Die Leute in Freilingen sind wie überall; es vergingen keine acht
Tage, so wußte jedes Kind, daß Präsidents Ida und der reiche Pole ein
Paar seien. Die Freilinger ärgerten sich nur darüber, daß man ihnen
Sand in die Augen streuen wolle; daß die beiden Leutchen einander
vorher schon gekannt hatten, war am Tage; denn wie sollte Martiniz an
gleichem Tage mit ihr ankommen, was sollte er überhaupt in dem
obskuren Freilingen so lange tun, als weil er Ida liebte, die, Gott
weiß durch was für Kunstgriffe, den Goldfisch in ihr Netzchen gelockt
hatte? Papa-Präsident--nun, dem schwefelte man etwas Blaues vor, daß
der Herr Graf doch mit Ehren ins Haus kommen konnte; was da beim Tee
vorging, das wußte freilich jedermann, weil man hie und da so ein
paar Respektspersonen dazu einlud; aber was vormittags im Zimmer,
nachmittags im Garten, abends nach dem Tee vorging, das wußte
niemand; beten werden sie nicht mit einander, sagten die Leute; da
spricht man wohl immer von dem Hofrat Berner, der sei ja hinten und
vorn dabei, daß ja nichts Unrechtes geschehen könne; aber man wußte
ja von früher her, wie er dem Mädchen alle losen Streiche durch die
Finger sah; jetzt wird es nicht viel anders sein, da sie größer ist.
So urteilte die Welt; sie urteilte aber noch weiter: das Mädchen, die
Ida, tut jetzt so jüngferlich und so zimperlich, als wäre sie in der
Residenz eine Vestalin geworden, und vorher war sie wild,
ausgelassen, trotzig; das müßte ja ein Gott sein, der aus einer
solchen Hummel ein reputierliches Mädchen ziehen wollte. Aber in
allen Instituten ist man seit neuerer Zeit viel pfiffiger geworden;
da sagt man den Mädchen: Ihr könnt alles tun; aber haltet Maß und
treibet es fein! Daher kommt es, daß jetzt lauter Tugendspiegel aus
den Instituten kommen. Sonst kamen sie ein wenig affektiert, ein
wenig frei nach französischem Schnitt und Ton; jetzt weiß man das
ganz anders; sittsam, keusch, ehrbar, alles, was sie sein sollten,
sind sie, da fehlt sich's nicht, vollkommen, wenn man es so von der
Seite sieht. Kommt aber so ein Pole, so ein Graf Weißnichtwoher und
Baron Nirgendan, so bewahrt man den Schein, und damit holla! So
urteilten die Freilinger von dem edelsten, besten Mädchen, das in
ihren Mauern war; so urteilten sie, und wie das Böse überall
schneller um sich greift als das Gute, so wußte und glaubte schon
nach acht Tagen die ganze Stadt, was ein paar Muhmen bei einer Tasse
Kaffee ausgeheckt hatten. Auch über den harmlosen Martiniz erging das
nämliche Gericht.
Leute wie die Freilinger können nichts weniger leiden, als wenn
Menschen unter ihnen umherwandeln, von denen sie nicht alles vom A
bis zum Z wissen, woher und wohin, was sie für Pläne haben usw. Kauft
einer nicht ein Pferd oder ein Paar Ochsen oder ein paar Hufen
Landes, so ist er ein unerträglicher Geheimniskrämer, der allein das
Vorrecht haben wolle, daß die Leute nicht wissen sollen, was an ihm
ist. Dieser Pole vollends versündigte sich auf die impertinenteste
Art an Freilingen. Er schien kein Frauenzimmer zu bemerken als Ida;
und doch gab es viele, die ihm ihre Aufmerksamkeit da und dort
bezeigt hatten; er war reich, gab viel Geld aus, und doch konnte
niemand sagen, was er denn eigentlich im Städtchen zu tun habe; schon
sein ernstes, bleiches Gesicht war ihnen wie ein verschlossenes Buch,
das sie gar zu gerne durchblättert hätten. Das ist ein Bruder
Liederlich, sagten die einen, man sieht es ihm an der Farbe an, ein
Mensch ohne ein Fünkchen Lebensart; sonst würde er wenigstens seine
Tischnachbarn mit seinen näheren Verhältnissen bekannt machen, würde
auch in andere anständige Zirkel kommen als nur zu Präsidents. So
urteilten sie von Martiniz, zuckten die Achseln, wenn sie von ihm und
seinem Verhältnis zu Ida sprachen; darin waren sie aber alle
einverstanden, daß der Präsident von seinen Verhältnissen doch etwas
wissen müsse; denn er lächelte so geheimnisvoll, wenn man ihn wegen
des Fremden anbohrte.
Alt und jung kannte bald den fremden Grafen, und überall kursierte er
unter dem Namen "der Mann im Mond"; denn sein geisterhaft bleiches
Gesicht, sein Aufenthalt im Goldenen Mond hatte dem Volkswitz Anlaß
zu diesem Spottnamen gegeben, und selbst Ida, als sie es erfuhr,
nannte ihn nie anders als den "Mann im Mond".
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