Der Winter lag auf der Stadt Paris, ein echter nordischer Winter mit
Schneegestöber und schneidender Kälte. Weihnachten, das heilige Fest,
an welchem die Engel des Himmels wie die Engel der Erde die kleinen
Kinderherzen, aufjauchzen in seliger Freude, stand vor der Thür.
Noch wenige Stunden und herab senkte sich auf die dunklen Fluren die
geweihte Nacht, die einst mit den erhabenen Worten der Verheißung: »Ehre
sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!« den armen Hirten verkündigt
wurde.
Friede auf Erden! Hohe, schöne Botschaft der himmlischen Heerschaaren! Aber
wo ihn suchen, um ihn zu finden diesen Frieden, von dem die Engel auf jenem
Felde Palästina's sangen? In der Natur, wo oft urplötzlich entfesselte
Kräfte mit wilder dämonischer Gewalt losbrechen, Zerstörung und jähe
Vernichtung in ihrem Gefolge? Bei den Thieren des Feldes oder des Waldes,
die vom Hunger gestachelt in blutigem Kampfe sich zerfleischen? Oder bei
den Menschen? Vielleicht in ihren Tempeln, wo sie Gott dienen und derselbe
Priester, der über Euch den Segen spricht, seinen Fluch auf Die schleudert,
welche andern Glaubens sind? Oder in den Schulen und Hörsälen, wo die
Quellen der Weisheit fließen und die Jünger der Wissenschaft, die nach
derselben einzigen und ewigen Wahrheit suchen, so oft ihre beste Kraft
vergeuden in fruchtlosem Gezänke über leere Formen? Oder in den Palästen
der Könige, wo feile Schmeichler das Ohr der Mächtigen vergiften und
Zwietracht und Furcht säen zwischen Volk und Fürst? Und wenn Ihr wie jener
Unselige, der den Heiland mit der Kreuzeslast fluchend von seiner Schwelle
stieß, Jahrhunderte lang über den Erdball wandertet, Ihr würdet ihn nimmer
an diesen Stätten finden jenen stillen sanften Frieden, nach welchem unser
Herz sich so tief sehnt, wenn es gebrochen, aus tausend Wunden blutend, die
ihm der Kampf des Lebens geschlagen, im wilden Schmerze zusammenzuckt. So
sucht den Frieden an der Brust eines Freundes, in den Armen eines liebenden
Weibes!
Aber wenn Ihr nicht verblendet seid und Schaumgold mit edlem Metall
verwechselt, dann müßt Ihr gestehen, daß die echten Freunde wie die
liebenden Frauen so selten sind wie jene blaue Blume, deren Duft die
Zauberkraft hat, kranke Herzen zu heilen, die von tiefster Sehnsucht nach
einem Glück gequält werden, welches auf Erden nie zu finden ist. So suchen
wir vergebens den Frieden auf Erden? »Suchet und Ihr werdet finden!« Suchet
ihn da, wo ihn jener Mann gefunden hat, den wir als Verfolgten das deutsche
Land verlassen und nach der großen Stadt Paris fliehen sehen, wo er seit
vier Monaten mit Weib und Kind weilt.
Es ist Abend geworden, heiliger Abend. Walther Dennhardt sitzt in demselben
Zimmer, in welchem wir ihn an jenem Septembernachmittage brütend fanden,
vor einem Tisch, um den Christbaum für sein Kind zu schmücken, für sein
liebes kleines Kind.
Hinter dem Ofenschirm schlummert sie in ihrem Wiegenbett, die kleine Mimi,
die vor zwei Monaten ihren ersten Geburtstag gefeiert hat.
Horch! jetzt regt und streckt es sich in dem Bettchen, ein leichter
Aufschrei, und mit einem Sprunge ist der Vater an des Kindes Wiege.
»Ausgeschlafen, meine kleine Mimi?« lächelte er dem Kinde entgegen, während
ein goldiger Freudenschimmer des ernsten Mannes Züge verklärt. Und das
Kind streckt ihm mit dem süßen Rufe »Papa« lächelnd die kleinen runden Arme
entgegen.
Er hebt es zu sich empor und bedeckt das kleine rosige Gesicht mit Küssen,
während Mimi mit ihren Händchen ihm jauchzend den Bart zaust. Da erblickt
die Kleine den grünen Tannenbaum mit den goldenen Nüssen und silbernen
Aepfeln und dem bunten Zuckerwerk, und in die Hände klatschend stößt sie
einen hellen Schrei aus.
Mit einem Blick unaussprechlicher Zärtlichkeit betrachtete Dennhardt
die kleine Mimi, welche nach dem ersten Ausbruch ihres Jubels still die
Herrlichkeiten des Christbaums anstaunte. Sie war sein Alles, die kleine
Mimi, seine Freundin, seine Geliebte, seine Welt, sein Ideal. Es war
ein herziges, liebes Kind, ein kleiner holder Engel, wie ihn Raphael's
Phantasie in ihrer glücklichsten Stunde nicht reizender träumen konnte.
Die blonden weichen Locken, welche den kleinen Kopf umwallten, die lieben
braunen Augen, welche so frisch in die Welt hineinblickten, das rosige
Plappermäulchen, hinter dessen rothen Lippen schon der weiße Schmelz der
ersten Zähne hervorglänzte, das weiche runde Kinn mit dem kleinen Grübchen,
die helle Stirn mit ihrem Schimmer reinster Unschuld, auch ein kälteres
Herz, als es das Herz eines Vaters ist, hätte die Kleine lieben müssen.
Da klingelte es draußen an der Thüre des Vorzimmers, leichte Schritte
wurden hörbar. Die Kleine hob das Köpfchen von der Schulter des Vaters und
fröhlich in die Händchen klatschend rief sie: »Mama ... Mama ...«
Fanny trat ein.
»Mimi!« und Hut und Mantel abwerfend eilte sie auf die Kleine zu, welche
ihr jauchzend entgegenzappelte.
Sie nahm das Kind aus Walther's Armen und zog es an ihre Brust, das kleine
Köpfchen mit unzähligen Küssen bedeckend.
Wer in diesem Augenblicke Beobachter dieser Scene gewesen, Zeuge von den
Ausbrüchen der leidenschaftlichen Zärtlichkeit gegen das kleine reizende
Wesen, der würde sicher geglaubt haben, daß in dieser kleinen einfachen
Wohnung des deutschen Flüchtlings sich ein Tempel des häuslichen Glückes
aufgerichtet, wie man ihn in Millionen von Palästen und Hütten vergebens
sucht.
Und doch hätte er nur den einen Blick, welchen die beiden Gatten bei ihrem
Wiedersehen mit einander wechselten, auffangen müssen, um zu erkennen,
daß dieses Kind das einzige, letzte Band noch war, welches die Beiden an
einander fesselte. Wem aber jener Blick noch nicht Alles gesagt, der
hätte an dem Tone von Walther's Stimme erkannt, daß hier zwei Herzen neben
einander schlugen, die sich so fremd geworden waren, daß keines mehr den
Schlag des andern verstand.
»Es beginnt zu dunkeln, geh' mit der Kleinen so lange in das Schlafzimmer,
bis ich den Baum angezündet habe. Wo sind die Puppen und die anderen
Sachen?«
»Der Commissionär wird sie auf dem Vorsaal abgelegt haben,« entgegnete die
junge Frau, in das Nebenzimmer gehend, in einem Tone, der so kalt, so eisig
war, wie der Nordwind, der vom Montmartre herab durch die Straßen der Stadt
fegte.
Dennhardt sah ihr mit einem langen ernsten Blicke nach.
»Wir beide haben mit einander abgeschlossen,« sprach er für sich, »aber das
Herz des Kindes sollst Du mir nicht rauben, Du verblendetes stolzes Weib,
das nicht leben kann ohne jenes nichtige Rauschgold und jenen Flittertand,
dem die Narren nachjagen, um darüber das wahre echte Glück des Lebens, den
Frieden des Herzens zu verlieren.«
Weder in seinen Mienen, noch in dem Klange seiner Stimme drückte sich bei
diesen Worten etwas Schmerzliches oder Klagendes aus, er sprach diese Worte
so ruhig, so leidenschaftlos, so reflectirend, etwa wie ein Professor auf
dem Katheder über einen Satz der Moralphilosophie. Aber diese Ruhe hatte
er mit Kämpfen sich erkauft, die er nicht zum zweiten Male hätte bestehen
können. Dann trat er an den Tisch, um den Christbaum anzuzünden und den
Weihnachtstisch für seine kleine Mimi herzurichten.
Es war finster draußen, der Wind trieb dichte Wolken von Schneeflocken
durch die Straßen und gegen die Fenster der Häuser, die Bäume des Parks
stöhnten und seufzten unter der Gewalt des Wintersturmes -- in der Brust
des Verbannten aber, der hier auf fremder Erde seinem Kinde den ersten
Christbaum anzündete, da leuchtet es in diesem Augenblicke auf von hellem,
warmem Sonnenschein. Seine Mimi war es ja, für die er die Lichter
des Tannenbaums anbrannte, ihr gehörten alle die bunten flimmernden
Herrlichkeiten dieses Tisches, dem kleinen holden Engel, welchen ihm
die gütige Gottheit gesendet hatte zum Trost und zur Freude inmitten der
Wirrsale seines wild bewegten Lebens.
Endlich war Alles geordnet, er klatschte in die Hände, die Thür des
Nebenzimmers öffnete sich und mit einem Male strömte der helle Lichtglanz
in das dunkle Cabinet, auf dessen Schwelle die kleine Mimi stand, sprachlos
die Händchen in einander gefaltet, ein Bild lieblichsten Erstaunens. Ein
Wonneschauer seligsten Entzückens ging durch des Mannes Seele.
Wohl giebt es der Freuden, welche ein Menschenherz erbeben lassen, viele
und schöne, aber eine reinere, unschuldigere, süßere Freude, als ein
liebend Elternherz empfindet, wenn des ersten Christbaums Lichter in die
Seele des Kindes jenen hellen Glanz werfen, der noch nach langen,
langen Jahren durch das Dunkel des Lebens uns seinen magischen Schimmer
nachsendet, eine sanftere, beglückendere Freude giebt es nicht auf dem
Erdenrund.
Aber auch Fanny vergaß in dieser Minute alle die Dissonanzen ihres jetzigen
Lebens und versenkte sich ganz in die bewegte liebliche Kinderseele. Still
war es im Zimmer, still als wenn ein Engel durchs Gemach schwebte und
seinen Gruß dem blonden Engelsköpfchen mit den lieben braunen Augen
zuwinkte.
Allmälig erholte sich die Kleine von ihrem Erstaunen. Anfangs
mit zögerndem, dann mit lebhafterem Schritte näherte sie sich dem
Weihnachtstische, und als sie endlich dicht vor den schimmernden
Herrlichkeiten stand, stieß sie einen lauten jauchzenden Ruf aus und faßte
mit beiden Händen nach der nächsten Puppe, die sie zärtlich an ihr kleines,
vor Aufregung und Freude laut klopfendes Herz drückte.
O welch ein unendlich reicher Schatz von Liebe liegt in eines Kindes Brust,
wie sollte er gehütet werden von Denen, welchen Gott die Kinder zur
Obhut anvertraut, und wie gewissenlos wird es nur zu oft verwaltet dieses
Geschenk des Himmels, wie wird Stück für Stück dieser Juwelen der Liebe
den kleinen Kinderherzen geraubt, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und wenn sie
endlich groß sind, dann sind sie so bettelarm geworden, daß sie die
wahren Juwelen der Liebe von den falschen, unechten nicht einmal mehr
unterscheiden können. Es war Mimi's erste Puppe ... die erste Puppe! Welche
Liebkosungen, welche Zärtlichkeiten empfängt sie, wie offenbart sich an
dem Kinde und seiner ersten Puppe ein so schöner rührender Zug edelster
Menschlichkeit. Es fühlte das kleine Kinderherz die Hülflosigkeit seiner
Puppe, wie das arme Ding mit den kleinen Händen und Beinen und dem runden
rothen freundlichen Gesicht so ganz und gar auf seine Pflege und Sorge
angewiesen ist. Und nun füttert die Kleine das arme Püppchen und giebt ihm
zu trinken, Kuchen und Milch, gerade wie es Mama mit ihr zu thun pflegte,
und wickelt sie in ihre Schürze, daß sie nicht friert die arme Kleine, und
macht ihr ein Bettchen in der kleinen Wiege und drückt sie zärtlich an die
Brust und schläft endlich mit ihr ein, mit ihrer Puppe im Arm.
Und so ist auch die kleine Mimi eingeschlafen mit ihrer Puppe und des
Kindes Wange ruht an der ihres kleinen Schützlings und um die Lippen des
Kindes schwebt noch das letzte Lächeln, mit dem sie ihre Puppe angelächelt,
schon halb im Schlummer, umgaukelt von den rosigen Engeln der Kinderträume.
Da erhebt sich die junge Frau und verläßt das Zimmer, Hut und Shawl
ergreifend, und steigt die Treppe hinab und öffnet das Haus und steigt
in einen Wagen, der zwanzig Schritte von der Thür hält und dann mit ihr
fortrollt.
Und wieder sitzt Dennhardt allein an der Wiege seines Kindes.
Die Lichter des Tannenbaums sind erloschen bis auf eine einzige Kerze,
welche mit ihrem matten Schimmer das Gemach erleuchtet, auf dessen Wänden
und auf dessen Diele die Aeste und Zweige des Christbaums ihre Schatten
werfen. Der Geruch des Wachses durchzieht vermischt mit dem harzigen
Tannenduft die Luft und aus dem Halbdunkel glitzern und blinken die
goldenen Nüsse und silbernen Aepfel magisch hervor. Erinnerungen an
alte längst verklungene Zeiten gehen durch des Flüchtlings Seele. Die
freundlichen Geister seiner Kindheit schlüpfen aus den Zweigen des
Tannenbaums hervor und tragen ihn fort, weit fort von dem großen Paris in
eine kleine Stadt, inmitten der grünen Berge Thüringens. Sie führen ihn
durch die Flur eines traulichen Hauses, die Treppe hinauf, über den dunklen
Vorsaal in ein kleines Kämmerchen, dicht an dem Wohnzimmer. Und wie er so
in der dunklen Kammer steht und den hellen Lichtstreifen betrachtet, der
sich verstohlen durchs Schlüsselloch schleicht und leise über die Diele
hingleitet, da ist es ihm auf einmal, als wäre sein ganzes späteres Leben
nur ein Traum gewesen, den er in der letzten unruhigen Nacht geträumt.
Er ist wieder der zehnjährige Knabe mit den langen blonden Locken, das
fröhliche Kind, welches durch das Schlüsselloch blinzelt, um Etwas von
den Geheimnissen der Bescheerung, die darin von Vater und Mutter aufgebaut
wird, zu erlauschen.
Da öffnet sich plötzlich die Thür, ein blendend heller Lichtstrom dringt
in die dunkle Kammer, mit glücklichem Lächeln betrachten die Eltern den
überraschten Knaben, der zögernd einige Schritte gegen den Tisch wagt, wo
unter den Zweigen des Christbaums in rosig schimmerndem Kleide mit goldenen
Flügeln ein Weihnachtsengel sitzt und ihm mit dem Finger winkt.
Da verwirren sich ihm plötzlich die Gedanken. Er kennt den Weihnachtsengel
und die lieben guten Augen seines lieblichen Gesichts, er hat oft mit ihm
gespielt und getändelt, den kleinen Engel in seinen Armen herumgetragen,
ihn geküßt und geherzt, er hat ihn beim Namen gerufen, und doch weiß er
in dem Augenblicke nicht, ob er ihn Lenchen nennen soll, wie sein einziges
kleines Schwesterchen hieß, das so bald von den Engeln des Himmels
hinaufgetragen wurde zu den blauen Wolken, oder ob er Mimi heißt, wie sein
liebes süßes Kind. Wie wenn zwei Wasserströme sich vereinigen und ihre
Wellen sich vermischen, so fließen jetzt in Dennhardt's Traumgebilde
Vergangenheit und Gegenwart zusammen.
Da schlägt ein Laut an sein Ohr, ein süßer, lieblicher Laut, der ihn von
den Todten auferwecken könnte.
»Papa ... lieber Papa ...« Und gebrochen ist plötzlich der Bann, mit dem
der Traumgott ihn bestrickt.
»Meine Mimi,« ruft er und beugt sich über die Kleine, die mit heißen Wangen
in ihrer Wiege liegt, im Halbschlummer plaudernd, noch aufgeregt von den
Eindrücken des Abends, die sie noch im Traume verfolgten.
»Schlummere, mein kleiner Engel,« murmelte Dennhardt und legte seine Hand
leise auf des Kindes heiße Stirn, während er sein Haupt leicht auf den Rand
der Wiege stützte. Da erlosch auch die letzte Kerze, im tiefen Dunkel lag
das Zimmer und herab senkte sich auf Vater und Kind jener sanfte ruhige
Schlummer, der den Gerechten geschenkt wird, die reinen Herzens sind.