NEUNTES KAPITEL.

Satans Rache an Doktor Schnatterer.

Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ------en

hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte,

zurückbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Ästhetik, Rhetorik,

namentlich aber auf die schöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich

habe auf diese Art meine Zeit unnütz angewendet. Ich besuchte ja jene

berühmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen

Mann mit Weib und Kind ernähren konnte, sondern das _dic cur

hic_, das ich recht oft in meine Seele zurückrief, sagte mir immer,

ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu

bekommen, mich aber so sehr als möglich in jenen Künsten zu

vervollkommnen, die heutzutage einem Manne von Bildung unentbehrlich

sind.

Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über die

Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach

allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer einige

theologische Literatur, einige juristische Phrasen, einige neue

medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische

Behauptungen _in petto_ zu haben, hielt ich für unumgänglich

notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu können,

und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen,

ich habe in den paar Monaten in ------en hinlänglich gelernt.

Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder im

Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse

aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff

zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht

versäumen, meine Rache an Doktor Schnatterer zu erzählen.

Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit

mehreren anderen Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stündchen

vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen

Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige

Kurzweil zu treiben, wie es sich für ehrbare Männer geziemt; man

spielte wohl auch bei verschlossenen Türen ein Whistchen oder Piquet

und trank manchmal ein Gläschen über Durst, was wenigstens die böse

Welt daraus ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise

des Wirtes zur Stadt bringen ließen.

Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang

heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist

erlaubt hatte; er ging dann bedächtigen Schrittes seinen Weg, vermied

aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig

Schritte seitwärts neben jener herlief; der Grund war, weil der breite

Weg am schönen Sonntagabend mit Fußgängern besäet war, der Doktor aber

die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht

den Augen der Welt zeigen wollte.

So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die

Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: „Siehe,

er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr

Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt."

Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut.

Ich paßte ihm an einem schönen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie

gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem

Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob

ich ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in

seiner gelehrten Nähe noch einmal so schön.

Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte

zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die

Tiefen der Wissenschaft zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit

Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen

schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten

Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigtste

Dirne der Stadt.--Ach! daß Hogarth an jenem Abende unter den

spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch

herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische

Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können.

Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem

Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen und rissen die

Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die

erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht:

„Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!" von Mund zu Mund der

Stadt zu.

„Wehe dem, durch den Ärgernis kommt!" riefen die Frommen. „Hat man

d a s je erlebt von einem christlichen Prediger?"

„Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?" sprachen mit

Achselzucken die Halbfrommen. „Wenn der Skandal nur nicht auf

öffentlicher Promenade--!"

„Der Herr Doktor machen sich's bequem!" lachten die Weltkinder, „er

predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren."

So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde

und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen

Ecken; und „Doktor Schnatterer" und „schön Luisel" war das

Feldgeschrei und die Parole für diesen Abend und manchen folgenden

Tag.

An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube

und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die

Neuigkeit ganz warm auftischten.

Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen

Meditationen versenkt, nicht das Drängen der Menge, die sich um seinen

Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelächter, das seinen Schritten

folgte. Es war zu erwarten, daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen

Ehehälfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an

der Hausglocke zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die

fürchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und

das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltönend,

als daß man hätte denken können, die Frau Doktorin habe die Wangen

ihres Gemahls mit dem M u n d e berührt.

Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde

schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den

Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem

Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie

die Augen nach dem Doktor hinüberblitzen lieb: „Dieser Mensch dort

behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein;

sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!"

Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie

träumen lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu

Hause gewesen.

Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien

seine Zunge gelähmt zu haben: „Zu Haus' gewesen?" lallte er. „Nicht

mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit

Ihnen, Wertester?"

„Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich

lächelnd zur Antwort. „Mit mir auf keinen Fall!"

„Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus," heulte die wütende Frau,

„was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte

Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der

schönen Luisel hat er scharmuziert!"

„Das hat mir der böse Feind angetan," raste der Doktor und rannte im

Zimmer umher; „der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der

Stinker."

„Der Rausch hat dir's angetan, du Lump," schrie die Zärtliche, riß

ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber

schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir:

„Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die

Wand malen, sonst kommt er."

Der Doktor Schnatterer werde von da an in seinen Kollegien ausgepocht

und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr

erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend

geherrschte hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene

Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen

hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der

Unversöhnlichen. Diesem hatte, sozusagen, d e r T e u f e l e i n

E i i n d i e W i r t s c h a f t g e l e g t.

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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 16 / 51 题