5. Verschwunden.

Hatte Dennhardt von der Entfernung seiner Frau, welche gegen Mitternacht

in dem Wagen des Vicomte in ihre Wohnung zurückgekehrt war, Nichts bemerkt

oder wollte er Nichts bemerken, genug, er erwähnte den immerhin auffälligen

Weggang Fanny's und ihre späte Heimkehr mit keinem Worte. Auch sonst zeigte

sich in seinem Benehmen keine Veränderung, nur daß er vielleicht, wenn Das

überhaupt möglich war, sich noch wortkarger und verschlossener zeigte.

Nach der Verabredung, welche Fanny und der Vicomte getroffen, sollte

Fanny am Sylvesterabend unter irgend einem Vorwand mit dem Kinde ausgehen,

vielleicht unter dem Vorgeben eine Spazierfahrt zu machen, dann die von

dem Vicomte für sie eingerichtete Wohnung beziehen und hieran die Scheidung

einleiten. Fanny's Charakter widerstrebte freilich dieses heimliche

Entweichen; ihrem stolzen Sinne wäre es viel lieber gewesen, wenn sie

in offnem Bruch sich von ihrem Manne hätte entfernen können. Allein der

Vicomte hatte ihr mit klugen Worten nachgewiesen, wie unbesonnen ein

solches Verfahren sein würde, wie es leicht zu einer Katastrophe führen

könnte, die für sie und das Kind verhängnißvoll werden könnte.

Und doch hatte Fanny trotz alledem immer noch geschwankt. Der Vicomte, Dies

bemerkend und eine Unbesonnenheit der jungen Frau befürchtend, hatte ihr

wenige Tage nach dem Besuche in seinem Hôtel einen Brief geschrieben, worin

er sie mit den eindringlichsten Worten beschwor, seinem Rath zu folgen.

»Ich beschwöre Dich,« schrieb er ihr, »bei unserer Liebe, bei dem Haupte

Deines Kindes, nur scheide nicht in offnem Bruch von Dennhardt. Er

würde vielleicht Dich, aber nimmermehr das Kind lassen, und wie mir mein

Sachwalter versichert, könnte Dein Mann bis zur Entscheidung des Processes

das Kind bei sich behalten. Du wirst es ihm nicht verwehren können nach

England und Italien zu gehen, sich in eine Einsamkeit mit dem Kinde zu

flüchten und Dir es für immer zu entziehen. Folgst Du aber meinem Rath,

scheidest Du mit dem Kinde von Dennhardt, ohne daß er es ahnt, so brauchen

wir Nichts zu fürchten. Meine Vorsichtsmaßregeln habe ich so getroffen, daß

er, selbst für den Fall, daß er Deine Wohnung erkundschaftet, nicht zu Dir

und dem Kinde gelangen wird.«

Dieser Brief entschied. Fanny beschloß, am nächsten Tag mit dem Kinde ihren

Gatten zu verlassen, und nur das Eine wollte sie noch thun, ihm noch einmal

in einem zurückgelassenen Schreiben die Motive dieses Schrittes darlegen.

Sie hatte die Zeilen, in welchen der Vicomte sie zugleich um eine

Zusammenkunft für den Nachmittag in dem Café Tortoni gebeten, in den

Vormittagsstunden empfangen, hatte dann in ihrem Schlafzimmer den für ihren

Mann bestimmten Brief geschrieben und war, nachdem sie die kleine Mimi,

welche ihren Nachmittagsschlummer hielt, zärtlich geküßt, ausgegangen. Wäre

sie weniger mit dem Gedanken an ihre Flucht beschäftigt gewesen und hätte

sie das Wesen ihres Mannes an diesem Tage nur etwas schärfer beobachtet,

so würde sie vielleicht nicht so ruhig und zuversichtlich auf das Gelingen

ihres Planes das Haus verlassen haben.

Walther stand am Fenster, als sie über die Straße ging, um in eine der an

der Ecke haltenden Droschken zu steigen.

Er blickte ihr nach, so lange sein Auge sie erreichen konnte.

Dann, als auch der Saum ihres Gewandes nicht mehr sichtbar war, wendete er

sich mit einer raschen Bewegung ab und strich sich mit der Hand leicht über

die Augen.

Blendete ihn der Sonnenstrahl des heiteren Decembertages oder perlte eine

Thräne an seinen Wimpern?

»Leb' wohl,« murmelte er, sich noch einmal nach dem Fenster wendend und die

Hand nach der Gegend ausstreckend, wo Fanny verschwunden; »lebe wohl für

immer!«

Es war vier Stunden später ... Die Sonne sank hinab, und ihre letzten

schwachen Strahlen vergoldeten mit mattem Glanze die Höhen von Belleville.

Eine Droschke rollte an das Haus, in welchem der Flüchtling wohnte. Fanny

sprang aus dem Wagen und eilte die Treppe zu ihrer Wohnung hinan. Sie kam

von der Unterredung mit dem Vicomte, und diese Nacht sollte unwiderruflich

die letzte sein, welche sie und Mimi in der Wohnung Dennhardt's verleben

sollten.

Sie ist schon auf der letzten Stiege, dicht vor der Thür des Vorsaals, als

sie sich von der Portière des Hauses angerufen hört.

»Der Schlüssel, Madame,« ruft sie und eilt die Treppe hinan.

»Ist mein Mann ausgegangen?« stammelt sie, von einer dunklen Ahnung, an

deren Verwirklichung sie aber nicht zu glauben wagte, durchzuckt, »und

wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?« Und während sie Dies bebend

spricht, hat sie schon, ohne die Antwort abzuwarten, die Thür geöffnet und

stürzt über den Vorsaal nach dem Wohnzimmer.

Mit zitternder Hast reißt sie die Thür auf, wirft einen Blick in das leere

Zimmer und stößt einen lauten gellenden Schrei der Verzweiflung aus.

»Fort ... fort mein Kind ... meine Mimi.«

Sie wankt, und die bestürzte Portière, welche ihr gefolgt war, fängt sie in

ihren Armen auf und läßt sie langsam auf den Divan niedergleiten.

Aber diese Schwäche dauert nur einen Augenblick.

Sie rafft sich empor und stürzt in das anstoßende Schlafzimmer. Ihr Blick

fällt auf ein Blatt Papier, das auf ihrem Toilettetisch liegt. Es war ein

Brief von der Hand ihres Mannes. Darunter liegt ein Couvert, das Couvert

des Briefes, welchen ihr der Vicomte diesen Morgen gesendet hatte.

»Um mit Erfolg ein Verbrechen zu begehen,« liest sie, »muß man auch sehr

schlau und vorsichtig sein. Du, Fanny, bist weder das Eine, noch das

Andere, Du würdest sonst vorsichtiger in der Aufbewahrung des Briefes

gewesen sein, dessen Couvert ich zurücklasse zum Beweise, daß mir Alles

bekannt ist. Der Schlag, mit dem Du und jener Mann, mit dem ich nun quitt

bin, mich vernichten wolltet, vernichten, indem Ihr mir mein Kind raubtet,

er fällt auf Dich selbst zurück.

»Die Gerechtigkeit Gottes konnte eine so ruchlose That nicht geschehen

lassen. Wenn ich auch längst den Verrath ahnte, den Du mir gegenüber

begingst, so hatte ich Dir doch verziehen; denn da, wo keine Gemeinschaft

der Herzen, keine Sympathie der Seelen vorhanden, da fällt auch die

Gemeinschaft des Lebens. Aber daß Du mir mein Kind rauben wolltest, Das

konnte ich Dir nicht verzeihen, Du verblendetes Weib.

»Lebe wohl und sei glücklich, wenn Du es vermagst. Alles Forschen wird

vergeblich sein -- betrachte mich und das Kind für Dich gestorben. Es

ist so am besten. In unserer Ehe hätte für das Kind ohnedieß kein Glück

erblühen können. Kinderaugen sehen klar und scharf und erkennen nur zu

bald, wenn Die, welche ihnen am nächsten stehen, auf getrennten Wegen

wandeln.

»Was wir an Hab und Gut besitzen, Das überlasse ich Dir.

»Du wirst Papiere und Geldeswerth in meinem Schreibpulte finden. Ich

behalte nur so viel als nöthig ist, um mir eine Existenz zu schaffen,

welche mir meinen und meines Kindes Unterhalt gewährt.

Lebe wohl für immer!

Walther Dennhardt.«

Als Fanny diese Zeilen gelesen, sank sie bewußtlos zusammen, und die

einzigen Worte, die sie stammeln konnte, waren:

»Mein Kind, mein Kind ... verloren ... verloren.«

Dann aber raffte sie sich mit wilder Energie auf. Sie befahl der Portière

die Wohnung zu schließen und die Schlüssel an sich zu halten und alle

Briefe, die an sie einlaufen würden, in das Hôtel Grandlieu in der Rue de

la Paix zu senden.

Am Morgen des andern Tages verließ der Vicomte mit Fanny, die gestern Abend

verstört und bleich zu ihm ins Hôtel Grandlieu mit den Worten gekommen war:

»Schwöre mir, morgen Paris zu verlassen und mir mein Kind suchen zu helfen,

und ich folge Dir bis an's Weltende,« auf der Nordbahn die Seinestadt.

Ein kleines Kind: Weihnachts-Novelle · 第 8 / 10 题