I.[1]

Das Werk des jungen Romantikers, den ein vorzeitiger Tod aus einer früh

begonnenen, vielversprechenden literarischen Laufbahn riß, vermochte in

seinen Wirkungen über den kleinen Kreis einer anteilnehmenden

Freundesschar, der es ursprünglich zugedacht war, hinauszugreifen. 1797

als kleines unscheinbares Büchlein bei Unger in Berlin erschienen, den

Namen des Autors, der den väterlichen Zorn fürchtete, verschweigend,

eroberten sich die »Herzensergießungen« namentlich unter den ausübenden

Künstlern einen größeren Leserkreis. Der Grund hierfür lag in ihrer

Tendenz und in ihren Absichten. Eine Schrift, die für die

Kunstbetrachtung an Stelle strengen Dogmentums die innige Gläubigkeit

eines hingebenden Gemütes forderte, mußte denen in der Seele haften,

deren freie Schaffenslust den Druck verzopfter Pedanterie am härtesten

empfand. Da zudem sich gerade damals der Übergang zur romantischen

Malerei vollzog und allmählich, besonders unter dem Eindrucke von

Friedrich [S:4] Schlegels epochemachenden Europa-Aufsätzen, Albrecht

Dürer und Holbein so hoch in der Schätzung der Kunstliebhaber stiegen,

als früher nur ein Meister der italienischen Renaissance, reifte die

Welt nach und nach zum Verständnis des Ideengehaltes von Wackenroders

Arbeit.

Kurz nach ihrem Erscheinen wurde die Schrift von August W. Schlegel in

der Jenaer Literaturzeitung (1797, Nr. 46, S. 362) ohne Begeisterung,

aber mit Wärme begrüßt. Friedrich bewies dem Anfänger sofort große

Sympatie. In einem Billett an Tieck (Holtei, Briefe an Tieck, III, 311)

erkundigt er sich nach Wackenroders Wohnung. Einmal ist ihm Wackenroder

der »liebste aus der ganzen Kunstschule«, und seiner Gewohnheit nach,

stets nach dem »Zentrum« der Leute zu forschen, findet er Wackenroders

Überlegenheit vor Tieck in dem größeren Reichtum des Gemütes. So durfte

Tieck für seine 1814 veranstaltete Neuausgabe von Wackenroders Aufsätzen

nicht geringere Teilnahme erhoffen als für die »Phantasien über die

Kunst«, die Nachlese von 1799. Noch uns Heutigen sind die

»Herzensergießungen« von großem Werte, nicht zuletzt als beredtes

Zeugnis für die Fortwirkung von Goethes Jugendaufsatz über Erwin von

Steinbach in Herders Blättern »Von deutscher Art und Kunst«. Hat aber

ein Schriftsteller Mit- und Nachwelt Teilnahme einzuflößen vermocht, und

ist ihm eine ausgeprägte Individualität eigen, so heißen wir jede

Gelegenheit, tiefer in sein Wesen einzudringen, freudig willkommen.

Hierzu verhilft aber ein Vergleich mit der Quelle, wo eine solche

besteht, in hohem Maße. Kaum ist etwas so typisch für den Schriftsteller

als die Art, wie er Gegebenes aufnimmt und verarbeitet, hier

Ungeeignetes aus fremdem Schatze ablehnt, dort aus Eigenem hinzufügt.

Auch für diese Skizzen, die sich meist auf der Grenzscheide von

historischer Darstellung und freier Ausgestaltung bewegen, kann ja Erich

Schmidts schönes Wort (Lessing^2 II, 381) in Anwendung gebracht werden:

»Was ein echter Bildner an fremden Motiven aufliest, ist ein Rohstoff

für den Schmelztiegel der Fantasie und muß mit Metall aus eigenem

Schachte legiert werden.«

Für Wackenroders »Herzensergießungen« kam in erster Reihe Vasaris[2]

große Sammlung von Biographien der ausgezeichneten Künstler des alten

Italien in Betracht.

[S:5] Es ist nun allerdings nur ein Teil der »Herzensergießungen«, für

den Vasari das Material lieferte. Wir sprechen von jenen sieben

Abschnitten, die sich mit Einzelheiten aus der Geschichte, des

Lebensganges oder der Werke verschiedener Künstler beschäftigen, so von

Raffael, Francesco Francia, Piero di Cosimo, Michelangelo und von

einigen anderen weniger bedeutenden Malern, die alle in dem Kapitel »Die

Mahlerchronik« ihren Platz finden. Ein Hinweis auf Vasari findet sich

dann im »Ehrengedächtnis unseres ehrwürdigen Ahnherrn, Albrecht Dürers«.

In einem Traumgesicht, das ihm die Maler der Vorzeit bei Betrachtung

ihrer eigenen Gemälde zeigte, sah der Klosterbruder Dürer und Raffael

nebeneinander stehen. Kurz darauf liest er im Vasari, daß Raffael und

Dürer, wiewohl persönlich nicht bekannt, sich gegenseitig durch ihre

Werke näher gekommen seien, und Raffael Dürers Arbeit mit »Wohlgefallen«

angesehen und sie seiner Liebe nicht unwert geachtet habe. (Tieck,

Werke, Wien 1818, IX, 78.) Das alles erzählt Vasari (Teil III, 1, S.

220) auch tatsächlich. Dürer leitete das Verhältnis ein, indem er

Raffael sein Selbstporträt sandte, und Raffael beantwortete diese Gabe

durch eine Reihe von Zeichnungen, die sich bei dem deutschen Meister die

höchste Achtung erwarben. Nur läßt Vasari nicht in dem Maße wie

Wackenroder Raffael über Dürer den Vorrang, denn von der etwas

herablassenden Art der Schätzung, die Raffael nach ihm den Werken des

älteren Kunstgenossen angedeihen läßt, ist dort keine Spur zu finden, er

»verwundert« sich über Dürers geniale Begabung und blickt nicht mit

bloßem »Wohlgefallen« auf seine Erzeugnisse.

Endlich dankt, wie noch genauer auszuführen ist, möglicherweise »der

Schüler und Raffael« Vasari mit einer Anregung.

Andere Kapitel, wie »Allgemeinheit, Toleranz und Menschenliebe in der

Kunst«, »Von zwey wunderbaren Sprachen und deren geheimnisvollen Kraft«

sind neben jenen Partien, die Tieck angehören, Fantasien in freier

Gedankenfolge; die »Schilderung wie die alten deutschen Künstler gelebt

haben«, wo wieder Geschichtliches zutage tritt, folgt einer anderen

Quelle, der Dürerbiographie von Joachim Sandrard. Aber auch in den

erstgenannten Aufsätzen lassen sich hin und wieder Einzelheiten nicht

aus Vasari belegen.

Die Berglinger-Aufsätze gehören zum größten Teil den »Fantasien« an; nur

die Figur und die Lebensschicksale des frommen Schwärmers werden schon

in den »Herzensergießungen« eingeführt.

[S:6] Außer jener flüchtigen Bemerkung im »Ehrengedächtnis« nennt uns

Wackenroder selbst Vasari noch viermal als Quelle, und zwar zu Francesco

Francia, zu Piero di Cosimo, zu Michelangelo Buonarotti, endlich als

Hauptquelle für die »Mahlerchronik«. (Die entsprechenden Stellen a. a.

O. S. 27, 95, 104, 116.) Ebenso verweisen auch literar-historische

Darstellungen auf Vasaris Werk als maßgebendste Quelle (Haym,

Romantische Schule S. 122, 130. Minor, D. N. L. CXLV, S. V der

Einleitung).

Wann Wackenroders Beschäftigung mit Vasari begann, können wir vorderhand

nicht ermitteln, soviel scheinen aber die Briefe, die Wackenroder,

damals noch auf der Schulbank, an den fernen Jugendfreund richtete,

merken zu lassen, daß Wackenroder für Musik und Poesie früher Interesse

faßte, als für bildende Kunst. Wir danken den Briefen (Holtei, Briefe an

Tieck, Bd. IV) eine Reihe anziehender Bemerkungen über neue

Literaturerscheinungen, oder (S. 173) sehr bedeutsame Aufschlüsse über

Wackenroders musikalische Empfindungsweise. Aber gerade jener Kunst, für

die der Autor der »Herzensergießungen« so tiefes Verständnis zeigen

sollte, ist hier noch recht selten gedacht. Daß ihm freilich der Sinn

für Malerei und Plastik schon damals keineswegs mangelte, zeigen auch

jene wenigen Bemerkungen. Einmal verletzte z. B. eine Statue ohne Kopf,

die er im Parke gesehen hatte, sein künstlerisches Feingefühl (a. a. O.

S. 183), und für seine geistige Entwicklungsgeschichte ist es nicht

unwesentlich, daß er damals noch einer ziemlich einseitigen Vorliebe für

die Antike huldigte. Dem Architekten Golly wird (a. a. O. S. 259) sein

verzehrender Entusiasmus für griechische Simplizität nachgerühmt, und

derselbe Mann, der später an verschiedenen Kunstrichtungen gerade die

Verschiedenheit lobenswert fand, fürchtet durch die Betrachtung der

Götter Skandinaviens den Sinn für ein sanftes griechisches Profil zu

verlieren (S. 176). Er scheint damals noch wenig mit Werken der

bildenden Kunst in Berührung gekommen zu sein. Die Dresdner Galerie sah

er allerdings schon 1792 auf einer Durchreise, während Tieck (a. a. O.

IX, S. IX) erst von dem zweiten Dresdner Besuche 1796 spricht.

Wahrscheinlich dürfte erst Fiorillo, Professor an der Universität in

Göttingen, der nach Tiecks Mitteilungen (a. a. O. S. IX) dem

wißbegierigen jungen Studenten sehr freundlich entgegenkam, hier

entscheidend gewirkt haben.

Wackenroder befestigte sein durch den Besuch Nürnbergs und [S:7] der

Pommersfeldischen Galerie im Bambergischen gewecktes Kunstinteresse in

Vorlesungen über Kunstgeschichte, die er bei Fiorillo hörte (vgl. dessen

Geschichte der zeichnenden Künste IV, 83), und exzerpierte fleißig aus

Büchern der Privatbibliothek seines Mentors. Zudem hegte Fiorillo für

Vasari eine nicht unbedeutende Teilnahme; er war bemüht, den Chronisten

von dem Vorwurfe historischer Ungenauigkeit zu reinigen. In einem

Aufsatze seiner »Schriften artistischen Inhalts« erhebt er für Vasaris

Verläßlichkeit seine Stimme (S. 83 ff.); in einem anderen (S. 99 ff.)

führte er eine literarisch-kritische Untersuchung über die verschiedenen

Ausgaben des Vasari.

Versuchen wir nun annähernd festzustellen, welche von diesen Ausgaben

Wackenroder benützt haben konnte.

Eine sichere Entscheidung zu treffen ist leider unmöglich. Zwei

Hauptgruppen sind hier zu unterscheiden. Die erste ist bloß durch die

einzige Urausgabe (Florenz 1550) vertreten, die andere durch eine

zweite, wesentlich verbesserte Ausgabe von 1568 (ebenfalls in Florenz

erschienen) mit mehreren Nachdrucken; der Bologneser Ausgabe von 1647,

der römischen Ausgabe (ed. Bottari) von 1759, der neuen florentinischen

Ausgabe von 1767-72, endlich der Ausgabe von Siena 1797. Diese Ausgaben

sind, wie Schorn (Übersetzung des Vasari I, S. IX der Einleitung)

bestätigt, im Text von der Edition von 1568 nicht verschieden, sie sind

nur von der römischen Ausgabe 1759 an durch historische Zusätze und

Berichtigungen vermehrt. Die erste Ausgabe 1550 bezeichnet Fiorillo als

eine große Seltenheit an italienischen Bibliotheken, aber doch kommt sie

sogar in Deutschland vor. Die Göttinger Universitätsbibliothek, die

allenfalls für Wackenroder in Betracht kommt, besitzt ein solches

Exemplar, das ich selbst für diese Untersuchung benützen durfte. So

hätte Wackenroder trotz Fiorillos Bemerkung die Ausgabe von 1550 seinen

Aufsätzen zugrunde legen können. Eine Tatsache spricht allerdings für

die Benutzung der _zweiten_ Ausgabe. Von dem von Piero di Cosimo

angeordneten und für seine Eigenart so bezeichnenden Festzug, der bei

Wackenroder, wie es sich von selbst versteht, keineswegs ignoriert

wurde, ist in der ersten Ausgabe noch keine Rede, während er in der

zweiten bereits eine recht eingehende Schilderung erhält. Ein

unmittelbarer Grund dafür, daß trotz dieser Tatsache die erste Ausgabe

benützt wurde, bietet sich nicht dar, denn für den größten Teil des

Materials, das Wackenroder dem Vasari entlehnte, [S:8] ist eine

Entscheidung unmöglich, da die Angaben beider Editionen genau

übereinstimmen.

Schlechter sind wir daran, wenn wir nun aus der Reihe der Drucke, die

von der zweiten Ausgabe veranstaltet wurden, einen für Wackenroder als

Grundlage bezeichnen wollen. Ein Kriterium können, da nun der Text

unverändert bleibt, nur die Anmerkungen liefern, die von der römischen

Ausgabe an das Werk begleiten. Fiorillo, an dessen Ratschläge wir doch

immer denken müssen, zog die Ausgabe Bottaris der florentinischen von

1767-72 vor; er nennt (Schriften artistischen Inhalts S. 128) die

Zusätze »sparsam und höchst unbedeutend« und lobt endlich die römische

wegen des guten Registers und des vortrefflichen Druckes. Auch der

Katalog von Tiecks Privatbibliothek verzeichnet (S. 299) nebst einer

weit späteren Ausgabe (Mailand 1807-11) diese Edition. Dennoch halte ich

die Benützung dieser Ausgabe für sehr unwahrscheinlich, glaube vielmehr,

daß Wackenroder die florentinische oder, was noch möglicher ist, die

Ausgabe von 1797, über deren Güte sich Fiorillo nicht eigentlich

äußerte, vorlag.

Im Leben des Spinello (a. a. O. I, 342) erwähnt er, daß das letzte Werk

des Meisters noch an der ursprünglichen Stelle zu finden sei, verwertet

also eine Bemerkung, die vor der florentinischen Ausgabe nirgends, dort

aber (S. 497) mit dem Beisatz »Nota della presente edizione« zu lesen

ist. Ein anderer Anhaltspunkt ist leider nicht zu gewinnen.

Wer nun mit Wackenroders »Herzensergießungen« die Lebensbeschreibungen

Vasaris vergleicht, darf niemals vergessen, daß beide Verfasser

grundverschiedene Wege wandeln. Vasaris umfangreiches Werk schildert

eingehend Punkt für Punkt Leben und Schaffen eines Künstlers nach

chronologischer Reihenfolge. Wackenroder sucht sich einen oder den

anderen aus der Menge heraus, der seine Teilnahme besonders weckte, um

ihn entweder als Vertreter ganz bestimmter Charaktereigenschaften

hinzustellen, also etwa die harmonische Verbindung von Genie und

Arbeitskraft bei Lionardo, oder die Absonderlichkeiten des Piero di

Cosimo zu zeigen, oder durch wunderbare Begebenheiten aus dem Leben

einzelner Künstler, die Vasari biographisch vorführte, das stete Walten

der Gottheit über der Kunst und ihren Jüngern deutlich zu machen. Führte

er solche Anekdoten ein, so ist er nicht wie Vasari bemüht, durch

Einschränkungen wie [S:9] »man sagt« oder »man erzählt sich«,

Geschichtliches und Unverbürgtes zu scheiden, gleich apodiktisch lautet

sein Bericht, mag es sich um die natürlichste Begebenheit oder die

seltsamste Wundergeschichte handeln. Durch das Ganze zieht sich als

roter Faden der stets wiederholte Gedanke, man dürfe sich nicht anmaßen,

auf dem Wege begrifflicher Konstruktion in die Geheimnisse des

Kunstschaffens eindringen zu wollen. Hierin berühren sich alle die

Aufsätze oft recht verschiedenen Inhalts, während, wie auch Minor (a. a.

O. S. V der Einleitung) hervorhebt, die »Herzensergießungen« als

eigentlich theoretische Schrift nicht bezeichnet werden können.

Wackenroder sieht im Gegenteil die rationalistischen Ästhetiker in

schwere Widersprüche verwickelt, da sie doch selbst die künstlerische

Eingebung dem Dunklen und Geheimnisvollen zuwiesen und doch glaubten,

das »Wie« zu wissen: »denn es scheint, als würden sie sich schämen; wenn

irgend etwas in der Seele des Menschen versteckt und verborgen liegen

sollte, worüber sie wißbegierigen jungen Leuten nicht Auskunft geben

könnten« (a. a. O. S. 12).

Eigentliche Biographien zu schreiben, lag Wackenroder fern, wo er dazu

Ansätze macht, wie bei Francesco Francia, entlehnt er dem Vasari nur die

wesentlichsten Hauptpunkte des Lebens und vermeidet es durchaus,

unbedeutende oder mit dem Zweck des Kapitels außer Zusammenhang stehende

Werke, die Vasari als gewissenhafter Chronist anführt und beschreibt,

seiner Charakteristik einzufügen. Einzelne Kunstwerke werden bei

Wackenroder überhaupt selten näher gewürdigt, bei Lionardo z. B. erwähnt

er das »Heilige Abendmahl«, da es das berühmteste Gemälde des Meisters

sei, und bezeichnenderweise wird das Porträt der schönen Monna Lisa nur

einer feinen Intelligenzprobe wegen, die Lionardo bei der Arbeit

ablegte, besprochen. Auch läßt sich Wackenroder in keine breiten

Detailschilderungen ein, wo nicht irgend ein individueller Zug an dem

betreffenden Künstler sichtbar wird. Die Festzüge, die Piero di Cosimo

zur Unterhaltung der jungen Florentiner veranstaltete, werden bei

Wackenroder im Gegensatze zu Vasari ganz kurz abgetan, während er aufs

eifrigste bemüht ist, von jenem Maskenzuge, der nur von einem so

originellen Kopfe wie Piero di Cosimo erdacht werden konnte, ein

deutliches Bild zu geben. Die Tatsachen, die Wackenroder dem Vasari

abborgt, versteht er immer besser zu gliedern und einzuordnen; bei

Vasari kommt es nicht selten vor, [S:10] daß eine Mitteilung, die

früheren Berichten zuzuweisen war, erst später nachgetragen wird, ein

Mangel an Übersicht, den Wackenroder namentlich in seiner Charakteristik

Piero di Cosimos trefflich behoben hat.

Vasari verbirgt, den Pflichten des Historikers getreu, auch bei den

hervorragendsten Meistern trotz aller Bewunderung für ihre Größe

keineswegs gewisse Charakterschwächen. Wenn von den Eigentümlichkeiten

der Lebensweise Piero di Cosimos die Rede ist, so scheut er sich nicht,

das Benehmen dieses Künstlers mit dem einer »Bestie« zu vergleichen.

Wackenroder, den seine freie Darstellungsform solcher Rücksicht auf ein

historisch vollkommenes Gemälde überhob, ist nicht geneigt, irgendwie

gegen die Künstler Antipatie zu erwecken, er läßt derlei Bemerkungen

ganz weg oder vermeidet wenigstens ähnlich drastische Ausdrücke, wie sie

Vasari anwendet. Aus demselben Grunde mochte er, wo ein Künstler, wie

etwa Cosimo oder Lionardo im Verdachte religiösen Unglaubens stand, der

Frage einfach ausgewichen sein. Wo es sich aber um Fälle handelt, die

Ruhm und Bedeutung der Maler augenscheinlicher machen, ist er eher

geneigt, ein wenig zu übertreiben. Am auffälligsten tritt dies in dem

»merkwürdigen Tode des Francesco Francia« zutage, wo Wackenroder die

Verbreitung von Francias Werken, ohne durch Angaben seiner Quelle dazu

berechtigt zu sein, durch die Behauptung zu charakterisieren sucht,

keine Stadt hätte es sich wollen nachsagen lassen, daß sie nicht

wenigstens eine Probe seiner Arbeit besitze.

Sehr auffällig hätte sich Wackenroder von Vasari unterschieden, würde er

sich dazu verstanden haben, eine größere Zahl einzelner Kunstwerke zu

beschreiben. Vasari besitzt noch sehr geringe Fähigkeiten zu

kunsthistorischer Charakteristik. Was Wackenroder in der Einleitung der

»Zwey Gemäldeschilderungen« mit Unrecht von einer Beschreibung forderte,

nur in allgemeinen Worten eine Vorstellung von der Bedeutung des

Kunstwerkes zu geben, da bei tieferem Eindringen nur die bloße

Einbildung maßgebend sei, tut gewöhnlich Vasari. Sehr oft hören wir ohne

nähere Individualisierung, ein Gemälde sei so schön und prächtig

gewesen, daß man sich nichts Höheres vergegenwärtigen könne. Das bringt

zudem arge Übertreibungen, wie sie sich Wackenroder niemals erlaubte.

Niemand ist über den besonderen Charakter des Malers oder des Gemäldes

unterrichtet, wenn er etwa (Vasari, Teil III, 1, S. 67) liest: »In

[S:11] demselben Bilde sieht man einen heiligen Hyeronimus vortrefflich

gemalt, auch bewundern Künstler das Kolorit dieses Werkes als so schön,

daß man fast nichts Besseres leisten könne«, oder (a. a. O. S. 199)

»Alle vier Bilder sind voll Sinn und lebendiger Handlung, sehr gut

gezeichnet und höchst lieblich gemalt«. Dafür kann auch manche

vortreffliche Beschreibung wie die des Kartons der heiligen Anna von

Lionardo da Vinci (a. a. O. S. 130), oder des Kartons für das

Florentiner Rathaus (a. a. O. S. 34) kaum entschädigen. Gar keinen Wert

aber legt Wackenroder auf die Technik, die Vasari stets wohl beachtet,

manches hübsche Detail in Zeichnung und Farbengebung ließ den Maler

nicht wieder los. Aber es war nicht Wackenroders Sache, den intimen Reiz

im Kunstwerke aufzusuchen, ein Mangel, den schon Wölfflin (Studien zur

Literaturgeschichte, M. Bernays gewidmet, S. 64) lebhaft beklagt. Jene

Gabe, die wir an W. Schlegel so bewundern, war dieser mehr gefühlstiefen

als urteilskräftigen Natur nicht eigen.

Bei mancher Erzählung Vasaris fühlte Wackenroder klar den dramatischen

Kern heraus und zeigte sich unablässig bemüht, ihn ins rechte Licht zu

setzen. Dies erreichte er entweder rein stilistisch, indem er auf die

Hauptmomente geschickt vorbereitete, stets auf Lebendigkeit und

Anschaulichkeit bedacht war und, wie z. B. in der Beschreibung von Piero

di Cosimos unheimlichen Karnevalszug, den Ton der Erzählung ganz

meisterhaft der Situation anzupassen wußte, oder gar, wie in der

Erzählung vom Tode Francesco Francias, leichte Modifikationen der

Tatsachen vornahm. Die Plastizität von Wackenroders Ausdrucksweise wird

nicht wenig durch den häufigen Gebrauch von Bildern erhöht, zu denen

sich Vasari keineswegs aufgeschwungen hat. Wir werden manchmal

Gelegenheit haben, uns dieser so glücklichen Seite von Wackenroders

Begabung zu erfreuen, ich erwähne hier nur, daß ihm eine

unruhig-aufgeregte Künstlernatur den Vergleich mit einem Kessel

siedenden Wassers nahelegt, während ihm sanfte Ruhe und Stille des

Gemütes die Erinnerung an einen klaren Fluß hervorzaubert. Oder spricht

er von einem Manne, der auch im Getriebe des Alltagslebens stets dem

Idealen zugekehrt ist, so wird dieser von Musen und Grazien in ihrer

Atmosfäre schwebend getragen. Am schönsten bewies sich diese Veranlagung

Wackenroders wohl in der ganz besonderen Art, in der er den Unterschied

der künstlerischen Auffassungsweise zweier [S:12] Meister bildlich zu

verdeutlichen wußte. Vasari brachte es nie so weit, die Schaffensart

verschiedener Künstler so scharf und genau einander entgegenzustellen.

Als er (Teil III, 1, S. 240) von Raffaels großem Studieneifer berichtet,

der ihn noch im Mannesalter von Lionardo und Michelangelo viel lernen

hieß, weicht er doch jedwedem eigentlichen Vergleich aus und läßt nur

(S. 242) durchblicken, daß Raffael von Michelangelo in der Behandlung

nackter Gestalten übertroffen wurde, es focht ihn die Versuchung nicht

an, diesen Abstand der Fähigkeiten aus der verschiedenen künstlerischen

Individualität heraus zu begründen. Freilich lieferte auch Wackenroder

niemals eine völlig durchgearbeitete exakte Parallele zweier Künstler;

aber die wunderbaren Personifikationen Wackenroders, die einmal

(Lionardo und Raffael) Jugend und Alter, weibliche Zartheit und

männliche Kraft, das andere Mal (Michelangelo und Raffael) den Geist

fremder Bekenntnisse in effigie gegenüberstellen, zählen zu dem

Schönsten, das der Leser der »Herzensergießungen« genießen darf. Hier

hat dem Kunstschriftsteller der Dichter die Feder geführt.

_Raffaels Erscheinung._ Wackenroders regem Streben, die Herkunft des

Genies aus göttlichem Geiste augenscheinlich zu machen, ist schon die

seltsame Erzählung dienstbar gemacht, die an der Spitze des ganzen

Werkes steht. Diese, wie später zu zeigen sein wird, historisch

keineswegs verbürgte Anekdote knüpft an die Person des großen Raffael

von Urbino an. Daß gerade dieser Meister den Anfang macht, wird uns

nicht wundern. War doch Raffael unter den alten Malern Wackenroders

Liebling, in den »Herzensergießungen« erscheint er fast durchgehends als

der »Göttliche«, sein Bild grüßt uns von dem Titelblatte der Ausgabe von

1797,[3] in der »Mahlerchronik« [S:13] treffen wir auf einige (besser

belegte) Einzelheiten aus seinem Leben, überdies aber auf ein zweites

auch sehr fabelhaftes Geschichtchen, das Wackenroder zur Illustration

seiner Anschauungen sehr willkommen sein mußte. Es erscheint hier wohl

geboten, die vielfachen Urteile über Raffael, die das achtzehnte

Jahrhundert zeitigte, im Überblick zu mustern, um Wackenroders

historische Stellung genauer festzustellen. Viele begeisterte

Lobpreisungen lassen sich vernehmen, war doch das Zeitalter, namentlich

seit der entschiedenen Abkehr vom Barock zum antiken Geschmack in der

zweiten Jahrhunderthälfte gerade für das Verständnis Raffaelscher Kunst

gereift. Gleichwohl muß betont werden, daß manche kritische Tadelstimme

die hohen Lobrufe durchdrang und in ihrer Strenge seltsam zu

Wackenroders inniger Raffaelschwärmerei kontrastierte. Mit warmer

Begeisterung verkündet Algarotti (Justi, Winckelmann^2 I, 264) in

Raffael sei ein Punkt erreicht, den die Nachwelt wohl schwerlich

überschreiten werde, Winckelmann weiß Dietrichs Größe als

Landschaftsmaler nicht treffender zu charakterisieren, als indem er ihm

auf seinem Gebiete den Platz eines Raffael zuweist,[4] und Mengs hat

nicht bloß mit Empfindlichkeit die Antwort auf Briefe verweigert, die

den Vornamen Raffael nicht trugen, suchte nicht bloß in Raffaels

Arbeitsgemach die Gedanken wieder durchzudenken, die den großen Urbiner

bei der Arbeit erfüllten (Justi^2 II, 28, 31), konnte nicht bloß Battoni

die Meinung beibringen, ein kleiner Johannes Baptista von seiner (Mengs)

Hand sei ein Werk Raffaels (Justi^2 II, 313), er gab auch beredt seiner

Verehrung vollen Ausdruck und setzt ihm, der mit persönlicher Schönheit,

Geist und Kenntnis des Altertums begabt war, ohne weiteres die

Naturschönheit entgegen, die er freilich bedeutender finden muß (Justi^2

II, 266). Und J. C. Hagedorn, der in seinen »Betrachtungen über die

Mahlerei« mit Nachdruck die Vereinigung von Regelstudium und

Naturgeschmack forderte (vgl. a. a. O. I, 48/49), verbietet (I, 105)

jeden sklavischen Anschluß und wäre es selbst an Polyklet und _Raffael_!

Das »größte malerische Genie« nennt ihn ganz selbstverständlich Lessings

Conti, und als _Herder_ (Suphan XV, 43) darzutun suchte, daß keine

Bildung der Welt imstande sei, zu ersetzen, was Natur versagt habe, so

gerade Raffael, an den er anknüpft, um darzutun, wie verschieden es auch

ist es in der Kunst sei, wenn zwei dasselbe sähen und [S:14] alle Fülle

der Eindrücke minder Begabte die Sprossen der Meisterschaft doch nicht

erklimmen ließe. Schon vor der italienischen Reise verriet Goethe sein

inniges Verhältnis zu Raffaels Kunst, »Dichtung und Wahrheit« (W. A. I,

27, S. 239) berichtet, wie sehr ihn in Straßburg die Teppiche nach

Raffaelschen Kartonen entzückten; er erklärt sich einmal literarischen

Händeln so abhold, daß ihn nicht einmal ihre Darstellung durch Raffael

oder Shakespeare ergötzen könnte (W. A. IV, 7, S. 212), die sieben Köpfe

nach Raffael seien vom lebendigen Geiste eingegeben (An Kestner, 25.

Dezember 1772, W. A. IV, 3, S. 36). Als ihn sein Weg in der Zeit der

italienischen Reise nach Bologna führte, schwelgte sein entzücktes Auge

in den Schönheiten der heiligen Cäcilia, alle anderen Künstler hätten

vergeblich gewünscht, den Maler dieses Bildes zu erreichen, tröstend

verscheucht ihm die heilige Agatha das Mißbehagen, aus dem er sich nach

Betrachtung der Guidonischen Gemälde zu retten versuchte. Während des

zweiten römischen Aufenthalts bestärkten sich die »Gleichgesinnten« in

der Überzeugung: Raffael hat wie die Natur jederzeit recht und Vasari,

der die Komposition schilt, wird entschieden zurückgewiesen.

Freilich sehen wir Raffael nicht immer allein auf dem Piedestal tronen,

nicht selten treten ihm andere Meister, jeder im besonderen Gebiete vor

allen maßgebend, durchaus ebenbürtig an die Seite. Einmal sollen sogar

entusiastische Verehrer des Urbiners wie Algarotti und de Brosses

Correggio an Raffaels Statt aufs Schild gehoben haben (Justi^2 I, 261),

freilich nicht, ohne sich vorher demütig bei Raffael zu entschuldigen,

und als Winckelmann einmal (Geschichte der Kunst, Wien 1776, S. 53, vgl.

Justi^2 I, 262) bei Holbein wie Goethe später bei Dürer bedauerte, daß

er nicht Gelegenheit gehabt habe, sich an den Schätzen des Altertums zu

bilden, nennt er unter den Malern, die Holbein in diesem Falle erreicht

hätte, neben Raffael auch Correggio und Tizian. Es sind dieselben, die

sich auch bei Mengs (Anton Raphael Mengs sämtliche kunsthistorische und

philosophisch-ästhetische Schriften hrsg. von Dr. G. Schilling, Bonn, H.

B. König 1843, S. 224) zur Trias zusammenschließen und alle ihre eigene

Domäne (Raffael vollkommener Ausdruck, Correggio Helldunkel und

Harmonie, individuelle Wahrheit) zugewiesen erhalten, während freilich

Raffael auch hier über die anderen hinauswächst, da ihm die tiefere

Ausprägung des geistigen Gehaltes gelungen sei. Wie Wackenroder bei

aller Raffaelverehrung maßvoll [S:15] ausglich und an den großen

Kontrasterscheinungen Raffael -- Lionardo, Raffael -- Michelangelo seine

Freude fand, so gesellte Hagedorn einmal (a. a. O. II, 641) die Tiziane

im Tempel des Geschmackes zu den Raffaelen, der vollkommene Maler,

dessen Bild er (a. a. O. II, 876) entwirft, soll die Zeichnung an

Michelangelo, den Geschmack an Raffael bilden. Goethe standen (An

Friedrich Müller, 21. Juni 1781, W. A. IV, 5, S. 137) Raffael und Dürer

auf dem höchsten Kunstgipfel, die Gruppe Fantasmist (Michelangelo),

Correggio (Undulist), Raffael (Charakteristiker) erfährt seine

Billigung, so außerordentliche Menschen in ihrer Beschränktheit zu

betrachten, darin zeige sich eine ungeheure Tiefe. Einige »Rettungen für

das Andenken Albrecht Dürers gegen die Sage der Kunstliteratur« wagte

_Merck_ zu versuchen. Freilich wollte auch er in Raffaelphysiognomien

einen seelenvolleren Ausdruck als in Dürerschen finden, aber gleichwohl

ist es von Wichtigkeit, daß bei ihm nicht die größere Begabung, sondern

die schöneren Vorbilder den Werken des Urbiners zum Siege verhelfen

(Ausgewählte Schriften zur schönen Literatur und Kunst, hrsg. von Adolf

Stahr, Oldenburg 1840, S. 295). Im Ardhingello (Schüddekopfs Ausgabe IV,

175) ließ Heinse den jungen Maler, der Raffael so schroff gegen

Michelangelo ausspielte, eine Zurechtweisung erfahren, Raffael und

Michelangelo werden, jeder nach seiner Art, dankbar gewürdigt, und unter

den großen Meistern der neueren Zeit obenan gestellt (a. a. O. S. 222).

Für Fehler Raffaels ist Heinses Auge nicht blind, er rügt die

Gefälligkeit, wo sie nicht sein soll (a. a. O. S. 222), so

Wackenroderisch-entusiastisch er dem »hohen göttlichen Jüngling Raffael«

seinen zärtlichen Dank abstattet (a. a. O. S. 344). Zuweilen wird aber

auch in diesem so raffaelfreundlichen Säkulum mit ernster Bemängelung,

wohl auch mit herbem Tadel nicht gekargt. So rügt Winckelmann einmal

(Gedanken über die Nachahmung griechischer Werke, 1756, S. 120) an

Raffaels Kindermord die zu volle Brust der Frauen und die zu

ausgemergelten Körper der Mörder. Bezeichnenderweise fügt er hinzu: »Man

muß nicht alles bewundern, die Sonne selbst hat ihre Flecken.« Sehr

scharfe Pfeile schnellte Hogarth ab, der (Zergliederung der Schönheit S.

V der Vorrede) den »lächerlichen Gebrauch der Schlangenlinie«, den

Raffael den Alten und Michelangelo abgelernt habe, heftig brandmarkt.

Hagedorn vermochte sich (Betrachtungen II, 899) ähnlicher Angriffe auf

Raffael nicht zu entsinnen. Der Erzengel Michael fand Klopstocks Beifall

nicht, er [S:16] wünschte dafür keinen Jüngling, sondern einen Jupiter,

der eben gedonnert habe (Nordischer Aufseher III, 150, vgl. Justi^2 I,

393), und Heinecke nimmt endlich (Nachrichten von Künstlern II, S. XII,

vgl. Justi^2 I, 391) keinen Anstand, das Jesuskind ein gemeines Kind zu

nennen, und setzt spöttelnd hinzu, das Knäbchen verrate verdrießliche

Laune.

Eine Seite der Raffaelbetrachtung, von der Wackenroder absah, ist die

Würdigung des Meisters im Hinblick auf die Antike. Gar mancher namhafte

Kunstschriftsteller begrüßte in Raffaels Arbeiten die echte Wiedergeburt

des antiken Geistes. Wir vernahmen schon Winckelmanns Klage, daß Holbein

nicht wie Raffael die Kunstschätze der Antike habe bewundern dürfen, und

so betont er auch, man müsse sich Raffaels Werken mit dem wahren

Geschmack des Altertums nähern, dann sei die Ruhe und Stille in seinem

Attila, die vielen leblos erschiene, sehr bedeutend und erhaben

(Gedanken über die Nachahmung, 1756, S. 25). Der Meister, der zuerst in

neuerer Zeit und in so jungen Jahren den wahren Charakter der Alten

empfunden habe, wird in warmen Worten glücklich gepriesen (a. a. O. S.

25) und im Antlitze der sixtinischen Madonna erkannte Winckelmann mit

Freude die selige Götterruhe antiker Physiognomien (a. a. O. S. 26). Die

Vollkommenheit der Alten bei Raffael in neuer Schönheit wiederzufinden,

freute sich Hagedorn (a. a. O. I, 87), da ihm stets das Studium der

Natur von höchstem Wert war, weist er überdies nachdrücklich auf die

Verbindung von Natur und Antike im Studiengebiet dieses Meisters hin,

während Merck (Ausgew. Schriften S. 50) noch besonders hervorhebt, wie

wichtig gerade für Raffael die Natur war, die ihn umgab, wie sie sogar

maßgebender gewesen sei als der Einfluß der Alten. J. H. Meyer vernahm

(Ende Januar 1789, W. A. IV, 9, S. 74) Goethes Lobpreisung, wie es

Raffael gelungen sei, die große Sukzession der Alten nachzuahmen, wie

Goethe auch (an Herzog Karl August W. A. IX, 121) die Vorzüge der Alten

und unter den Neueren besonders Raffael als rühmenswert erachtet. Herder

erkannte freilich schon den ausgeprägt christlichen Geist in Raffaels

Gemälden, wenn er (Suphan XVII, 389) den Urbiner als Schöpfer der

christlichen Grazie bezeichnet und (a. a. O. XXII, 296) betonte, der

Geist von Raffaels Gestalten zeige den Engel im Menschen, ein Ausspruch,

der schon deutlicher auf Wackenroder weist, von dem Raffael der Maler

des Neuen Testaments genannt wurde.

[S:17] In der Begebenheit aber, die in diesem ersten Kapitel erzählt

wird, glaubte die rührende, kindliche Naivität des Klosterbruders nichts

mehr und nichts weniger als gar einen »einleuchtenden Beweis« für die

Wunder des Himmels erblicken zu dürfen und sein frommes Gemüt frohlockt

in dem Bewußtsein, daß durch die Erzählung »ein neuer Altar zur Ehre

Gottes aufgebaut würde«.

Der Zufall verhalf dem Klosterbruder zu seinem Schatze. Eifrig mit der

Durchforschung alter Klosterhandschriften beschäftigt, fand er einige

Blätter von der Hand des Bramante, an denen sein Blick sofort mit

Teilnahme haften blieb. Bramante, Raffaels vertrauter Freund, gewahrte

mit Entzücken die herrliche Anmut in den Madonnengesichtern des Urbiners

und fragte den Künstler staunend, wie ihm dieser himmlische Ausdruck

gelungen sei. Da schwieg der Meister lange, die jünglinghafte

Schamhaftigkeit und Verschlossenheit, die ihm eigen war, ließ ihn nicht

recht zum Geständnis kommen, endlich aber umarmte er den Freund in

tiefer Rührung und entdeckte ihm sein Geheimnis. Von Kindheit an hatte

das Bild der heiligen Jungfrau, aber nie in völliger Klarheit, in seinem

Gemüte gelebt, und wenn er ihre Züge auf die Leinwand bannen wollte,

konnte er sich die ganze Vollkommenheit ihrer Mienen niemals

vergegenwärtigen. Aber einmal weckte ihn ein wunderbarer Glanz, den das

Marienbild an der gegenüberliegenden Wand ausstrahlte, nachts aus dem

Schlafe, und als er hinblickte, sah er das Angesicht der Mutter Gottes

in der ganzen Zauberpracht, die sich ihm sonst nur in ganz flüchtigen

Augenblicken geoffenbart hatte. Von nun an verließ ihn die herrliche

Erscheinung nicht wieder und wenn er malte, traf er den wahren Ausdruck

ohne weitere Bemühung. Ein stärkeres Beispiel, wie sehr überirdische

Inspiration beim Kunstschaffen mitwirke, läßt sich kaum beibringen und

es ist hart, doch unvermeidlich, durch die unerbittliche Strenge der

Geschichte den rührend-schönen Eindruck dieser Anekdote zerstören zu

müssen. Ziehen wir Vasari zu Rate, so finden wir über die von

Wackenroder geschilderte Vision nicht die leiseste Andeutung. Nicht

einmal von einer ganz allgemeinen Neigung Raffaels zu fantastischer

Schwärmerei ist aus seinem Werke etwas zu entnehmen. Mehr Licht

verbreiten schon die Mitteilungen des Abbés Girolamo Cancellieri, der in

einer Handschrift in des Kardinals Antonelli Bibliothek von Raffaels

überaus zarter Körperbeschaffenheit las und ihn als »ganz Geist«

bezeichnet [S:18] fand (»tout esprit« nach Passavant, Raffael Urbino I,

530). Hiermit ließe sich eine schwärmerische, empfindsame Gemütsanlage

wohl vereint denken, aber noch läßt sich daraus für unsere Geschichte

kein historischer Kern entdecken. Gleichwohl besteht ein solcher, der

sich freilich weit nüchterner erweist als Wackenroders fantastische

Erzählung. Die ganze Szene zwischen den Freunden, die der Klosterbruder

aus einem Berichte Bramantes erfahren haben wollte, sollte zur

Bestätigung eines Briefes dienen, in dem sich Raffael dem Grafen

Castiglione gegenüber über die Art seines Schaffens äußert (Passavant I,

193 ff.). 1514 schmückte Raffael mit erstaunlichem Erfolge eine Loge des

Palastes Chigi mit einem Bild der Galatea aus. In ihrem Muschelwagen,

gezogen von Delphinen, gewahrte man die Göttin die schäumende Flut

durchqueren. Ein solches Werk müßte, wie Raffael meinte, nach einem

schönen Vorbilde geschaffen werden, er aber sei, da er schöne Frauen nur

in sehr geringer Anzahl zu Gesicht bekäme, genötigt, einer »gewissen

Idee« zu folgen, die ihm in die Seele käme. Der Hinweis auf die Galatea

kann vor den üblichen Ausführungen in Raffaelmonographien nicht

Wackenroder, aber schon A.W. Schlegel verdankt werden, der in seiner

Rezension der »Herzensergießungen« in der Jenaer Literaturzeitung 1797

der Wackenroderschen Historie ihren tatsächlichen Hintergrund gab.

Vasari anderseits erwähnt, ohne viel Aufhebens zu machen, der Galatea,

wo es die chronologische Folge erheischt (a. a. O. S. 205), über den

Inhalt des Briefes aber kann niemand etwas von ihm erfahren. Das ganze

Zitat steht bei Wackenroder sehr am rechten Orte, denn durch Raffaels

eigenes Bekenntnis in Stimmung versetzt, sind wir leicht geneigt, dem

zweiten seltsameren Berichte geringere Skepsis entgegenzubringen.

Die Anekdote zeigt jedem genaueren Betrachter ganz und gar

Wackenroderschen Geist, der bald Eigentum der ganzen Romantik werden

sollte. An Stelle der antiken Göttin tritt, dem innigen Marienkult jener

Generation gemäß, die heilige Jungfrau. Statt daß am hellen Tage mitten

in rüstiger Arbeit das Vorbild vor der Seele des Künstlers erscheint,

erfolgt die Inspiration im geheimnisvollen Dunkel der Geisterstunde,

nachdem die herrliche Erscheinung sich früher von Zeit zu Zeit in

unklaren, rasch wieder ganz zerfließenden Umrissen geoffenbart hatte.

Die Vision näher zu beschreiben, versagt sich Wackenroders Raffael

ebenso wie der historische in [S:19] seiner ganz allgemein gehaltenen

Angabe. So läßt uns ja auch Novalis in jenem berühmten geistlichen Liede

(Ausg. 1802, Nr. XV) in den letzten vier Versen seinen Eindruck nur

unbestimmt ahnen:

»Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel

Seitdem mir wie ein Traum verweht

Und ein unnennbar süßer Himmel

Mir ewig im Gemüte steht.«

Und gleichfalls im Zweifel über die eigentliche Beschaffenheit seiner

Vorstellung läßt uns Tieck, der in der Vorrede zum Sternbald (D. N. L.

Bd. CXLV) bekennt: »Meine Schwächen empfinde ich selber und wie ich das

Ideal nicht erreichen kann, das in meinem Innern steht«, und sich auf

ein ähnliches Geständnis Goethes in »Künstlers Apotheose« beruft:

»Ich zittre nur, ich stottre nur,

Und kann es doch nicht lassen,

Ich fühl's, ich kenne dich, Natur,

Und so muß ich dich fassen. --«

Kann für den Inhalt der Anekdote einigermaßen ein historischer

Stützpunkt ausfindig gemacht werden, so bleibt die Verflechtung mit

Bramante völlig unerweisbar. Zwar hören wir (Vasari a. a. O. S. 102) von

einem Palast, den der berühmte Baumeister für Raffael aufführte, auch

die persönliche Freundschaft beider ist (S. 105) bezeugt, und für

Bramantes liebenswürdige und dienstbereite Natur wird geltend gemacht,

daß Raffael auf seine Veranlassung nach Rom gezogen wurde. Auch

Passavant, der jener Verbindung der beiden Meister an manchen Orten

gedenkt, führt uns nicht über Vasaris Nachrichten hinaus, und so müssen

wir folgern, daß Wackenroder hier mehr historischer Wahrscheinlichkeit

als den Tatsachen folgend, gerade in Bramante am ehesten den Vertrauten

eines solchen Geheimnisses vermutete.

Recht knapp ist die Charakteristik Raffaels bei Wackenroder gehalten.

Mehr davon liefert später noch die »Mahlerchronik«. Seine Anordnung ist

gerade die umgekehrte wie die Vasaris, bei ihm tritt der Künstler gleich

eingangs hervor, bei Vasari werden, soweit er ganz allgemein

charakterisiert, menschliche Tugenden schon in der Einleitung

berücksichtigt, das Lob des Künstlers hingegen dem Schlusse vorbehalten,

eine Einteilung, die bei Vasaris Darstellungsart ganz angebracht ist.

Die Schlußbemerkungen sind gleichsam die [S:20] Zusammenfassung der

Einzelbeschreibungen der Werke. Wackenroder nennt Raffael gleich

eingangs die »leuchtende Sonne unter den Malern«, bei Vasari lesen wir:

»Er war es, der Ausführung, Farben und Erfindung zu einem Grad der

Vollkommenheit brachte, welche man kaum erreicht zu sehen hoffen durfte,

und kein Geist achte für möglich, daß er ihn je übertreffen könne«

(Vasari, a. a. O. S. 249). Aber Wackenroder denkt natürlich nicht daran,

technisches Detail zu häufen und sich wie Vasari (a. a. O. S. 240 ff.)

in ausführlichen Betrachtungen über die mannigfachen Wandlungen von

Raffaels Methode zu ergehen, die erst bei Pietro Perugino, später in

Michelangelo ihre Lehrmeister fand, und zuletzt, soweit Vasari hier

recht hat, aus vielen Manieren eine einzige bildete. Wenn Wackenroder an

Raffael jünglinghafte Schüchternheit und Verschämtheit hervorhebt, so

bemüht sich Vasari, Raffael frei von der unter den zeitgenössischen

Künstlern eingerissenen Verrohung erscheinen zu lassen, und einen großen

Teil seiner hervorragenden Bedeutung erblickt er in seiner ganz

ungewöhnlichen sittlichen Höhe: »Die Natur war durch die Hand

Michelangelos von der Kunst besiegt und schenkte Raffael der Welt, um

nicht nur von ihr, sondern auch durch die Sitte übertroffen zu werden«

(Vasari, a. a. O. S. 180). Ja, Raffael erscheint ihm, der dem hohen Flug

dieses Genius voller Begeisterung nachblickt, über die Grenzen der

Sterblichen hinauszuwachsen, nicht ein Mensch sei er mehr, sondern,

sofern der Ausdruck verstattet wäre, so gar ein »sterblicher Gott« zu

nennen. Zu solcher Überschwänglichkeit gelangte Wackenroders

Raffaelkultus nicht, so andächtig er auch ist. Dem Jüngling in den

»Bildnissen der Mahler«, an denen freilich auch Tiecks Hand vielfach

mitgearbeitet haben mochte, erscheint sogar, da ihn die Muse einmal über

das jugendliche Alter und das sanfte Aussehen Raffaels belehrt hat,

niemand vertrauter und menschlicher als dieser Meister. Er ist der

einzige, dem sich sein übervolles Herz ganz ergießen möchte, während die

anderen durch den strengen Greisesstolz in ihren Zügen den mächtigen

Strom der Empfindung zurückdämmen.

Wackenroders "Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders" in ihrem Verhältnis zu Vasari · 第 5 / 10 题