SECHSTES KAPITEL.

Wie der Satan die Universität bezieht und welche Bekanntschaften er

dort macht.

Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe

es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man

glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen kühnen

philosophischen Wagehälsen, die auf die Gefahr hin, daß ich sie zu mir

nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lächerlichen Phantom

gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn

dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch

immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen und

Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.

Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit

hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem Gott, sogar an

keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar

meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß ich im Ansehen bleibe. Hand

in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube

an mich, und wie oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde

gehört: „_Anathema sit_, e r g l a u b t a n k e i n e n

T e u f e l."

Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher auf den

vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer

Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester

zu Semester systematisch traktiert.

Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt

zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich

einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, daß mir ein

guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas

Medizin fehle; zwar als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen

Kursus bei Meßmer genommen und nachher manche glückliche Kur gemacht.

Aber damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden

Redensarten, die in Deutschland kursieren: e i n d u m m e r T e u f

e l, e i n a r m e r T e u f e l, e i n u n w i s s e n d e r

T e u f e l, was offenbar auf meine vernachlässigte wissenschaftliche

Bildung hindeuten soll.

Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel

gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß ich mich, zu

studieren, und womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen, daß

ich ein ganz neues System erfände, wovon ich mir keinen geringen

Erfolg versprach. Ich wählte -----en und zog im Herbst des Jahres 1819

daselbst auf.

Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich meinem neuen

Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name war v o n B a r b e, meine

Verhältnisse glänzend, das heißt, ich brachte einen großen Wechsel

mit, hatte viel bar Geld, gute Garderobe und hütete mich wohl, als

Neuling oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte

schon allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.

Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter,

den nächsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brüder auf

Leben und Tod am Arme hatte. Man denkt vielleicht, ich übertreibe;

wäre ich Kavalier, so würde ich auf Ehre versichern und „Hol' mich der

Teufel" als Verstärkungspartikel dazu setzen (denn „Auf Ehre" und

„Hol' mich der Teufel" verhalten sich zu einander wie der Spiritus

lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole

als Satan geben.

Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber

folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht unvorbereitet kam;

wer die deutschen Universitäten nur entfernt kennt, weiß, daß ein an

Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz

verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von

Schmalz Werke über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über

Burschenschaften und Landsmannschaften &c., ward aber noch nicht recht

klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging. Der Zufall half

mir aus der Not. Ich nahm in F. eine Retourchaise; mein Gesellschafter

war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die Medizin

legte. Er hatte das _savoir vivre_ eines alten Burschen, und ich

befliß mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt

zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.

Es war ein großer, wohlgewachsener Mann von vier= bis fünfundzwanzig

Jahren, sein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Methode

zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute,

es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemühte er sich,

solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht

war schön, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge

hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es! Das

Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer Bart

wucherte von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen

hing ein vom Bier geröteter Henriquatre.

Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich; die

Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten, das

Auge blickte streng und stolz um sich her und maß jeden Gedanken mit

einer Hoheit, einer Würde, die eines Königssohnes würdig gewesen wäre.

Über die untern Partien des Gesichtes, namentlich über das Kinn,

konnte ich nicht recht klug werden; denn sie steckten tief in der

Krawatte. Diesem Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr

Sorgfalt gewidmet zu haben als dem übrigen Anzug; diese beiläufig

einen halben Schuh Höhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich,

ohne ein Fältchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das

Brustbein exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk,

auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben

Rock, den er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried

nannte und welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; dieser

Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne über das Knie und schloß sich

eng um den ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel

die Krawatte sehen ließ, daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut

versehen sein müsse.

Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Sammet schlossen

sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und

dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie.

Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form

eines umgekehrten Blumenscherbens gehängt, das er mit vieler Kunst

gegen den Wind zu balancieren wußte; es sah komisch aus, fast, wie

wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt bedecken

wollte.

Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um

nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn Bruder

gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher

sein Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es

ging, ab und hatte die Freude, daß er mich gleich nach der ersten

Stunde auffallend vor dem „Philister und dem Florbesen," auf deutsch,

einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere übrige

Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde

hatte ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich schon

einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach ------en

einfuhren, hatte er mir versprochen, eine „fixe Kneipe," das heißt

eine anständige Wohnung, auszumitteln, wie auch mich unter die Leute

zu bringen.

Der Herr Studiosus Würger, so hieß mein Gesellschafter, ließ an einem

Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele zu

folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die

ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mützen

bedeckt; es war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier

versammelt, um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang des

Semesters einzutreffen pflegten, nach gewohnter Weise zu empfangen.

Würger, der alte, „längst bemooste" Bursche, hatte sich schon

unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden uns für

„Füchse" halten würden, und wirklich traf seine Vermutung ein.

Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den Fenstern

herab; sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt: „Was kommt dort von

der Höh'?" Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch

der Chaise, und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein

furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor:

„Was schlagt ihr für einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß

zwei alte Häuser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?" (Auf

deutsch: Lärmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, daß

zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)

Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner. „Würger! Du

altes fides Haus!" schrien die Musensöhne und stürzten die Treppe

herab in seine Arme; die Raucher vergaßen, ihre langen Pfeifen

wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand.

Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den

Angekommenen.

Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich

bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ältesten und

angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit

herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man führte uns in wildem

Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste

Häupter an den Ehrenplatz, gab mir ein großes Paßglas voll Bier, und

ein Fuchs mußte dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten.

So war ich denn in -----en als Student eingeführt, und ich gestehe,

es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. Es herrschte ein

offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in Fesseln der

Konvenienz, die gewiß dem Teufel am lästigsten sind, umherzuschleppen,

man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt,

daß ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht

wundern, daß ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation

zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter (_termini

technici_), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben

habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft „Sau", was Glück, mit

„Pech", was Unglück bedeutet, wie auch „holzen", mit einem Stock

schlagen, mit „pauken", mit andern Waffen sich schlagen.

Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich nicht von

Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel

man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen,

von denen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand; ich merkte mir

aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die

Konversation gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene:

„Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit".

Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich t e u f e l s

m ä ß i g e Sprünge machen konnte, da ich mir überdies nach und nach

langes Haar wachsen ließ, solches fein scheitelte und kämmte, einen

zierlich ausgeschnittenen Kragen über den deutschen Rock herauslegte,

mich auch auf die Klinge nicht übel verstand, so war es kein Wunder,

daß ich bald in großes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte

diesen Einfluß so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten

zu leiten und zu erziehen und sie „für die Welt zu gewinnen".

Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner Kommilitonen ein

gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte

und nach meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte. Wenn

ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien,

Frankfurt usw. dachte, an die vergnügten Stunden, die ich in ihrem

Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren

schönen, hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand,

ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im

Tanzsaal, nur zu überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu

lebhaftem Witz, zu feinem Spott, der das Leben würzt und aufregt,

anwenden sah, wenn ich sie, statt schönen Mädchen nachzufliegen, in

die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren

anzuhören, so konnte ich ein widriges Gefühl in mir nicht

unterdrücken.

Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige lustige

Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergötzliche

Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten,

daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich kühnere Angriffe.

Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtüre,

musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog dann, wenn

die Schäflein innen waren und der Küster den Stall zumachte, mit den

Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die

Gäste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder der Professor N. in

der Kirche seine Zuhörer.

Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partei auf meiner

Seite. Die Frömmeren schrien von Anfang über den rohen Geist, der

einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir christliche Burschen seien;

aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan,

daß sie sich am Ende selbst schämten, in der Kirche gesehen zu werden,

und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtüre zu sein;

aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als

je, es wurde viel getrunken, ja es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im

Trinken zu halten, und, man wird es kaum glauben, es gab sogar

eigentliche Kunsttrinker!

Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben, aber die

Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre „Altvordern" auch durch

Trinken exzelliert haben; die Frömmsten ließen sich große Humpen

verfertigen und zwangen und mühten sich so lange, bis sie wie Götz von

Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den

Feineren, Gebildeteren war es natürlich von Anfang auch ein Greuel;

ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich in

seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein:

„Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart hinter dem

schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von

stärkendem Schlammbad sei, um die Überfeinerung abzuwenden, mit der

jener Flor bedrohe; ich glaube, daß einer, der erwägt, wie weit die

Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein

gewisses barbarisches Mittelalter--das sogenannte Burschenleben--

gönnen werde, das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht

über die Grenze geht."

Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für diese Stelle

meinen herzlichen Dank öffentlich sage, also sich ausspricht, was

konnten die Kleinmeister und Jünger dagegen? Sie setzten sich auch in

die schwarzgerauchte Kneipe, „verschlammten" sich recht tüchtig in dem

„barbarischen Mittelalter" und hatten kraft ihres inwohnenden Genies

meine älteren Zöglinge bald überholt.

* * * * *

Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 13 / 51 题