_Der merkwürdige Tod des zu seiner Zeit weltberühmten alten Malers
Francesco Francia, des Ersten aus der lombardischen Schule._ Haben wir
uns in der Erzählung [S:21] von »Raffaels Erscheinung« mitten im
Gebiete des Übernatürlichen befunden, so führt uns die Geschichte vom
Tode des Francesco Francia noch tiefer hinein. Wackenroder beleuchtet
hier seine Behauptung von der göttlichen Herkunft des Genies von einer
neuen Seite. Sollte früher augenscheinlich gemacht werden, wie der
himmlische Funke urplötzlich in der Künstlerseele zündet und so ein Werk
entstehen läßt, an dem sich früher alle menschlichen Kräfte vergebens
bemüht haben, so zeigt Wackenroder hier die elementaren Wirkungen, die
ein Sterblicher erfahren kann, wenn er unversehens die Macht der
künstlerischen Begabung in ihrer ganzen Fülle gewahr wird. Ein solches
Beispiel ist natürlich nicht minder geeignet, den Anteil der Gottheit an
Kunstdingen erkennen zu lassen. Er sagt in anderer, vielleicht noch
eindringlicherer Weise dasselbe wie das vorhergehende.
Die merkwürdige Erzählung vom Tode Francesco Francias hat Vasari in der
Form, wie sie allgemein verbreitet war, nach seiner Gewohnheit,
Anekdoten reichlichen Spielraum zu gewähren, dem Werke eingefügt (T. II,
2, S. 352). Danach wurde der lombardische Maler, der schon seit geraumer
Zeit mit Raffael in brieflichem Verkehr stand (so Vasari a. a. O. S.
349, nach Anmerkung 59 des Herausgebers ist auch persönliche
Bekanntschaft anzunehmen), von dem jüngeren Kunstgenossen mit echt
Raffaelscher Demut ersucht, das jüngste seiner Werke, die »heilige
Cäcilie« zu begutachten. Francesco willfahrte bereitwillig diesem
Begehren und Raffael übersandte ihm das Gemälde. Als aber jener das Bild
sah, empfing er einen ungeheuren, ganz unerwarteten Eindruck davon, er
war vollends niedergeschmettert und starb wenige Tage später. Ein
einziger Blick auf das Werk hatte ihn gelehrt, wie nichtig all sein
Können gegen die beispiellose Größe von Raffaels Meisterschaft sei, und
er vermochte diese Empfindung nicht zu betäuben. »Ihm schien, als sei er
im Vergleich mit dem, was er sonst gedacht und wofür er gegolten hatte,
zu einem Nichts in der Kunst herabgesunken, und er starb, wie einige
glauben, aus Gram und Betrübnis.«
So endet Vasari (a. a. O. S. 352) diesen Bericht, dessen geschichtliche
Glaubwürdigkeit von jeher auf starke Zweifel stieß. Schon unter den
Zeitgenossen fand sich gar mancher, der viel natürlichere Todesursachen
wie Gift oder Schlagfluß anzuführen wußte, und mit dem Rüstzeuge
historischer Kritik versuchten Malvasia [S:22] und Lanzi, der freilich
wieder in Calvi einen beachtenswerten Gegner fand, dem auffallenden
Geschichtchen jedes wissenschaftliche Bürgerrecht abzusprechen (Vasari,
a. a. O. S. 353, Anm. 41). Aber die spätere Forschung war minder streng.
Schon Quatremère, aus dessen Feder eine Raffaelbiographie stammt, findet
einen Tod aus Ärger oder Unmut über eines Jüngeren Überlegenheit mit
Francias reizbarer Gemütsart sehr wohl vereinbar, und die inzwischen
neuerdings bestätigte Ankunft der heiligen Cäcilie in Bologna im
Todesjahre Francias ist seiner Anschauungsweise günstig. Endlich mißt
Passavant (Raffael et son père Giovanni I, 257) unserer Anekdote weit
mehr Glaubwürdigkeit zu, als etwa dem berühmten »Anche io sono
pittore!«, das Correggio vor der »Sixtinischen Madonna« ausgerufen haben
soll. Dies ist immerhin nicht bedeutungslos, denn Passavant ist in bezug
auf Vasaris Verläßlichkeit sonst ziemlich skeptisch.
Wie schon bei Raffael, nimmt sich auch hier Wackenroders Darstellung,
die hauptsächlich die merkwürdigen Umstände, unter denen Francias Tod
vor sich ging, hervortreten läßt, ziemlich knapp gegen Vasaris
detailliertere Lebensbeschreibung aus, doch gönnt er dem eigentlich
Biographischen keinen geringen Platz. Dadurch verstärkt er mit Geschick
die Wirkung des Schlusses. Denn wird uns das stete Streben Francias, in
der Kunst stets höhere Stufen zu erklimmen, gezeigt, wird er endlich
beglückt und geehrt durch die hohe Achtung seiner Zeitgenossen
vorgeführt, so macht die Verzweiflung an seinen Fähigkeiten, die ihn so
jäh heimsuchte, einen um so tragischeren Eindruck. So lernen wir denn
wie bei Vasari (a. a. O. S. 335) Francescos Eltern als geringe
Handwerksleute kennen, es verschlägt wenig, daß ihnen Wackenroder den
Zusatz Vasaris »wohlgesittet und rechtlich« vorenthält, oder Francias
vielfacher Berufsstationen, der sich auch als Gold- und Silberarbeiter,
geschickter Zeichner, endlich vorzüglicher Präger von Münzstempeln einen
geachteten Namen erwarb, zu seinem gegenwärtigen Zwecke nur mit wenigen
Worten gedenkt. Von Vasari (a. a. O. S. 37/38) entlehnt er genau die
Mitteilung, daß Francia für in- und ausländische Fürsten Münzstempeln
verfertigte, aber er vermeidet doch die Übertreibung Vasaris: er hätte
sich auf alles verstanden, was in der Kunst Schönes gearbeitet wird und
es besser gemacht als irgend ein anderer. Francesco Francia war vierzig
Jahre alt, als er nach vielfachen Beschäftigungen mit den
verschiedensten Kunstfertigkeiten [S:23] das erstemal in den
Malerkittel schlüpfte. Über diese Wendung seiner Tätigkeit berichtet uns
Vasari (a. a. O. S. 339) und auch Wackenroder unterläßt nicht,
nachdrücklich darauf aufmerksam zu machen. Doch erscheint der Übergang
Francias zur Malerei in beiden Darstellungen recht verschieden
motiviert. Hören wir Vasari, so war der Ehrgeiz für Francias
Entschließung die eigentliche Ursache. Ihn lockte der Ruhm des Malers,
der ihm weit höher schien, als alle die Ehrungen, deren er sich bis zu
diesem Zeitpunkte zu erfreuen gehabt hatte, auf ein neues Feld der
Tätigkeit. Dazu half noch das Vorbild bedeutender Maler, deren er
einige, wie z. B. Andrea Mantegna persönlich kennen lernte, seinen
Entschluß befestigen. War Francia aber einmal mitten in der Arbeit, so
brachte ihm sein »richtiger Verstand« bald die richtige Übung, und zu
seiner schon früher erworbenen Fertigkeit im Zeichnen gesellte sich bald
auch die Meisterschaft in der Handhabung des Kolorits. Wackenroder
fühlte aber, daß ein solcher Entschluß, wie ihn Francia gefaßt hatte,
einen weit über das Gewöhnliche hinausgehenden Ehrgeiz voraussetze, und
nicht bloß »Verlangen nach größerem Ruhm«, wie Vasari in trockener Weise
sagt, erfüllt bei ihm den Künstler, es ist sein Feuergeist, der ungestüm
neue Betätigung ersehnt.
Kleinliche Rücksichten, wie die Vergrößerung des Erwerbs, die Vasari
nicht verschweigen konnte, werden bei Wackenroder nicht weiter in
Betracht gezogen; um aber die Wirkung auf den Leser zu verstärken, hebt
Wackenroder seinerseits ganz ausdrücklich hervor, daß Francia zu jener
Zeit bereits in den Jahren der Reife stand. Vasaris Mitteilung über
Francias koloristische Studien verwertend, spricht Wackenroder endlich
von des angehenden Malers Studienfleiß in der Komposition und dem
Effekte der Farben. Eine kleine Übertreibung läuft unter, wenn
Wackenroder im Eifer Francias Gemälde ganz Bologna in Verwunderung
setzen läßt, wo doch Vasari nur mitzuteilen weiß, daß sie ausnehmend
wohl gefielen (a. a. O. S. 340) und später (a. a. O. S. 343), daß ihrem
Schöpfer viel Liebe und Freundlichkeit von der Bevölkerung erwiesen
wurde. Nennt doch auch Goethe (Schriften der Goethe-Gesellschaft II,
187) Francia nur einen respektablen Künstler, während Wackenroder seine
Werke zu den vornehmsten rechnet und wieder dem so oft ausgesprochenen
Gedanken Ausdruck gibt, die Schönheit der Kunst sei bei weitem reicher,
als daß Einer sie erschöpfen könnte. Mit wunderbarer [S:24] Bildkraft,
an den schwungvollen Beginn von Schleiermachers »Monologen« erinnernd,
charakterisiert er ihre Macht: »Ihr Preis ist kein Los, das nur allein
auf Einen Auserwählten fällt, ihr Licht zerspaltet sich vielmehr in
tausend Strahlen, deren Wiederschein auf mannigfache Weise von den
großen Künstlern, die der Himmel auf die Welt gesetzt hat, in unser
entzücktes Auge zurückgeworfen wird.«
Wackenroder versagt es sich, Francia nach Art des Biographen Schritt für
Schritt durch alle Stadien seiner Entwicklung als Maler zu begleiten.
Wir hören nichts von den Gegenständen, nicht einmal den Namen der
Gemälde, die sich bald zu einer langen Reihe schlossen. Vasari, der viel
ausführlicher und genauer vorgeht und auch dieser Biographie eine Menge
von Bilderbeschreibungen einfügt, erklärt (a. a. O. S. 343) selbst, für
den Kunstliebhaber nur einige der bedeutendsten namhaft zu machen.
Wackenroder genügt der Hinweis auf eine »unzählbare Menge von herrlichen
Gemälden«, die den Namen des Malers weit über die Grenzen seiner engeren
Heimat trugen. Die große Verbreitung von Francias Werken in der
Lombardei erwies Vasari (a. a. O. S. 344); er läßt die Städte um den
Besitz von solchen Bildern wetteifern, wie Wackenroder später die
italienischen Fürsten und Herzöge aller Gebiete. Aber es ist zu grell,
obgleich anschaulicher gemalt, wenn er Vasaris Angabe dahin verändert,
daß es keine Stadt von sich sagen lassen wollte, sie besäße nicht
wenigstens eine Probe seiner Arbeit. Für die Verbreitung der Werke
Francias in weitere Gebiete war wiederum Vasari Gewährsmann (a. a. O. S.
345), er verzeichnet die Entsendung eines Gemäldes ins Toskanagebiet,
doch ist die Zahl der in Bologna gebliebenen überwiegend. Daß Francia
gerade der Stifter einer neuen glänzenden Epoche in der lombardischen
Kunst gewesen sei, hat Vasari niemals ausgesprochen, doch läßt er ihn
einmal, ganz im Gegensatz zu seiner sonst weit mäßigeren Ausdrucksweise,
eine fast abgöttische Verehrung genießen (S. 347). Eine Seite später
steht er jedoch bloß in »hohen Ehren«.
Nur sehr wenig kann man aus den Nachrichten des Chronisten von Francias
Charakter erfahren. Er preist an dem Künstler (a. a. O. S. 336) bloß
eine gesellige Tugend, eine ganz außerordentliche Liebenswürdigkeit und
Sanftmut des Gemütes, die es fertig brachte, in kürzester Zeit die
düsteren Wolken von der Stirne eines bekümmerten Mitmenschen zu
scheuchen. Gerade hiervon läßt Wackenroder [S:25] nichts merken, aber
mit sicherer Taktik die Katastrophe vorbereitend, erzählt er uns von
Francias edlem Künstlerstolze, den er gleichwohl mit der Eitelkeit
späterer Maler in entschiedenen Gegensatz bringt. Vasari bot allerdings
dafür keinerlei Anhaltspunkte, er weiß auch nichts von Wackenroders
Angabe, daß Francia Raffael für den einzigen berechtigten Nebenbuhler
seines Namens gelten ließ. Dies erweist sich auch nach dem Sonette, mit
dem Francia einmal den genialen Kunstgenossen begrüßte (Vasari a. a. O.
S. 350, Anm. 59), als durchaus unhaltbar. Anderseits erfahren wir aber
aus Wackenroders Mitteilungen, daß ein Vergleich Francias mit Raffael
bei den Zeitgenossen nicht durchwegs für absurd galt. Cavazzone verstieg
sich sogar zu der Behauptung: wenn Raffael sich der Trockenheit der
Schule von Perugia entwunden habe, so sei das nur auf den Einfluß von
Francesco Francia zurückzuführen, eine Annahme, die Wackenroders
schwärmerische Raffaelbegeisterung begreiflicherweise nicht gelten ließ.
Ein Verkehr der beiden Meister erfolgte auch nach Wackenroder nur auf
schriftlichem Wege.
Vasari schildert (a. a. O. S. 350) Francias Verlangen, einmal selbst ein
Gemälde von Raffael zu sehen, er kannte die Werke des Urbiners nach dem
Berichte unseres Chronisten nur nach Beschreibungen, da er in seinem
Leben nur wenig vor die Tore Bolognas kam. Bei Wackenroder folgen an
dieser Stelle kleine Ausschmückungen, die wiederum erweisen sollen, daß
Francesco den übermächtigen Eindruck eines Raffaelschen Gemäldes nicht
entfernt ahnte. Nach Wackenroder hat sich der Künstler von der
Schaffensart seines jüngeren Genossen nach den Beschreibungen ein festes
Bild gemacht und ist überdies von der Überzeugung durchdrungen, ihm in
vieler Hinsicht gleich, in mancher sogar überlegen zu sein, gerade wie
es früher (S. 23) hieß: nur Raffael erachte er allenfalls als würdigen
Nachfolger.
Die Erzählung von Francescos Lebensausgang gewinnt unter Wackenroders
Händen erheblich an Anschaulichkeit und frischer Lebendigkeit. Mit
seiner öfters wahrnehmbaren Gewohnheit, das Vorgefundene ein wenig zu
verstärken, stimmt es, daß er Francesco bei Empfang des Briefes gleich
außer sich vor Freude geraten läßt, während er bei Vasari (a. a. O. S.
351) nur ein großes Vergnügen dabei empfindet. Ein Raffael habe ihm den
Pinsel in die Hand gegeben, jubelt Francia bei Wackenroder. Da fühlen
wir nun freilich in der Darstellung einen Mangel an Folgerichtigkeit,
denn wie paßt diese Demut, die Francia bei [S:26] Wackenroder an den
Tag legt, zu seinem sonstigen Selbstbewußtsein? Immerhin ist es aber von
der vorzüglichsten Wirkung, den Mann mitten im Freudenrausch zu zeigen,
der kurz nachher in die tiefste Niedergeschlagenheit fallen sollte.
Geschickt weiß Wackenroder schließlich noch die Spannung des Lesers
durch ein eingeschobenes Sätzchen: »Er wußte nicht, was ihm bevorstand!«
zu vergrößern, bevor er nun zur Hauptsache übergeht. Da ist nun
Wackenroders Kunst, sich in die Begebenheiten einzufühlen, aufs
glänzendste bewiesen. Schon A. Wilhelm Schlegel wußte das zu würdigen,
wenn er die Erzählung vom Tode Francias zu den Musterbeispielen des
ganzen Buches rechnet. Um zu erkennen, wie sehr Wackenroder hier über
Vasari hinauswuchs, muß kleiner glücklicher Änderungen von Einzelheiten
gedacht werden, die der Chronist überlieferte; die Geschichte schlägt
freilich kein Kapital daraus. Zwischen der Ankunft des Briefes und der
des Bildes, die bei Vasari gleichzeitig eintreffen, verstreicht bei
Wackenroder einige Zeit, während der Francesco voll Spannung das Gemälde
erwartet. Ganz verschieden ist auch Francias Verhalten, nachdem er das
Bild empfangen hat, in unseren Darstellungen. Bei Vasari beherrscht ihn
keineswegs brennende Ungeduld. Er nimmt ruhig bei »guter Beleuchtung«
das Bild aus dem Kasten, und nun geht seine Stimmung von völliger Ruhe
zu heftiger Bewegung über; bei Wackenroder befindet sich Francia von
vornherein in erregter Seelenstimmung, die Mitteilung der Schüler, die
Wackenroder mit einbezieht, ruft den mächtigsten Eindruck hervor,
Francia stürzt in sein Arbeitszimmer und gerät, als er das Bild gesehen,
nun in einen ekstatischen Zustand, in dem sich höchstes Entzücken und
bitterer Schmerz in seltsamer Weise vermischen. Sinn und Verständnis für
dramatische Wirkung zeigt es, daß Wackenroder uns das grenzenlose
Erstaunen der Schüler deutlich zu machen sucht, die ihren Meister von
Freude erfüllt zu sehen gehofft hatten und ihn nunmehr in dieser
schrecklichen Verfassung erblicken mußten. Und es ist bewunderungswürdig,
wie es Wackenroder verstand, die Empfindungen, die nun Francias Brust
durchtobten, im einzelnen zu schildern. Wie weit entfernt er sich von
der trockenen Angabe Vasaris, der sich einfach mit der »tiefen
Bekümmernis« hilft, die Francesco Francia erfaßt und ihn bald dem Tode
entgegengeführt habe! Erst verrät sich unter der Übergewalt des
Eindruckes kein äußeres Zeichen der Gemütsbewegung; nach Wackenroders
schönen Worten wirkt die Wunderherrlichkeit des [S:27] Bildes auf den
Künstler wie auf einen Mann, der einen seit den Tagen der Kindheit
schmerzlich vermißten Bruder wiederzusehen gehofft, die strahlende
Lichtgestalt eines Engels an seiner Statt. Dann löst sich allmählich der
Bann der ersten Augenblicke und heftiger Unmut und bittere Reue über
sein bisheriges verfehltes Leben läßt in Francias Brust einen mächtigen
Sturm der Leidenschaft mit aller Gewalt sich austoben, bis mit der
Erschöpfung allmählich weichere Stimmung wirksam wird und wütende
Selbstanklagen durch demütige Zerknirschung abgelöst werden. Dieser
mächtige Eindruck kann auch unter Berücksichtigung historischer
Begleitumstände begriffen werden. Denn wenn auch Francia, wie ein
späterer Kunstchroniker, Malvasia (s. Vasari, a. a. O. S. 353, Anm. 41),
nachgewiesen hat, schon früher manches Werk Raffaels gesehen hatte, so
ist doch eine weit bedeutendere Wirkung gerade dieses Bildes, das man
nach Vasaris Worten (a. a. O. S. 352) unter Raffaels schönen und
bewunderungswürdigen Arbeiten auch noch als ausgezeichnet rühmen kann,
verständlich.
Mit feinem Sinn weiß Wackenroder andeutungsweise auch das Gemälde selbst
der Betrachtung einzufügen, wenn Francesco mit dem erhobenen Antlitz der
heiligen Cäcilia auch sein schmerzdurchzucktes Antlitz zum Himmel
emporhebt. Bestimmter gefaßt ist auch Francias Vergleich dieses Werkes
mit seinen eigenen Arbeiten, der für ihn so kläglich endet. Sein eigenes
Bild der heiligen Cäcilia (Vasari, a. a. O. S. 343 gibt davon ohne
nähere Bezugnahme auf Raffael Nachricht) macht ihm seinen Abstand von
Raffael erst völlig klar. Und so weiß er schließlich der Erzählung von
Krankheit und Tod des Meisters einen geheimnisvolleren Anstrich zu geben
als Vasari, der einfach von Francias Tod berichtet, ohne seinen
Gemütszustand vor Eintritt der Auflösung näher zu beachten. Wackenroder
zeigt, wie bei dem Greise allmählich Spuren des Verfalles hervortreten,
eine fast beständige Geistesabwesenheit sich mit den Erscheinungen der
körperlichen Altersschwäche vereinigt, um auf die Nähe seines Endes
hinzudeuten. Der Greis, der nach einem arbeitsreichen Leben vor einem
Jüngeren das Haupt beugen mußte, welkt hier langsam dahin, wie Schillers
Jüngling, der das verschleierte Bild zu Sais erblickt hatte. Der Tod
erfolgt dennoch für die getreue Schülerschar ganz plötzlich und
unerwartet. Vasaris einfacher Hinweis auf diejenigen, nach deren Ansicht
Francias eines natürlichen Todes starb, verwendet Wackenroder zu einem
höhnischen [S:28] Angriff auf die »kritischen Köpfe«, die gern die
ganze Welt in Prosa auflösen möchten, wie er auch schon eingangs betont
hatte, an der Wahrheit der Erzählung niemals gezweifelt zu haben.
Zum Schluß sei auf Chamissos Behandlung des Stoffes ein kurzer Ausblick
gestattet; hält doch sein Gedicht »Francesco Francias Tod« in
anziehender Weise zwischen Vasaris und Wackenroders Darstellung die
Mitte. Was hier von Francias großem Ruf als Goldarbeiter und Maler in
gedrängtester Form zu lesen ist, deckt sich ebenso wie der Inhalt von
Raffaels Brief ganz mit den Berichten unserer Autoren; alle späteren
Ereignisse folgen aber in knapper Zusammenfassung unmittelbar
aufeinander. Wie bei Vasari treffen Brief und Bild gleichzeitig ein, wie
dort erbricht Francia selbst die Kiste, rückt sich das Bild ins Licht
und ist nun ganz fassungslos vor der gewaltigen Bedeutung des Werkes.
Für die so unendlich verschiedenen Empfindungen, die nun Francias Brust
durchtoben, findet Chamisso die bezeichnendsten Worte:
»Erfüllet ist, was seine Träume waren,
Er fühlt sich selbst vernichtet und beglückt.«
Doch folgt kein jäher Paroxismus, der dann wie bei Wackenroder sanfter
Wehmut den Platz bereitete: auch hören wir nichts von Reue und
Selbstanklagen, das reine Gefühl der Bewunderung für das Geschaute
drückt sich schließlich in dem demütigen Danke an die Gottheit aus, die
dem Greise mit dieser Gabe den Lebensabend zierte. Ein träges Hinwelken
des Meisters haben wir hier nicht mehr zu beobachten, seine Jünger, die
ihn (wie bei Wackenroder) umstehen, sind zu seiner Sterbestunde
gekommen. So vermochte Chamisso, wieder in anderer Weise als früher
Wackenroder, die dichterische Triebkraft des Stoffes zu verwerten.