Dem Oberleutnant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner
gnädigen Frau Mama zu wohl gefallen, als daß er sich durch den
ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er überall lieber als vor
Präsidents Haus erlebt hätte, abschrecken ließ.
Im Gegenteil, wenn er recht darüber nachsann, so schien ihm die Sache
eine glücklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft
hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Mädchen gelesen, und daß aus
Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer
seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische
Dogge. Dieser war der Fuß abgefahren worden, und,--wie es mit den
Invaliden zu gehen pflegt,--der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder
geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben,
erhielt sie als Geschenk, und jetzt läuft sie auf allen Vieren so gut
als zuvor. Ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben
kann, und das alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald
in Liebe verwandelt werden. Daß sie aber Mitleiden fühle, war gar
keine Frage. War sie nicht, als er die verdammte Mähre nicht
mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster
hinausgefahren, als wollte sie durch die Tafelscheiben brechen? Hatte
sie nicht seinem Roß mit einem Jammerblick nachgesehen, der ihm
deutlich sagte, daß sie den innigsten Anteil an seiner Fatalität
nehme?
Der erste Coup war solchergestalt unglücklich und dennoch glücklich
ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte
auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den
Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingeprägt,
wie er sich dabei zu gebärden habe, und endlich schritt man an das
große Werk.
Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem
neuen Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus geführt, wo
sie sich gütlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je näher es
aber an zwölf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an;
denn Schulderoff hatte, sie wußten nicht wie, einen kapitalen Hips
bekommen, daß er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber
die Kälte draußen konnte ihn schon zur Besinnung bringen; man brach
also Schlag zwölf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem
Bierhaus, wo sie sich versammelt hatte, und fort ging es vor des
Präsidenten Haus. Da man voraussetzen konnte, daß Ida schon sanft
entschlafen sei, so werde zum ersten Stück kein Adagio gewählt,
sondern das rauschendste Fortissimo, das unter den Dragonern
_Tagwache_ oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert
Dragoner alle Morgen mit diesem Stück aus ihrem sanften
Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille setzten die
zwanzig Trompeter ihre Hörner, Posaunen und Trompeten an, der
Stabstrompeter oder--wie er sich lieber nennen ließ--Kapellmeister
winkte, und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den jüngsten
Tag anblasen, tönte die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem
einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus süßen Träumen. Diese Art
von Attention war ihr so ungewohnt, daß sie von Anfang glaubte, es
brenne irgendwo im Städtchen; als sie aber nachher deutlich einige
Walzer unterschied, so war kein Zweifel mehr, daß es eine Nachtmusik
sei, die ihr gelte.
Es war kalt; sie hüllte sich fröstelnd wieder in ihre seidene Decke
und dachte unter den lockenden Tönen nach, ob wohl Martiniz auf so
unzarte Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle. Nein, der
Unglückliche mußte ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er,
der sich in allem so zartfühlend, so sinnig bewies, er konnte nicht
diese Trompeten zu Organen wählen, um seine Empfindungen
auszudrücken; in Walzerchen und Polonaisechen, in diesem rauhtönenden
Deideldum und Schnirkeldum konnte Emil seine Liebe nicht ausdrücken.
Jetzt schwieg die Musik; sie hörte Stimmen auf der Straße.
Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Straßenlaterne
an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten
Walzer an: "Herr Bruder Schulderoff! Wo steckst du denn? Ich glaube,
die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht."
"Ach, Kameraden, mir ist so weh, so weh!" stammelte der begeisterte
Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel, und zwar
gerade der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit großer
Wahrheit spielte. "Blast, blast!" rief er dann und focht mit den
Armen in der Luft. "Blast! O wären das die schwedischen Hörner und
ging's von hier gerade ins Feld des Todes!"
"Wie der Herr Leutnant befehlen," antwortete der Stabstrompeter.
"Frisch auf, Nr. 62, die Galoppade!" Und jetzt ging der Tanz von
neuem los, daß alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die
Nachbarn sich beklagten, daß man ihre Nachtruhe störe. Ida war kein
Wörtchen des Gespräches entgangen, und sie schämte sich ordentlich,
dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der
empfehlendsten Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug
ein Uhr, als die Künstler abzogen, und von Idas Augen war aller
Schlaf gewichen. Sie warf sich hin und her; aber es wollte ihr nicht
gelingen, den mohnbekränzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise
verscheucht hatte, zurückzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder
dieses Abends und der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht
hoffen, daß sie ihm nicht gleichgültig--
Der Ball? Es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen; aber das
bewies nur, daß auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm
nicht ihr wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein? Konnte er nicht
deswegen so oft nach ihr gesehen haben?--Bei dem Souper, ja, da war
er hinter ihr gestanden, hatte, als sie anstießen auf Liebe und
Freude, tief geseufzt; aber durfte sie dies auch auf sich beziehen?
Konnte ihn, der so unglücklich schien, nicht so manches seufzen
machen?--Nachher bei dem Kotillon,--ja, er errötete, als sie ihn zum
Tanz aufzog; aber etwa nur wegen ihr? Nicht, weil sie die einzige
war, die es wagte, ihn aufzuziehen?--Heute abend, als er beim Tee
neben ihr gesessen, da hatte er oft sonderbare Winke ihr
zugeflüstert: einmal, als man ihn fragte, was ihm an der hiesigen
Gegend so anziehend sei, hatte er ihre Hand unter dem Tische gefaßt,
sie gedrückt und ihr zugeflüstert: "Ich weiß wohl, darf es aber nicht
sagen." Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl bloße
Galanterie gegen sie, als Dame des Hauses.
Schelmchen Ida wußte es wohl, was es war; aber sie belog sich selbst,
um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie lächelte
sich selbst aus über ihren Zweifel. "Nein, der Hofrat muß mir
beichten," sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, "der
muß beichten; hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf
sein ganzes Herz gegen ihn ausgeschüttet; da will ich schon erfahren,
ob er mich lie--"
Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr
Selbstgespräch; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein
süßes, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas
Weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlänglich die Schwierigkeit
dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines
andern Instruments die Gefühle in wohlgerundeten vollen Sätzen
ausdrücken sollte; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen
gehört. Es graute ihr vor diesen fließenden Läufen, wenn sie daran
dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen, runden Klänge, diese
melodischen Klagen, die den ärmlichen sechs Saiten entlockt wurden!
Wer konnte nur in Freilingen so hinreißend, so süß spielen? Sie
huschte schnell in die Pantöffelchen, zog die seidene Mantille um und
schlich sich ans Fenster; sollte Mart--
Ja, weiß Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen
waren herabgelassen; aber deutlich konnte sie den Schatten eines an
den Fenstern Auf- und Abwandelnden erspähen. Es war Martiniz; und
jetzt gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie
seine flüsternden Klagen, seine sehnenden Übergänge, die süße
Melancholie seiner Moll-Akkorde. Er schwieg, er stand--sie sah
deutlich seinen Schatten--er stand ihr gegenüber am Fenster. Ein
bedeutungsvolles Vorspiel begann. "O, wenn er auch singen könnte, wie
köstlich, wie wunderschön wäre es!" dachte Ida, hüllte sich tiefer in
ihr Mäntelchen und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll
Erwartung.--Er sang; eine tiefe, volle, klare Männerstimme trug eines
jener polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehört
hatte und die jedes fühlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre
sanften Klagen so tief ansprechen; er sang,--sie verstand kein
Silbchen von den polnischen Wörtern; aber dennoch faßte sie den Sinn
so gut als irgend eine polnische Schöne; ach, es waren ja die Töne,
die man auf der ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich
nach dem geliebten Gegenstande sehnt, die um Erwiderung fleht, die
ihren Schmerz in den flüsternden Tönen der Wehmut ausweint. Tränen
stürzten dem liebenden Mädchen aus den Augen; sie schlich sich zurück
zu ihrem einsamen Lager; Emils Töne begleiteten sie. Die
geheimnisvolle Stille der Nacht, das rätselhafte Leiden des
interessanten, unglücklichen Mannes, sein Liebe atmender Gesang, der
ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht galt, dies alles
erfüllte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war ein
unaussprechliches, aber süßes Gefühl der Wehmut und des Glückes; ja,
sie war geliebt--diese liebewarmen Töne wisperten es ihr in die
Seele--sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie
preßte ihre weichen Händchen auf das lautpochende Herz, auf die
entfesselte Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle
Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie dürren Zunder
angezündet. Verschämt, als könne er durch die finstere Nacht, durch
ihre dichten Jalousien zu ihr herübersehen, verhüllte sie das
pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, preßte die
Äuglein zu und flüsterte hinüber in die weichen Töne seiner Laute
noch ein herzliches: "Schlaf wohl!"
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