DER GRAM DER LIEBE

Wie es an jenem Abend war, ebenso war es auch in den nächsten Tagen. Der

Hofrat hätte vielleicht alles bald wieder ins Gleis bringen können; aber

das Unglück wollte, daß er in wichtigen Angelegenheiten an demselben Abend

verreisen mußte, an welchem die Gräfin ankam. Die Gräfin schrieb, so oft

sie es unbemerkt tun konnte, an den Rittmeister in den Mond hinüber und

spornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu verfolgen. Nach den letzten

Briefen schien es zwar wegen ihr selbst nicht mehr nötig zu sein, weil sie

den Grafen schon so umgarnt zu haben glaubte, daß an kein Entrinnen zu

denken sei. Dem war aber nicht also. Dem Grafen, der nur durch die Brille

der Eifersucht sah, wollte es trotz seiner Resignation fast das Herz

abdrücken, daß Ida in solchen Verhältnissen mit dem Rittmeister sei. Wenn

er bei Präsidents war--ach, es war ja nicht wie ehemals; sonst war sie ihm

wohl bis an die Treppe entgegengesprungen, hatte mit lachendem Mund ihn

geneckt oder ihm eine neue Schnacke aufgetischt, hatte ihn dann unter

Tollen und Lachen hereingezogen ins Zimmer; dort war dann das Mäulchen

gegangen wie ein oberschlächtiges Mühlchen, und keine fünf Minuten hatte

sie ruhig sitzen können, ohne daß sie aufgesprungen wäre, dort was zu

holen, hier was zu zeigen; und welche Freude gewährte es dann, das Mädchen

dahinhüpfen zu sehen! Ihr Gang war dann Tanz, alles war Leben, alles Grazie

und Anmut; es war, wie wenn über die ganze Gestalt ein zauberisches Lächeln

gewoben gewesen wäre, und jetzt--und jetzt!

Kalt und ernst sah sie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar

bedünken, sie setze schon an, um ihm wie sonst entgegenzuhüpfen, da mußte

sie aber wohl an den Sporenecker denken; denn sie neigte sich so

abgemessen, als wäre er ihr ganz und gar fremde; oft kam es ihm sogar vor,

als liege etwas so Wehmütiges in dem lieben Gesichtchen, das er sich nicht

anders erklären konnte, als daß es sie reue, ihn so am Narrenseil geführt

zu haben, daß sie sich schäme, so unverhofft demaskiert worden zu sein. Zu

Zeiten wünschte er sich auch den Hofrat herbei, um mit ihm über das Mädchen

und seine grenzenlose Koketterie zu sprechen.

Daß doch die Männer gewöhnlich so grausam sind und nicht sehen, was so

offen vor den Augen liegt! Sie lesen in Taschenbüchern und Romanen alle

Folgen unglücklicher, verschmähter Liebe, alle Zeichen eines gebrochenen

Herzens; sie können es sich auch in der Phantasie recht lebhaft vorstellen,

wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom Gram der Liebe gebrochenen

Herzen aussehen müsse, sie nehmen sich vor, das nicht zu vergessen; aber

wenn es drauf und dran kommt, wenn sie selbst aus Übermut oder törichter

Eifersucht ein schönes, nur für sie schlagendes Herz gekränkt, geknickt,

gebrochen haben, da merken sie es nicht, sie können sogar noch ein recht

ungläubiges Hohngelächter der Hölle aufschlagen, wenn man ihnen die stille

Träne im trüben Auge, den wehmütig ansprechenden Zug um den Mund zeigt,

wenn man sie aufmerksam macht auf die immer bleicher werdenden Wangen. "Da

wird man seine Gründe haben." lachen sie und gehen ungerührt vorüber und

denken nicht, daß man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen Herzen

sterben könne.

Die Eifersucht macht blind; nirgends schien dieser Ausspruch besser in

Erfüllung zu gehen als hier bei Martiniz und Ida.

Für ihren tränenschweren Blick, für ihren wehmütigen Ernst wußte er tausend

Gründe anzugeben, wußte sich mit wieder tausend Vermutungen zu quälen und

zu härmen; die rechten fand er nicht. Es war eine wunderbare Veränderung

vorgegangen mit diesem Mädchen in den paar Tagen. Sonst das Leben, die

Fröhlichkeit selbst, jetzt ernst und abgemessen. Die bleicheren Wangen, das

trübere Auge, das ja so deutlich von tränenvollen Nächten, von

gramerfüllten Träumen sprach, wollte niemand verstehen, am wenigsten der,

um welchen diese stillen Tränen flossen. Es war ihr oft zu Mut, als sollte

sie nur eben die heißen, ausgeweinten Augen zuschließen und sich in das

Grab legen lassen; dort, wenn die Erde so kühl um die vier Bretter und zwei

Brettchen, welche die arme Ida umschließen, sich legen werde, dort, wo sie

nicht mehr gefoltert werde von dem Anblick, wie ihr geliebter Jüngling

näher und näher, enger und enger in die Schlingen jener Sirene sich

verwickle,--dort, dachte sie, müsse es gut schlummern sein. Denn das war

ihr ja das ärgste nicht, daß sie zurückgesetzt war; nicht daß sie es war,

die er verließ, um sich dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin

anzuschließen, nicht das brach ihr das Herz. Zwar, es hatte ihr Mühe und

Tränen gekostet, bis sie es dahin gebracht hatte, daß sie nicht mit

Bitterkeit daran dachte, daß er, als kaum das Geständnis seiner Liebe über

seinen Lippen war, schon andern Sinnes sein konnte; aber sie hatte

überwunden; sie war tief in sich eingekehrt; aus den geheimnisvollen,

unergründlichen Tiefen der heiligen jungfräulichen Brust hatte sie Mut

heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, daß der, den sie liebe, einer

andern angehören könne.

Aber dagegen sträubte sich mit aller Macht ihr keusches, bräutliches Herz,

daß er _jene_, auf welche die Kinder in der Residenz mit Fingern deuteten

und sich ihre Schandtaten erzählten, daß er an _jene_ verloren gehen

sollte. Wäre er ein Mann gewesen, der frech mit ihrem armen, unerfahrenen

Herzchen gespielt hätte, sie hätte es ertragen, daß er bei der Gräfin dafür

büßen sollte; aber Emil,--ihr feiner, weiblicher Takt, der darin so weit

und so scharf sieht, sagte ihr, daß er noch ein Neuling in der Liebe sei,

daß er sein Herz frei bewahrt, bis sie ihn kennen gelernt habe, daß sie

seine erste Neigung gewesen sei; und doch--er, der so namenloses Unglück

schon erduldet hatte, auch er sollte durch dieses Weib unglücklich werden?

Ach, wie oft wünschte sie sich ihren alten Freund, den Hofrat, herbei! Ihm

hätte sie alles, alles vertraut, auch jenen Augenblick der seligen Liebe,

wo er ihr gestand, daß er sie liebe, wo er sie umschlang und an sein

pochendes Herz drückte, wo er sie mit den süßesten Schmeichelnamen der

Zärtlichkeit genannt, wo ihr Mund sich schon zum ersten heiligen Kuß der

Liebe ihm entgegengewölbt hatte. Dies _alles_ war ja längst vorüber, war

begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung, aller Sehnsucht,

die es einst erweckt hatte; aber Berner durfte es wissen, ihm hätte sie

alles gesagt und ihn dann zum warnenden Schutzgeist für den Grafen

aufgerufen.

Aber er war noch nicht zurück; darum verschloß sie ihren Schmerz in die

Seele; aber mit Angst und Zittern sah sie, wie der Graf um die Aarstein

flatterte wie die Fliege um das Licht. Alle Beispiele von den sinnlichen

Lockungen dieser Sirene, die man sich in der Residenz in die Ohren

geflüstert, fielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem unbewachten

Augenblick, hingerissen von den verführerischen Reizen der üppigen,

buhlerischen Dame Potiphar--sie errötete von dem Gedanken und preßte die

Augen zu, als sollte sie was Schreckliches sehen. Wenn etwas solches

geschah--dann war er der Gräfin und dem Satan auf ewig verschrieben.

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Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 44 / 76 题