Mein Onkel Toby ward im Gesicht rot wie Scharlach, als Trim so

fortfuhr. Es war aber nicht aus bösem Gewissen, daß er rot wurde, noch

aus Bescheidenheit oder Ärger. Es war ein freudiges Erröten. Korporal

Trims Projekt und Beschreibung trieb ihm das Blut zu Kopfe. -- »Trim,«

sagte mein Onkel Toby, »Er hat genug gesagt.« -- »Wir könnten an

ebendem Tage in Kampagne gehen,« fuhr Trim fort, »wenn unsere Völker

und die Alliierten ins Feld rücken, und eben so geschwind Stadt für

Stadt einnehmen und demolieren, als --« »Trim,« sprach mein Onkel

Toby, »sage Er nichts mehr.« -- »Euer Gnaden,« sprach Trim immer

weiter, »könnten in Ihrem Lehnstuhl sitzen« -- indem er darauf zeigte

-- »bei dem schönen Wetter, und gäben Ihre Order, und so wollte ich

--« »Nichts mehr, Trim,« rief mein Onkel Toby. -- »Noch dazu wäre es

für Euer Gnaden nicht allein Vergnügen und guter Zeitvertreib, sondern

gute, frische Luft, gute Bewegung und gute Gesundheit obendrein,

und Euer Gnaden Wunde würde in einem Monat zu sein.« -- »Er hat

genug gesagt, Trim,« rief mein Onkel Toby, und griff dabei in seine

Beinkleidertasche. »Sein Projekt gefällt mir sehr gut.« -- »Und wenn

Euer Gnaden erlauben, so will ich stehenden Fußes hingehen und einen

Pionierspaten kaufen, den wir mitnehmen, und will eine Schaufel

bestellen und eine Spitzhacke, und ein paar --« -- »Still, still,

Trim,« sagte mein Onkel Toby, sprang auf ein Bein, ganz von Entzücken

überwältigt, drückte ein Goldstück in Trims Hand und sprach: »Sage

Er kein Wort weiter, lieber Bursche, sondern gehe Er den Augenblick

hinunter, daß ich gleich mein Abendessen bekomme.«

Trim lief hinunter und brachte seinem Herrn das Essen. -- Aber da

stand's. -- Trims Operationsplan lief meinem Onkel Toby so im Kopfe

herum, daß er nichts davon kosten konnte. »Trim,« sagte mein Onkel,

»bringe Er mich zu Bett.« -- Es war auch nichts. -- Korporal Trims

Beschreibung hatte seine Imagination erhitzt. Mein Onkel Toby konnte

kein Auge zutun. Je mehr er sie betrachtete, desto bezaubernder kam ihm

die Szene vor. -- Und zwei volle Stunden vor Tagesanbruch schon hatte

er seine endliche Entschließung gefaßt und den ganzen Plan zu seinem

und Korporal Trims Abmarsch ins reine gebracht.

Mein Onkel Toby hatte ein eigenes kleines, hübsches Landhaus in dem

Dorfe, wo die Shandyschen Güter lagen; das hatte ihm ein alter Onkel

vermacht und so viele Ländereien dabei, die jährlich fünfhundert

Reichstaler Pacht trugen. Von hinten stieß ein Küchengarten an dieses

Haus von ungefähr einem halben Morgen Land, und hinter dem Garten und

durch eine hohe Taxushecke davon getrennt, war ein grüner Spielplatz,

der ungefähr soviel Grundmasse enthielt, wie Korporal Trim wünschte,

so daß, als Korporal Trim die Worte sagte, »und hätten wir nur einen

Viertelmorgen und ein halbes Terrain, womit wir machen könnten, was

wir wollten«, sich dieser leibhafte grüne Spielplatz auf einmal

darstellte und im Hui in meines Onkels Phantasie vortrefflich gemalt

erschien. -- Und das war die physische Ursache, die ihn die Farbe

verändern ließ oder wenigstens seine Gedichtsröte zu dem ungemäßigten

Grade trieb, von dem ich sprach.

Niemals kann ein Liebhaber nach seiner teuren Geliebten mit mehr

Hitze und größerer Erwartung reiten oder fahren, als mein Onkel tat,

um dieses liebe Ding so für sich allein zu genießen. -- Ich sage,

so für sich allein. -- Denn er war abgesondert vom Hause durch eine

hohe Taxushecke, wie ich Ihnen schon gesagt, und an den drei anderen

Seiten war es vor dem Gesicht der Sterblichen mit dickem, grünem, wild

verwachsenem Gebüsch verdeckt. So daß der Gedanke, nicht gesehen zu

werden, nicht gering zu der Hoffnung des Vergnügens beitrug, das sich

mein Onkel Toby in seinem Gemüt vorbildete. Eitler Gedanke -- es mag

noch so dicht bewachsen sein, noch so einsam scheinen --, zu hoffen,

liebster Onkel Toby, du könntest ein Ding genießen, das einen ganzen

Viertelmorgen und einen halben Grund und Boden umfaßt, ohne daß es

bekannt würde!

Wie mein Onkel Toby und Korporal Trim diese Sache angriffen, nebst

der Geschichte ihrer Feldzüge, welche gar nicht leer an Begebenheiten

waren, kann eine ganz interessante Nebenhandlung abgeben, die mit der

Haupthandlung dieses Dramas fortläuft. -- Jetzt muß der Vorhang fallen,

-- der Schauplatz verwandelt sich in das Wohnzimmer mit dem Kaminfeuer.

[Illustration]

Zwölftes Kapitel.

»Was mögen sie vorhaben?« sagte mein Vater. -- »Ich denke,« antwortete

mein Onkel Toby, wobei er, wie ich Ihnen sagte, die Pfeife aus dem

Munde nahm und die Asche ausklopfte. -- »Ich denke,« antwortete er, »es

wäre wohl gut, Bruder, wenn wir klingelten.«

»Höre, Obadiah, was heißt das Gepoltere über unserem Kopfe?« fragte

mein Vater. »Mein Bruder und ich können kaum hören, was wir sprechen.«

»Herr,« antwortete Obadiah, und beugte seine linke Schulter vor,

»Madame ist ganz übel geworden.« -- »Und was hat Susanna da im Garten

zu rennen, als wenn ein halbes Dutzend Ehrenräuber hinter ihr wären?«

-- »Herr, sie rennt den kürzesten Weg,« versetzte Obadiah, »die alte

Bademutter zu holen.« -- »So sattelt ein Pferd,« sagte mein Vater, »und

reitet geschwind zum Doktor Slop, dem Akkoucheur. Wir ließen ihn alle

grüßen, -- und sagt ihm, daß Madame in Kindesnöten ist und daß ich ihn

bitten lasse, er möchte gleich mit Euch kommen.«

»Es ist sehr närrisch,« sagte mein Vater zu meinem Onkel Toby,

als Obadiah die Türe zugemacht hatte, »da wir einen so erfahrenen

Geburtshelfer wie Doktor Slop so ganz in der Nähe haben, daß meine Frau

bis auf den letzten Augenblick auf ihrer eigensinnigen Grille bestehen

und das Leben ihres Kindes, das schon sein Teil Leiden gehabt hat, der

Unwissenheit eines alten Weibes anvertrauen muß. -- Und nicht allein

das Leben meines Kindes, Bruder, sondern auch ihr eigenes und das Leben

aller der Kinder dazu, die ich hernach vielleicht noch hätte mit ihr

haben können.«

»Es kann sein, Bruder,« versetzte mein Onkel Toby, »daß sie's tut, um

die Unkosten zu sparen.« -- »Ein Endchen Licht lieber!« erwiderte mein

Vater. »Der Doktor muß sein Geld haben, er tue was dafür oder nicht;

wo nicht noch mehr, um ihn bei guter Laune zu erhalten.« -- »Dann kann

es wohl aus keiner anderen Ursache sein,« sagte mein Onkel Toby in

der Arglosigkeit seines Herzens, »als aus Schamhaftigkeit. Vielleicht

schämte sich meine Schwester,« fuhr er fort, »käme ihr eine Mannsperson

zu nahe an ***.« Ich will nicht Sagen, ob mein Onkel Seinen Satz

geschlossen hatte oder nicht. Desto besser für ihn, daß man glaubt,

er habe seinen Punkt gemacht. Denn nach meiner Meinung hätte er kein

einziges Wort hinzusetzen können, um ihn zierlicher zu machen.

Hatte hingegen mein Onkel Toby die Periode nicht ganz zu Ende gebracht,

so hat die Welt dem Umstande, daß meines Vaters Tabakspfeife plötzlich

zerbrach, eins der nettesten Exempel von der zierlichen Figur in der

Redekunst zu danken, welche die Rhetoriker Aposiopesis nennen. --

Hilf Himmel! Wie genau kommt es nicht auf das +Poco più+ und das

+Poco meno+ der italienischen Artisten, auf das unmerkliche mehr

oder weniger an, die wahre Schönheitslinie sowohl in einer Periode

als in einer Statue zu treffen! Wie kann doch der geringste Zug des

Griffels, des Pinsels, der Feder, des Violinbogens usw. diese wahre,

sanfte Rundung geben, welche das wahre Vergnügen erregt! O meine

lieben Landsmänner, seid sorgfältig, seid behutsam mit eurer Zunge,

und niemals, o niemals laßt es euch aus dem Sinne kommen, an was für

kleinen Partikeln eure Beredsamkeit hängt und euer Ruhm.

»Meine Schwester schämte sich vielleicht,« sagte mein Onkel Toby, »käme

ihr eine Mannsperson zu nahe an ***.« Diese Sternchen gemacht, und es

ist eine Aposiopesis. Die Sternchen weggenommen und dafür geschrieben

das Gesäß -- Zote wird's. Streicht man das Gesäß aus und setzt dafür

den bedeckten Weg, so wird's eine Metapher. Und da meinem Onkel Toby

das Fortifikationswesen so sehr im Kopfe lag, so getraue ich mir zu

sagen, hatte man ihn noch ein Wort hinzusetzen lassen, -- so war's das

Wort.

Ob das aber geschehen oder nicht geschehen, oder ob mein Vater seine

Tabakspfeife in dem kritischen Augenblick von ungefähr oder aus

Unwillen zerbrach, wird sich zu rechter Zeit ausweisen.

[Illustration]

Dreizehntes Kapitel.

Obgleich mein Vater ein guter natürlicher Philosoph war, so war er doch

auch so etwas von einem Moralisten dabei. Deswegen hätte er, als ein

solcher, da seine Pfeife in der Mitte entzweibrach, beide Stücke nehmen

und gelassen ins Kaminfeuer werfen sollen. Und damit gut! -- Das ließ

er aber wohl bleiben. Er warf sie mit aller möglichen Heftigkeit und,

um der Handlung noch mehr Nachdruck zu geben, Sprang er vom Stuhl auf

beide Füße, um sie auszuüben.

Dies hatte so etwas Ähnliches von Hitze. Und die Art, womit er auf das,

was mein Onkel Toby sagte, antwortete, bewies es.

»Schämen,« sagte mein Vater und wiederholte meines Onkels Tobys Worte,

»käme ihr eine Mannsperson zu nah an. Wahrhaftig, Bruder Toby! Hiobs

Geduld solltest du ermüden, die ich nicht habe; obgleich schon seine

Plagen, dünkt mich.« -- »Wie so? -- Warum? -- Worin? -- Weswegen? --

Worüber?« versetzte mein Onkel Toby mit dem größten Erstaunen. -- »Wenn

ich bedenke, daß ein Mann so alt geworden sein kann, wie du, Bruder,

und noch so wenig Weiberkenntnis hat!« -- »Ich kenne von ihnen gar

nichts,« versetzte mein Onkel Toby, »und ich dächte,« fuhr er fort,

»der Puff, den ich das Jahr nachher, da Dünkirchen geschleift ward, in

der Affäre mit der Witwe Wadman bekam, welchen Puff ich, wie du weißt,

nicht bekommen haben würde, hätte ich nur die geringste Kenntnis vom

Frauenzimmer gehabt, hätte mir wohl eine gerechte Ursache gegeben, zu

sagen, daß ich von den Weibern und ihren Sachen weder etwas weiß, noch

zu wissen verlange.« -- »Mich deucht, Bruder,« versetzte mein Vater,

»soviel könntest du doch wenigstens wissen, das rechte Ende eines

Weibes vom unrechten zu unterscheiden.«

In Aristoteles' Meisterstücke wird gesagt: »Wenn ein Mensch an etwas

denkt, das vorbei ist, so sieht er nieder auf die Erde; aber, wenn

er an etwas denkt, das noch zukünftig ist, so sieht er aufwärts gen

Himmel.«

Mein Onkel Toby dachte also wohl an keins von beiden, denn er sah

gerade vorwärts. »Rechte Ende!« sagte mein Onkel Toby, murmelte es

leise in den Bart und blieb dabei, wie er's murmelte, unvermerkt mit

den Augen an einer kleinen Spalte hängen, die eine losgewichene Fuge

im Gesimse des Kamins gemacht hatte. -- »Rechte Ende eines Weibes! --

Fürwahr,« sagte mein Onkel, »ich weiß ebensowenig, was das ist, als der

Mann im Monde. -- Und wenn ich auch einen ganzen Monat darauf sänne« --

er hielt dabei noch immer die Augen auf die losgewichene Fuge --, »so

weiß ich gewiß, ich würde es nicht ausfindig machen.«

»So will ich's dir sagen, Bruder,« erwiderte mein Vater. --

»Jedes Ding in der Welt,« fuhr mein Vater fort, indem er eine frische

Pfeife füllte, »jedes Ding in dieser Welt, mein lieber Bruder Toby,

hat zwei Enden.« -- »Nicht immer,« versetzte mein Onkel Toby. -- »Zum

wenigsten,« versetzte mein Vater, »immer zwei Seiten, was auf eins

ausläuft. -- Nun, wenn sich jemand hinsetzt und überlegt mit kaltem

Blute bei sich selbst, die Gestalt, den Bau, das Beikommensvermögen

und die Brauchbarkeit aller Teile des Ganzen an dem Tiere, genannt

Weib, und vergleicht solche analogisch« -- »Ich habe den Sinn dieses

Wortes niemals deutlich verstanden,« sagte mein Onkel Toby. --

»Analogie,« versetzte mein Vater, »heißt ein gewisses Verhältnis und

Übereinstimmung, die verschie --« Hier brach ein vertracktes Klopfen

an der Türe meines Vaters Definition -- wie seine Tabakspfeife --

in Stücken und zertrat einer der merkwürdigsten und sinnreichsten

Dissertationen den Kopf, die jemals im Schoße der Spekulation erzeuget

worden; es gingen einige Monate hin, ehe mein Vater Gelegenheit finden

konnte, glücklich davon entbunden zu werden. Und bis auf diese Stunde

ist es -- wegen Verwirrung und Mannigfaltigkeit unserer häuslichen

Unglücksfälle, die sich nun scharenweise auf die Fersen treten --,

ebenso problematisch, als der Gegenstand der Dissertation selbst -- ob

ich in diesem Buche einen Platz dafür finden werde oder nicht.

[Illustration]

Vierzehntes Kapitel.

Stellen Sie sich eine kleine, quabbelige, plattnasige Figur von einem

Doktor Slop vor, von ungefähr vier und einem halben Fuß perpendikularer

Höhe. Mit einer Breite von Rücken und einer Janitscharentrommel von

Bauch, worauf sich ein Feldwebel unter der Reitergarde nicht wenig

hätte einbilden können.

So sah der Umriß von Doktor Slops Figur aus, die, wie Sie wissen, wenn

Sie Hogarths Zergliederung der Schönheit gelesen haben, wo nicht, so

wünsche ich, daß Sie solche noch lesen, ebenso gewiß durch drei Züge

beschrieben und zu Gemüte geführt werden kann wie durch dreihundert.

So einen stellen Sie sich vor, denn so, sage ich, war der Umriß von

Doktor Slops Figur beschaffen, wie er ganz langsam, Schritt für

Schritt, durch den Kot daherschwankte, auf dem Rückgrate eines kleinen

winzigen Rößleins von hübscher Farbe. Aber an Umfang -- o weh! -- kaum

soviel, daß es unter einem solchen Packen hätte zum Trott gebracht

werden können, wären die Wege auch trocken und eben gewesen, was sie

gar nicht waren. Nun stellen Sie sich Obadiah vor, auf einem Riesen von

Kutschpferd, das er zum vollen Galopp angetrieben hat, wie er mit aller

Hast ihm entgegenreitet.

Ich bitte Sie, mein Herr, nehmen Sie doch einen Augenblick Anteil an

dieser Beschreibung.

Hätte Doktor Slop den Obadiah in einer Entfernung von tausend Schritten

wahrgenommen, wie er in einem schmalen Fuhrwege so ungeheuerlich

auf ihn zu jagte, wie der Dreckteufel durch dick und dünn auf allen

Seiten spritzte und schlenkerte, als er sich näherte, sollte nicht

ein solches Phänomen mit einem solchen Wirbel von Schlamm und Wasser,

das sich um seine Achse drehte, dem Doktor Slop in seinen Umständen

eine weit fürchterlichere Erscheinung sein als der drohendste Komet?

Nicht einmal seines Kerns, das ist Obadiah und sein Kutschpferd, zu

gedenken. So war -- nach meiner Meinung -- sein Wirbel allein genug,

wo nicht den Doktor, doch wenigstens sein Rößlein zu fassen und rein

mit fortzureißen. Was denken Sie, wie groß muß die Angst, Schlamm-

und Wasserscheu des Doktor Slop gewesen sein, wenn Sie lesen, was

im Augenblick geschehen wird, daß, als er eben so ganz sinnig und

bedächtig nach Shandy-Hall zuritt, nur noch sechzig Ruten weit davon

war und fünf von einer scharfen Ecke der Gartenmauer, Obadiah und

sein Kutschpferd plötzlich wütend um die Ecke und gerade auf ihn

lossprengten! -- Nein, in der ganzen Natur kann nichts Schrecklicheres

gedacht werden als ein solcher Zusammenstoß. So unerwartet, so übel

vorbereitet wie der Doktor Slop war, einen solchen Überfall zu erleben.

Was konnte Doktor Slop tun? Er bekreuzigte sich. Warum nicht gar? Nun

ja, mein Herr, der Doktor war ein Katholik. Einerlei; er hätte besser

getan, sich am Sattelknopf festzuhalten. Das wohl! Ja, wie die Sache

ging, hätte er lieber ganz und gar nichts tun sollen. Denn wie er das

Kreuz schlug, ließ er seine Peitsche fallen, und als er solche zwischen

seinem Knie und dem Sattelleder wieder fangen wollte, verlor er den

Steigbügel. Und indem er den verlor, verlor er auch den Sitz im Sattel.

Und über der Menge aller dieser Verluste -- was nebenher beweisen

kann, wie wenig das Bekreuzigen nützt -- verlor der arme Doktor

seine Geistesgegenwart, so daß er, ohne den Überfall von Obadiah zu

erwarten, sein Tier seinem eigenen Schicksale überließ, seitwärts davon

herunterpurzelte, ungefähr wie ein Packen Wolle, ohne irgendeine andere

Folge des Falles, als daß er -- wie es natürlich zuging -- mit seinem

breitesten Teile zwölf Zoll tief im Moraste versunken liegen blieb.

Obadiah zog zweimal seine Kapuze vor dem Doktor ab. Einmal, als er

fiel, und als er ihn sitzen sah wiederum. Unzeitige Höflichkeit!

Hätte der Kerl nicht lieber sein Pferd anhalten, absteigen und ihm

helfen können! Er tat alles, mein Herr, was er in seinen Umständen tun

konnte. Aber der Schuß des Kutschpferdes war zu heftig, daß Obadiah

nicht sogleich konnte, wie er wollte. Er ritt dreimal in einem Zirkel

um Doktor Slop herum, ehe er's möglich fand, und zuletzt, als er sein

Pferd zum Stehen brachte, geschah es mit einem solchen Schwall von

Schlamm, daß Obadiah lieber eine Meile weit davon hätte sein mögen.

Kurz, in seinem Leben war Doktor Slop noch nicht so transubstanziert

worden, seitdem das Transubstanzieren Mode geworden ist.

[Illustration]

Fünfzehntes Kapitel.

Als Doktor Slop in das Hinterzimmer trat, worin mein Vater und mein

Onkel saßen und ihre Unterredung über das Frauenzimmer hatten, war

es schwer zu entscheiden, ob Doktor Slops Gestalt oder Gegenwart

sie mehr in Verwunderung setzte. Denn weil das Unglück sich nahe

beim Hause zutrug, daß Obadiah es nicht der Mühe wert hielt, ihm

wieder aufs Pferd zu helfen, so hatte ihn Obadiah, so wie er war,

ungestriegelt, ungebürstet und ungespült, mit allen seinen Flecken und

Klecksen hineingeführt. Er stand wie Hamlets Geist, unbeweglich und

stumm, anderthalb Minuten an der Zimmertür -- Obadiah hielt beständig

seine Hand angefaßt -- in aller Majestät des weichen Urstoffs des

ersten Menschen. Die hinteren Falten seines Kleides, welche ihm zum

Kissen gedient, waren gänzlich davon getränkt, und alle übrigen Teile

desselben waren so über und über gesprenkelt von Obadiahs Schwall, daß

Sie geschworen hätten -- ohne sich etwas im Sinne vorzubehalten --, es

wäre kein Schmutzkörnchen an ihm verloren oder vorbeigegangen.

Hier war eine schöne Gelegenheit für meinen Onkel Toby, seinerseits

über meinen guten Vater zu triumphieren. Denn kein Sterblicher, welcher

den Doktor Slop eingepökelt gesehen, hätte wenigstens das nicht von

meines Onkels Toby Meinung ableugnen können, »daß meine Schwester es

nicht gerne hätte, es käme ihr ein solcher Doktor Slop so nahe an

›***‹«. Allein das war ein +Argumentum ad hominem+, und weil mein

Onkel Toby nicht recht gewandt darin war, so können Sie denken, daß er

sich deswegen nicht gern damit abgab. Nein, die Ursache war -- Spott

und Hohn war seine Sache nicht.

Doktor Slops Gegenwart war um die Zeit ebenso unerklärbar als die Art

und Weise derselben. Obgleich soviel richtig ist, daß ein Augenblick

Nachdenkens meinen Vater hätte zurechtweisen können. Denn er hatte erst

die Woche vorher dem Doktor Slop davon Nachricht gegeben, daß meine

Mutter am Ende ihrer Rechnung wäre. Und da der Doktor nachher nichts

weiter davon gehört hatte, so war's natürlich und politisch von ihm,

einen Spazierritt nach Shandy-Hall zu machen, bloß um zu sehen, wie es

da stünde.

Allein meines Vaters Gedanken nahmen unglücklicherweise einen

verkehrten Weg bei der Untersuchung und hielten sich, wie mein allzeit

fertiger Kritikus, bloß bei dem Klingeln und dem Pochen an der Tür auf,

maßen den Zeitraum von einem zum andern, und waren dergestalt bei der

Operation geschäftig, daß sie alles andere in der Welt nichts anging.

Ein gewöhnlicher Fehler der größten Mathematiker, die mit Macht und

Gewalt an der Demonstration arbeiten und darüber so sehr ihre Kräfte

verschwenden, daß sie keine übrig behalten, den Schluß zu ziehen und

die Anwendung zu machen.

Das Klingeln und das Pochen an der Tür wirkte zwar auch stark auf

das Sensorium meines Onkels Toby. Sie brachten aber ein ganz anderes

Gefolge von Gedanken in Gang. Die beiden unvereinbarten Punkte des

Abstoßes brachten augenblicklich den Stevinus mit in meines Onkels

Gedanken. Was Stevinus mit dieser Sache zu tun hatte, ist wohl das

größte Problem von allen; es soll aufgelöst werden. In dem nächsten

Kapitel aber noch nicht.

[Illustration]

Sechzehntes Kapitel.

Bücherschreiben, wenn's am rechten Ende angegriffen wird -- Sie können

sich darauf verlassen, daß ich denke, das meinige sei es --, ist nur

eine andere Benennung für Konversation. Da niemand, der weiß, wie er

sich in Gesellschaft benehmen muß, es wagen wird, alles herauszusagen,

so wird kein Schriftsteller, der die Grenzen seines Dekorums und der

guten Lebensart kennt, so voreilig sein, alles zu denken. Die größte

Ehrerbietung, die Sie dem Verstande Ihres Lesers erweisen können,

ist, wenn Sie freundschaft-brüderlich mit ihm teilen und seiner

Einbildungskraft ebensowohl etwas zu schaffen übrig lassen als Ihrer

eigenen.

Ich meinesteils lasse es an Höflichkeitsbezeigungen von dieser Art

niemals fehlen und tue alles, was in meinem Vermögen Steht, seine

Imagination ebenso geschäftig zu erhalten wie die meinige.

Die Reihe ist jetzt an ihm; ich habe von Doktor Slops jämmerlichem

Sturz und Fall, von seinem erbärmlichen Aufzuge in dem Hinterzimmer

eine Beschreibung gegeben. Nun muß seine Einbildung sich eine Weile

damit beschäftigen.

Der Leser bilde sich also ein, daß Doktor Slop seine Geschichte erzählt

habe. Mit was für Worten und Vergrößerungen es seiner Phantasie

beliebt. Er nehme an, daß Obadiah die seinige gleichfalls erzählt

habe, und mit so traurigen Gebärden und angenommenem Leidwesen,

als er glaubt, das die beiden Figuren, die nebeneinanderstehen, in

die beste Gegenhaltung setzen kann. Er bilde sich ein, daß mein

Vater hinaufgegangen sei, meine Mutter zu sehen. Und um dieses

Werk der Einbildungskraft zu Ende zu bringen, denke er sich den

Doktor gewaschen, abgerieben, kondoliert, gratuliert, in einem Paar

niedergetretener Schuhe, von Obadiah geborgt, nach der Türe gehend und

im Begriff zu agieren.

Gemach! -- gemach, lieber Doktor Slop! -- halte deine Hand zurück!

Stecke sie ruhig wieder in deinen Busen, daß sie warm bleibe. Du weißt

wenig davon, was für Schwierigkeiten, was für verdeckte Hindernisse

ihrem Wirken im Wege liegen! Hat man dir, lieber Doktor Slop, hat

man dir die geheimen Artikel des feierlichen Vertrages anvertraut,

demzufolge du hierher gebracht bist? Hast du es schon gemerkt, daß

in diesem Augenblick eine von Lucinens Töchtern über dir steht? Ach,

es ist leider nur zu wahr! Außerdem, großer Sohn des Pilumnus, was

kannst du machen? Du bist unbewaffnet erschienen, du hast dein +Tire

tête+, deinen neuerfundenen Forceps, dein Crochet, dein Squirt und

alle deine Rettungs- und Erlösungswerkzeuge zu Hause gelassen. -- Beim

Himmel! Da hängen sie im grünen Filetbeutel, zwischen deinen beiden

Pistolen, am Kopfende deines Bettes! Klingle! Rufe! Sende Obadiah auf

dem Kutschpferde zurück, daß er sie in aller Eile herhole.

»Eilet, was Ihr könnt, Obadiah,« sagte mein Vater, »und ich gebe Euch

einen Gulden.« -- »Von mir,« sagte mein Onkel Toby, »noch einen.«

[Illustration]

Siebzehntes Kapitel.

»Ihre plötzliche unerwartete Ankunft,« sagte mein Onkel Toby zum Doktor

Slop -- alle drei setzten sich beim Kaminfeuer nieder, als mein Onkel

Toby zu sprechen begann -- »erinnerte mich augenblicklich an den großen

Stevinus, der, wie ich Ihnen sagen muß, mein Leib-Autor ist.« -- »So,«

unterbrach ihn mein Vater, »so will ich vierzig Dukaten gegen einen

Gulden setzen -- welchen ich Obadiah geben kann, wenn er zurückkommt

--, daß dieser Herr Stevinus ein Ingenieur oder so was ist, oder

daß er, es sei auch, was es sei, mittelbar oder unmittelbar von der

Fortifikation geschrieben hat.« --

»Das hat er,« versetzte mein Onkel Toby. »Dacht' ich's nicht?« sagte

mein Vater. »Ob ich gleich, und sollte mich's das Leben kosten, nicht

einsehen kann, was zwischen des Herrn Doktors Slop unerwarteter

Ankunft und einer Abhandlung von der Fortifikation für eine Art

von Zusammenhang sein kann. Doch hab' ich's gefürchtet. Bruder! wir

mögen doch sprechen, wovon wir wollen, oder laß die Gelegenheit noch

so weit weg oder unschicklich für dein Thema sein, so mußt du es

doch einschieben. Nein, Bruder Toby,« fuhr mein Vater fort. »Nein,

wahrhaftig, so voll möchte ich doch auch meinen Kopf nicht von Kurtinen

und Hornwerken haben.« -- »Das glaub' ich wohl, daß Sie das nicht

möchten,« sagte Doktor Slop, indem er einfiel und ganz unmäßig über

sein Wortspiel lachte.

Dennis, der kritische Meister, konnte ein Wortspiel oder nur einen

Anschein vom Wortspiele nicht herzlicher verabscheuen und hassen als

mein Vater. -- Er runzelte immer die Stirne, wenn er eins hörte. Aber,

wenn man ihn in einer ernsthaften Rede durch eine solche Witzelei

unterbrach, pflegte mein Vater zu sagen, das wäre so gut, als wenn man

ihm Nasenstüber gäbe. Er wüßte keinen Unterschied.

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy · 第 4 / 20 段