VERSÖHNTE LIEBE.

Das Mädchen war sprachlos vor Staunen; es wußte nicht, wie ihm geschah, und

traute seinen Augen nicht. In glänzender Uniform, schön und freundlich wie

der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zärtlichkeit lag Emil vor ihr auf

den Knien, hatte ihr Händchen gefaßt und preßte heiße, glühende Küsse der

Liebe darauf, Sie wollte die Hand zurückziehen, sie zog ihn mit herauf, und

ehe sie sich es recht versah--doch das konnte man doch nicht sagen--sie sah

sich mit einem blitzschnellen Viertelsseitenblickchen nach Ladenstein um;

doch der schien gar nicht auf sie beide zu achten; denn er schaute

unverwandt durch die Scheiben in die Nacht hinaus--also ehe sie sich kaum

recht versah, lag sie in des Grafen Armen, fühlte sie seine Lippen auf

ihren Lippen und--"_Solch_ ein Kuß, das ist ein Kuß!"

Und nun bat der arme Sünder um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn die Gräfin

so eifersüchtig gemacht hatte, wie er geglaubt habe, der Rittmeister mache

ältere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung der Gräfin die Cour

gemacht, wie er--nun, er hatte sich stark versündigt, aber sie ließ ihn

nicht weiter reden; mit dem ersten Wort seiner Reue war ja auch ihr Kummer

verschwunden. Sie legte ihm das weiche, zarte Flaumenhändchen auf den Mund

und wisperte ihm errötend zu, daß sie alles vergeben und vergessen wolle;

und jetzt ging es von neuem los. Da wollte er erstens ein kleines Küßchen

zum Zeichen der Vergebung, dann den größeren Versöhnungskuß, dann einen

langen dito, daß sie ihm nimmer bös sei, dann einen noch längeren, daß sie

ganz gewiß nimmer zürne, dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis, daß er

morgen zum Papa gehe und um sie anhalte.

"Aber Kinder, es wird spät," sprach endlich schon zum drittenmal der alte

Herr und tippte Ida auf das Ärmchen, das den reuevollen Geliebten

umschlungen hielt, daß sie erschrocken und über und über bepurpurt

aufsprang und nicht wußte, wohin sie sehen sollte; denn an diesen Zeugen

hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht.--"Kinder, es wird

spät, und die Bilder könnten alle schon zehnmal gezeigt sein; wir müssen

hinunter zur Gesellschaft."

"Nur ich nicht," bat Martiniz; "mir graut, vom Himmel, in dem ich war,

herabzusteigen in einen nüchternen irdischen Tee."

Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, daß er morgen recht

bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinüber zu spedieren,

und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er doch

nicht sein, den allereinzigen Gutenachtkuß mußte er gestatten. Er würde in

zwölf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift eingegeben, und

jetzt endlich trennte man sich.

Idchen war es ganz schwindlig zu Mut; tausend Gedanken stiegen in ihr auf

und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Köpfchen und

drängten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nur _eines_ war ihr

recht klar und deutlich, daß sie recht glücklich, unendlich glückselig sei,

daß er sie gek-- Sie errötete vor dem Gedanken, und dennoch spitzte sie das

Mäulchen und probierte es noch einmal im Geiste, wie sie es gemacht hatten,

daß es so wundersüß schmeckte.

Nein, so ging es nicht, sie mußte sich zusammennehmen, ehe sie zur

Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den Hals

fallen und ihnen ihr stilles Glück verkünden. So ging es nicht, da mußte

man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen Spiegel und

probierte recht ernsthafte oder gleichgültige Gesichter; aber sie mochte es

machen, wie sie wollte, immer guckte wieder ein lustige Köpfchen mit einem

spitzigen Mäulchen aus dem reinen, hellen Glas. Endlich schalt sie sich

selbst recht aus, nannte sich einen Kindskopf, einen Wildfang und alles

mögliche, und siehe, da ging es endlich; mit dem gleichgültigsten Gesicht

von der Welt trat sie wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen

Verwunderung die gleichgültige Miene, bis man sich verabschiedete.

Doch nein, einmal wäre sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu beißen

und zu schlucken, daß kein Kichern hervorkam.

Die Gräfin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre

Gesellschaftsdame spielte, daß der Graf heute sich gar nicht habe sehen

lassen. "Das verzeihe ich ihm in den nächsten zwei Tagen nicht," setzte sie

preziös hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und dachte: "Die

verberstet vor Neid," während es nur unterdrücktes Lachen war, was dem

lustigen Amorettenköpfchen um die Lippen zuckte,--"wenn er morgen früh mich

zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen, nachmittags--nicht angenommen,

und abends--nun, da will ich ihm ein so saures Gesicht machen, daß er nicht

mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu negligieren."

"Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!" lächelte Fräulein von Sorben

mit einem schadenfrohen Blick auf Ida.

"Der arme Graf," dachte sie und lachte still in sich hinein; sie konnte

sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde.

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Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 55 / 76 题