Die große Kastenuhr aus Dalarna, die in der Stube neben der Küche, der
sogenannten Küchenkammer, stand, schlug sechs Uhr mit einem Gerassel,
als wollten die schweren Gewichte bis in die Unterwelt hinunterstürzen.
Daran erwachte die Kleine, die da auf drei zusammengestellten Stühlen
schlief, einem sehr unsicheren Bett, das nach der Ankunft in später
Nacht eiligst für sie hergerichtet worden war.
Die Kleine sprang mit einem Schrei von ihrem Lager auf und hielt nicht
an, bis sie mitten im Zimmer stand. Es hatte ihr geträumt, sie liege in
einem Sarg und sollte begraben werden, und die Kirchenglocken läuteten
ihr zu Grabe.
Aber als sie mit den Füßen auf dem kalten Boden stand, wurde sie sofort
hell wach.
Hoffentlich hatte sie doch niemand schreien hören! Wenn nun jemand hier
im Zimmer mit ihr schliefe! Das wäre schrecklich! Wie würden die
Pfarrmägde sie auslachen, wenn sie erführen, daß sie sich vor der
Wanduhr gefürchtet hatte! Sie begriff gar nicht, warum sie eigentlich so
erschrocken war. Daheim in Koltorp hatten sie allerdings keine Uhr, aber
auf dem Nyhof waren große Schlaguhren im Saal und auch in der kleinen
Wohnstube; die Kleine wußte also wohl, wie es war, wenn eine Uhr schlug.
Es war nicht ganz dunkel in der Küchenkammer. Auf der Feuerstelle in der
Ecke brannten ein paar Holzscheite, bei deren Schein die Kleine sich
umschauen konnte. Nein, außer ihr war niemand im Zimmer. Das schmale
hölzerne Kanapee, wo die Pfarrerstochter, Mamsell Maja Lisa, gelegen
hatte, als die Kleine in der Nacht angekommen war, stand leer und war
überdies auch schon für den Tag zurechtgemacht.
Aber wenn Mamsell Maja Lisa aufgestanden war, dann war es auch wohl für
die Kleine Zeit, sich anzuziehen.
Sie wollte noch ein Scheit Holz aufs Feuer legen. Wenn sie bei dessen
Schein nur ihre Strümpfe und Schuhe und die andern Kleidungsstücke
finden konnte, würde sie bald fertig sein.
Aber sonderbar war es doch! Hier war sie in der Küchenkammer des
Pfarrhauses und zog sich an, und zwar gerade in demselben Lövdaler
Pfarrhaus, wo ihre Mutter einst Kindermädchen gewesen war, ehe sie sich
mit Vater verheiratet hatte. Würde sie, die Tochter, wohl ebenso gerne
hier sein wie einst die Mutter?
Auf der ganzen weiten Welt gab es nichts, Bubi ausgenommen natürlich,
was die Mutter so liebgehabt hätte wie die Pfarrerstochter. Wenn sie von
dieser sprach, war es immer, als redete sie von einer Prinzessin.
Was hatte Mutter alles erzählt! Die Pfarrerstochter war wunderschön;
wenn sie auf der Straße dahergefahren kam, liefen die Leute von ihrer
Arbeit weg und stellten sich an die Zäune, nur um sie zu sehen.
Der Pfarrer hatte große Macht im Kirchspiel; aber er pflegte zu sagen,
im Vergleich zu seiner Tochter fragten die Leute recht wenig nach ihm.
Er sei nur ein Dahergelaufener, sie aber stamme aus dem alten
Pfarrergeschlecht, das seit hundert Jahren im Kirchspiel ansässig sei,
und sie werde ja auch Lövdala und das ganze Kirchspiel erben.
Die Kleine war manchmal fast ein wenig ärgerlich gewesen, weil sie immer
und immer von der Pfarrerstochter hatte reden hören, gerade wie wenn
andere Leute ganz und gar nicht mitzählten, wenn von ihr die Rede war;
aber nun freute sie sich doch sehr darauf, diese Pfarrerstochter zu
sehen.
Wenn sie nur begreifen könnte, dachte sie, was das für ein Getöse war,
das, solange sie sich ankleidete, immerfort an ihr Ohr drang. Es konnte
doch wahrhaftig nicht der Sturm von gestern sein, der ihr noch in den
Ohren brauste! Oder vielleicht hatte es von neuem zu stürmen angefangen?
Aber eigentlich klang das, was sie hörte, gar nicht so recht wie Sturm,
viel eher wie das gleichmäßige Tosen einer Mühle.
Endlich war sie angezogen, und nun machte sie die Küchentür auf.
Ja, da war es ihr nicht mehr verwunderlich, woher der Lärm kam. Die
ganze Küche war voller Spinnrocken und Spinnerinnen; ein Spinnrädchen
hinter dem andern, eine Spinnerin hinter der andern -- die Kleine konnte
das Ende der Reihe gar nicht absehen.
Sie mußte auf der Schwelle stehenbleiben, denn es wurde ihr plötzlich
ganz schwindelig zumute. Drei Spinnrädchen in ein und demselben Raum im
Gang, das war das höchste, was sie bisher gesehen hatte. Aber wie viele
waren hier? Sie fragte sich unwillkürlich, ob sie wohl überhaupt so weit
zählen könnte.
Es war ziemlich dunkel in der Küche, deshalb war es gar nicht leicht für
die Kleine, sich zurechtzufinden. Auf einem Rost, der auf einer langen
eisernen Stange am Herd angebracht war, brannten ein paar harzreiche
Knorren von einem Wacholderstumpf; das war die ganze Beleuchtung. Aber
abgesehen von dieser dürftigen Helle konnte man auch deshalb schlecht
sehen, weil die Spinnrädchen und Spinnerinnen in eine wahre Staubwolke
eingehüllt waren, die vom Spinnen aufgewirbelt wurde.
Doch wie es auch sein mochte, so etwas hatte die Kleine jedenfalls noch
nie gesehen. Während sie da auf der Schwelle stand und nach den
Spinnrädchen, den Trittbrettern und Spindeln sowie auf die flinken Hände
und Finger der Spinnerinnen sah, wurde ihr immer schwindeliger zumute.
Um nun über den Schwindel Herr zu werden, fing sie an, sich selbst
Fragen vorzulegen; denn das solle man tun, hatte die Mutter gesagt.
»Wie viele Stränge werden hier in der Küche nur an einem einzigen
Morgen gesponnen? Und wie viele Bündel Stränge mögen sie schon droben in
der Vorratskammer unter dem Dach hängen haben? Und wie viele Webstühle
müssen sie im Frühjahr in Gang setzen, um all dieses Garn zu verweben?
Und wie viele Ballen Tuch müssen sie dann auf die Bleiche hinauslegen?
Und wie viele -- --«
So, jetzt war der Schwindel vorüber, und sie konnte sich zwischen die
Spinnrädchen hineinwagen. Es waren gar nicht so unbegreiflich viele, wie
sie zuerst gemeint hatte, aber doch auch nicht nur ein paar. In einer
langen gebogenen Reihe standen sie vom Herd an ganz bis zur Ausgangstür
hin.
Dicht beim Herd und beim Feuerschein saß die Pfarrfrau vor einem
gelbgebeizten Spinnrädchen und spann feine weiße Baumwolle. Hinter der
Pfarrfrau kam, soweit die Kleine erraten konnte, die alte Haushälterin,
von der Mutter gesprochen hatte, und die spann Wolle an einem grün und
rot angestrichenen Rad. Hinter dieser saßen fünf junge Mägde, die Köchin
und das Zimmermädchen, die Kleinmagd, die Wäscherin und die Stallmagd,
und diese alle spannen feinen Flachs an gewöhnlichen unangestrichenen
Rädchen. Noch weiter hinten saß eine alte bucklige »Einliegerin«[1] und
spann Werg an einem alten schlechten Rad. Und ganz zuletzt, dicht neben
der Küchentür, in dem kalten Zug vom Flur her und fast vollständig im
Dunkeln, saß noch eine Person und spann. Sie hatte ein Spinnrad vor
sich, an dem drei Speichen ausgebrochen, die Treibschnur oft
zusammengeknüpft und das Trittbrett ganz ausgeleiert waren, und spann
das ganz grobe Werg, das so klumpig und so voller Spelzen war, daß man
sich anderswo nicht die Mühe gegeben hätte, es noch auf einen Wocken zu
binden. Aber die Spinnerin, die an diesem Rad saß, schien das grobe Werg
ebenso leicht und gewandt zu spinnen, wie die andern den feinen Flachs
spannen.
[Fußnote 1: Gemeindearme. In früheren Zeiten, ehe man in Schweden die
großen Armenhäuser hatte, die jetzt auf dem Lande ganz allgemein sind,
wurden die Armen einer Gemeinde den Höfen zugeteilt. Sie wohnten eine
bestimmte Anzahl von Wochen auf einem Hofe, dann auf einem zweiten und
so fort, bis sie wieder auf dem ersten ankamen. Wenn der »Einlieger«
oder die »Einliegerin« noch kräftig genug waren, halfen sie bei der
Arbeit auf dem Hofe. Bisweilen wurden sie krank oder bettlägerig, wurden
aber trotzdem, wenn ihre Zeit um war, nach dem nächsten Hofe gefahren.]
Wer dies sein mochte, konnte sich die Kleine durchaus nicht denken,
schließlich meinte sie, es sei wohl ein Mädchen, das zum Spinnenlernen
im Pfarrhaus sei.
»Du Arme«, dachte sie. »Dir geht es nicht gut. Du stehst offenbar bei
der Pfarrfrau nicht hoch in Gunst.«
Außer diesen eben Aufgezählten war niemand in der Küche, und jetzt wußte
die Kleine gar nicht mehr, wie sie sich zuerst hatte einbilden können,
es seien so unendlich viele.
Alle miteinander spannen und spannen. Wenn Mutter spann, dann sang sie
dazu, oder sie erzählte Geschichten, hier aber waren alle mäuschenstill.
Jetzt winkte die Pfarrfrau die Kleine zu sich heran. Sie sollte ihr aus
einem Korbe, der auf dem Boden stand, gekardete Baumwolle reichen, damit
sie sich nicht mehr zu bücken brauchte.
Damit mußte die Kleine unendlich lang fortmachen; die Räder schnurrten
um sie her, die Trittbretter gingen auf und nieder, und die Spindeln
schwirrten im Kreise herum; es wurde der Kleinen allmählich wieder
schwindelig, und um sich des Schwindelgefühls zu entschlagen, mußte sie
sich wieder nützliche Fragen stellen.
»Wie viele Stränge Garn können hier an einem einzigen Morgen gesponnen
werden? Und wie viele Bündel Garnstränge mögen sie schon droben hängen
haben --«
Aber wie, sie hatte ja die Pfarrerstochter gar nicht gesehen! Diese
hätte doch eigentlich ebensogut wie die Pfarrfrau hier sitzen und
spinnen sollen! Aber es war vielleicht dumm, wenn sie glaubte, Mamsell
Maja Lisa sitze hier und spinne mitten unter den Mägden; dazu war sie
natürlich zu vornehm. So ein kleines Prinzeßchen wie diese
Pfarrerstochter!
Sie sollte ja Lövdala und das ganze Kirchspiel erben. Ja, die saß wohl
auf dem Sofa in der guten Stube und stickte seidene Blumen auf
Seidenbrokat.
Aber was war denn das? Jetzt hatte sicher eine von den Spinnerinnen
etwas Ungeschicktes gemacht. Die Pfarrfrau drehte ein Mal ums andere den
Kopf nach der Tür.
Indessen war ziemlich viel Zeit vergangen, und der Tag begann zu
grauen. Ein blasses Morgenlicht drang durch die kleinen Fensterscheiben
herein. Sogar ganz drinnen in der Küche, da, wo die Kleine stand, konnte
man jetzt sehen, daß die Spinnerin, die ganz außen an der Tür saß, zu
arbeiten aufgehört hatte. Sie schlief nicht, sondern saß mit der Hand
auf dem Rad und starrte geradeaus; aber dabei war es doch, als sähe sie
von dem, was in der Küche war, gar nichts.
Und soviel war sicher, sie wußte nicht, daß die Pfarrfrau aufmerksam
darauf geworden war, daß sie ihr Rädchen stillstehen ließ.
Diese Spinnerin hatte ein besonders sanftes, liebes Gesicht und ein paar
große ernste blaue Augen. Sie sah nicht aus, als hätte sie aus
Nachlässigkeit in ihrer Arbeit innegehalten, sondern weil sie eine Weile
stillsitzen und nachdenken mußte.
Aber mit jeder Minute, die so verging, kniff die Pfarrfrau die Lippen
fester zusammen. Sie sah allmählich ganz hart aus, man konnte sich
ordentlich vor ihr fürchten.
Jetzt hielt sie ihr Spinnrad an und stand auf. Die andere aber, die noch
immer still dasaß, merkte gar nicht, daß die Pfarrfrau zwischen den
Spinnrädern hindurch auf die Tür zukam. Sie rührte sich nicht, bis die
Pfarrfrau vor ihr stand und ihr die Hand auf den Nacken gelegt hatte.
Da stieß sie einen kleinen Schrei aus und versuchte sich mit der Hand
frei zu machen. Aber die Pfarrfrau hielt den schlanken Hals fest umfaßt;
mit der einen Hand hob sie der Spinnerin den Kopf auf, mit der andern
riß sie eine Handvoll Werg aus dem Wocken, drückte dieses auf das
Gesicht der Spinnerin und fuhr ihr damit rund im Gesicht herum, wieder
und wieder.
»Arbeiten wir nicht etwa alle miteinander nur für dich?« sagte sie mit
rauher, harter Stimme. »Und dann sitzest du hier und schläfst!«
Beinahe hätte die Kleine einen Schrei ausgestoßen. Nein, nein, das war
unmöglich! War das die Pfarrerstochter? Aber es konnte ja nicht anders
sein, für jemand anders konnte hier doch nicht gearbeitet werden!
Schließlich schüttelte sie die Pfarrfrau noch einmal heftig, warf dann
das Wergbündel auf den Boden und kehrte wieder an ihren Platz zurück.
Aber in diesem Augenblick stand die Haushälterin und mit ihr die fünf
Mägde und die Einliegerin von ihren Stühlen auf und schoben die
Spinnräder zurück.
Da wendete sich die Pfarrfrau an die alte Haushälterin und sah sie
verdutzt an.
»Ich denke, die Frau Pfarrer weiß, daß das Gesinde während der
Weihnachtsfeiertage nicht zu spinnen pflegt«, sagte die Haushälterin.
»Da pflegen wir frei zu haben und dürfen für uns selbst arbeiten. Und
die Frau Pfarrer weiß auch, wenn wir zum Herrn Pfarrer gehen und ihn
fragen, so sagt er, wir sollen es so haben, wie es früher gewesen ist.
Jetzt haben wir den ganzen Morgen gesponnen, weil Mamsell Maja Lisa uns
gebeten hatte, der Frau Pfarrer zu Willen zu sein; aber nun hören wir
auf, weil wir sehen, daß die Frau Pfarrer trotzdem gerade wie sonst
gegen sie ist.«
Als dies gesagt war, hoben die Haushälterin und alle fünf Mägde und die
Einliegerin ihre Spinnrocken auf, um sie aus der Küche hinauszutragen.
Aber die Pfarrfrau sprang auf und stellte sich vor die Küchentür.
»Mit meinem Willen kommt kein einziges Spinnrad zur Küche hinaus«, sagte
sie.
Doch die alte Haushälterin fühlte, daß sie das Recht auf ihrer Seite
hatte; ohne Zögern trat sie auf die Pfarrfrau zu, und es sah aus, als
sollte sich im nächsten Augenblick etwas Schreckliches ereignen.
Aber siehe! statt dessen geschah etwas ganz Unerwartetes.
Die Pfarrfrau ließ ihre Augen umherlaufen, wie um zu entdecken, ob ihr
jemand zu helfen gewillt sei, und da fiel ihr Blick auf die Kleine. Aber
als sie sah, daß das Mädchen sie ganz entsetzt anstarrte, wie wenn sie
eine Hexe sähe, war sie plötzlich wie umgewandelt.
Sie trat von der Tür zurück, gerade in dem Augenblick, wo die
Haushälterin nur noch einen Schritt von ihr entfernt war.
»Recht soll Recht bleiben«, sagte sie. »Wenn es so ist, wie Kajsa sagt,
und ihr an Weihnachten frei habt, dann soll es jetzt auch so sein. Aber
ihr hättet wohl hübsch ordentlich mit mir reden können, anstatt so auf
euer Recht zu pochen.«
»Wir werden das nächste Mal daran denken«, versetzte die Haushälterin
grimmig.
Aber es kam zu keinem Wortwechsel, denn in diesem Augenblick erklang
eine kleine Glocke aus den Zimmern heraus.
»Da klingelt der Herr Pfarrer zum Morgensegen«, sagte die Haushälterin;
»wir müssen die Spinnräder bis nachher stehenlassen.«
Das Gesinde ging auf den Flur hinaus; aber die Kleine blieb wie
angewurzelt stehen und rührte sich nicht. Ja, war es denn möglich? Die
Spinnerin, die ganz dort hinten an der Tür saß und das gröbste Werg
spann, die sollte die Pfarrerstochter sein! Das war ja ewig Sünde und
Schande. Wenn das Mutter wüßte!
In einer langen Reihe verließ das Gesinde die Küche, und es ward leer in
dem großen Raum. Da streckte die Pfarrerstochter, die ganz zuletzt
hinausging, der Kleinen plötzlich die Hand hin und sagte:
»Du kommst doch auch mit zum Morgensegen, nicht wahr?«
Ach, wie freundlich war diese Stimme und wie fein und weich die Hand!
Die Kleine legte die ihrige zuerst ganz schüchtern hinein; aber während
die beiden dann so durch den Flur gingen, schlangen sich die Finger des
kleinen Mädchens fester und fester um die Hand der Pfarrerstochter, und
als sie unter der Tür von des Pfarrers Studierzimmer standen, beugte
sich die Pfarrerstochter zu der Kleinen herunter und sagte:
»Wie ich höre, bist du die Tochter von meinem alten Kindermädchen, der
Marit von Koltorp.«
»Ja,« antwortete die Kleine, »und ich bin gekommen, Euch zu helfen.«
Da lächelte die Pfarrerstochter. »O ja, ich brauche allerdings jemand,
der mir hilft«, sagte sie.