Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem
Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session ginge, hatte
Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen; es war ein Viertel, er kam
noch nicht. Daß der Vater ihn erwarten würde, wußte sie wohl; denn der Graf
hatte sich anmelden lassen; aber sie fürchtete, der Präsident möchte übler
Laune werden, wenn er so lange warten müsse. Ihr Herzchen pochte so
ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren Wangen, der
bräutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung. Es kann aber
auch für ein Mädchen keine erwartungsvollere Stunde geben als die, wenn der
Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein Mädchen anzuhalten.
Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung wechseln dann auf dem
lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer, wohl auch ein leises Gebet
entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum erstenmal geteilt ist
zwischen der Anhänglichkeit an die Eltern und der Liebe zu dem, der sie zu
seinem Frauchen machen will.
Zwar konnte Ida nicht zweifeln, daß der Vater diese Partie für sie sehr
anständig finden würde; aber sie kannte ihn, wie er alles nach den
Dienstverhältnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der allerhöchsten
Ungnade nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen für eine andere
bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen,--sie hatte vom Hofrat
gehört, daß es einen solchen gebe, einen ältlichen, etwas grämlichen Mann,
von dem der Graf sehr abhängig sei; wird er auch seine Einwilligung
geben?--
Auch vor der Gräfin war ihr bange. Zwar, es lag kein geringer Triumph
darin, die Gegnerin, die alle Höllenkünste aufgeboten hatte, Emils Herz von
ihr abzureißen, überwunden zu haben; aber sie scheute sich doch beinahe
ebenso sehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute, zu sehen, was
sie für ein Gesicht machen werde, wenn man ihr es ankündige.
Endlich--ja, er war es; in seiner glänzenden Uniform wie gestern trat er
heraus,--mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie hatte,
als sie sich bei Hof präsentieren ließ, einmal einen ....schen Gesandten
gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von goldener
Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm über die Brust quer herab,
auf der Brust--was tausend! Da hatte er ja sogar einen Stern! "Nun, das muß
doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von Ladenstein," dachte Ida und
machte große Augen, "und sonst sieht er doch ganz schlicht aus."
Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Türe; gewiß wollte Emil noch
einmal--nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr willkommen.
Aber so freundlich er lächelte, so war es ihr doch, als könne sie heute
nicht so ungeniert sein als früher. Sie machte einen tiefen, tiefen Hof-
Gala-Knix, als er so bebändert, besternt und übergoldet zu ihr eintrat, und
wußte nicht gleich recht, wie sie ihn empfangen sollte; er aber lachte ihr
gerade ins Gesicht: "Ich weiß wohl, woran es liegt, daß mich Fräulein Ida
nicht empfängt wie einen alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das
hätte ich doch nicht gedacht, daß sich eine junge Dame dadurch gleich so
einschüchtern ließe!" Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst recht
aus, daß sie ihn so steif und förmlich wie eine ungeheure Respektsperson
empfangen habe; er zog sie zutraulich zu sich auf den Divan und erzählte,
daß Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung vor dem Papa stehe und sie
hoffentlich recht bald als Bräutchen umfangen werde.--
Das Mädchen ward feuerflammrot; sie hatte sich noch von keinem Menschen
Braut nennen hören, es war ihr ein so ungewohntes Wörtchen, und doch kam es
ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht bräutlich zu Mut.--
Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reservebataillon und
Hinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem Flitterputz
angetan, um damit dem Herrn Papa-Präsidenten, wenn er etwa noch einiges
Bedenken tragen sollte, über den Hals zu fallen.
Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hörte, daß es
denn doch fehlen könne, und sagte: "Ach, vor meinem Vater ist mir nicht so
bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schön bitte; aber
der Onkel--"--"Nun, was für ein Onkel ist denn das?" fragte Ladenstein
aufmerksam und neugierig.
"Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein gar
böser alter Herr sein,"--Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in die
Länge bei diesen Nachrichten--"das hat mir Hofrat Berner, der den jungen
Grafen und seine Verhältnisse kennt, gesagt; von ihm hängt Emil ab; denn er
soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr soll auch sehr
viel an dem Neffen tun--"--es zuckte wie tiefe Rührung in Ladensteins
Gesicht--"wenn nun dieser die Sache erfährt," setzte sie traurig hinzu,
"wenn er dem Grafen eine Schönere, eine Bessere ausgesucht hätte, wenn er
_nein_ sagt--"
"O, er sagt nicht nein, er kann keine Bessere finden," unterbrach sie der
alte Herr voll wunderbarer Rührung.
"Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren würde; ach, wenn
man nur den erweichen könnte! Sehen Sie, Ladenstein," sagte sie unter
Tränen lächelnd, "ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es ist zwar
eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu
ausersehen, daß Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene aus der Kirche,
die ich Ihnen gestern zeigte; die habe ich nun ganz eigentlich für den
alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, daß ich seinem
Neffen so recht von Herzen gut bin, so--das tun Sie mir schon zu Gefallen,
und Sie kennen den alten Herrn gewiß--so zeigen Sie ihm die Gruppe da,
sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die seinen Emil von dem schrecklichen
Wahn befreite; wollen Sie?"
Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Tränen
rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief gerührt, daß er
nicht sprechen konnte; er faßte ihre Hand und zog sie an seine Lippen.
Endlich faßte er sich doch wieder; er wischte die Tränen hinweg, er war
freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder.
"Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen," sagte er lächelnd, "ich kenne
ihn so gut wie mich selbst und darf sagen, daß ich sein innigster--bester
Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Töchterchen, der Alte schlägt mit
Freuden ein; aber das Bild da soll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er
es hoch anschlagen, es wird sein bestes Kabinettsstück sein."
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