ACHTES KAPITEL

Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon.

Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen

darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes,

unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger

Zeit fleißig die Anatomie besucht, um auch die Ärzte kennen zu lernen.

Da geschah es eines Tages, daß ich mit mehreren Freunden um einen

Kadaver beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der

Organe des Gehirns, des Herzens usw. die Nichtigkeit des Glaubens an

Unsterblichkeit darzutun suchte.

Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: „Pfui Teufel, wie

riecht's hier!"

Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der

mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das

Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors

niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese

Äußerung: „ Pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenem

Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den „Herrn im

Kot", bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, daß ich mir solche

Gemeinheiten und Anzüglichkeiten verbitte.

Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment

heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden

konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am andern

Tage sogleich fordern. Ein solcher Spaß war mir erwünscht; denn wer

sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich

damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich, von meinen

Freunden als etwas Unvernünftige, Unnatürliches angesehen wurde. Ich

hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache an einem

Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide

Parteien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.

Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm

ausgezogen und der „Paukwichs", das heißt die Rüstung, in welcher das

Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der

Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht

hinlänglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die

über den Bauch geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit

der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt. Eine

ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick

war, stand steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle,

einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom

Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen

verfertigtes Rüstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in

diese sonderbare Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch

gewährte sie große Sicherheit; denn nur ein Teil des Gesichtes, der

Oberarm und ein Teil der Brust war für die Klinge des Gegners

zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn

ich im Spiegel mein sonderbares Habit betrachtete. „Der Satan in einem

solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf

der Anatomie zu schlagen!"

Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen Ausbruch der

Kühnheit und des Mutes, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick

gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die

gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein

Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den „Schläger" vorantragen

zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug.

Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit großem,

schützendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.

Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe machte ein

grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur

noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen.

Wir legten uns nach alter Fechtweise aus, die Klingen waren gebunden,

die Sekundanten schrien: „Los!" und unsere Schläger schwirrten in der

Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens

parierend gegen die wirklich schönen und mit großer Kunst ausgeführten

Angriffe des Gegners; denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von

Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm eine

Schlappe gab.

Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so kühn

und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit

sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten

„Häusern" bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und

begierig, bis ich selbst angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich

dazu aufzumuntern.

Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig gewesen

wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden

die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen

wollte. Dieser mochte es mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen

werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und hütete sich,

selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte,

der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßigen Hiebe,

und klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange.

Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah; mein Sekundant und

Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maßen die Wunde und sagten

mit feierlicher Stimme: „E s i s t m e h r a l s e i n Z o l l,

k l a f f t u n d b l u t e t, a l s o A n s c h--ß." Das hieß

soviel als: Weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch

gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen.

Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten meine Hände,

die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in

der Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war. Denn wer, seit

des großen Renommisten Zeiten, durfte sich rühmen, vorher die Stelle,

die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit

getroffen zu haben?

Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir

in dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man

gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunähte, und versöhnte mich mit

ihm.

„Ich bin Ihnen Dank schuldig," sagte er zu mir, „daß Sie mich so

gezeichnet haben. Ich wurde ganz gegen meinen Willen gezwungen,

Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine

fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen möchte. Sie

haben mit einem Male entschieden; denn mit einer Schmarre vom Ohr bis

zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen."

Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit

geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der

frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall

anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch

eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte

ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, daß der

Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am

meisten angezogen hätte.

Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen

Gedanken; denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die

meisten Freunde und Anhänger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste,

dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten

Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzüglichsten

Bühnen versprach.

Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte,

gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine

Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich

nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen

war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn

eröffneten.

Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig als der glänzende Ausgang der

Affäre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein höheres

Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über meine

großmütigen Sentiments Tränen vergoß.

Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation einen prachtvollen

Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten, „f ü r

d e n g u t e n G e r u c h i h r e r A n a t o m i e g e s c h l

a g e n h a b e" .

Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang

war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es

sich nur in einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend

mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen

wird höchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.

* * * * *

Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 15 / 51 题