4. Ein Gespräch und seine Folgen.

Fanny hatte doch das Herz geklopft, als sie ihren Fuß auf den Tritt des

Wagens setzte, der sie von der Vorstadt bei Belleville weit hinein in das

Herz von Paris führen sollte.

Dieser Schritt, Das fühlte sie klar, war ein Bruch mit der Vergangenheit,

ein entschiedener Bruch, der nicht mehr zu heilen war. Manch innerer

schwerer Kampf war vorausgegangen, ehe sie ihn wagte.

Bevor wir aber die junge Frau auf ihrer nächtlichen Fahrt nach Paris hinein

begleiten, müssen wir von einer Begegnung erzählen, die vielleicht einen

Monat vor Weihnachten stattgefunden hatte.

Fanny war in die innere Stadt gefahren, um hier einige Einkäufe zu

besorgen. Etwas ermüdet war sie dann in ein Café des Boulevard Italien

getreten, um eine Erfrischung zu nehmen, als mit einem halb unterdrückten

Ausruf der Freude ein junger eleganter Mann auf sie zutritt.

»Welch glücklicher Stern, der mich Ihnen, Madame, zwei Tage nach meiner

Ankunft in Paris begegnen läßt!«

Die junge Frau überfliegt mit einem überraschten Blicke die Züge und

Gestalt des Mannes und die Erinnerung an jene Scene an den Ufern des Rheins

steigt in ihrer Seele auf.

»Der Herr Vicomte von Grandlieu,« entgegnete sie, »ist das nicht Ihr Name,

mein Herr?« Und ohne die bejahende Geberde des Andern abzuwarten, fuhr sie

fort: »O, mein Mann wird sich sehr freuen, wenn ich ihm mittheile, daß Sie

in Paris sind.«

Der Vicomte unterbrach sie:

»Sprechen wir jetzt nicht von Ihrem Gatten, Madame, sondern von Ihnen und

von Ihrem Leben in unserm großen prächtigen Paris.« Und er lud sie

durch eine verbindliche Handbewegung ein, neben ihm an einem der kleinen

Marmortische des Salons Platz zu nehmen.

»Dieses Leben ist so einfach, daß man kaum darüber sprechen kann.

Vielleicht würde ich mich darüber beklagen, wenn ich nicht ein Kind hätte,

das ich anbete und dessen Besitz mich Vieles, Vieles vergessen läßt.«

Der Vicomte schwieg einen Augenblick auf diese Bemerkung der jungen Frau,

und ein leiser Schatten glitt über seine Züge.

»So sind Sie sehr glücklich, Madame, denn ich habe oft gehört, das die

Liebe der Mütter zu ihren Kindern in einem gewissen Verhältnisse zu der

Liebe gegen ihren Gatten steht. Wenn Sie Ihr Kind anbeten, so müssen Sie

gewiß den Vater dieses Kindes sehr lieben. Und was bedarf es mehr, um

glücklich zu sein?«

»Solche allgemeine Sentenzen,« entgegnete die junge Frau, indem sie das

Auge vor dem funkelnden Blicke des Barons von Grandlieu niedersenkte,

»mögen zuweilen Recht haben, zuweilen lügen sie aber auch.«

Der Vicomte war ein leidenschaftlicher, unternehmender junger Mann,

der sich im Umgange mit den Frauen von Paris eine Kühnheit der Sprache

angewöhnt, die oft verletzt hätte, wenn sie nicht gemildert worden wäre

durch einen Ausdruck von Ehrerbietung in Miene und Geberde und im Ton der

Stimme: Eigenschaften, um derenwillen ihm die Frauen manche indiscrete und

kühne Frage verziehen.

»Sollte bei Ihnen, Madame,« frug er mit schüchternem Ausdruck und

niedergeschlagenen Augen, wie ein Schüler von sechszehn Jahren, welcher

der Auserwählten seines Herzens seine erste schüchterne Liebeserklärung

stammelt, »sollte bei Ihnen jener Gemeinspruch eine Ausnahme machen?«

Eine dunkle Röthe flammte über das Gesicht der jungen Frau.

»Und wenn Dies der Fall wäre, welches Interesse könnten Sie, Herr Vicomte,

haben, Dies zu wissen?« frug sie mit leiser Stimme und ohne die Augen von

dem Parquet des Salons zu erheben.

»Oh, Madame!« rief der junge Mann mit leisem und bebendem Tone. Eine ganze

Rede würde nicht beredter, nicht ausdrucksvoller gewesen sein, als dieser

kurze Ausruf, der so einfach, so natürlich war und doch so Viel errathen

ließ.

Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, eine jener Pausen, in denen statt

des Mundes nur das Herz spricht, in denen man die Worte und Empfindungen

des Andern in dessen Augen lesen muß.

Der Vicomte war es, welcher das Stillschweigen brach. Er war ein sehr

gewandter Mann, welcher wußte, daß so stolze Naturen wie Fanny sehr

behutsam behandelt werden müssen.

»Und wissen Sie, Madame,« begann er das Gespräch in einem Tone, der den

Ausdruck achtungsvoller Vertraulichkeit trug, ohne jene durchschimmernde

Leidenschaftlichkeit, welche dem vorhergehenden Gespräch einen so

eigenthümlichen Charakter aufgeprägt hatte, »wissen Sie, welche

Angelegenheit mich schon so früh nach Paris geführt und mich den Freuden

der Jagd in meinen schönen Wäldern so bald Adieu sagen ließ?«

Die junge Frau lächelte mit einer verneinenden Geberde.

»Die Politik,« fuhr der Vicomte fort, »ich bin Deputirter der

Nationalversammlung, und ich und meine Freunde halten es für hohe Zeit,

diesem republikanischen Komödienspiel ein Ende zu machen und Frankreich

seinem rechtmäßigen Herrscher wiederzugeben.«

»Wen nennen Sie den rechtmäßigen Herrscher Frankreichs?« frug Fanny,

überrascht, in dem Vicomte, welchen sie bis jetzt blos für einen jungen

Elegant gehalten, auch einen Politiker zu entdecken.

»Wie, Madame?« rief der junge Edelmann lebhaft aus, »können Sie einen

Augenblick daran zweifeln, daß ich ein anderes Banner auf dem Schlosse der

Tuilerien sehen will, als das mit den königlichen Lilien von Frankreich?

Wir Söhne des alten Frankreich kennen nur Einen rechtmäßigen Herrscher und

das ist Heinrich V.«

»Und haben Sie wirklich gegründete Hoffnung, Ihren König wieder auf dem

Throne Frankreichs zu sehen?«

»Sie können noch zweifeln, Madame? Ehe ein Jahr vergeht wird der Enkel

König Karl's X. in dem Schlosse seiner Ahnen wohnen.« In seiner lebhaften

Weise theilte nun der Vicomte der jungen Frau die Pläne der Legitimisten in

der Nationalversammlung mit, wie sie im Bunde mit den andern Parteien der

Ordnung zuvörderst die Nationalversammlung und die Republik in den Augen

des Volks zu entwürdigen suchen müßten, um dann mit einem kühnen Schlage

die weiße Fahne in Paris aufzupflanzen. Er erzählte Das in einem Tone der

Vertraulichkeit, mit einem Ausdrucke der Hingebung an die Sache, wie man es

vielleicht einem Freunde gegenüber thut, aber nicht einer jungen Frau; er

schien ganz zu vergessen, daß nicht ein Mann, ein Politiker vom Fach ihm

zuhörte, sondern eine schöne junge Dame, die am Ende doch zu wenig in die

französischen Parteiverhältnisse eingeweiht war, um für diese Dinge ein

großes Interesse zu hegen.

Für Fanny lag in dieser Vertraulichkeit des Vicomte ein Reiz, dem sie sich

nicht entziehen konnte. Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne,

daß der Vicomte ihr gegenüber nicht blos den liebenswürdigen Mann, sondern

auch den Politiker zeigte; sie mußte voraussetzen, daß der Vicomte sie für

bedeutender hielt als tausend ihres Geschlechts, für welche er vielleicht

galante, zärtliche Worte, aber nie ein ernsthaftes Gespräch, welches sich

um so wichtige Interessen drehte, gehabt hätte. Und als sie sich endlich

trennten, da erhielt der Vicomte nach kurzem Zögern das Versprechen

der jungen Frau, einer der nächsten Sitzungen der Nationalversammlung

beizuwohnen, in welcher die legitimistische Partei einen Antrag auf

Zurückberufung der Prinzen des Hauses Bourbon stellen würde.

Gegen ihren Gatten schwieg sie über das Zusammentreffen mit dem Vicomte.

Es war das erste Geheimniß, welches sie vor ihrem Manne verbarg, es sollte

nicht das letzte sein.

Wenige Tage nach dieser ersten Begegnung hörte sie auf der Damentribüne

der Nationalversammlung den Vicomte von Grandlieu für die Aufhebung der

Verbannungsgesetze gegen die Prinzen des Hauses Bourbon sprechen. Der junge

legitimistische Edelmann sprach mit Feuer und einer gewissen Eleganz des

Ausdrucks, welche die vornehme Damenwelt des Faubourg St. Germain, die in

ihren glänzendsten Toiletten auf der Zuhörertribüne erschienen war, zu den

lebhaftesten Beifallsbezeigungen hinriß.

Der Vicomte warf einen Blick nach dem Damenflor, der ihm eine so

schmeichelhafte und rauschende Huldigung darbrachte. Aber sein Auge glitt

theilnahmlos an allen den reizenden Herzoginnen, Marquisinnen, Gräfinnen

und Baroninnen vorüber und blieb an der Gestalt einer jungen Frau haften,

die in einem einfachen Kleide von dunkler Seide, den Shawl fest um

die Schultern gezogen, den Oberkörper leicht an eine Säule der Tribüne

gestützt, mit strahlenden Blicken den Triumph betrachtete, welchen der

Vicomte feierte.

Purpurröthe färbte ihr Gesicht, als ihr Auge dem des Vicomte begegnete, ein

leiser Schauer ließ ihre schlanke, zarte Gestalt erbeben, und wie von

einer plötzlichen Schwäche ergriffen sank sie auf ihren Sitz zurück. Aber

trotzdem entging ihr nicht, wie einige nahestehende Damen, welche dem Blick

des Vicomte gefolgt waren, ihre Augen auf sie richteten. Sie hörte leise

Flüsterworte, wie eine Dame der andern Bemerkungen ins Ohr raunte.

»Ein interessantes Gesicht,« sprach eine alte Herzogin zu ihrer Nachbarin,

einer jungen blonden Gräfin, »nur etwas zu selbstbewußt.«

»Sie ist wirklich reizend,« gab die junge Frau zurück, während sich ein

leichter Seufzer ihrem Busen entrang; »aber wer mag sie wohl sein?«

Nach Beendigung der Sitzung erwartete der Vicomte die junge Frau am Portal

und hob sie in seinen bereitstehenden Wagen. Dann nahm er ihr gegenüber

Platz und befahl seinem Kutscher nach dem Boulogner Wäldchen zu fahren.

Es verging eine Viertelstunde, ehe zwischen den Beiden ein Wort gewechselt

wurde, aber eine desto lebhaftere und innigere Sprache redeten die Augen.

»Sie haben heute eine Schlacht gewonnen,« begann Fanny endlich.

»Sie wollen sagen: wir sind besiegt, aber nicht geschlagen worden; denn

wenn unser Antrag auch nicht angenommen wurde, so geschah Das nicht

deßhalb, weil man unsere Gründe durch Gegengründe widerlegte, sondern weil

man uns durch das Gewicht der Mehrheit erdrückte.«

Eine Kutsche, in welcher jene alte Marquise und die junge blonde Gräfin von

der Zuhörertribüne der Nationalversammlung saßen, rollte vorüber.

Der Vicomte von Grandlieu grüßte mit einer Verbeugung, während ein leiser

spöttischer Zug um seine Lippen schwebte.

»Die arme Gräfin,« sprach er zu Fanny gewendet, »sie war blos deßhalb

auf die Tribüne gekommen, um ihren Gatten, den Grafen von Bonville, als

Demosthenes zu bewundern. Der Arme bekam aber das bekannte Fieber, welches

den Soldaten, der zum ersten Male in die Schlacht geht, ebenso befällt,

wie den Komödianten, wenn er zum ersten Male vor die Lampen tritt, oder den

Priester, wenn er seine erste Predigt hält.«

»Desto mehr waren Sie der Gegenstand ihrer Bewunderung,« entgegnete Fanny

in einem gewissen piquirten Tone, »sie applaudirte Ihnen wie ein Claqueur

in der großen Oper.«

Trotz der Ironie, die durch diese Bemerkung schimmerte, brach ein

freudestrahlender Blick aus dem Auge des Vicomte, und indem er sich rasch

nach vorwärts beugte und einen Kuß auf Fanny's Hand drückte, flüsterte er:

»Und doch kann ich Ihnen versichern, daß mich alle diese Zeichen des

Beifalls kalt ließen, und daß ich mich durch den stummen Blick einer jungen

Frau, welche dicht an einer der Säulen der Zuhörertribüne stand, mehr

beglückt fühlte, als durch alle diese rauschenden Acclamationen.«

Eine tiefe Röthe färbte Fanny's Stirn bei diesen Worten des Vicomte und mit

banger Beklommenheit senkte sie den Blick nieder.

Auch der junge Mann versank in ernstes Sinnen, und so hatten sie den Saum

des Hölzchens erreicht, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen gewechselt

worden wäre.

Der Wagen lenkte in eine der Seitenalleen ein, welche das Wäldchen nach

allen Richtungen hin durchkreuzen.

Es war in der düstersten und trübsten Jahreszeit, Ende November.

Ein leichter Schneefall hatte die Bäume des Waldes weiß gefärbt, graue

Wolken bedeckten den Himmel, ein kalter Wind strich über die Erde. Dichte

Schaaren von Krähen und Dohlen saßen stumm auf den entlaubten Zweigen und

flogen mit mißtönendem Geschrei und schwerem Flügelschlag davon, wenn

die Peitsche des Kutschers durch ihren Knall die Waldeinsamkeit und tiefe

Stille unterbrach.

Fanny gehörte nicht zu den sentimentalen Naturen, deren Seele von dem

trüben Eindruck eines melancholischen Landschaftsbildes in Schwermuth

versenkt wird, aber dennoch fühlte sie allmälig eine gewisse Traurigkeit

ihre dunklen Fittige über ihr Herz ausbreiten.

»Lassen Sie uns zur Stadt zurückkehren,« sprach sie zu dem Vicomte,

»diese öde Stille, dieses Schweigen in der Natur macht mich traurig und

verstimmt.«

Auf den Lippen des jungen Mannes erschien ein leichtes Lächeln.

»Das ist wohl noch eine Erinnerung an Deutschland, die Sie aus diesem

nebligen Lande mit herüber gebracht haben in unser sonniges Frankreich, wo

solche Tage wie der heutige zu den Ausnahmen gehören. In Deutschland sollen

sich wenigstens die Dichter an grauen trüben Nebeltagen an Mondschein,

Regenschauer und Nordwind begeistern.«

Fanny schüttelte verneinend das Haupt.

»Ich habe Nichts mit diesem Lande gemein, seine Sitten, Gewohnheiten und

Ideen sind mir heute ebenso fremd wie an dem Tage, als ich es zum ersten

Male betrat.«

»Und vergessen Sie, Madame,« flüsterte der Vicomte in leisem Tone, die

Augen auf seinen Hut, den er zwischen den Händen drehte, gerichtet,

»daß Sie das festeste Band mit Deutschland verknüpft, daß Ihr Gatte ein

Deutscher ist?«

»Sie haben sich versprochen, Herr Vicomte,« entgegnete die junge Frau mit

einem Ernst im Ausdruck von Miene und Sprache, welcher den jungen Mann fast

einschüchterte, »Sie wollten von einem andern Bande sprechen, welches

mich vielleicht an jenes Land ein wenig fesselt, von meinem Kinde, das ich

anbete, und dessen Vaterland jenseits des Rheins liegt.«

Damit brach die Unterhaltung über diesen Gegenstand ab, gewiß in so

bedeutsamer Weise, daß sie dem Vicomte eine klare Einsicht in die

Empfindungen der jungen Frau gestattete.

Von diesem Tage an sahen sich die Beiden täglich. Entweder war Fanny auf

der Tribüne der Nationalversammlung oder sie traf den Vicomte in dem Café

Tortoni auf dem Boulevard der Italiener.

Ihr Gatte frug nie nach ihren Ausgängen, sie mochte längere oder

kürzere Zeit weg bleiben, es war eine solche Entfremdung zwischen ihnen

eingetreten, daß sich ihr gegenseitiges Gespräch nur auf das Nothwendigste,

Unerläßlichste beschränkte. Die Beziehungen zwischen dem Vicomte und Fanny

wurden mit jedem Tage inniger. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn es anders

gekommen wäre.

Der junge Edelmann war allerdings in gewissem Sinne Das, was man einen

Lebemann, einen Bonvivant nennt, allein er war nicht der schlimmsten einer.

Er konnte, wie aus seiner Beschäftigung mit den politischen Angelegenheiten

hervorging, sich auch noch für etwas Höheres begeistern, als für die Damen

von der großen Oper, Ballettänzerinnen, Pferde, Spiel, Toiletten- und

Boudoirgeheimnisse. Er fühlte, wie seine Empfindungen gegen Fanny immer

mehr den Charakter einer leidenschaftlichen Liebe annahmen, wie das Bild

der jungen Frau sein Wesen von Tag zu Tag mehr erfüllte und die Trennung

von ihr ihm immer unerträglicher wurde. Hier handelte es sich nicht um eine

jener flüchtigen Leidenschaften, die, geboren im Rausche der Sinne, ebenso

schnell erlöschen, wenn den Sinnen ihr Recht geworden, es war eine ernste

Herzensneigung, die ihn zu Fanny hinzog.

Und daß er ihr nicht gleichgültig war, daß ein höheres Interesse sie zu ihm

hinzog, als das der Geselligkeit und das Bedürfniß des Umgangs mit einem

Mann aus jenen Kreisen der Gesellschaft, denen sie vor ihrer Vermählung

selbst angehört: Das hatte der Vicomte aus einer Menge kleiner Zeichen

errathen.

Wir sagen absichtlich: kleiner Zeichen; denn es ist die charakteristische

Eigenthümlichkeit mancher Frauen, besonders solcher, bei denen die Liebe

mit Stolz und Selbstbewußtsein kämpft, ihre Neigung, den Zug ihres Herzens

dem geliebten Manne durch anscheinend gleichgültige Kleinigkeiten zu

verrathen, deren wahre Bedeutung nur das Auge der Liebe erkennt.

Indessen gehört unstreitig eine große Selbstbeherrschung hiezu, wenn zwei

so lebhafte und bestimmt ausgesprochene Naturen, wie Fanny und der Vicomte

es waren, längere Zeit einen so peinlichen Zustand ertragen sollen.

Eines Tages kurz vor dem Christabend faßte der Vicomte einen festen

Entschluß.

Er schrieb folgenden Brief an die junge Frau:

»Es liegt weder in meinem Charakter noch in meiner Kraft, den gegenwärtigen

Zustand, unter welchem ich und, wenn mich nicht Alles täuscht, unter

welchem auch Sie, Fanny, leiden, noch länger zu ertragen. Wie auch Ihre

Entscheidung ausfalle, jedenfalls werden Sie mir nicht darüber zürnen, daß

ich als Mann den Schritt gewagt und diese Entscheidung herbeigeführt habe.

»Mit einem Worte sei die glühendste Sehnsucht meines Herzens, das Glück

meines Lebens ausgesprochen: werden Sie die Meine. Trennen Sie Ihr Geschick

von dem eines Mannes, welchen Sie, ungeachtet ich weder seinen Charakter

noch seinen Geist anzugreifen wage, nicht mehr lieben, scheiden Sie von

einem Manne, für welchen auch Sie nicht mehr jenes Ideal sind, das er in

Ihnen zu finden glaubte. Es ist ein schwerer Schritt, ein großes Opfer,

welches ich von Ihnen verlange, theure Fanny. Gewohnheit, Scheu vor der

Welt, vor Ihren Angehörigen, vielleicht auch noch ein gewisses Mitgefühl

für den Mann, welcher Ihr Gatte war und der Vater Ihres Kindes ist, das Sie

anbeten, selbst die Erinnerungen an gemeinschaftlich überstandene Leiden

und Freuden, alles Dies wird Ihnen einen harten Kampf bereiten.

»Aber Sie haben eine kühne muthige Seele, theure Fanny, ein stolzes und

doch so liebeglühendes Herz, und Sie werden siegreich aus dem Kampfe

hervorgehen.

»Besser ein kurzer, scharfer Schmerz, als dieses langsame Verbluten, dieses

Hinwelken der Lebenskraft in unglücklichen Verhältnissen, die für alle

Theile, für Sie, Ihren Gatten, für mich, ja sogar für Ihr Kind eine

Qual sind. Vor einer Trennung von Ihrem Kinde schützen Sie die Gesetze

Frankreichs. Bis zum fünften Jahre gehört das Kind der Mutter. Für die

spätere Zukunft überlassen Sie mir die Sorge.

»Ich dränge Sie nicht um eine Antwort. Ich verlange auch keine

schriftliche, sondern möchte die Entscheidung aus Ihrem eigenen Munde

hören. Fällt sie gegen mich, so ist mein Entschluß gefaßt.

»Von morgen an wird ein Wagen mit einem treuen zuverlässigen Diener täglich

in den Abendstunden zwischen sechs und acht Uhr wenige Schritte von Ihrer

Wohnung entfernt warten. Sobald Sie mit Ihrem Entschlusse einig geworden,

bitte ich Sie, zu mir zu kommen. Meinem Diener können Sie sich ohne Furcht

anvertrauen, er ist mir ganz ergeben.

»Doch zögern Sie nicht zu lange, Fanny, und bedenken Sie, daß jeder Tag der

Ungewißheit für mich zu einer qualvollen Ewigkeit wird. Immer

Paris, 16. December 1849.

Ihr

Edmund von Grandlieu.«

Einen Tag nach dem Empfang dieses Briefes, es war beim Anbruch der

Dämmerungsstunde, Walther hatte eben die kleine Mimi auf dem Schooße und

sang ihr das alte deutsche Wiegenlied von dem

»Eia popeia, was raschelt im Stroh?

Es sind kleine Gänschen, die haben keine Schuh.«

sprach Fanny zu ihrem Gatten:

»Wir müssen uns trennen, Walther, ich fühle es, daß es nothwendig ist zu

unserem Glücke. Für das Deinige, für das meinige, und vor Allem für das

Glück unseres Kindes.«

Dennhardt hielt mit seinem Liede inne, hob den Kopf von der Wange der

Kleinen empor und richtete einen bis in das Innerste der Seele dringenden

Blick auf seine Frau, die am Fenster saß und deren Züge von dem letzten,

bleichen, kalten Strahl der untergehenden Decembersonne erleuchtet wurden.

»Was sprachst Du da?« frug er, und seine Stimme bebte ein wenig trotz

seiner Selbstbeherrschung.

»Ich sprach,« wiederholte Fanny, und an dem Zittern ihres Tones und der

Langsamkeit, mit welcher sich die Worte mühsam hervordrängten, erkannte

man die Schwere des Kampfes, der diesem Entschlusse vorhergegangen, »ich

sprach, daß es für uns Alle besser sein würde, wenn ein Jedes seinen

eigenen Weg geht. Du wirst gewiß auch schon daran gedacht haben. Unsere

Ansichten, unsere Charaktere sind zu verschiedener Natur. Ich will Dir

keinen Vorwurf machen, Walther, ich trage vielleicht eben so große Schuld

an der Scheidewand, welche sich zwischen uns aufgethürmt hat, allein ich

fühle die Kraft schwinden dieses Leben länger in dieser Weise fortzuführen.

Wir verstehen uns nicht mehr, wir sind einander fremder geworden als Leute,

welche sich zum ersten Male im Leben begegnen. Darum laß uns ruhig von

einander scheiden, ohne Haß, ohne Zorn.«

Sie athmete tief auf und drückte das Gesicht gegen die Fensterscheibe, die

Entgegnung ihres Mannes erwartend.

Es verging eine Viertelstunde und noch immer verharrte Walther in tiefem

Schweigen. Die Dunkelheit war indessen völlig eingebrochen, das Kind

im Arme des Vaters eingeschlafen und eine bängliche, unheimliche Stille

herrschte in dem Zimmer.

Endlich erhob der Mann sein Haupt und sprach mit einer zwar etwas dumpf

klingenden, aber festen Stimme, welcher man Nichts von dem Kampfe anmerkte,

der in diesem Augenblicke in der Brust des Verbannten getobt:

»Und wie soll es mit dem Kinde werden?«

Fanny zuckte zusammen. Diese Frage hatte sie erwartet -- und gefürchtet.

Das Kind, diese kleine Mimi! Sie wußte, daß sie der Augapfel ihres Mannes,

sein höchstes Kleinod, sein Alles war, an dem er hing mit allen Fasern

seines Herzens.

Und sie! Sie liebte das Kind gleichfalls mit einer verzehrenden

Leidenschaftlichkeit, mit jener ungestümen, ausschließlichen Zärtlichkeit,

die man oft bei jenen Frauen findet, welche in der Liebe zu ihren Kindern

Ersatz für eine unglückliche Ehe, für die Gleichgültigkeit oder Abneigung,

für die Kälte und Untreue des Gatten suchen.

»Antworte mir,« wiederholte Dennhardt noch einmal seine Frage, »wie soll es

mit dem Kinde werden?«

Angstvoll suchte sie nach einem Ausweg.

»Ich kenne die Gesetze dieses Landes nicht,« antwortete sie endlich mit

zögernder ungewisser Stimme, »aber ich stelle ihnen die Entscheidung

anheim; was sie auch bestimmen mögen, ich werde mich ihnen unterwerfen.«

Walther erhob sich mit einer raschen Bewegung. Das Kind fest an seine Brust

gedrückt, trat er dicht an Fanny heran, so dicht, daß ihre Wange von dem

glühenden Hauche seines Athems gestreift wurde.

»Ah! Madame,« sprach er mit leiser, aber vor tiefster Aufregung bebender

Stimme, »die Gesetze Frankreichs wollen Sie über Ihr, über mein Kind

entscheiden lassen? Nun wohlan, so merken Sie es sich, daß ich, wenn es

sich um mein Kind handelt, nur den Gesetzen in meiner Brust folgen werde.

Und diese Gesetze gebieten mir, Ihnen unter keiner Bedingung die Seele

eines Kindes anzuvertrauen, welches Sie verderben würden.«

Fanny war bleich geworden zum Erschrecken, während ihr Mann ihr diese

schneidenden Worte in's Ohr raunte.

Noch nie hatte sie von ihm diesen Ton, dieses so beleidigend klingende

»Sie,« noch nie eine so grausame Beleidigung gehört, als die war, welche er

ihr in diesen wenigen Worten in's Gesicht schleuderte.

»Mein Herr,« entgegnete sie endlich, »wenn ich vielleicht auch das Recht

verloren habe, von Ihnen als Ihre Gattin betrachtet zu werden, so glaube

ich doch nicht, daß Sie das Recht und die Berechtigung haben, mich mit so

empörenden Beleidigungen zu überhäufen.«

Und ohne eine Antwort abzuwarten ging sie ins Nebenzimmer, dessen Thür sie

hinter sich verschloß.

Seit diesem Auftritte, welcher acht Tage vor dem Christabende

stattgefunden, war zwischen den beiden Gatten kein Wort mehr über diese

Angelegenheit gewechselt worden. Es war überhaupt zwischen ihnen nur

das Nothdürftigste gesprochen worden, das Unerläßliche, was durch die

Verhältnisse des Zusammenseins eben noch geboten wurde.

In diesen acht Tagen, qualvoll für Beide, hatte Fanny ihren Entschluß

gefaßt. Der Christabend war der Tag der Entscheidung. Mit klopfendem, aber

entschlossenem Herzen trat sie an jenem Abend aus der Thür ihres Hauses, um

in den Wagen des Vicomte zu steigen, der sie nach kurzem viertelstündigen

Fahren vor das große prächtige Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix

brachte.

Beim Aussteigen zog sie den Schleier dicht zusammen und senkte, wie von

einer unwillkürlichen Bewegung ergriffen, der sie nicht zu widerstehen

vermochte, das Haupt mit einer leisen Geberde der Scham zur Erde. Und als

sie ihren Fuß auf die erste Marmorstufe der Freitreppe setzte, da fühlte

sie ein Beben durch ihren Körper rieseln, wie ein Mensch, der auf die

Treppe des Schaffots tritt.

Wenn sie Walther nur einer einzigen Treulosigkeit schuldig geglaubt, so

würde sie diesen Schritt ohne alle Scrupel gethan haben.

»In der Ehe,« hatte sie oft gesprächsweise gegen Walther geäußert, und er

hatte ihr von seinem Standpunkte aus vollkommen beigestimmt, »in der

Ehe ist Alles auf Gegenseitigkeit gegründet. Ich protestire gegen die

beschränkte Anschauungsweise, welche die Treue bloß von den Frauen fordert,

während sie den Männern die Erlaubniß ertheilt sich darüber hinwegzusetzen.

Das heißt die Frau herabwürdigen und erinnert mich an jene Hundetreue,

welche die Hand leckt, die sie eben gezüchtigt hat. Der allein ist

schuldig, welcher zuerst die Treue bricht, er löst den Vertrag und

entbindet dadurch auch den andern Theil seiner Pflicht. Es mag duldende,

schwache Frauen geben, welche sich auch dem ausschweifendsten Wüstling

gegenüber für gebunden erachten, ich aber gehöre nicht zu diesen

Duldernaturen.« Aber er hatte ihr _nie_ die geringste Veranlassung gegeben

an seiner Treue zu zweifeln -- und nun mußte sie den ersten Schritt thun.

Unter dem Portal empfing sie der Vicomte mit einem Leuchter in der Hand. Er

war allein, weder ein Kammerdiener, noch sonst ein Lakai ließ sich sehen.

»Gesegnet sei die Stunde, in der Dein Fuß dieses Haus betritt, Fanny,«

flüsterte er und ergriff ihre Hand, die er leidenschaftlich bewegt an seine

Lippen drückte.

»Möge ich nie bereuen, was ich heute thue,« entgegnete sie.

»Nur Schwächlinge bereuen, Fanny, und Sie gehören zu jenen starken Naturen,

die entweder brechen oder siegen.«

Während dieser leise gewechselten Reden hatte der Vicomte die junge Frau

über einen Corridor, auf dessen weichen Teppichen die Tritte lautlos

verhallten, in ein Zimmer geführt, welches den gemischten Charakter eines

Boudoirs und eines eleganten Studiercabinets trug. Herabgelassene

Gardinen von dunkelrother Seide, eine Tapete von ernster brauner Farbe mit

Goldleisten, Sessel =à la= Voltaire mit violettem Sammet, fein gearbeitete

Pfeiler- und Spiegeltischchen, auf welchen eine Menge kleiner interessanter

Spielereien standen, zwei mäßige Bücherschränke mit wissenschaftlichen und

dichterischen Werken, ein elegant gearbeiteter Schreibtisch, über welchem

einige Waffen, alte Stücke aus dem Mittelalter, und das Porträt des

Herzogs von Bordeaux hingen, bildeten die Ausstattung des Cabinets, dessen

Atmosphäre durch die knisternde Flamme in dem Kamin von bläulichem Marmor

angenehm erwärmt war.

Der junge Vicomte führte Fanny zu einem Sessel, in welchem die junge Frau

wie erschöpft von einem weiten Wege niedersank, und nahm dann ihr gegenüber

Platz.

Sie drückte die Hände vor die Augen, stumm und regungslos, während der

Vicomte gleichfalls in tiefem Stillschweigen auf den Boden niederblickte.

Endlich nach einer langen, langen Weile ließ sie die Hände sinken, ihr

Blick begegnete dem des Vicomte.

Sie sah blaß aus, sehr blaß; aus ihren Augen strahlte ein übernatürlicher

Glanz und ihre Stimme klang matt und bebend: als sie flüsterte:

»Edmund ... werden wir auch glücklich sein?«

»Fanny,« und er sank vor ihr auf seine Knie, »kannst Du zweifeln? Die

Sterne einer geweihten Nacht leuchten uns zu dem feierlichen Augenblicke,

in dem wir den Bund für's Leben schließen, aber goldener und strahlender

als alle die Gestirne des Himmels, welche dort oben glänzen, leuchtet

der Stern der Liebe in meiner Brust -- möge Gott mich einst vor seinem

Richterstuhle verwerfen, wenn dieser Stern jemals untergehen sollte.«

»Schwöre nicht,« sprach sie, die Hand abwehrend erhebend, »Schwüre werden

oft zu lästigen Fesseln, die deßhalb immer unerträglicher werden, weil

man glaubt, daß man sich nicht von ihnen befreien kann, ohne die Rache

der Gottheit wach zu rufen. Der freie Wille ist oft ein festeres Band als

tausend Schwüre und Eide. Doch nun laß uns von den nächsten Aufgaben reden,

denn Du begreifst, daß ich von heute an meinen Aufenthalt in der Wohnung

Dennhardt's nur noch nach Tagen zählen kann.«

Es lag so etwas Tiefernstes, Feierliches in der Art und Weise, mit welcher

sie alles Dies sprach, daß der junge Vicomte, so leidenschaftlich er

auch in Liebe und Verlangen aufglühte, doch in eine ernste Haltung

zurückgescheucht wurde.

»Ich habe,« sprach er, »mit einem der besten Advocaten von Paris

Rücksprache genommen. Es werden wenig Schwierigkeiten zu überwinden sein,

da Ihr Beide protestantisch seid.«

»Aber das Kind, meine süße liebe Mimi,« unterbrach die junge Frau den

Vicomte, »was war sein Urtheil darüber?«

Der Vicomte zögerte mit der Antwort.

»Bis zum fünften Jahre,« sprach er endlich, »würde es unbestritten der

mütterlichen Obhut anvertraut werden müssen, von da an aber ...«

Er hielt stockend inne.

»Weiter, weiter, Edmund,« drängte Fanny, die ihm jedes Wort von den Lippen

zu nehmen schien, »was sprach er über die fernere Zukunft?«

»Ueber die fernere Zukunft, meinte er, könne sich leicht eine Controverse

entspinnen ... da Dennhardt kein französischer Staatsbürger, sondern ein

Deutscher und als solcher ...«

»Genug, genug,« rief Fanny, ihn von Neuem unterbrechend, aus, »ich verstehe

... Vom fünften Jahre an wird er das Recht haben mir mein Kind zu rauben.

Du siehst wohl, Edmund,« setzte sie traurig hinzu, »daß wir auf unser Glück

verzichten müssen.«

»Fanny, Fanny, so leicht giebst Du mich auf?« rief der junge Mann mit

schmerzlichem Ausdrucke, »ohne zu kämpfen, ohne zu wagen! Können wir nicht

mit Deinem Kinde in den fernsten Winkel der Erde fliehen, wo uns der Arm

jenes Mannes nicht erreichen kann, können wir nicht durch tausend Listen

seine Nachforschungen und Verfolgungen vereiteln? Ich bin reich, Fanny,

und Du weißt, daß das Geld heut zu Tage alle Hindernisse und alle

Schwierigkeiten besiegen kann.«

Die junge Frau versank in ein tiefes Nachdenken. Dann erhob sie ihr Haupt,

fest und entschlossen.

»Wohlan! ich will es wagen ... Als Du mir vorhin schwören wolltest, da

sprach ich: schwöre nicht. Jetzt verlange ich einen Schwur von Dir, einen

Schwur bei Allem was Dir theuer und heilig, den Schwur, selbst Dein Leben

daran zu setzen, um mir mein Kind zu sichern.«

Der Vicomte von Grandlieu erhob mit feierlicher Geberde die Hand.

»Ich schwöre,« sprach er.

»Und ich,« flüsterte Fanny, indem sie ihre Arme um seinen Nacken schlang

und ihm tief und glühend in die Augen blickte, »und ich bin von diesem

Augenblicke an Dein ...«

Ein kleines Kind: Weihnachts-Novelle · 第 7 / 10 题