EMIL AUF DER FOLTER.

Dieser sah ihn wehmutig an und seufzte. "Glauben Sie mir," sagte er, "auch

ich war einst erfüllt von diesem Himmelskind; auch mir war sie eine

Erscheinung wie aus Jenseits, wie des großen Dichters Mädchen aus der

Fremde; ich sah, wie sie mit ungetrübtem Frohsinn und dennoch mit einer

Würde, einer Höhe jedem eine Gabe reichte; mir, wähnte ich, mir habe sie

der Gaben schönste aufbewahrt--ach! da gewahrte ich, daß schon ein anderer

diesen Kranz zerpflückt--"

"Nein, ich kann's nicht glauben," rief der ehrwürdige Theresienritter;

"dieses Mädchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe,

herrliche, jungfräuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der

Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich den

ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!"

"Aber, mein Gott," rief Emil ungeduldig, "habe ich Ihnen nie gesagt, was

mich die Gräfin merken ließ, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen Sie doch

nur zum Beispiel, daß sie ihm gleich in den obern Stock nachzog, um ihn

recht vis-à-vis zu haben--"

"Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts; denn

ein so kluges Mädchen wie die Ida trägt ihre Liebe nicht so schamlos zur

Schau."

"Aber die Gräfin sagt mir ja, die Gräfin--"

"Eben die Gräfin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Gräfin traue ich

nicht; dazu habe ich meine vollkommen gegründeten Ursachen. Ich habe

sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig; darum darf ich

auch meinem Blick trauen; denn ich bin unparteiisch und schaue nicht durch

die grüne Konversationsbrille der Eifersucht. Ich habe diesen Abend Dinge

gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der Erfolg wird lehren, daß ich

recht hatte."

So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es wenig

Eindruck zu machen; denn er murmelte. "Weiß alles, und ist alles gut, wenn

nur der verdammte Rittmeister nicht wäre!"

* * * * *

Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 47 / 76 题