So verdeckt hier jedes sein Spiel spielte, so geheim alle diese Fäden
gesponnen, angeknüpft und nach und nach zu einem dichten Gewebe
verschlungen werden, so merkte man doch hin und wieder, was vorging.
Fräulein Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag durch die
getreuen Rapporte des Rittmeisters von Sporeneck über den Stand der Dinge
belehrt. Ihre scheelblickenden Augen glänzten vor Freude, wenn sie wieder
neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein verlorener Posten, den Fräulein Ida
weder mit Tränen, noch Gebet wieder heraushauen könnte.
Nichts war ihnen aber größeres Labsal als das Fräulein von der traurigen
Gestalt selbst, wie sie Ida nannten. Daß sie ernster, blässer, trüber war
als sonst, war weder ihrem, noch des Rittmeisters Scharfblick entgangen,
und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude, die sich in einem vierstimmigen
Gelächter Luft machte, befiel sie, als Sporeneck erzählte, daß er sie durch
seinen Tubus, mit welchem er hinter seinen Gardinen nach Idas Fenster
visierte, bitterlich habe weinen sehen.
Aber Fräulein von Sorben sorgte auch dafür, daß Ida in ihrer Verzweiflung
sich nicht dem Rittmeister in die Arme werfen konnte; sie hatte alle ihre
Geistes- und Körperreize teils vor ihm entfaltet, teils durchschimmern
lassen, und ihrem scharfsinnigen Auge konnte es nicht verborgen bleiben,
daß er ganz bezaubert davon war. Es ist nur schade, daß er auf die Liebe so
trefflich eingeschult war, daß er sechs oder acht der zärtlichsten
Liebschaften zumal haben konnte und jede die Betrogene war. So hatte also
die beleidigte Dame dem naseweisen Backfisch, der sich erdreistet hatte, in
ihrer Gegenwart Grafen in sich verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf
einmal weggeputzt. "Da kann man sehen," sagte sie zu sich, "was die
Routine macht. Das armselige Ding ist kaum sechzehn Jahre gewesen, ich habe
sie noch in den Windeln gesehen, und sie will sich mir gleichstellen! Aber
das Affengesicht hat jetzt seinen Lohn, man hat dem unreifen Ding den Mund
sauber abgewischt, hat ihr die verliebten Äugelein ausgeputzt, daß sie
sieht, daß in der ganzen Welt vierundzwanzig vor sechzehn kommt."
Aber auch der alte Brktzwisl, die gute ehrliche Seele, hatte das Ding so
ein wenig gemerkt. Als sie damals mit einander aus der Kirche gekommen
waren--seitdem hatte der schreckliche Wahnsinn seinen Herrn kein einziges
Mal mehr befallen--damals hatte er sich ein Herz gefaßt und zu dem Grafen
gesagt: "Wie doch das Fräulein so hübsch, so tausenddonnernett aussah am
Altar. _Bassa manelka_, wie müßte sie erst aussehen bei Tag und als
Bräutchen--!" Dem Grafen schien der Gedanke nicht übel einzuleuchten; denn
er hatte zufrieden gelächelt und gesagt: "Nun, was nicht ist, kann noch
werden." Er aber hatte sich folgenden Tages gleich hingesetzt und an den
alten Herrn Grafen geschrieben: "So und so, und dem gnädigen Fräulein und
sonst auf Gottes weitem Erdboden niemand ist man die Rettung meines Herrn
schuldig. Es kann aber auch in sechs Herrenländern kein solches Wunderkind
mehr geben. Die selige Komtesse war doch auch nicht, mit Respekt zu
vermelden, aus Bohnenstroh; aber, Gott weiß, sie reichte dem schönen
Fräulein das Wasser nicht. Und vornehm sieht sie aus, als wäre sie
allerwenigstens ein Stück von einer Prinzeß. Der junge Herr ist aber auch
rein in sie verschossen, und ich meine, daß es nicht menschenmöglich
gewesen wäre, ihn zu kurieren, außer durch so große Inbrunst und
Liebhaberei. Das hat ja auch schon der deutsche Doktor prophezeit, wie ich
Euer Exzellenz, meinem gnädigsten Herrn Grafen, vermeldet habe."
So lautete die Freuden-Epistel an den alten Onkel, worin die Errettung vom
Wahnsinn gemeldet werde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe die
Herzkammertüre zersprengen, bis er die Buchstaben alle aufs Papier gemalt
hatte. Bisher hatte er allwöchentlich Bericht erstatten müssen. Da hatte es
denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genfersee, am Rhein, an der
Seine und an der Nordsee immer geheißen: "Der Herr Graf befindet sich noch
im alten Zustande."--"Die Krankheit scheint zuzunehmen."--"Die Ärzte wußten
wieder nichts."--"Die Ärzte geben ihn auf."
Hier, in dem unscheinbaren Städtchen, hier endlich sollte das Heil, der
Stern des Segens aufgehen. Er konnte sich die Freude des alten Herrn
denken, der so ganz an Emil wie an einem Sohn hing; er sah schon im Geiste,
wie der Herr Graf lächeln, die Hände reiben und rufen werde. "Nun, in Gotts
Namen, macht Hochzeit!"
Aber jetzt mußte der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt haben; denn
sein Herr--der sah gar nicht mehr so glücklich und selig aus wie damals,
als jene Freudenbotschaft abging--er war niedergeschlagen, traurig; fragte
der alte Brktzwisl, dem aus alten Zeiten eine solche Frage zustand, was ihm
denn fehle, so erhielt er entweder gar keine Antwort, oder der Graf stöhnte
so schmerzlich, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, und sagte, dabei:
"Du kannst mir doch nicht helfen, alte Seele!"
Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er klügelte hin und her, was es
denn wohl sein könne, das seinen Herrn auf einmal so stutzig und trutzig
mache--da ist ein Gast drüben bei Präsidents, eine Große, Dicke, so halb
Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut gestr--
Ja, das konnte sein, das schien dem alten Brktzwisl sogar wahrscheinlich;
wenn er aber dieser nachlief und das schöne Fräulein im Stich ließ--nein,
er wollte seinem Herrn nichts Böses wünschen, aber da soll ihm doch das
siedende Donnerwetter auf den Leib--er schlug zu diesem Gedanken so grimmig
auf seines Herrn Rock zu, den er im Hausgang ausklopfte, daß der Staub in
dichten Wolken umherflog. "Ja, da wollte ich," rief er in seinem
Selbstgespräch weiter und klopfte immer schrecklicher, "wenn du die dicke
Trutschel nimmst und das schöne Fräulein, die dich aus den Klauen des
schwarzen Teufels herausklaubte, wenn du die fahren läßt, alles siedende
Schwefelpech des Fegefeuers soll dich dann kreuzmillionenmal--"
"Wen denn?" fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er sah sich um und glaubte
nun gleich in den Boden sinken zu müssen. Ein großer ältlicher Mann, mit
seinen, klugen Gesichtszügen, in einem schlichten Reiseüberrock, dem nur
ein vielfarbiges Band im Knopfloch einige Bedeutung gab, stand vor ihm.
"Alle guten Geister!" stammelte endlich Brktzwisl, indem er den Fremden
noch immer mit weit Aufgerissenen Augen anstarrte--"wie kommen Ew. Ex--"
"Halt jetzt dein Maul von dergleichen!" sagte der Herr mit dem Ordensband
freundlich, "ich reise inkognito und brauche diesen Firlefanz nicht; wo ist
dein Herr?"
Starr und stumm bückte sich der alte Diener mehrere Male, führte dann den
fremden Herrn den Korridor entlang zur Türe seines Herrn, erwischte dort
noch einen Rockzipfel, küßte diesen mit Inbrunst und sah zu seiner großen
Herzensfreude, wie sein junger Herr mit einem Ausruf der Freude dem Fremden
in die Arme sank.
Der Fremde war aber niemand anders als----Doch gerade fällt uns ein, daß
der Herr, wie er sich gegen Brktzwisl äußerte, inkognito reiset, und es
wäre daher auch von uns höchst indiskret, wenn wir dieses Inkognito früher
verrieten, als der fremde Herr selbst für gut findet, es abzulegen.
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