Die Heimat

Die Pfarrerstochter saß in der Küchenkammer, hatte Bibel und Gesangbuch

vor sich und las Gottes Wort zum Trost in ihrem großen Leid.

Es war noch früh am Morgen, und gerade vierundzwanzig Stunden waren

vergangen, seit sie den geliebten Vater tot auf dem Boden gefunden

hatte. Den ganzen Tag hindurch hatte sie so viel zu besorgen gehabt, daß

sie gar nicht an ihren großen Verlust hatte denken können. Aber in der

Nacht war der Schmerz in seiner ganzen Größe über sie hereingebrochen,

und sie hatte nicht schlafen können. So war sie aufgestanden, ehe noch

irgend jemand im Hause wach war, hatte die beiden Bücher vorgenommen und

las nun darin.

Aber schon nach ganz kurzer Zeit machte sie die Bücher zu, faltete die

Hände und dankte nun Gott von Herzensgrund, daß sie jetzt nicht allein

und verlassen war, sondern einen treuen, zuverlässigen Freund zu eigen

hatte, der ihr helfen und sie beschützen konnte. Denn jetzt würde wohl

die Stiefmutter zurückkommen, um die Herrschaft über den Hof an sich zu

reißen, und wenn Maja Lisa dann den Freund nicht gehabt hätte, wäre sie

ganz in der Stiefmutter Gewalt gewesen. Und dann hätte sie nicht allein

über den Verlust ihres guten Vaters, sondern auch über ihr eigenes

Schicksal weinen müssen.

Kaum hatte Maja Lisa dies gedacht, als draußen vor dem Fenster, das nach

dem Garten hinausging, herrliche, gedämpfte Geigentöne erklangen.

Maja Lisa wußte wohl, wer spielte; sie selbst hatte gestern nach ihm

geschickt.

Einen Augenblick stieg der Gedanke in ihr auf, es schicke sich wohl

nicht, daß er vor einem Trauerhaus spiele; aber sie verwarf ihn sofort

wieder. Ihrem Freund fiel es schwer, in Worten auszudrücken, was er ihr

sagen wollte, deshalb hatte er die Geige mitgebracht. Es war durchaus

nicht unpassender, wenn er ihr auf diese Weise sagte, wie sehr er teil

an ihrem Schmerz nahm, als wenn er es ihr mit Worten ausgedrückt hätte.

Sie saß mit dem Rücken gegen das Fenster und konnte ihn nicht sehen;

aber sie wagte sich nicht umzudrehen. Sie hörte ihn zum ersten Male

spielen, denn jenes Aufspielen auf Svansskog konnte nicht gerechnet

werden. Und sie konnte nichts dafür, aber mitten in ihrem tiefen Leid

bereitete es ihr eine innige Freude, daß er wieder nach dem Bogen

gegriffen hatte. Ja, ja, seine große Liebe zu ihr, sie war es, die ihn

instand gesetzt hatte, ihn wieder zu führen.

Ach, daß man einer Geige solche Töne zu entlocken vermochte! Daß der

Bogen und die Saiten so hinschmelzend hold erklingen konnten!

Was er spielte, klang so traurig, so traurig! Maja Lisa liefen große

Tränen die Wangen herab.

Aber allmählich veränderte sich sein Spiel. Jetzt war es nicht mehr

ruhig und tröstend. Sie wußte zwar nicht, ob sie es richtig deuten

konnte, aber es kam ihr auf einmal wild und erschreckend düster vor.

Sie verwunderte sich mehr und mehr. Das war kein Spiel, das für den

Vater paßte! Der gute Vater war immer glücklich gewesen und hatte auch

andere glücklich zu machen gesucht. Nie hatte er etwas von Kummer und

Angst wissen wollen. Als er gefunden hatte, daß das Leben schwer und

verworren wurde, war er dahingegangen. Ja gewiß würde sie um den

geliebten Vater trauern und sich von ganzem Herzen nach ihm sehnen. Aber

doch war die Erinnerung an ihn hell und licht.

Nein, jetzt konnte sie nicht mehr glauben, daß er da draußen sie mit

seinem Spiel trösten wollte. Aus einem anderen Grunde führte er den

Bogen. Eines andern Menschen Not und Verzweiflung klang aus den Saiten,

die er rührte.

Ja, sie hatten recht, sie, die ihn einen Meister nannten! Sowenig

ausgebildet Maja Lisa auch in der Musik war, sie verstand ihn, wie wenn

er mit ihr redete.

Er klagte so jammervoll! Jemand war in den schwärzesten Abgrund

versunken, jemand war in Ketten geschlagen, jemand brannte im

verzehrendsten Feuer!

Und niemand, niemand konnte ihn ans Licht heraufbringen, niemand konnte

ihm die Freiheit schenken, niemand die Glut löschen, die ihn marterte!

Maja Lisa wurde das Herz so schwer, so schwer! Es war wie

zusammengepreßt, wie wenn es zermalmt werden sollte. Wenn ein großer

Sünder, der in der tiefsten Hölle schmachtet, eine Geige in die Hände

bekäme, dann könnte er vielleicht in solchem Spiel seiner ganzen Qual

Ausdruck verleihen.

Aber er da draußen, wessen Unglück drückte er in seinem Spiel aus? War

es seine eigene Qual, oder war es die eines andern?

Maja Lisa erwartete, daß das Spiel sich wieder verändern, daß er auf

etwas anderes übergehen werde. Aber das war eine eitle Hoffnung. Nichts

anderes konnte er spielen als zunehmende Angst. Jetzt war es nicht mehr

schön anzuhören, es klang schrill und gellend.

Sie konnte nicht länger ruhig zuhören. Ein furchtbares Unglück mußte ihn

betroffen haben, es war nicht anders möglich. Sie mußte ein Fenster

aufmachen und ihn fragen.

Als er sie sah, brach er mitten drin mit einem Ton ab, der ihr wilder in

den Ohren gellte als irgendeiner vorher. Der Hut war ihm während des

aufgeregten Spiels vom Kopf gefallen, und das Haar lag wirr auf seiner

Stirn. Er war blaß wie ein Kranker, und alle seine Gesichtszüge waren

von Schmerz verzerrt.

»Du hast gesagt, du möchtest mich spielen hören«, preßte er hervor.

»Jetzt hast du deinen Willen, nun weißt du, wie es klingt.«

Ach, seine Stimme war so scharf und seine Worte so heftig, daß Maja Lisa

glauben mußte, er sei über sie aufgebracht! Sie erschrak und wagte

nicht, den Mund aufzumachen, um zu fragen, was ihm geschehen sei.

Da sagte er mit derselben Leidenschaft: »Du hast mich noch nie spielen

hören. Du hast vielleicht nicht einmal gewußt, daß ich es war, der hier

spielte.«

Liljecronas Heimat · 第 25 / 28 题