_Die Mahlerchronik._ »Herzensergießungen eines kunstliebenden
Klosterbruders« nannte Wackenroder sein Werk und machte uns mit der
Person des vorgeschützten Verfassers und seinem Verhältnis zur Kunst
bekannt. Gleichwohl werden wir in der Reihe unserer Skizzen, die teils
Künstlerporträts entwerfen oder wunderbare Anekdoten vorführen, teils in
freier Form einer übermächtigen Begeisterung für die Kunst Ausdruck
geben, kaum mehr daran erinnert, daß wir es hier überhaupt mit
Aufzeichnungen einer fingierten Person oder gerade eines Klosterbruders
zu tun haben. Der Erzähler hat freilich die Novelle, die dem ersten
Kapitel Stoff lieferte und so treffend seine Anschauungen von
Inspiration bestätigte, aus den verstaubten Schätzen eines
Klosterarchivs hervorgezogen, sonst aber, im weiteren Verlaufe der
»Herzensergießungen« fehlt jede Bezugnahme auf den Titel, und nur der
herzliche, warme Ton, der durch diese Bekenntnisse geht, läßt den Titel
nicht in Vergessenheit geraten. Erst im zwölften Kapitel, das eigentlich
in den Anfang gehört hätte, erfahren wir, welche inneren Erlebnisse den
Mann, der zu uns spricht, zu seinen Aufzeichnungen führten.
[S:48] Ein Aufenthalt auf einem gräflichen Schlosse war für das
Verhältnis des Neulings zur Kunst und ihrer Geschichte entscheidend
geworden. In echt romantischer Weise schwebt über diesem Orte ein
geheimnisvolles Dunkel. Wir erfahren nicht, wo das Schloß lag, wer
seine Besitzer waren oder was den jungen Mann dorthin geführt hatte;
nur soviel erfahren wir, daß dort eine ungeheuere Menge der
erlesensten Kunstwerke der Malerei zu finden war.
In kurzen drei Tagen hatte der Jüngling, von dem glühendsten Eifer
beseelt, eine solche Fülle von Schönheit auf sich wirken lassen, daß
ihn der übergroße Reichtum an Eindrücken fast seiner Vernunft
beraubt hatte. Ohne Führung und Rat wäre er nicht unterrichteter in
Kunstdingen als früher aus jenen Räumen geschieden, als er plötzlich
Gelegenheit finden sollte, an der Seite eines Kundigen mit mehr
Nachdruck, aber auch mehr Maß als früher sich neuerdings in die
großen Meisterwerke des Hauses zu vertiefen. Und nun wird uns dieser
Lehrmeister in derselben geheimnisvollen Art charakterisiert, wie
früher die Örtlichkeit. Es ist ein reisender Pater, der nur
begrenzte Zeit auf dem Schlosse weilt; wir wissen nicht, woher er
gekommen ist, noch wohin er sich später wenden wird. Er erscheint,
stiftet Wohltätiges und verschwindet, ganz wie ein guter Geist im
Märchen.
Sein dankbarer Schüler hört nie wieder etwas von ihm, sein Schicksal
bleibt ihm stets so verborgen wie sein Name. Durch den Einfluß
dieses Mannes eröffnet sich dem jungen Reisenden bald ein neues
Interessengebiet. Jetzt erst kommt es ihm so recht zum Bewußtsein,
daß hier keine Werke des Himmels, sondern Erzeugnisse aus
Menschenhänden auf den Betrachter niederblicken. Solange die
Schöpfer dieser Gemälde lebten, war aber in ihnen der hohe Geist
lebendig, den, wie der Pater mit echt Wackenroderscher Frömmigkeit
lehrt, der himmlische Funke in ihnen entzündet hatte. Sie selbst
sind nun lange dahin, uns aber umfängt in ewiger Jugend die
Herrlichkeit, die ihre schwachen Menschenhände durch göttlichen
Beistand hervorzuzaubern vermochte. Wer aber das erwägt, gerät in
eine aus Wehmut und süßer Träumerei gemischte Stimmung, die am
besten dazu geeignet ist, im Menschen die Anregung zu »allerhand
guten Ideen zu bieten«. Damit verbindet sich aber auch das
Bedürfnis, Leben und Charakter der Personen näher zu erforschen,
denen die Allmacht diese ausgezeichneten Gaben verliehen hat. Und so
gelangen wir zum Studium der Künstlergeschichte, aus der von dem
klugen Lehrer zunächst die Lebensläufe jener Künstler ausgewählt
werden, deren Gemälde sein Zuhörer in den Sälen des Schlosses
bewundern durfte.
Wir werden an Wackenroder selbst erinnert, wenn der Pater bei dem
Jüngling besondere Vorliebe für den göttlichen Raffael entdeckt haben
will. Darum weiß er mit keinem besseren den Anfang zu machen. Die Quelle
seiner Erzählungen haben wir wieder bei _Vasari_ zu suchen. Der Chronist
versorgt diesmal reichlicher mit biographischem Material, als da uns
Raffaels Erscheinung geschildert wurde. Aber aus der Biographie finden
bei Wackenroder nur jene Momente Eingang, die den tragischen Gegensatz
von Zeitlichkeit [S:49] des Künstlerlebens und der Ewigkeit der
Schöpfungen ins rechte Licht setzen. So weiß der Pater beweglich das
Werden und Wachsen des allzufrüh Dahingeschiedenen zu skizzieren und
unsere Teilnahme für manchen rührenden Zug im besonderen zu wecken. Mit
Benutzung von Vasaris Angaben wird uns die erste Jugend des Künstlers
angedeutet. Es wird der zarten Fürsorge gedacht, die dem kleinen
Liebling im reichsten Maße von den Eltern zuteil wurde. Nach dem
ausdrücklichen Wunsche des Vaters wurde Raffael von der Mutter selbst
gesäugt; der zarte, doch geistig hochentwickelte Knabe wurde schon in
jugendlichen Jahren ein wertvoller Mitarbeiter für den Vater, der sich,
was Wackenroder zu erwähnen vergaß, selbst der Malerei gewidmet hatte.
Über die späteren Schicksale Raffaels, die Vasari berichtet, geht
Wackenroders Erzählung hinweg.
Was die Jugend und Studienzeit betrifft, so sehen wir nur noch den
jungen Raffael zu den Füßen des Pietro Perugino sitzen, dem ihn der
eifrig für die Ausbildung des Sohnes tätige Vater als Schüler
zuführte, und wie bei Vasari wird das Trennungsweh der Mutter
beweglich geschildert. Die Geschichte bestätigt von diesen
Erzählungen nur recht wenig. Passavant (Rafael et son père Giovanni
Santi I, 27) nahm die Angabe, Raffael sei von der eigenen Mutter
gesäugt worden, unmittelbar aus Vasari mit Hinweis auf seine
Quelle, ohne genaueres darüber zu sagen. Daß die Mutter ihren Sohn
mit Tränen von sich lassen mußte, ist ebenso unwahr als die
Mitteilung, Raffaels Vater habe den Knaben noch selbst zu Pietro
Perugino gebracht; denn die Mutter starb bereits 1491, der Vater,
der sich 1492 zum zweitenmal vermählt hatte, bereits 1494, konnte
also, da Raffael bei seinem Tode erst elf Jahre zählte, nur in den
Grundlagen der Kunst sein Berater gewesen sein; ein Aufenthalt
Raffaels bei Perugino kann aber (Knackfuß, Raffael, S. 2) vor 1500
nicht begonnen haben, da der angesehene Meister vor diesem
Zeitpunkte fast ständig außerhalb Perugias beschäftigt war.
Bei Wackenroder wird nun dem Jüngling, der das erste Aufkeimen jener
wunderbaren Blüte beobachten durfte, gleich der Tag gezeigt, an dem sie
verwelkte; er durfte sich nicht ihres allmählichen Wachstumes freuen, an
der Hand eines methodischen Biographen folgerecht fortschreiten. Der
Pater fragt den aufmerksamen Zuhörer: »Sage mir, wie wird dir zumute,
wenn du das anhörst? Ist dir nicht lieblich und wohl dabei, diese Dinge
zu vernehmen?« Aber wie ihm der Reiz, einen großen Mann gleichsam in der
Kinderstube zu belauschen, durch diese Frage noch eindringlicher gemacht
ist, wird ihm mit fast grausamer Schnelligkeit der Tod des verehrten
Meisters mitgeteilt. Er muß es erfahren, daß der Künstler, dem [S:50]
sein junges Herz vor allen anderen entgegenflog, den geernteten Ruhm nur
kurz genießen konnte, in bester Manneskraft der Erde entrissen wurde.
Doch ist eine genauere Beschreibung von Raffaels Tod vermieden,
ebensowenig einer Krankheitsursache gedacht, die schon früh unter den
Chronisten einen Zankapfel gebildet hatte. Vasari und Fornari
verzeichneten Raffaels Ausschweifungen als Ursache, Pungileoni,
Longhena, endlich im neunzehnten Jahrhundert Passavant ließen Raffael an
Malaria zugrunde gehen. Eine solche heikle Frage würde, hätte
Wackenroder sie aufgeworfen, nur die hellen Farben des von ihm
entworfenen Charakterbildes verdunkelt haben. Der rührend-schöne Anblick
des toten Meisters, der da im Sarge schlummert, während sich daneben die
Staffelei mit dem jüngst vollendeten Gemälde von der »Transfiguration«
erhebt, reizte den Pater zum stimmungsvollen Verweilen in dieser
Situation, die man Vasari einfach entnehmen konnte. Auf den Gegensatz
von Vergänglichkeit und Ewigkeit, der sich hier offenbart, wird außer
der reinen Mitteilung noch nachdrücklich verwiesen. Eine eingehende
Beschreibung des Gemäldes, wie sie Vasari (a. a. O. S. 273 ff.)
geliefert hat, konnte Wackenroder entbehren, aber trotzdem prägte er für
die Hauptgruppen der Figuren knappe, treffende Bezeichnungen.
Dem Elend der Erde (im Gemälde durch die Figur des Besessenen
repräsentiert), stellt er den Trost edler Männer (die Apostel) und
die Glorie des Himmelslichtes (Christus in hellem Glanz zwischen
Moses und Elias über den in künstliches Helldunkel getauchten
Gestalten schwebend). Sodann geht der Pater gleich zu Raffaels
Charakter über. Der Jüngling, der voll Spannung nach weiteren
Nachrichten über Raffael forscht, soll nun das Schönste erfahren,
das ihm sein Mentor von dem Künstler zu sagen weiß. Da hebt er denn
vor allem die rührende Bescheidenheit des großen Meisters hervor,
die so sehr mit der Anmaßung und Originalitätssucht der
Zeitgenossen im Widerspruch gestanden sei; er vergleicht, wieder
zum Bilde greifend, Raffaels Erdentage mit einem sanft und heiter
dahinfließenden Bache. Vasari hat merkwürdigerweise die
Bescheidenheit des Meisters nie so recht betont, so genau auch
Wackenroders Charakteristik sonst seinen Angaben folgt. Aber der
ganz einzigen Gefälligkeit und Dienstbereitschaft, die Raffael
anderen gegenüber stets an den Tag legte, vergaß Vasari keineswegs.
Ja, er nahm nach Vasaris Bericht, den Wackenroder verwertete,
keinen Anstoß, eigene Arbeiten um fremder willen im Stiche zu
lassen. Bei Vasari merkt man freilich ein wenig Bedenklichkeit
gegen diese Angaben; er fügt ein einschränkendes »man sagt« hinzu,
wo Wackenroder frei und sicher wie von ganz authentisch bezeugten
Tatsachen redet.
[S:51] Wichtig ist für uns, daß Wackenroder von Raffaels väterlicher
Freundlichkeit seinen Schülern gegenüber ebenfalls bei Vasari lesen
konnte. Denn nicht nur an dieser Stelle scheint er daran angeknüpft zu
haben. Die Erzählung »der Schüler und Raffael«, für die sich eine Quelle
aus Vasaris Biographien der Zeitgenossen des großen Urbiners nirgends
nachweisen läßt, hat vielleicht von diesen allgemeinen Bemerkungen
Anregung erhalten.
Dort sehen wir einen jungen Malschüler, der mit Eifer und Fleiß die
Kunst studiert, viele berühmte Meister bereits zu kopieren versucht
hat, bei keinem aber auf größere Schwierigkeiten gestoßen ist, als
bei Raffael. Er fühlt dunkel einen geheimnisvollen Grund dieser
Schwierigkeiten und kann mit sich doch nie darüber ins Reine
kommen, worin der ungeheuere Abstand seiner Nachahmungen von
Raffaels Gemälden seine Erklärung finde. So faßt er denn endlich
Mut, Raffael in einem Briefe um Anleitung zu bitten, wie er ihm
ähnlich werden könne. Diese Anfrage tut der Schüler, wie er
ausdrücklich hervorhebt, im festen Vertrauen auf Raffaels oft
bewiesene Liebenswürdigkeit und Güte, und Raffaels Antwort fällt
auch ganz so aus, wie man es von ihm nach den Schilderungen Vasaris
und Wackenroders in der »Mahlerchronik« erwarten mußte. Weit
entfernt davon, die naive Erkundigung des jungen Menschen lachend
oder ärgerlich beiseite zu schieben, würdigt ihn Raffael eines
wohlmeinenden Briefes von seiner Hand. Mit der ganzen wunderbaren
Unwissenheit manches Genies über die spezifische Beschaffenheit
seiner eigenen Größe kann er ihm freilich in der Hauptsache keinen
Bescheid geben; er hat stets wie im Traum geschaffen, Ziele und
Mittel wurden niemals erwogen. Aber trotzdem will Raffael den
wacker Strebenden nicht ohne Trost lassen, und vergißt darum nicht,
seinen Fleiß und Kunsteifer zu loben und ihn zu weiterem Studium
anzuspornen; dabei zeigt sich wieder die Bescheidenheit Raffaels,
die in der »Mahlerchronik« gerühmt wurde. Denn wenn auch dem
Schüler der Glaube genommen werden soll, als ließe sich tief aus
natürlichen Anlagen hervorgegangene Kunst durch sauren Schweiß
erzwingen, so verbirgt doch Raffael gar nicht, selbst durch
Nachahmung anderer Meister viel gelernt zu haben, und macht mit
Nachdruck auf den hohen Bildungswert solcher Beschäftigung
aufmerksam. So hat schon diesem Kapitel der »Herzensergießungen«
Vasari vorgearbeitet, und was die »Mahlerchronik« nur in großen
Zügen darzustellen unternahm, ist hier mit greifbarer Deutlichkeit
in Form eines Beispieles vorgeführt worden. Auch darum ist die
kleine Anekdote von Interesse, weil sie sehr hübsche
Berührungspunkte mit Goethes »Künstlers Apotheose« aufweist. Vgl.
Minors ausgezeichnete Darlegung (Goethe-Jahrbuch X, 226).
Wie ein Triumphator, berichtet Vasari, schritt Raffael inmitten
seiner Schüler zu Hofe. Schon früher (a. a. O. S. 250) war bemerkt
worden, daß sein imponierendes Wesen keinerlei Zank und Hader unter
der Jugend habe aufkommen lassen. Von einem sehr richtigen Gefühl
geleitet stellt Wackenroder die Bemerkung dorthin, wo er den Meister
unter der großen Schülerzahl [S:52] zeigt. Bei der bedeutenden
Menge der Jünger wird ihre stete Eintracht besonders auffällig.
Zudem ist wieder Vasaris bloß chronistischer Bericht in eine
anmutige poetische Form gegossen. Denn wenn Wackenroder (a. a. O.)
las, daß die Erscheinung Raffaels unter der Schülerschaft »jede üble
Laune schwinden machte« und niedrige Gedanken aus der Seele
»verscheuchte«, erscheint vor seiner nimmermüden Fantasie sofort ein
bezeichnendes Bild: der Geist des großen Mannes schwebt wie eine
Sonne des Friedens über den Schülern, und alle Flecken der Seele
werden durch ihren Einfluß getilgt. Hohes Können und lautere Tugend
verband sich hier zu einer wunderbaren Mischung. Und hatte Vasari
die Künstler ermahnt, an diesem Vorbilde zu lernen, was es hieße,
Kunst und Sitte zu vereinen, so faßt Wackenroder, die Mahnung
verschmähend, seine Mitteilungen mit scharfer Prägnanz in die Worte
zusammen: »So wurden sie von seinem Geiste wie von seinem Pinsel
besiegt.«
Es ist begreiflich, daß Wackenroder nicht darauf verzichtete, eine
seltsame Anekdote nachzuerzählen, die deutlich das Walten der Vorsehung
über den Werken des Genies dartut. Die Erzählung wurde von ihm selbst
als Wundergeschichte bezeichnet, doch versuchte er keineswegs durch
vorsichtige Zusätze wie Vasaris bei solchen Gelegenheiten stets
gebrauchtes »man sagt« oder »man erzählt sich« die Glaubwürdigkeit des
Berichteten in Frage zu stellen. Das Ereignis, um das es sich hier
handelt, kann sich mit allen den Seltsamkeiten, die wir in den
»Herzensergießungen« kennen lernen, an Abenteuerlichkeit messen.
Raffaels »Kreuztragung Christi« sollte nach Palermo gebracht
werden; aber während der Überfahrt wurde das Schiff mit seinem
gesamten Inhalte an Menschen und Waren durch einen heftigen Sturm
in den Fluten begraben, nur das Gemälde Raffaels gelangte
schwimmend bis nach Genua, wo es ans Land gezogen und später an
seinen Bestimmungsort gebracht wurde. Dort soll es, wie Vasari
sagt, höheren Ruhm genossen haben als der feuerspeiende Berg. Eine
genauere Beschreibung des Gemäldes fehlt auch hier; die Vasaris
ist, wie uns der Übersetzer dartut, keineswegs einwandfrei. Wir
vernehmen überdies, daß Vasari fast alle seine Bilder aus dem
Gedächtnisse beschrieb. Wackenroder beschränkt sich darauf, ganz
allgemein von einem »kreuztragenden Christus mit vielen Figuren« zu
sprechen.
Bei keinem Künstlercharakter, den der geheimnisvolle Mann seinem
Begleiter vorstellte, verweilte er mit so viel Liebe als bei dem
Raffaels. Hier ließ uns Wackenroder den ganzen Schatz von schwärmerischer
Verehrung ahnen, in der sein Herz für den »Göttlichen« schlug. Dagegen
nimmt sich nur klein aus, was noch zum Lobe anderer Künstler gesagt
wird. Meist wird uns nur eine Seite ihres Wesens enthüllt, meist in Form
einer charakteristischen Anekdote, [S:53] während wir von Raffaels
Gemütsart die wesentlichen Hauptzüge freilich ohne Entstellung durch die
schlechten Eigenschaften, kennen lernen durften. Im folgenden gewahren
wir aber an Wackenroder eine Vielseitigkeit, die ihn auch zu
methodischem Studium der Kunstgeschichte hätte befähigen können. Denn
von denen, die wir später kennen lernen, ist gar mancher himmelweit von
Raffael verschieden; vielen ist der Urbiner der gerade Widerpart. Aber
Wackenroder spürte trotzdem unermüdlich nach der »wundervollen
Erscheinung«, dem Künstlercharakter, und suchte sich bei Vasari, den der
Pater als den ältesten und vornehmsten Kunstchroniker hinstellt, stets
neue Stoffe.
Unmittelbar auf Raffael läßt Wackenroder allerdings zwei Maler folgen,
deren Lebensbeschreibung Vasari nicht geliefert hatte. Domenichino,
nicht nur ein glänzendes Beispiel für eisernen Fleiß, der ihn gar
oft von früh bis abends an der Staffelei festhielt, auch für
bewunderungswürdige Einfühlung in die Gegenstände der Kunst, mußte er
aus einer anderen Chronik kennen gelernt haben, und auch des älteren
Caracci Meisterschaft, der statt in des Bruders breite Redseligkeit über
die Laokoongruppe einzustimmen, mit ein paar Strichen eine erstaunliche
Nachzeichnung des Werkes auf die Leinwand bannte, hat Vasari noch nicht
verkündet. Dieser Künstler bildet nun den Übergang zu der Reihe derer,
die als Beispiele für unstillbare, seit früher Jugend stets rege Liebe
zur Kunst aufgeführt werden sollen. Mit einer einzigen Ausnahme ist hier
durchaus Vasari Gewährsmann. An der Spitze der Meister, die wir nun
kennen lernen sollen, steht der große Giotto di Bondone, der es vom
Hirtenknaben bis zum Begründer einer gewaltigen, durch ein Säkulum
mächtig wirksamen Schule brachte, nachdem einmal Cimabue an Figuren, die
des Knaben spielende Hand in den Sand zeichnete, die große Begabung
erkannt und den jungen Burschen zum Schüler begehrt hatte. Von Vasaris
Bericht (I, 133 ff.) verschwieg Wackenroder hier nur, daß Giotto die
Schafe des eigenen Vaters hütete, also nicht gezwungen war, sich um
fremden Lohn abzumühen. Auch andere Berichte ganz ähnlichen Inhalts über
Domenico Beccafumi, den Lorenzo mit sich nach Siena nahm, oder Contucci
(Andrea dal Monte Sansonino), der an dem reichen Florentiner Simone
Vespucci einen Gönner fand und dem Antonio Pollajulo in die Lehre
gegeben wurde, stimmen ganz mit den entsprechenden Stellen bei [S:54]
Vasari (IV, 1, III, 312, III, 2 69), nur fehlen bei Wackenroder die
Namen der Protektoren. Nur andeutungsweise wird uns ferner von Polidoro
da Caravaggios merkwürdigem Lebensgang erzählt. Mit Maurerarbeit am
Vatikangebäude beschäftigt, war es ihm vergönnt, die Schüler Raffaels
bei der Arbeit zu belauschen; ihr Feuereifer verpflanzte sich auch in
seine Seele, und bald entschloß er sich, die Künstlerlaufbahn
einzuschlagen. Vasaris längere biographische Arbeit über diesen Meister
gedenkt dieser hochinteressanten inneren Wandlung (III, 2 69).
In keinem Maler von allen, deren hier gedacht wurde, sprach sich
freilich der heiße Drang zum Künstlerberuf stärker und unwiderstehlicher
aus als in Jakob _Callot_. Leider ist uns nicht Gelegenheit geboten,
Wackenroders höchst anziehende Schilderung seines Wesens an einem
vielleicht recht dürftigen und farblosen Quellenbericht zu messen. Das
plötzliche Auftauchen des Niederländers unter der Künstlerschaft
Italiens mag vielleicht etwas befremden, aber nebst dem abenteuerlichen
Schicksal, das zu einer Erzählung gerade in diesem Kapitel aufzufordern
scheint, dürfte wohl auch der mystische Zug in diesem Leben (Callot
starb, wie er es sich gewünscht hatte, gerade mit dreiundvierzig Jahren)
besonders stark auf Wackenroder eingewirkt haben.
Eine Reihe bedeutsamer Gestalten läßt des Paters Erzählungskunst an
seinem Zögling vorüberziehen. Stets sind die Einzelheiten von ihrer
besonderen Seite interessant; zu allen finden sich leicht und
ungezwungen die Übergänge. Von den Meistern, deren Gemälde im Saale
hängen, und die ihrer Individualität nach wie Domenichino oder Caracci
mit wenigen, treffenden Zügen charakterisiert werden, kommt man zu den
Giotto, Caravaggio und anderen durch einfache, natürliche Überleitung,
nicht an der Hand doktrinärer Erörterung. Dem wißbegierigen Jüngling
drängt sich von selbst die Frage nach jenen auf die Zunge, die schon von
frühester Kindheit an ihr Ideal in der künstlerischen Produktion gesehen
hätten. Spricht also hier auch vorwiegend _eine_ Person, so wird doch der
Ton des Wechselgespräches nie ganz aufgegeben. So sehr wechseln die
Kunstmittel, daß die nächste Wendung des Dialoges wieder durch den Pater
herbeigeführt wird. In seinem Geiste, der sinnend unter so vielen
Lebensschicksalen umherschweift, reihen sich die Glieder der Rede leicht
aneinander. Wir hörten von Männern, welche die Kunst früh an sich
lockte; nun wird uns folgerecht gezeigt, wie sie den [S:55]
festzuhalten weiß, der sich ihr ergeben hat, ihm selbst aber in
entscheidenden Lebenslagen reichen Nutzen stiftet. So gelangt die
Erzählung von den abenteuerlichen Wanderungen Callots zu dem abtrünnigen
und reuig wiederkehrenden Kunstjünger Mariotto Albertinelli, sodann zu
der wunderbaren Lebensrettung des Parmeggiano.
Mariotto Albertinelli vermochte infolge seiner unruhigen Gemütsart
auf der einmal betretenen künstlerischen Laufbahn nicht
auszuharren. Eines Tages legte er den Pinsel nieder und ergriff den
bürgerlichen Beruf eines Wirtes. Aber es war eine Selbsttäuschung
von ihm, als er alle und jede Kunstliebe in sich erstorben glaubte.
Die halb verlöschte Begeisterung flammte neuerdings empor und
führte ihn der ehemaligen Beschäftigung wieder zu. Albertinellis
Abfall von der Kunst wurde von Vasari (III, 1 135) in erster Linie
auf seinen Hang zur Sinnlichkeit und Leichtlebigkeit zurückgeführt,
die reine Geistestätigkeit mit all ihren mannigfaltigen Mühen und
Beschwerden sei daher seine Sache nicht gewesen. In zweiter Reihe
hätten dann die fortwährenden Anfeindungen seiner Berufsgenossen
gestanden. Ganz so verhält es sich auch in Wackenroders
Darstellung, wieder hält Unruhe, lebhafte Sinnlichkeit vom ernsten
Studium der Kunst ab, aber es ist bemerkenswert, daß hier ganz
bestimmt von den mechanisch-technischen Angelegenheiten der Malerei
die Rede ist, während Vasari diese besondere Seite nicht
hervorkehrt, wiewohl auch bei ihm der Gastwirt Albertinelli
hauptsächlich froh ist, nunmehr der Sorge um Muskeln, Verkürzungen,
Perspektive, also rein technischer Dinge, überhoben zu sein. Bald
eines Studiums überdrüssig, das ein Lionardo oder Michelangelo ein
langes Leben hindurch mit nie erkaltendem Eifer trieben, wollte
Albertinelli, wie Vasari sagt, einer Kunst dienen, die Fleisch und
Blut der Menschen vermehren könne, nicht bloß nachzubilden suche.
Wackenroder, der mehr nach Lebendigkeit strebend, Mariotto selbst in
direkter Rede sprechen läßt, bedient sich ganz derselben Gegenüberstellung
und macht endlich, ganz wie Vasari, als Hauptgrund geltend, daß Mariotto
sich nunmehr aller Anfeindungen überhoben gefühlt habe. Die Motivierung
der neuerlichen Umkehr zur Kunst ist auch Vasari entlehnt, aber der
Gedanke in schönerer, weihevollerer Weise ausgesprochen: hier steht auf
einmal die ganze Erhabenheit des früheren Berufes vor den Augen des
Abtrünnigen, dort ist es einfach die Niedrigkeit des eigenen Gewerbes,
die allmählich drückend wird. Für die Beurteilung von Wackenroders Stil
ist es auch von Wichtigkeit, daß die neue Wendung, wie schon öfters,
durch einen eingeschobenen, spannungerweckenden Satz erst vorbereitet
wird: »Aber was geschah?« fragt Wackenroder den Leser, der soeben den
früheren Maler voll Entzücken über den neuen Beruf gesehen hat, und
führt ihm nun die neue Folge der Ereignisse vor.
[S:56] Wie ein Werk Raffaels durch Wogen und Stürme ans Land kam, so
behütete auch den berühmten Francesco Mazzuoli aus Parma, genannt
Parmeggiano, seine Kunst vor dem Tod von Feindeshand, dem so viele
seiner Mitbürger beim Einzüge Karls des Fünften (1527) zum Opfer
fielen. Die rohen Söldner wagten nicht, den Meister zu berühren, so
gefesselt waren sie von dem mächtigen Eindrucke der Vision des
»heiligen Hieronymus«, an der Parmeggiano, des Kriegslärms nicht
achtend, ruhig fortmalte.
Wackenroder hat hier auf eine von Vasari mit kluger Berechnung
eingeführte Wirkung verzichtet. Er spricht nur von den Plünderungen
überhaupt, ohne, wie Vasari dies tut, nachdrücklich zu betonen, daß
andere Künstler in der Stadt unbarmherzig niedergemetzelt wurden. Daß
der einzige Parmeggiano hier eine Ausnahme bildete, ist um so
wunderbarer, wo die Pietätlosigkeit gegen Kunst und Künstler besondere
Erwähnung findet. Die Umwandlung in den Gemütern der Soldaten tritt auch
bei Wackenroder unter dem unmittelbaren Eindrucke des Kunstwerkes
zutage, doch weicht er darin etwas von Vasari ab, daß er die nicht
geringe Geistesbildung der Soldaten, die nach Vasari manches zu ihrer
Besänftigung beitragen mochte, ganz außer acht läßt, und so durch bloße
Erwähnung der Tatsache, daß selbst so ganz verwilderten Gemütern die
Bewunderung vor dem hohen Fluge von Parmeggianos Talent die Mordwaffe
entrang, wieder bedeutsameren Effekt erzielt. Die wunderbare Hoheit der
Erzählung nicht zu beeinträchtigen, übergeht er stillschweigend die weit
prosaischere Fortsetzung der Erzählung, die der Historiker nicht
verschweigen durfte. Der Kunsteifer eines Söldnerführers war gar zu
groß: Parmeggiano mußte sich, wie Vasari berichtet, dazu verstehen, für
ihn eine ganze Menge von Aquarellen und Federzeichnungen auszuführen,
und bei anderen, härter veranlagten Soldaten, als jene es gewesen waren,
half ihm nur klingende Münze vor dem sicheren Untergang.
Die einzelnen Entwicklungsfasen der vorhin geschilderten, dramatisch
bewegten Szene begleitet bei Wackenroder eine vorzügliche stilistische
Wiedergabe. Solange die Plünderung anderer Häuser, die ruhige Arbeit des
Künstlers an der Staffelei geschildert wird, herrscht durchweg der
gleichmäßige Fluß des Imperfekts; erst als die Soldaten ins
Arbeitsgemach dringen, springt die Darstellung mit einem Schlage in die
Präsensform über. Der Höhepunkt der Erzählung tritt in dem Augenblicke
ein, als die Soldaten lärmend und tobend ins Zimmer gestürmt kommen,
Parmeggiano aber ruhig bei [S:57] der Arbeit bleibt. Das eingeschobene
»Siehe!« ist abermals ein recht glückliches Spannungsmittel. Die
glückliche Lösung wird in treffender Weise wieder im Imperfekt erzählt.
Die Überleitung zur letzten Gruppe bringt einen scharfen Stich gegen die
Aufklärung. Hier führt eine Frage des Novizen die Gesprächswendung
herbei: Ob denn immer die rechte Gottesfurcht den Meistern den Pinsel
geführt habe? Ob das kein Märchen sei, wie mehrere Leute behaupteten?
Diese »Leute« waren ja schon in jenem Kapitel, das von Francesco
Francias Tode handelte, zurechtgewiesen worden, da sie in ihrer
nüchternen Denkungsart den Meister an Gift umkommen ließen, und die
rechte Gottesfurcht forderte Wackenroder ja immer wieder von dem
Beschauer, der demütig anerkennen müsse, daß die Kunst über dem Menschen
sei und einer durchaus geheimnisvollen Quelle entfließe. So stellte
Wackenroder auch die Meister der Frühzeit, die tiefe religiöse Gesinnung
verrieten und ihre Begabung in erster Linie religiösen Stoffen dienstbar
machten, weit über die späteren, deren vordringlicher Farbenglanz ihn
abstößt. »Sie machten die Mahlerkunst zur treuen Dienerin der Religion,
und wußten nichts von dem eitlen Farbenprunk der heutigen Künstler«,
also ein Anathem auf die spätere Produktion, im Sinne Friedrich
Schlegels, der, höchst einseitig und herb urteilend, die »Malerei aus
Helldunkel, Schmutz und Schlagschatten« in Bausch und Bogen ablehnte. Da
hat sich doch auch Wackenroder, so allseitig und objektiv wir ihn sonst
fanden, von einer gewissen Prinzipienreiterei nicht freimachen können.
Es wird uns nun zunächst ein Maler vorgeführt, den Vasari ziemlich
stiefmütterlich behandelte. Wir suchen vergeblich nach einem
besonderen biographischen Abschnitte, der Lippo Dalmasi gewidmet
wäre, und entdecken ihn endlich im Anhange der Lebensbeschreibung
seines Namensbruders Lippo aus Florenz, wo ein paar armselige
Zeilen auf ihn gekommen sind. Lippo Dalmasi malte um 1407 eine
Madonna, die sehr im Ansehen stand; doch weiß Vasari nichts davon
mitzuteilen, daß sich eine Kopie dieses Bildes in den
Privatgemächern des Papstes Gregor des Dreizehnten befunden habe.
Wackenroder muß dies einer anderen Quelle entnommen haben; er hält
sich nun bei diesem Künstler nicht weiter auf und geht rasch zu
einer der sympatischsten Erscheinungen der damaligen Zeit, dem
liebenswürdigen Dominikaner Fra Angelico da Fiesole über, dem eine
warme, herzliche Würdigung zuteil wird. Die anspruchslose
Selbstgenügsamkeit dieses Mannes, seinen stillen, bescheidenen
Charakter, seinen strengreligiösen Lebenswandel feiert Vasari in
der Biographie (III, 1, 324) und führt als vorzüglichstes Beispiel
für seine Abkehr [S:58] vom öffentlichen Leben noch besonders an,
daß er die Würde eines Erzbischofs, zu der ihn der Papst ausersehen
hatte, ausdrücklich ablehnte.
So weit stimmen diese Berichte ganz zu den entsprechenden bei
Wackenroder; nun teilt aber Vasari einen Zug mit, der uns auch die
wunderbare Herzensgüte Fra Angelicos charakterisiert; es ist schwer zu
begreifen, daß ihn Wackenroder verschwieg. Die Ablehnung der
Bischofswürde gab dem herrlichen Mann zugleich Gelegenheit, ein
wohltätiges Werk zu tun, denn er bat den Papst, dem Frater Antonio von
Florenz die ihm bestimmte Ehrung zukommen zu lassen. Vasari nahm
Gelegenheit, der Geistlichkeit seiner Zeit diese Geschichte als
nachahmenswertes Exempel hinzustellen, und betont zugleich, also ganz im
Wackenroderschen Sinne, daß Frömmigkeit und Gottesfurcht Fra Angelicos
Künstlerberuf erst recht gegründet hätten. Auch hierin zeigt Vasari eine
Spur Wackenroderscher Empfindungsweise, daß ihm aus den Engelsköpfen von
Fra Angelicos Gemälden dieselbe Anmut entgegenstrahlt, wie sie die
Himmelsherrlichkeit über die Werke der natürlichen Schöpfung ausgegossen
hat. So wünscht er endlich auch für den Beschauer religiöse Sammlung,
bevor er das Gemälde auf sich wirken läßt, und reiht daran noch einen
anderen Gedanken, wenn er die würdigen Betrachter jenen gegenüberstellt,
die bloß gemeine Sinnlichkeit erfüllt. Eine wahrhaft religiös gestimmte
Seele lasse solche Empfindungen nicht in sich aufkeimen.
Skeptisch zeigt sich Vasari nun allerdings gegen eine seltsame
Erzählung, die zu jener Zeit Fra Angelicos frommen, gottergebenen
Sinn deutlich machen sollte. Er habe nie eine Arbeit begonnen, ohne
vorher gebetet zu haben, und wenn er ein Kruzifix gemalt habe,
seien ihm jedesmal die hellen Tränen über die Wangen gelaufen. Wir
können nicht beurteilen, wie sich Vasari zu ähnlichen Anekdoten,
wie sie z. B. über Domenichino in Schwang waren, verhielt; für den
letztgenannten war er ja auch nicht Wackenroders Gewährsmann.
Wackenroder selbst zweifelt jetzt so wenig wie damals an der Wahrheit
des Berichtes. Ein Beispiel, das so geeignet war, der Charakteristik
Plastizität zu geben, vermochte er weder zu übergehen, noch durch
Einschränkungen oder spätere Berichtigungen in seiner Wirkung zu
beeinträchtigen. Die Polemik antizipierend, betont er nachdrücklich, was
er erzähle, sei keineswegs ein Märchen, sondern die reine Wahrheit. Den
Bericht, Fra Angelico habe stets beim Malen eines Kruzifixes Tränen
vergossen, wagt Vasari nur [S:59] mit der Einkleidung »einige sagen«
aufzunehmen; Wackenroder leitet ihn, obwohl er es als Tatsache
hinstellt, durch ein vorsichtiges »manchmal« ein. Eine Nachricht
Vasaris, Fra Angelico habe niemals ein bereits vollendetes Gemälde noch
einmal vorgenommen, kam Wackenroder besonders gelegen; die erste
Eingebung des Himmels war für Fra Angelico entscheidend; er führte seine
Arbeit aus, »ohne weiter darüber zu klügeln und zu kritisieren«. Und es
ist wiederum bezeichnend, daß Wackenroder, dem Vasari unähnlich, seine
Darstellung ganz im Lichte allgemeiner, objektiver Gültigkeit zu halten
bemüht ist, während der Chronist Fra Angelicos Verhalten zu
Nachbesserungen ganz aus seiner subjektiven Ansicht heraus erklärt.
Daß nun gerade hier die merkwürdige Erzählung vom Tode des Spinello
ihren Platz findet, erzeugt eine vorzügliche Gegenwirkung zu der schönen
Ruhe, die aus den Mitteilungen über Fra Angelico spricht. Auf einem
Gemälde (bei Vasari I, 382), das den Engelsturz darstellt, gab Spinello
dem Lucifer die Gestalt eines monströs häßlichen Tieres. Im Schlafe
erschien ihm nun Luzifer, ganz wie er auf dem Bilde porträtiert wurde,
und fragte ihn, warum er ihm denn eine so fürchterliche Gestalt gegeben
habe. Spinello erwachte unter heftigem Zittern, so daß ihm seine Frau
erschrocken zu Hilfe eilte. Trotz dieser gewaltigen Gemütserschütterung
und seiner vorgerückten Jahre starb er aber doch nicht auf der Stelle,
doch für den Rest seiner Tage war jede Heiterkeit dahin. Er erschien
seiner Umgebung wie geistesabwesend und richtete seine Augen mit stierem
Ausdruck auf den Besucher. Das entsetzliche Erlebnis hatte ihn
vollständig gebrochen. In dieser Form erzählt Vasari diese Geschichte,
und Wackenroder hat sich hier mit großer Genauigkeit an den
Quellenbericht angeschlossen. In der Beschreibung des Gemäldes ist
deshalb kein wesentlicher Unterschied zu Vasari bemerkbar, weil sich
dieser wie Wackenroder auf die kurze Andeutung der Hauptgruppen
beschränkte. Oben in der Luft kämpft der Erzengel Michael mit dem
siebenköpfigen Drachen, unten ist Luzifer in Gestalt eines gräßlichen
Ungeheuers. So steht die Schilderung in beiden Darstellungen. Daß bei
Wackenroder von den zehn Hörnern des Drachens nichts zu lesen ist, ist
belanglos. Wichtiger aber ist, daß Wackenroder mit gutem Geschick auf
den schaudererregenden Klang von der Stimme jenes Ungeheuers aufmerksam
[S:60] zu machen sucht, wenn er betont, Luzifer habe »fürchterlich«
gefragt. Auch das ist zu trefflichster Wirkung eine Neueinführung
Wackenroders, daß der Maler unter der Übergewalt des Eindruckes
vergebens bemüht ist, ein Wort hervorzubringen. Ganz im Tone der
Wundergeschichte klingt endlich die Schlußbemerkung, wo Wackenroder aus
der »Neuen florentinischen Ausgabe« eine Anmerkung verwertet (s.
Einleitung S. 33): »Das wunderbare Gemählde aber ist noch heutiges Tages
an seiner alten Stelle zu sehen.«
Hier schließen wir. Was noch in den »Herzensergießungen« folgt, hat mit
Vasari nichts zu tun. So sahen wir denn einen Künstler und Chronisten
der italienischen Renaissance mit einem Vertreter von Deutschlands
romantischer Schule ein gemeinsames Feld betreten. Wir sahen die beiden
bald Hand in Hand gehen, bald jeden seinen eigenen Pfad suchen. Wo sie
sich trennten, war es die Folge ihrer Individualität, nicht zum
wenigsten aber des Unterschiedes ihrer Zeiten. Sie haben mit den
Künstlerporträts, die sie entwarfen, auch ihre eigenen Epochen mit
abgezeichnet.