ein Rätsel auf die Bahn werfen, welches sonst meine Art nicht ist,
als ihn nach der Ursache herumsinnen lassen --, daß ein Unfall dieser
Art so lange Jahre aufgehoben werden könnte, Friede und Einigkeit zu
stören, welche sonst so herzlich zwischen meinem Vater und Onkel Toby
obwalteten. Man sollte gedacht haben, die ganze Macht des Unglücks
würde sich gleich in der ersten Zeit in der Familie gebrochen und
verloren haben, wie gemeiniglich zu geschehen pflegt. Aber in unserer
Familie nahm alles seine ganz besondere Wendung. Vielleicht hatte
sie damals, als es sich zutrug, ein anderes Kreuz zu tragen. Und da
uns doch Kreuz und Leiden zu unserem Besten gesendet werden, und
dies hier der Shandyschen Familie noch niemals zum Besten gediehen
war, so lag es vielleicht und wartete, bis ihm die rechte Zeit und
Umstände Gelegenheit gaben, seine Dienste auszuüben. -- Bemerken Sie
wohl, ich entscheide hierin nichts. -- Meine Gewohnheit ist immer,
dem Forschbegierigen von verschiedenen Spuren einen Fingerzeig zu
geben, nach welchem er bis zu den ersten Quellen der Begebenheiten
gelangen kann, die ich erzähle. -- Nicht mit dem entscheidenden Tone
des Tacitus, der sich selbst und seine Leser überwitzt, sondern mit
der gehorsamsten Dienstbeflissenheit eines Herzens, das sich bloß dem
Dienst der Forschbegierigen gewidmet hat. -- Für diese schreibe ich --
und diese werden mich lesen bis -- wenn nur irgendein Lesen wie dieses
so lange aushalten könnte -- bis ans Ende der Welt hinzu.
Warum also die Ursache des Verdrusses solchergestalt für meinen Vater
und Onkel aufgespart worden, das lasse ich unentschieden. Wie aber und
in was für einer Richtung es wirkte, um Veranlassung zu Mißvergnügen
unter ihnen zu geben, nachdem es einmal in Gang gekommen war, das bin
ich imstande mit großer Genauigkeit zu erklären, und ist wie folgt.
Mein Onkel Toby Shandy, Madame, war ein Offizier, der neben den
Tugenden, welche gewöhnlich den Charakter eines ehrlichen und
rechtschaffenen Mannes bestimmen, noch eine andere in einem hohen Grade
besaß, die selten oder niemals ins Verzeichnis gesetzt wird. Diese war
eine außerordentliche und unvergleichliche Züchtigkeit der Natur. --
Doch nehme ich das Wort Natur als Ursache zurück, damit ich nicht eine
Sache vorher abtue, die später vorkommen muß. Ob nämlich diese seine
Züchtigkeit natürlich oder erworben war. -- Auf welche Weise aber mein
Onkel dazu gelangt sein mochte, es war allemal Züchtigkeit im wahrsten
Sinne. Und zwar, Madame, nicht in Worten -- denn er war so unglücklich,
daß er nicht viel Wahl darunter hatte --, sondern in Taten. Und diese
sittsame Zucht beherrschte ihn dergestalt und ging bei ihm so weit,
daß sie womöglich der Züchtigkeit eines Frauenzimmers fast gleichkam.
Dieser weiblichen Sittsamkeit, Madame, und innerlichen Keuschheit der
Sinne und Gedanken Ihres Geschlechts, wodurch Sie dem unserigen so
große Ehrfurcht einflößen.
Sie werden glauben, Madame, daß mein Onkel Toby alles dieses aus der
wahren Quelle geschöpft habe, -- daß er seine Zeit im Umgange mit
Ihrem Geschlecht zugebracht und daß er durch eine völlige Kenntnis von
Ihnen und durch die Macht der Nachahmung, welche so schöne Beispiele
unwiderstehlich machen, diese liebenswürdige Eigenschaft des Gemüts
erworben habe.
Ja, ich wollte, daß ich das sagen könnte! -- Doch außer mit seiner
Schwägerin, meines Vaters Frau und meine Mutter, wechselte er mit
einem anderen Frauenzimmer nie drei Worte in ebensoviel Jahren. --
Nein, er erlangte sie im Wurfe, Madame. -- Im Wurf! -- Ja, Madame,
es kam von einem Stein, der bei der Belagerung von Namur durch eine
Kanonenkugel von einem Hornwerke abgerissen und meinem Onkel Toby
gerade aufs Latzbein geworfen wurde. -- Wie konnte der die Wirkung tun?
Die Erzählung davon, Madame, ist lang und anziehend. Aber ich würde
meine Historie ganz zusammendrängen, wenn ich sie Ihnen hier geben
wollte. Sie ist weiterhin zu einer Episode bestimmt und soll Ihnen mit
allen sich darauf beziehenden Umständen an gehöriger Stelle getreulich
vorgelegt werden. Bis dahin steht es nicht in meiner Gewalt, Ihnen mehr
Licht von der Sache zu geben oder mehr zu sagen, als ich bereits gesagt
habe: -- Daß mein Onkel Toby ein Offizier von einer unvergleichbaren
Züchtigkeit war, welche zufälligerweise durch die beständige Hitze
eines kleinen Familienstolzes verdünnt und verfeinert wurde, so, daß
beide zugleich so bei ihm arbeiteten, daß er die Geschichte von Tante
Dinah niemals erwähnen hören konnte, ohne in heftige Gemütsbewegung
zu geraten. -- Die geringste Anspielung darauf war hinreichend,
ihm das Blut ins Gesicht zu treiben. Wenn aber mein Vater gar in
vermischten Gesellschaften sich weitläufiger darüber ausließ, wozu
er sich oft, um seine Hypothesen zu erläutern, genötigt sah, so fraß
dieser unglückliche Meltau auf einem der schönsten Zweige der Familie,
in meines Onkels Ehrliebe und Züchtigkeit, blutige Wunden; dann nahm
er oft meinen Vater mit aller nur erdenklichen Besorglichkeit auf die
Seite, um ihm vorzustellen, er wolle ihm alles geben, was er in der
Welt hätte, wenn er nur die Geschichte ruhen lassen möchte.
Mein Vater, glaube ich, hegte die wahrste und zärtlichste Zuneigung für
meinen Onkel Toby, die jemals ein Bruder für den anderen hegte, und
hätte gerne alles auf der Welt getan, was ein Bruder vernünftigerweise
von dem anderen verlangen konnte, um meines Onkels Toby Herz über
diesen oder jeden anderen Punkt zu beruhigen. Aber dieses stand nicht
in seinen Kräften.
Mein Vater, wie ich Ihnen gesagt habe, war ein Philosoph, haarscharf,
spekulativ, systematisch; und meiner Tante Dinah Geschichte war ihm
von ebensovieler Wichtigkeit, als dem Kopernikus die Retrogadation der
Planeten. -- Die Nebenschliche der Venus aus ihrer geraden Laufbahn
bestätigten das Kopernikanische System, das von ihm seinen Namen
erhielt. Die Nebenschliche der Tante Dinah von ihrer ebenen Bahn taten
ebendie Dienste bei der Errichtung des Systems meines Vaters, das, wie
ich glaube, hinfort beständig nach ihm das Shandysche System heißen
wird.
Bei jeder anderen Familienkränkung hatte mein Vater, glaube ich, ein
ebenso feines Gefühl der Schamhaftigkeit als irgend jemand. Ich getraue
mir zu sagen, weder er noch Kopernikus würden in beiden Fällen die
Geschichten haben auskommen lassen oder der Welt ein Wort davon gesagt
haben, wäre es nicht, wie sie dachten, aus Pflicht gegen die Wahrheit
gewesen. -- +Amicus Plato+, pflegte mein Vater zu sagen, wobei er
ihm die Worte übersetzte. -- +Amicus Plato+, das heißt, Dinah war
meine Tante; -- +sed magis amica veritas+ -- aber die Wahrheit ist
meine Schwester.
Diese Uneinigkeit der Meinungen meines Vaters und Onkels war die Quelle
manches brüderlichen Zwistes. Der eine konnte nicht ertragen, daß ein
Familienfleck weitergetragen wurde, der andere konnte schwerlich einen
einzigen Tag hingehen lassen, ohne darauf anzuspielen.
»Um's Himmels willen,« rief mein Onkel, »und um meinet-, um unserer
aller willen, mein liebster Bruder Shandy, laß doch die Geschichte
unserer Tante und ihre Gebeine in Ruhe schlafen. Wie kannst du so wenig
Gefühl und Mitleid für den guten Namen unserer Familie haben. Wie
kannst du!« -- »Was ist der Name einer Familie gegen eine Hypothese?
-- Ja, wenn ich's recht sagen soll, was das Leben einer Familie?« --
»Das Leben einer Familie!« sagte dann mein Onkel und fiel dabei in
seinen Lehnstuhl zurück und hob seine Hände, seine Augen und ein Bein
in die Höhe. -- »Ja, das Leben,« sagte darauf mein Vater, seinen Satz
zu behaupten. »Wie manches Tausend wird jährlich -- in allen gesitteten
Reichen wenigstens -- weggeschleudert und für nichts weiter geachtet
als gemeine Luft in Vergleichung mit einer Hypothese?« -- »Nach meinem
geringen Verstande von den Dingen,« antwortete Onkel Toby, »ist ein
jedes solches Beispiel barer Mord, es begehe ihn, wer will.« -- »Da
steckt dein Irrtum,« versetzte mein Vater, »denn wissenschaftlich
darüber zu urteilen, kann es nicht ~Totschlag~, sondern muß es
~Mannesschlag~ heißen.«
Mein Onkel gab sich niemals damit ab, hierauf mit etwas anderem
zu antworten, als daß er ein halbes Dutzend Takte von seinem
Regimentsmarsch Lillabullero herpfiff. -- Sie müssen wissen, dies war
der gewöhnliche Kanal, durch den er seinem Affekt Luft gab, wenn ihn
etwas ärgerte oder überraschte, -- besonders aber, wenn ihm etwas
gesagt wurde, das er für sehr ungereimt hielt.
Da noch niemand unter den Schriftstellern über die Logik, oder unter
deren Kommentatoren, soviel ich weiß, für gut befunden hat, dieser
eigenen Gattung von Argument einen Namen zu geben, so nehme ich mir
hier die Freiheit, es selbst zu tun, und das aus zweierlei Ursachen.
Erstens, damit solches, um aller Verwirrung im Disputieren vorzubeugen,
ein für allemal ebensogut von den übrigen Gattungen unterschieden
bleiben möge, als das +Argumentum ad verecundiam, ex absurdo, ex
fortiori+, oder wie es heißen mag. Zweitens, daß noch einmal meine
Kindeskinder, wenn mein Haupt schon längst zur Ruhe niedergelegt ist,
sagen können, daß ihres gelehrten Großvaters Kopf mit ebenso nützlichen
Dingen beschäftigt gewesen sei, als der anderer Leute. -- Daß er für
eins der allertreffendsten -- und wenn der Zweck des Disputierens mehr
der ist, seinen Gegner zum Schweigen zu bringen als ihn zu überzeugen
--, ja, so können sie nach Belieben hinzusetzen, für eines der besten
Argumente in der Disputierkunst einen Namen erfunden und solchen
großmütigerweise in den Schatzkasten der +Ars logica+ geworfen
habe.
Deswegen also gebiete und verordne ich durch Gegenwärtiges, daß
besagtes Argument künftig bei dem Titel +Argumentum fistulatorium+
erkannt und distinguiert werde, welchen und keinen anderen ich
ihm hiermit beilege, -- und daß es künftig einerlei Rang mit dem
+Argumentum baculinum+ haben und allemal in einem und ebendem
Kapitel mit diesem abgehandelt werden soll.
[Illustration]
Neuntes Kapitel.
Wäre ich nicht moralisch gewiß, daß der Leser voller Ungeduld nach
meines Onkels Toby Charakter sein muß, so hätte ich ihn hier vorläufig
überzeugt, daß kein Instrument so geschickt ist, so etwas zu zeichnen,
als das, worauf ich verfallen bin.
Von einem Manne und seinem Steckenpferde kann ich nun zwar nicht sagen,
daß sie genau so, wie die Seele und der Leib, aufeinander Wirkung und
Gegenwirkung täten. Ohne Zweifel aber ist unter ihnen eine Art von
Kommunikation, und zwar bin ich der Meinung, daß es sehr nach der Art
zugehe wie mit elektrisierten Körpern.
Nun war das Steckenpferd, welches mein Onkel Toby beständig ritt,
nach meiner Meinung ein Steckenpferd, das schon einer Beschreibung
wert ist. War's auch nur seiner großen Sonderbarkeit wegen; denn Sie
möchten von York nach Dover, von Dover nach Penzanze im Cornwallis, und
von Penzanze wieder nach York gereist sein, und doch auf der ganzen
Heerstraße seinesgleichen nicht gefunden haben. Oder hätten Sie ein
solches gesehen, so hätten Sie noch so eilig sein mögen, Sie hätten
unfehlbar stillhalten müssen, um es zu beschauen. In der Tat war
sein Wuchs und sein Gang so wunderbar und vom Kopfe bis zum Schweife
jedem anderen von der ganzen Gattung so über und über unähnlich, daß
es zuweilen Anlaß zu streiten gab, ob es wirklich ein Steckenpferd
sei oder nicht? Allein wie der Philosoph dem Skeptiker, der ihm die
Wirklichkeit der Bewegung ableugnen wollte, keinen anderen Beweis
entgegensetzte, als daß er auf die Füße trat und durchs Zimmer ging, so
wollte mein Onkel Toby sich keines anderen Arguments bedienen, um zu
beweisen, daß sein Steckenpferd wirklich ein Steckenpferd sei, als daß
er sich daraufsetzte und es vorritt. -- Hernach möchte die Welt den
Punkt entscheiden, wie's ihr gut dünkte.
Im rechten Ernste, mein Onkel Toby bestieg es mit soviel Wohlgefallen,
und es trug meinen Onkel Toby so schön, daß er sich herzlich wenig
darum bekümmerte, was die Welt davon sagte oder dachte.
Indessen ist's endlich wohl einmal hohe Zeit, daß ich Ihnen eine
Beschreibung davon gebe. -- Um aber mit aller Ordnung zu verfahren, muß
ich mir nur erst die Erlaubnis ausbitten, Ihnen zu berichten, wie mein
Onkel Toby darankam.
[Illustration]
Zehntes Kapitel.
Da meines Onkels Toby Wunde, welche er in der Belagerung von Namur
empfing, ihn zum Dienste untüchtig machte, so ward für gut befunden,
daß er nach England zurückkehren sollte, um womöglich seinen Schaden
wieder zurechtbringen zu lassen.
Vier volle Jahre hindurch mußte er teils das Bett, teils sein Zimmer
hüten. Und während seiner Kur, welche diese ganze Zeit dauerte, litt er
unsägliche Schmerzen.
Mein Vater fing zu der Zeit eben seine Handlung in London an und
hatte ein Haus gemietet. Da unter den beiden Brüdern die treueste,
herzlichste Freundschaft obwaltete, und mein Vater glaubte, mein Onkel
Toby könne nirgends so gut gewartet und gepflegt werden, als in seinem
eigenen Hause, so wies er ihm die beste Gelegenheit darin an. -- Und
was noch ein aufrichtigeres Zeichen seiner Zuneigung war, es durfte
kein Freund oder guter Bekannter ins Haus kommen, er nahm ihn denn
bei der Hand und führte ihn die Stiegen hinauf, daß er seinen Bruder
besuchen und eine Stunde vor seinem Bette verschwatzen mußte.
Die Geschichte der Wunde eines Soldaten läßt ihn ihre Schmerzen
vergessen. Wenigstens dachten die so, die meinen Onkel besuchten, und
bei ihren täglichen Besuchen lenkten sie, aus einer Höflichkeit, die
sich auf diesen Glauben gründete, sehr oft die Unterredung auf diesen
Gegenstand. -- Und von diesem Gegenstande lief dann das Gespräch
gewöhnlich auf die Belagerung selbst hinaus.
[Illustration]
Elftes Kapitel.
Wenn sich ein Mensch einer herrschenden Leidenschaft überläßt, oder mit
anderen Worten, wenn sein Steckenpferd hartmäulig wird, -- so, ade,
kalte Vernunft und liebe Klugheit!
Meines Onkels Toby Wunde war beinahe geheilt, und sobald sich der
Wundarzt von seinem Erstaunen erholt hatte und zu Worte kommen konnte,
sagte er ihm, sie beginne eben, sich zu schließen, und wenn sich keine
neue Aussplitterung zeigte, wozu kein Schein vorhanden, so würde sie
in fünf oder sechs Wochen trocken und heil sein. Zwölf Stunden vorher
würde der Klang so vieler Olympiaden eine Idee von kürzerer Dauer in
meines Onkels Toby Seele gebracht haben. -- Die Sukzession seiner
Ideen war nunmehr schnell; er kochte vor Ungeduld, seinen Vorsatz
auszuführen. Und ohne eine lebendige Seele weiter um Rat zu fragen, --
was ich, nebenher gesagt, für recht halte, wenn man einmal fest willens
ist, von keiner Seele Rat anzunehmen --, befahl er seinem Bedienten
Trim unter vier Augen, ein Bündel Charpie und Binden zusammenzupacken
und eine Kutsche mit Vieren zu bestellen, die den Tag genau um zwölf
Uhr vor der Türe sein müßte, um welche Zeit, wie er wußte, mein Vater
an der Börse sein würde. -- Nachdem er eine Banknote für den Wundarzt
wegen seiner Mühe und einen Brief mit dem zärtlichsten Dank für meinen
Vater auf seinem Tische zurückgelassen, packte er seine Karten und
Pläne, seine Bücher von der Kriegsbaukunst, seine Instrumente usw.
zusammen, und mit Hilfe einer Krücke an der einen Seite und Trim auf
der anderen Stieg er in den Wagen. Und fort nach Shandy-Hall.
Der Grund oder vielmehr die Grille, welche diese schnelle Auswanderung
veranlaßte, war wie folgt.
Der Tisch in meines Onkels Toby Zimmer, an welchem er den Abend
vorher saß, ehe sich diese Veränderung zutrug, mit seinen Grundrissen
usw. um sich her, war ein wenig zu klein für die Menge von großen
und kleinen Werkzeugen der Wissenschaft, welche gewöhnlich darauf
durcheinanderlagen. -- Da begegnete ihm nun der Zufall, daß er, indem
er die Hand nach seiner Schnupftabaksdose ausstreckte, seinen Zirkel an
die Erde warf, und indem er sich bückte, ihn aufzuheben, mit dem Ärmel
sein Besteck und die Lichtscheren dazu herunterwischte, -- und der
Würfel war ihm auf einmal so unglücklich, daß durch sein Bestreben, die
Lichtscheren aufzufangen, er den Monsieur Blondel vom Tische warf und
den Comte de Pagan oben darauf.
Für einen Mann, lahm wie mein Onkel Toby, war es vergebens, darauf
zu denken, alle diese Übel selbst zu heben. -- Er klingelte seinem
Bedienten Trim. -- »Trim,« sagte mein Onkel Toby, »seh Er einmal,
was ich da für eine Patsche gemacht habe. -- Ich muß das Ding besser
eingerichtet haben, Trim. -- Kann Er nicht mein Lineal nehmen und
die Länge und Breite dieses Tisches messen und dann hingehen und
einen bestellen, der noch einmal so groß ist?« -- »Ja, Euer Gnaden,«
antwortete Trim und machte seinen Bückling; »aber ich hoffe, Euer
Gnaden sollen bald so gesund sein, daß Sie nach Ihrem Landgute reisen
können. Dort, da Euer Gnaden so großen Gefallen am Fortifikationswesen
haben, könnten wir die Sache ganz Schmuck einrichten.«
Hier muß ich Ihnen Nachricht geben, daß dieser Bediente meines Onkels
Toby, der allenthalben Trim genannt wurde, in meines Onkels eigener
Kompagnie Korporal gewesen war. Sein wahrer Name ist James Butler,
da er aber einmal im Regiment den Zunamen Trim wegbekommen hatte, so
nannte ihn mein Onkel Toby auch beständig dabei, oder er mußte eben
nach seiner Art recht böse sein.
Der arme Kerl war zum Dienst untüchtig wegen einer Wunde von einer
Musketenkugel am linken Knie, die er in der Landauer Bataille, zwei
Jahre vor der Affäre bei Namur, bekommen hatte. Und weil der Kerl im
Regiment sehr wohlgelitten und sonst wortgewandt war, so nahm ihn mein
Onkel zu sich als Bedienten und traf's mit ihm vortrefflich; denn er
wartete meinem Onkel im Felde und in den Winterquartieren auf, als
Diener, Stallknecht, Barbier, Koch, Schneider und Krankenwärter; und
er wartete und pflegte ihn von Anfang bis Ende mit großer Treue und
Ergebenheit.
Mein Onkel Toby liebte den Menschen auch wieder, und was ihn noch mehr
an ihn gewöhnte, war die Gleichheit ihrer Kenntnisse. Denn Korporal
Trim -- bei dem Namen werde ich ihn künftig immer nennen -- hatte durch
ein vierjähriges Anhören der Gespräche seines Herrn von befestigten
Städten, und durch den Vorteil, daß er beständig in seines Herrn Pläne,
Grundrisse usw. sehen konnte -- nicht einmal mitgerechnet, was er als
Leibdiener von der steckenpferdischen Materie an sich ziehen mußte,
wenn er auch an und für sich selbst dieser Reiterei nicht ergeben
war --, nicht wenige Kenntnis von der Wissenschaft der Kriegsführung
erworben. Und die Köchin und das Kammermädchen waren der Meinung, daß
er wohl ebensogut eine Festung bestürmen könnte wie sein Herr.
Ich habe nur noch einen Pinselzug an Korporal Trims Charakter zu tun,
und zwar den einzigen dunkeln Schatten darin: der Kerl mochte gerne
seinen Senf mit dazugeben oder vielmehr sich selbst sprechen hören.
Sein Betragen indessen war dabei so ehrerbietig, daß es leicht war,
ihn beim Stillschweigen zu erhalten, wenn sie ihn einmal darin hatten.
War aber seine Zunge einmal im Gange, so war kein Aufhalten, sie
lief immerfort. Die ewigen Euer Gnadens, die er einflickte und sein
untertäniges Bezeigen sprachen so stark für seine Beredsamkeit, daß er
Ihnen wohl überlästig, Sie ihm aber nicht böse werden konnten. Meinem
Onkel Toby begegnete das eine wie das andere sehr selten, wenigstens
veranlaßte dieser Fehler keine Spaltung unter ihnen. Wie gesagt,
mein Onkel liebte den Menschen. Und da er beständig seinen Bedienten
als einen ärmeren Freund betrachtete, konnte er es nicht übers Herz
bringen, ihm das Maul zu verbieten. So sah Korporal Trim aus.
»Wenn ich mich unterstehen dürfte,« fuhr Trim fort, »Euer Gnaden einen
guten Rat zu geben und meine Meinung zu sagen?« -- »Das darf Er,
Trim,« sagte mein Onkel Toby, »spreche Er, Sage Er, was Er von der
Sache denkt, ohne Furcht, guter Trim.« -- »Gut denn,« versetzte Trim,
und ließ nicht dabei die Ohren hängen und kraute auch nicht in den
Haaren, wie ein Bauernlümmel, sondern strich sich die Haare von der
Stirn zurück und stand stramm wie vor seiner Rotte. »Ich meine,« sagte
Korporal Trim, und setzte den linken Fuß, welches der lahme war, ein
wenig vorwärts, und zeigte mit der offenen Hand nach einem Grundriß
von Dünkirchen, der mit Nadeln an die Tapete gesteckt war, »ohne Euer
Gnaden ins Kommando zu fallen, daß die Ravalins da, Basteien, Kurtinen
und Hornwerke nur ein armseliges, jämmerliches Stück Klitterwerk auf
dem Papier sind gegen das, was Euer Gnaden und ich daraus machen
könnten, wenn wir so für uns auf dem Lande wären und hätten nur einen
Viertelmorgen und ein halbes Terrain, womit wir machen könnten, was
wir wollten. Der Sommer ist vor der Tür,« fuhr Trim fort, »Euer Gnaden
könnten dabei sitzen und mir die Nographie« -- »Ichnographie muß Er
Sagen,« fiel ihm mein Onkel ein -- »von der Stadt oder Zitadelle,
wovor Euer Gnaden gern sitzen möchten. -- Und auf dem Wall, den ich
selbst gemacht habe, sollen mich Euer Gnaden harkebusieren lassen,
wenn ich es nicht fortifiziere, so gut wie es Euer Gnaden wünschen
mögen.« -- »O, das könnte Er wohl,« sagte mein Onkel. -- »Denn wenn
Euer Gnaden,« fuhr der Korporal fort, »mir nur das Polygone mit allen
Spitzen und Linien angeben können« -- »Das kann ich recht gut,« sagte
mein Onkel --, »so wollte ich mit dem Graben anfangen. Und wenn Euer
Gnaden mir die gehörige Tiefe und Breite angeben könnten« -- »Auf
ein Haar kann ich das,« sagte mein Onkel --, »so wollte ich die Erde
nach dieser Hand gegen die Stadt zu aufwerfen, und machte daraus die
Scharpe, und nach jener Hand, gegen das Feld zu, die Konterscharpe.«
-- »Ganz richtig, Trim,« sagte mein Onkel Toby. -- »Und wenn ich es
ausgetieft hätte, wie es sein sollte, so wollte ich, mit Euer Gnaden
Wohlnehmen, Gras darüberlegen, wie die feinsten Festungen in Flandern,
mit Grassoden, wie Euer Gnaden wissen, daß sie sein sollten. Und die
Wälle und Parapetts wollte ich auch mit Soden machen.« -- »Die besten
Ingenieure nennen es Wasen oder Rasen, Trim,« sagte mein Onkel Toby.
-- »Soden, Wasen oder Rasen, das will nicht viel tun,« versetzte Trim.
»Euer Gnaden wissen, sie sind zehnmal besser dazu, als Sand oder
Mauersteine.« -- »Ich weiß es, in gewissen Fällen sind sie's,« sagte
mein Onkel Toby und nickte mit dem Kopfe. »Denn eine Kanonenkugel geht
durch den Rasen gerade durch, ohne daß sie Kummer mitnimmt, wodurch der
Graben verschüttet werden kann, wie es vor dem St. Nikolastor ging, und
man desto leichter über ihn steigen kann.«
»Euer Gnaden verstehen diese Dinge besser,« versetzte Korporal Trim,
»als alle Offiziere in des Königs Diensten. Wollen nur Euer Gnaden
das Tischbestellen gut sein lassen und mich mit sich aufs Land
nehmen. Ich wollte unter Euer Gnaden Anführung arbeiten wie ein Pferd
und Fortifikationen machen. Sie sollten so lecker aussehen wie ein
Butterkuchen, mit allen Batterien, Sappen, Graben und Palisaden, daß
zwanzig Meilen rundum die Leute sich's nicht verdrießen lassen sollten,
herzureisen und es sich zu besehen.«