Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.
Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und Leben
machte, vergaß ich auch das _dic cur hic_ nicht und legte mich
mit Ernst aufs T h e o r e t i s c h e. Ich hörte die Philosophen und
Theologen und hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und
Medizinern. Ich hatte, um zuerst über die Philosophen zu reden, von
einem der hellsten Lichter jener Universität, wenn in der Ferne von
ihm die Rede war, oft sagen hören, d e r K e r l h a t d e n T e u
f e l i m L e i b. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man
behaupten, solche überschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des
Stils, eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden
in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem
Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe schon viel
ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII., 31 und 32
in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen?--Nein, da
wollte ich mich doch bedankt haben!
Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte,
war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man
mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare
kam, daß er ebensowenig fliegen könne wie ein anderer Mensch auch. Er
aber machte sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine
himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis
angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen Äther hinan,
versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe, er
stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stieß, blickte
hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen
Grasboden noch viel hübscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho
Pansa, als er auf dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die
Erde so groß wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich--
nichts.
Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Männer von
Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit
sich keiner verlaufe in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte
ihre Sprache, daß weder Meister noch Gesellen einander mehr
verstanden.
Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über die
Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal zwei vier sei, und
die Herren Studiosi schrieben ganze Stöße von Heften, daß zweimal zwei
vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte
seinem Ziele mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren
Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte,
Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt
aussandten.
Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so
bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo
man über die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich
so viel Umstände machen müßte, um eine liederliche Seele in mein
Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele
auf eine große, schwarze Tafel und sagte: So ist sie, meine Herren!"
Damit war er aber nicht zufrieden; er behauptete, sie sitze oben in
der Zirbeldrüse.
Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine
Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem Sonntag nach der
Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete
mich ganz schwarz, daß ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und
trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen
zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieser
Männer machen, sie seien etwas nach dem alttestamentlichen Kostüm,
vernachlässigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins
Linkische.
Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten
Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker
ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze
Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf
und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm
auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige und daß ich
gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte
einige unverständliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen,
verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.
Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten,
voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm her,
indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter
vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hier und da noch etwas
Weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts
als die Worte: Pfeife rauchen?" Ich merkte, daß er mir höflich eine
Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen; denn er
rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.
Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit
zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich
gänzlich außer Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben ihm
her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die sein
Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die
verschiedenen Kleider= und Wäscherudera, die auf den Stühlen
umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert
hatte, wagte ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein
Aussehen war höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um
die Glatze, die gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der
Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene
Löcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine
Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fuß mit einem
Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten,
abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblößte Bein hing ein
gelblicher Socken. Ehe ich noch während des unbegreiflichen
Stillschweigens des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen
konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine große, dürre Frau, mit der
Röte des Zorns auf den schmalen Wangen, stürzte herein.
Nein, das ist doch zu arg, Blasius!" schrie sie, der Küster ist da
und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und
du steckst noch im Schlafrock!"
Weiß Gott, meine Liebe," antwortete der Doktor gelassen, das habe
ich häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte ich schon zum
Dienste des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den
Doktor Paulus weidlich schlagen muß."
Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle beraube,
wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um auch seinen
übrigen Kadaver zum Dienste des Herrn zu schmücken. Sein Eheweib aber
stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die
weiten Falten ihrer Kleider auseinander, daß vom Professor nichts mehr
sichtbar war.
Sie verzeihen, Herr Kandidat," sprach sie, ihre Wut kaum
unterdrückend. Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen
werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er muß jetzt in
die Kirche."
Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter unter den
Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe. Ein schöner Anfang in der
Theologie!" dachte ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männer
zu besuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige
Vorlesungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte.
Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen
Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen von allen Farben und
Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, deren
sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen, und
kleine, zierliche Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten,
neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdenkragen. So saßen die
jungen geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine
Mappe, einen Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit
gleich _ad notam_ zu nehmen. O Platon und Sokrates!" dachte ich,
hätten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches
Wort tiefer, heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie
majestätisch müßten sich die Folianten von _Socratis opera_ in
mancher Bibliothek ausnehmen!"--
Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Gestalt drängte
sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der
Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefühl
schien er die Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges
und begann:
Hochachtbare, Hochansehnliche!" (damit meinte er die, welche sechs
Taler Honorar zahlten).
Wertgeschätzte!" (die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten).
Meine Herren!" (das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut
gar nichts entrichteten). Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn
rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond
aus Regenwolken.
Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen
können; denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt _de angelis
malis_, worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte.
Wahrhaftig, er ließ mich nicht lange warten. Der Teufel", sagte er,
überredete die ersten Menschen zur Sünde und ist noch immer gegen das
ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt." Nach diesem Satz hoffte
ich nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören;
aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort T e u f e l stehen und
daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem Aufwand von
Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht
hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden lang hin und
her. Er behauptete, die einen erklären, es bedeute einen
Fliegenmeister, der die Mücken aus dem Lande treiben solle, andere
nehmen das Sephub nicht von den Mücken, sondern als A n k l a g e, wie
die Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephub als Grab, _Sepulcrum_.
Die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hört man nicht
alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei
Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen
Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß
gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den
Satan so gründlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir doch
Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem
unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick
aus, die Schnupftücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine
andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten--
alles deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.
Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen anderer
aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und
Würde seine eigene Meinung zu entwickeln.
Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen
passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in
diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er
lese nämlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der
Teufel oder Beelzebub wäre also hier der H e r r im D r e c k, der
U n r e i n l i c h e, _to pneuma akatharton_, der Stinker genannt,
wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein
gewisser unanständiger Geruch verbunden sei.
Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie
vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem
nämlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar
keinen Spaß verstand, an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste
Tintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich
noch besser an ihm rächen könnte; ich bezähmte meinen Zorn und schob
meine Rache auf.
Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu, stand
auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe. Die
tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein
dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.
Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der
tiefsten Gelehrsamkeit!" murmelten die Schüler des großen Exegeten.
Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein
Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen
Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich waren sie, wenn auch
kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches,
vollständiges Heft zu bekommen.
Sobald sie aber die teuern Blätter in den Mappen hatten, waren sie die
Alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die
Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den großen Hunden pfeifend
ab, und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten
Bierhaus zuzogen, angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie
seien und _recta via_ von der kühnsten Konjektur des großen
Dogmatikers herkommen?
So schloß sich mein erster theologischer Unterricht; ich war, wenn
nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst,
an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.
Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Theologen
dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der Oberste unter
ihnen solche krassen Begriffe zu Markte brachte, was durfte ich von
den übrigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael= oder Dr--ck=Seele
hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie
auszuführen.
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