FÜNFTES KAPITEL.

Einleitende Bemerkungen.

Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons

der großen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der

Mittelstädte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von

Memoiren, urteilt nach Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja, es

könnte scheinen, es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf

der Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die Feder, um

den Menschen schriftlich darzutun, daß auch sie in einer merkwürdigen

Zeit gelebt, daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt haben,

die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von

Bedeutsamkeit verliehen.

Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer früheren Grandezza,

wo sie, wie in der Bilderfibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette

gingen, erhoben zu haben; nicht zufrieden damit, daß sie auf

Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um

sich gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren

für ihre Völker, erzählen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die

Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen

Maßstab, wonach sie die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es

sind die Memoiren.

Große Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das Beispiel jenes

Römers nachzuahmen, der in der Muße des Friedens die Taten der

Legionen unter seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern

glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person spräche,

haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es

Männern von solchem Gewichte ziemt, als ich, bauen aus ihren Memoiren

ein Odeon in verjüngtem Maßstabe und treten herzhaft vorne auf der

Bühne auf. Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren sie die

Kulissen; Staatsmänner und berühmte Damen, die große Armee und ihre

lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund

als Figuranten aus; sie selbst aber spielen ihre Sullas oder Brutus,

würdig des unsterblichen Talma.

_Mundus vult decipi_, d. i. die Leute lesen Memoiren; was hält mich

ab, denselben auch ein solches Gericht „Gerngesehen" vorzusetzen?

Man wendet vielleicht ein: „Der Schuster bleibe bei seinem Leisten,

der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben."

Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf hätte,

Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr

gesehen hätte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen

Krieger, welche die Welt mit ihrem l i t e r a r i s c h e n Ruhme

anfüllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwähnen aufgehört

haben; wenn nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fühlte, auch

für einen _homo literatus_ zu gelten?

Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem lieben

Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reißt es mich hin zu

schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit

Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt

sein?

Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen

meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann

vom Gewerbe &c. Aber fürs erste habe ich soeben die Damen, welche,

wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind,

anzuführen die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Söhne des

Lagers, die unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut,

keine Zeit hatten, _Humaniora_ zu studieren, und dennoch so

glänzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, daß das

Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist; denn ich

bin in _optima forma_ Doktor der Philosophie geworden, wie aus

meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiß

aufweisen.

Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren

auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor

den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, daß ich übel

wegkommen könnte, indem solche niemand schonen, ja sogar neuerdings

selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig hart

mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, daß das

Sprichwort _„clericus clericum non decimat" _ füglich auch auf

mein Verhältnis zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich

ja doch schon im Alten Testament S a t a n, _adversarius_, das

ist Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den

schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort

werde ich _diabolos_ oder Verleumder genannt; da nun _diaballein_

soviel als _acerbe recensere_, so müsse er, wenn er nur ein wenig Logik

habe, den Schluß von selbst ziehen können.

Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt vor meiner

Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, daß es mir auf diese Art

nicht fehlen könne.

Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren

vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede

finden, das den Werken tief denkender Geister so eigen zu sein pflegt.

Man wird kürzere und längere Bruchstücke aus meinem Walten und Treiben

auf der Erde finden und den inneren Zusammenhang vermissen.

Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein

Gemälde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen

soliden Buchhandlungen Deutschlands.

Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und

seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt und darüber

reflektiert, wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn

oder die Mitwelt nähere oder entferntere Beziehung haben, wenn er

berühmte Zeitgenossen und seine Verhältnisse zu ihnen dem Auge

vorführt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfüllt

zu haben; sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten,

die meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem geehrten Publikum

als Schriftsteller aufzutreten. [Fußnote: Was der Satan hier ernsthaft

und gelehrt spricht, er gebärdet sich beinahe wie ein junger Kandidat

der Theologie, der seine erste Predigt drucken läßt! Anm. des

Herausgebers.]

Über Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder glänzende

Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darüber zu sagen

sein könnte, habe ich in dem Abschnitt „Besuch bei Goethe"

ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin.

Fleißige Leser, d. s. solche, die Bogen für Bogen in einer

Viertelstunde überfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt nicht

überschlagen, da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen

eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierüber

nichts zu sagen als: sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich

langweilen.

* * * * *

Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurückkommt, hat

der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es

scheint ihm nämlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit;

man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er

über sich einige Bemerkungen macht; es wäre genug gewesen, wenn er nur

angedeutet hätte, daß dies oder jenes darin zu finden sei; aber dem

Leser zu empfehlen, er möchte doch den Abschnitt, in welchem jene

enthalten sind, nicht überschlagen, ist sehr anmaßend.

Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie

z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein,

was nun freilich beim Teufel nicht wohl möglich ist, doch wenigstens

mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste

ist. Ich habe das Manuskript flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe

jeder Bogen hinlänglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und

fand, daß er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen Zeit

angehören, und nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von

zehn, zwanzig Jahren auftreten läßt; man sieht wohl, daß er keine gute

Schule gehabt haben muß.

Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leser trotz dem Teufel

wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel

vorausgesetzt. D e r H e r a u s g e b e r.

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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 12 / 51 题