SIEBENTES KAPITEL.

Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.

Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und Leben

machte, vergaß ich auch das _dic cur hic_ nicht und legte mich

mit Ernst aufs T h e o r e t i s c h e. Ich hörte die Philosophen und

Theologen und hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und

Medizinern. Ich hatte, um zuerst über die Philosophen zu reden, von

einem der hellsten Lichter jener Universität, wenn in der Ferne von

ihm die Rede war, oft sagen hören, d e r K e r l h a t d e n T e u

f e l i m L e i b. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man

behaupten, solche überschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des

Stils, eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden

in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem

Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe schon viel

ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII., 31 und 32

in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen?--Nein, da

wollte ich mich doch bedankt haben!

Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte,

war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man

mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare

kam, daß er ebensowenig fliegen könne wie ein anderer Mensch auch. Er

aber machte sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine

himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis

angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen Äther hinan,

versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe, er

stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stieß, blickte

hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen

Grasboden noch viel hübscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho

Pansa, als er auf dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die

Erde so groß wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich--

nichts.

Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Männer von

Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit

sich keiner verlaufe in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte

ihre Sprache, daß weder Meister noch Gesellen einander mehr

verstanden.

Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über die

Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal zwei vier sei, und

die Herren Studiosi schrieben ganze Stöße von Heften, daß zweimal zwei

vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte

seinem Ziele mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren

Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte,

Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt

aussandten.

Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so

bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo

man über die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich

so viel Umstände machen müßte, um eine liederliche Seele in mein

Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele

auf eine große, schwarze Tafel und sagte: „So ist sie, meine Herren!"

Damit war er aber nicht zufrieden; er behauptete, sie sitze oben in

der Zirbeldrüse.

Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine

Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem Sonntag nach der

Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete

mich ganz schwarz, daß ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und

trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen

zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieser

Männer machen, sie seien etwas nach dem alttestamentlichen Kostüm,

vernachlässigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins

Linkische.

Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten

Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker

ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze

Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf

und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm

auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige und daß ich

gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte

einige unverständliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen,

verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.

Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten,

voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm her,

indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter

vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hier und da noch etwas

Weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts

als die Worte: „Pfeife rauchen?" Ich merkte, daß er mir höflich eine

Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen; denn er

rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.

Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit

zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich

gänzlich außer Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben ihm

her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die sein

Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die

verschiedenen Kleider= und Wäscherudera, die auf den Stühlen

umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert

hatte, wagte ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein

Aussehen war höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um

die Glatze, die gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der

Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene

Löcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine

Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fuß mit einem

Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten,

abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblößte Bein hing ein

gelblicher Socken. Ehe ich noch während des unbegreiflichen

Stillschweigens des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen

konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine große, dürre Frau, mit der

Röte des Zorns auf den schmalen Wangen, stürzte herein.

„Nein, das ist doch zu arg, Blasius!" schrie sie, „der Küster ist da

und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und

du steckst noch im Schlafrock!"

„Weiß Gott, meine Liebe," antwortete der Doktor gelassen, „das habe

ich häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte ich schon zum

Dienste des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den

Doktor Paulus weidlich schlagen muß."

Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle beraube,

wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um auch seinen

übrigen Kadaver zum Dienste des Herrn zu schmücken. Sein Eheweib aber

stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die

weiten Falten ihrer Kleider auseinander, daß vom Professor nichts mehr

sichtbar war.

„Sie verzeihen, Herr Kandidat," sprach sie, ihre Wut kaum

unterdrückend. „Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen

werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er muß jetzt in

die Kirche."

Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter unter den

Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe. „Ein schöner Anfang in der

Theologie!" dachte ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männer

zu besuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige

Vorlesungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte.

Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen

Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen von allen Farben und

Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, deren

sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen, und

kleine, zierliche Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten,

neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdenkragen. So saßen die

jungen geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine

Mappe, einen Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit

gleich _ad notam_ zu nehmen. „O Platon und Sokrates!" dachte ich,

„hätten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches

Wort tiefer, heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie

majestätisch müßten sich die Folianten von _Socratis opera_ in

mancher Bibliothek ausnehmen!"--

Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Gestalt drängte

sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der

Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefühl

schien er die Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges

und begann:

„Hochachtbare, Hochansehnliche!" (damit meinte er die, welche sechs

Taler Honorar zahlten).

„Wertgeschätzte!" (die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten).

„Meine Herren!" (das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut

gar nichts entrichteten). Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn

rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond

aus Regenwolken.

Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen

können; denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt _de angelis

malis_, worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte.

Wahrhaftig, er ließ mich nicht lange warten. „Der Teufel", sagte er,

„überredete die ersten Menschen zur Sünde und ist noch immer gegen das

ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt." Nach diesem Satz hoffte

ich nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören;

aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort T e u f e l stehen und

daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem Aufwand von

Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht

hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden lang hin und

her. Er behauptete, die einen erklären, es bedeute einen

Fliegenmeister, der die Mücken aus dem Lande treiben solle, andere

nehmen das Sephub nicht von den Mücken, sondern als A n k l a g e, wie

die Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephub als Grab, _Sepulcrum_.

Die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hört man nicht

alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei

Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen

Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß

gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den

Satan so gründlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir doch

Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem

unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick

aus, die Schnupftücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine

andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten--

alles deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.

Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen anderer

aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und

Würde seine eigene Meinung zu entwickeln.

Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen

passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in

diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er

lese nämlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der

Teufel oder Beelzebub wäre also hier der H e r r im D r e c k, der

U n r e i n l i c h e, _to pneuma akatharton_, der Stinker genannt,

wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein

gewisser unanständiger Geruch verbunden sei.

Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie

vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem

nämlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar

keinen Spaß verstand, an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste

Tintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich

noch besser an ihm rächen könnte; ich bezähmte meinen Zorn und schob

meine Rache auf.

Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu, stand

auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe. Die

tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein

dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.

„Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der

tiefsten Gelehrsamkeit!" murmelten die Schüler des großen Exegeten.

Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein

Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen

Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich waren sie, wenn auch

kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches,

vollständiges Heft zu bekommen.

Sobald sie aber die teuern Blätter in den Mappen hatten, waren sie die

Alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die

Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den großen Hunden pfeifend

ab, und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten

Bierhaus zuzogen, angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie

seien und _recta via_ von der kühnsten Konjektur des großen

Dogmatikers herkommen?

So schloß sich mein erster theologischer Unterricht; ich war, wenn

nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst,

an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.

Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Theologen

dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der Oberste unter

ihnen solche krassen Begriffe zu Markte brachte, was durfte ich von

den übrigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael= oder Dr--ck=Seele

hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie

auszuführen.

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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 14 / 51 题