder zu beleidigen,
der so gütig ist, der so wenig reizt, niemals ahndet, es ist
schändlich. Wahrhaftig, es ist niederträchtig!« -- »Ich kann es gerne
leiden, Bruder,« sagte mein Onkel Toby, »wär's auch fünfzigmal mehr
gewesen!« -- »Überdem,« sagte mein Vater, »was habe ich mich um deinen
Zeitvertreib und dein Vergnügen zu bekümmern, es sei denn, daß ich's in
meiner Macht hätte, wie ich's nicht habe, ihr Maß zu vermehren.«
»Bruder Shandy,« antwortete mein Onkel Toby, und sah ihm mit vieler
Bedeutung ins Angesicht, »hierin irrst du dich sehr! Denn du vermehrst
mein Vergnügen ungemein dadurch, daß du in deinem Alter die Shandysche
Familie mit Kindern vermehrst.« -- »Dadurch, mein Herr,« sagte Doktor
Slop, »vermehrt Herr Shandy sein eigenes.« -- »Nicht um ein Jota!«
sagte mein Vater.
[Illustration]
Achtzehntes Kapitel.
»Mein Bruder tut es,« sagte mein Onkel Toby, »aus Grundsätzen.« -- »Des
lieben Hausfriedens wegen, denke ich,« sagte Doktor Slop. -- »Pscha!«
sagte mein Vater, »was wollen wir da viel von reden!«
[Illustration]
Neunzehntes Kapitel.
Obadiah gewann die zwei Gulden ohne Widerrede. Denn er trat mit dem
grünen Filetbeutel, dessen wir schon erwähnt haben, und worin alle die
Instrumente klirrten, wie mit einer Jägertasche über der Schulter ins
Zimmer.
»Mich dünkt,« sagte Doktor Slop und heiterte dabei seine Mienen auf,
»es wird nun nachgerade Zeit sein, da wir uns jetzt imstande befinden,
Madame Shandy hilfreiche Hand zu leisten, daß wir hinaufschicken und
fragen lassen, wie es geht?«
»Ich habe der alten Bademutter befohlen,« antwortete mein Vater, »daß
sie gleich herunterkommen soll, sobald es ein wenig schwer geht. Denn
Sie müssen wissen, Herr Doktor,« fuhr er mit einem eckigen Lächeln
auf dem Gesicht fort, »daß Sie zufolge eines besonderen Traktats, der
zwischen meiner Frau und mir feierlich ratifiziert ist, bei dieser
Affäre bloß Hilfstruppe sind. Und das nicht einmal so völlig, wenn die
alte magere Bademutter ohne Sie zurechtkommen kann. Weiber haben ihre
eigenen Grillen, und bei Dingen von dieser Art, wo sie die ganze Last
alleine tragen, und für das Beste der Familien und die Vermehrung der
Welt so viel aushalten müssen, wollen sie sich das Recht nicht nehmen
lassen, +en souveraines+ zu entscheiden, in wessen Hände sie
fallen wollen und wie.«
»Sie haben auch recht,« sagte mein Onkel Toby. -- »Aber mein Herr,«
erwiderte Doktor Slop, welcher tat, als hörte er nicht, was mein Onkel
Toby sagte, und sich an meinen Vater wandte, »sie täten besser, wenn
sie in anderen Dingen herrschten. Und ein guter Hausvater, der gerne
gesunde Kinder haben will, sollte sich dieses Recht abtreten lassen und
ihnen dafür lieber irgendein anderes einräumen.« -- »Ich wüßte nicht,«
sagte mein Vater, und antwortete ein wenig zu bitter, um ihn bei dem,
was er sagte, für ganz gleichgültig zu halten, »was wir wohl gegen
die Wahl, wer die Kinder holen soll, einzuräumen hätten.« -- »Alles
sollte man lieber einräumen,« sagte Doktor Slop. -- »Um Vergebung --«
antwortete mein Onkel Toby. -- »Sir,« versetzte Doktor Slop, »Sie
würden erstaunen, wenn Sie wüßten, wie hoch es in den letzten Jahren in
allen Zweigen der Geburtshilfe getrieben ist, besonders in dem einzigen
Punkte, den Fötus behend und wohlbehalten zu extrahieren. Darüber ist
ein solches Licht aufgegangen, daß ich für mein Teil bezeuge« -- hier
hielt er beide Hände in die Höhe --, »daß ich nicht begreifen kann,
wie die Weit noch --« -- »Ich wünschte,« fiel mein Onkel Toby ein,
»Sie hätten gesehen, was für erstaunlich große Armeen wir in Flandern
hatten.«
[Illustration]
Zwanzigstes Kapitel.
»Ich wünschte, Herr Doktor,« sagte mein Onkel Toby, und wiederholte
seinen Wunsch für den Doktor Slop zum zweiten Male, und das mit mehr
Eifer und Ernst in seiner Art zu wünschen, als er es zuerst gewünscht
hatte, »Sie hätten gesehen, was für erstaunlich große Armeen wir in
Flandern hatten.«
Meines Onkels Toby Wunsch tat dem Doktor Slop einen Mißdienst, den sein
Herz keiner lebendigen Seele zudachte. Denn, mein Herr, er machte ihn
verwirrt. Er brachte anfänglich seine Ideen in Unordnung und darauf
zur Flucht, so daß er solche nicht wieder in Reih' und Glied bringen
konnte, er mochte es anfangen, wie er wollte.
In allen Arten von Disputationen, männlichen oder weiblichen -- es sei
um Ehre, um Brot oder um Liebe, das ändert in der Hauptsache nichts --,
ist nichts gefährlicher, Madame, als wenn einem ein Wunsch auf diese
unerwartete Art so ganz in die Quere auf die Haut fährt. Überhaupt
ist der sicherste Weg für den bewünschten Teil, um den Wunsch in der
Schwäche aufzufassen, den Augenblick sich zu erheben, auf beide Füße
zu treten und dem Wünscher etwas von ungefähr ebendem Werte dagegen
zu wünschen. Dadurch rechnen Sie stehenden Fußes ab, und die Sachen
bleiben, wie sie waren, Sie können sogar zuweilen den Vorteil des
Angriffs dadurch gewinnen.
Der Doktor verstand nichts von der Art und Weise dieser Verteidigung.
Er wurde dadurch außer aller Fassung gebracht, und die Disputation
geriet vier ganze Minuten in ein völliges Stocken; fünf Minuten wären
ihr tödlich gewesen. Mein Vater sah die Gefahr. Die Disputation war
eine der wichtigsten Disputationen von der ganzen Welt: ob der Sohn
seines Betens und Arbeitens mit oder ohne Kopf auf die Weit kommen
sollte! -- Er wartete bis auf den letzten Augenblick, um dem Doktor
Slop sein Recht, zu erwidern, zu lassen. Da er aber merkte, daß er
irre geworden war, und fortfuhr, mit dem verstörten, bedeutungslosen
Auge umherzusehen, womit gewöhnlich verblüffte Seelen herumzugaffen
pflegen, erst in meines Onkels Toby Gesicht, dann in das seinige, dann
auf, dann nieder, dann ostwärts, dann ostsüdwärts und so weiter an dem
Gesimse der Wand herumspaziert bis an den gegenüberstehenden Punkt des
Kompasses, und daß er wirklich schon angefangen hatte, die messingnen
Tapetennägel an dem Arme seines Lehnstuhles zu zählen, da dachte mein
Vater, es sei mit meinem Onkel Toby keine Zeit weiter zu verlieren und
nahm also das Wort auf wie folgt.
[Illustration]
[Illustration]
Einundzwanzigstes Kapitel.
»Bruder Toby,« sagte mein Vater, »ich weiß, du bist ein so ehrlicher
Mann und hast ein so gutes und aufrichtiges Herz, als jemals Gott
erschaffen hat. Es ist auch deine Schuld nicht, wenn alle die
Kinder, welche gezeugt worden sind, können, werden, mögen, sollen
oder müssen mit dem Kopfe voran auf die Welt kommen; aber glaube es
mir, lieber Toby, es ist schon genug an den Zufällen, welche ihnen
unvermeidlicherweise über den Häuptern schweben, an den Gefahren und
Widerwärtigkeiten, die unsere Kinder umgeben, nachdem sie ihren Weg auf
die Welt gefunden haben, daß es gar nicht nötig ist, sie auf diesem
Wege unnötigerweise noch neuen Gefahren bloßzustellen.« -- »Sind diese
Gefahren,« sagte mein Onkel Toby, indem er seine Hand auf meines Vaters
Knie legte und ihm ganz ernsthaft nach einer Antwort ins Gesicht sah,
»heutzutage größer, Bruder, als vordem?« -- »Bruder Toby,« antwortete
mein Vater, »wenn ein Kind nur redlicherweise gesund und lebendig auf
die Welt kam, und sich die Mutter im Wochenbette wohl befand, weiter
bekümmerten sich unsere Vorfahren um nichts.« -- Den Augenblick zog
mein Onkel Toby seine Hand von meines Vaters Knie weg, lehnte sich ganz
sanft in seinen Stuhl zurück, hob seinen Kopf so weit in die Höhe, daß
er eben das Gesims des Zimmers sehen konnte, und alsdann brachte er in
seinen Backen die Pfeifmuskeln und in seinen Lippen die Gewölbmuskeln
in die gehörige Lage, um sein gewöhnliches Konzert anzufangen -- er
pfiff seinen Regimentsmarsch.
[Illustration]
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
»Gott segne uns! Meine arme Herrschaft wird ganz ohnmächtig, und sie
hat keine Wehen mehr, und die Tropfen sind alle geworden, und das
Julepsglas ist entzweigebrochen, und die Wartefrau hat sich in den
Arm geschnitten, und das Kind ist, wo's war, und die Bademutter ist
rücklings übergeschlagen und mit den Lenden auf den Kaminherd gefallen,
daß sie so schwarz sind, wie eine taube Kohle,« sagte Susanna. --
»Ich will danach sehen,« sagte Doktor Slop. -- »Es ist nicht nötig,«
versetzte Susanna, »sehen Sie nur nach meiner Herrschaft. Aber die
Bademutter wollte Ihnen gerne erst Bescheid sagen, wie es steht, und
läßt Ihnen sagen, Sie sollten gleich heraufkommen, daß sie mit Ihnen
sprechen könnte.«
Die menschliche Natur äußert sich auf gleiche Weise in allen
Professionen.
Eben vorher war die Hebamme dem Doktor Slop über den Kopf gesetzt
worden. Das hatte er noch nicht verdaut. »Nein,« antwortete der
Doktor, »es wäre wohl ebenso schicklich, wenn die Bademutter zu mir
herunterkäme.« -- »Ich liebe die Subordination,« sagte mein Onkel
Toby, »wenn die es nicht getan hatte, so weiß ich nicht, was nach der
Einnahme von Lisle aus der Besatzung von Gant geworden sein möchte
bei dem Brottumult Anno zehn.« -- »Ich ebensowenig,« versetzte Doktor
Slop, und parodierte meines Onkels Toby steckenreiterische Anmerkung,
obgleich er selbst ebensowohl auf seinem Steckenpferde saß. »Wüßte Herr
Kapitän Shandy, was aus der Besatzung da über unserem Kopfe geworden
sein möchte bei der Unordnung und dem Tumult, worin ich jetzt alles
finde, täte es nicht die Subordination unter ***, die mir unter meinen
jetzigen Umständen so glücklich zustatten kommt, sonst hätte es die
Shandysche Familie fühlen können, solange sie Shandysche Familie
heißt.«
[Illustration]
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Laß uns zurückgehen zu den *** im vorigen Kapitel.
Es ist ein besonderer Griff in der Redekunst -- zum wenigsten war es
einer, da die Beredsamkeit zu Athen und Rom im Flor war, und würde
es noch sein, wenn unsere Redner Mäntel trügen --, den Namen eines
Dinges nicht zu nennen, wenn man das Ding selbst bei der Hand hatte,
es husch vorzuweisen, gerade an dem Orte, wo es nötig war. Eine Wunde,
eine Narbe, ein Schwert, ein durchlöchertes Gewand, ein blutiger
Helm, anderthalb Pfund Pottasche in einer Urne, vor allen Dingen aber
ein zartes Kind in königlichem Putze. Freilich, wenn's noch zu jung
und die Rede so lang war, als Ciceros zweite Philippische, mußte es
notwendig des Redners Mantel unsauber machen. Und wiederum, wenn es zu
alt war, mußte es ihm beschwerlich fallen und seiner Aktion hinderlich
sein, dergestalt, daß er durch das Kind ebensoviel verlor, wie er
dadurch gewinnen konnte. Wenn aber ein politischer Redner das wahre
Alter bis auf eine Minute richtig getroffen, -- sein Bambino so listig
unter seinen Mantel verborgen hatte, daß keine sterbliche Nase es
riechen konnte, -- und es da in einem so entscheidenden Augenblicke
hervorbrachte, daß keine Seele sagen konnte, es würde bei den Haaren
herbeigezogen, -- o, ihr Herren, da tat es Wunder! Es hat wohl eher die
Geldbeutel einer halben Nation geöffnet, ihre Gehirne verrückt, ihre
Grundsätze erschüttert und ihre Staatskunst aus der Angel gehoben.
Solche Taten lassen sich jedoch nicht tun, außer, sage ich, in den
Staaten und Zeiten, wo die Redner Mäntel trugen. Und zwar hübsch weite,
meine lieben Brüder, von einigen dreißig oder vierzig Ellen gutem,
aufrichtigem, superfeinem, rotem Scharlach, mit lang hingegossenen
Falten, nach hoher, edler Zeichnung in der Draperie. Aus welchem
allem, mit Euer Hochwohlgeboren gnädigen Erlaubnis, erhellet, daß der
Verfall der Beredsamkeit an nichts anderem in der Welt liegt als an
den kurzen Röcken. Unter den unserigen, Madame, können wir nichts mehr
verbergen, das sich der Mühe verlohnte vorzuweisen.
[Illustration]
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Es fehlte nur um ein Härchen, so wäre Doktor Slop eine Ausnahme von dem
geworden, was ich hier alles vorgetragen habe; denn da er eben seinen
grünen Filetbeutel vor sich auf den Knien liegen hatte, als er begann,
meinen Onkel Toby zu parodieren, so war der für ihn so gut, wie der
beste Mantel von der Welt. Wes Endes er dann, als er voraussah, seine
Phrase würde mit seinem neu erfundenen Forceps endigen, seine Hand in
den Beutel steckte, um solchen bereitzuhalten, an der Stelle damit
hervorzuwischen, welches, wenn er es recht gemacht hätte, meinen Onkel
Toby gewiß gesprengt haben würde. In dem Falle wäre der Satz und der
Beweis in einem Punkte so fest ineinandergelaufen, wie die zwei Linien,
welche die vorspringende Spitze eines Ravelins machen. Doktor Slop
hätte sich gewiß herausgezogen, und mein Onkel Toby hätte ebenso leicht
daran gedacht, zu fliehen, als es mit Sturm zu erobern. Aber Doktor
Slop kramte so lange dabei, als er ihn herausnehmen wollte, daß die
ganze Wirkung darüber verloren ging. Und was noch ein zehnmal größeres
Unglück dabei war -- denn ein Unglück kommt selten allein --, sowie er
den Forceps hervorzog, brachte er schändlicherweise auch die Spritze
mit zum Vorschein.
Wenn eine Proposition in zweierlei Sinn genommen werden kann, so ist
es ein Gesetz in der Disputierkunst, daß der andere auf denjenigen von
beiden antworten mag, der ihm gut oder zuträglich dünkt. Dies brachte
den Vorteil des Arguments ganz auf meines Onkels Toby Seite. -- »Ach,
lieber Gott,« rief mein Onkel Toby, »werden die Kinder mit einer
Spritze auf die Weit gebracht?«
[Illustration]
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
»Bei meiner Ehre, Herr Doktor, Sie haben mir mit Ihrem Forceps die Haut
von meinen beiden Händen rein abgerissen,« rief mein Onkel Toby, »und
obendrein haben Sie mir alle Knöchel zu Brei gequetscht.« -- »'s ist
Ihre eigene Schuld,« sagte Doktor Slop, »Sie hätten Ihre beiden Hände
falten und halten sollen wie einen Kindeskopf, wie ich Ihnen sagte,
und festsitzen.« -- »Das tat ich ja,« antwortete mein Onkel Toby. --
»Ja, so müssen die Zähne meines Forceps nicht recht gefüttert oder das
Niet zu locker sein, oder auch der Schnitt in meinen Daumen hat mich
nicht recht ansetzen lassen, oder, es ist auch möglich --« -- »Ein
Glück ist's,« sagte mein Vater und unterbrach das Herrechnen aller
Möglichkeiten, »daß das Experiment nicht zuerst an meines Kindes Kopf
gemacht ist.« -- »Das hätte ihm nicht soviel schaden sollen, als ich im
Auge leiden kann,« antwortete Doktor Slop. -- »Ich behaupte es,« sagte
mein Onkel Toby, »es hätte sein Zerebellum zerbrochen oder der Schädel
hätte so hart sein müssen wie eine Granate, und ein ordentliches
Pappmus daraus gemacht.« -- »Warum nicht gar!« versetzte Doktor Slop;
»ein Kindskopf ist von Natur so weich wie ein gebratener Apfel. Die
Suturen geben nach. Und überdem hätte ich's auch hernach bei den Füßen
holen können.« -- »Das sollen Sie wohl bleiben lassen,« sagte Susanna.
-- »Ich wünschte lieber, daß Sie den letzten Weg gleich einschlügen,«
sagte mein Vater.
»O tun Sie doch das,« setzte mein Onkel Toby hinzu.
[Illustration]
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
»Es ist zwei Stunden und zehn Minuten, und länger nicht,« schrie mein
Vater, wobei er auf die Uhr sah, »seitdem Doktor Slop und Obadiah
angekommen sind. Und ich weiß nicht, Bruder Toby, wie es zugeht, aber
meinen Gedanken kommt's fast wie hundert Jahre vor.«
Da, mein Herr, nehmen Sie, ich bitte, meine Kappe. Ja, die Schelle nur
auch, und meine Pantalonsschuhe dazu.
Nun sehen Sie, mein Herr, es steht alles zu Ihrem Dienst. Und es soll
Ihnen geschenkt sein, wenn Sie mir alle Ihre Aufmerksamkeit für dieses
Kapitel leihen wollen.
Obgleich mein Vater sagte, er wüßte nicht, wie es zuginge, so wußte
er doch recht gut, wie es zuging. Und den Augenblick, da er es
sagte, war er schon in seinem Sinne entschlossen, meinem Onkel Toby
eine metaphysische Dissertation über die Dauer und ihre simplen
Modifikationen zu halten, um ihm die Sache klarzumachen und ihm zu
beweisen, durch welchen Mechanismus und Maßstab im Gehirn es geschehen,
daß die schnell abwechselnde Folge ihrer Ideen und das beständige
Überhüpfen ihres Gespräches von einer Sache zur anderen, seitdem Doktor
Slop zu ihnen ins Zimmer gekommen, eine so kurze Zeit zu einer so
unbegreiflichen Länge habe ausdehnen können. -- »Ich weiß nicht, wie es
zugeht,« sagte mein Vater, »aber es kommt mir vor wie hundert Jahre.«
»Das kommt bloß von der Folge unserer Ideen,« sagte mein Onkel Toby.