Der Sturm

Am zweiten Weihnachtsfeiertag im Jahre 1800 brauste ein Sturm über den

Lövseer Bezirk in Värmland hin, daß es zum Erbarmen war. Man konnte

nichts anderes mehr denken, als daß alles, was auf der Erde war, mit

Stumpf und Stiel ausgerottet werden sollte.

Kommt nun nicht und sagt, es hätten gewiß früher schon und auch später

ebenso heftige Stürme gewütet, und jedenfalls sagt das nicht zu einem

alten Bewohner des Lövseer Bezirks, denn die haben von ihrer Kindheit an

immer gehört, daß man einen ähnlichen Sturm überhaupt nicht mehr erleben

könnte.

Heute noch können sie alle die Zäune aufzählen, die umgeweht, und alle

die Strohdächer, die weggefegt wurden, sowie alle die eingestürzten

Viehställe, unter deren Dachstühlen dann das Vieh mehrere Tage lang

begraben lag. Auch können sie dir alle die Orte zeigen, wo Feuer

ausbrach, dessen man in dem Sturm nicht Herr werden konnte, bis das

ganze Dorf abgebrannt war. Und sie sind auch auf allen den Höhen und

Berggipfeln gewesen, wo Baum an Baum herausgerissen am Boden lag, daß es

dort seither gerade wie abrasiert aussieht.

Nun weiß man ja wohl, daß die Leute zu sagen pflegen: Das sei ein böser

Wind, der nicht wenigstens irgend jemand etwas Gutes bringe. Aber daß

dieses auch von dem Sturm am zweiten Weihnachtsfeiertag gelten könnte,

das hätte doch wirklich kein Mensch gedacht, denn er richtete ja nur ein

Unglück ums andere an.

Wer aber von allen Menschenkindern am wenigsten glauben wollte, daß

dieser Sturm vielleicht auch etwas Gutes bringen könnte, war doch wohl

die »Kleine« vom Koltorpet. Nein, sie hätte es nun und nimmer geglaubt,

als sie am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags dort am Waldrand stand

und sah, wie Schnee, Asche, Kehricht und alles, was der Wind mit

fortriß, über das Tal zu ihren Füßen wie ein Rauch hinwogte.

Niemals, in ihrem ganzen Leben nicht, und sie war doch schon dreizehn

Jahre alt und ging ins vierzehnte, war ein solches Mißgeschick über die

»Kleine« hereingebrochen.

Sonst gelang es ihr eigentlich immer, bei allem, was ihr widerfuhr,

mochte es noch so schwer sein, ihre gute Laune aufrechtzuerhalten; dies

aber war fast mehr, als sie ertragen konnte.

Ja, wahrhaftig, beinahe wären ihr die Tränen in die großen glänzenden

Augen getreten und ihr über das blasse, magere Gesichtchen

herabgelaufen!

Das kleine Mädchen war ein wenig vor den Waldessaum herausgetreten, wie

um zu probieren, wie stark der Sturm sei; und sofort zerrte er an ihrem

Kopftuch, trommelte auf ihrer kurzen, weißen Schafpelzjacke und wirbelte

ihr das eigengewobene Röckchen so fest um die Beine, daß sie beinahe

umgefallen wäre.

Sie war nicht allein; die Mutter und Bubi waren auch dabei. Alle beide

waren genau so gekleidet wie die Kleine, in kurzen Jacken aus weißem

Schaffell und in Röcken aus schwarzem steifen Fries. Und anders hätten

sie auch gar nicht gekleidet sein können, denn die Kleine erbte alle

ihre Kleider von Mutter, und Bubi erbte sie von der Kleinen. Der einzige

Unterschied zwischen den dreien war, daß die beiden andern, obgleich sie

ebenso warm angezogen waren wie die Kleine, nicht aus dem Wald

herausgetreten, sondern im Schutz der Bäume stehengeblieben waren.

Die Mutter und Bubi hatten ebenso magere, abgezehrte Gesichter wie die

Kleine und auch ebenso klare, kluge Augen, und beide dachten auch

dasselbe wie sie: daß dieser Sturm doch ein rechtes Mißgeschick sei.

Auch waren sie ebenso betrübt und hätten am liebsten gleich zu weinen

angefangen.

Aber die beiden drinnen im Walde sahen lange nicht so verzweifelt aus

wie das kleine Mädchen.

Dieses stand gerade auf dem Berggipfel, ihr wißt, dort über dem Bäckhof

im Broer Kirchspiel, und sie konnte mit den Augen den Weg verfolgen, der

sich in großen Windungen bis zur Broer Kirche hinunterschlängelt.

Aber was sah sie da? Die Bauersleute, die schon im Schlitten auf dem

Wege nach der Kirche waren, drehten um und fuhren wieder heimwärts. Mehr

brauchte die Kleine nicht zu sehen, um zu verstehen, daß Mutter und Bubi

die zwei Meilen bis nach dem Nyhof im Svartsjöer Bezirk, wohin sie zum

Weihnachtsschmaus eingeladen waren, ganz unmöglich zu Fuß zurücklegen

könnten.

Als die Kleine sich das klargemacht hatte, ballte sich ihre Hand in dem

Handschuh ganz unwillkürlich zu einer Faust.

Ach, wenn es nur drinnen im Walde, wo sie wohnten, nicht so ruhig und

still gewesen wäre! Wenn sie nur hätten ahnen können, was das für ein

Wetter war, ehe sie bis hier an den Waldessaum gekommen waren! Dann

wären sie überhaupt nicht von Hause fortgegangen, und das wäre ihr viel

lieber gewesen!

Denn ihr müßt wissen, der Kleinen kam nichts erbärmlicher vor, als wenn

sie wieder umdrehen mußte und nicht dahin kommen konnte, wohin sie

wollte.

Wenn sie nur wenigstens nicht das ganze Jahr hindurch immerfort an

diesen zweiten Weihnachtsfeiertag, wo sie nach Nyhof gehen durfte,

gedacht hätte! Wenn nur nicht gerade in diesem Augenblick die großen

dampfenden Kessel, die langen Tische mit den weißen, bis auf den Boden

herabhängenden Tischtüchern und den großen Butterbrotbergen darauf vor

ihr aufgetaucht wären! Wenn nur nicht sie und Bubi jedesmal, sooft die

Mutter ihnen nichts zu essen geben konnte, zueinander gesagt hätten:

»Wenn wir beim Oheim auf dem Nyhof zum Weihnachtsschmaus sind, dann

wollen wir uns aber satt essen!«

Ach, ach! Wenn sie daran dachte, daß dort drunten jetzt süße Suppe mit

Rosinen gekocht wurde, daß es da Reisbrei und Kuchen gab und

Eingemachtes und Kaffee mit mürbem Backwerk, und daß sie nichts davon

bekommen sollte!

Sie war über die Maßen zornig und wünschte geradezu, es möchte jemand in

der Nähe sein, an dem sie ihren Zorn auslassen könnte. Und sie dachte in

ihrem Herzen, der Sturm hätte auch mehr Verstand haben können, als

gerade an diesem Tage zu kommen. Festtag war es, da brauchten sie nicht

die Mühle zu drehen, und Winter war es, da brauchten sie nicht auf dem

See zu helfen, sondern waren frei von aller Arbeit. Aber was konnte es

nützen, wenn sie es auch dem Sturm zurief.

Die Strecke, die sie jetzt vor sich hatten, war die schwierigste vom

ganzen Wege. Von hier ging es abwärts an Helgesäter vorbei, dann über

die Brobyer Hügel nach dem Lövsee und der Kirche und über die großen

Felder des Pfarrhofs, weil dort offenes, unbewaldetes Land war, über das

der Weg hinführte. Wenn sie nur erst dort vorbei waren und sich dann die

Hedebyhügel hinaufarbeiten konnten, dann hatte es keine Gefahr mehr,

denn von da an führte der Weg immer durch Wald.

Die Kleine meinte, es sehe doch gar nicht so furchtbar schlimm aus, und

sie müßten wenigstens noch einen Versuch machen. Schlimmer als schlimm

könnte es jedenfalls nicht ausfallen.

Sie war sogar ganz befriedigt, solange Mutter dort drüben stand und

überlegte. Da war es doch immerhin noch möglich, daß sie sich zum

Weitergehen entschloß. Aber o weh! jetzt eben machte Mutter eine

Bewegung, wie um in den Wald zurückzugehen, und Bubi tat

selbstverständlich ganz wie die Mutter.

Da ging die Kleine in der entgegengesetzten Richtung den Hügel hinunter.

Zuerst ganz langsam, dann aber immer schneller, denn der Wind kam von

hinten her und trieb sie eiligst vorwärts, sie mußte geradezu laufen.

Sie hütete sich wohl, zurückzusehen; denn sie fürchtete, Mutter und Bubi

würden ihr dann Zeichen machen, sie solle wieder umdrehen. Ja, sie war

fast sicher, daß sie ihr jetzt eben riefen, um sie aufzuhalten. Aber

darum brauchte sie sich nicht zu kümmern, denn jetzt, wo sie so recht in

den Sturm hineingeraten war, lärmte und donnerte es um sie her, daß sie

gar nichts hören konnte.

Es war nicht wahrscheinlich, daß Mutter ihr nachlaufen und sie

festhalten würde, denn Mutter mußte ja Bubi an der Hand führen, damit er

nicht umgeweht wurde, und so kam sie nicht rasch vorwärts.

Deshalb bekam indes das kleine Mädchen durchaus keine Lust, umzudrehen,

nein, durchaus nicht; aber sie mußte sich jetzt doch gestehen, daß das

Wetter viel schlimmer war, als sie geglaubt hatte.

Über ihrem Kopfe kamen große schwarze Vögel mit flatternden Schwingen

dahergesaust, die der Wind vor sich her jagte und ganz zerfetzte;

schließlich hatten sie weder Federn noch Körper mehr. Die Kleine dachte,

so etwas Unheimliches habe sie noch nie gesehen, bis sie schließlich zu

ihrer Verwunderung erkannte, daß es große Strohbüschel waren, die von

irgendeinem Dach losgerissen worden waren.

Sooft sie einen Schritt dem Winde entgegen machte, erhob sich dieser vor

ihr wie ein sich bäumendes Pferd und wollte sie umwerfen; machte sie

aber einen Schritt mit dem Wind, so stieß er sie vorwärts, und sie mußte

mit krummen Knien und vorgebeugtem Rücken gehen, um ihm einigermaßen

Widerstand leisten zu können. Dieses beständige Ankämpfen machte sie

schrecklich müde, und schließlich hatte sie das Gefühl, als müsse sie

einen vollbepackten Karren ziehen.

Und von Norden her kam der Wind und brachte eine Kälte mit, als hätte er

mit Leichen getanzt. Er war überaus scharf und heftig und drang durch

ihre Pelzjacke und den Friesrock mit Eiseskälte in ihren Körper hinein.

Daraus machte sie sich zwar nicht viel; aber sie fühlte wohl, wie ihr

die Zehen in den mit Pechdraht genähten Stiefeln erstarrten, wie ihr die

Finger in den wollenen Fausthandschuhen klamm wurden, und wie ihr die

Ohren unter dem Kopftuch brannten; aber trotzdem ging sie weiter, bis

sie den ganzen langen Hügel hinuntergekommen war. Erst als sie in der

Talsenkung stand, hielt sie an und wartete auf die beiden andern.

Und als diese endlich auftauchten, ging sie ihnen entgegen.

»Es wäre wohl am besten, wenn wir wieder heimgingen«, sagte sie. »Denn

den Nyhof können wir ja doch nicht erreichen.«

Aber nun war Mutter böse und Bubi auch, und sie sagten sich, dieses

kleine Mädchen solle sie nicht nur so regieren und sagen dürfen, wenn

sie vorwärts gehen und wenn sie umdrehen sollten.

»O nein,« sagte die Mutter, »wir drehen nicht um; nun sollst du

jedenfalls zum Weihnachtsschmaus kommen, da du sosehr erpicht darauf

bist.«

»Ja, du sollst so viel Wind zu schlucken bekommen, daß du für viele

Wochen genug hast«, fügte Bubi hinzu.

Damit ging Mutter mit Bubi weiter, und die Kleine mußte ihnen folgen, so

gut sie konnte.

Als sie den Uvhof erreicht hatten, begegnete ihnen die Wanderlotte und

der Betteljon. Und diese beiden, die sich Sonntags und Werktags in der

Gegend herumzutreiben pflegten und an jegliches Wetter gewöhnt waren,

hielten die Hände wie eine Trompete vor den Mund und riefen den drei

Daherkommenden zu, sie sollten eiligst nach Hause zurückkehren, denn

weiter drunten nach dem See zu sei es eisig kalt, sie würden da

erfrieren.

Trotzdem gingen Mutter und Bubi weiter. Sie waren noch immer böse auf

die Kleine und wollten, sie solle so recht zu schmecken bekommen, was

für ein schreckliches Wetter es war.

Jetzt kam ihnen das Pferd von Erik auf Falla entgegen. Es zog einen

leeren Schlitten hinter sich her, denn der Sturm hatte Erik auf Falla

den Hut vom Kopf gerissen; und während er um die Zäune herumlief, über

Hofmäuerchen kletterte und in den Gräben herumkroch, um seines Hutes

wieder habhaft zu werden, war das Pferd des Stillestehens überdrüssig

geworden und hatte sich auf den Heimweg gemacht.

Aber Mutti und Bubi sahen aus, als komme ihnen das gar nicht merkwürdig

vor; sie gingen einfach weiter.

Sie hielten auch nicht an, bis sie oben auf den Brobyer Hügeln

angekommen waren. Aber da gerieten sie in einen großen Haufen von

Menschen, Pferden und Schlitten hinein, die hier hielten und nicht

weiter konnten. Denn siehe! die große Brobyer Tanne, die so hoch gewesen

war, daß man sie gerade wie den Gurlittagipfel aus weiter Ferne hatte

sehen können, war vom Sturm gefällt worden und lag quer über den Weg. In

der naheliegenden Brobyer Kirche aber sollten Jan von Gullåsa und Britta

von Kringåsa getraut werden. Und der alte Jan Jansa von Gullåsa und die

alte Mutter von Kringåsa sowie die Nachbarn und Verwandten und der

Spielmann Jöns und die schöne Gunnar von Högsjö und viele andere, die

mit im Hochzeitszug gehen sollten, standen nun da und konnten nicht

weiter. Sie redeten eifrig durcheinander und erklärten, sie seien schon

zweimal von umgewehten Bäumen aufgehalten worden; bisher hätte man sie

wegschaffen können, bei dieser Tanne hier aber wüßten sie sich nicht zu

helfen.

Der alte Vater von Gullåsa ging umher und bot den Leuten Branntwein an;

aber weiter konnten sie deshalb doch nicht. Die Braut war aus dem

Schlitten gestiegen und weinte, weil der ganze Weg zur Kirche so voller

Hindernisse war; und der Wind riß rote Tüllrosen und grünseidene Blätter

aus den Borten ihres Kleides, daß die Leute, die später am Tage dieses

Weges durchs Kirchspiel gezogen kamen, nichts anderes glaubten, als der

Sturm habe einen wilden Rosenbusch in einem Zauberwald ausfindig

gemacht, dort die Blumen und Blätter mit fortgerissen und sie über die

Hecken und Raine gestreut.

Aber Mutter und Bubi hielten nicht an, weil die Tanne quer über dem Weg

lag; sie krochen unten durch und wanderten weiter, denn sie dachten, die

Kleine werde noch eine ganze Weile nicht genug vom Sturm haben.

Und sie kamen auch wirklich bis zum Kreuzweg und bis zum Brobyer

Gasthaus!

Da erblickten sie die Majorin Samzelius, die mit zwei Pferden in einem

bedeckten Schlitten dahergefahren kam. Und erst als sie sahen, daß die

Majorin unter Dach saß, begriffen die beiden wohl ganz, wie schrecklich

das Wetter tatsächlich war; denn die Majorin gehörte sonst nicht zu

denen, die sich vor etwas fürchteten. Als die Majorin aber der beiden

ansichtig wurde, streckte sie die geballte Faust unter dem Schutzdach

hervor, drohte ihnen und rief ihnen mit einer Stimme, die man noch durch

das Brausen des Sturmes hindurch verstehen konnte, zu:

»Mach', daß du heimkommst, Marit von Koltorp! Bei so einem Wetter, wo

ich sogar im verdeckten Schlitten fahren muß, darfst du nicht mit deinen

Kindern draußen sein!«

Aber Mutter und Bubi dachten, für die Kleine werde es ganz gut sein,

wenn sie noch eine Weile mit dem Wind kämpfen müsse.

Als sie jetzt die Brücke erreichten, die über den schmalen Sund

zwischen dem oberen und dem mittleren Lövsee führte, mußten sie ganz am

Brückengeländer hinkriechen. Hier brauste der Sturm schrecklicher denn

je zuvor, und sie wären gewiß ins offene Wasser hineingetrieben worden,

wenn sie aufrecht zu gehen versucht hätten.

Als sie die Brücke glücklich hinter sich hatten, waren sie halbwegs nach

dem Nyhof, und nun begann die Kleine zu glauben, daß sie wirklich noch

zum Weihnachtsschmause recht kommen würden.

Aber kaum hatte sie das gedacht, als sich auch schon ein neues Hindernis

einstellte. Wahrscheinlich war die heftige Kälte auf der Brücke für Bubi

zuviel gewesen; der arme Kerl war kalt wie ein Eiszapfen. Er warf sich

platt auf den Boden und wollte keinen Schritt mehr weiter. Die Mutter

hob ihn auf, schüttele ihn und lief mit ihm ins nächste beste Haus

hinein.

Die Kleine erschrak sehr und lief eiligst hinter der Mutter her. Sie

wußte nicht mehr, was sie tun sollte; denn wenn Bubi jetzt erfroren war,

dann war sie schuld daran. Wenn sie nicht gewesen wäre, würden Mutter

und Bubi sicher umgekehrt und nach Hause zurückgegangen sein.

Sie waren indes in ein Haus gekommen, wo unglaublich gute Leute

wohnten, die sogleich sagten, ehe der Sturm sich gelegt habe, dürften

die Gäste nicht vors Haus hinaus, da könne gar keine Rede davon sein.

Ja, und sie sagten auch, es sei ein wahres Glück, daß sie bei ihnen

eingekehrt seien; wenn sie ihren Weg noch bis zur Propstei fortgesetzt

hätten, wären sie sicher alle miteinander erfroren.

Es sah aus, als sei Mutter recht froh, daß sie nun unter Dach und Fach

waren. Sie saß so befriedigt da, als wisse sie ganz und gar nichts

davon, daß drunten auf dem Nyhof jetzt die Bratspieße gedreht und das

Fett von den großen Fleischkesseln abgeschöpft wurde.

Nachdem die Hausbewohner ihnen so recht nach Herzenslust gesagt hatten,

wie gut es sei, daß die Wanderer bei ihnen eingekehrt waren, fiel es

ihnen ein, zu fragen, warum sie sich denn eigentlich in dem Sturm

hinausgewagt hätten, und ob sie vielleicht auf dem Weg zur Kirche

gewesen seien.

Da erzählte ihnen die Mutter, warum sie unterwegs waren. Sie sagte, sie

hätten zu Per Jansa auf Nyhof gewollt; der sei ihr Schwager, obgleich er

ebenso reich sei, wie ihr Mann arm gewesen sei. Am zweiten

Weihnachtsfeiertag halte er immer einen großen Weihnachtsschmaus, und zu

diesem sei sie als Schwägerin selbstverständlich eingeladen. Sie habe

allerdings von Anfang an das Wetter für recht schlecht gehalten, aber es

sei ja das einzige Festmahl im Jahre, bei dem sie dabeisein dürften.

Als die guten Hausbewohner das hörten, fingen sie wieder zu jammern an

und sagten, die Mutter tue ihnen schrecklich leid, weil sie nun nicht

zum Festmahl bei Per Jansa kommen könnte, denn dort gehe es sicher recht

hoch her; aber in diesem Sturm noch einmal einen Versuch zu machen, das

sei unmöglich, sie würde geradezu ihr Leben aufs Spiel setzen.

Die Mutter stimmte mit ihnen überein, und sie sah aus, als sei es gar

keine Kunst für sie, hier bei diesen armen Leuten ganz ruhig

sitzenzubleiben, während es doch soviel Gutes gab, das auf sie wartete.

»Wenn Ihr die Kinder nicht bei Euch hättet, könntet Ihr Euch vielleicht

schon bis zum Nyhof durcharbeiten«, setzten die Hausbewohner hinzu.

Auch darin stimmte die Mutter mit den Leuten überein. Ja, sie könnte

schon noch zum Festmahl kommen, sagte sie, wenn sie die Kinder nicht bei

sich hätte; diese aber wage sie bei diesem Wetter nicht mehr mit

hinauszunehmen.

Nein, nein, es war nichts zu machen; darin waren alle ganz einig, aber

die Mutter tat den Leuten eben doch schrecklich leid. Man sah ihnen

ordentlich an, wie bekümmert sie darüber waren.

Da kam der Frau plötzlich ein guter Gedanke, über den sie sehr froh

wurde.

»Ei der Tausend!« sagte sie. »Wenn Ihr selbst Lust zum Gehen hättet,

könntet Ihr ja die Kinder hier bei uns lassen.«

Alle beide, die Frau und der Mann, waren ganz beglückt über diesen

Einfall, und sie konnten gar nicht begreifen, warum sie nicht früher

darauf gekommen waren.

Die Mutter machte zuerst etwas Umstände, gab aber bald nach. Und dann

wurde ausgemacht, die Kinder sollten den Tag über und auch die Nacht

dableiben, wo sie waren, und die Mutter würde dann am nächsten Tage

wiederkommen und sie abholen.

Darauf ging die Mutter, und da saß nun das kleine Mädchen.

Jetzt war also alle Hoffnung zu Ende, sie kam nicht zum

Weihnachtsschmaus, das sah sie wohl ein. Aber was hätte es helfen

können, wenn sie auch gesagt hätte, sie wollte mit der Mutter gehen?

Diese herzensguten Leute, bei denen sie Unterkunft gefunden hatten,

hätten sie doch nicht fortgelassen, auch hätte man ja Bubi nicht ganz

allein zurücklassen können.

Die Hausbewohner versuchten, die Kleine zu unterhalten und sie ein

bißchen aufzumuntern; aber sie brachte kein Wort heraus, ja, sie drehte

ihnen den Rücken, stellte sich ans Fenster und richtete ihren Blick auf

zwei große Birken, die da draußen im Sturme hin und her schwankten.

Gar viele Wünsche stiegen in ihrem Herzen auf, während sie da am Fenster

stand. Unter anderem wünschte sie, der Sturm sollte mit aller Gewalt auf

das Haus losfahren, damit es einfiele und sie herauskommen könnte.

Aber, aber -- das sah doch merkwürdig aus! Während sie so dastand und

die Birken betrachtete, schienen diese mit jedem Augenblick weniger

heftig hin und her zu schwanken, und zugleich war es auch, als nehme der

Lärm und das Getöse ab, das mit dem Sturm daherkam, und als fliege jetzt

nichts mehr, weder Stecken noch Stroh, in der Luft umher.

Die Kleine wußte kaum, ob sie ihren Augen trauen dürfte; aber jetzt war

es wahrhaftig draußen so ruhig, daß die langherabhängenden Birkenzweige

nur gerade noch ein wenig bebten.

Die Hausbewohner schäkerten mit Bubi und merkten nichts, bis die Kleine

zu ihnen sagte, jetzt sei der Sturm vorüber.

Sie waren über die Maßen erstaunt und sagten sogleich, es sei schade,

daß er sich nicht ein wenig früher gelegt hätte, dann hätten die Kinder

ja auch noch zum Weihnachtsschmause kommen können. Wenn sie den ganzen

Tag hier bei ihnen sitzen müßten, so sei das kein Vergnügen, das wüßten

sie wohl.

Da sagte die Kleine, wenn man es ihr erlaubte, könnte sie sich jetzt gut

mit Bubi auf den Weg nach Nyhof machen. Es gehe ja immer auf der

Landstraße geradeaus, da könne sie durchaus nicht fehlgehen, und so

mitten am Tag werde ihnen ja sicher auch nichts Böses zustoßen.

Diese Leute waren doch wirklich von Herzen gut. Sie wollten keinem

Menschen die Freude verderben, und so ließen sie die beiden Kinder

miteinander abziehen.

Jetzt war alles gut. Das Wetter war still und schön; es ging sich gar

leicht, und es war niemand da, der der Kleinen befohlen hätte, im Zimmer

zu sitzen oder umzukehren, wenn sie weiter wollte.

Aber etwas beunruhigte die Kleine doch. Es kam ihr vor, als sinke die

Sonne gar so schnell dort auf der Südseite gegen den Himmelsrand

herunter. Sie wußte nicht, wieviel Uhr es war; aber wie, wenn es nun

schon so spät wäre, daß man auf dem Nyhof schon bei Tische saß! Und sie

hatten noch eine ganze Meile zu gehen. Wie, wenn sie nun nicht früher

hinkam, als bis es nur noch leere Schüsseln und abgenagte Knochen gab?

Bubi war erst sieben Jahre alt und konnte nicht sehr schnell

marschieren. Auch war er nach allem, was er an diesem Tag schon

durchgemacht hatte, mutlos und verzagt.

Als die Kinder in der Talmulde am Fuße des Hedebyhügels standen, hielt

die Kleine an und sah nach dem Lövsee hin, der, frisch gefroren, mit

hellem blanken Eis bedeckt vor ihr lag.

Sie fragte Bubi, an welchem Abend es doch gewesen sei, wo Mutter

heimgekommen war und gesagt hatte, der Lövsee sei zugefroren. Mutter sei

sehr überrascht gewesen, daß der See schon vor Weihnachten zugefroren

war, und sie habe den ganzen Abend davon gesprochen.

»Ja, das ist am Tag vor dem heiligen Abend gewesen«, sagte Bubi. »Ich

weiß es ganz gewiß.«

»Dann ist der See ja schon seit vier Tagen gefroren,« entgegnete die

Kleine, »da ist das Eis gewiß stark genug, uns zu tragen.«

Ha, nun kam neues Leben in den Jungen, sobald er begriffen hatte, daß

die Schwester den Weg über den See nehmen wollte!

»Ja, ja, komm, wir schlittern bis zum Nyhof über den See!« rief er

vergnügt.

»Ja, es ist am einfachsten, wenn wir diesen Weg nehmen, da der Nyhof am

See liegt«, sagte die Kleine.

Sie war indes doch etwas bedenklich; aber jetzt war Bubi der, der

darauf drang. Vom Weitergehen auf der Landstraße wollte er gar nichts

mehr wissen. Nein, nein, die Schwester sollte sofort mit an den See

hinunter!

»Dann mußt du zu Mutter sagen, du habest es gewollt, denn über dich wird

sie nicht böse«, sagte die Kleine.

Es war nicht weit zum See, und die beiden Kinder standen bald draußen

auf dem Eis, das glatt wie ein Aal und spiegelblank war, es hätte gar

nicht blanker sein können. Die Kinder faßten einander bei der Hand und

schlitterten nun quer über den See.

Ei, das war besser als das Gehen auf der Landstraße! Auf diese Weise

kamen sie sicher nach Nyhof, ehe das Festmahl zu Ende war.

Aber dann hörte die Kleine plötzlich ein Brausen und ein Donnern hinter

sich, das sie nur zu leicht wiedererkannte. Sie brauchte sich gar nicht

erst umzudrehen, um zu sehen, was es war, sie fühlte es schon im Nacken.

Der Sturm war es, der sich wieder aufgemacht hatte.

Es war gerade, als hätte er sich ruhig verhalten, nur um die Kinder aufs

Eis hinauszulocken; jetzt aber brauste er daher, fuhr auf sie los und

warf sie um.

Nein, es war unmöglich, sie konnten auf dem Eise nicht weiter; seit der

Sturm wieder losgebrochen war, konnten sie sich nicht mehr aufrecht auf

den Füßen halten, und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als ans Ufer

zurückzukriechen.

Jetzt hätte man eigentlich glauben sollen, der Kleinen wäre aller Mut

vergangen; sie war ja mit dem Brüderchen in einer verzweifelten Lage.

Wie sollten sie nur wieder zu Menschen gelangen? Auf dem See konnten sie

nicht weiter, und da, wo sie jetzt an Land kamen, fand sich nur ein

steiler Berg und dichter Wald, aber kein Weg.

Ach! und Bubi war so müde und verdrießlich über alles, er weinte nur

noch.

Die Kleine blieb eine Weile am Ufer stehen und sah ganz ratlos aus.

Aber plötzlich fiel ihr ein, wie sie und Bubi daheim oben von ihrem

Berge herunterzufahren pflegten, wenn er ganz mit Eis bedeckt war, und

sofort begann sie Tannenzweige abzubrechen und sie auf zwei Haufen zu

schichten. Dann setzte sie Bubi auf den einen, ließ sich selbst auf die

Knie nieder und schob nun Bubi mitsamt den beiden Haufen aufs Eis

hinaus.

Als sie da draußen so recht im stärksten Blasewind drinnen waren, setzte

sie sich auf den anderen Tannenzweighaufen, jedes von den Kindern nahm

einen großen Tannenzweig in die Hand und hielt ihn gegen den Wind.

Und hui! sagte der Sturm, und hei! sagte der Sturm. Er schüttelte sie

und stieß sie auf die Seite, wie wenn er probieren wollte, was er mit

ihnen anfangen könnte.

Dann faßte er hart zu, und sie fuhren davon. Und es ging, es ging! Ja,

hurtig wie der Wind ging es, und nun fühlten die Kinder den Sturm gar

nicht mehr. Wenn nicht die Ufer an ihnen vorbeigeflogen wären, hätten

sie fast glauben können, sie säßen ganz stille.

Bubi schrie aus vollem Halse vor lauter Vergnügen; aber die Kleine saß

auf ihrem Haufen mit fest zusammengepreßten Lippen und spähte eifrig

umher, ob nicht ein neues Hindernis daherkomme, das sich zwischen sie

und den Weihnachtsschmaus stellen wollte.

Das war die schnellste Fahrt, die die Kinder je in ihrem Leben gemacht

hatten. Es dauerte nicht viele Minuten, da hatten sie die Landspitze vor

sich, wo die großen Gebäude des Nyhofs aufragten.

Auf dem Hofe wollte man sich eben zu Tische setzen, als die Kinder auf

dem Eise draußen auftauchten. Da liefen alle eiligst hinaus, um zu

sehen, was denn da Merkwürdiges über den gefrorenen See dahergefahren

kam.

Und man kann sich wohl denken, wie sehr sich alle verwunderten, als sie

die Kinder erkannten. Ja, alle miteinander, Per Jansa und Per Jansas

Frau und der Pfarrer und alle anderen Gäste verwunderten sich über die

Maßen.

Die einzige, die nicht gar sosehr überrascht aussah, war die Mutter.

»Dieses Mädchen gibt nicht nach, bis es so geht, wie sie es haben will«,

sagte sie. »Ich hatte eigentlich schon die ganze Zeit erwartet, sie auf

einem Besenstiel durch die Luft daherreiten zu sehen.«

Aber von wem die Leute den ganzen Abend sprachen, und wen sie lobten,

und zu wem sie sagten, es werde einmal eine tüchtige Hausfrau aus ihr

werden, das war die Kleine.

Die Mutter mußte sich eine ganze Weile neben die Pfarrfrau aufs Sofa

setzen und ihr von der Kleinen erzählen.

Und die Mutter berichtete, so klein sie auch noch sei, so könne sie doch

schon ganz nett spinnen, und Wolle karden könne sie auch, und den ganzen

letzten Sommer hindurch habe sie Beeren gesammelt und nach Helgesäter

verkauft. Und der Kapitän habe ihr ein Abc-Buch geschenkt, eines von den

Fräulein auf Helgesäter habe ihr dann etwas nachgeholfen, und nun könne

sie lesen und auch schreiben.

Der Pfarrer von Svartsjö war viele Jahre lang Witwer gewesen, aber im

vergangenen Sommer hatte er wieder geheiratet. Die neue Pfarrfrau war

klein von Gestalt und hatte schlohweißes Haar; aber ihr Gesicht war von

zarter Farbe und ganz ohne Runzeln, niemand hätte ihr Alter

festzustellen gewagt. Sie stand in dem Ruf, eine unglaublich tüchtige

Hausfrau zu sein; die Leute sagten auch von ihr, wenn sie einen Menschen

nur einmal sehe, wisse sie gleich, was er wert sei.

Diese neue Pfarrfrau sagte zu der Mutter, sie habe schon länger die

Absicht, ein junges Mädchen ins Haus zu nehmen, die ihre Stieftochter

bedienen sollte, damit das Zimmermädchen mehr ans Weben komme, und dann

fragte sie, ob die Mutter etwas dagegen hätte, wenn die Kleine im

nächsten Herbst ins Pfarrhaus käme.

Ob die Mutter etwas dagegen hätte? War das eine Frage! Sie konnte sich

kein größeres Glück für ihre Kleine wünschen, als auf Lövdala in Dienst

zu kommen.

Den ganzen Abend hindurch folgte die Pfarrfrau der Kleinen mit den

Augen; es war, als könne sie an niemand anders mehr denken.

Und nach einer Weile rief sie die Mutter wieder zu sich.

»Ist es wahr, daß das Mädchen schreiben und lesen kann?« fragte sie.

Und die Mutter versicherte hoch und teuer, ja, es sei ganz wahr.

»Nun, dann machen wir aus, daß sie gleich mit nach Lövdala kommt«, sagte

die Pfarrfrau. »Ihr könnt ja den Weg über Lövdala nehmen, wenn ihr von

hier wieder heimgeht, und dann kann sie gleich dableiben.«

Und so wurde es auch beschlossen.

Aber auch nachher beobachtete die Pfarrfrau die Kleine noch immer gerade

wie zuvor, wie wenn sie sich nicht satt an ihr sehen könnte. Und wieder

nach einer Weile wollte sie abermals mit Marit von Koltorp sprechen.

»Wie heißt denn deine Kleine?« fragte sie.

»Sie heißt Eleonora, aber wir nennen sie nur Nora.«

»Und es ist wirklich wahr und nicht nur Großtuerei, daß sie lesen und

schreiben kann?« fragte die Pfarrfrau wieder.

»Nein, nein,« versicherte die Mutter, »es ist die reine Wahrheit.«

»Ich habe mir überlegt, daß sie gleich heute abend in unserem Schlitten

mit uns nach Lövdala fahren könnte«, sagte nun die Pfarrfrau. »Es fehlt

uns jetzt eben an einem kleinen Mägdlein, deshalb könnte sie ihren

Dienst ebensogut gleich antreten.«

Und wie die Pfarrfrau es wünschte, so geschah's natürlich. Sie gehörte

zu den Menschen, denen man nicht gerne widerspricht.

Liljecronas Heimat · 第 6 / 28 题