TRAU--SCHAU--WEM?

Als Ida in das Teezimmer trat, stellte ihr der Präsident--Nein, sie hätte

mögen gerade in den Boden sinken--"Siehe da, Ida," sagte er, "ein Bekannter

von dir aus der Residenz, Herr von Sporeneck, hat uns diesen Abend mit

seinem Besuch beehrt. Nun, das wird mein Kind freuen; wenn so einer von

euch Herren in unser kleines Freilingen hereinkommt, ist es gleich ein

Jubel und ein Fest für alle Mädchen, die nur einmal in der Residenz waren;

da werden dann allemal in Gedanken alle Bälle und die kleinsten Touren noch

einmal durchgetanzt und in der Erinnerung viel getollt; ich kenne das,"

setzte der freundliche Alte hinzu, indem er sein Töchterchen in die Wange

knipp, "war auch einmal jung und kenne das." Er ging weiter und ließ den

Rittmeister vor Ida stehen.

Diese wurde bald blaß, bald rot und zitterte, als sollte sie gerade

umfallen. Dieser Mensch, den sie so schnöde abgewiesen hatte, dieser konnte

es wagen, in ihres Vaters Haus zu kommen! Sollte sie ihn nicht öffentlich

prostituieren, ihn einen impertinenten Menschen heißen und fortschicken?

Doch nein, sie wußte, wie heilig das Gastrecht ihrem Vater war, sie wollte

ihn schonen. So hing sie ihren Gedanken nach und bemerkte nicht, wie der

Rittmeister schon seit einigen Minuten neben ihr stand und an sie hin

sprach. Jetzt kam sie wieder zu sich--was mußte nur der Graf denken, wenn

sie so lange bei dem Menschen stand, mit welchem sie die Aarstein bei ihm

so verdächtig gemacht hatte! Ihre Augen suchten den Geliebten--er saß neben

der Gräfin; traulich hatte sie ihre Hand auf die seine gelegt, unverwandt

sahen beide nach ihr und dem Rittmeister herüber--die Gräfin mit höhnischer

Schadenfreude, mit triumphierendem Blick, der Graf starr und finster, als

sehe er etwas, das er gar nicht für möglich gehalten hätte.

Und so war es ihm auch; noch waren immer Zweifel in ihm aufgestiegen, ob

denn auch wirklich alles so sei, wie die Aarstein gesagt hatte, wie sein

Mißtrauen ihm zuflüsterte; zwar das Hiersein des Rittmeisters--doch er

konnte ja auch in Geschäften an das hiesige Regiment geschickt worden sein;

dann die Zumutung, ihm ein Zimmer Ida gegenüber abzutreten--nun ja, das war

allerdings stark, und der böse Geist wollte ihm zuflüstern, daß dies schon

sehr viel beweise. Aber sein besserer Sinn siegte doch wieder; das alles

bewies ja nur höchstens, daß der Rittmeister in Ida verliebt sei; von ihrer

Seite hatte er ja keinen Beweis gesehen. Aber recht Achtung wollte er geben

auf Ida; das war sein Entschluß gewesen, als er durch die hellerleuchtete

Enfilade von Präsidents Zimmern ging.

Er war heute einer der ersten und in den hohen, weiten Zimmern beinahe

niemand, den er näher kannte oder mit welchem er in ein Gespräch sich hätte

einlassen mögen. Daher ging er allein und in tiefen Gedanken durch die

Zimmer. Da tippte es ihm leise auf die Schultern. "Wenn das Ida" dachte er;

er sah sich freundlich um--es war die Gräfin. Sie verwickelte ihn bald in

ein Gespräch, aus welchem er sich nicht so bald herauswirren konnte. Das

Fatalste war, daß er dem Redegang der Gräfin Plapperinsky immer folgen

mußte, um nicht zerstreut zu erscheinen, und doch ging ihm immer der

Rittmeister und sein Logis im Kopf herum.

"Nein, aber sagen Sie selbst, Graf," fuhr sie fort, nachdem sie in einer

Pause wieder Altem geschöpft hatte, "sagen Sie selbst, kann man artiger und

aufmerksamer für seine Gäste sein als Ida? Denken Sie sich, meine Coffres

und Vachen waren schon in den obern Stock gebracht worden; es wohnt sich

dort ganz hübsch; zwar sind die Zimmer nicht so elegant eingerichtet wie

hier unten; doch Sie wissen selbst, auf Reisen macht man keine so großen

Ansprüche, besonders wenn man so schnell und unangemeldet kommt wie ich.

Ich war also schon ganz zufrieden in meinem Sinn und ließ auspacken. Da

kommt das gute, liebe Engelskind, denken Sie sich, und ruht nicht eher, bis

ich von ihrem schönen Boudoir, Schlafzimmerchen und allem hier unten Besitz

nehme, und sie selbst zieht in ihrem Edelmute hinauf in den obern Stock.

Nein, sagen Sie selbst, kann man die Gastfreundschaft weiter treiben als

die gute Ida?"

"Sehr viel, sehr viel!" preßte Emil heraus; es war ihm, als schnürte ihm

etwas die Kehle zusammen, als ob eine eiskalte Hand ihm in die Brust führe

und das warme, liebe glühende, treue Herz umdrehte und schmerzlich hin- und

herreiße. Jetzt war es ja sonnenklar, entschieden war jetzt die

fürchterliche Verstellungskunst dieser----Dirne, die so schändlich mit ihm

gespielt hatte; daß zwischen dem Logis des Rittmeisters und ihrer

ungemeinen Gefälligkeit gegen die Gräfin ein geheimer Zusammenhang

stattfand, konnte ein Blinder sehen.

Er lachte; es war das Lachen der Verzweiflung, und die ganze Hölle lachte

aus ihm heraus. "Wahrhaftig, ein großes Opfer," sagte er mit schrecklicher

Lustigkeit zu der Gräfin, "eine ungeheure Großmut, die ganz allein aus der

allerausgedehntesten _Nächsten_liebe und _Gast_freundschaft hervorgeht!".

Die Gräfin Aarstein-Satanas wußte wohl, daß sie sein Herz mit glühenden

Zangen zwickte, wußte auch nur gar zu gut, woher die Logisveränderung kam;

aber so vollständig, so schnell hatte sie sich ihren Sieg, ihren höllischen

Triumph nicht vorgestellt.

Sie hatte ja nie so recht geliebt; sie wußte daher auch nicht, daß die

stärkste, glühendste Liebe zugleich die schwächste und empfindlichste ist.

Jetzt kam auch der Rittmeister, der mit Empfehlungen an den Präsidenten

reichlich versehen war. Der Graf bebte zurück vor ihm. Dieses gierige Auge,

dieses höhnische Lächeln, diese falsche, schlaue, lauernde Miene, so ganz

ohne höhere Bedeutung, ohne edlere Züge--diesen Menschen konnte Ida lieben?

Er hätte jedem unter die Nase gelacht, der ihm so etwas vor zwei Tagen, als

er noch an die Engelsunschuld des lieben Mädchens glaubte, hätte weismachen

wollen. Er hätte jeden einen Schurken geheißen, der _dieses_ heilige,

keusche Geschöpf mit diesem Mann, in dessen Gesicht schon alle

Leidenschaften gewühlt hatten, nur im leisesten Verdacht gehabt hätte.--

Jetzt mußte er ja selbst daran glauben. Wie ein Kind ließ er sich von der

Aarstein leiten; sie zog ihn zu sich nieder, sie spielte die Verwunderte,

den Rittmeister hier zu sehen, sie ließ manche giftige Bemerkung schlüpfen

--er hörte nichts, er sah nichts; nur ein Gedanke beschäftigte ihn: er

wollte recht haarscharf acht geben, wenn sie käme, wie sie sich gegen

Sporeneck benehmen würde. Die Türe ging auf, sie kam. An der Hand des

Vaters ging ihr der Geliebte entgegen, er sah, wie sie ihr Entzücken

unterdrückte, wie Blässe und Röte auf ihrem Gesicht wechselten, wie sie

ganz versunken in Liebe dem Rittmeister zuhörte, und wie glühende Dolche

fuhr die bitterste Eifersucht durch sein Herz.--"Sehen Sie nur hin, Graf,"

flüsterte ihm die Aarstein ins Ohr, "sehen Sie nur, wie glücklich die

Leutchen dort sind! Das ist ein Erzählen, das ist eine Wonne, daß man

einander nach ein paar Wochen wieder hat. Daß sie sich nicht auf der Stelle

abherzen und küssen, ist alles!"

Dem Grafen würde grün und gelb vor den Augen.--Jetzt nahte Ida, der

Gesellschaft am Teetisch ihr Kompliment zu machen. Die Röte des Unmuts und

der Verlegenheit lag noch auf dem Gesichtchen und gab ihm einen so eigenen

Reiz, daß der Graf nur um so tiefer fühlte, wie schrecklich sich hier die

Natur vergriffen und um ein so falsches, zweideutiges Herz eine so

herrliche Gestalt gezogen. Warum sie gerade ihr, die es so gar nicht

verdiente, diese sanften Taubenaugen, dieses holde Grübchen in den Wangen,

dieses bezaubernde, huldvolle Lächeln gegeben? Sie verneigte sich gegen die

Gesellschaft; die Gräfin drohte ihr lächelnd mit dem Finger; sie errötete

von neuem. Sie mußte noch die Zuckerdose herbeiholen; sie hätte einen viel

näheren Weg gehabt, aber sie machte einen Umweg an Martiniz vorüber; er

wagte nur einen leichten Viertelsseitenblick--auf ihn war ihr strahlendes

Auge gerichtet, ihm lächelte sie, ihm flüsterte sie im Vorbeigehen kaum

hörbar zu: "Guten Abend, Freund! Warum so ernst und düster?"

Er fühlte den süßen Hauch an seiner Wange; ein solcher Gruß hätte ihn sonst

bis in den dritten Himmel erhoben, ein solches Zauberwort hätte sonst alle

Wolken von seiner Stirne gebannt und die traurigsten Falten geebnet. Heute

--er blieb starr und stumm. Nein, eine solche Erz-General-Armee-Kokette

mußte es ja auf dem weiten Erdenrund nicht geben! Ist fünf Minuten außer

sich, weil sie den alten Liebhaber wiedersieht, und um es doch mit dem

neuen nicht zu verderben, flüsterte sie ihm--nein! jetzt sprudelte das Maß

ihrer Schuld über. Der reine, wahrheitsliebende Jüngling konnte ihr

verzeihen, daß sie einem so zweideutigen Menschen, wie dieser Sporeneck

offenbar sein mußte, ihr Herz schenkte; er konnte ihr verzeihen, obgleich

es ihm das Herz brechen wollte, daß sie mit ihm ein so grundfalsches Spiel

gespielt hatte; er konnte es der schwachen weiblichen Natur beimessen, daß

sie sich, als der alte Liebhaber nahte, so ungeheure Blößen gab,--er konnte

dies alles verzeihen. Daß sie aber auch jetzt noch ihr Spiel fortspielen

wollte, daß sie Zweien auf einmal gehören wollte, nein, das ging über seine

Begriffe. Er mußte, seine Natur mochte sich dagegen sträuben, wie sie

wollte, es war ihm, als müsse er sie verachten. Aber sie hatte recht,

obgleich in einem andern Sinn. Seine Ehre forderte es, daß er nicht dasaß

wie ein armer Sünder, über welchen der Stab gebrochen wurde. Wenn auch

besiegt, durfte er nicht traurig aussehen. Er wollte, er _mußte_ lustig

sein, und sollte sein Herz dabei aus allen Wunden bluten.

Der Hohn gegen die ganze Welt, der in der Brust des Tiefgekränkten

aufstieg, gab ihm Kraft dazu. Eine Lustigkeit bemächtigte sich seiner, die

er seit Jahren nicht gekannt hatte. Er riß das Gespräch an sich, er

strahlte von Witz und Leben, daß alle weiblichen Herzen dem herrlichen

Mann, dem schönen, witzigen Grafen zuflogen. Allen galt sein Gespräch; sein

feuriges Auge schien jeder Dame etwas Schönes sagen zu wollen,

ausschließend aber galt es der Gräfin. Er wußte selbst nicht, was ihn

antrieb, ihr so sehr als möglich den Hof zu machen; aber es war ein dunkles

Gefühl in ihm, als müsse es Ida recht tief verletzen, wenn er die Gräfin so

sehr auszeichne, wenn er alle Damen für sich gewinnen wollte und ihr, ihr

allein keinen Blick, kein Lächeln gönnte, nicht einmal zu hören schien,

wenn sie hie und da ein Wörtchen mit einschlüpfen lassen wollte.

Und in der Tat erreichte er seinen Zweck voll--kommen; er hatte es

getroffen, tief bis ins innerste Leben getroffen, dieses treue Herz, das

nur für ihn, mit dem Feuer der ersten jungfräulichen Liebe nur für ihn

schlug! Ihr Blick hing an seinen Lippen; sie freute sich anfangs, daß er so

fröhlich sei, sie glaubte nicht anders, als die paar Wörtchen die sie ihm

zuflüsterte, haben ihn aus seiner finstern Laune hervorgezaubert; ihr

kleines Herzchen triumphierte. Als sie aber sah, wie er sich an alle

wandte, nur an sie nicht, wie auch nicht ein Blick der Freundin galt, wie

er nur für die Aarstein zu leben schien, als sie seinen schneidenden Hohn,

die grelle Lustigkeit, den schillernden Witz, der ihm sonst gar nicht eigen

war, bemerkte, da ahnete ihr wohl, daß ihm jetzt ein anderes Gestirn

aufgegangen sein müsse, das seinen Einfluß auf ihn übe. Und wer konnte dies

sein als die, die ihr von jeher feindlich entgegengetreten war--die

Aarstein! Der Glanz der üppigen Rose hatte ihn geblendet,--was konnte es

ihm auch ausmachen, daß er nebenbei das Veilchen zertrat? Sie klagte nicht,

sie weinte nicht; aber eine furchtbare Blässe lag auf dem holden

Engelsgesichtchen, ein wehmütiges Lächeln spielte um ihren Mund; sie sah ja

alle die leise geahnten Hoffnungen ihres Herzens; die sie, ach! nur in

einem einzigen seligen Augenblicke, recht klar sich gestanden hatte, sie

sah sie alle mit _einemmal_ versinken und--mit dem Freunde untergehen. Von

Anfang war es ihr noch, als flattere eine Art ängstlicher Eisersucht in

Gestalt einer Fledermaus durch den kaum dämmernden Morgenhimmel ihrer

Liebe. Dann aber war alles stille Nacht in ihr. Es blieb ihr nichts mehr

als ein großer Schmerz. Sie fühlte, daß sie diesen ewig, ewig in ihrem

treuen BUSEN tragen werde.

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Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 43 / 76 题