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Dieses Buch wurde in der Deutschen
Buch- u. Kunstdruckerei G. m. b. H.
in Zossen gedruckt u. bei der Leipziger
Buchbinderei-Actiengesellschaft
in Leipzig gebunden.
[Illustration]
Tristram Shandy
[Illustration:
Die Bücher des Deutschen
Hauses
Herausgegeben von Rudolf Presber
Zweite Reihe
39. Band
Die Bücher des Deutschen Hauses]
[Illustration:
Das Leben
und die Meinungen von
Herrn Tristram Shandy
von
Laurence Sterne
Illustriert
von Lovis Corinth
1908
Buchverlag fürs Deutsche Haus
Berlin-Leipzig.]
»Diese Satiren im kleinen mit ihren köstlichen Wahrheiten sind nur mit
den griechischen Klassikern zu vergleichen. Wenn Ihr nicht mit ihm
fühlt, mag er Euch oft kleinlich, frivol, gesucht, kindisch erscheinen.
Habt Ihr aber sein Genie erkannt, werdet Ihr in ihm einen gewaltigen
Lehrer der Menschheit finden.«
Voltaire über Sterne.
[Illustration]
Der arme Yorick
1713-1768
Die Welt nannte den Dorfprediger von Sutton und Stillington bei York,
Laurence Sterne, nicht anders als den armen Yorick, nach dem Pfarrer,
den Tristram Shandy so über alles schätzte, daß er ganz gegen seine
Gewohnheit in einem Zuge seine Lebensbeschreibung erzählt, ehe noch
Tristram Shandy selbst -- in dem Buche natürlich -- geboren ist.
»Mancher Zug aus dem Charakter dieses Mannes«, sagt Tristram, »kommt,
wie mich dünkt, den artigen, lustigen Streichen des unnachahmlichen
Ritters la Manche gleich, welchen ich mit all seinen Narrheiten mehr
liebe als den größten Helden des Altertums.« Auf niemanden paßt diese
Schilderung so gut, wie auf Laurence Sterne selbst. Auch er war ein
rechter echter Shandist, ohne welche Eigenschaft er niemals in diesem
kuriosesten aller Leben und Meinungen hätte eine Rolle spielen können,
am wenigsten die des Autors. Laurence Sterne hat auch seine eigene
Biographie geschrieben. In einem Briefe an seine Tochter Lydia, kurz
vor seinem Tode, gibt er alle wesentlichen Daten seines Lebens.
Die Jugend nimmt den breitesten Raum dieser Beschreibung in Anspruch,
auch darin seinem Tristram Shandy zum mindesten blutsverwandt. Roger
Sterne, sein Vater, war Leutnant im irischen Handaside-Regiment.
Das bedeutete damals ruheloses Umherziehen von Ort zu Ort, von Land
zu Land. Und Frau und Kinder zogen mit durch Wind und Wetter, Sommer
und Winter, von Baracken zu Baracken, wenn sie nicht vorübergehend
bei mildtätigen Verwandten einen Unterschlupf fanden. Zweimal sind
Frau Agnes (sie war die Tochter eines angesehnen Marketenders, »mein
Vater hatte Schulden bei ihr, als er sie heiratete«) und ihre Kinder
bei der Überfahrt von England nach Irland in Lebensgefahr gewesen
und von ihrem Mann schon aufgegeben. Laurence ist das zweite Kind
dieser kriegerischen Ehe. Er wurde in Clonmel im Süden Irlands am
24. November 1713 geboren. Von den fünf Geschwistern, zwei Brüdern
und drei Schwestern, haben nur noch zwei Schwestern mit ihm dieses
entbehrungsvolle Wanderleben ihrer Jugend überstanden.
Die Familie Sterne hatte bessere Zeiten erlebt, als ihr die
Leutnantsgage von Sternes Vater bereiten konnte, dessen
verschwenderische Güte in Onkel Tobys Zügen verewigt worden ist. »Sie
hätten ihn, Madame, an einem Tage zehnmal hintergehen können, wenn es
Ihnen mit neunen noch nicht genug ist.« -- Roger Sterne war der Enkel
eines Erzbischofs von York, und ein Onkel Laurence Sternes war erster
Pfarrer in York. Ihm verdankte später der junge Vikar, der auf Kosten
eines reichen Vetters und mit einem Stipendiat seines Urgroßvaters in
Cambridge studiert hatte, seine erste Pfründe: Sutton. »In York lernte
ich deine Mutter kennen und machte ihr zwei Jahre lang den Hof. -- Auch
sie war mir herzlich zugetan, hielt sich aber wohl nicht für reich
genug oder mich für zu arm für eine dauernde Verbindung. Sie ging zu
ihrer Schwester nach S., und ich schrieb sehr fleißig. Ich glaube, daß
sie wohl halb entschlossen war mich zu nehmen, ohne es mich merken zu
lassen. -- Nach ihrer Rückkehr wurde sie sehr krank, und als ich eines
Abends bei ihr saß -- ich war sehr traurig, sie so krank zu wissen --,
sagte sie, ›mein lieber Laurey, ich kann nie dein werden, denn ich
glaube sicher, daß ich nicht mehr lange lebe! Ich habe dir aber mein
ganzes Vermögen zugesprochen.‹ Damit zeigte sie mir ihr Testament.
Diese Großmut überwältigte mich. Es gefiel Gott, sie wieder gesund
werden zu lassen, und ich heiratete sie im Jahre 1741. Mein Onkel
(Jaques Sterne, Pfründner von Durham, Vorsänger und Pfründner in York,
mit dem Wohnsitz in York, Vorsteher der Pfarren in Rise und Hornsey mit
Riston, im Ostbezirk der Grafschaft York) und ich standen uns damals
sehr gut. Er verschaffte mir sehr bald eine Pfründe in York. -- Später
kamen wir in Streit, weil ich mich weigerte, Parteiartikel in die
Zeitungen zu schreiben. Er war ein eifriger Parteimann, und ich nicht.
Ich verachtete diese Art Propaganda und hielt mich für zu schade dazu.
Und von da an wurde er mein erbittertster Feind. Durch Vermittelung
meiner Frau erhielt ich noch die Pfründe von Stillington. Einer ihrer
Freunde hatte ihr versprochen, daß, wenn sie einen Geistlichen in
Yorkshire heiratet, er ihr als Zeichen seiner Freundschaft bei der
nächsten Vakanz die Pfründe besorgen werde. Fast zwanzig Jahre blieb
ich in Sutton und übte mein Pfarramt an beiden Orten aus. Die ganze
Zeit erfreute ich mich einer vorzüglichen Gesundheit. Bücher, Malen,
Geige spielen und auf die Jagd gehen, das waren meine Zerstreuungen.
Mit dem Squire der Pfarrei standen wir uns nicht besonders, dafür
verkehrten wir in Stillington mit der Familie C--s, die sehr freundlich
gegen uns war, und das war sehr angenehm für uns, innerhalb einer Meile
so herzliche Freunde zu haben. 1760 mietete ich ein Haus in York für
deine Mutter und dich. Ich selbst ging nach London, für den ersten
Band des Shandy einen Verleger zu suchen. Im selben Jahre bot mir Lord
Falconbridge die Pfarrstelle in Coxwould an, das gegen Sutton ein
lieblicher Wohnsitz genannt werden muß. 1762 ging ich nach Frankreich,
noch vor dem Friedensschluß, und ihr beide folgtet mir. Dann bliebt
ihr drüben. Ich ging erst wieder zwei Jahre darauf nach Italien, um
etwas für meine Gesundheit zu tun. Auf meine dringende Bitte seid
auch ihr jetzt nach England zu mir zurückgekehrt und ich habe die
unbeschreibliche Freude erlebt, mein Kind wiederzusehen, alles, was ich
mir noch wünschen konnte.«
Es ist kurz hinzuzufügen, was von jenem Leben in den Hauptstädten
London und Paris, das die letzten acht Jahre fast ausfüllt, der Vater
seiner Tochter nicht ausdrücklich hat sagen wollen, aus Zartgefühl
gegen ihre Mutter. Die Ehe war keine glückliche. Das Paar, das sich auf
so romantische Weise gefunden hatte, wurde einer des anderen herzlich
überdrüssig, bevor viele Jahre verflossen waren .. Eine drollige
Mischung von Selbstanklage und Überlegenheit liegt in folgendem
Shandystischen Stoßseufzer: »Ein verteufeltes Glück für einen Mann,
der Herr über die zartesten Vernunftschlüsse ist, ein Weib zu haben,
in dessen Kopf er auf keine Weise einen Gedanken einschmuggeln kann,
der seine Seele vor der Verdammnis rettet.« -- Aber der arme Yorick war
der Meinung, daß dieses mühevolle Leben eine trübe und wertlose Sache
bleiben muß, »Ihr hättet der Liebe denn ...« »Ich liebte eine oder
die andere Prinzessin mein Leben lang. Und ich hoffe, ich werde es so
halten bis zu meinem Ende, denn ich bin davon überzeugt, daß, wenn ich
je einer häßlichen Tat fähig war, es zu einer Zeit war, die zwischen
einer alten und einer neuen Leidenschaft lag.«
So machte er nacheinander Miß Fourmentelle (einer schönen französischen
Hugenottin), Frau Garrik, Lady Percy und Eliza Draper (der jungen Frau
eines indischen Farmers) den Hof, ohne daß diese Aufzählung Anspruch
auf Vollständigkeit machen kann. »+L'amour n'est rien sans le
sentiment+,« sagte Sterne, »+Mais le sentiment permet tout+,«
hätte er hinzusetzen sollen. Zweien von diesen Frauen gegenüber, Miß
Fourmentelle und Eliza Draper, versteigen sich seine Empfindungen bis
zu dem Ausruf: Möchte Gott uns die Tür zu einem gemeinsamen Leben
öffnen. An seine »+Dear, dear Kitty+« (Miß Fourmentelle) schreibt
er: »Ich bin keine Stunde ohne Wunsch, denn ich wünsche immer, mit
Dir zusammen zu sein.« Ein Jahr darauf hat er sich kopfüber in ein
anderes Gefühl gestürzt, er liegt in den Banden der Lady Percy, deren
Abenteuer London genug Gelegenheiten zu Klatschereien gaben. »Ihre
Augen und Lippen haben einen Mann zum Narren gemacht, den die ganze
Stadt für einen sehr geistreichen Menschen hält.« Laurence Sterne
war über fünfzig und seine Nerven trotz der italienischen Reise
äußerst angegriffen, als er sich zum letzten Male mit dem gewohnten
Erfolg in den Glauben versetzte, daß er liebe. Eliza Draper war
fünfundzwanzig Jahre alt und wohnte, weil sie das Klima in Indien
nicht vertragen konnte, bei Freunden in London. Sie gehörte zu jenen
interessanten Frauen, die eine körperliche Anfälligkeit dem Manne nur
noch sympathischer macht, weil sie ihm Gelegenheit gibt, in seiner
Zärtlichkeit unermüdlich zu sein. Ganz London wußte von dieser neuen
Liaison des armen Yorick, und irgendein Fant beeilte sich auch, Frau
Sterne in Toulon davon zu unterrichten. Ich will davon nichts wissen,
soll sie geantwortet haben. Später hat sie aber ihrem Gatten die Rolle
des »Braminen«, die er bei der jungen Dame aus Indien spielte, von all
seinen Abenteuern am wenigsten verzeihen können. Als sie mit Lydia nach
York zurückkehrte, war Eliza Draper schon auf der Fahrt nach Bombay.
Als wollte sich das Schicksal des armen Yorick wirklich seines Autors
bemächtigen, so starb auch Sterne, »ob er gleich dem Anscheine nach
bis auf den letzten Augenblick den Mut nicht sinken ließ, vor Kummer
und Gram. Seine unvorsichtige Scherzhaftigkeit hatte ihn in solche
Schlingen verwickelt, daraus ihn kein Nachwitz losmachen konnte.« Der
Mann, der in Coxwould ein Haus und in York eine Wohnung hatte, dessen
Familie nach fünf Jahren aus Frankreich eben erst zurückgekehrt war,
der vergötterte Liebling der Pariser und Londoner Salons (aber ebenso
hartnäckig von seinen Feinden verfolgt), starb am 16. März 1768 in
einem möblierten Zimmer in der Bondstreet in London. Es lockte ihn
der Ruhm der Großstadt, die Lorbeern der +sentimental Yourney+
sollten ihn seinen Kummer vergessen machen. Aber er mußte erfahren,
daß auch der berühmteste Witzbold in dem Augenblick von seinen
Freunden vergessen wird, wenn ihn Krankheit abhält, regelmäßig ihre
Abendgesellschaften mit seinen cervantischen Einfällen zu würzen.
Nicht einmal die geizige Vermieterin war bei dem Sterbenden. Und als
ein Diener seiner Freunde sich nach dem Befinden des Herrn Sterne zu
erkundigen kam, fand er einen Toten im Lehnstuhl. Leichenräuber gruben
ihn am Tage seiner Beerdigung aus (es heißt, die Wirtin habe von dem
Erlös ihren Mietzins abgezogen) und verkauften ihn an die Universität
Cambridge, wo ein Professor den armen Yorick wiedererkannte.
Das achtzehnte Jahrhundert hat seine besten Kinder am
stiefmütterlichsten behandelt. Es gab ihnen die Süßigkeiten eines
ungebundenen (wir sagen galanten) Lebens. Der Kern aber war eine
bittere Mandel.
Diese Ausgabe bringt die berühmte Übersetzung von Bode, die in
Deutschland unter den vielen Übersetzungen, die sofort auf die
englische Ausgabe folgten, als die bei weitem beste die größte
Verbreitung hatte und an verschiedenen Orten mit und ohne Erlaubnis
nachgedruckt wurde. Ich habe zum besseren Verständnis der kräftigen
Ausdrucksweise, die auch der deutsche Text so gut getroffen hat, die
Interpunktion und einige nicht mehr gebräuchliche Ausdrücke, die dem
Gesichtskreis des modernen Lesers ganz entschwunden sind, geändert.
Im ganzen aber ist der altmodische Stil gewahrt, der die Eigenart des
achtzehnten Jahrhunderts und die unserer Prüderie bisweilen gefährliche
Derbheit bewahrt und rechtfertigt. Den ganzen Text zu bringen ist
uns hier unmöglich. Die zahlreichen längeren Abschweifungen, die sich
Sterne erlaubt, haben es leicht gemacht, dennoch den Charakter des
Ganzen wie im einzelnen zu bewahren sowie die anschauliche Kraft der
Shandystischen Meinungen.
W. M.
Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy
Erstes Kapitel.
Am fünften Tage des November 1718, welcher, von der festgesetzten
Ära an gerechnet, neun Kalendermonate so richtig vollmachte, als es
irgendein Ehemann billigerweise erwarten konnte, ward ich, Tristram
Shandy, Erbherr, für diese unsere schäbige, unglücksvolle Welt geboren.
-- Ich wollte, ich wäre im Monde geboren worden oder in jedem anderen
Planeten, nur nicht im Jupiter oder Saturn, weil ich mich gar nicht
mit der Kälte vertragen kann; denn es könnte mir schwerlich in einem
davon schlimmer ergangen sein -- ob ich wohl für die Venus nicht gut
sagen möchte -- als in diesem schmutzigen Lumpendinge von Planeten,
der, wenn ich meines Herzens Meinung, jedoch mit allem Respekt, frei
heraus sagen soll, wohl nur von den Schnitzeln und Feilspänen gemacht
ist, die von den übrigen abfielen. Noch wäre der Planet gut genug,
wäre nur ein Mensch darauf als Erbe zu einem hohen Titel oder großen
Vermögen geboren, oder wüßte er's nur so anzugreifen, daß er zu
großen Ehrenämtern berufen würde, die ihm fein viel Ansehen und Macht
erteilten; aber das ist nun mein Casus nicht, und also -- jedermann
spricht von der Messe, nachdem er auf derselben seinen Handel gemacht
hat; deswegen also, sage ich noch einmal, es ist das elendeste
Lumpending von einer Welt, die jemals gemacht worden; denn ich kann
mit Wahrheit sagen, daß ich von der ersten Stunde an, da ich darin
meinen Atem schöpfte, bis zu der jetzigen, da ich fast gar keinen mehr
schöpfen kann wegen meines Asthmas, das ich mir dadurch zugezogen, daß
ich in Flandern auf Schlittschuhen gegen den Wind lief, ein Spiel der
mutwilligen Dame bin, welche die Welt Fortuna nennt; ob ich ihr gleich
nicht das Unrecht tun und ihr nachsagen will, sie habe mich jemals die
Last irgendeinen großen oder sich auszeichnenden Leidens fühlen lassen,
so bezeuge ich doch mit aller möglichen Friedsamkeit von der Welt, daß
bei allen Auftritten meines Lebens, und an jeder Ecke oder in jedem
Winkel, wo sie mir nur einigermaßen beikommen konnte, sie mir einen
Packen so jämmerlicher Widerwärtigkeiten und Querhändel an den Hals
geworfen hat, als jemals ein kleiner Held hat erdulden müssen.
[Illustration]
Zweites Kapitel.
Im Anfange des vorhergehenden Kapitels berichtete ich Ihnen ganz
genau, wann ich geboren ward; -- ich berichtete Ihnen aber nicht, wie?
Nein, dieser Umstand ward für ein ganz eigenes Kapitel aufgespart.
-- Überdies, mein Herr, da Sie und ich gewissermaßen einander noch
völlig unbekannt sind, so würde es sich nicht geschickt haben, Sie
sogleich auf einmal mit verschiedenartigen Umständen, die nur mich
angehen, bekannt zu machen. -- Sie müssen ein wenig Geduld haben. Ich
habe es unternommen, wie Sie sehen, nicht bloß mein Leben, sondern
auch meine Meinungen zu schreiben in der Hoffnung und Erwartung, daß,
wenn Sie erst meinen Charakter kennten und wüßten, von was für einem
Schlage von Sterblichen ich bin, das eine Ihnen desto mehr Geschmack
an dem andern beibringen würde. Sowie Sie weiter von mir fortgehen,
wird die kleine Bekanntschaft, die eben unter uns anfängt, zu einer
Vertraulichkeit auszuschlagen, und diese, oder die Schuld müßte an
einem von uns beiden liegen, wird sich in Freundschaft endigen. --
+O diem præclaram!+ -- Dann wird nichts, was mir begegnet ist,
für Kleinigkeit an sich selbst oder für langweilig in der Erzählung
gehalten werden. Deswegen also, mein liebster Freund und Gefährte, wenn
Sie meinen sollten, ich gehe im Anfange meiner Geschichten ein wenig
sparsam zu Werke, so übersehen Sie's mir, und lassen Sie mich meinen
Gang gehen und meine Historie auf meine Weise erzählen. Oder sollte es
scheinen, daß ich dann und wann auf meinem Wege ein bißchen tändelte
oder für ein paar Minuten, sowie wir weiter kommen, eine Kappe mit
Schellen aufsetzte, so laufen Sie nur nicht gleich davon, sondern haben
Sie die Gefälligkeit und geben mir für ein wenig mehr Weisheit Kredit,
als mir an der Stirne geschrieben steht, und sowie wir fortwackeln,
lachen Sie mit mir oder über mich, oder kurz, tun Sie, was Sie wollen.
Nur ungeduldig müssen Sie nicht werden.
[Illustration]
Drittes Kapitel.
Mein Vater, müssen Sie wissen, der eigentlich ein Kaufmann war und nach
der Levante handelte, seit einigen Jahren aber den Handel niedergelegt
hatte, um sich auf ein väterliches Landgut in der Grafschaft Z.
zu begeben und daselbst zu leben und zu sterben, war, glaub' ich,
der regelmäßigste Mann in allem, was er tat, es sei Geschäft oder
Zeitvertreib.
In ebendem Dorfe, worin mein Vater und meine Mutter wohnten, wohnte
auch eine hagere Matrone, eine züchtige, alte, gute Frau von Hebamme,
welche mit Hilfe etwas wenigen, schlechten Menschenverstandes, und
weil sie einige Jahre hindurch alle Hände voll in ihrem Geschäfte zu
tun hatte, wobei sie sich beständig auf ihre Bemühungen sehr wenig,
auf Frau Mutter Natur aber sehr stark verließ, nach ihrer Art keine
geringe Staffel des Ruhms in der Welt erstiegen hatte. -- Bei welchem
Worte Welt ich Euer Hochedelgeboren notwendig sagen muß, daß Sie nicht
denken, ich meine mehr damit als einen kleinen Zirkel, der auf dem
Zirkel der großen Welt beschrieben ist, von vier englischen Meilen im
Durchmesser oder so ungefähr, von welchem die Hütte, worin die gute
alte Frau lebte, als Mittelpunkt angenommen werden muß. -- Sie war, wie
es scheint, in ihrem siebenundvierzigsten Jahre zur Witwe geworden mit
drei oder vier kleinen Kindern in großer Dürftigkeit. Da sie damals
eine Person von ehrbarer Aufführung, ernsthaftem Betragen, ja noch
dazu ein Weibsbild von wenig Worten und obendrein ein Gegenstand des
Mitleids war, deren Armut und das Stillschweigen, womit sie solche
ertrug, desto lauter um freundschaftlichen Beistand rief, so ward die
Frau des Pfarrers am Kirchspiel von Mitleid gerührt. Sie hatte schon
oft einen üblen Umstand beklagt, dem die Herde ihres Eheherrn schon
viele Jahre hindurch ausgesetzt war. Daß nämlich kein solches Ding
als eine Hebamme von irgendeiner Art zu finden war, der Fall mochte
so dringend sein, als er wollte. Man mußte erst sechs oder sieben
lange Meilen danach reiten, welche besagte sieben lange Meilen bei
finsteren Nächten und bösen Wegen, da der Boden in der Gegend umher aus
zähem Lehm bestand, ebenso gut waren als vierzehn und dieses zuweilen
ebensoviel hieß als gar keine Hebamme haben. So hatte die Frau Pfarrer
den Einfall, daß es ein ebensowohl angebrachter Dienst für das ganze
Kirchspiel als für die arme Frau selbst sein würde, wenn man sie ein
wenig in den Anfangsgründen der Kunst unterweisen ließe, damit sie
hernach Hebamme des Kirchspiels werden könnte. Da keine Frau in der
ganzen Gegend geschickter war, ihren entworfenen Plan auszuführen,
so übernahm es die Frau Pastor christlicherweise. Und sie vermochte
über die weibliche Hälfte der Pfarrkinder soviel, daß sie ihn ohne
Schwierigkeit nach allem Herzenswunsch ausführte. In der Tat half auch
in dieser Sache der Pfarrer seiner Frau mit seinem ganzen Ansehen. Um
in der gehörigen Ordnung zu Werke zu gehen und dem guten Geschöpfe
ein ebenso gutes Recht zur Ausübung durch die Gesetze zu geben, als
ihr seine Frau durch Unterweisung gegeben hatte, -- bezahlte er mit
Freuden aus seiner eigenen Tasche das Geld für den Freiheitsbrief
vom Landphysikus, welches sich überhaupt ungefähr auf einen Louisdor
belief. So wurde die gute Frau unter vier Augen völlig in den wahren
und körperlichen Besitz ihres Amtes eingesetzt mit allen seinen
Rechten, Artikeln und Gefällen, wie sie auch immer Namen haben mochten.
Diese letzten Worte, müssen Sie wissen, standen nicht in dem
alten Formular, nach welchem gewöhnlich solche Freiheitsbriefe
und Vollmachtsscheine lauteten, sondern waren aus einem netten
Formularbuche des Didius eigener Erfindung genommen, welcher, aus
einer besonderen Gabe, alle dergleichen Instrumente zu zerstückeln und
von neuem zusammenzufügen, nicht allein diese herrliche Verbesserung
ausersann, sondern auch mancher von den alten privilegierten Matronen
in der Nachbarschaft den Mund so wässerig machte, daß sie ihren
Freiheitsbrief auffrischen ließ, um diesen seinen Bimbam beigefügt zu
haben.
Ich gestehe, ich habe Didius wegen dieser Art von seinen Einfällen
niemals beneiden können; aber laß jedermann seinen besonderen
Geschmack. -- Fand nicht +Dr.+ Kunastrokius, dieser große Mann,
in müßigen Stunden darin das größte erdenkliche Vergnügen, daß er
Eselsschwänze klar kämmte und die tauben Haare mit seinen Zähnen
ausrupfte, obgleich er beständig die Haarzange bei sich in der Tasche
trug? Ja, weil Sie doch einmal daraufkommen, mein Herr, hatten nicht
die weisesten Männer zu allen Zeiten, Salomo selbst nicht ausgenommen,
ihre Steckenpferde, ihre Wettrenner, ihre Münzsammlung, ihre Konzilien,
ihre Trommeln, ihre Trompeten, ihre Geigen, ihre Paletten, ihre
chinesischen Porzellanfiguren, ihre Schmetterlinge? Solang' ein Mann
sein Steckenpferd auf der Heerstraße ruhig und friedsam fortreitet und
weder Sie noch mich zwingen will, mit ihm zu reiten, -- ich bitte Sie,
mein Herr, was geht es Sie oder mich an?
[Illustration]
Viertes Kapitel.
Was für einen Grad des kleinen Verdienstes die wohltätige Handlung zum
Besten der Hebamme mit Recht heischen könnte, oder wem dieses Recht
eigentlich zustand, das scheint beim ersten Anblick nicht wesentlich zu
dieser Geschichte zu gehören. -- Soviel war aber gewiß, daß die Frau
Pastor zu der Zeit mit dem ganzen Ruhm davon durchging. Dennoch kann
ich für mein Leben nicht umhin, zu denken, daß der Pfarrer selbst, ob
er gleich nicht das Glück hatte, zuerst auf den Einfall zu kommen,
dennoch, da er den Augenblick, da ihm die Sache vorgetragen wurde,
herzlich gerne Teil daran nahm und ebenso herzlich gerne sein Geld
hergab sie auszuführen, ein Recht auf etwas, wo nicht zur vollen Hälfte
von aller der Ehre hatte, die ihr gebührte.
Der Welt gefiel es damals, die Sache anders zu entscheiden.
Legen Sie das Buch weg, und ich gebe Ihnen einen halben Tag Zeit, eine
wahrscheinliche Mutmaßung von dem Grunde dieses Verfahrens ausfindig zu
machen.
Man wisse also, daß ungefähr fünf Jahre vor dem Datum, unter welchem
der Hebamme der Freiheitsbrief ausgestellt wurde, von welchem Sie
eine so umständliche Nachricht erhalten, der Pfarrer sich durch einen
Fehler gegen alles Dekorum, den er gegen sich selbst, seinen Stand und
sein Amt begangen, ins Gerede der Leute gebracht hatte. Der bestand
darin, daß er niemals ein anderes oder besseres Pferd ritt als ein
dürres, steifes Roß, ungefähr neuneinhalb Taler wert, welches, um es
kurz zu beschreiben, ein so echter Bruder vom Rosinante war, als ihn
die leibhaftige Ähnlichkeit dazu machen konnte; denn die Beschreibung
fehlte nicht um Haaresbreite. -- Ausgenommen, daß ich mich nicht
erinnere, daß es irgendwo gesagt worden, Rosinante habe sich verfangen
gehabt, und auch dieses, daß Rosinante, wie es die Glückseligkeit fast
aller spanischen Hengste ist, ganz gewiß in allen Punkten ein volles
Pferd war.
Ich weiß recht gut, daß das Pferd des Helden ein Pferd von sehr
keuscher Aufführung war, und das mag Gelegenheit zu einer gegenseitigen
Meinung gegeben haben. Es ist aber zu gleicher Zeit ebenso gewiß, daß
die Enthaltsamkeit des Rosinante aus keinem körperlichen Mangel oder
irgendeiner andern Ursache herrührte als aus dem Mangel an Temperament
und dem ordentlichen Umlaufe des Bluts. Und erlauben Sie mir, Ihnen zu
sagen, Madame, es gibt manche ehrliche Keuschheit in der Welt, für die
Sie nichts mehr anführen könnten, und stünde auch Ihr Leben darauf.
Das nebenher. Da meine Absicht ist, jeder Kreatur, die auf der Szene
dieses dramatischen Werkes vorkommt, die strengste Gerechtigkeit
angedeihen zu lassen, so konnte ich diese Distinktion zum Besten Don
Quixotes Pferd nicht unterdrücken. In allen übrigen Punkten sage ich,
war des Pfarrers Pferd ihm völlig gleich; denn es war ein so mageres
und so dünnes, elendes Roß, daß die Demut es in eigener Person hätte
beschreiben können.
Nach dem Dafürhalten eines Mannes von schwachem Urteile stand es sehr
gut in des Pfarrers Macht, der Figur dieses seines Pferdes aufzuhelfen;
denn er besaß einen sehr hübschen Reitsattel, der auf dem Gesäß mit
grünem Plüsch gepolstert war, ausgeziert mit einer doppelten Reihe
von silbernen Stiften, und ein herrliches Paar glänzender messingener
Steigbügel, eine Schabracke von sehr feinem, grünem Tuche, am Rande mit
schwarzen Spitzen besetzt, wovon lange, schwarze seidene Fransen, mit
goldenen Fäden vermischt, herabhingen. -- Alles dieses hatte er, nebst
mit Silber belegten Stangen und einer gehörig zierlichen Trense in der
Blüte seines Lebens gekauft. -- Da er aber sein Pferd nicht zum Narren
haben wollte, hatte er das alles in seiner Studierstube hinter der Türe
aufgehängt. -- Und statt dessen hatte er ganz ernsthaft gerade solch
einen Zaum und Sattel angeschafft, als sich für die Gestalt und den
Wert eines solchen Tieres eigentlich schickten und gebührten.
Auf den verschiedenen Ritten in seinem Kirchspiel und gelegentlich
der Besuche bei dem kleinen Landadel, welcher in der Nachbarschaft um
ihn herum wohnte, können Sie leicht begreifen, daß der solchergestalt
ausstaffierte Pfarrer genug zu sehen und zu hören bekommen mußte, um
seine Philosophie vorm Verrosten zu bewahren. Die Wahrheit zu sagen,
er konnte niemals in ein Dorf reiten, oder er zog die Aufmerksamkeit
der Alten und Jungen auf sich. -- Die Arbeit stand still, wenn er
vorbeiritt, -- der Eimer blieb im Brunnen schweben, -- das Spinnrad
vergaß seinen Lauf -- selbst die Häuflein Kinder beim Kügelchen-
oder die größeren Buben beim Münz- und Letterspiel vergaßen alles
und standen mit offenem Munde, bis sie ihn aus dem Gesicht verloren.
Da seine Bewegung nicht die schnellste war, so hatte er gewöhnlich
mehr als zuviel Zeit, seine Beobachtungen anzustellen, das Seufzen
der Ernsthaften und das Lachen der Leichtherzigen zu hören, was er
mit unvergleichlicher Ruhe ertrug. -- Sein Charakter war, er liebte
einen kurzweiligen Einfall im Grunde der Seele, und da er sich selbst
in einer wahren Lächerlichkeit sah, so, pflegte er zu sagen, könnte
er sich über andere Leute nicht ärgern, wenn sie ihn in einem Lichte
erblickten, das ihm selbst so stark auffiele, dergestalt, daß er bei
seinen Freunden, welche wußten, daß die Liebe zum Gelde seine Schwäche
nicht war, und sich daher am wenigsten ein Gewissen daraus machten, ihn
mit seiner drolligen Laune aufzuziehen, anstatt die wahren Ursachen
anzugeben, -- lieber in das Gelächter über sich selbst mit einstimmte.
-- Da er selbst keine Unze Fleisch auf seinen eigenen Knochen trug,
sondern ebenso hager von Ansehen war, wie sein Tier, so behauptete er
zuweilen, das Pferd wäre so gut, als es der Reiter verdiente, beide
machten einen Zentauren -- aus einem Stücke. Zu anderen Zeiten und bei
anderer Laune, wenn er zu stark war, den Versuchungen des falschen
Witzes zu unterliegen, sagte er wohl, er fühlte sich selbst auf
einem guten Wege zur Auszehrung. Ein anderes Mal gab er wohl fünfzig
sonderbare und entgegenstehende Ursachen an, warum er ein demütiges
und wehmütiges Gespenst von keuchendem Rappen lieber ritte als ein
mutiges Pferd. Auf so einem könnte er ganz mechanisch sitzen und nach
Herzenslust +de vanitate mundi et saeculi+ meditieren, so gut,
als ob er einen Totenkopf vor sich stehen hätte. Wenn er so langsam
vor sich hin ritte, könnte er seine Zeit zu allerlei Geistesübungen
ebensogut anwenden, als ob er auf seinem Studierstuhle säße. Er könne
eine Lücke in seiner Predigt -- oder ein Loch in seinen Beinkleidern
-- auf dem einen so gut wie auf dem anderen flicken. -- Munteres
Trottieren und langsames Argumentieren wären wie Witz und Verstand
zwei unverträgliche Bewegungen. Auf seinem Rosse aber könne er alles
miteinander verbinden und vereinigen; er könne darauf das Studieren auf
seine Predigt abwarten und seinen Husten und, falls ihn die Natur dazu
einlüde, seine Mittagsruhe obendrein. Kurz, der Pfarrer führte bei
solchen Angriffen alle Ursachen an, nur die wahre nicht. -- Die wahre
hielt er zurück aus einer bloß ihm eigenen Bedenklichkeit: -- weil er
glaubte, sie mache ihm Ehre.
Der wahre Knoten der Geschichte aber war folgender: In den ersten
Amtsjahren dieses Mannes, und zu der Zeit, da der prächtige Sattel
und Zaum angeschafft wurden, war es so seine Art oder Eitelkeit, oder
nennen Sie's, wie Sie wollen, auf der entgegengesetzten Seite zuviel
zu tun. In der Sprache des Landes hieß es: er hielte große Stücke auf
einen guten Reithengst. Gewöhnlich hatte er auch einen der besten im
ganzen Kirchspiele sattelfertig im Stalle stehen. Und da die nächste
Hebamme, wie ich Ihnen gesagt habe, nicht näher beim Dorfe wohnte als
sieben Meilen, in einer Gegend, wo lauter tiefe Wege waren, so fiel's
immer dahin aus, daß selten eine ganze Woche hinging, da nicht an den
armen Mann eine flehentliche Bitte um sein Tier gelangte. Er war kein
hartherziger Mann, und jeder Fall war immer dringender und jammervoller
als der vorige. So lieb er also sein Pferd haben mochte, so konnte er's
doch nicht übers Herz bringen, nein zu sagen. Das Ende vom Liede war
dann gemeiniglich, daß sein Pferd gedrückt war oder Drüsen bekam oder
die Fußgallen oder ward spatlahm oder hatte sich verfangen oder kurz,
hatte einen oder den anderen Fehler bekommen, der es rauhaarig machte
und ihm kein Fleisch auf den Knochen ließ. So hatte er alle neun oder
zehn Monate eine Kracke abstehen und ein gutes Pferd an ihrer Statt
wieder zu kaufen.
Wie hoch sich, ein Jahr ins andere gerechnet, der Verlust in einer
Solchen Bilanz belaufen mochte, das überlasse ich einer eigentlich dazu
erwählten Zahl von Obmännern zu bestimmen, die selbst bei dergleichen
Handel gelitten haben. -- Aber laß ihn so groß gewesen sein, wie er
wolle, der ehrliche Mann ertrug ihn viele Jahre lang ohne Murren,
bis er endlich, nach zu oft wiederholten Zufällen dieser Art, es für
nötig fand, die Sache in Erwägung zu ziehen, und beim Überrechnen und
Aufsummieren in seinen Gedanken herausbrachte, daß es nicht nur kein
Verhältnis gegen seine übrigen Ausgaben hätte, sondern auch schon
an und für sich ein so lästiger Artikel wäre, daß er ihn unfähig
mache, irgendeine andere großmütige Handlung in seinem Kirchspiel
auszuüben. Zudem machte er die Überlegung, daß er mit der Hälfte dieser
verrittenen Summe zehnmal soviel Gutes tun könnte. Und was noch mehr
Gewicht bei ihm hatte als alle andere Betrachtungen zusammengenommen,
war dies, daß er alle seine Werke der Barmherzigkeit auf einen
besonderen Teil einschränkte, der ihrer nach seiner Einbildung am
wenigsten bedurfte, nämlich den schwangeren und gebärenden Teil seines
Kirchspiels. Er behielt nichts übrig für die Schwachen und Kranken,
nichts für die betagten Alten, nichts für die jammervollen Auftritte,
zu denen er stündlich gerufen wurde, woselbst Armut, Krankheit und
Elend beisammen wohnten.
Aus diesen Ursachen beschloß er, den Aufwand einzuziehen, und dazu
hatte er, wie's ihm schien, nur zwei mögliche Wege, und diese waren,
entweder sich's zu einem unverbrüchlichen Gesetze zu machen, sein Pferd
niemals wieder auszuleihen, man möchte ihn bitten, so sehr man wollte,
oder sich darein zu finden, daß er den letzten armen Köter von Rappen,
so wie sie ihn zugerichtet hatten, fortritte, mit allen Seinen Fehlern
und Gebrechen, bis ans äußerste Ende des Kirchspiels.
Da er seiner eigenen Standhaftigkeit nicht traute, erwählte er ganz
getrost den zweiten Weg, und ob er gleich, wie ich gesagt habe, es
hätte zu seiner Ehre verkünden können, so sah er aus Großmut davon
ab und wollte lieber die Verachtung seiner Feinde und das Gelächter
seiner Freunde erdulden, als sich der Mühe unterziehen, eine Geschichte
zu erzählen, welche eine Lobrede auf ihn selbst scheinen möchte.
Ich habe den höchsten Begriff von den großmütigen und zarten
Gesinnungen dieses ehrwürdigen Geistlichen aus diesem einzigen Zuge in
seinem Charakter gefaßt, der nach meiner Meinung ebensoweit geht als
irgendeine von den treugemeinten Zärtlichkeiten des unvergleichlichen
Ritters v. Mancha, welchen ich, im Vorbeigehen gesagt, mit allen Seinen
Narrheiten lieber habe und viel weiter gereist sein würde, um ihn zu
besuchen, als den größten Helden des Altertums.
Aber das ist nicht die Moral aus meiner Erzählung. Was ich eigentlich
im Sinne hatte, war, zu zeigen, wie sich die Welt bei dieser ganzen
Sache benahm; denn Sie müssen wissen, solange als diese Aufklärung
dem Pfarrer Ehre gebracht hätte, fand sich keine arme Seele, die
dahinterzukommen vermochte. -- Ich glaube, seine Feinde wollten nicht,
und seine Freunde konnten nicht. -- Aber sobald er sich zum Besten der
Hebamme bemühte und das Geld für ihr Examen und ihren Erlaubnisschein
bezahlte, war das ganze Geheimnis heraus. Jedes Pferd, das ihm
draufgegangen war, und noch ein paar darüber, mit allen Umständen, wie
sie zugrunde gerichtet worden, kamen ans Licht und wurden der Länge
nach her erzählt. Die Geschichte griff um sich wie wildes Feuer.
Der Pfarrer habe einen neuen Anfall vom Hochmutsteufel bekommen und
stände im Begriff, noch einmal in Seinem Leben wieder ein gutes Pferd
für seinen Leib zu halten, und wenn das geschähe, so wäre es so klar
wie die liebe Sonne am hellen Mittage, daß er die Ausgabe für die
Hebamme in einem einzigen Jahre zehnfach im Sack behielte. Man könne
also beurteilen, was für Absichten er bei dieser Barmherzigkeit gehabt
hätte.
Was für Absichten er bei dieser oder jeder anderen Handlung in seinem
Leben gehabt, oder vielmehr, was für Meinungen darüber in dem Gehirn
anderer Leute schwammen, war ein Gedanke, der zuviel in seinem eigenen
umherschwamm und ihn zu oft in seiner Ruhe störte, wenn er eines
gesunden Schlafes bedurfte.
Vor ungefähr zehn Jahren hatte dieser brave Mann das gute Glück, über
diesen Punkt völlig beruhigt zu werden; denn gerade so lange ist es
her, daß er seine Pfarre und zugleich die ganze Welt hinter sich ließ
und einem Richter zur Rechenschaft steht, über den sich zu beklagen er
nicht Ursache haben wird.
Es gibt ein unvermeidliches Schicksal, das die Handlungen einiger
Menschen begleitet. Laß sie solche einrichten, wie sie wollen; sie
fallen durch ein gewisses Mittelglas, welches die Strahlen dieser
Handlungen so verwirrt und in ihrer wahren Richtung solchergestalt
bricht, daß, mit allen den Ansprüchen auf Lob, welche die
Rechtschaffenheit des Herzens geben kann, diejenigen, die sie ausüben,
gleichwohl leben und sterben müssen, ohne es zu genießen.
Daß dieses eine Wahrheit sei, davon war dieser Geistliche ein
unangenehmes Beispiel. Um aber zu wissen, wie das zuging und dieses
Wissen Ihnen nützlich zu machen, muß ich ausdrücklich verlangen, daß
Sie die zwei folgenden Kapitel lesen, welche eine solche Skizze von
seinem Leben und Umgange enthalten, daß die Moral zugleich mit darin
ist. Wenn dies geschehen ist und uns kein anderer Stein in den Weg
fällt, dann wollen wir mit der Hebamme weitergehen.
[Illustration]
Fünftes Kapitel.
Yorick war dieses Geistlichen Name, und was dabei sehr merkwürdig,
wie aus einer sehr alten, auf dickes Pergament geschriebenen
Familiennachricht, die noch gut erhalten ist, hervorgeht, er ist genau
ebenso buchstabiert, seit fast -- auf ein Haar breit hätte ich gesagt
neunhundert Jahren. Ich mag aber meine Zuverlässigkeit dadurch keinem
Zweifel unterwerfen, daß ich eine unwahrscheinliche Wahrheit sage, so
unbezweifelt richtig sie auch an sich selbst ist. Also will ich mich
begnügen, bloß zu sagen, er ist genau ebenso buchstabiert, ohne die
geringste Veränderung oder Versetzung eines einzigen Buchstabens. Hat
dies an dem Hochmute oder an der Schamhaftigkeit ihrer respektiven
Eigner gelegen? Die offenherzige Wahrheit zu sagen, ich glaube,
zuweilen an dem einen und zuweilen an der anderen, nachdem es die
Versuchung so mit sich brachte. Eine häßliche Sache aber bleibt's doch
immer und wird uns eines Tages noch so untereinander vermischen und
vermengen, daß kein Mensch vermögend sein wird, die Finger aufzuheben
und zu schwören, daß sein leiblicher Urgroßvater der Mann war, der
dieses oder jenes tat.
Diesem Übel war durch die kluge Vorsicht der Yorickschen Vorfahren und
ihre sorgfältige Aufbewahrung des angeführten Pergaments hinlänglich
vorgebaut. Die Urkunde teilt uns ferner mit, daß das Geschlecht
eigentlich dänischen Ursprungs und bereits unter der Regierung des
dänischen Königs Horwendilius nach England verpflanzt worden sei.
An dem Hofe dieses letzteren, scheint es, bekleidete einer von den
Vorfahren unseres Herrn Yorick, von welchem er in gerader Linie
abstammt, bis an das Ende seines Lebens einen ansehnlichen Posten.
Von was für einer Art dieser ansehnliche Posten gewesen, sagt das
Familienregister nicht. Es fügt nur hinzu, daß er seit fast zweihundert
Jahren nicht allein an diesem, sondern beinahe an allen anderen
christlichen Höfen als völlig unnötig eingegangen sei.
Es ist mir oft in den Kopf gekommen, daß dieser Posten wohl kein
anderer habe sein können als des Königs Oberspaßmacher, und daß Hamlets
Yorick in unserem Shakespeare, dessen dramatische Stücke, wie Sie
wissen, sich oft auf wahre Geschichten gründen, gerade derselbe Mann
war.
Ich habe nicht Zeit, die dänische Geschichte des Saxo-Grammatikus
nachzuschlagen, um hierüber Gewißheit zu bekommen. Das können Sie
aber ebensogut selbst tun, wenn Sie Muße haben und das Buch unschwer
erhalten können.
Ich hatte eben nur soviel Zeit auf meinen Reisen durch Dänemark mit
Herrn Neddys ältestem Sohne, den ich 1741 als Hofmeister begleitete und
mit Extrapost durch die meisten Teile von Europa führte, daß die Pferde
rauchten, -- ich hatte eben nur soviel Zeit, sage ich, und zu nichts
mehrerem, die Wahrheit der Bemerkung bestätigt zu finden, die jemand
gemacht, der sich lange in dem Lande aufgehalten hatte, daß nämlich die
Natur weder sehr verschwenderisch noch sehr knickerig mit ihren Gaben
von Genie und Fähigkeiten gegen seine Einwohner sei; -- sondern, gleich
einer klugen Mutter, gegen alle mäßig gütig wäre; daß sie bei der
Austeilung ihrer Geschenke dergestalt Ebenmaß hielte, daß sie solche
so ziemlich einander gleich machte. So daß Sie in diesem Reiche wenige
Beispiele von hervorragenden Genies finden werden, wohl aber ziemlich
viel von gutem natürlichen Alltagsverstande in allen Ständen und bei
allen Leuten, wovon jedermann sein Teil bekommen hat, was denn auch
nach meiner Meinung ganz recht ist.
Bei uns, sehen Sie, geht die Sache ganz anders zu. Wir stehen alle,
was diese Materie betrifft, sehr hoch oder sehr tief. Sie sind ein
großes Genie, mein Herr, oder fünfzig gegen eins: Sie sind ein großer
Dummkopf. Nicht als ob es so ganz und gar an Mittelstufen fehlte.
-- Nein, so völlig außer aller Regel sind wir nun wohl nicht. Aber
die beiden äußersten Spitzen sind gewöhnlicher und stehen weiter
voneinander in dieser unsteten Insel, wo selbst die Natur in ihren
Gaben und Austeilungen dieser Art höchst willkürlich und eigensinnig
ist. Das Glück selbst kann in Bescherung seiner Habe und Güter nicht
sonderbarer zu Werke gehen als sie.
Das ist es alles, was mich jemals in meinem Glauben von Yoricks
Abkunft wankend gemacht hat, welcher, soviel ich mich erinnern kann,
und zufolge aller Nachrichten, die ich nur von ihm habe erhalten
können, nicht einen einzigen Tropfen dänisches Blut in seiner ganzen
Mischung zu haben schien. In neunhundert Jahren kann es möglicherweise
alles verlaufen sein. Philosophieren darüber mag ich indessen keinen
Augenblick mit Ihnen. Denn es mag zugegangen sein, wie es wolle, so ist
soviel zuverlässig, daß statt des kalten Phlegmas und der ängstlichen
Regelmäßigkeit des Verstandes und der Laune, die Sie bei einem Manne
von dergleichen Abkunft erwartet hätten --, er vielmehr von so zarter
Körperbeschaffenheit war, als nur immer das mildeste Klima hätte
hervorbringen und zusammensetzen können. Bei allen diesen Segeln
hatte der arme Yorick dennoch keine Unze Ballast geladen. Er hatte
nicht die geringste Weltkenntnis. In einem Alter von einundzwanzig
Jahren wußte er ebensoviel davon, wohin er sein Ruder halten sollte,
als ein unschuldiges Mädchen von dreizehn Jahren, das unter Knaben
die Blindekuh spielt. Sie können sich denken, daß ihn also bei seiner
ersten Ausfahrt der rasche Windstoß seiner Lebensgeister wohl zehnmal
des Tages in fremdes Tauwerk trieb, und da ihm die Ernsthaften und
Bedächtigeren am meisten auf seinem Wege aufstießen, -- so können Sie
sich ebenfalls leicht vorstellen, daß es gerade solche waren, mit
denen er das Unglück hatte, sich am ärgsten zu verwickeln. Ich bin
immer der Meinung, daß eine kleine Mischung von unglücklichem Witz am
Ende der Grund aller dieser Händel war. Yorick hatte, die Wahrheit zu
sagen, von Natur einen unbeweglichen Widerwillen und Abscheu gegen die
Ernsthaftigkeit. Nicht gegen die wirkliche Ernsthaftigkeit; denn er
konnte, wenn's darauf ankam, tage- und wochenlang der ernsthafteste
Sterbliche von der Welt sein. Aber der nachgeäfften Ernsthaftigkeit war
er herzlich feind und kündigte ihr den öffentlichen Krieg an, insofern
sie ein Deckmantel der Unwissenheit oder Narrheit schien. Wo sie ihm
nur aufstieß, sie mochte auch noch so mächtigen Schutz haben, gab er
ihr sehr selten Pardon.
Zuweilen, nach seiner unbedachtsamen Art zu reden, pflegte er zu
sagen, die affektierte Ernsthaftigkeit sei eine durchtriebene Bübin,
und setzte noch wohl hinzu: von der gefährlichsten Gattung, weil sie
so listig sei. Er glaube im Ernste, sie brächte in einem Jahre mehr
ehrliche, sorglose Leute um ihr Gut und Geld, als Beutelschneider
und Spitzbuben in sieben tun könnten. In der nackten Gemütsart, die
ein fröhliches Herz sehen läßt, sagte er, stecke keine Gefahr als
nur für den Besitzer, dahingegen das wahre Wesen der affektierten
Ernsthaftigkeit Vorsatz und folglich Betrug wäre. Es wäre ein
studierter Kunstgriff, sich bei der Welt das Zutrauen zu erwerben,
als ob man mehr Verstand und Einsicht habe, als in der Tat wahr sei.
Ungeachtet alles dessen, wofür sie gerne gehalten sein wollte, wäre
sie doch nicht besser, sondern oft noch schlimmer als die Definition,
die schon vor langer Zeit ein witziger Franzose von ihr gegeben
hätte: ein geheimnisvolles Bestreben des Körpers, die Gebrechen des
Gemüts zu verbergen. Diese Definition der Ernsthaftigkeit, pflegte
Yorick unbehutsamerweise zu sagen, verdiente mit goldenen Buchstaben
geschrieben zu werden.
Er war aber, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, unerfahren
in der Welt, und unversucht und war ebenso unbedachtsam und töricht
bei jedem andern Vorwurfe des Gesprächs, wobei die Politik gewöhnlich
befiehlt, sich Zwang aufzuerlegen. Yorick nahm keine anderen Eindrücke
an als nur einen. Das war der, welcher aus der Natur der Handlung
entstand, wovon gesprochen wurde, welchen Eindruck er dann gewöhnlich
ohne allen Umschweif geradeheraus sagte, nur zu oft, ohne dabei auf
Person, Zeit oder Ort zu achten, dergestalt, daß, wenn eines niedrigen,
unedlen Verfahrens Erwähnung geschah, er sich niemals einen Augenblick
Zeit ließ, zu überlegen, wer der Held des Stückes sei, von welchem
Stande oder was für Macht er habe, ihm hiernächst zu schaden. Es
war für ihn eine schändliche Handlung, ohne weitere Komplimente --
der Mann ein schändlicher Kerl und so weiter. Da seine Kommentare
unglücklicherweise zumeist mit einem witzigen Einfall endigten oder
durchgängig von drolligen, launigen Ausdrücken belebt waren, so gab das
seinen Übereilungen Flügel. Mit einem Worte, ob er gleich niemals die
Gelegenheit suchte, sie aber auch selten vermied, wo er geradezu und
ohne viel Umstände heraus sagen konnte, was ihm in den Mund kam, so
hatte er in seinem Leben nur zuviel Versuchung, seinen Witz und seine
Laune, seinen Spott und seine Satiren auszuschütten. Sie gingen aus
Überfluß an Auflesern nicht verloren.
Was für Folgen das hatte, und was sich Yorick für eine Katastrophe
dadurch zuzog, das können Sie im nächsten Kapitel lesen.
[Illustration]
Sechstes Kapitel.
Der hypothekarische Gläubiger und der hypothekarische Schuldner denken
über die Länge der Zeit in Geldsachen nicht verschiedener als der
Spötter und der Ausgespottete über die Länge des Gedächtnisses. Doch
hierin geht das Gleichnis unter ihnen, wie die Scholasten es nennen,
auf allen vieren, was, im Vorbeigehen anzumerken, auf einem oder
zweien Füßen mehr ist, als sich einige der besten im Homer rühmen
können. Der eine trägt eine Summe, der andere ein Gelächter auf Kosten
eines Dritten davon und denkt nicht weiter daran. -- In beiden Fällen
gleichwohl laufen die Interessen in die Höhe. Der festgesetzte oder
zufällige Zahlungstag dient nur gerade dazu, die Sache nicht völlig ins
Vergessen kommen zu lassen, bis endlich, zu einer bösen Stunde, der
Gläubiger zu beiden kommt, auf der Stelle sein Kapital mit den vollen
Interessen bis auf den letzten Tag fordert und beide die Gültigkeit
ihrer Obligationen in ihrer ganzen Ausdehnung fühlen läßt.
Da der Leser (ich kann die Wenns nicht leiden) eine gründliche Kenntnis
der menschlichen Natur hat, so brauche ich nichts mehr zu sagen, um
ihn zu überzeugen, daß mein Held es nicht lange so forttreiben konnte,
ohne eine oder die andere kleine Erfahrung zu machen. Die Wahrheit zu
gestehen, hatte er sich üppigerweise in eine Menge kleiner Buchschulden
von diesem Schlage verwickelt, welche er, ungeachtet Eugenius' häufiger
Warnung, zu sehr auf die leichte Achsel nahm. Er meinte, da er keine
einzige davon aus böser Absicht gemacht, sondern vielmehr aus sehr
redlichem Herzen und aus bloßer aufgeräumter Gemütsart, so würden sie
sich alle bei Gelegenheit von selbst tilgen.
Eugenius wollte ihm das niemals zugeben und sagte oft zu ihm, daß man
ihm ein oder des andern Tages die Rechnungen gewiß einschicken würde,
und zwar, fügte er oft mit einem traurigen, ahnungsvollen Tone hinzu,
wird man weder Pfennig noch Heller vergessen, worauf Yorick nach seiner
gewöhnlichen Sorglosigkeit des Herzens mit einem: »Warum nicht gar?«
zu antworten pflegte, und fiel das Gespräch im freien Felde vor, mit
einem Linksumkehrt, einem Vor- oder Seitensprunge statt der Antwort.
War er aber beim geselligen Kamine, in einer Ecke hinter einem Tische
und ein paar Lehnstühlen eingeschlossen, wo der arme Sünder stichhalten
mußte und nicht so leicht davonwischen konnte, -- dann fuhr Eugenius
mit seiner Klugheit in ungefähr folgenden Worten fort, die aber ein
wenig besser zusammengefügt waren: