DER RITTMEISTER.

Was doch oft an einem kleinen, unscheinbaren Zufall das Glück der Menschen

hängt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden Fremden, ob sie

unten an der Tafel oder hier oben in ihren Appartements speisen wollen. Der

Graf, der seit des Hofrats Reise abends selten mehr hinabgekommen war,

stimmte dafür, auf dem Zimmer zu speisen, indem er die schlechte

Unterhaltung unter den Offizieren, Assessoren, Ober- und Unterjustizleuten

versprach. Der ältere Herr aber redete ihm zu; man sehe und höre doch

manches unter den Gästen, was zum Nachdenken oder zur Augen- und Ohrenweide

dienen könne;--sie gingen. Gerade an diesem Abend hatte der Rittmeister von

Sporeneck einige Freunde der Garnison zu sich auf ein Abendbrot in den Mond

gebeten.

Sie hatten schon auf seinem Zimmer mit Rheinwein angefangen und waren

bereits ganz kordial. Der Rittmeister hatte auch alle Ursache, ein kleines

Sieges- und Jubelfest zu veranstalten. Die Gräfin hatte ihm, wie

gewöhnlich, durch ihre Zofe, die mit seinem Bedienten in telegraphischer

Verbindung stand, geschrieben, daß Idas Niederlage jetzt vollkommen sei.

Der Graf sei nie so warm gegen sie gewesen wie diesen Abend, und sie sehe

nächstens einer Erklärung von seiner Seite entgegen. Das hatte der

Rittmeister seinen Vertrauten, dem Leutnant von Schulderoff und einigen

anderen, vorgetragen; man stieß an auf das neue gräfliche Paar und auf den

galanten Hausfreund, und so kam man auch, weiß nicht wie, darauf, ob man

nicht den Grafen auch einmal ein wenig schrauben sollte. Sie stimmten alle

darin überein, daß dies sehr dienlich wäre, um Unterhaltung für den

heutigen Abend zu haben, und sie machten sich auch gar kein Gewissen

daraus. "Ja, wenn er Soldat wäre, dann wäre es etwas anderes; einen

Kameraden schraubt man nicht gerne; aber solch ein ziviles Gräfchen, das in

der Welt umherreist, um den Damen schön zu tun und sein Geld auf die

langweiligste Manier totzuschlagen--nun, das kann man mit gutem Gewissen."

Mit diesem löblichen Vorsatz hatten sich die Marssöhne nicht weit von der

Stelle placiert, wo Martiniz gewöhnlich zu sitzen pflegte, und harrten, ob

er nicht komme. Er kam und mit ihm der andere Gast, aber diesmal ohne

Ordensband; denn er hatte nur einen unscheinbaren Oberrock an. Martiniz und

der ältere Herr unterhielten sich flüsternd mit einander; um so lauter

waren die Kriegsgötter; die Pfropfen der Champagnerbouteillen fingen an zu

springen, und in kurzem waren die Herren allesamt kreuzfidel und erzählten

allerlei Schnurren aus ihrem Garnisonsleben. Die übrigen Gäste hatten sich

nach und nach verlaufen. Das Kapitel der Hunde und Pferde war schon

abgehandelt, und der Rittmeister hielt es jetzt an der Zeit, die _Schraube

anzuziehen_. Er gab also Schulderoff einen Wink, und dieser ergriff sein

Champagnerglas, stand auf und rief: "Nun, Bruder Sporeneck, eine Gesundheit

recht aus dem Herzen--deine Ida!"

Auf flogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen Lilienkelche

aneinander und sogen den weißen Gischt mit einer Wollust aus, als hätte die

Gesundheit ihnen selbst gegolten. Martiniz biß die Lippen zusammen und sah

den Theresienritter an.

"Auf Ehre, ein Götterkind, Herr Bruder," fuhr Schulderoff fort; "ich wäre

selbst imstande gewesen, sie zu lieben, hätte ich nicht deine frühern

Rechte gewußt und mich daher bescheiden zurückgezogen."

"Auf Ehre, ich hätte es ihr wohl gönnen mögen," antwortete der großmütige

Liebhaber; "wenn man so einen Winter allein zubringen soll, ist es für ein

junges, warmes Blut immer fatal, wenn es sich nicht Luft machen soll. Einen

braven Kerl, wie du bist, hätte ich ihr zum Intermezzo wohl gewünscht; wäre

mir lieber gewesen, als hören zu müssen, daß mir so ein fremder

Gelbschnabel ins Nest habe sitzen wollen."

Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In solchen Ausdrücken von einem

Mädchen reden zu hören, das er liebte und ehrte--es war beinahe nicht zu

ertragen; doch hielt er an sich; denn er wußte, wie schlimm es ist, in

einem fremden Lande ohne ganz gegründete Ursache Händel anzufangen.

"Hattest du bange?" lachten die Reiter den Rittmeister an.

"Nicht im geringsten," replizierte dieser; "ich kenne mein Täubchen zu gut,

als daß ich hätte eifersüchtig werden sollen; wenn auch zehn solcher Wichte

ins Nest gesessen wären, sie hätte sich doch von keinem andern schnäbeln

lassen als von ihrem Hähnchen."

Allgemeines Gelächter applaudierte den schlechten Witz. Der Graf--es war

ihm kaum mehr möglich, anzuhalten; er sah voraus, es werde so kommen, daß

ihm nur zwei Wege offen stehen würden, entweder sich zu entfernen, oder

loszubrechen.

* * * * *

Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 48 / 76 题