Phylax stand auf der Freitreppe und bellte und heulte die ganze Nacht.
Die Kleine hatte ihn noch nie so fürchterlich heulen hören, sie konnte
unmöglich einschlafen. Mamsell Maja Lisa wachte sicher auch und konnte
kein Auge schließen, und sie hätte doch den Schlaf in ihrem
angegriffenen Zustand so nötig gehabt. Nein, es ging nicht anders, die
Kleine mußte einen Versuch machen, den Hund zum Schweigen zu bringen.
Sie warf sich Rock und Jacke über und schlich durch die Küche in den
Flur hinaus. Ehe sie indes die vielen Schlösser und Riegel an der
Haustür aufgebracht hatte, war der Hund still geworden; aber sie ging
doch für alle Fälle auf die Veranda hinaus, um ihn hereinzulocken.
Aber wie merkwürdig! Sie konnte ihn nirgends sehen. Sie wußte bestimmt,
daß er die ganze Nacht auf der Veranda gestanden hatte; jetzt aber, wo
sie sich die Mühe gemacht hatte aufzustehen, war er natürlich
verschwunden. Sie ging sogar bis auf die Freitreppe vor und rief und
lockte ihn; aber der Hund war nirgends zu sehen.
Es war eine herrliche Nacht. Der Himmel war mit kleinen weißen Wolken
bedeckt, die sich zu Kränzen und Ringen ineinandergeschoben hatten, als
wollten sie nun, wo sie niemand sah, allerlei künstliche Spiele
vornehmen. Die Sonne war noch nicht hinter dem Berge aufgegangen, aber
trotzdem war es taghell. Dabei war es nicht im geringsten kalt, sondern
so lau und mild, daß die Kleine kein bißchen fror, obwohl sie mit bloßen
Füßen herausgetrippelt war.
Die sechs großen Ebereschen, die in einer Reihe vor der Scheune standen
und mit ihren breiten Wipfeln wie eine grüne Mauer aussahen, entfalteten
schon ihre Blüten. Die großen weißen Blütendolden leuchteten hell aus
dem dunklen Grün hervor. Das war ebenso schön wie die glänzenden
Sternenlichter an einem dunklen Nachthimmel.
Ob es nun der Gegensatz zwischen dem frischen Grün war, das jetzt im
Frühling überall hervorleuchtete -- der Kleinen kamen alle die Gebäude,
die rings um den Hof standen, plötzlich so alt und so baufällig vor. Sie
betrachtete den Altan über dem Stall und die halbrunden Scheunenfenster,
die unter dem schwarz gewordenen Strohdach hervorschauten, sowie die
schiefe Tür des Brauhauses -- alles sah in dieser Frühlingsnacht gar so
betrübt aus und seufzte über sein Alter. Sie betrachtete auch das
Gesindehaus, das ein steinernes Erdgeschoß hatte, sowie das Vorratshaus,
das auf Pfosten stand. Dann schweifte ihr Blick über die vielen
Gattertüren hin, die jetzt im Frühjahr wieder in die Zäune eingesetzt
waren, sowie über die langen Reihen von Pfählen, die die Zäune bildeten.
Alles war so alt, daß es krumm, schief und verfallen aussah. Die
Dachfirste waren eingesunken, die Wände waren grau geworden, und
zwischen dem Gebälk wucherte grünes Moos hervor.
Dies war das erstemal, daß der Kleinen der Gedanke kam, der ganze Hof
sei allmählich zu alt geworden und bedürfe überall der Erneuerung. Aber
so etwas denkt man auch nur im Frühling, wenn man sieht, wie sich die
Bäume, die Sträucher und die Felder schmücken und in ihren schönsten
Staat kleiden.
Vielleicht, dachte die Kleine, gibt es auch für die Höfe etwas Ähnliches
wie Sommer und Winter, obgleich für sie wohl längere Zeiten
dazwischenliegen als für Bäume und Sträucher.
Frühling war es auf einem Hofe, wenn ein junges Paar hinkam, das Neues
aufbaute und das, was zu alt war, wegriß. Und Winter war es, wenn diese
jungen Leute alt geworden waren, wenn das, was sie aufgebaut hatten, dem
Einsturz nahe war und sich nach frischen Kräften sehnte, die wiederum
neu bauen und Ordnung schaffen sollten.
Die Kleine dünkte es ganz sonderbar, daß sie auf solche Gedanken
gekommen war. Aber das war auch eine ganz merkwürdige Nacht, so warm und
schwül und geheimnisvoll! Das Kind wurde ängstlich und wollte rasch ins
Haus zurück; aber da fiel ihr der Hund wieder ein.
Als sie sich jetzt nach allen Seiten umsah, um herauszufinden, wohin der
Hund wohl gegangen war, schien es ihr, als rühre sich etwas auf dem
Rasen unter den Ebereschen.
Die Kleine hatte weit drinnen im dunklen Wald gewohnt, und sie hatte
früh und spät für die Mutter Botengänge machen müssen; aber niemals
hatte sie etwas Übernatürliches gesehen, und sie hatte auch niemals
geglaubt, daß sie so etwas sehen werde. Mutter hatte immer gesagt, sie
brauche sich nicht zu fürchten; sie habe keine Anlage dazu,
Wichtelmännchen oder Hexen zu begegnen.
Aber dort drüben sah sie jetzt wirklich etwas höchst Merkwürdiges,
darüber bestand kein Zweifel. Sie war ein wenig bestürzt; aber
eigentliche Angst bekam sie nicht so leicht. Und es war auch nicht zum
Erschrecken -- dort drüben tanzten nur ein paar Wichtelchen.
Ja, zwei waren es, ein Herr und eine Dame, die so groß waren wie
sechsjährige Kinder, aber viel schlanker und feiner gebaut. Beide waren
wie die vornehmsten Edelleute gekleidet, in schwarzen Samt mit Spitzen
und Tressen. Der Herr hatte einen Dreispitz auf dem Kopf, einen Degen an
der Seite, einen mit seidenen Blumen gestickten Leibrock und Schnallen
auf den Schuhen. Die Dame trug kurze, sehr weite Röcke, rote Strümpfe,
einen großen Federhut und in der Hand einen Fächer.
Sie tanzten ununterbrochen. Er faßte sie bei der Hand, und mit erhobenen
Armen trippelten sie eine Strecke vorwärts, dann wechselten sie und
trippelten wieder zurück. Sie trennten sich, gingen aufeinander zu,
verbeugten sich, schließlich umschlangen sie einander um die Mitte und
schwangen sich im Kreise.
Nein, in ihrem ganzen Leben hatte die Kleine noch nie etwas so Schönes
gesehen, das war sicher und gewiß! Die Bewegungen der beiden waren
leicht und anmutig, sie flogen nur so übers Gras hin. So konnten keine
Menschen tanzen, diese beiden dort waren wie aus Luft gemacht. Sie
hatten Gesichter wie das allerfeinste Porzellan und sehr kleine Hände
und Füße. Ach du lieber Gott, wer doch auch so klein und niedlich wäre!
Die Kleine konnte sich nicht losreißen, solange die dort drüben tanzten.
Sie stand unbeweglich und fragte sich, warum die beiden wohl so froh und
vergnügt waren und gerade in dieser Nacht tanzten? Na, das war nicht
schwer zu verstehen. Die beiden dort waren gewiß die echten Hausgeister
von Lövdala, und sie waren wohl glücklich, daß jetzt, wo die Raclitza
verschwunden war, wieder alles ins rechte Geleise kam.
Während die Kleine so dem Tanze zusah, fühlte sie sich noch geneigter
als bisher, das zu glauben, was der lange Bengt behauptete. Er war der
letzte, der die Raclitza gesehen hatte, und er war ihr am Samstagabend
ganz spät drunten auf den Svartsjöer Wiesen begegnet. Sie habe ganz irr
und wirr ausgesehen, genau wie an jenem Tage, wo sie sich zum erstenmal
gezeigt hatte, und er behauptete aufs bestimmteste, ja, er wollte gleich
darauf schwören, er habe sie in den Svartsjöbach hineinsteigen sehen.
Vielleicht, dachte die Kleine, waren nun die richtigen Hausgeister froh,
daß die kalte, falsche Wasserfrau keine Macht mehr über Lövdala hatte.
Nein, wie wundervoll sie tanzten! Warum lag man nur drinnen in den
Stuben und verschlief die hellen Nächte? Warum tanzte man nicht auch
auf dem grünen Rasen? Warum war man nicht selbst so leicht und lustig,
warum hatte man so viel Kummer, den man nie abwerfen konnte?
Da plötzlich hörte die Kleine im Hause drinnen ein dumpfes Geräusch wie
von einem schweren Fall, und eilig lief sie in den Flur zurück.
Sie lauschte, vernahm aber nichts mehr. Doch war sie ganz sicher, daß
das Geräusch aus dem westlichen Zimmer, dem Zimmer des Pfarrers,
gekommen war.
So rasch sie konnte, lief sie zu Mamsell Maja Lisa hinein und sagte, sie
solle doch aufstehen, dem Herrn Pfarrer müsse etwas geschehen sein.
Die Pfarrerstochter warf hastig ein paar Kleidungsstücke über und fragte
währenddessen, was denn geschehen sei. Die Kleine berichtete mit
fliegendem Atem, sie habe von der Freitreppe aus zwei kleine Gestalten
tanzen sehen, und dann habe sie plötzlich droben im Zimmer des Herrn
Pfarrers einen dumpfen Fall gehört.
Da wurde die Pfarrerstochter todesblaß.
»Diese beiden zeigen sich nur, wenn Lövdala einen neuen Herrn bekommen
soll«, sagte sie; »aber ich glaube, bis jetzt hat sie noch kein Mensch
jemals tanzen sehen.«
Sie hatte erst einen Schuh angezogen; aber sie dachte jetzt nicht an
ihre Kleidung, sondern eilte hinauf in die westliche Stube.
Hier lag der Pfarrer auf dem Boden ausgestreckt und rührte sich nicht.
»Was ist Euch, Herr Vater, was ist Euch?« rief Maja Lisa, indem sie sich
über ihn beugte.
Gleich darauf hob sie den Kopf wieder und sah die Kleine an, die ihr
gefolgt war.
»Der Herr Vater ist tot«, sagte sie. »Komm, wir wollen ihm noch für
alles danken; er ist uns vielleicht noch so nahe, daß er uns noch hören
kann.«
Sie nahm seine Hand, küßte sie innig und zärtlich und flüsterte ihm ein
paar Worte ins Ohr. Dann durfte ihm auch die Kleine noch die Hand
küssen.
Alsdann stand die Pfarrerstochter auf und sah sich im Zimmer um, wie um
zu erfahren, wie es zuletzt gewesen war. Der Vater hatte am Schreibtisch
gesessen und geschrieben, in seinem Federkiel war die Tinte noch naß.
Während er schrieb, hatte er sich wohl plötzlich unwohl gefühlt; da war
er aufgestanden, um mit seiner Glocke zu läuten und Hilfe herbeizurufen,
und da war er zu Boden gesunken.
Auf dem Tisch lag die halbfertige Predigt. Die letzten Zeilen liefen mit
kritzeligen ungleichen Buchstaben schräg über die Seite herab. »Der
Arbeiter, der sein Werk vollendet hat, sehnt sich nach Ruhe und freut
sich, daß ein besserer an seine Stelle tritt.«
Da stürzten Maja Lisa die Tränen aus den Augen. »Jetzt verstehe ich,
warum die beiden gerade für Vater tanzten. Sie wußten, daß er fort
wollte. Sie wußten, daß er frei werden würde.«