Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon.
Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen
darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes,
unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger
Zeit fleißig die Anatomie besucht, um auch die Ärzte kennen zu lernen.
Da geschah es eines Tages, daß ich mit mehreren Freunden um einen
Kadaver beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der
Organe des Gehirns, des Herzens usw. die Nichtigkeit des Glaubens an
Unsterblichkeit darzutun suchte.
Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: Pfui Teufel, wie
riecht's hier!"
Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der
mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das
Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors
niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese
Äußerung: Pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenem
Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den Herrn im
Kot", bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, daß ich mir solche
Gemeinheiten und Anzüglichkeiten verbitte.
Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment
heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden
konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am andern
Tage sogleich fordern. Ein solcher Spaß war mir erwünscht; denn wer
sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich
damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich, von meinen
Freunden als etwas Unvernünftige, Unnatürliches angesehen wurde. Ich
hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache an einem
Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide
Parteien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.
Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm
ausgezogen und der Paukwichs", das heißt die Rüstung, in welcher das
Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der
Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht
hinlänglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die
über den Bauch geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit
der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt. Eine
ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick
war, stand steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle,
einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom
Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen
verfertigtes Rüstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in
diese sonderbare Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch
gewährte sie große Sicherheit; denn nur ein Teil des Gesichtes, der
Oberarm und ein Teil der Brust war für die Klinge des Gegners
zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn
ich im Spiegel mein sonderbares Habit betrachtete. Der Satan in einem
solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf
der Anatomie zu schlagen!"
Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen Ausbruch der
Kühnheit und des Mutes, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick
gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die
gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein
Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den Schläger" vorantragen
zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug.
Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit großem,
schützendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.
Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe machte ein
grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur
noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen.
Wir legten uns nach alter Fechtweise aus, die Klingen waren gebunden,
die Sekundanten schrien: Los!" und unsere Schläger schwirrten in der
Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens
parierend gegen die wirklich schönen und mit großer Kunst ausgeführten
Angriffe des Gegners; denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von
Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm eine
Schlappe gab.
Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so kühn
und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit
sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten
Häusern" bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und
begierig, bis ich selbst angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich
dazu aufzumuntern.
Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig gewesen
wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden
die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen
wollte. Dieser mochte es mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen
werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und hütete sich,
selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte,
der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßigen Hiebe,
und klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange.
Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah; mein Sekundant und
Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maßen die Wunde und sagten
mit feierlicher Stimme: E s i s t m e h r a l s e i n Z o l l,
k l a f f t u n d b l u t e t, a l s o A n s c h--ß." Das hieß
soviel als: Weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch
gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen.
Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten meine Hände,
die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in
der Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war. Denn wer, seit
des großen Renommisten Zeiten, durfte sich rühmen, vorher die Stelle,
die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit
getroffen zu haben?
Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir
in dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man
gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunähte, und versöhnte mich mit
ihm.
Ich bin Ihnen Dank schuldig," sagte er zu mir, daß Sie mich so
gezeichnet haben. Ich wurde ganz gegen meinen Willen gezwungen,
Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine
fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen möchte. Sie
haben mit einem Male entschieden; denn mit einer Schmarre vom Ohr bis
zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen."
Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit
geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der
frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall
anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch
eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte
ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, daß der
Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am
meisten angezogen hätte.
Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen
Gedanken; denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die
meisten Freunde und Anhänger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste,
dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten
Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzüglichsten
Bühnen versprach.
Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte,
gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine
Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich
nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen
war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn
eröffneten.
Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig als der glänzende Ausgang der
Affäre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein höheres
Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über meine
großmütigen Sentiments Tränen vergoß.
Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation einen prachtvollen
Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten, f ü r
d e n g u t e n G e r u c h i h r e r A n a t o m i e g e s c h l
a g e n h a b e" .
Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang
war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es
sich nur in einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend
mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen
wird höchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.
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