wird dich früher oder später in solche Schlingen verwickeln, aus
welchen dich kein Nachwitz wird losmachen können. -- Bei diesen
Angriffen seh' ich's zu oft, daß der Mann, über den gelacht wird,
sich in dem Lichte einer beleidigten Person betrachtet, mit allen
den Rechten, die ihm in einer solchen Lage zustehen. Und wenn du
ihn ebenfalls in diesem Lichte betrachtest und seine Freunde, seine
Angehörigen, seine Verwandten und Bundesgenossen zusammenrechnest und
die vielen Rekruten mit in die Glieder stellst, die sich aus Besorgnis
einer gemeinschaftlichen Gefahr in seinem Dienst werden anwerben
lassen, dann ist es keine übertriebene Rechnung, wenn man sagt, für
jede zehn spitzige Einfälle hast du dir hundert Feinde erkauft, du
willst es nicht glauben, bis du so weit gekommen bist, daß dir das
aufgerührte Wespennest um die Ohren summt und dich halbtot gestochen
hat.
Ich kann von dem Manne, den ich hochachte, nicht argwöhnen, daß ihn der
kleinste Sporn von Milzsucht oder menschenfeindlicher Absicht zu diesen
Angriffen reize. Ich glaube und bin überzeugt, sie sind unschuldig und
bloß als Scherz gemeint. Aber bedenke es wohl, lieber Junge, Narren
können den Unterschied nicht einsehen, und -- Buben wollen nicht. Du
weißt nicht, was es heißt, den einen zu zerren oder mit dem andern zu
tändeln! Wo sie sich jemals zu gemeinsamer Verteidigung zusammentun,
so, glaube mir, werden sie den Krieg gegen dich auf eine solche Art
führen, mein liebster Freund, daß du seiner und deines Lebens dazu
herzlich satt werden wirst.
Die Rachsucht wird aus einem giftigen Winkel ein ehrenrühriges
Märchen gegen dich richten, welches weder Unschuld des Herzens
noch Unsträflichkeit des Wandels abwehren wird. Die Glückseligkeit
deines Hauses wird erschüttert, dein guter Leumund, worauf sie ruht,
allenthalben verwundet, deine Redlichkeit in Zweifel gezogen, deine
Taten belogen, dein Witz vergessen, deine Gelehrsamkeit mit Füßen
getreten, und, um dir den letzten Auftritt deines Trauerspiels vor die
Augen zu bringen: Grausamkeit und Feigheit, zwei Zwillings-Raufbolde,
die als Mietlinge der Bosheit im Finstern schleichen, werden zugleich
deine Schwachheiten und Irrtümer bestürmen. -- Der beste von uns, mein
teuerster Kumpan, gibt hier Blößen. Und glaube, glaube mir, Yorick,
wenn es einmal, eine besondere Lust zu büßen, beschlossen ist, daß ein
hilfloses unschuldiges Tier geopfert werden soll, so ist es leicht,
in jedem grünen Gebüsche, wohin es sich verirret hat, genug trockenes
Reisholz zum Feuer zu finden, worauf es verbrannt werde.«
Yorick hörte diese traurige prophetische Rede fast niemals
vorsagen, oder es stahl sich eine Träne aus seinem Auge, welche ein
versprechender Blick begleitete, daß er fürs künftige entschlossen
sei, seinen Klepper mit mehr Mäßigung zu reiten. -- Aber, leider! zu
spät! -- Eine große Verschwörung tat sich zusammen, noch ehe sie zum
erstenmal geweissagt war. Der ganze Plan zum Angriff ward, gerade wie
Eugenius vorhergesagt, auf einmal zur Ausführung gebracht. Mit so
wenig Schonung von Seiten der Verbündeten und so wenig Argwohn von
Seiten Yoricks von dem, was gegen ihn geschmiedet wurde, daß, als der
gutherzige Mann dachte, seine sichere Amtsbeförderung stände in voller
Reife, sie ihn an der Herzwurzel angegriffen hatten. So fiel er, wie
mancher würdige Mann vor ihm gefallen war.
Yorick betrug sich anfangs eine Zeitlang mit aller ersinnlichen
Tapferkeit, bis er, der Anzahl über und endlich des Elends des Krieges
überdrüssig, am meisten aber der ungroßmütigen Art, womit er geführt
wurde, satt, das Schwert aus der Hand legte. Ob er gleich dem Anschein
nach bis auf den letzten Augenblick den Mut nicht sinken ließ, starb er
dennoch, wie man überall überzeugt war, vor Kummer und Gram.
Was den Eugenius zu ebender Meinung brachte, war folgendes:
Wenige Stunden, ehe Yorick seinen Geist aufgab, ging Eugenius zu ihm,
in der Absicht, ihn noch einmal zu sehen und den letzten Abschied
von ihm zu nehmen. Wie er Yoricks Vorhang aufzog und ihn fragte, wie
er sich befinde, sah ihm Yorick ins Gesicht, faßte ihn bei der Hand,
und nachdem er ihm für so manchen Beweis seiner Freundschaft gedankt
hatte, wofür, wenn es ihr Schicksal wollte, daß sie sich künftig wieder
antreffen sollten, er ihm immer mehr und mehr danken wollte, und sagte
zu ihm, in ein paar Stunden würde er seinen Feinden auf ewig das
Nachsehen lassen. -- »Das hoffe ich nicht,« antwortete Eugenius mit dem
zärtlichsten Tone, in dem jemals ein Mann gesprochen hat, wobei ihm die
Tränen die Wange herabrollten. »Das hoffe ich nicht, Yorick,« sagte
er. Yorick antwortete mit einem in die Höhe gerichteten Blicke und mit
einem sanften Drucke, den er Eugenius' Hand gab, und mit sonst nichts.
Aber es ging Eugenius durchs Herz. -- »Komm, komm, Yorick,« erwiderte
Eugenius, indem er sich die Augen wischte und sich wie ein Mann zu
fassen suchte, »sei wohlgemut, mein lieber Bruder. Laß nicht allen Mut
und Standhaftigkeit in dieser Stunde der Prüfung sinken, wo du ihrer
am meisten bedarfst. Wer weiß, was für Hilfe noch vorhanden ist und
was Gottes Macht noch für dich zu tun vermag?« -- Yorick legte seine
Hand auf sein Herz und schüttelte sanft den Kopf. »Ich muß dir sagen,«
fuhr Eugenius fort und weinte bitterlich, als er die Worte sprach,
»ich weiß nicht, wie ich's aushalten soll, mich von dir zu trennen,
Yorick, und möchte gern meiner Hoffnung schmeicheln, daß noch genug
von dir übrig sei, einen Bischof daraus zu machen, und daß ich das
noch erleben werde.« -- »Ich bitte dich, Eugenius,« erwiderte Yorick,
und nahm, so gut er konnte, mit seiner linken Hand die Schlafmütze vom
Kopfe, weil er seine rechte noch immer fest in Eugenius' seiner liegen
hatte, »ich bitte dich, siehe mein Haupt an!« -- »Ich seh' nicht, daß
es ihm etwas schadet!« versetzte Eugenius. »Ach, mein Freund,« sagte
Yorick, »so muß ich dir sagen, daß es so zerschlagen, so mißhandelt
ist von den Streichen, welche mir so unsanft im Finstern versetzt
wurden, daß ich mit Sancho-Pansa sagen möchte, wenn ich wieder aufkäme:
›und sollten denn auch Bischofshüte vom Himmel regnen, so dicht wie
Hagel, es würde doch keiner darauf passen‹.« -- Yoricks letzter Atem
schwebte auf seinen zitternden Lippen, in völliger Bereitschaft zu
entfliehen, als er dieses hervorbrachte. Dennoch brachte er's mit einem
eigentümlichen Tone hervor, und wie er's sprach, konnte Eugenius einen
Strom sanften Feuers bemerken, das sich auf einen Augenblick in seinen
Augen entzündet hatte. Schwaches Gemälde von jenen Blitzen des Witzes,
welche, wie Shakespeare von Yoricks Ahnherrn sagt, gewohnt waren, den
Tisch zu lautem Gelächter zu zwingen.
Eugenius ward hierdurch überzeugt, daß der Gram seines Freundes Herz
gebrochen habe; er drückte ihm die Hand -- ging leise aus dem Zimmer
und weinte, wie er ging. Yorick folgte ihm mit den Augen bis zur Türe.
Darauf schloß er sie -- und öffnete sie nie wieder.
Er liegt begraben in einer Ecke seines Kirchhofes, in dem Kirchdorfe
unter einem kunstlosen, platten Marmorstein, den sein Freund Eugenius
mit Erlaubnis seiner Exekutores über sein Grab legte, mit nicht
mehr als diesen drei Worten einer Inschrift, welche als Grab- und
Klageschrift dient:
»Ach, armer Yorick«
Zehnmal des Tages hat Yoricks Geist den Trost, seine Gedächtnisschrift
mit einer solchen Mannigfaltigkeit von klagenden Tönen lesen zu hören,
welche Mitleid und Hochachtung für ihn anzeigen. Da ein Fußsteig über
den Kirchhof, dicht an der Seite des Grabes vorbeiführt, so geht kein
Fußgänger vorüber, der nicht einen Augenblick verweilt, einen Blick
daraufwirft und im Weitergehen seufzt: Ach armer Yorick!
[Illustration]
Siebentes Kapitel.
Eher wollte ich mich unterstehen, das schwerste Problem in der
Geometrie zu lösen, als auf mich zu nehmen, zu erklären, wie ein
Mann von meines Vaters vielem und richtigem Verstande, belesen, und
zwar kritisch in philosophischen Sachen, dabei weise in politischen
Anschlägen und in der Polemik, wie er sehen wird, gar nicht unwissend,
fähig sein konnte, eine Meinung in seinem Kopfe zu unterhalten, die
soweit von allen gewöhnlichen abwich, daß ich besorge, der Leser, wenn
ich ihm solche sage, wofern er nur wenig cholerischen Temperaments ist,
werde den Augenblick das Buch beiseite werfen. Ist er sanguinisch, so
wird er herzlich darüber lachen, und ist er von der ernsthaften und
strengeren Gattung, so wird er solche beim ersten Anblicke, ohne Gnade,
als phantastisch und ausschweifend verdammen. Es ist seine Meinung,
über die Wahl und Beilegung der Taufnamen, worauf nach seiner Ansicht
weit mehr ankäme, als solche Leute, die nur oberflächlich denken, zu
begreifen fähig wären. -- Seine Meinung in diesem Punkte war, daß es
eine sonderbare Art von magischer Kraft gäbe, welche gute oder böse
Namen, wie er sie nannte, unserm Charakter und unserer Aufführung
unwiderstehlich eindrückten.
Cervantes' Held konnte seinen Punkt nicht ernsthafter behaupten, noch
es ernstlicher meinen oder mehr erzählen von der Macht der Zauberer,
die seine Taten mit Schande befleckten, oder von dem Namen seiner
Dulcinea, der sie mit Ehre bekrönte, als mein Vater von den Namen
Trismegistus oder Archimedes auf der einen Seite oder von Nyky und
Simkin auf der anderen vorzubringen hatte. Wie manche Cäsars und
Pompejen, pflegte er zu sagen, sind durch bloßen Einfluß der Namen
ihrer unwürdig geworden! Und wie manche gibt es, fügte er hinzu, die
ungemein viel Gutes in der Welt gestiftet haben möchten, wäre ihr
Charakter und Mut nicht gänzlich unterdrückt worden.
Ich seh's Ihnen deutlich an den Augen an, oder wie es sonst traf,
sagte wohl mein Vater, daß Sie dieser meiner Meinung nicht von Herzen
beitreten, welche für diejenigen, fügte er hinzu, die sie nicht
sorgfältig bis auf den Grund gesichtet haben -- ich gestehe es --,
mehr das Ansehen einer Grille als eines geprüften Satzes haben mag.
Dennoch, mein lieber Herr, wenn ich mir nicht zuviel einbilde, Ihren
Charakter zu kennen, so bin ich moralisch gewiß, ich würde nicht wagen,
Ihnen eine Sache vorzulegen, nicht als einem, der Teil am Streit nimmt,
sondern als einem Richter, auf dessen Einsichten und unparteiische
Entscheidung ich mich bei meiner Appellation in dieser Sache sicher
verlassen kann. -- Sie sind eine, von vielen eingeschränkten
Vorurteilen der Erziehung so freie Person wie wenige Menschen, und wenn
ich's wagen darf, noch tiefer in Sie zu dringen, von einer Großmut des
Geistes, die es verschmäht, eine Meinung bloß deswegen zu verwerfen,
weil ihr Anhänger fehlen. Ihren Sohn! Ihren geliebten Sohn, von dessen
sanftem und aufgeräumtem Naturell Sie soviel zu erwarten haben, Ihr
Fritzchen, mein Herr! wollten Sie ihn um alles in der Welt wohl Judas
haben taufen lassen? Möchten Sie wohl, lieber Freund, fuhr er fort,
indem er ihm mit der sanftesten Art seine Hand auf die Brust legte,
-- und mit dem Schmeichelnden und unwiderstehlichen Piano der Stimme,
welche das +Argumentum ad hominem+ seiner Natur nach erheischt,
möchten Sie, mein Herr, wenn ein Jude den Namen für Ihren Sohn
vorgeschlagen und Ihnen dabei seine Geldsäcke angeboten hätte, möchten
Sie wohl in eine solche Entweihung Ihres Sohnes gewilligt haben? O,
mein Gott, sagte er dann, wenn ich Ihr Gemüt recht kenne, ist Ihnen das
unmöglich. Sie hatten das Anerbieten mit Füßen getreten. Mit Abscheu
hätten Sie die Versuchung an den Kopf des Versuchers geworfen.
Ihre Seelengröße bei dieser Tat, die ich ebenso wie die uneigennützige
Verachtung des Geldes bewundere, die Sie bei diesem ganzen Vorfalle an
den Tag legen, ist wirklich edel, und wodurch sie solches noch mehr
wird, ist das Prinzip, woraus sie entspringt: Wirkungen der Liebe eines
Vaters, nach der Wahrheit und Überzeugung von ebendieser Hypothesis,
nämlich: wäre Ihr Sohn Judas getauft worden, die habsüchtige und
verräterische Idee, die von dem Namen so unzertrennlich ist, würde ihn
sein ganzes Leben durch wie ein Schatten verfolgt und ihn zuletzt,
trotz Ihrem Beispiele, Herr, zu einem Schabhals und Schurken gemacht
haben.
Ich habe noch keinen Menschen gekannt, der auf ein solches Argument
zu antworten vermochte. -- Wirklich, aber auch von meinem Vater die
Wahrheit zu sagen: -- er war unwiderstehlich, beides im Verstehen und
Disputieren. Er war zum Redner geboren. Überredung hing an seinen
Lippen, und die Elemente der Logik und Rhetorik waren dergestalt
durch ihn verwebt, und ganz besonders wußte er so schnell und Schlau
die Schwachheiten und Leidenschaften seiner Gegner aufzufinden, daß
die Natur selbst ihr Votum geben würde: dieser Mann ist beredt. Kurz,
mein Vater mochte recht oder unrecht haben, es war in beiden Fällen
viel gewagt, ihn anzugreifen. Und dennoch, es ist wunderbar, hatte
er niemals weder den Cicero noch Quintilian +de oratore+ noch
Isokrates noch Aristoteles oder Longinus unter den Alten, noch den
Vossius noch Scioppius noch Ramus noch Farnabius unter den Neueren
gelesen, und was noch mehr zum Erstaunen ist, so war in seinem
ganzen Leben kein Strahl oder Funke von Subtilität dadurch in seine
Seele gebracht worden, daß er etwa ein Kollegium über irgendeinen
niederländischen Logiker oder Kommentator gehört hätte. Er wußte
nicht einmal, worin der Unterschied zwischen einem Argument +ad
ignorantiam+ und +ad hominem+ bestünde --, so daß ich
mich recht gut erinnere, als er mit mir hingereist war, mich im
Jesuiterkollegio zu N. einschreiben zu lassen, wie mein würdiger Lehrer
und zwei oder drei andere Mitglieder dieser gelehrten Sozietät sich
höchlich wunderten, daß ein Mann, der nicht einmal die Namen seiner
Werkzeuge kannte, dennoch so behende damit arbeiten könnte.
Damit so gut, als er nur immer konnte, zu arbeiten, dazu ward mein
Vater indessen unaufhörlich gezwungen; denn er hatte wohl tausend
kleine skeptische Ideen von der komischen Gattung zu verfechten,
-- wovon die meisten, wie ich fest glaube, sich anfangs bloß als
sonderbare Einfälle und als vive la bagatelle einschlichen. Mit ihnen
mochte er dann wohl eine halbe Stunde oder so seinen Spaß treiben,
und nachdem er seinen Witz an ihnen geschärft hatte, sie bis auf ein
andermal abtreten lassen.
Ich führe dieses nicht bloß als eine Hypothese oder Mutmaßung über das
Emporkommen und die Einnistung von meines Vaters sonderbaren Meinungen
an, sondern als eine Warnung für den gelehrten Leser gegen die
unvorsichtige Aufnahme solcher Gäste, welche, nachdem sie einige Jahre
lang in unserem Gehirn haben ungehindert und frei aus und ein gehen
dürfen, endlich gar als Einheimische betrachtet sein wollen. Einige
Zeit arbeiten sie, als Spielten sie nur Pfand; aber gemeiniglich wird
wie bei einem verliebten Paare aus Pfandwechseln Handwechseln.
Ob das mit meines Vaters sonderbaren Meinungen der Fall war, oder
ob endlich sein Witz seinem Verstande einen blauen Dunst vormachte,
-- oder wiefern er in einigen seiner Meinungen, so sonderbar sie
schienen, völlig recht haben mochte, das soll der Leser an Ort und
Stelle entscheiden. Hier behaupte ich weiter nichts, als daß es mit
dieser einen über den Einfluß der Taufnamen sein ganzer Ernst war. Er
war systematisch und gleich allen Systematikern hätte er Himmel und
Erde bewegt und jedes Ding in der Schöpfung gereckt und gezerrt, um
es seiner Hypothese anzupassen. Kurz, ich sage es noch einmal, es war
sein Ernst, und demzufolge konnte er alle Geduld verlieren, wenn er
Leute, besonders Leute von Stande sah, die es hätten besser wissen
sollen, die sich ebensowenig oder noch weniger darum bekümmerten, wie
ihr Kind genannt werden sollte, als um die Wahl eines Namens für ihren
Schoßhund, ob Ponto oder Cupido.
Das, sagte er, stünde sehr schlecht. Wenn einmal ein schlechter Name
mit Unrecht und Unbedacht gegeben worden, so ginge es nicht, wie in dem
Falle, da eines Mannes guter Leumund verunglimpft worden, der wieder
verglimpft werden könnte. Da wäre es möglich, daß der, wenn nicht bei
Lebzeiten des Mannes, wenigstens nach seinem Tode wieder gerettet
würde. Bei dem andern aber, sagte er, ließe sich das geschehene Übel
niemals wieder gutmachen. --
Es war merkwürdig, daß, obgleich mein Vater, dieser Meinung gemäß, wie
ich Ihnen gesagt habe, gegen gewisse Namen die stärkste Zuneigung oder
Abneigung hatte, es dennoch Namen gab, weiche auf der Wagschale vor ihm
so eben schwebten, daß sie ihm völlig gleichgültig waren. Jack, Dick
und Tom waren in dieser Klasse. Diese nannte mein Vater neutrale Namen
und behauptete von ihnen ohne Satire, daß es von Anbeginn der Welt
her wenigstens ebenso viele Schurken und Narren gegeben wie gute und
kluge Männer, die solche Namen ohne Unterschied geführt hätten. Indem
sie so als gleiche Kräfte in entgegengesetzter Richtung aufeinander
wirkten, hoben sie nach seiner Meinung ihre Wirkungen wechselweise auf,
aus welcher Ursache er, wie er oft erklärte, keinen Kirschkern für die
Wahl unter diesen hingeben möchte. Bob, so hieß mein Bruder, war ein
anderer von dieser neutralen Gattung von Taufnamen, welche weder auf
die eine noch andere Seite wenig wirkten; und da sich mein Vater zu
Epsom befand, als er ihm gegeben ward, so dankte er oft dem Himmel, daß
es kein schlimmerer wäre. Andreas kam ihm fast vor wie eine negative
Größe in der Algebra. Er sei schlechter, sagte er, als nichts. Der
Name Wilhelm war bei ihm in hohem Ansehen, Numps wieder weniger und
Ruprecht, sagte er, sei gar des Teufels.
Allein, unter allen Namen in der weiten Welt hatte er den
unbezwinglichsten Widerwillen gegen Tristram. -- Von keinem Dinge auf
dem Erdboden hatte er einen niedrigeren und verächtlicheren Begriff,
indem er glaubte, er könne unmöglich +in rerum natura+ etwas
anderes hervorbringen, als was höchst gemein und elend wäre. Ja, mitten
in einem Disput über den Punkt, worin er nicht selten ganz von ungefähr
verwickelt wurde, brach er oft voll Feuer plötzlich ab, stieg eine
Terze und zuweilen eine ganze Quinte über den Grundton seiner Rede
hinauf und fragte seinen Gegner kategorisch, ob er's auf sich nehmen
wolle, zu sagen, er habe sich jemals erinnert, habe jemals gelesen
oder habe jemals erzählen gehört von einem Menschen, der Tristram
geheißen, daß er etwas Großes oder Andenkenswertes verrichtet? -- Nein,
pflegte er zu sagen, Tristram! 's ist eine Unmöglichkeit!
Was konnte meinem Vater mehr fehlen, als ein Buch zu schreiben, um
diese seine Meinung der Weit mitzuteilen? Sehr wenig Genuß bringt
es dem spekulativen Kopfe, seine Meinung allein zu haben, wenn er
sie nicht zu Markte bringen darf. Gerade das war's, was mein Vater
tat; denn im Jahre 1716, zwei Jahre vor meiner Geburt, machte er
sich darüber her und schrieb ausführliche Dissertationen über das
einzige Wort Tristram, worin er der Welt mit vieler Aufrichtigkeit und
Bescheidenheit die Gründe seines großen Abscheus gegen diesen Namen vor
Augen legte.
Wenn diese Erzählung mit dem Titelblatte verglichen wird, wird dann
nicht der gutherzige Leser meinen Vater von Herzen bedauern? Wird
es ihn nicht schmerzen, sehen zu müssen, wie einem ordentlichen,
gutgesinnten Manne, der zwar sonderbare, aber doch unschädliche
Meinungen hegt, dergestalt von Widerwärtigkeiten mitgespielt worden
ist, und wenn er ihn auf dem Schauplatze erblickt, wo ihm alle seine
kleinen Systeme und Wünsche über den Haufen geworfen und vereitelt
werden, wenn er einen Troß von Zufällen beständig auf ihn zustürmen
sieht, und zwar auf eine so abgemessene und grausame Weise, als ob's
ausdrücklich darauf angelegt wäre, seine Spekulationen zu verspotten?
mit einem Worte: wenn er so einen Mann in seinen alten Tagen, die nicht
für Kummer und Sorgen gemacht sind, zehnmal täglich an seinen Schmerz
erinnert sieht, wie er zehnmal an einem Tage sein vom Himmel erflehtes
Kind Tristram rufen muß? -- Melancholischer zweisilbiger Klang, der
in seinen Ohren mit Claasklump oder jedem andern Spottnamen unter der
Sonne im Einklang steht! -- Bei seiner Asche schwöre ich's! hat jemals
ein boshafter Geist sich ein Vergnügen oder Geschäft daraus gemacht,
die Vorsätze eines Sterblichen zu vereiteln, so muß es hier gewesen
sein, und wäre es nicht notwendig, daß ich erst geboren sein müßte, ehe
ich getauft werden kann, ich gäbe den Augenblick dem Leser Nachricht
davon.
[Illustration]
Achtes Kapitel.
»Ich kann nicht begreifen, was das Lärmen und das Hin- und Herlaufen
da oben heißen soll,« sagte mein Vater, und wendete sich nach einem
anderthalbstündigen Stillschweigen an meinen Onkel Toby, der, wie
Sie wissen müssen, an der anderen Seite beim Feuer saß und seine
gesellige Pfeife Tabak in stiller Betrachtung eines neuen schwarzen
Plüsch-Beinkleides, das er trug, immerfort schmauchte. -- »Was mögen
sie vorhaben, Bruder?« sagte mein Vater, »wir können ja kaum unser
eigen Wort hören?«
»Ich glaube,« antwortete mein Onkel Toby, wobei er die Pfeife aus dem
Munde nahm und den Kopf derselben zwei- oder dreimal auf den Nagel
seines linken Daumens schlug, als er zu reden anfing, »ich glaube,«
sagte er ... Aber um meines Onkels Meinung über diese Sache gehörig zu
fassen, müssen Sie erst ein wenig mit seinem Charakter bekannt sein,
dessen äußeren Umriß ich Ihnen hier auf der Stelle geben will. Hernach
wird der Dialog zwischen ihm und meinem Vater desto besser vonstatten
gehen.
O, können Sie mir nicht sagen, wie der Mann hieß -- denn ich
schreibe so in der Eile; ich habe weder Zeit, mich zu besinnen noch
nachzuschlagen --, der die Bemerkung zuerst machte, daß unsere
Luft und unser Klima sehr unbeständig seien? Er mag gewesen sein,
wer er will, er hat damit eine gute Bemerkung gemacht. Die daraus
gefolgerte Behauptung aber, daß es daher komme, daß wir eine so
große Mannigfaltigkeit an eigenen und sonderbaren Charakteren haben,
kam nicht von ihm, sie ward von einem anderen Manne, wenigstens
anderthalbhundert Jahre vorher ausfindig gemacht, wie ebenfalls, daß
dieses volle Zeughaus von Originalstoff die wahre und natürliche
Ursache sei, daß unsere Lustspiele viel besser sind als die Lustspiele
der Franzosen oder alle die, welche auf dem festen Lande geschrieben
worden sind oder geschrieben werden können. -- Das ist eine Entdeckung,
die eigentlich erst in der Mitte der Regierung des Königs William
gemacht ward, als der große Dryden, bei Verfertigung einer von seinen
langen Vorreden, wenn ich nicht irre, glücklicherweise darauf verfiel.
In der Tat begann der große Addison in den letzten Jahren der Königin
Anna diese Meinung in Schutz zu nehmen, und erklärte solche der Welt in
ein oder zwei Blättern des »Zuschauers« weitläufiger. Die Entdeckung
war aber nicht sein eigen. Endlich viertens und letztens, daß diese
sonderbare Unregelmäßigkeit in unserem Klima, die eine so sonderbare
Unregelmäßigkeit in unseren Charakteren hervorbringt -- und uns dadurch
gewissermaßen schadlos hält --, indem sie uns etwas gibt, womit wir uns
einen Zeitvertreib machen können, wenn uns das Wetter nicht erlaubt,
über unsere Schwelle zu treten. -- Die Bemerkung ist von mir selbst und
ward von mir ans Tageslicht gebracht, an ebendiesem regnerischen Tage,
dem 26. März 1759 zwischen neun und zehn Uhr des Vormittags.
Aber ich vergesse meinen Onkel Toby, den wir die ganze Zeit über haben
die Asche aus seiner Pfeife klopfen lassen.
Sein eigentümlicher Charakter war von der besonderen Gattung, welche
unserem Himmelskreise Ehre machte. Ich würde mich nicht besinnen,
ihn unter dessen vorzüglichste Produkte zu rechnen, hätte er nicht
so viele deutliche Striche von einer Familienähnlichkeit erhalten,
welche bewiesen, daß die Sonderbarkeit seines Tuns und Sagens mehr vom
Geblüte als von Wind oder Wasser herkäme, solche möchten vermischt
oder versetzt sein, wie sie wollten. Deswegen habe ich mich auch oft
gewundert, daß mein Vater, ob ich gleich glaube, daß er seine Ursachen
dazu hatte, wenn er, als ich noch ein Knabe war, gewisse Abweichungen
von meiner natürlichen Bahn bemerkte, niemals versucht hat, solche
aus dieser Ursache zu erklären. -- Denn die ganze Shandysche Familie
bestand aus Originalcharakteren. -- Ich meine die Männlein -- die
Weiblein hatten gar keinen --, ausgenommen meine Großtante Dinah, die
ungefähr vor sechzig Jahren sich mit ihrem Kutscher verheiratete und
vermehrte. Was sie, wie mein Vater, zufolge seiner Meinung von den
Taufnamen, oft zu sagen pfegte, ihren Gevattern und Gevatterinnen zu
verdanken hätte.