Alle fünf Mägde saßen, mit dem Nähring am Finger sowie Wachs und Nähgarn
neben sich, in der Küche und flickten ihre alten Kleider. Es ging ihnen
gewiß wie den Schneidern, die gerne hoch sitzen, wenn sie nähen, denn
sie waren alle auf die hohe Tischbank hinaufgekrochen, nur die alte
Haushälterin saß auf einem Stuhl.
Die Kleine stand am Fenster und sah hinaus. Vor ihr lag ein weiter
Hofplatz mit gebahnten Wegen zwischen hohen Schneewällen. Ringsum
standen große Gebäude, und die Kleine versuchte sie nach der
Beschreibung, die ihre Mutter davon gemacht hatte, zu erkennen. Das
lange niedere Haus, dem Hauptgebäude gerade gegenüber, war wohl das
Wirtschaftsgebäude, auf der Ostseite lagen die Ställe und das Waschhaus
mit der Braukammer auf der Westseite. Die Häuser standen nicht alle
dicht beieinander; aber es lief ein Zaun dazwischen hin, so daß man
nicht anders in den Hof hineinkommen konnte als durch enge Gattertüren,
die jetzt im Winter offen standen. Östlich von den Ställen konnte die
Kleine die Dächer und Giebel von einer ganzen Anzahl von Gebäuden sehen,
die um einen noch größeren Hofplatz her standen. Dort waren die
Schweine- und Schafställe, das Vorratshaus und das Magazin; die
Kornspeicher, Scheunen und Tennen und Holzschuppen sowie das Gesindehaus
für die Knechte und die Geschirrkammer. Mehrere von den Gebäuden standen
auf Pfosten, andre hatten Treppen, die sich außen an der Giebelwand
hinaufschlängelten und zu niedrigen Bodenräumen führten. Wohin das
Mädchen sah, waren Anbaue und Verbindungsgänge, Bodenkammern mit kleinen
dunklen Fenstern und langen ringsherumlaufenden Altanen. Die meisten
dieser Gebäude hatten dicke Stroh- oder Rasendächer, die aber jetzt hoch
mit Schnee bedeckt waren. Über dem Ganzen lag ein stiller Friede, als
lägen die alten Häuser im Winterschlafe.
Eine der Mägde war erst vor kurzem eingetreten, und sie war überdies aus
einem andern Kirchspiel. Diese hätte nun wohl gerne die ruhige Stunde
benützt, um etwas über die Herrschaft zu erfahren. Sie hatte eine Frage
um die andere über die Pfarrerstochter und die Pfarrfrau und über den
Pfarrer laut werden lassen, aber immer keine Antwort erhalten. Alle
andern nähten mit fest geschlossenen Lippen und taten, als wüßten sie
gar nichts.
Schließlich mußte die neue Magd doch gemerkt haben, daß sie nichts aus
ihnen herausbringen konnte, und so begann sie nach anderem zu fragen.
Warum denn das Kirchspiel Svartsjö heiße. Sie könne gar nicht
begreifen, wonach es so genannt worden sei. Svartsjö komme doch von
einem See her, und sie habe gehört, es gebe außer dem Lövsee noch drei
Seen in diesem Sprengel, aber keiner von ihnen heiße Svartsee, soviel
wisse sie.
Na, diese Frage wäre nicht gefährlich zu beantworten gewesen, aber zum
Unstern hatte keine von den Mägden je gehört, woher das Dorf seinen
Namen hatte, und es sah aus, als sollte die neue Magd auch hier nicht
mehr erfahren als bei ihren andern Fragen.
Doch nun legte die alte Haushälterin ihre Arbeit nieder und nahm die
Brille von der Nase.
»Es ist gar nicht so sonderbar, wenn das Kirchspiel Svartsjö heiße,«
sagte sie, »denn es hat seinen Namen wirklich von einem See, der in
früheren Zeiten hier gewesen, jetzt aber ausgetrocknet ist.«
Die neue Magd war gewiß außerordentlich froh, daß sie endlich eine
Antwort erhalten hatte. Und so fragte sie rasch, wo in dem Sprengel denn
der See gelegen habe.
»Nun, gerade dort in der Talmulde vor Lövdala«, antwortete die
Haushälterin, und dabei wendete sie sich gegen das nach Süden gehende
Fenster und deutete hinaus. Sie meinte auch, das Wasser sei bis zu dem
Hügel unterhalb des Waschhauses gegangen. Dort sei wenigstens so feiner
Sandboden, wie man ihn sonst nur an Seeufern finde.
Die neue Magd wendete den Kopf nun auch dem Fenster zu. Das Wohnhaus lag
auf einem so hohen Hügel, daß die andern Gebäude nicht alle Aussicht
verdeckten. Über das Scheunendach weg konnte man ein Tal sehen, das sich
meilenweit eben und flach hinzog.
Aber sie wollte nicht glauben, was die Haushälterin gesagt hatte.
Dieser ebene Boden sollte ein ausgetrockneter Seegrund sein? Wie
sonderbar! Sie habe doch immer gedacht, wo einmal ein See gewesen sei,
da müsse es steil und tief hinuntergehen.
Die Haushälterin widersprach ihr nicht. Es war ihr einerlei, was das
Waschmädchen glaubte, und sie hatte ja nur gesagt, was sie wußte.
Darauf setzte sich die Haushälterin die Brille wieder auf die Nase und
machte sich aufs neue an ihre Arbeit.
Die neue Magd lächelte verächtlich. Es war doch merkwürdig, daß alte
Leute keinen Widerspruch vertragen konnten. Was ihnen gerade zu sagen
einfiel, das sollte man ihnen aufs Wort glauben.
Keines von den andern Mädchen sagte ein Wort, um der Haushälterin
beizustehen, und es war jetzt ganz still in der Küche. Die Kleine jedoch
hatte die größte Lust zu erzählen, was sie von diesem Svartsee wußte;
aber sie war nicht sicher, ob es passend wäre, wenn sie sich in das
Gespräch mischte.
Da ging die Türe der Küchenkammer auf, und Mamsell Maja Lisa trat in die
Küche.
Zuerst sagte sie nichts, sondern betrachtete still die fleißigen Mägde.
Dann ging sie zu der Kleinen hin, die die ganze Zeit am Fenster
stehengeblieben war.
»Du, Nora,« begann sie, indem sie sich zugleich auf den hölzernen Stuhl
am Fenster niederließ und die Hand der Kleinen zwischen ihre beiden
nahm, »sag' einmal, bist du weit herumgekommen, und hast du außer dem
Lövsee auch noch andere Seen gesehen?«
Die Kleine wurde blutrot, weil die Pfarrerstochter sie anredete, und sie
vermochte nur gerade so laut zu sprechen, daß man es in der Küche
vernehmen konnte, als sie antwortete: O ja, sie habe schon sehr viele
Seen gesehen, mehr als sie überhaupt zählen könne.
»Dann könntest du mir den Gefallen tun und an einen von ihnen denken«,
sagte die Pfarrerstochter. »Du darfst denken, an welchen du willst, nur
muß er lang und schmal sein und zwischen zwei langen bewaldeten
Bergrücken liegen.«
Die Kleine drückte das Kinn auf die Brust und starrte auf den Boden.
Aber bald sah sie wieder auf; jetzt hatte sie sich einen gedacht.
Die Pfarrerstochter warf ihr einen schelmischen Blick zu, aber ihre
Stimme klang noch immer ungeheuer ernst.
»Siehst du ihn auch richtig vor dir?« fragte sie. »Siehst du, wie ein
kleiner glänzender Bach von Norden herkommt und sich in den See
hineinstürzt, und wie sich dieser weit drunten nach Süden verengert, bis
schließlich nicht mehr davon übrigbleibt als ein anderer kleiner Fluß?«
Ja, ja, die Kleine sah es.
»Nun, wenn du so viel siehst, dann siehst du wohl auch, wie sich die
Ufer mit großen Buchten und Einschnitten hinziehen«, fuhr die
Pfarrerstochter fort. »Da und dort springen schmale, schöne Landzungen
vor, wo Hängebirken stehen, die sich über das Wasser neigen. Und draußen
im Wasser liegen kleine steinige Holme, die ganz mit Faulkirschenbäumen
und Ebereschen bewachsen sind, die im Frühjahr immer über und über im
herrlichsten Blütenschmuck stehen, daß sie aussehen wie junge Bräute im
Festgewand.«
Ja, ja, die Kleine sah alles, was die Pfarrerstochter von ihr verlangte.
Mamsell Maja Lisa warf einen Blick zum Fenster hinaus und über das lange
Tal hin. Dann wendete sie sich wieder dem kleinen Mädchen zu und
lächelte; aber ihre Stimme hatte einen besonderen Nachdruck, als sie
wieder sprach, wie wenn die Kleine auf das, was sie jetzt sagte, ganz
besonders aufpassen sollte.
»Wenn du das alles siehst, dann siehst du wohl auch, daß auf der einen
Seite ein sandiges Ufer ist, wo sich viele Kinder tummeln, die den
ganzen Sommer lang dort baden, und daß an einer andern Stelle eine hohe
Felsenwand aufragt, auf der große dunkle Tannen wachsen mit mächtigen
dicken Wurzeln, die wie Schlangen umeinander geschlungen sind. Und
wieder an einer andern Stelle siehst du wohl auch ein Sumpfland, wo
dichtes Erlengebüsch steht, durch das man kaum hindurchkommen kann, und
wieder hinter diesem liegen die schönen ebenen Wiesen, wo das Vieh
weidet.«
Und die Kleine war nicht ungeschickt, sie sah alles miteinander.
»Wenn du so viel siehst,« fuhr die Pfarrerstochter weiter fort, »dann
siehst du wohl auch die großen Klippen am Uferrand, wo die Leute sich an
den Sonntagen aufstellen und ihre Angeln auswerfen, um Barsche zu
fangen. Und ebenso wirst du die kleinen Einbäume sehen, die am Ufer
angebunden liegen, und die kleinen Fischerhäuschen, die alt und grau und
windschief draußen auf den Landspitzen stehen.«
»Ja, ja«, sagte die Kleine eifrig; sie sah alles und noch mehr dazu.
»Nun, wenn du so viel siehst, dann siehst du wohl auch, daß rings um den
See her gleichsam ein ganzer Ring von Bauernhöfen mit Äckern und Wiesen
liegt; aber sie liegen nicht so nahe am See wie die Fischerhütten,
sondern ein gutes Stück weiter im Land drinnen. Und oberhalb der
Bauernhöfe liegen Birkengehölze und abgeschwendetes Land; aber dann
setzen Tannenwälder ein, und diese klettern an den Bergen hinauf bis zu
den höchsten Gipfeln.«
Jawohl, auch das sah die Kleine.
Jetzt wurde die Pfarrerstochter auf einmal nachdenklich; dann aber fuhr
sie fort:
»Nun kommt das Schwierigste. Siehst du, wenn nun eines Tages dieser See,
an den du gedacht hast, austrocknen würde, daß sich auch nicht ein
Tropfen klares Wasser mehr darin fände, wie würde es dann da aussehen,
wo der See vorher war? Sag', wie denkst du dir das?«
Darauf aber konnte die Kleine keine Antwort geben; sie sah nur die
Pfarrerstochter starr an.
»Ja, ich weiß es selbst auch nicht so genau«, sagte diese. »Aber ich
denke mir's so: Nachdem ein paar Jahre vergangen waren, wuchs allmählich
Gras auf dem Seegrund, und dann nahmen die Menschen sich seiner an; sie
bebauten und verteilten ihn, und er wurde von Zäunen und Wegen
durchkreuzt wie anderes Land auch. Im übrigen aber blieb das meiste so
ziemlich, wie es war.«
Die Kleine starrte gerade vor sich hin; sie sah gewiß ganz abwesend aus.
»Du bist gewiß schon in der guten Stube auf Helgesäter gewesen und hast
dort den großen goldenen Spiegel gesehen, der zwischen den Fenstern
hängt? Das Glas ist vor einigen Jahren in Stücke gegangen, und da der
Hauptmann kein Geld hatte, ein neues Spiegelglas einsetzen zu lassen,
hat er den Holzboden mit grünem Tuch überzogen, der goldene Rahmen aber
blieb wie vorher. Der einzige Unterschied ist, daß jetzt kein Spiegel
mehr darin ist.«
Die Kleine warf einen hastigen Blick auf die Pfarrerstochter; sie fing
an zu verstehen.
»So war es wohl auch mit dem See, von dem wir gesprochen haben«, fuhr
die Pfarrerstochter fort. »Alles, was am Strand war, blieb ja da,
obgleich der Wasserspiegel, der in der Mitte lag, verschwunden war. Die
Hängebirken blieben auf den Landzungen, obgleich nichts mehr da war,
worin sie sich hätten spiegeln können, das sandige Ufer blieb liegen, wo
es lag, obgleich niemand mehr hinkam, um in den Sommertagen da zu baden;
und die Steinblöcke, auf denen die Angler ihre Plätze hatten, sind wohl
auch noch da, obgleich niemand mehr darauf steht und Fische herauszieht.
Die kleinen Ebereschenholme blieben auch, wo sie sind, obgleich
umgepflügte Äcker um sie her liegen, und alle Höfe rings um den See
herum stehen auch noch auf dem alten Platz, obgleich die Jugend, die
darin wohnt, an den schönen Sommerabenden nicht mehr aufs Wasser
hinausrudern kann.«
Ja, auch darin konnte ihr die Kleine folgen.
Aber jetzt wendete sich die Pfarrerstochter rasch dem Fenster zu.
»Sieh nun hinaus, Nora, und ihr andern auch«, sagte sie, indem sie auf
das Tal hinaus deutete. »Was meint ihr wohl, daß das sei, was ihr da
unten seht?«
Und siehe! als die Kleine jetzt hinausschaute, sah sie mit einem Blick
alles, was die Pfarrerstochter beschrieben hatte. Da lag der ebene
Seegrund und rings um ihn herum der alte Uferrand, der sich in langen
Buchten und Einschnitten hinein- und herauszog. Da waren die Landzungen
mit ihren Birken sowie die kleinen Gehölze, die in früheren Jahren Holme
gewesen waren, mitten zwischen den Äckern, und da ragte auf der einen
Seite der steile Berg mit dem Tannenwalde auf und auf der andern die
dichten Erlengebüsche. Auf halber Höhe des Berges sah die Kleine den
ganzen Kreis der Bauernhäuser und den bewaldeten Bergrücken und die
abgeschwendeten Plätze -- kurz alles war da, nichts fehlte.
Die Mägde standen hinter der Kleinen und schauten auch hinaus, und auch
sie sahen alles genau ebenso.
Wie sonderbar, daß sie vorher gar nicht acht darauf gegeben hatten!
Es war doch wohl wahr, daß der Svartsee da gelegen hatte. Das war der
alte Seegrund, es war ganz deutlich.
»Jawohl, das ist in der Tat der alte Seegrund«, schloß die
Pfarrerstochter. »Dies ist der Spiegel, der einstens hier unterhalb
Lövdala lag, und der sein Glas verloren hat. Viele, viele denken, es sei
sehr schade, daß das Glas nicht mehr da ist, und daß der Spiegel kein
Spiegel mehr ist.«
Aber jetzt brannte die Kleine vor Begierde, erzählen zu dürfen, was sie
von dem See wußte; sie konnte es nicht länger zurückhalten.
»Mutter sprach auch oft von dem See, der hier unterhalb Lövdala gelegen
haben soll«, sagte sie.
»Ach so«, sagte die Pfarrerstochter. »Ja, du hast wohl von deiner Mutter
viel von Lövdala gehört.«
»Mutter sagte,« fuhr die Kleine fort, und sie sprach sehr schnell, »drei
Dinge habe der See damals, als er eintrocknete, zurückgelassen. Das eine
sei der kalte Zugwind, der da immer im Tal spiele, das zweite sei der
kalte Nebel, der im Herbst aufsteige, und das dritte sei --«
Aber was das dritte war, durfte die Kleine nicht sagen, denn die
Pfarrerstochter unterbrach sie rasch.
»Ach, wenn es weiter nichts ist,« sagte sie, »das wissen wir schon
vorher.«