"Und nun noch eine Bitte," sagte der glückliche Graf zu seinem Retter und
Ratgeber; "jetzt noch eine Bitte! Ich habe dem armen Kind diese Tage her so
wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen habe,--lassen
Sie es mich heute noch gut machen!"
Der alte Herr meinte zwar, es möchte heute schon zu spät sein, und er solle
seine Ungeduld bis morgen zügeln; aber der Graf bat immer dringender. "Kann
ich es dulden, daß sie noch eine Nacht mir böse ist, daß sie auch nur noch
eine Träne über mich weint? Nein, heute abend noch bitte ich ihr ab, was
ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo die Gräfin, die an allem Unheil
ganz allein schuldig ist, auf mich lauert, macht sich eine solche
Versöhnung nicht gut. Sie müssen mir schon dazu helfen. Gehen Sie hinüber!
Wenn ich nicht irre, hat Ida versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen.
Ich schleiche nach, wenn sie mit Ihnen hinaus geht, und vor Ihnen habe ich
mich ja nicht zu genieren."
"Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes
Namen, komm!--wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und
hämmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das Hammerwerk
geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich 'halt' sagt oder nicht. Aber
das sage ich dir: den fatalen Frack da ausgezogen und dein Kollett an, den
Familienehrensäbel umgehängt, daß du auch etwas gleichsiehst! darfst dich
weiß Gott, vor König und Kaiser darin sehen lassen; darum tritt als Soldat
auf, wenn du dein Mädchen zum ersten Male ans Herz drückst!"
"Zum erstenmal ist es nun nicht," lachte der Graf, indem er den goldenen
Säbel umschnallte; "aber leider war die erste Umarmung gleichsam das
unterbrochene Opferfest unserer Liebe; denn die Gräfin kam dazwischen, als
ich schon den Mund zum ersten Küßchen spitzte."
"Kamerad, das hast du schlecht gemacht," belehrte ihn schmunzelnd der alte
Theresienritter; "wenn man einmal so weit ist, so muß ausgeküßt werden, und
wenn eine Kartätschenkugel zwischendurch fahren wollte; so stand es
wenigstens im Reglement zu meiner Zeit; denn es ist in der Natur nichts
Schädlicheres und Fürchterlicheres als ein unterbrochener Kuß."
Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das
Reglement des alten Herrn zu halten.
In Präsidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von
Ladenstein hinüber kam. Die Gräfin wollte ihn sogleich ins Gebet nehmen und
schmälen, wo denn die Herren heute alle bleiben; er aber gab ihr kurz zur
Antwort, daß die Bewohner des Mondes und einige andere Herren auf der Jagd
gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob man doch keinen Bock geschossen
habe, und wollte sterben vor Lachen über ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber
dachte: "Lache du nur immer zu; wenn du wüßtest, wie nahe dich der Bock
angeht, der geschossen worden ist, du würdest nicht lachen; doch wer
zuletzt lacht, lacht am besten!"
Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien zu
zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan, daß
er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunt in dem Zimmer aus, das sie,
weil sie der Gräfin Platz machen mußte, einstweilen bewohnte. Sie
entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. "Machen Sie doch nur keinen
falschen Schluß auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein," sagte sie;
"aber die Gräfin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt, und besonders mir
kam sie gar nicht sehr geschickt; denn sie hat mich aus meinen vier Wänden,
die ich so hübsch eingerichtet hatte, herausgejagt und nicht eher geruht,
bis ich hier heraufzog."
"So, das hat die Gräfin gewollt?" sagte der Alte, dem es immer klarer
aufging, daß jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich _ad notam_,
um den Grafen noch mehr zu überzeugen. Sie schloß jetzt ihre Mappe auf und
breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergaß auf einige Augenblicke,
daß er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen wollte; er war Kenner und
ein wenig streng gegen die gewöhnlichen Dilettantinnen in der Kunst; er
konnte es nicht ausstehen, wenn man die grellsten, fehlerhaftesten
Zeichnungen, wenn sie nur von einer schönen Hand waren, "wunderschön und
genial gedacht" fand; er hatte hundertmal gegen diese Allgemeinheit der
Kunst geeifert, wodurch sie endlich so gemein würde, daß ein jeder Sudler
ein Raphael oder jede Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte,
ein Claude Lorrain würde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts
übersudelt oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem
Fleiß behandelt, mit einer Sorgfalt ausgeführt, die man leider heutzutage
selten mehr findet und die man gerade an den größten Kunstwerken alter
Meister so hoch schätzen muß.
Des Mädchens tränenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten verließ,
heiterte sich unwillkürlich auf, als sie sich von einem so tiefen Kenner,
als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar bewundert fand; er
stieß auf Kartons, zu denen sie sich als Urheberin bekannte, und sie waren
alle meisterhaft; er wandte das letzte Blatt in der Mappe um und hielt
überrascht inne; sie wollte ihm die Zeichnung entreißen, sie bat, sie
flehte--es half nichts; es war ein zu bedeutendes Aktenstück, als daß er es
hätte unbetrachtet aus den Händen gelassen. Es stellte eine ihm unbekannte
Kirche vor, am Altar stand eine hohe, erhabene Figur--bei Gott, bis zum
Sprechen ähnlich--Emil; der tiefe, wehmütige Ernst, der sonst in seinen
Zügen lag, war herrlich aufgefaßt und wiedergegeben. Man fürchtete, wenn
man in diese Züge sah, ein namenloses Unglück zu erfahren, das auf den
feinen Lippen schwebte: zur Seite standen zwei Männer, wovon er nur den
einen kannte, es war der alte Brktzwisl; auch in diesem, nichts weniger als
malerischen Gesicht war die ehrliche Gutmütigkeit, die innige,
ergebungsvolle Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich
ausgedrückt; weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil sie im
Schatten standen, kaum flüchtig angedeutet waren; doch glaubte er in der
einen die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war außer der
Ähnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der Gruppen auch die
Verteilung des Lichtes höchst genial ausgeführt; es war nämlich Nacht in
der Kirche, und die Helle ging nur von einer trübe brennenden Laterne aus,
so daß nun die wunderherrlichen Licht- und Schattenpartien, das Verschweben
der Helle im Dunkel auf ergreifende Weise angegeben war.
Die Zeichnung an sich hätte seine innigste Bewunderung erregt; aber er
kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte die
Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es war die
Retterin seines geliebten Jünglings; gerührt sah er zu ihr herab; auch sie
war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnsinns, wie sie ihn
erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke, daß der, den sie rettete, der
nachher, aufgelöst von Dankbarkeit, nur ihr gehört hatte, daß dieser auf
die ersten Lockungen einer Kokette sie verlassen hatte?--Sie stand, das
holde Amorettenköpfchen tief gesenkt, voll Wehmut da; Träne um Träne stahl
sich aus ihren Augen und rieselte über die Wangen herab.
Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren Kummer.
Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Tränen in Lächeln
verwandeln. "Seien Sie nur ruhig, gutes herziges Kind; der tolle Patron da,
den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen abbitten, soll alles wieder
gut machen."--
Sie sah fragend an ihm hinauf und schüttelte dann wehmütig lächelnd das
Köpfchen, als wollte sie sagen: "Das ist jetzt alles vorbei und hat ein
Ende." Er aber ließ sich nicht aus seinem Konzept bringen. "Wetten wir
diese Zeichnung," sagte er, "der undankbare Junker Obenhinaus muß heran und
muß wieder brav und mild sein und seine Ida lieb--"
Das Mädchen ward feuerrot. "Herr von Ladenstein," sagte sie, zwischen
Wehmut und Unmut kämpfend, "ich hätte nicht geglaubt, daß Sie--"
"Nun, wenn Sie nicht glauben, so muß ich Ihnen den Glauben in die Hände
geben." Damit schritt er zur Türe und riß sie auf.
* * * * *