DER HERR INKOGNITO.

Ein stiller, aber scharfer Beobachter erschien jetzt auf dem Schauplatz; es

war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines Herrn von

Ladenstein bei dem Präsidenten einführte. Die Empfehlung eines

Hausfreundes, wie der Graf war, hätte schon hingereicht, ihn in diesem

Hause willkommen zu machen; aber die vom Alter noch nicht gebeugte Gestalt

des alten Herrn voll Würde und Anstand, sein sprechendes Gesicht erwarben

ihm Achtung, und als vollends der Präsident, ein Kenner in solchen Dingen,

das Theresienkreuz auf seiner Brust wahrnahm, stieg seine Achtung zur

Verehrung. Er wußte, daß, wer dieses Zeichen trug, ein Ritter im vollen

Sinn des Wortes war und daß ein solcher sich gewiß einer Tat rühmen durfte,

die nicht die Laune des Glücks oder Hohe Protektion zu einer glänzenden

erhoben, sondern die, _aufgesucht_ unter der Gefahr, hohen Mut und tiefe

Einsicht bewährte.

Vorzüglich Ida fühlte sich von diesem Mann wunderbar angezogen. Seit der

Spannung zwischen ihr und Martiniz hatte sie immer mit geheimem Widerwillen

der Teestunde, sonst ihre liebste im ganzen Tag, entgegengesehen. Der Graf

kam entweder gar nicht, oder sehr spät, oder unterhielt er sich mit der

Aarstein. Die Sorben und andere dergleichen Fräulein und Damen kamen ihr

schal und langweilig vor, daß sie glaubte, nicht eine Stunde bei ihnen

sitzen zu können; der Rittmeister, dessen Geschäfte beim hiesigen Regiment

noch immer nicht zu Ende gehen wollten, war ihr am fatalsten von allen.

Sein erstes war immer, daß er sich mit seinem Stuhl neben sie drängte und

dann so bekannt und vertraut tat, als wären sie Zeltkameraden; er half ihr

Tee einschenken, Arak und Milch umherreichen und verrichtete alle jene

kleinen Dienste, die einem begünstigten Liebhaber von seiner Dame erlaubt

werden. Dabei nahm er sich oft die Freiheit, ihr in die Ohren zu flüstern,

aber die gleichgültigsten Dinge, etwa: ob sie noch mehr Milch oder noch

mehr Zucker bedürfe, sah aber dabei aus, wie wenn er die zärtlichste

Liebeserklärung gewagt hätte.

Daher kam ihr der alte Ladenstein sehr zu statten. Sie sorgte dafür, daß er

neben sie zu sitzen kam, und nun durfte sie doch für diesen Abend sicher

sein, daß der Rittmeister nicht ihr Nachbar würde.

Und wie angenehm war seine Unterhaltung! Alles, was er sagte, war so tief

und klar gedacht, so angenehm und interessant, und trotz seines grauen

Haares, trotz seiner sechzig Jährchen, die er haben mochte, war eine Kraft,

ein Feuer in seinen Reden, das einem Jüngling keine Schande gemacht hätte.

Aber auch dem alten Herrn schien das Mädchen zu behagen; sein ernstes

Gesicht heiterte sich zusehends auf, seine lebhaften Augen werden

glänzender--solch ein Mädchen hatte er selten getroffen, und er war doch

auch ein bischen in der Welt gewesen. Diesen klaren Verstand, dieses

richtige Urteil, diese Gutmütigkeit neben so viel Humor und Witz--er war

ganz entzückt. Und überall war sie zu Haus; er bewunderte die

wunderherrlichen Blumen, die sie machte; man kam von diesen auf die

natürlichen Blumen, auf seltene Pflanzen. Er beschrieb ihr eine Blume, die

so wunderschön aussehe und die sich zu Girlanden gar hübsch ausnehmen

würde, aber der Name fiel ihm nicht ein. Kaum hatte er die Form der Blätter

erwähnt, so sagte sie ihm auch schon, daß die Blume _Calla aethiopica_

heißen müsse, weiß blühe und auch äthiopische Drachenwurz genannt werde. Er

bekam ordentlich Respekt vor dem holden Kind, das so gelehrt sein konnte;

aber da war nicht jenes Prahlen mit Kenntnissen, das man bei gelehrten

Damen so oft findet. Nein, als die Blume abgemacht war, sprach sie auch

kein Wörtchen mehr von Botanik, und es war, als habe sie nie davon

gesprochen.

Er kam auf die neueste Literatur und pochte da an; wahrhaftig, sie hatte

alles gelesen, und zwar nicht nur, was man so aus Leihbibliotheken bekommt

oder in einem Almanach findet; nein, sie hatte interessante Geschichtswerke

gelesen und eigentlich studiert. Aber auch daraus machte sie nichts Großes.

Je wichtiger das Werk war; desto bescheidener war ihr Urteil, und dabei tat

sie so unbefangen, als ob jedes Mädchen dergleichen gelesen hätte. Und als

sie auf ausländische Literatur kamen, als sie von Lord Byron, seinen

herrlichen Gedichten und seinem unglücklichen Ende sprachen, als der alte

Herr mit dem Theresienkreuz ihn dennoch glücklich pries, weil sein Geist

sich höher als alle andern geschwungen, weil er den Menschen und die ganze

Natur so tief erkannt habe, da antwortete ihm--nein, es ging über seine

Begriffe--antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eigenen Worten,

als hätte sie seinen Manfred eben erst gelesen:

"The tree of knowledge is not that of life." [1]

Er war ganz selig, der alte Herr; ein solches Mädchen hatte er in

vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das schnepperte und bepperte

mit seinem lieben hübschen Schnäbelchen so unschuldig in die Welt hinein,

das blickte ihn mit seinen frommen Taubenaugen, in welchen doch wieder ein

wenig der lose Schalk saß, so wundervoll an! Er war ganz weg und dankte dem

Grafen tausendmal, als sie wieder in den Mond zurückgekommen waren, daß er

ihn mit einem so interessanten Geschöpf bekannt gemacht habe.

[Fußnote 1] Erkenntnisbaum ist nicht des Lebens Baum.

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Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 46 / 76 题